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nr. 184.

Verantwonlich für den redattionellen Teil: Earl Schütte, ~ für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actlendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung

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47. Zahrg

Mittwoch, 11. Kugust 1920

Bezugspreis: Monatlich 3,00 M. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 M. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Eolonelmaß) 60 Ufß, u. 10°ioZuschlag, die Reklamezeile (Textbreite) 1.80 Akk., u. 10"/» Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

Interesse entspricht; aber sie wollen uns keineswegs Wohltaten erweisen. Sie treiben russische Politik, und mehr können wir von ihnen auch nicht erwarten. So osi wir in früheren Jahren auf selbstlose Freund­schaft, Liebe oder auch auf Dankbarkeit van russischer Seite gerechnet haben, ist Deutschland sedesmal bitter enttäuscht worden.

Wir erwarten von den Russen nichts weiter, als einen wirtschaftlichen Verkehr, sobald die noch bestehenden Hemmnisse beseitigt sind. Sollte eine Kortserenz über die Ostfragen zusammentrelen, so wür­den dort nur unsere Beziehungen zu Rußland, Polen und den Randstaaten in Betracht kommen. Unser Drr- hältnlb zu den W e st m ä ch t e n würden wir dort nicht zur Sprache bringen, auch wenn ein deutscher Vertreter dort Sitz und Stimme hätte. Dazu haben wir ja die besonderen Konferenzen im Westen, die mit Spoa be­gonnen haben und in Genf fortgesetzt werden sollen

Wir Hobe die Neutralität proklamiert, weil wir uns nicht in Händel cinmischen wollen, die uns_ nicht un­mittelbar in Mitleidechchast ziehen. Wir wünschen die Nichteinmischung auf Gegenseitigkeit. Unsere Nachbarn im Osten haben sich nicht einzumischen in Angelegen­heiten, die Deutschland mit den Wcstmächten zu ordnen hat.

Dabei brauchen wir freilich kein Hehl daraus zu machen, daß wir von den Erfahrungen, die jetzt im Osten gemacht werden, eine heilsame Einwir­kung auf die Politik der Entente erhoffen. Das ist keine Spekulation auf russische Hilfe, sondern einfach der Hinweis auf die erzieherische Wirkung--er Tat­sachen.

Durch die Erfahrungen im Osten wird die französi­sche Haß- und Vermchtungspolitik weiter zurückgedrängt werden, trotz aller Hetzartikel über Deutschland, das an allem liebel schuld sein soll. Die Entente lernt, den tatsächlichen Verhältnissen imd de^ Lebensbedingungen der Völker Rechnung zu tragen, und das kann uns mir erwünscht sein, denn Deutschlands Heil hängt von dem Erwachen der gesunden Vernunft ab.

Blockade, aber keine militärische Hilfeleistung.

Die Konferenz in Hhtb e ist zu Ende gegangen, ohne daß wie bisher üblich eine amtliche Havas- obet Reuternoke über ihre Beschlüsse unterrichtet hätte. Man erfährt aber, daß es zu einer lebhaften Auseinandersetzung zwischen Lloyd George und Millerand gekommen ist. Der Plan einer großen militärischen Expedition ist aufgegeben. Selbst der Marschall Fach soll zugegeben haben, daß angesichts der militärischen Lage Polens eine aus­gedehnte Operation gegen Rußland notwendig wäre, die einen großen Aufwand an Truppen und Material erfordern würde. Millerand hat ieinerieitS aner­kennen muffen, daß angesicht des Widerstandes der Arbeiterwelt ein Feldzug gegen Rußland in den Ländern der Entente selbst auf innere Schwierigkei­ten stoßen dürste.

