Fuld aerZeiiung
fir. 188.
Verantwonlich für den rebotifonellcn Teil: Carl Schürte, u für die Anzeigen: I. Par »elfer- Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actlendruckerei in Fulda- Fernsprecher Nr. 9 Telegr.-Abreffc: Fuldaer Zeitung
Montag, 16» August 1920,
Bezugspreis: Monatlich 3,00 Alk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 Alk. Anzeigenpreis: Die Kleinzeile (Colonelmast) 60 pfg., u. 10"l, Zulchlag, die Reklamezeile (Textbreite) 1.80 Alk., u. 10°'o Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.
47. Zahrg.
Dem Staatsbankerott entgegen?
Don parlamentarischer Seite wird uns geschrieben: jet Reichsfinanzminister Dr. Wirth hat wiederholt in iller Oefsentlichkeit auf die ungeheuer schwierige finanzielle Lage des Reiches hingewiesen, ohne daß seine -singenden Mahnrufe überall ein geneigtes Ohr gesunden hätten. Bei der zweiten Beratung des Ergän- zungsetats hat er abermals gewisiermaßen eine Flucht in die Oefsentlichkeit unternommen und das deutsche Volk darauf hingewiesen, daß die Entwicklung der deutschen Finanzen nachgerade katastrophal geworden ist.
So ist es in der Tat. Wenige Zahlen werden jebcm, der sich überzeugen lassen will, zu der Einficht bringen, daß es so wie bisher nicht weiter gehen kann wenn nicht das Reich dem sicheren Untergange In absehbarer Zeit ausgeliefert sein soll. Das lausende Rechnungsjahr weist einen Steuerbedarf von 30 Milliarden auf. Dazu kommen rund 20 Milliarden Fehlbeträge aus der Eisenbahn- und Postverwaltung. Zu dieser Summe jährlicher Aufwendungen von 50 Milliarden tritt schließlich noch die Entschädigung, die Deutschland dem Feindbund zu zahlen haben wird. Daß diese Entschädigung beträchtlich sein wird, darüber wird wohl niemand im Zweifel sein können. Die Frage, woher diese ungeheure Summe genommen werden soll, vermag niemand mehr zu beantworten. Die Steuerschraube ist bis zum äußersten ongezogen. Wo weitere Mittel hergenvmmen werden sollen, das ist eine ungelöste Frage, von der wir fürchten, daß sie eine unlösbare bleiben wird.
Zu diesen laufenden Lasten des Reiches, die, wenn die Entwicklung so weiter geht wie bisher, erheblich größer werden wird, treten die ungeheuren Schulden des Reichs. Im Jahre 1914 betrug die Reichsschuld 5,4 Milliarden, heute beträgt fie bereits rund 280 Milliarden und es ist der Zeitpunkt abzusehen, wo sich diese Schuld nahezu verdoppelt haben wird, sodaß das Reich sich längstens in zwei Jahren vor eine Schuldenlast von rund 500 Milliarden gestellt sehen wird. Das bedeutet allein eine Z i n- senlast von 25 Milliarden jährlich, also fast soviel, wie heute das deutsche Volk an Steuern aufbringen mß.
Trotz dieser überaus ernsten finanziellen Lage meh- ttn sich die Belastungen des Reiches fortgesetzt. Don allen Seiten werden immer wieder aufs neue Ansprüche und Forderungen an das Reich gifftellt. Wenn dem nicht Einhalt geboten wird, dann kann man sich zahlenmäßig ausrechnen, wann der Augenblick kommen muß, an dem das Reich den formellen Staats- bankerott erklären muß, so sehr alle matz- gchenden Stellen sich dagegen auch sträuben.
Wir sagen dm formellm Staatsbankerott, denn tatsächlich ist das deutsche Reich bereits läng st bankerott. Das deutsche Volk lebt schon längst aus der Konkursmasse. Wohin wir sehen, wird eine Wirtschaft getrieben, die man kaum noch anders als eine Dankerottwirtschaft bezeichnen farm. Es siegt ms fern, hier Vorwürfe zu erheben. An dieser Ent- Äcklung sind zum größten Teil die Verhältnifie und die Einsichtslosigkeit weiter Bmölkerungskreise, die eben nicht bemeistert werden können, schuld.
