Einzelbild herunterladen
 

Samstag, 14» flugu|t 1920

Verantwortlich für den redattlonellen Teil: Carl Schütte, :: für die Anzeigen: I. Par zell er-Fulda. V-

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 8 Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung

Bezugspreis: Monatlich 3,00 M. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 Mk. Anzeigenpreis: Die Kleinzeile (Colonelmatz) 60 pfg, u. 10°« Zuschlag, die Reklamezeile (Textbreite) 1.80 Alk., u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

Die französische Ueberrafchung.

Was sich Millerand in der Anerkennung des Ge- yraig Wrangel geleistet hat, ist echt franzö- 'if ä). Eine Handlung, die imposant aussieht, viel Aus- «ung herbeiführt, aber für den angegebenen Zweck tzjne reelle Wirkung hat. Eine geballte Faust, die

Selbstbewußtsein und Stärke aussieht und ver- Mm soll.

In Sachen der Waffenhilfe für Polen hat 9Jtiöe» «n- gegenüber Lloyd George nachgegcben und auf den Truppentransport zum polnischen Kriegsschauplatz ver- Men müssen. Nun könnten ja die Pariser Kraftpoli­tiker sagen: Wenn England uns den Durchzug unserer Truppen durch Deutschland verwehrt, so wollen wir dolöaten und Kanonen nach der Krim schicken, um von Lüden her den Rusten in bte Flanke zu fallen! Zu kinem so beschwerlichen und kostspieligen Unternehmen vermögen sich die Franzosen ober nicht aufzuschwingen. git begnügen sich mit der „Anerkennung" des Gene- lC[5 Wrangel als Regenten von Südrußland. Diese papierene Ehrung des Generals Wrangel kostet nicht viel, nur etwas Porto und vielleicht Kurier- oder höch- tens Gefandtschoftsspesen. Sie erhöht auch nicht die Kampfkraft dieses Truppenteils. Aber sie macht thea­tralischen „Effekt" und bereitet dem unbequemen Lloyd George eine empfindliche Ueberrafchung. Denn die ranzösische Anerkennung Wrangels steht in denkbar chärfstem Gegensatz zp den in Hythe gemein­em getroffenen Verabredungen und zu der englischen Politik. In Hyche war beschlosten worden, zunächst die musischen Frieüensbedingungen und die Verhandlungen in Minsk abzuwarten, und es war klar, daß Lloyd George hoffte, auf Grund der Verhandlungsresultate seine Verständigungspolitik gegenüber Rußland fort- etzm zu können. Millermrd hat nun, trotzdem man ich in Hythe auf die Taktik des Abwartens geeinigt hakle, den Faden zerschnitten. Und das ge° Hah zur selben Zeit, als die englische Presse erklärte, die Friedens- und WaffensUllstandsbedingungen, die die Regierung von Mosskcm den Polen stelle, seien an­nehmbar. Als Voraussetzung dieser Bedingung hatten cher die Vertreter Räterußlands die Waffenstreckung hes Generals Wrangel bezeichnet.

Die Sache erinnert an das eigenmächtige Vorgehen der Franzosen gegen Frankfurt und den Main- gau. Die Besetzung wurde vorgenommen, ohne daß England befragt oder benachrichtigt worden war. Lloyd George ließ sein Mißfallen an dieser eigenmächtigen Friedensgefährdung deutlich erkennen, und wenn auch die Franzosen sich nicht sofort „rückwärts" konzentrierten, » mußten sie doch bald auf die Glorie von Frankfurt wieder Verzicht leisten. Die Buße für diesen Seiten- sprung war freilich sehr gelinde. In Spaa wurde so­gar dem verlorenen Sohne, der in das Vaterhaus der Entente zurückkehrte, ein Kalb geschlachtet, nämlich die Zustimmung Englands zu dem künftigen Einmarsch in das Ruhrgebiet bei jeder weiteren Versäumnis Deutsch­lands wurde protokollarisch festgelegt. Damit war dem Prestige Frankreichs reichlich Genüge getan, und dein t Tatendrange von Fach ein breites Zukunftstor offen ge- f halten. Nach diesem großen Zugeständnisse mußte na­türlich Lloyd George höchlich verwundert sein, daß die : Franzosen dennoch wieder mit einer Eigenmächtigkeit ihm einen Possen spielen.