Im englischen Unterhaus bat Lloyd George nach der Rückkehr bon Hythe Erklärungen über die polnüche Krise abgegeben, in der er bestätigte, daß alliierte Truppen nicht nach Rußland geschickt werden würden. Falls die Derhandlungen in Minsk ergeb­nislos verlaufen würden, werden wir wirt- schaftlicherDruck auf Rußland auSüben. Noch Pariser Meldungen ist von französischer Seite die Verantwortung für den Erfolg dieser Maßregel den Engländern überlasten worden. Millerand sei der Meinung, daß eine Seeblockade die Sowjetregierung im Inneren Rußlands nur moralisch stärken würde.

Weiteren französischen Meldungen zufolge soll tn Hyche in militärischer Beziehung immerhin beschlossen worden sein, um jeden Preis den freien Verkehr zwischen Danzig uflb Warschau zu sichern. Un­terdessen haben aber die russischen Truppen bereits diese Verkehrslinie erreicht, der Verkehr ist unter­brochen und die Stadt War ich an selbst befindet sich in Tragweite der russischen Geschütze. Üner

diesen Umständen bleibt den Regierungen ber En­tente nichts anderes übrig, als im Bewußtsein dieser Tatsache das Ergebnis der Verhandlungen tn Minsk abzuwarten.

Unietbinbnng des Dahnverkehrs zwischen Danzig und Polen.

Die Russen haben den westpreußischenKorridor* erreicht, bei Mlawa und Zjechanow die Bahn Warschau-Mlawa-Danzig besetzt und gehen in Richtung Thorn weiter vorwärts, um dort die andere Eisen­bahnverbindung zwischen Danzig und Warschau über Bromberg und Thorn zu u n t e r b i n b e n. Zu die- fern Zwecke wurde der russische Nordflügel durch neue Truppen außerordentlich verstärkt. Der polnische Nordflügel, der ,an großem Munitionsmangel leidet, befindet sich in völliger Auflösung. Zwischen Ostrolenka und dem Bug brachen die Polen eine große Schlacht ab, nachdem ihr kurzer Widerstand bei Nostrow gebrochen war. Auch auf der Süd- front, wo die Polen sich noch am besten gehalten hatten, scheint ihr Rückzug haltlos zu werden.

Der polnische Heeresbericht meldet, daß die Bol­schewisten Siechanow genommen haben, lytb da­durch eine der beiden Eisenbahnlinien von Danzig nach Warschau abgeschnitten ha­ben.

Rußland und seine Nachbarstaaten.

Es sind Abmachungen zwischen Jugoslawien, Oesterreich und ber Tschecho-Slowakei getroffen wor­den, auf keinen Fall an einem Kriege gegen Rußland teilzunehmen. Auch Rumänien lehnt jede Beteiligung ab. Polenfreundlich ist von den Nachbarstaaten Ruß- lands lediglich Ungarn. Sn Warschau ist eine Abord- nung des ungarischen Parlaments eingetroffen, die versicherte, daß die ungarische Nation bereit sei, Polen zu Hilfe zu kommen. Ungarn könne zehntausende Männer Polen zur Hilfe senden, außerdem Munition, Getreide und Lazarette.

Nordamerika gegen Polen.

Aus Washington wird gemeldet, daß die Regierung der Bereinigten Staaten Partei gegen Polen genom­men hat. Die Haltung Rußlands wird mit der Amerikas im Jahre 1776 verglichen und wird als die einer berechtigten Verteidigung bezeichnet. Ob man die Armeen rote, bolschewistische oder sonstwie neune, fei ganz gleich; es seien russische Armeen, die, beseelt' von Patriotismus und Vaterlandsliebe, für ihre Heimat kämpfen.

Der Neichswrrtschaftsrat

..über die Wirtschaftskrise.