Gibt es noch einen Weg, dem Staats- lnnkerott des Reiches zu begegnen? Es ist selbstverständlich, daß alles, was nur m Menschenmacht steht, geschehen muß, um dieses Elend vom deutschen Volke 1 alymvenden, denn der Staatsbankerott würde die Einstellung sämtlicher Zinszahlungen durch das Reich, sämtlich« Beamtenbesoldungen, sämtlicher Rentenmd Jnvalidenbezüge bedeuten, er würde letzten Endes äleichbederttend sein mit der A u f l ö s u n g d e s R e i- ches und der Vernichtung jeglichen staatlichen Lebens
des deutschen Volkes, welches dann endgülttg zum Arbeitssklaven des internationalen Kapitals herab- sinken würde.
Es ist in dm letztm Jahren so viel von Sparsamkeit gesprochen worden. Gewiß, Sparsamkeit tut uns not, äußerste Sparsamkeit. Leider muß fest- gestellt werden, daß die Reichsbehörden und auch die Landesbehörden und nicht zuletzt auch die Gemeindebehörden das durch die Dettelarmut des deutschen Volkes dringend geforderte Maß an Sparsamkeit keineswegs innegehalten haben, aber auch sehr weite Kreise des deutschen Volkes selber haben die Mahnung zur Sparsamkeit in dm Wind geschlagen. Das dmtsche Volk in seiner großen Mehrheit ist augenscheinlich noch immer nicht über dm großen Ernst der Lage im klaren. Regierung und Parlament können aber nur dann wirksame Mittel ergreifen, die Verschlechterung der Finanzlage des Reiches aufzuhalten, wenn fie dabei von dem ganzen deutfchm Volke auf das wirksamste unterstützt werden. Geschieht das nicht, dann werden alle Mittel versagen, der Finanznot Herr zu werden.
Mit Sparsamkeit allein ist nicht alles getan. Beinahe noch dringlicher ist die Steigerung der Produkti'on, damit das deutsche Reich seinen eigenen Bedarf durch eigene Arbett decken und dabei noch einen Ueberschuß zur Ausfuhr erzielt. Das heißt mit anderen Worten, intensivstes Arbeiten jedes einzelnen, mag er sich in Staatsstellung, mag er sich in Privatstelümg als Angestellter oder Arbeiter, ober mag er sich in den freien Berufen betätigen. Die Arbeitsleistung des deutschen Volkes vor dem Kriege ist mit Recht als mustergültig anerkannt worden, aber jetzt gilt es, diese Leistung nicht nur wieder zu erreichen, sondern sie mindestens zu verdreifachen. Bis jetzt sind alle Mahnungen unerhört verklungen. Nichts hat genutzt. Sollen wir es dahin kommen lassen, daß das deutsche Volk erst durch Not und Elend zur besseren Einsicht gezwungen werden muß? Es gibt nicht wenige Vertreter dieser sogenannten Katastrophenpolittk, die auf dem Standpunkt stehen, daß das deutsche Volk nicht früher zur Besinnung kommen wird, bis es restlos den Becher des Elmds und der Not ausgetrunken hat. Die Vertreter dieser KatastrovhenpMik übersetzen dabei aber das eine, daß dabei Werte verlorm gehen werden, die beute mehr als je unersetzbar und vielleicht nie wieder einzubringen sind. Darum muß das deutsche Volk, wenn es das letzte Unglück abwendm will, und dazu ist es, wenn es dm Willen hat, nach unserer Ueber- zeuglmg auch heute noch in der Lage, alles anfbieten und seine letzten Kräfte hergeben, um die deutsche Wirtschaft und damit die Finanzen wieder allmählich auf die aste Höhe zu bringen.
Tut es das nicht, bann wird es feinen Untergangfinden.
Sine deutsche Protestnote.