Die V e r st i m m u n g zwischen den beiden „alliier­ten" Staatsmännern liegt offen zu Tage. Dieser Streich bildet ein Zwischenspiel in dem andauernden Ringkampf zwischen der kriegssüchtigen u. der gemäßigten Richtung m der Entente. Wir unsererseits müßen nach wie vor vorsichtig bleiben in der Einschätzung dieser häus­lichen Zwistigkeiten. Die Uneinigkeit in der Entente ist schon oft geschlichtet worden, und zwar in der Regel «ufunsere Unkosten. Ob Deutschland nicht auch wieder das englisch-französische Dersöhnungsdmer be­zahlen muß? Wer weiß, was Genf bringen wird?

Zunächst handelt es sich darum, ob die französische Geste auf die Beruhigung im O st e n störend einwirken wird. Daß General Wrangel unter der neuen fran­zösischen Titulatur den Russen gefährlicher werden könnte, als bisher, ist natürlich nicht anzunehmen. Vielleicht wird den P o l e n der Mut wieder etwas ge­hoben, da daefe Nation auch heißblütig und theatra­lisch veranlagt ist, ckso die französische Geste leicht übermäßig hoch einschätzen kann. Doch sind die mili­tärischen Erfolge der Roten Armee in Polen so durch­schlagend, daß die Notwendigkeit eines Friedensschlusses auf der von Lloyd George empfohlenen Grundlage sich doch nicht verkennen läßt. Jedenfalls werden die Machthaber in Moskau und ihre Generäle sich durch die Millerandfche Demonstration nicht aufhalten lassen.

Unangenehm ist der Zwischenfall für gewiße deut­sche Dersöhnungspolittker, die sich in den Gedanken ver­bissen Haven, Deutschland könne mit Frankreich einen neuen Freundschaftsbund schließen auf der Grundlage einer einheitlichen europäischen Festlandspolitik. Solche Einbildungen werden durch die Tatsachen immer wieder vernichtet. Frankreich ist und bleibt der Störenfried, und eine Besserung ist nicht einmal von einem Mirristenvechsel in Paris zu erwarten, son- dern erst von einem Umschwung der ftanzösischen Volks­stimmung.

Das Echo in Italien.

Die italienische Preste beurteilt das französisch-englische Zerwürfnis als außerordentlich ernst. Die offiziöse „Tri­buna" nennt den Beschluß Frankreichs besorgniserregend. Der „Mesaggero" sogt, gegenüber dieser Herausforderung Frankreichs 'durften England und Italien nicht zögern, die von der Zeitloge gebotene Verantwortung zu übernehmen. Die „Epoca" bezeichnet die Haltung Frankreichs als un- begrefflich. Sie bilde eine Folge der Angst vor Deutsch­land. Die „Jdea Nozionale" meint, das Vorgehen Frank­reichs beweise die verzweifelte Verteidigung gegenüber dem Unvermeidlichen, nämlich die Revision des Vertrages von Versailles. Der katholische „Sortiere d'Italia" schreibt: In diesem ernsten Augenblick sollte eine versöhnende Stimme Europas dringender als je zum Frieden und der Völkerversöhnung mahnen.

Ungarn.

Gegenüber den Meldungen, Ungarn wolle sich in den Polnisch-russischen Krieg einmischen, erklärt die ungarische Regierung, daß sie ihre volle Aufmerk­samkeit der Befestigung der inneren Lage zuwende und ihr der Gedanke fern liege, in die europäischen Verhältnisse mit Angriffsabsichten irgendwie einzu­greifen. ___

Die deutsche Neutralität.

Die Nachricht, daß die Sowjet-Regierung einen Funksprnch an den Außenminister Dr. SimonS ge­richtet habe, um wegen der Entwciffnung der polnischen Truppen auf deutschem Gebiet anzu­fragen, wird bestätigt. Die deutsche Regierung wird auf die Anfrage antworten und darauf Hinweisen, daß sie im Sinne ihrer strengen Neutralitäts­erklärung polnische Truppen, bte auf deutsches Gebiet übergetreten sind, bereits festgehalten und entwaffnet habe uns dies auch in Zukunft tun werde.

