Die perlen der Eggenbrechts.
tl] Roman von Alexandra von Söffe.
Silvia atmete schwer auf. Sie erkannte voll Unbehagen, daß Branding ihr nicht recht glaubte, dabei drang i$t, wo sie davon sprechen mußte, die Erinnerung an die ergreifende Szene am Sterbebett Achims mit er- Ichütternder Gewalt auf sie ein. Sie sah im Geist alles Weber vor sich Das große, düstere Herrenzimmer aus Sltenroieb und den auf seinem Lager hingestrxckten fier» denden Mann, besten starker Lebenswille gegen die Gewißheit des nahen Todes sich aufbäumte. Sie preßte die Hände zusammen, die aufsteigende innere Dewe- tonn zu beherrschen, und mit tonloser Stimme berich. leie sie.
„Achim ließ mich den Geld'chrank offnen Ich mußte ihm die Schatulle mit dem Schmuck bringen, darauf "ahm er die Perlen und gab sie mir. Ich mußte sie 8°r seinen Augen anlegen und ihm versprechen, sie im- "'et an mir zu tragen. Er sagte, es seien die Sagen- drechtschen Perlen, aber sie gehören ihm, und er allein habe das Recht, darüber zu verfügen."
„Wie meinte er das?"
„Er sagte, die Perlen stammten nicht von den ^aenbrcchts, sondern von ferner Urgroßmutter, einer Spanierin Erst sein Baier habe sie in die Liste des SatntFtenfdjmudes ausgenommen, aber er werde sie """der daraus streichen."
»Das hat er nicht getan!"
„Rein, er konnte es nicht mehr tu", weil . .
Silvia brach ab, zog scharf den Atem ein, und le,chi frfffe Branding die Schultern, scharf ruhte fein Blick, "ater den halbze'enkten Lidern hervor, auf dem blaß. Kwordenen Gesicht der jungen Frau.
. „Auch m feinem Testament sind die Perlen nicht er- '"ahnt," sagte er leise, und Silvia schüttelte den Stopf.
„Ich weiß. Er beabsichtigte, dem Testament noch Nachschrift anzufügen: er hatte ja, wie Sie wissen, ’W Notar bereits hinbestellt."
„Jawohl", nickte Branding „Er hatte auch um Kommen gebeten. Ich kam zu spät, auch der •tetar, das Testament blieb infolgedessen unverändert.
das, gnädige Frau, ist ausschlaggebend. Würden Perlen im Testament Ihnen als Erbe zugesprochen ">vrden sein, dann wären Sie vielleicht berechtigt ge- '""im, sie als Eigentum zu beanspruchen, wenn auch
die Dersügung durch den jetzigen Majoratsherrn Im Namen der Familie wohl mit Erfolg angefochten worden wäre. Wie die Dinge aber jetzt liegen, haben Sie gar kein Recht auf die Perlen."
„Wie schade!" rief Therese aus.
Silvia schwieg und sah vor sich nieder, nervös drehte sie an den Heiden Trauringen.
„Dars ich fragen, wie Sie die Perlen verwahrt ha- ben?" fragte Branding.
„Ich trage sie immer an mir," erwiderte sie.
„Sehr unvorsichtig!" rügte er. „Bei Verlust würden Sie für den vollen Wert haftbar gemacht werden."
Sie zuckte die Achseln.
„Ich muhte Achim versprechen, sie immer an mir zu tragen, als er sie mir schenkte."
„Nun, nach meiner Meinung kann Achim nichi mehr klaren Sinnes gewesen sein, als er bas tat,* tagte Branding mit Entschiedenheit. „Er mußte wissen, daß er das nicht durste! Es war ihm unbedingt begannt, daß ein Majoratsherr wchl das Majoratsoermögen mehren, aber daß er es nicht mindern darf."
Silvia zuckte wieder die Achseln.
„Davon verstehe ich nichts."