Die deutsche Regierung hat den Regierungen in Paris, London und Rom eine Protestnote gegen die Ueberweisung des 50 Meter-Streifens auf dem rechten Weichselufer mit fünf Ortschaften des Kreises Marienwerder an Polen überreichen lasten. Es heißt darin:
Durch die Abstimmung im Juli ist der Wille der Bevölkerung einwandfrei zutage getreten, daß das gesamte westpreußische Gebiet Deutschland zuzusprechen ist. Das Recht der Ueberwachung und Aufsicht über den Strom hat mit der Souveränität über bie östliche Stromhälfte und das Ufer nicht das Müdeste zu tun. Es wäre ein Widersinn, die Bevölkerung eines Landesstreiffens zur Abstimmung über ihr künftiges Schicksal aufzufordern, wenn von vornherein feststehen soll, daß ihr Schicksal ohne Rücksicht auf die Abstimmung negativ eMschieden werden muß. • Dos Polen im Friedcnsoertrag zuerkannte Kontrollrecht über die Weichsel soll lediglich seine Schist- sahrtsinteressen sichern. Der ungehinderte Besitz der Häfen und Anlagen auf dem rechten Weichselufer, insbesondere
des Hafens von Kurzebrack, ist für ganz Ostpreußen eine Lebensfrage, während er für die polnische Schiffahrt nur geringe Bedeutung haben kann. Durch die vom Obersten Rat gefällte Entscheidung wird auch der Schutz gegen die Hochwasser illusorisch gemacht. Die willkürliche Ausscheidung von fünf Gemeinden und ihres Gebietes aus dem Deichverbande bietet für die Sicherheit des Gebietes unübersehbare Gefahren. Don den Polen zugewiesenen fünf Ortschaften haben bei der Abstimmung überhaupt nur zwei polnische Majoritäten ergeben. Es ist kaum glaublich, daß wegen zweier ganz kleiner Dörfer mit einigen 20 Einwohnern, die in einer rein deutschen, Gegend liegen, ein ganzer Landstreifen von seinem bisherigen natürlichen Hinterlande völlig abgeschnitten und einem fremden Staat, von dem sie durch einen breiten Fluß getrennt sind, zugeteilt worden ist. Die deutsche Regierung erhebt hiermit feierlichst Einspruch gegen die Entscheidung des Obersten Rats. Sie kann diese Entscheidung nicht anerkennen, da sie mit der Bestimmung des Friedensvertrages nicht vereinbar ist. Sie widerspricht ebenso sehr dem Selbstbestimmungsrecht der Völker wie den wirtschaftlichen und geographischen Notwendigkeiten des Landes.
Der Ring nm Warschau.
Die Einschließung von Polens Hauptstadt Warschau steht allem Anschein nach unmittelbar bevor. Bon rusiischer Seite wird behauptet, daß sogar schon in Praga, der Vorstadt Warschaus, gekämpft werde. Doch dürfte es sich höchstens um weiivorgedrungene rusiische Kavalleriekräfte handeln, die mit den Truppen der inneren Verteidigungslinie vor Warschau in Berührung gekommen sind. Auf beiden Seiten sollen zusammen etwa 600000 Mann im Kampfe stehen.
Die Russen in Solbau.
Soldau, die ehemals preußische Stadt im sogen. Korridor, wurde Frettag abend von den Russen genommen. Die russische Soldaten wurden von den Bewohnern Soldaus, die während der Beschießung in die Keller geflüchtet waren, mit lautem Jubel und Hurra als Befreier begrüßt. Alsbald erschienen auch viele schwarz-weiß-rote Fahnen in den Fenstern. Der russische Truppenführer wurde vom stellvertretenden deutschen Bürgermeister begrüßt, der polnische Bürgermeister hatte sich schon vor einigen Tagen geflüchtet. Der Bürgermeister gab seiner Freude über die Befreiung von dem unerträglichen Terror der letzten Monate Aus- dmck. Der russische Führer antwortete: „Ich gelobe, daß wir dieses alte deutsche Land nicht eher verlassen, als bis es Deutschland wieder zugesprochen wird." Die Soldaten machen durchweg einen guten und durchaus disziplinierten Eindruck. Sie sind fest in der Hand ihrer Offiziere und verfügten auch über alles Material, bas eine Armee zum Bormarsch nötig hat. Ebenso wie die Solbauer Bevölkerung sind auch bie Bewohner ber übrigen von den Russen besetzten Ortschaften g'n'cklich, baß ber Druck ber Polen von ihnen genommen fei. Die Russen gestatteten ihnen bie größte Freiheit. In Soldau wurde auf Anordnung der Ruffen ein Bürgerausschuß nach deutschem Muster gebildet, allerdings unter der Bedingung, daß kein Pole in der Stadtverwaltung sitzen dürse.