Die Rusten im polnischen Korridor.

Am Freitag sind die ersten russischen Patrouillen nach leichtem Gefecht in I l l o w o im Korridor einge« bnmgen. Der erste Ort des ehemals deutschen Gebiets ist damit von den Rusten besetzt. Es stehen schon wei­tere schwache russische Kräfte westlich von Mowo.

Die Polen suchen S o l d a u durch ihren Pcmzerzug zr halten, bett sie bis Jllowo vorschicken.- Da aber selbst Tanks von russischer Kavallerie genommen wur­den, weil die Polen sie beim Herammhen der tscher­kessischen Schwadronen einfach im Stich ließen, kann man das Schicksal des Panzerzuges unschwer Voraus­sagen. Die polnische Regierung ordnet an, daß alle Pferde und alles Vieh aus dem Soldausr Kreise nach

Poliiisch-Westpreußen abgeliefert werden solle, nms c je große Erregung verursacht habe. Im Soldauer Kreis verhafteten die Polen zahlreiche angesehene Persönlich­keiten und zogen sämüiche Einwohner zu Schanzarbeiten heran.

Eine neue Enlscheidungsschlachk.

Nach einer Amsterdamer Agentur-Meldung findet bet Pultusk an der Nordfront eine neue Entschei­dungsschlacht statt. Die Russen waren Donnerstag früh in die Vorstädte von Pultusk eingedrungen. Die Stadt selbst war noch im Besitz der Polen. Nach einer späteren Meldung haben die Bolschewisten inzwischen Pultusk eingenommen.

Bolschewistische Stimmung in Warschau.

Aus Warschau kommt über London die Nachricht, dah die Flucht aus der Stadt andauere, dagegen strömten tausende von Flüchtlingen aus den bedroh­ten Gebieten nach Warschau. Es mache sich eine starke bolschewistische Stimmung geltend. Die pol­nische Regierung sei sehr beunruhigt durch die Tätig­keit eines polnischen bolschewistischen Aktionsaus­schusses, an dessen Spitze Michalski steht. Dieser Ausschuß sei kürzlich in eine Regierung mit dem Sitze in Minsk umgewandelt worden. Sie werde von den Sowjeibehörden unterstützt und ihre Agen­ten reisten im besetzten polnischen Gebiet umher, um für eine rote polnische Armee zu werben.

Der neue Raub deutscheu Gebietes.

Der deutschen Regierung ist eine Note zugegangen, in der die Alliierten zu dem Abstimmungsergebnis in Ost- und Westpreußen Stellung nehmen. Aus ihrem Inhalt ist ersichtlich, daß den Polen endgültig der 50 Meter breite Streifen auf dem rechten Weichselufer, vier deutsche Ortschaften und der Hafen Kurzebrak, zugesprochen sind. Trotz der deut­schen Proteste und des Abstimmungsergebnisses ist da­durch eine Grenzlinie geschaffen worden, die jeder Ge­rechtigkeit und allen sachlichen Bedürfnissen ins Gesicht schlägt.

Ein Notschrei des Ernährungsminifters.

In einer längeren halbamtlichen Ausführung wird fest- gestellt, daß die Ablieferung des Brotgetreides außerordentlich mangelhaft ist. Es sei unbe­dingt nötig, daß das Ernährungsministerium größere Be­stände an Getreide in die Hand bekommt, um eine Re­serve zu schassen, die auch dann eine Sicherheit für die Ernährung der Bevölkerung gibt, wenn sich infolge un- vorgesehener Zwischenfälle im Laufe des Wirtschaftsjahres irgendwelche Schwierigkeiten ergeben sollten. Der Ab­bau der Zwangswirtschaft könne nur unter der Voraussetzung fort geführt werden, daß sich die Landwirt- toaff ihrerseits mit allen Kräften für eine ausreichende und regelmäßige Berforgung der Bevölkerung einfetzt. „Mit jedem Zentner Brotgetreide und Gerste," so heißt es zmn Schluß, „der bis zum Oktober abgeliefert wird, trägt der Landwirt dazu bei, die Ernährung der Bevölke­rung zu verbessern und damit Ruhe und Ordnung im Lande zu sichern."

Die christl. Bergarbeiter fordern bessere Nahrung.