Mit einer gemeinsamen Tagung des wirtschafts­politischen und des sozialpolitischen Ausschusses hat gestern ber Reichswirtschaftsrat die Erörterung der angesichts der wirtschaftlichen Krise zu ergreifenden Maßnahmen begonnen. Ein Unterausschuß hat dafür umfangreiche Vorarbeiten geleistet, indem er insbeson­dere auch eine große Reihe von Sachverständigen aus allen Zweigen der Industrie vernommen hat. Er legt nun den beiden Ausschüssen eine umfangreiche Denkschrift vor, über die als Berichterstatter Herr Wissell referierte. Das Eesamturteil lautet:

Wir muffen mit der Krise als einem Normalzustand der deutschen Wirtschaft rechnen, solange der Friedensver- trag von Versailles keine Abänderung erfährt. Diese Krise aber ist gegenwärtig in ein akutes Stadium getreten, nicht durch einen Käuferstreik oder durch Unternehmer- sabotage, sondern durch ein Versagen der Kauf, traft gegenüber der Preissteigerung der Waren. Diese aber ist wiederum nicht durch Lohnsteigerungen verur­sacht, die vielmehr der Preissteigerung nur zögernd ge- folgt sind, sondern m erster Linie durch U e b e r t e u e- tüng der Rohstoffe und durch die ganz allgemein gewordene verhängnisvolle Methode der Selbstkostenbe- rechnung, die zu unglaublichen Gewinnausschlägen in der Industrie, im ch a nd el und vor allem zu dem jetzt zwischen Produktion und Absatz getretenen neuen

Mgestalttrng des Erfurter Programms.

Der roteKatechismus", das Erfurter Programm, M revidiert werden. Wie derVorwärts,, mitteilt, tot der Vorstand der sozialdemokratischen Partei eine zleihk führender Parteigenossen aufgefordert, em Gut- jßten über die Umgestaltung des Parteiprogramms s:szuarbeiten. Diese Gutachten liegen nunmehr vor und foifat, demVorwärts" zufolge, in den nächsten Togen scheinen. ,

Die Forderung nach einer Umgestaltung des fozial- Mokratischen Parteiprogramms ist schon alt. Seitdem vor rund 20 Jahren Eduard Bernstein in seinenVor- Ersetzungen des Sozialismus" die Kritik der m Erfurt im Jahre 1891 aufgestellten sozialdemokratischen Navbenesätze begann, ist diese Kritik nicht mehr zur Auhe gekommen. Ein im Anschluß an den vorletzten Parteitag im Oktober 1917 zu Würzburg unternom­mener Versuch, zu einem einigerxiahen modernen Pro- gramm zu kommen, konnte nur Halbwegs befriedigen. Der Entwurf eines sogenannten Aktionspro­gramms, der rm Juni 1918 bas Licht der Welt er­blickte. enthielt zwar eine Reihe praktischer Gegenwarts- forbtrungen und stellte insofern eine Reform des zwei­ten Telles des Erfurter Werkes dar; den ersten, Heoretischen Teil desselben, den Hauptangriffspunkt der Mik, ließ der Entwurf jedoch unberührt. Er war so­mit nur ein halbes Werk, das durch die Revolution hin­wiederum noch ein Stück weiter über den Haufen ge­worfen ist.

In dem theoretischen Teil des heute offiziell noch geltenden Erfurter Programms siegt aber die größte Schwierigkeit für eine ehrliche Revision überhaupt. Einer der ersten und ältesten Theoresiker der sozial­demokratischen Bewegung, Cunow, der Herausgeber der parteioffiziellen WochenschriftDie Neue Zeit", erklärte in einer Besprechung der bisherigen Kritik sm Erfurter Programm:

Der theoretische Tell des Erfurter Programms war feifoeife schon überholt, als er das Licht der Oef- fentlichkelt erblickte; er fei nichts als eine Aufstellung be« Hinunter, aus dem Verlauf der voraufgegangenen beiden Jahrzehnte abgeleiteter marxistischer Entwicklungsthesen, indes!en ohne Berücksichtigung bereits deutlich im Wirt­schaftsleben hervortretender neuer Entwicklungstatsachen. Denn trotz dieser theoretischen Mängel die deutsche So­zialdemokratie unter offizieller Anerkennung die,es Pro­gramms die größten Fortschritte gemacht habe, so deshalb, Mil überhaupt nicht Prinzipienerklärungen, sondern die wirtschaftliche Gestaltung des nationalen Lebens die Ent­wicklung der Parteien bestimmten.