„Darum eriläre ich es Ihnen!" war die rasche Entgegnung Brandings und Silvia blickte aus: sie sah sehr entschloflen aus, als sie ruhig erklärte:
„Achim war damals klaren Sinnes, er wußte ganz geirau, was er tat Er wollte, daß die Perlen mir gehören sollten. Es war das sein letzter Wunsch! Die Perlenschnur fein letztes Geschenk an mich! Und im übrigen muß ich mich allein an bas halten, was Achim mir darüber gesagt hat."
„Ich würde die Perlen auch nicht so ohne weite-e, herausgeben," meinte Therese, und nun wandte Dran- ding sich an sie:
„Sei doch nicht töricht! Die Perlen sind Eigentum des ^Majorats, und Frau von Cggenbrecht muß sie ganz einfach herausgeben!"
„Nie", sagte Silvia und erhob sich und trat etwas weite» von Branding fort. Schnell erhob er sich, trat hinter feinen Stuhl und stützte die langen, jchmalen, weißen Hände auf besten Lehne.
„Also wollen Sie den Schmuck unter allen Umständen behalten?" fragte - im Tone eines Untersuchungsrichters.
„Unter allen Umständen!" erwiderte sie.
„Liegt Ihnen viel an dem kostbaren Schmuck?" fragte er mit einem Lächeln, bas sie als Beleidigung empfand, und ihre Augen blitzten, als sie stolz erwiderte:
„Absolut nichts, soweit es ein kostbarer Schmuck ist! Aber ich kann Achims letztem Wunsch nicht entgegen- handeln!"
„Dann werden Sie sich die größten Widerwärtigkeiten zuziehen!"
„Sei es!"
„Zunächst einen kostspieligen und peinlichen Prozeß, ben Sie unbedingt verlieren werden."
„So laß es darauf ankommen. Vielleicht gewinnt sie ihn," mischte Therese sich ein.
„Ausgeschlosten!" entschied Branding. „Und ein sol- cher Prozeß würde, da es sich um ein Objekt von so hohem Wen handelt, Unsummen verschlingen: das mutz ich, als Frau von Eggenbrechts Berater und als Vormund ihres Kindes, zu verhüten suchen."
„Der Prozeß würde auch ganz unnütz fein," erklärte nun ganz naiv Silvis, „denn wenn ich ihn verlieren sollte, würde ich die Perlen nicht heraüsgeben!"
„Tas ist doch kindisch!" entfuhr es Brandig, und Therese lochte amüsiert
„Liedes Kind, bann würde bei Dir gepfändet wer- den. Gerichtspersonen würden erscheinen . . ."
„So sollen sie kommen!" fiel Silvia ein. „Soll man mir doch die Perlen gewaltsam nehmen, freiwillig gebe ich sie nicht heraus — nie! Ich habe Ach:m auf das Leben meines Kindes gelobt, sie niemals herauszugeben, und nie werde ich es tun!"
Für Silvia war die Perlenangelegenheit mit dieser Erklärung abgetan, sie setzte sich auf bas kleine Sofa neben Therese und bot ihr Zigaretten an.
„Du hast heute noch gar nicht geraucht, ich vergaß," sagte sie mit dem Schein eines Lächelns, aber die Hand, die die Zigaretten an bot, zitterte leicht. Therese nahm i eine, entzündete sie und legte dann den Arm um Silvia, ; als wollte sie die Freundin ihres Schutzes versichern.
| Silvia sah entzückend aus mit den vor Erregung ge- ' röteten Wangen, und Therese bemerkte, daß dies auch 1 Leo Branding nicht entging. Noch stand er hinter
einem Sessel, seine Hände glitten langsam auf dem
polierten Holz der Lehn« auf und ab, und unter den halbg«senkten Lidern glühten seine grauen Augen wie unter der Asche glimmendes Feuer. Es lag verhaltene Leidenschaft in diesem Blick, unb Therese erschrak.
Er liebt sie! —
Nach kurzer Pause begann Branding wieder zu sprechen: er wählte sehr vorsichtig seine Worte und sprach mit gedämpfter Stimme: >
„Sie waren doch gewiß allein mit Ihrem Mann, als er Ihnen die Perlen schenkte, gnädige Frau. Sie Haden keine Zeugen, die Ihre Angaben bestätigen könnten, falls diese Angaben angezweifelt werden würden, nicht wahr?"
