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Dienst»«, 17. August 1920

fir. 189

bei

den

untr

eichenen Fuß-

Hinzu.

i

lFortjetzung folgt.)

mächtige Bu- mit Behagen

Ein tiefrot-grün und blau gemusterter außergewöhnlicher Schönheit bedeckte den baden.

Auf der Feuerstelle glommen einige

einige Nachbardörfer mit Licht versorgte. Achim Eggen- brscht hatte es vor einigen Jahren angelegt.

Im Hintergrund der Halle befand sich eine mächtige Feuerstelle mit weitausladendem Rauchfang, rings- herum liefen schwere, goldigglänzende Bänke von Bir­kenholz, und aus dem gleichen Holz war auch der große, schwere Tisch, der auf geschnitzten, über Kreuz gestellten Füßen stand und auf dem Zeitungen und Zeitschriften

ihn nun hierher schicken."

„Nein, rvenn Sie erlauben, hole ich ihn mir

Ihnen." '

„Ja, tun Sie das!"

Nun machte Mama Eggenbrecht Silvia mit übrigen Anwesenden bekannt.

„Lauter Eggenbrechts!" sagte staunend Silvia, man lachte.

Bezugspreis: Monatlich Z,öL M. ohne Zustellgebühr. In Fuida I

bet uns abgeholt 3.15 M. Anzeigenpreis: DieKleinzeile I 47 Inhrfl (Colonelmatz) öd psg„ u. 10° « Zuschlag, die Reklamezerle I ' J > 'S (Tertbreite) 1.80 ZU?., u. 10°'o Zuichlag. Bei Wiederhol. Rabatt. >

dem SB etter Hans sich jetzt gesetzt, sie flüsterten und lachten leise miteinander; ihre Gesichter waren über­leuchtet von dem Schein der Glut, und Hildes helles Haar flammte. An den Zweien blieb Silvias Blick ruhen, und der Gedanke tauchte in ihr auf, die Zwei seien dabei, ein Band zu flechten, das fürs Leben hal­ten sollte. Dann glitt ihr Blick wieder durch die Halle. Der Raum atmete Behagen. Es war ihr die Halle der liebste Raum im Schloß und ihr war zumute, als sei sie heimgekommen, als müßte nun gleich die Tür aufgehen und Achim eintreten.

Ihr Blick umschleierte sich und das sah Wolf, der am Tisch lehnend, sie still beobachtet hatte. Er fühlte halb unbewußt mit. was sie empfand, und es schien ihm, als müßte sie ihm grollen, weil nun er statt Achim hier Herr geworden war und daß sie dieses Haus, in dem sie gewiß schon eine dauernde Heimat gesehen, hatte verlasien müssen.

Wolf trat an Silvia heran, im Herzen den Wunsch, ihr alles wieder zur Verfügung zu stellen, so stark em­pfand er plötzlich für diese Frau. Dann fragte er sie mit tiefer Stimme, ob sie nicht die Zeit vor dem Tee benutzen wollte, um die Pferde zu besuchen, die alle noch da wären.

„Der Reitknecht sagte mir, Sie hätten die Pferde arg aern gehabt und jeden Morgen besucht," fügte er

Man hatte sich gesetzt, plauderte. Silvia gab Aus­kunft über den Erfolg ihrer Schweizerreise, sie sei ihrer Kleinen, die im Winter gekränkelt hatte, gut bekommen- Sie erzählte, daß die Autofahrt nach Altenwied heraus sehr hübsch war.

„Aber nun bleiben Sie doch hoffentlich bis morgen. Damit wir gleich ordentlich miteinander bekannt wer­den."

„Sann ich leider nicht, gnädige Frau . . •"

„Bitte sagen Sie doch: Tante Sophie, wie mich alle jüngeren Kusinen nennen," bat Mama Eggenbrecht. „Und warum können Sie nicht bleiben?"

„Ich muh spätestens um sechs wieder fort. Ich will zu Haufe sein, wenn meine kleine Ursel zu Bett ge­bracht wird, denn ich habe eine neue Bonne, an die das Kind noch nicht gewöhnt ist."

„Wie schade. Nun, wenigstens können Sie noch Tee mit uns trinken."