3n einem späteren Artikel derNeuen Zeit" setzt Cunow im einzelnen auseinander, ber theoretische Teil des Erfurter Programms sei feit Jahrhunder­ten überholt. Gegenüber der an sich natürlichen Schlußfolgerung aus dieser Tatsache:Nun, wenn dir theoretische Teil des Erfurter Programms der­maßen veraltet ist, dann müßte er doch grade g e - ändert werden" betont Cunow:

Ganz richtig, er gehört längst in den Aktenschrank einer vergangenen Entwicklungsepoche der deutschen So­zialdemokratie; doch besteht tn Anbetracht der Ver­wirrung, in der sich zur Zeit unsere.Parteftheoretik befindet, meines Erachtens fast keine Aussicht, daß m seine Stelle eine einheitliche logisch in sich geschloffene Cntwicklungsauffaffung treten würde und deshalb ist k bester: wie lasten sich zunächst die theoretischen Auf- saflungen der Partei klären und beschränken uns aus die Ausarbeitung eines neuen praktischen Aktionspro­gramms."

Diese Auffoflung scheint sich durchzusetzen. Der »Vorwärts" gibt bereits einige Sätze aus dem Gut­achten Ed. Bernsteins wieder, der zu dem Ergebnis kommt, daß das neue Programm konkreteren sachliche­ren Inhalt haben müffe als das Erfurter Programm, am Geiste des Programms dürfe nichts geändert werden.

D. h. auch: die religionsfeindliche Weltanschauung der Sozialdemokratie, die zum Ausdruck kommt in der Erklärung der Religion zur Privatsache durch das Erfurter Programm muß im neuen Pro-

vre perlen der Eggenbrechis.

10] Roman von Alexandra von Söffe.

Ich? Aber nein . . ."

Silvia fah ganz entsetzt aus, und Therese lachte.

»Warum denn nicht? Ich meine natürlich, wenn Er Dich heiraten wollte."

Nein," sagte Silvia beinahe ärgerlich,weder ich Euch Herr von Branding könnten jemals auf solchen Ge­denken kommen. Für mich ist er einfach Achims ein- 819er Freund und Ursels Vormund."

Damit basta!" bekräftigte Therese. ,Na, hoffent­lich bleibt es auch dabei, denn ich . . .

Sie vollendete den Satz nicht, weil Anton hereinkam.

»Baron von Branding!" meldete er.

Ich laste bitten 1" sagte Silvia und errötete.

Anton entfernte sich.

Lupus in fobula!" flüsterte Therese kichernd Silvia iu. Wenn Leo wüßte, daß wir gerade . . ."

Sie verstummte, denn nun öffnete sich wieder die *ür, und Branding kam herein.

Es schien, als verdunkle sich da- Zimmer bei seinem Eintritt, so düster wirkte seine Erscheinung. Er war Ichr groß, aber schmal, hielt sich ftoetgerabe, und das ^chschwo-ze Haar stand starr über der hohen, schmalen Stirn empor. Sein längnches Gesicht war bleich und schien noch bleicher durch den schwarzen, kurzen Bart, drr es umrahmte, dazu trug er, wie immer, wenn er in die Stadt kam, einen langen, schwarzen Gehrock mit ^tlasauffdjlägen und sah so ernst aus, als käme er kon­tieren.

Therese blieb sitzen, Silvia erhob sich und ging ihrem ®aft mit einer gewissen, von dem vorangegangenen Ge- Ipkäch verursachten leichten Befangenheit entgegen.

Guten Tag, Herr von Branding," sagte sie srennd- *$Sie kommen noch gerate früh genug zu einer *ofie Tee."

Sie reichte dabei die Hand, die er an seine Lippen Khrte

Ich wollte früher kommen, mir hatten aber unter* ^Js eine Panne, die längere Zeit aushielt." erwidert- er> dabei blickte er unter dckn halbgesenkien Lidern her- 1Dt an Silvia vorbei und gewahrte Therese.