Silvia stutzte, blickte ihn an, sagte aber nichts und er fuhr fort:
„In dem Prozeß würden Sie den Umstand, daß Sie sich in dem Besitz der Perlen befinden, nur durch Ihre Behauptung erklären können: Aedim habe Ihnen die Perlen oefchenki. Durch nichts sonst. Sie würden keinerlei Beweise für die Wahrheit Ihrer Behauptung an- führen können, falls man Anklage gegen Sie erheben sollte, daß Sie sich in unrechtmäßiger Weile . . ."
„Sie glauben doch nicht, daß ich —" fuhr Silvia ganz entrüstet auf, und rasch unterbrach Branding sie:
„Bon mir spreche ich nicht! Ich bezweifle selbstver- standsch Ihre Anaab-n nicht, ober die Welt, liebe, gnädige Frau, die Gerichte, vor allem Ihr Prozeßgegne» wird das wahrschemstch tun."
„Wolf Eggenbrecht sicher nicht!" warf Therese ein. Branding streifte sie mit mißbilligendem Blick.
„Herr von Eggenbrecht würde als Majoratsherr einfach nur feine Schuldigkeit tun, wenn er alle Mittel anwendet, um die Perlen herauszu' ekommen, falls fein» Frau Kusine sie nicht freiwillig herauszugeben sich ent. schließt. Cs würde bas sehr peinlich für beide Teil« fein Dom Staatsanwalt könnte hier sogar Anklage auf Unterschlagung erhoben werden."
. „Um Himmels willen!" rief Therese aus, und Silvia wurde ganz rot vor Schreck.
„Man — wird doch nicht glauben, daß Ich —" stam- melte sie, „daß ich mit die Perlen eigenmächt g nahm um mich daran — daran zu bereichern?!"
Er zuckte die Achseln, ein überlegenes Lächeln umspielte feine schmalen Lippen.
^Fortsetzung folgt)
Donnerstag, 12. flugu(t 1920
sir. 185
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47. Zahrg.
Die politische Lage in Thüringen.
Der am 20. Juni gewählte Landtag Tür das xand Thüringen tagte jum erstenmal in der Zeit vom 20. bis 31. Juli in Weimar. Die Tagung, die ein hervorragender Parlamentarier ein Trmierspiel ge- rannt hat, ging aus wie das Horneberger Schießen.
Als Hauptpunkt stand die Wahl der Regie- fUng auf der Tagesordnung. Die übrigen De- ratiingsgegenftänbe waren nur von untergeordneter Bedeutung. Rach der vorläufigen Verfassung des Panties Thüringen müssen die einzelnen Mitgüeder der Regierung sämtlich vom Landtag gewählt werden, gift dieser Aufgabe haben sich die 53 Abgeordneten durch 12 Tage abgemüht, ohne zu einem Ergebnisse $a kommen. Als am 31. Juli nach einer siebenstün- ztzen Dauersitzung der Landtag sich vertagte, weil keine Aussicht auf eine Verständigung vorhanden war, ist wohl kein Abgeordneter mit frohen Gefühlen heim- . rekehrt, sondern jeder von ihnen wird wohl mit jenem ^sühl den Sitzungssaal verlassen haben, das ge- Mniglich ein begossener Pudel zu haben pflegt
Bei der Zusammensetzung des Landtags, der aus 15 Unabhängigen, 11 Mehrheitssozialisten, 4 Demokraten, 8 Volksparteilern, 11 Landbündlern und 4 Deutsch- nationalen besteht, war es für jeden politisch Denkenden von vornherein klar, daß weder eine rein sozialdemokratische noch eine rein bürgerliche Regierung mögßd) war. Es konnte nur, ähnlich wie im Reiche, eine Kompromißregierung in Frage kommen, die unter Ausschaltung der extremen Rechten und Linken sich aus Mehrheitssozialdsmokraten, Demokra- ten, Volksparteilern und Landbündlern zusammengesetzt hätte. Eine solche Regierung hätte zwar keine überwältigende, immerhin aber eine ausreichende Mehrheit von 34 Stimmen hinter sich