Eine Betriebsratskonferenz des Gewerkschaftsver­eins christlicher Bergarbeiter faßte eine Entschließung in der es heißt:

Viele Belegschaften haben die Ueberschichten eingestellt, weil es ihnen unmöglich ist, bei unge­nügender und ungenießbarer Nahrung (besonders Brot) noch weiter Ueberschichten zu verfahren. Zum letz­ten Male fordern wir ausreichende und genügende fetthaltige Lebensmittel für die Bergarbeiter. Ver­streicht auch diese letzte Frist bis zum 28. August, ohne daß Hilfe geschaffen ist, so wird kern Bergarbeiter auch beim besten Willen noch Ueberschicht leisten können.

Vorbereitungen eines neuen Umsturzes.

Der „Bayerische Kurier", der seinerzeit die Enthüllun­gen über Generalstreikpläne der Unabhängigen brachte, die jüngst zu einem Prozeß und zu einer Verurteilung

des Hauptangeklagten zu einem Jahr Festung geführt ha­ben, bringt schon wieder Mitteilungen über neue Machen­schaften linksradikaler Kreise. Danach sind die Unabhän­gigen und Kommunisten in München mit der Bildung eines Gewerkschaftsringes beschäftigt. Die Hauptaufgabe dieser neuen Organisation ist die Einteilung bet organisierten Arbeiter nach Waffengat­tungen. Diese Organisation bildet den Grundstock einer Arbeiterarmee, welche für Mitte August bereitge­stellt werden soll, um der aus Rußland erwarteten Armee ehemaliger Kriegsgefangener in der Stärke von 20 000 Mann in Deutschland die Wege zu ebnen. Der Vorbe­reitung eines neuen Umsturzes foll auch die Errichtung von politischen Bezirkskommissaren dienen, welche die Bewohner ihres Bezirkes nach ihrer politischen Gesinnung und Betätigung zu überwachen haben und denen die Feststellung von ßebensmittellagern obliegt.

Aus dem besetzten Gebiet.

Worte statt Taten. Auf Vorstellungen des Reichs» kommrssars für das besetzte Gebiet hat die interallierte Rheinlandkommission ihre entschiedene Mißbilligung über bte Ausschreitungen ausgesprochen, die ein bei Caub in die neutrale Zone vorgestoßenes französisches Militärkommando vor mehreren Wochen am Blücher- denkmal benortgen hat.

* Denkrnalsfchändung im besetzten Gebiet. Auch in Ems haben die „Sieger" ihren Uebermut an dem Kriegerdenkmal ausgelassen. Nicht nur, daß sie die Schrift, die den in treuer Pflichterfüllung gefundenen Tod der Krieger von Siebzig meldete, gewaltsam be. schädigten. Sie haben sogar versucht, das deutsche Krie­gerdenkmal in ein französisches umzuwandeln, indem sie auf den vier Seiten des Denkmals französische Texte ein- gehauen haben. Ob die Franzosen wohl glauben, mit derartigen Denkmalsschändungen ihre Zivilisation dar- zutun? Wäre von deutscher Seite während des Krie­ges ein französisches Denkmal derart verschandelt wor­den, so hätte ein Wutschrei über die deutschen „Barba­ren" die ganze Welt durchhallt. Den „Herren des Rheins" aber ist alles erlaubt!

erankretchs Gewaltherrschaft int Saarecbiet. In einer Sitzung der Mrtalieder der Regierungskommission in Anwesenheit des Generals der Besatzungstruppen wurde beschlossen, daß künftig alle .väöe, bei denen eS sich um Propagandatätigkeit für Deutschland handelt, vor ein außerordentliches Kriegsgericht kommen sollen. Die Zuchthausmaschme ist bereits in Tätigkeit. Das außerordentliche Kriegsgericht hat an . einem Tage dreißig Urteile gefällt, zum Teil langjährige Zuchthaus» strafen. Eine Anzahl Beamter ist wegen Dienstver- Weigerung zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verur­teilt worden.

Sozialdemokratisches „Wohlwollen" gegen die Katholiken in Sachsen-Weimar.