Eme Abteilung ber Russen ist alsbald mit klingendem Spiel in ber Richtung Löbau vormarschiert und hat bereits die Dahn nach Deutsch-Eylcm überschritten. Die Hcmptmarschrichtung geht gegen Thorn-Grau- d e n z - P o s e n. Strasburg und Lauterburg wurden besetzt. An der Bahn nach Thorn sind bereits russische Bortruppen erschienen.
Die Verteidigung der Polen in Soldcm war von einem französischen Major namens Testard geleitet worden, der Mitglied der Interalliierten Kommission war. Der Major soll im Laufe des Nachmittags bei den deutschen Grenzwachen erschienen sein, um sich zu ergeben. Er habe aber unter Hinweis auf seine Legiti- matton als Mitglied der Interalliierten Kommission gefordert, als Neutraler behandelt zu werden. Dieses
Verlangen sei von ber deutschen Grenzwache abgewiesen worden.
In M l a w a, dem noch auf polnischem Gebiet gelegenen Sammelpunkt zum Vormarsch gegen Soldau, fallen die Russen bereits Sozialisierungsmaßnahmen durchgefuhrt haben. Ein Ausverkauf ber Geschäfte habe ftattgefunben. Auf ben Landgütern, die von den Besitzern verlassen worden waren, soll die Ernte ausgedroschen und unter die Bauern verteilt worden sein. Dasselbe sei mit den Pferden geschehen.
Auf dem Dege nach Minsk.
Die polnische Friedensdelegation hat nach einn Warschauer Meldung am Samstag um 9 Uhr früh die russische Front überschritten. Die Abordnung besteht aus 30 Personen, der noch eine zweite, hauptsächlich aus Zeitungsberichterstattern bestehend, folgen soll. Es ist kaum anzunehmen, daß die Welt schon m allernächster Zeit etwas über diese Verhandlungen erfahren wirb, da die Sowjetregierung angesichts der militärischen Sage und des Verhallen Frankreichs keine allzugroße Ette hat.
Die englische Regierung hat die Frage der Anerkennung der Sowjetregiemng direkt mit der Friedens- frage verknüpft und folgende Bedingungen gestellt: Einstellung aller direkten und indirekten Feindseligketten, Heimbeförderung der Zivil- und Kriegsgefangenen^und Abschluß eines Abkommens zur Gutmachung von Schäden, bie englischen Privatpersonen zugefügt wurden. Die Sowjetregiemng soll diese Bedingungen angeblich angenommen haben.
Die englisch-französische Meinungsverschiedenheit.