gehabt. Diese Möglichkeit wurde durch das Vorgehen der Rechtsparteien vereitelt. Dolksparteiler, Landbünd- ler und Deutschnationale schloffen sich gleich zu Anfang der Tagung zu einer „Rechtssraktion" zusammen. Es kam darüber zu einer erregten Aussprache, bei der besonders der Landbund, der sich im Wahlkampf als .unpolitisch" bezeichnet hatte, arg zerzaust wurde. Die Cache endete damit, daß auch die Sozialdemokraten beider Richtungen sich zu einer „L i n k s f r a k t i o n" zusammentaten. Höhnisch erklärten ihre Wortführer: „Auf einen Schelm gehören anderthalb." So war es ter Taktik der Rechtsparteien gelungen, was sogar der Kapp-Putsch nicht vermocht hatte, die Mehrheitssozial- temofraien in die Arme der Unabhängigen zu treiben. Selbst in west rechtsstehenden Kreisen schüttelt man bk Köpfe darüber, daß ein sonst so kluger Politiker wie Herr von Eichel-Streiber, der Führer der Deutsch- nationalen, einen so verhängnisvollen Schritt mttge« macht hat. Au seiner Entschuldigung hört man sagen, daß er dazu von dem Führer des Landbundes Höfer (Steiningen) gedrängt worden fei. So stehen sich nun em Block der Rechten mit 23 Abgeordneten und ein 8lock der Linken mit 26 Abgeordneten gegenüber. Dazwischen pendeln die vier Demokraten, die nun »ersuchen, die Rolle des Reichstagszentrums zu spie- lm.' Sie verhandelten rechts, sie verhandelten links und geben sich, um die Wahrheit zu sagen, die größte Mühe, die Situation zu retten.
Eine Regierungsbildung mit Hilfte der Rechten scheiterte daran, daß diese die Unabhängigen von den Ministersesseln ausschließen wollte und auch den „nur" unabhängig orientierten Freiherrn von Brandenstein ols Minister scharf ablehnte. Brandenstein, der es vom preußischen Landrat zum Dolksminister in Neuß erbracht hat, ist bei den Deutschnationalen besonders deshalb wenig beliebt, weil er der Vater des „fa- mo^n" Ermächtigungsgesetzes zur Aenderung bestehender Disziplinargesetze ist.
Die Demokraten versuchten dann mit der Linken vif der Grundlage „einer maßvollen Demokratie" eine
Regierung zustande zu bringen. Die Linke stellte dabei aber einen Wunschzettel auf, der an Reichhaltigkeit und Gründlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Sie verlangten unter andern», daß die Ministerien des Kultus und der Justiz mit Unabhängigen besetzt werden sollten. Das war den Demokraten zu starker Tabak. Sie versuchten nun die beiden Blöcke zu sprengen, was aber auch nicht gelang und ihnen nur hefttge Angriffe von rechts und links zuzog.
Um überhaupt aus der Sackgaffe herauszukommen, stellten die Unabhängigen zuguterletzt den Antrag, den Landtag aufzulösen und eine Neuwahl auszuschreiben. Der Antrag wurde abgelehnt und dafür ein anderer angenommen, der den seilherigen Staatsrat ermächtigte, die Staatsgeschäfte e i n jt m e i I e n weiter zu führen.
Es wird also, wie von den Rednern fast aller Parteien festgestellt wurde, bis auf weiteres „fortgewurstelt". ©aff ein Regierungsersatz, wie es der Staatsrat nun einmal ist, nicht die Tatkraft und Initiative entwickeln kann wie eine Regierrmg die eine feste Landtagsmehrheit hinter sich hat, dürfte jedem einleuchten. Und doch hätte gerade jetzt das Land Thüringen,' bei dem noch alles im Zusammenschluß und in der Entwicklung begriffen ist, eine kraftvolle Regierung bitter nötig.