Nach der vorläufigen Verfassung von Thüringen bil- bet jeder der früheren Freistaaien für die Uebergangs- zeit ein Kommunalverband höherer Ordnung mit dem Rechte der Selbstverwaltung. Die Volksvertretungen und Staatsregierungen der früheren Freistaaten gelten bis auf weiteres als Organe dieser Kommunalverbände.

Dieser Bestimmung zufolge tagte kürzlich der Land­tag für Sachsen-Weimar, um den Etat zu be­raten. In den Etat war auch ein Posten von 12 000 Ji zur Unterstützung der katholischen Konfes­sions-Schulen in Apolda, Eisenach, Jena, Neu­stadt a. d. £>., Weida und Weimar eingestellt. Bisher betrug die staatliche Unterstützung 2300 M jährlich', sie sollte also mit Rücksicht auf die Teucrungsverhältnisse um 9200 M erhöht werden. Der Landtag lehnte über den ganzen Betrag von 12 000 ab, so daß die KonfessionssctMlen hinfort staatlicherseits überhaupt nicht mehr unterstützt werden. Für die Be- willigung des Betrages stimmten sämtliche Iß an­wesende bürgerliche Abgeordnete, geschlossen da­gegen die 17 Sozialdemokraten beider Richtungen. Vergeblich setzen sich der Zentrums- abgeordnete Dotier, der Demokrat Polz und selbst der Deutschnationale v. Eichel-Streiben für den Regie-

Die perlen der Eggenbrechtr.

12] Roman von Alexandra von Bosse.

„Sie würden sich solchem Verdacht aussetzen, gnädige Frau, wenn Sie es auf einen Prozeß ankommen läs­sig", erklärte er kühl. „Bedenken Sie, daß in Achims Testament die Perlen überhaupt nicht erwähnt sind, °ur der Liste sind sie nicht gestrichen, und Zeugen für 'ihre Behauptung haben Sie nicht! Sie waren allein **ei dem Sterbenden, er war hilflos — gelähmt . . ."

„O, höre auf!" unterbrach ihn hier Therese, die Wte, wie Silvia zu zittern begann, aber er zuckte nur wieder die Achseln.

„Das sind Tatsachen, die schwer ins Gewicht fallen werden, darauf muß ich Frau von Eggenbrechr auf» wirksam machen. Man wird Ihre Angaben, gnädige 8rau, schon deshalb anzweifeln, weil es sich um ein Schmuckstück von so hohem Wert handelt. Man wird swsühren, daß ein Mann wie Achim Eggenbrecht, der w allen, besonders in den das Majorat betreffenden ^echlsgrundsätzeu durchaus unterrichtet war, unmöglich w der von Ihnen angegebenen Weife über einen Ge­genstand von so hohem Wert habe verfügen können."

„Aber er wollte ja sein Testament noch ändern! Er wollte auch in der Liste . . ."

„Das können Sie so erklären, aber nicht beweisen!" wsierbrach er ihre mit stockender Stimme vorgebrachte Einwendung.

Cr ist wie eine Schlange, die langsam ihr Opfer um« sieist, dachte Therese, und eine Art Spannung bemäch- fiSte sich ihrer: Wird es ihm gelingen, Silvia zur Her­ausgabe der Perlen zu bestimmen? . . .

Er stand noch immer hinter seinem Sessel, und lang- iwn glitten feine schmalen Hände mit den langen, elaftt» Wn Fingern streichelnd über das posierte Holz der i-ehne. Silvia mußte immer auf diese Hände feoen, önb es war ihr zumute, als wären es diese Hände, bi? l?uach trachteten, ihr den Schmuck zu entreißen, dessen ^esitz ihr heilig geworden war durch die Art, wie cr übergeben wurde. Und sie lenkte die Augen, um wese Hände nicht mehr zu sehen; er aber glaubte, als ™ den Kopf neigte, daß sie sich bereits anschickte nach- ^geben.

„Natürlich," sprach er weiter, „dürfen wir es so weit nicht kommen lassen, und deshalb ist es unbedingt **®tig, die Perlen unverzüglich auf einer Bank zu de- »°nieren, bis die Sachlage völlig geklärt fein wird."

Er war entschlossen, es zu erreichen, daß Silvia wo­möglich noch heute die Perlen an ihn auslieferte, und dann war das Spiel gewonnen.