Mama Eggenbrecht klingelte, ordnete an. daß der Tee sogleich angerichtet werden sollte, und Silvia ließ ihren Blick durch den weiten, ihr so wohl bekannten Raum schweifen, in dem sie nun Gast war und nie wie­der Herrin sein konnte. _

Die Halle war eine Sehenswürdigkeit. Sowohl die Wynde, wie die Decke waren mit hellem Birkenholz ge- täfelt, das durch das Alter einen wunderbaren goldigen Glanz angenommen hatte. Von der mittleren Balkon- rofette hing an kupfernen Ketten ein schwerer Kande­laber aus Schmiedeeisen herab, in dcsien früher für riesige Kerzen bestimmten Haltern jetzt große Glüh­birnen angebracht waren. Die Herrschaft Altenwied be­saß ein eigenes kleines Elektrizitätswerk, das durch Wasserkraft getrieben wurde und auch das Dorf sowie

Die Nnflen im Korridor.

Die Freude der kerndeutschen Bevölkerung S o l d a u s, von den Polen befreit zu sein, wird durch die bange Frage getrübt: Was wird nun? Was wer­den jetyt die Bolschewisten mit uns anfangen? Die dortige Bevölkerung ist afles andere als kommunistisch. Doch, wie man bisher sieht, verhalten sich die Russen den Deutschen sehr entgegenkommend gegenüber. Man

Die englische Negierung

über ihre Polenpolittk.

Im englischen Unterhause äußerte sich gestern die Re­gierung über ihre auswärtige Politik. Zuerst sprach B o- n a r L a w. Er erklärte, daß die Regierungspolitik im Zusammenhang mit dem polnisch-russischen Kriege keine Aenderung erfahren haben. Wenn sich herausftellte, daß die russischen Friedensbedingungen an Polen unaufrichtig seien und die Unabhängigkeit Polens verletzten, würden Maßnahmen zur Verteidigung der Unabhängigkeit Polens getroffen werden. Es sei aber nicht anzunehmen, daß diese Möglichkeit eintrete. Der Premierminister habe einen Brief von Kamenew erhalten, dem dieser versichere, daß die Bedingungen nicht abgeändert werben sollten. Unter diesen Umständen werde die englische Regierung keinerlei Aktion unternehmen. Bonar Law fügte hinzu, daß es eine Frage für sich fei, wie die den Polen angebotenen Bedingungen auszulegen seien. Die Regierung wünsche die Beantwortung dieser Frage dem

Die perlen der Eggenbrechts.

14] Roman von Alexandra von Bosse.

Siebentes Kapitel.

Kusine Silvia! Dieser Ausruf Ottos wirkte wie das Einschlagen einer Bombe. Alle erhoben sich, blickten fich bestürzt an im Bewußtsein, soeben nicht sehr hübsch Don der Frau, die da plötzlich vor ihnen stand, gespro­chen zu haben. Otto eilte auf sie zu, verneigte sich tief, küßte ihr die Hand.

s „Wie reizend, gniDige Frau Kusine, daß Sie doch »och gekommen sind."

„Hoffentlich störe ich nicht," erwiderte sie befangen.

Aber schon kam Mama Eggenbrecht mit ausgestreck- *en Händen auf sie zu.

„Sehr lieb, daß Sie sich doch noch entschlossen haben, ju kommen, liebe Frau von Eggenbrecht!"

F „Ja, ich kam noch, west Frau von Ranken meinte, Man würde sonst hier annehmen, ich wollte die alte Fa- Wilienfeindschaft aufrecht erhalten," erklärte errötend Liloia. „Daran dachte ich natürlich nie, denn ich kenne ü« Wurzeln dieser Feindschaft gar nicht."

„Don unserer Seite bestand sie längst nicht mehr, liebe---darf ich gleich Kusine Silvia sa;en?"

„Ach bitte!"

Da stand plötzlich Wolf neben seiner Mutter und 0?rneigte sich.

„Gnädigste Frau . . .!"

Mit leisem Ausruf der Ueberraschung trat Silvia Einen Schritt zurück.

»Mein Gott! Sie sind . .