Mit Sorgen sieht deshalb die Bevölkerung der Zukunft entgegen. Die Mißstimmung, ja Entrüstung über das Verhalten der Parteien ist allgemein. Die anfängliche Begeisterung für den neuen Staat hat merklich nachgelaffen. Besonders die frört- fische Bevölkerung im südlichen und südwestlichen Thüringen, die ja schon ftüher für den Anschluß an Thüringen nicht grabe schwärmte, beginnt unruhig zu werden. So kommen Meldungen aus Meiningen und Sonneberg, die erkennen lassen, daß dort die alte Liebe zu Bayern wieder erwacht fei, und daß Art. 18 der Reichsverfaffung, der bekanntlich über die Aenderung des Gebiets von Ländern und die Neubildung von Ländern handelt, eifrig studiert wird. Das Eisenacher Oberland, dessen Bewohner ja auch fränkischen Namens sind, wird gut daran tun, diese Bewegung im Auge zu behalten.
Ob bei der Herbsttagung der Landtag eine Regierung zustande bringt, erscheint bei der Zähigkeft, mit der sich die Parteien in ihre Ideen verbissen zu haben scheinen, zweifelhaft. Es wird möglicherweise zu einer Auflösung und Neuwahl kommen. Man wird sich bann bei ben bürgerlichen Parteien wohl auch daran erinnern, daß das Zentrum m Thüringen über 8—9000 Stimmen verfügt. Hoffentlich zeigt man dann soviel Entgegenkommen, daß das Zentrum nicht Gewehr bei Fuß zu stehen braucht, sondern sich bei der Wahl beteiligen kann. Den Zentrumsorganisationen ist dringend anzuraten, die politische Arbeit bald aufzunehmen und die Bevölkerung auf- zuklären. Es darf nicht wieder vorkommen, daß Zentrumsleute, selbst Vertrauensmänner, hn Stillen für den Landbund schwärmen. Dieser hat jetzt sein wahres Gesicht gezeigt. Er ist, wie jedem Einsichtigen schon längst klar war, die „L a n b a b t e i l u n g" der Deutschnationalen. Er hat sich bei ben Landtagsverhanblungen radikaler als die „Altkonservativen" gezeigt und trägt die Hauptschuld an der Verworrenheit, die jetzt in Thüringen herrscht. In einer Zeit, wo nur die Derföhmmg der Gegensätze dem allgemeinen Wohl dienen kann, bars e,i n Zentrumsmann betn Landbund und feinen heiß- fpornigen Anhängern nicht bie Stimmcgcben.
Die russischen Bedingungen
sind so gemäfiißt, daß bie Beilegung deS Krieges sich erhoffen läßt. Rußland verlangt eine Herabsetzung der polnischen Aimee auf 50000 ober mit Einschluß de» DeneralltabeS auf 60000 Mann, so
fortige Abrüstung, Ablieferung der Waffen, Einstellung jeglicher KriegSinbustrie, Verzicht auf alle Lieferungen von Truppen und Kriegsmaterial nach Polen, itebergabe der Eisenbahnlinie WolkowijSk— Bialystok—Ercrjewo an Rußland zur Sicherstellung einer Verbindung mit der Ostsee und Ausstattung der Familien durch den Krieg geschädigter polnischer ' Bürger mit Land. AlS Gegenleistung verpflichtet sich Rußland zur Zurücknahme seiner Truppen auf die vor einigen Wochen von England vorgeschlagene Linie, die immerhin noch ein Stück über bie NamenS- grenze Polens hinanSgeht und zur Verminberung feiner an bet polnischen Front stehenden Truppen.