Der Meinungsaustausch zwischen London und Paris ist noch nicht beigelegt, doch hält man die versöhnliche Lösung des Konflikts für bevorstehend. Don der Begegnung Lloyd Georges und Millerands in Boulogne scheint man abgekommen zu sein. Am heu- ftgen Montag wird Lloyd George über die neugeschaffene Lage im Unterhause Bericht erstatten. Frankreich hat mit seiner Auffaffung in Amerika einen Bundesgenossen gesunden. Don Washington wurde nämlich eine Note an Italien gesandt, in der sich Amerika gegen eine Anerkennung Sowjetrußlands erklärte, rm übrigen aber zu erkennen gab, daß es nichts mehr mit den europäischen KonfMen zu tun haben wollte. Diese Note hat Millerand dazu begeistert, gleich ein Telegramm an Wilson zu senden, in dem er nochmals seinen Sowjetrußland feindlichen Standpunkt mit besonderer Schärfe sestlegt. Nun hat ja die englische Re- gierung auch keinerlei Liebe für die Herren Lenin und Trotzki, aber die Haltung der englischen Arbeiter in dieser Frage fällt offenbar bei den Beschlüssen Lloyd Georges sehr ins Gewicht. Die englischen Arbeiter wollen überhaupt keinen wie immer gearteten Krieg, und jetzt hat ber Arbeiterkongreß in London eine Entschließung angenommen, in ber er einen Aktionsausschuß damit betraut, darüber zu wachen, bis vollständige Bürgschaften gegeben sind, daß die englischen Streitkräfte nicht dazu verwendet werden, Polen, General Wränge! ober irgendein Unternehmen zu Wasser ober zu Lande gegen Sowjetrußlanb zu unterstützen. Ferner wird bie Anerkennung ber Sowjet-Regierung und bie Aufnahme uneingetretener Handelsbeziehungen zwischen England unb Rußland verlangt. Der Aktionsausschuß wurde ermächtigt, nötigenfalls ben Streik zu proklamieren, um diese Politik durchzusetzen.
Der angebliche deutsch-russische Vertrag.
Die Pariser Ausgabe des ,New Dork Heraldft bringt die Nachricht von einem angeblich in den letzten 10 Tagen zwischen Deutschland unb Sowjet- Rußland geschlossenen militärischen, politischen und wirtschaftlichen Bündnis, das die Umstoßung des Bersarller Vertrages zum Zweck haben soll. Diese Nachricht und die bae.au geknüpften Kombinationen
Die perlen der Cggenbrechts.
13] Roman von Alexandra von Bosse.
Zwei Tanten Eggenbrecht waren noch da, unbedeu- tmde ältere Damen mit je zwei angejahrten Töchtern, und von der einen waren auch zwei Söhne erschienen, fin Referendar von Eggenbrecht, mit Schmiffen im jugendlichen Gesicht und der schon erwähnte Ulan Otto.
Die Unterhaltung kam erst in Fluß, als Sekt eingeschenkt worden, und als der Rachttsch aufgetragen war, »urde sie lebhaft. Hartmann hatte soeben erzählt, daß er für das Wohnzimmer seiner Frau eine neue Zimmereinrichtung aus England habe kommen kaffen, ganz entzückende Sachen.
„Du mußt mich in Geroldsberg besuchen, Wolf, Dir die Sachen anzusehen," fügte Liefa hinzu. Sie war sehr blond, neigte zur Fülle, liebte die Bequemlichkeit unb W sehr glücklich verheiratet. Ihr einziger Kummer bestand darin, daß ihr Mann bürgerlich war und cs mar nur ein kleiner Trost, daß er kürzlich Sommer« Heirat geworden war.
„Warum aus England?" fragte Wolf. „Es gibt doch M Deutschland Möbel genug."
„Aber nicht wie in England," erwiderte Liefa. „Du °hnst gar nicht, wie geschmackvoll . . ."
„Bekommst Du genau so geschmackvoll bei Bernhei- M?r oder irgendwelchen anderen größeren Kunstmöbel« Geschäften," unterbrach Wolf sie. „Die meisten Sachen, d'e aus England nach Deutschland exportiert werden, lind deutschen Ursprungs. Ich weiß das, weil ich viel Handelskammern zu tun gehabt habe und hinter me Kulissen gucken konnte. Ihr mußt nur teurer befahlen, wenn ihr die Sachen aus England kommen laßt. • „Du verdirbst mir den ganzen Spaß an meinen hübschen englischen Möbeln," schmollte Liesa.
. „Weil sie möglicherweise doch aus De t'chland sind, lachte Wolf.
„Tas glaube ich ganz einfach nichil" erklärte Liefa, avd Kommerzienrat Hartmann trank bedächliz seinen Mein aus und nickte.
„Ja, sie waren sehr teuer, sagte er.
Ta fiel das Wort: Ezgenbrechtiche Perlen!
Alice Eggenbrecht halte Wolf gefragt, ob b> E;gen- "eechtschsn Perlen wirklich so wunderschön wären. ' „Ich habe sie noch nicht gesehen." erwiderte Wolf.