„Mein Sohn Wolf!" stellte Mama Eggenbrecht vor. „Und Sie sind . . .?" stammelte heiß errötend Silvia. „Derselbe, der einmal die Ehre hatte, Ihnen unbe­kannterweise einen kleinen Dienst zu leisten. Wie geht 65 meiner kleinen Freundin Ursula?"

«Zu wunderbar ist das!" rief Silvia aus und reichte khm die Hand, die er an die Lippen zog.

„Ein wunderbarer Z::fall allerdings!" sagte er, und kn seinen hellbraunen Augen flammte es auf, a's er sie °uf ihrem lieblichen Gesicht ruhen ließ.

Herr Gott, dachte er, wo habe ich denn damals meine klugen gehabt-!

Silvia strahlte, ihre schöne" blauen Augen leüch- kten.

Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Carl Schulte, u sm die Anzeigen: 3. Parzemek-Fulda. 5 Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaei Actiendruckerei in Fulda. Femivreiber Nr. 9 Teiegr.-Adreüe: Fuldaer Zeitung

„Nein, wie froh bin ich!" rief sie fast kindisch aus. „Da kann ich Ihnen Ihren hübschen Reitstock wieder­geben."

„Meinen Reitftock?"

„Sie verloren ihn, als Sie Ursula auf den Arm nahmen, ich hob ihn auf, vergaß ihn bann^ Ich werde

aufgeschichtet lagen. Alle Möbel in dem Raume waren groß und schwer, wie für Riesenmenschen bestimmt, aber bequem und meistens mit Leder gepolstert, dazwi­schen standen kleinere Tische und Hocker mit Rauch- utenfilien und zum Abstellen von Tasten ober Gläsern- " Smyrna von

chenklötze, sie sollten nicht wärmen, nur

verbreiten, und auf die Bank davor hatte Hilde mit

I mung" steht den Völkern nur zu, wenn sie beschließen. ! was den Siegern wohlgefüllt.

Gleiches Recht für alle! Das war ehemals ein ; Ideal. Jetzt wird die ungleiche Behandlung der Völker nach Gunst oder Haß als Blüte der Staais- kunst betrachtet. Dabei sprechen die Machthaber fort­während in den geschwollensten Tönen von — Ge­rechtigkeit, Freiheit, Demokratie und Frieden.

Der Widerspruch zwischen den Worten und den Taten ist nicht bloß bei den Ministern, sondern auch bei den sozialistischen Parteien des Auslanbes zu Tage getreten. Als das deutsche Volk grausam mißhandelt wurde, standen die englischen und franzö­sischen Sozialdemokraten kaltherzig oder gar hvhn- lachelnd mit den Händen in den Hosentaschen beiseite. Jetzt erst setzt eine Bewegung für Gerechtigkeit und Frieden ein. weil die kommunistischen Machthaber in Rußland von der Entente bedroht werden.

Immerhin ist auch das schon ein Ansatz zur Klä­rung der Gedanken und zur Aufbesserung der Gefühle. Die Belehrung und Bekehrung schreitet wieder nur sehr lanasam fort, und das deutsche Aschenbrödel wird noch sehr viel Geduld haben müssen, bis es zur Gleichberechtigung gelangt.

Tie deutsche Ostmark.

Der deutsche Reichs, und Staatskommiffar Freiherr •b. Gayl in Allenstein erließ am Montag eine Be« kanmmachung, wonach die inteialliierte Kommission die Verwaltung des Abstimmungsgebietes an daS Deutsche Reich und Preußen zurückgab und daher alle Reichs» und Staatsbehörden wieder in ihre Zuständigkeit zurückkehren.

Der Reichspräsident und der Reichs­kanzler richteten an die Bevölkerung der Abstim­mungsgebiete eine Kundaebung, worin sie die zur Heimat wiedcrkehrenden Volksgenossen der Abstim- mungsgebiete mit tief bewegtem Herzen willkommen heißen.'