Es entstand eine Pause. Branding wartete und blickte Silvia an. Sie saß zurückgelehnt und starrte vor sich hin ins Leere, als wäre sie mit ihren Gedan­ken weit fort. Therese war ganz Spannung.

Hatte er erreicht, was er wollte? . . .

Da sagte Silvia leise, und es war, als spräche sie zu sich selbst, langsam schüttelte sie dazu den Kopf:

„Ich tartn sie nicht hergeben ... ich kann mein Wort nicht brechen!"

Therese atmete auf, nickte befriedigt; es freute sie, daß Leo Branding seinen Willen nicht erreicht hatte, nur weil sie ihm die Niederlage gönnte. Er aber machte eine Bewegung der Ungeduld, verließ feinen Platz hin­ter dem Sessel und trat an den Tisch näher an Silvia heran. Leife und scharf fragte er:

„Wenn Ihnen aber bewiesen wird, daß Achim nicht bas Recht hatte, über die Perlen zu verfügen? Wenn Sie das werden einfehen müssen?"

„Auch dann nicht! Ich kann jp nicht!"

„Das ist Unsinn!" entfuhr es ihm, und Silvia erhob sich rasch, und blickte ihn stolz an.

„Herr von Branding . . .!"

„Verzeihen Sie," entschuldigte er sich, „aber wir gehen da in einer Drehe herum. Können Sie mir nicht vertrauen? Wenn Sie mir die Ehre Ihres Vertrauens schenken wollen, so bitte ich Sie — ich tue es in der Eigenschaft des Vormundes Ihres Kindes und als Achims treuer Freund — geben Sie mir heute noch die Perlen, vertrauen Sie mir den Schmuck an . . . '

„Das kann ich nicht!" unterbrach sie ihn.

„Doch, Sie können es ohne dabei auf Ihre ver­meintlichen Rechte zu verzichten. Wir können ein Schriftstück ausfteUen, in dem Sie sich Ihre endgültige I Entschließung über die Perlen noch vorbehalten, nur j muß der Schmuck . . ."

„Nein," erilärte Silvia, „ich gebe die Perlen nicht aus der Hand!" Ich habe Achim versprochen, sie nie auss der Hand zu geben, an w.en es auch feil"

j „So leh e ich alle Verantwortung für Ihr Verhal­ten ab!" sagte Branding bart, und sie neigte den Kopf.

„Natürlich trage ich allein die Verantwortung für das, was ich tue!"

Sie ftanben sich gegenüber, den kleinen Tisch zwi­schen sich und Therese beobachtete sie. Es war sehr

interessant: Silvia sah so hinreißend hübsch aus, mit den von der Erregung geröteten Wangen und dem trotzig geschlossenen Mündchen, goldig flimmerte bas hellbraune Haar übet ihrer weißen klaren Stirn. Leo Branding erschien noch bleicher als sonst, er preßte die Lippen aufeinander, er war augenscheinlich wütend auf die junge Frau da vor ihm. Wahrscheinlich würde er sie am liebsten bei den Schultern gefaßt und ge­rüttelt haben. Dabei verengerten sich feine Augen zu einem schmalen Spalt wie die eines Wolfes, der sich zum Sprunge anschickt.

Zum Fürchten sieht cr so aus, dachte Therese, aber gerade so gefiel er ihr eigentlich. Er möchte sie um­bringen vor Wut und doch liebt er sie! Ja, er liebte sie! Darüber war sie sich nun ganz klar geworden. —

Sechstes Kapitel.

Irn Schlosse zu Altenwied war Familientag anbe­raumt worden, der erste, seit der neue Majoratsherr die Herrschaft übernommen, und der erste seit vielen Iah. ren, da Achim Eggenbrecht, als der letzte feiner Linie, es nie für nötig erachtet hatte, die weitere Familie ein­mal im alten Crbschlosse zu versammeln.

Die Eggenbrechts-Reiken waren zahlreich, so wurde es eine ziemlich große Gesellschaft; die sich in dem großen Speifesaal zum Festessen niedersetzte. Von den mit dunklem Eichenholz getäfelten Wänden blickten aus schweren Rahmen die ernsten Gesichter langst oermober- ter ilitenmieber Eggenbrechts auf die festliche Gesell­schaft herab, und lautlos servierten die beiden Diener, der alte Wenzel, der schon bei Achim in Dienst geftan- den hatte, und der braune Josua.