»Ach, Du hier?" fragte er, anscheinend nicht sehr an- iEnehm überrascht«

gramm beibehalten werden. Ob alte oder revidierte Sozialdemokratie, von jeder von beiden gilt, was der heil. Vater in seinem neueste^ Rundschreiben vom Sozialismus überhaupt sagt- daß er der bitterste Feind der christlichen Grundsätze ist.

Die Setze gegen Deutschland.

Je größer die Verlegenheit der Entente wird, desto toller Hetzen die Franzofen gegen Deutschland.

Der Aerger von Fach und seinen kampflustigen Gesinnungsgenossen ist freilich begreiflich. Der fran­zösische Kriegsplan hat bei Lloyd George keinen An- fian.g gefunden und Millerand muß sich darauf be­schränken, den Polen Munition und ratgebende Gene­räle zu versprechen, im übrigen der Sowjet-Regierung nur mit der'Blockade zu drohen. Die Polen und ihre Freunde können natürlich an dielen unzulänglichen Hilfsmitteln keinen Gefallen finden. Sie brauchen Hilfstruppen in größerer Masse, nm sich ju retten, und wenn die Blockade gegen ein agrarisches Land, wie cs Rußland im ganzen ist, überhaupt wirksam sein kann, so würde die Wirkung doch erst nach ge­raumer Zeit eintreten, und inzwischen wäre Polen schon verloren.

Der Aerger ist also wohl zu erklären. und da die französischen Haßpolitiker kein enges Gewiffen haben, so scheuen sie sich nicht, ihren Verdruß an Deutsch­land auszulaffen. Deutschland soll durchaus als der Verbündete von Sowjet-Rußland, ja sogar als Ur­heber des Krieges gegen die Polen und der wirksame Helfer auf dem Siegespfade hingestellt wer­den. Das Lügemnanöver hat sich sogar zur Erdich­tung und Veröffentlichung eines Bündnisver­trages" zwischen Rußland und Deutschland zuge­spitzt. Dieser Dertragsschwindel ist deutscherseits so­fort in das Reich der Fabel verwiesen worden; aber die Dichtung wird doch weiter wirken auf die franzö­sische Volksseele, die alles glaubt, was ihrem Haffe gegen Deutschland entspricht.

Mit solchen Schreckgespenstern sucht man auch in England Stimmung zu machen. Um so mehr muffen wir darauf bedacht fein, alles zu vermeiden, was den Schein eines Dündniffes mit Rußland erwecken könnte. In dieser Hinsicht läßt unsere Preffe ge­legentlich die Vorsicht vermiffen. DerVorwärts" z. D. spricht sich recht vernünftig für die Neutralität aus, indem er darlegt, daß uns die Teilnahme am Strieg ins Verderben bringen würde, sowohl im Kampfe an der Seite von Sowjet-Rußland, als auch im Kampfe an der Seite der Entente. Aber dabei leistet sich der Vorwärts" einen ungeschickten Vordersatz, indem er sagt:Stellen mir uns an die Seite von Sowjet- Rußland, so werden wir vielleicht die Fesseln von V e r s a i l l e s los vielleicht aber fieber werden unsere Kohlengruben zerstört fein, ufw." Dieses Spie­len mit einemVielleicht" gibt Master auf die Müh­len der französischen Kampfhähne. Sie werden sagen: Seht ihr, die Deutschen erwarten, daß die Ruffen sie von dem Versailler Vertrage erlösen, also hat der ab« geleugnete Bündnisvertrag doch seine reelle Grund­lage!