Mit Schmerzen vermisten wir, herßt es da, an diesem Tage die Brüder, die ein harter Spruch üuL den deutschen Grenzen gebannt hat, und mit Leid ge­denken wir aller Volksgenossen, deren Sehnsucht sich heute rote immer nach der alten Heimat richtet. Auch ihnen sendet das gefesselte Deutschland heute seine Grüße. Aber durch die trüben Wo.ken, die auf Deutsch­land lagern, ist doch ein heller Lichtllrahl ge rungen: AIS Ihr Euern Willen bekundet, daß das Deutsche Reich Eure Heimat sei und bleibe, mit der ihr den Kummer teilen wolltet, wie dereinst Glück und Wohlstand, da richteten an Eurer Treue sich viele bedrückte Herzen auf. Fern liegen uns Empfindungen des Triumphes. Dazu ist uns zuviel genommen und zerschlagen. Auch soll die Stimme der Versöhnlichkeit heute nicht fehlen. Den nationalen Minderheilen insbesondere ist Schuh und Duldsamkeit in unserer Mitte sicher. - Jeder einzelne aber von Euch, der beigetragen hat zum guten Ende dieses Kampfes, darf heute getröstet die Kraft des Wortes empfinden: Der ist in tiefster Seele treu, wer die Heimat liebt, wie Du!"

hat der Stadt die eigene Verwaltung wiedergegeben und scheint sich vorerst nicht in die inneren Angelegenheiten der Deutschen einmischen zu wollen. Der Antrag der Soldauer Kommunisten aus Einführung der Sowjetverwaltung wurde von dem russischen Zivilkommissar a b g r l e h n t, da sie für die ländliche Bevölkerung nicht geeignet sei. Der russische Z:vil- kommissar erklärte, daß die Russen den polnischen Korridor bis Danzig besetzen würden, um die Einfuhr von Waffen und Munition zu verhindern. Falls Danzig selber sich neutral verhalten werde, werde es nicht besetzt werden.

Der russische Vormarsch im Korridor geht mit großer Schnelligkeit weiter mit dem Ziel Eraudenz-Thorn. Längs der Bahn nach Danzig sind die Russen bereits bis Löbau vorge- drungen.

Kamenew über Rußland und Deutschland,

Die französische wzialrsti che Zeitung .Hnrnanite* veröffentlicht eine Erklärung, die Kamenew, der russische Unterhändler in Loudon, an das Blatt richtete. Sie lautet:

Die Presse der Bankiers und Kapitalisten setzt ihren Lügenfeldzug fort In einem am 14. August im „Journal" erschienenen Artikel wird gesagt, daß trotz der Veröffentlichung der Friedens- und Wafftnstill» ftandSdedingunien, Die ich gestellt habe, die Soiojetre» gierung die Absicht habe, in diese Bedin unzen eine Klausel zugunsten Deutschlands elnzufügen, um die WesHrenze Polens zu verändern unD den Dan- zrger Korridor zu berühren. Ich erkläre:

1 Die Sowjetre gsrunz hat roeoer mit Deutsch- Ian d noch mit anderen Ländern ein Abkommen geschloffen, sei es direkt, sei es indirekt gegen Polen gerichtet.

2. Die Bedingungen für den Waffenstillstand und für die Frieüenspräliminarien enthalten nichts, was die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland oder deren Grenzen betrifft. _

8. Die Sowjetrezierung verwirft als unwürdig jeder Gedanken daran, daß ihr Steg über die polnischen Imperialisten dazu benutzt werden könnte, den Mili­tarismus in Deutschland oder in irgend einem anderen Staate zu stärken. Die soiojetregierung weist d,e Absichten deutscher Militaristen ebenjo heftig zuruck die rote der französischen.

Wir nehmen von dieser Erklärung gern Akt, ob­schon Kamenew auf den „Militarismus in Deutschland" einen Seitenhieb macht. Es gibt bei uns keinen „Militarismus" mehr; was etwa in den Kopsen einiger Kappleute noch spuckt, hat für das deutsche Bolk keine Bedeutung. Gerade die Neutralität, die Deutschland rechtzeitig erklärt und entschieden durchge- führt hat, zeugt für das Gegentell von Militarismus. Denn wenn der letztere bei uns herrschte, so kömrte er dahin drängen, daß wir im Verein mir den siegreichen Russen unser Waffenglück gegen die polnischen Quäl­geister versuchten. Das tun wir aber nicht und haben offiziell sogar den Wunsch auf Vernichtung Polens von uns gewiesen.