„9a, haben sie sich denn nicht gefunden, die Egzen« ^kechtschea Perlen?" fragte daraus der Kammerherr «uter, als ihm selbst bewußt mar.:
„Gefunden schon," sagte Wolf, und nun mischte Marie sich ins Gespräch:
„Vetter Achims Wttwe hat sie unb weigert sich, sie herauszugeben."
„Woher weißt Du denn das?" fragte ganz erstaunt Wolf, der die ganze Angelegenheit bisher als Geheimnis behandelt hatte.
„Liefa erzählte es mir."
„In München spricht jeder davon," erklärte Liesa. „Man sagt/Du würdest sic wegen Unterschlagung verklagen."
„Ach Unsinn!"
„Ja, wie kommt denn die Frau dazu, die Eggen- brechtschen Perlen zu beanspruchen?!" rief ganz empört Alice aus.
Alice bekam aber für jetzt keine Antwort, denn auf einen Wink Wolfs hob Mama Eggenbrecht die Tafel auf, unb man begab sich in die Halle, wo Kaffee und fuße Schnäpse gereicht wurden. Und hier erkundigte sich Alice, die gewissermaßen sich schon cts Herrin von Aitcnwied fühlte, bei Liesa genauer nach den berühmten Perlen, die fie felbst einmal zu tragen hoffte. Diese erzählte, was sie in München darüber erfahren und was Frau von Ranken ihr noch besonders anvcrtraut hatte.
„Was, sie behauptet, ihr Mann habe sie ihr geschenkt unb noch dazu auf dem Sterbebett?!" fragte Alice. „Papa, durfte denn Better Achim die Eggenbrechtschen Perlen verschenken?" wendete sie sich darauf mit ihrer hellen Stimme an ihren Vater, der sich gerade von Wolf eine sehr gute Zigarre anbieten ließ.
„Die Perlen verschenken?" fragte er und blickte Wolf an. „Die darfst Du natürlich nicht verschenken, lieber Wolf, die sind doch Majoratserbe, soviel ich weiß."
„Natürlich sind sie das," erwiderte lachend Wolf. „Ich denke auch gar nicht daran, sie zu verchcnken, „und wenn ichs wollte, löunte ichs nicht, denn ich habe sie nicht."
Liesa erzählte nun dem Kammerherrn die Grich'chte von. den Eagenbrechetschen Perlen, alle hörten zu und allgemeine Empörung erhob sich, sogar die zwei gutmütigen alten Tanten fanden das: „Unerhört! Ganz unerhört!"
„Des sieht wirklich nach U .krfdjfagung aus " meinte Alice, „denn das Märchen von der rührenden ©ge.ie am Totenbett klingt doch höchst unwahrscheinlich."
. „Ist es auch," nickte Liesa, „wird hier kein verständiger Mensch glauben."
„Run, nun," wandte Eggenbrecht ein „ausgedacht wird sie sich die Geschichte doch nicht haben."
„Warum nicht?" sagte achselzuckend Liesa. „Sie hofft wohl, damit im Besitz der Perlen bleiben zu können."
„Als der Tochter eines Abenteurers wäre der Frau so eine Schwindelei schon zuzutrauen," bemerkte Aliee.
„Ach was! Ist ja Unsinn!" fuhr Wolf dazwischen. „Die Sache wird schon stimmen, nur mag Detter Achim dabei nicht mehr zurechnungsfähig gewesen sein. Wenn doch, so kann ihn sein Hatz gegen alles, was Eggen« brecht-Reiken heißt, dazu getrieben haben, unrechtmäßig über die Perlen zu verfügen, und nur fein rascher Tod hat ihn gehindert, das auch schriftlich zu tun."
„Sagt sie, daß er es tun wollte?"
„Wer?"
„Ra, Kusine» Silvia."
„Ja, sie sagt e. '
. „Das kann jeder Seehund sagen," kicherte Hilde und bekam dafür einen strafenden Blick von ihrer Mutter, worauf sie sich mit Detter Hans ans Fenster zurückzog.