Das Wörtchenvielleicht" war hier nicht bloß un- vorsichtig, sondern auch sachlich ungerechtfertigt. Wir müßten ja ganz verblendet sein, wenn wir glaubten, daß die Sowjet-Regierung und ihre Rote Armee im­stande feien, uns aus der Macht von England und Frankreich zu befreien. Die Ruffen können ja die verhältnismäßig schwache Armee von Neu polen zurück­schlagen; aber damit ist auch ihre Kraft erschöpft. Sie hoben im eigenen Lande und in den Randstaaten so viel zu tun, daß ihnen eine entscheidende Einwirkung auf den Westen Europas einfach unmöglich ist.

Im übrigen haben die geriebenen Sowjet-Politi­ker auch gar nicht die Absicht, Deutschland zuret­ten aus den Feffeln des Vertrages". Sie wollen mit Deutschland Handel treiben, weil das ihrem eigenen

Ja," rief sie heiter und streckte ihm die Hand ent­gegen.Aus diese Weise kommst Du doch einmal zu dem seltenen Vergnügen, mich zu sehen liebster Leo, nachdem Du so lange meinen Penaten sernzeblieben bist."

Ich war immer sehr beschäftigt," sagte er.

Versteht sich, als Vormund und Testamentsvoll­strecker, darum bist Du ja auch entschuldigt," meinte sie liebenswürdig und fragte bann:Kommst Du heute direkt von Stolzen?"

5a."

Und wie geht es Tantchen?"

Danke, soweit ganz gut."

Aber vorgestern warst Du wieder in Altenwied, nicht wahr? Da wurde Schluß gemacht in der Erb- angelegenbeit, nicht?"

Jawohl."

Er hatte Platz genommen und wendete sich nun zu Silvia, die sich noch am Teetisch zu schaßen machte.

Wollte gestern noch kommen, Bericht zu erftauea, aber es wurde zu spät," sagte er kurz.

Sie reichte ihm eine Taffe Tee und bot ihm kleine Kuchen an, dann fetzte auch sie sich und strich mit einer ihr eigenen Bewegung langsam an ihrem SLeiö her­unter.

Ist nun alles geregelt?" fragte sie.

Er griff nach der silbernen Dose, wühlte snr-fftch - n ihm passendes Stück Zucker und goß einige Tropfen Rahm in seinen Tee. Jede seiner Bewegungen war abgemessen und pedantisch.

3a," erwiderte er,das heißt, doch nicht ganz. Es war ja alles gut vorbereitet, und Herr von Eggenbrecht machte durchaus nirgends Schwierigsten, aber . .

Du bist also gut mit ihm ausgehmmen1" unter­brach ihn Therele, die Leos langsam- Sprechweise sters ungeduldig machte.

Ausgezeichnet," nickte er.Ich ,'annte ihn ja schon früher, schon als w Iden Bengel, dann als ganz jungen Leutnant, als der er alle Anlagen zeigte, seiner Mut­ter Kummer zu machen. Na. Schulden mag er ja ge. mögend gemacht haben, aber dos schadet jetzt nichts ' mehr, die kann er nun los werden.'

Woher willst Du wissen, daß er Schulden hat?" fragte fast pikiert Therese.

Er hob die Schultern:

,Nun, mit seiner Leutnantszulage konnte er keine

großen Sprünge machen, aber er hat sie gemacht. Uebrigcns ja einerlei, jedenfalls kam er Iustizrat Rom- berg und mir in jeder Weife entgegen. Er zeigte sich ganz als Grandseigneur und . . ."

»Das sieht ihm ähnlich!" warf Therese ein und nickte Silvia vielsagend zu.

Und," fuhr Branding fort,wünschte, daß seiner Frau Kusine alles zukommen sollte, was man als Achims Privatbefitz ausmachen könnte. Befitzgierig scheint er nicht zu fein, denn er regte sich nicht sonder­lich darüber auf, als sich herausstellte, daß ein Erbstück von großem Wert fehlte."

Ein Erbstück von großem Wert?" fragte Therese voll Interesse.