Für uns besonders beachtenswert ist der Satz ur Kamenews Erklärung, daß die russischen Friedensbedin- gungen nichts enthalten, „was die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland oder deren Grenzen betrifft". Seitdem die Russen bis in den sog. Korridor an der Weichsel vorgedrungen sind, wurde geflissentlich die An­sicht verbreitet, Sowjetrußland wolle uns von diesem sehr lästigen Korridor befreien. Tatsächlich ist eine solche Hilfeleistung weder angeboten noch nachgesucht worden.

Die Russen haben, auch wenn sie noch so gründlich siegen, genug damst zu tun, daß sie das Polenrsich auf eine vernünftige Ost grenze zurückführen. Die Abgrenzung gegen Deutschland im W e st e n ist keine russische Angäegenheit, und die Machthaber von Mos­kau sind so geriebene Staatsmänner, daß sie sich nicht mit Dingen belasten, die ihren eigenen Interessen in die Quere kommen könnten.

Daß namentlich im Osten bei allen Deutschgesinnten die Hoffnung größer wird, die Niederlage Polens und düs Borrücken der Rufsen würden den Versailler Ver­trag zunichte machen, das liegt nur zu sehr auf der Hand. In den ehemaligen preußischen Provinzen, die an Polen abgetreten worden sind, begrüßt man die Ruffen als Befreier, und daß man dies tut, das haben sich die Polen nicht zu guterletzt mit ihrer fanatischen Vernichtung und Ausrottung jeglichen Deutschtums zu- zuschreiben.

Man kann diese Stimmung mit zu gut verstehen, aber es wäre weder rühmlich noch klug, wenn wir m unseren Hoffnungen uns überstürzen und unser künftiges Heil abhängig machen wollten von einem ge- legenllichen Erfolg Rußlands, das doch ein unberechen­barer, unzuverlässiger Nachbar bleibt. Die Entente hat keinen Zweifel darüber gelassen, daß die zur Zeit be­stehenden Grenzen im Westen für Polen erhalten bleiben sollen. Mit Gewalt läßt sich zur Stunde eine Aenderung des Versailler Friedensvertrages doch nicht durchführen. Für die endgiltige Rege­lung unserer Ostgrenze sind die Dinge jetzt noch nicht reif, der russisch-polnische Ausgleich wird diese Frage noch nicht lösen. Die gehört in das große Kapitel der Revision der unhallbaren Bestimrmmgen von Versailles. Eine solche Revision erhoffen wir, aber nicht auf dem Wege der Gewcüt oder durch die HUfe einer fremden Macht, sondern durch friedliche Verhandlungen mit den Westmächten, wenn bei diesen der Geist der Gerechtig- keit und Verträgtichkeil zum Durchbruch gekommen sein wird.

Die freudige Begrüßung der Ruffen durch bte Deutschen im Korridor kann ein Unglück für die von den Russen besetzten Orte werden, wenn die Russen nicht m der Lage sind, sie festzuhalten. Auch könnten sich die Ruffen bei längerer Dauer der Besetzung aus willkommenen Befreiern in schlimme Herren verwan­deln. In Rußland überwiegt noch die deutschfeindliche Stimmung. Wie auch die Staatsordnung in Rußland sich entwickeln mag, Mißtrauen und Eifersucht gegen­über Deutschland, der alte panslawistische Gegensatz ge­gen die germanisch« Welt wird sich immer wieder gel­tend macken.

Also ist es gut, wenn ein deutlicher Grenzstrich ge­zogen wird zwischen der russischen und der deutschen Politik. Wir müssen alles vermeiden, was unser Ge- , schick abhängig machen könnte von dem schwankenden i Glück oder dem zweifelhaften guten Willen der russt- j scheu Sowjets,

Unterhausc zu überlaffen. Das Haus könne aber versichert sein, daß die Regierung das Land nicht zu irgend einer Kriegsoperation führen werde, ohne daß sie die entscheidende Unterstützung des ganzen Landes hinter sich hätte. ,

Namens der Unabhängigen Liberalen erklärte A s - quitt) und namens der Arbeiterpartei Clyncs, daß er über Bonar Laws Erklärung erfreut sei.