„So sagte sie!" lächelte Aliee. „Was wirst Du denn nun tun, Wolf? Wirst Du prozessieren?"
„Selbstverständlich, wenn die Dame die Perlen nicht gutwillig herausgibt."
„Dazu bist Du sogar verpflichtet," sagte der Kam- merherr. „Die Sache wird ja kurz und für Dich jedenfalls schmerzlos verlaufen. Nur gleich recht scharf, lieber Junge, denn in solchen Dingen ..." Er brach ab und fragte dann: ^Hast Du sie denn eigentlich zu dem Familientag aufgeforbert, Wolf? Das gehörte sich doch, meine ich."
„Ist geschehen, aber sie lehnte ab, weil es sie wohl zu traurig stimmen wurde, die Räume wiederzusehen, in denen sie bis vor Jahresfrist Herrin gewesen ist."
„Sie rmrd wohl auch Angst gehabt haben, daß man ihr hier die Perlen abverlangen könnte," meinte der Referendar.
„So taktlos würde Wolf kaum gehandett haben," fagle vom Fenster her der junge Seeoffizier.
„Allerdings nicht!" bekräftigte Wolf. „Und ich hätte es gern gesehen, wenn sie gekommen wäre," fügte er hinzu.
„Warum?" fragte Liesa. „Es wäre doch unter den obwallenden Umständen peinlich gewesen. Ich meine, wenn sie Dich zwingen wird, gegen sie zu prozessieren, ist es angenehmer. Du kennst fie persönlich nicht."
„Das freilich . . . aber . . . seltsam, daß keiner von uns diese Kusine Silvia bisher kennen gelernt hat. Frau von Ranken sagt, sie wäre reizend."
„Wunderhübsch!" bestätigte Better Otto und wurde daraufhin feuerrot. Als alle ihn anblickcen, fügte er langsam hinzu „Ich habe sie nämlich kennen gelernt."
„Wo denn? Wann denn?"
„Aber Mensch, davon sagt er keinem ein Wort!"
„So ein Geheimtuer!"
So prasselte es auf Otto ein, unb er wurde noch einmal sehr rot, lachte; endlich konnte er erklären:
„Neulich stellte mich Frau von Ranken im Prinzen- theater ihr vor. Danach haben wir in den Merjahres- gehen zusammen soupiert."
„Nein foroas!"
„Unglaublich!"
„Und davon erzählt er uns nichts!"
So erklang es von allen Seiten. Dann sagte Alice mit ihrer Hellen Stimme:
„Der Otto, das ist ja prachtvoll! Soupier mit zwei lustigen Witwen auf einmal!"
Alle lachten, nur Mama Eggenbrecht blieb ernst; sie fand den Witz nicht hübsch, und Otto sagte ganz gelassen:
„Tristan unb Isolde ist ja nicht gerade was für lustige Witwen, und solche Bezeichnung paßt auch gar nicht auf sie."
„Welchen Eindruck macht sie denn auf Dich?"
Er zögerte mit der Antwort, und schnell fragte mit malitiösem Lächeln Aliee:
„Sah sie aus wie die Tochter eines Abenteurers?"
Ehe noch Otto antworten konnte, öffnete sich die Tür, Iofua trat ein und meldete in feinem schweroerständ- lichem Kauderwelsch:
„Ise Ato komm, Heer Baron, ise Läddi komm. Da- ronnin Eckenbrrecktl"
Ohne einen Befehl abzuwarten, riß er darauf bie Tür wieder auf, trat zur Seite, und eine fchlanke Frau in schwarzer Kleidung kam, an ihm vorbei, herein. Ueberrascht blickten alle sie an, keiner hatte recht ver- standen, was Josua gesagt, unb keiner, bis auf Otto, kannte sie.
Sie mochte einige Schritte ins Zimmer hinein, blieb zögernd stehen, blickte sich mit halb scheuem, halb verlegenem Lächeln um unb öffnete schon bie Sippen, etwas j Erklärendes zu sagen, als Otto auf,prang.
j „Kusine Silvia!" rief er aus.
.(Fortsetzung folgt.)