Den Polen werden diese Forderungen immerhin noch hart vorkommen, aber gemessen an den Bedingungen, die uns in Versailles diktiert wurden, sind sie mild. Wir Deutsche haben namentlich an zwei Punkten ein lebhaftes Interesse: an der Herabsetzung des polnischen Heeres aus 50 000 Mann, und an der Verbindung mit Rußland. Bei der Ohnmacht Deutschlands ist bas polnische Heer für uns eine noch viel größere Gefahr als für Rußland. Weder Ostpreußen noch Oberschlesien wären je vor polnischen Raubzügen sicher. Wenn die Russen diese ständige Bedrohung ausschallen, so erwerben sie sich ein Verdienst um die Ruhe in Mitteleuropa. Und auch auf die französische Politik kann es nur eine heilsam dämpfende Rückwirkung haben, wenn ihr ein Werkzeug der Verhetzung im nahen Osten aus der Hand gewunden wird. Frankreich wird anerkennen müssen: wenn Deutschland, ein Staat von 60 Millionen Menschen, fein Heer auf 100 000 Mann herabsetzen muß, dann ist ein Zugeständnis von J50 000 für Polen noch sehr generös. Im Verhältnis zu der deutschen Heeresziffer würden 20 bis 25 000 genügen. Dom deutschen Standpunkt ist auch die andere Forderung nur als berechtigt anzuerkennen, wonach Rußland die Verfügung über die Bahnlinie Wolkowis k—B ialysto k—G rajewo gefordert wird, die weiter über Lotzen nach Königsberg führt. Die Russen verlangen, daß ihnen diese Eisenbahn „zum Zwecke des Handelsaustausches von und nach der Ostsee", d. h. zum freien Verkehr mit Ostpreußen unb bem übrigen Deutschland zur Verfügung gestellt werde, lieber diesen Punkt wird wohl bei den Verhandlungen in Minsk ober in London noch viel greedet unb gestritten werden. Aber bie Russen können sich wieder auf „berühmte Muster" berufen. Die Entente hat den Polen einen ganzen großen „Korridor" zur Ostsee bewilligt, sogar unter offenbarer Vergewaltigung deutscher Bevölkerungsteile. Warum sollen nicht die Rusfen, die doch aus einen wirtschaftlichen Verkehr mit Deutschland wirklich angewiesen sind, nicht wenigstens Wegefreiheit auf einer einzelnen polnischen Bahnstrecke bekommen? Die Russen müßten ja von allen guten Geistern verlassen fein, wenn sie nicht diese günstige Gelegenheit benutz- ten, um in irgend einer Form die wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland zu sichern.
Die russischen Fordenmgen gehen über die bloßen Bedürfnisse eines Waffenstillstandes stellenweise hinaus. Aber dafür können die Russen sich ja auf das Vorbild des Waffenstillstmrdes von Compiegne berufen! Un- gewöhnllch ist bie Forderung der Landzuweisung an die Familien gefallener ober kriegsbeschädigter Polen. Sa- durch will die Sowjetregierung offenbar moralische Eroberungen machen und sich einen Stamm ergebener Anhänger in Polen sichern. Eine unabänderliche Be- dingung wird bas im übrigen kaum sein. Scheitert sie am Widerstande ber polnischen Regierung, so Hai Rußland feinen Zweck wenigstens zur Hälfte erreicht: es schafft in Polen eine Partei der Unzufriedenen, die über die russische Grenze schielt. Von dieser, durch militäri- sche Bedürfnisse nicht gerechffertigten Einmischung in in« nerpolnische Angelegenheiten abgesehen, sind die Bedin- gmtgen so gehalten, daß sie der Entente keinen gerecht- fertigten Anlaß zur Einmischung geben. Denn daß Rußland sich die Einfuhr fremder Truppen und von Kriegsbedarf verbittet, ist.selbstverstärchlich, daß es auf
Abrüstung besteht, ist wieder dem Entente-Muster nach- geblidet.
Die Frage ist nun, ob die Polen einsichttg genug sind, anzunehmen. England wird unter der Hand wohl einen Druck in diesem Sinne ausüben, Frankreich wird hetzen. Wirksame Hilfe haben die Polen aber weder von Frankreich noch von England zu erwarten, und wenn sie trief ’ 'Bedingungen ablehnen und ben Kampf fortfetzen, , hen bie Russen keinen Anlaß mehr, bie polnische bhängigkett zu schonen. Diese Erwägung wird zuletzt wohl den Ausschlag geben.
Llsyd (Searges Erklärungen im Unterhaus.