Dann sprach Ll and George. Er befaßte sich zu­nächst mit der Kritik, die am Völkerbund geübt wtrd, und erklärte, daß der Völkerbund nicht handeln könne, wenn nicht vollständige Einigkeit unter seinen Mitgliedern be­stehe. Es sei aber ganz offenkundig, daß die Alliier­ten nicht alle der gleichen Anficht über Rußland und Polen seien. Es würde seiner Ueberzeugung nach besser gewesen fein, wenn man die Frage im Völkerbund sicht im Obersten Rai besprochen hätte. Rußland habe sich aber geweigert, eine Ab­ordnung des Völkerbundes zu empfangen und feine Re­gierung habe erklärt, daß sie unter keinen Umständen eine Einmischung des Völkerbundes annehmen fömne. 3m weiteren Verlauf feiner Ausführungen sagte Lloyd George, er und seine Kollegen hätten sich ernstlich bemüht, den Frieden zustande zu bringen. Er hoffe, bald in der Lage zu fein, dem Unterhaus nähere Einzelheiten mitteilen zu können, die Regierung sei um keines Haares Brette von der Polttik abgewichen, die sie in dieser Frage eingeschla­gen habe. Eine Anfrage beantwortend sagte STonb George noch, es habe dem General W r a n g e l vollständig klar fein müssen, daß er. falls er irgend einen neuen Angriff gegen die Bolschewisten unternehme, er dies auf eigene Verantwortung tue. Für die neuen Operationen, bie er seitdem eingeleitet habe, laste alfo die Verantwor­tung aus ihm allein.

Im Oberhaus sprach Lord Curzon über den polnisch-russischen Krieg. Er erklärte, England habe nicht genügend Truppen oder Geld zur Verfügung, um sich in einen derartigen Krieg einzumischen. Die öffentliche Mei­nung in England und in anderen Ländern verlange, daß jo bald wie möglich ein gerechter und ehrenvoller Friede zustandekomme. Man habe der polnischen Regie­rung einen entsprechenden Rat gegeben, und heute mor­gen habe man auch eine Depesche vom italienischen Bun- desgenoffen erhalten, worin Italien erkläre, daß es mit diesem Rat vollständig ü b e r e i n st i m m e.

Die Aussprache läßt erkennen, daß es noch nicht gelungen ist, den wegen der Ostfrage entstandenen Riß in der Entente zu kitten. England ist gewillt, völlige Zurückhaltung zu üben von allen Kriegsmaßnahmen gegen Polen, wie es fchernr, auch von der angedrohten Blockade. Im Gegen­satz zu Frankreich will Lloyd George Verständigungs­politik mit Rußland treiben, dazu zwingt ihn einmal die Rücksicht auf Englands Weltpolitik, die in Asien durch Rußland leicht verwundbar ist,, dann der Druck der englischen Arbeiterschaft, die durch die nationale Arbeiterkonferenz angedroht bat, den Generalstreik zu erklären, wenn Polen umerstützt, Rußland irgendwie bekämpft und General Wrangel begünstigt würde. Die englischen Arbeiter schicken sich an, bestimmend in die Außenpolitik Englands einzugreifen. Lloyd George wird sie nicht beiseite schieben können. Eine Frage ist, ob das Parlament, das stark imperalistisch gesinnt und einem Krieg gegen Rußland durchaus geneigt ist, sich von Lloyd George nmstimmen lassen wird.

wtb Paris, 17. Aug. (Tel.) Das englische Parlament hat sich bis zmn 19. Oktober ver­tagt. Lloyd George hat die angskündigte große politi- fche Rede nicht gehalten, sondern sich auf Anfragen aus dem Hause damit begnügt, eine Anzahl Erklärun­gen abzugeben. Er sagte auch, daß die englische Regie­rung di eRegierung des Generals Wran­gel nicht anerkennen werde.

Tie „ethnographischen Grenzen".

Durch eine Note des Obersten Rates ist uns soeben He Ueberweisung des deutschen Landstrichs auf dem {etfy en Wsichfelufer an Polen amtlich mitgeteilt worden.