Es lag eine Art Gedämpftheit über den Anwesen­den, was Wolfs jüngste Schwester Hilde, den Backfisch, dazu veranlaßte, ihrem Vetter Hans, dem ernsten hüv- scheu Leutnant zur See, zuzuflüstrrn:

„Mir ist so unheimlich zumute, als schwebe Vetter Achims Geist grollend über uns!"

„Unsinn!" flüsterte der junge Marineoffizier zurück.

Wolf saß am oberen Ende der Tafel und fühlte sich anscheinend ein wenig geniert durch bas Bewußtsein, Oberhaupt der Familie und Gastgeber zu fein. Zu sei­ner Rechten saß seine Mutter, eine schlanke, zarte alte

i Dame mit feinen, vornehmen Zügen, denen man es wohl ansah, daß ihr Leben nicht immer so sorglos ver­laufen war. Ihr Mann, der verstorbene Oberst von Eggenbrecht, war ein leichtlebiger Herr gewesen, der

j es nie verstanden hat, in die Scheuer zu fammeln, wes­

halb nach feinem Tode die Familie in etwas beschränk­ten Verhältnissen zurückgeblieben war. Zum Glück aber hatte eine Familienstiftung für den Sohn gesorgt, und ihm einen reichlichen Zuschuß für die erwählte Offiziers, laufbahn gewährt.

Jetzt war Mama Eggenbrecht aller Sorgen entho­ben, sie hatte Wolf veranlaßt, den Familientag anzu- beraumen und fühlte sich glücklich, an der Seite des ge­liebten Sohnes der Festtafel vorzusitzen.

Die alte Frau von Eggenbrecht wohnte zur Zeit mit ihrem jüngsten Kind, der siebzehnjährigen Hilde, in Altenwied, führte dem Sohn das Haus, und obwohl sie sehr wünschte, daß cr bald heiraten würde, so hoffte sie im Stillen doch, es mochte nicht zu bald geschehen. Anwesend waren noch Wolfs ältere verheirateten Schwestern Liesa und Marie, nebst den dazu gehörigen Ehegatten, dem Fabrikbesitzer Hartmann mit mächti­gem Bart und dem preußischen Rittmeister von Katt­weg, einem noch jugendlichen, sehr schneidig dreinblicken- den Husaren. Ferner war erschienen der Kammerherr von Eggenbrecht, ein Detter zweiten Grades, mit seiner Tochter, der schönen Alice, der Wolf in feiner aller­ersten Leutnantszeit auf Leben und Tod den Hof ge­mocht hatte. Neben ihr faß ein Vetter Otto in kleid- famer Ulanenuniform und bemühte sich augenscheinlich, die Gunst der schönen Kusine, die ihm im Alter eTroas voraus war, für sich zu gewinnen. Sie war sehr lie­benswürdig zu ihm, aber nicht mehr; denn für sie exi» stierte in diesem Raum nur Wolf, der Majoratsherr. 'Alice Eggenbrecht wünschte brennend, Herrin auf Alten- mied zu werden! 1

Kammerherr von Eggenbrecht kannte diesen Wunsch seiner Tochter und war durchaus nicht dagegen, obgleich früher die Kurmacherei des junjgen Vetters Habenichts ihn gar nicht erfreut hatte. Jetzt durfte er sogar Ernst machen. Warum nicht? Alice war zwar ein Jahr älter als Wolf, aber immer noch schön und noch immer eine der gefeiertsten Damen der Münchener Gesellschaft. Alice hatte schon mehrere sehr vorteilhafte Derbindun. gen ausgeschlagen, weil sie —das ließ sie in letzter Zeit durchblicken, und der Kammerherr versuchte, es zu glauben — auf Wolf gewartet habe.

Der Kammerherr war ein sehr vornehmer Herr, ganz Hofmann, mit äußerst gepflegtem, grauem Spitz- bart und einem Monokel im linken Auge. Er war sehr eitel, und darum versuchte cr ängstlich zu verbergen, daß er schlecht hörte und schlecht sah. Er nahm es sehr übel, wenn man es bemerkte. (Forts, folgt.)