Bei der Rede Lloyd Georges im englischen Unterhause über bie Ostfragen und über die Beschlüsse von Hyche ^befanden sich u. a. Rcmentö imd Krassin auf der Tribüne. Lloyd George sprach in auffallend gemäßigtem Tone über Sowjet-Rußland. Die Sowjet-Regierung sei allerdings berechtigt, der Tatsache Rechnung zu tragen, daß die polnischen Heere den Angriff auf Rußland begonnen hoben und ebenso dürften sie der Erwägung Rechnung tragen, baß dieser Angriff trotz der alliierten Warnung an Polen unternommen wurde. Die Sowjetregierung sei ferner berechtigt, solche Sicherheiten zu fordern, wie sie sie gegen eine Wiederholung, derartige Fälle hoben müsse. Aber Rußland habe in keinem Fall bas Recht, Repressalien auszuüben oder dem unabhängigen Bestehen Polens ein Ende zu bereiten. Das einzige Ziel der Alliierten in dieser Frage ist, führte der Premierminister aus, einen Frieden auf der Grundlage der U n a b - 'höngigkeit Polens herbeizuführen. Auf der Konferenz von Hythe sind die Alliierten sich darin einig geworden, daß sie Polen mifsordern, über einen Waffenstillstand zu verhandeln und Frieden zu schließen, solange die U n» abhöngigkeit Polens anerkannt wird. Die Alliierten werden zugunsten Polens an dessen Seite treten, falls dir Sowjetregierung weitere Versuche unternimmt, die der Unabhängigkeit Polens ein Ende bereiten wurden. Eine Gefahr für den Frieden Europas würde es sein, wenn ein aggressives Sowjetrußland mit Deutschland gemeinsame Grenzen hätte. Lloyd George richtete dann einen Appell an die englische Arbeiterpartei. Es würden keine alliierten Truppen nach Polen gesandt werden, und es sei dies auch nicht notwendig, wenn die polnischen Hilfsguellen richtig organisiert und verwandt würden. 2n der Annahme, daß die . Konferenz in Minsk ergebnislos verlaufen wird, sollen für jeden Fall Maßnahmen getroffen werden, um einen wirtschaftlichen Druck auf Sowjetrußland auszuüben, damit dieses gezwungen wird, den tödlichen Ring um Polen zu lockern. Die Aktion wird in diesem Falle eine Aktion zur See oder eine internationale Aktion werden. Es sind reiche Vorräte vorhanden, um in diesem Falle nach Polen gesandt zu werden.
Die Erleichterung der Lage.
3m hohen Rat ber Entente Hai, wie die Rebe Lloyd Georges im Unterhause zeigt, bie besonnene g e in ä • ßigtieRftch 1 u n-g-dte Oberhand behauptet gegenüber den französischen Kriegstreibern. Auch die Moskauei Machthaber wollen es in ihren Friedensbed ngungen mit der klugen Mäßigung versuchen: es frönt sich nur, ob bas Rote Heer in seinem Siegesräusche plötzlich still stehen will. . _____
Angesichts ber sanften Rede von Lldhb Gsortzi können mit nur sagen: Ach, wenn doch Deutschland ebenso rücksichtsvoll und schonend behandelt worden wäre, wie jetzt Sowjet-Rußland.
Uns hat man stets, auch in Spaa noch, mit den schärfsten Gewassmaßregeln bedroht. Gegenüber ben Mssen aber versteht sich auch Lloyd George auf gutes Zureden unb geduldiges Abwarten. Sogar für den Fall der vollen Mderfrtzlichkeit droht er nicht mit den Truppen von Fach und Wilson, sondern versteigt sich höchstens zu der Drohung mit der Blockade. Auch dabei wählt er noch bie schonende Form, daß nur den Polen die „reichen Vorräte" der Entente in Aussicht gestellt werben, während von der Drangsaliening Rußlands des Sängers Höflichkeit schweigt.
Irr Genf wird sich ja zeigen, ob die mildere Tonart auch in den Verhandlungen mit Deutschland Platz greifen soll, oder ob man über dem ohnmächtigen und leicht erreichbaren Deutschland noch weiterhin bie Peitsche der Drohklouseln schwingen will.