Dor einigen Tagen erst hatte Lloyd Georg« gegen* Dr den siegreichen Russen die „ethnographische" Krenzziehung als das richtige Prinzip hingestellt. Er fordert, daß Polen in feinem ethnographischen Um» junge erhalten bleibe. Das heißt: Was nach Sprache, Mte und Denkart eine nationale Gemein- ichaft bildet, soll nicht durch willkürliche Grenzstrich« duseinanber gerissen werden.

Dieser Grundsatz lautet sehr schön, aber er wird ron den Siegern leider hüt dann angewcndet, wenn er ihnen oder ihren Schützlingen zum Vorteil gereicht, ffienn wir Deutsche auf denselben Grundsatz uns prüfen wollen, dann werden wir abgewicsen. Auf demselben Blatt steht das „Selbstbestimmungsrecht", des Herr Wilson so salbungsvoll verkündet hat. Wenn deutschgesinnte Dolksteile von ihrer Selbstbestim- immg Gebrauch machen wollen, geraten sie in die ffallstricke des Versailler Friedens oder werden unter Irgend einem „höheren" Vorwand vergewaltigt.

, Im großen wie im kleinen. An der S a a t wer­dende deutschen Menschen der französischen Kohlen- gier geopfert. In Eupen und M a l m e d y macht MN die „Volksabstimmung" zu einem abscheulichen gpott auf Wahrheit und Gerechtigkeit. In Schles­wig haben untere wackeren Landsleute durch ihre bderwältigende Mehrheit zwar di« zweite Zone ge­rettet; aber die gerechte ©übgteM« für die erste Zone hat man abgelehnt, obschon eine Reihe von Ortschaften zahlenmäßig ihr Deutschtum bewiesen hatten. Den Polen sind überwiegend deutsche Bezirke in Menge zugewiesen worden. Insbesondere ist der berüchtigte „Korridor" eine schreiende Vergewaltigung des deut­schen Rechts auf national« Einigkeit und Unversehrt­heit. Die Ruffen machen den Versuch, diese Korridor­politik zu ihren Gunsten nachzuahmen, indem sie eine Eisenbahnverbindung durch Polen zur Ostsee fordern. 'Dagegen wird aber von Westen her bereite scharfer Anspruch erhoben, obschon die Ruffen nicht einen brei­ten Korridor, sondern nm die Bewegungsfreihest auf einem einzigen Bahndamm sich sichern möchten.

Der größte Frevel gegen das Naturrecht der na­tionalen Zusammengehörigkeit ist bas Verbot des An- schluffes von D e u t s ch - O e st e r r e i ch an unser Reich. In den Verträgen von Versailles und St. Ger­main wird keine Selbstbestimmung in irgend einer Form zugelassen. Die Oesterreicher, die mit uns in Sprache, Sitte und Denkart eins sind, sollen ewig von ihren Stammesgenossen getrennt bleiben. Vorsichts­halber verwehrt man iAren sogar, das Ggenschafts- mörtchen Deutsch" ihrem Staatsnamen oorzusetzen. Lloyd Georg« stellt das ethnographische Polen als unantastbares Heiligtum hin; das ethnographische Deutschland aber wird als ein verbrecherisches

' Gebilde gebrandmarkt.

Ueber die Versuche, die kerndeutschen Rhein- lande von Deutschland aözusprengen, wollen wir nicht weiter reden, da man für solche hinterlistigen Treibereien sich die „amtliche" Ableugnung gewahrt hat. Etwas schwieriger wird schon die Ableugnung her Bestrebungen auf Absprengung des deutschen Südens vom Norden; denn die Entsendung des französischen Gesandten nach München ist eine amtliche Tatsache.

Die deutsche Ethnographie wird mit Gewalt und List angetastet, während den Polen nicht bloß ihr Mnzer ethnographischer Besitzstand, sondern noch be­trächtliche Eroberungen von deutschen Landstrichen ge­währleistet wird. Prinzipien, auch wenn sie noch so feierlich verkündet «Derben, finb wie wächserne Nasen, die man balb so, bald so dreht, und die „Selbstbestim-