Jawohl. Wirklich sehr unangenehm! Ms wir im Beisein zweier Gerichtspersonen den großen, amtlich versiegelten Geldschrank öffneten, fand sich in der Scha- tulle, die den Eggenbrechtschen Familienschmuck enthält, das alles andere an Wert übertreffende Schmuckstück nicht vor, obgleich es in der Liste ausgeführt ist."

Was was denn?" fragte ungeduldig Therese.

Sowohl ihr wie Branding entging es dabei, daß Sitvm plötzlich errötete und voll nervöser Unruhe an den beißen Trauringen, die als einziger Schmuck an ihrer rechten Hand glänzten, zu drehen begann.

Was fehlt denn?" drängte Therese.

Eine Perlenschnur!" erwiderte Branding und run­zelte die schwarzen Brauen, die über der f'malen Nase fast zusammenftießen.Eine Perlenschnur im Werte von annähernd einer halben Million."

Himmel!" stieß Therese aus.

Einer halben Million?" kam es wie ein Hauch von Silvias Lippen.

Außerordentlich unangenehm für mich natürlich," sprach B: anding weiter und rieh nervös die Handflä­chen aneinander.Zunächst verzögert es den Abschluß der Erbregulierung, denn vorher müssen die Perlen aus- gesunden, oder ihr Verlust als Tatsache feftgefteilt wer­den. Wahrscheinlich hat Achim die Perlen! es sind das die berühmten Eggenbrechtschen Perlen! ihres hohen Wertes wegen auf einer Bank deponiert, und der Ausweis darüber wird sichmoch finden, doch ist es mir unerklörlch. rote bei der tadellosen Ordnung, die Achim in seinen Papieren hinterlieh, ein so wichtiges . . "

Die Perlen habe ich!" sagte plötzlich mit klarer Stimme Silvia.

Was was sagten Sie?" fuhr Branding zu ihr herum, und Therese schlug die Hände zusammen:

Du Du hast sie?"

Ja, Achim schenkte sie mir," erklärte Silvia und er­rötete dabei, als suhle sie sich auf einer Untat ertappt»

Schenkte sie Ihnen?"Unmöglich!" murmelte Branding, bann fragte er in fast barschem Ton: »Und warum haben Sie mir das bisher verschwiegen, gnä­dige Frau?"

Verschwiegen habe ich es nicht," erwiderte Silvia, abermals errötend.Sie haben mich ja nie danach ge­fragt, Herr von Branding!"

Aber wie sollte ich denn ahnen, daß Sie die Perle» haben? Die Eggenbrechtschen Perlen!"

Finde ich nicht so wunderbar," meinte Theres. Warum soll Herr von Eggenbrecht die Perlen denn nicht an Silvia gegeben haben?"

Aber die sind doch Famtlienschmuck und so unge­heuer wertvoll, daß sie nur zu den feierlichsten Gele­genheiten von der jeweiligen Herrin von Altenwied ge­tragen wurden," sagte Branding und wendete sich dar­aus wieder an Silvia:

Sind Sie auch ganz sicher, gnädige Frau, daß die Perlen, die Sie haben, die Eggenbrechtschen Perlen sind?"

Ganz sicher! Achim hat sie so genannt, als er sie mir schenkte," erwiderte sie.

Und Du hast sie mir nie gezeigt! Wie ich da» finde!" bemerkte vorwurfsvoll Therese.

Verschenken durste Achim sie nicht!" sagte Branding sehr ernst.Die Perlen sind Familienichmuck, sie sind als solcher in der Liste ausgesührt. Achim wußte bas mußte das wissen! Ihre Annahme, gnädige Frau, bah Achim Ihnen die Perlen geschenkt hat, muß auf einem Irrtum Ihrerseits beruhen. Wahrscheinlich gab er Ihnen bie Perlen nach bet Hochzeit, denn als Herrin von Altenwied waren Sie natürlich berechtigt, den Schmuck zu tragen."

Diem," widersprach Silvia und ihre Stimme wurde ganz tief und zitterte ein wenig.Achim hat mir die Perlen ausdrücklich geschenkt, weil er nicht wollte, daß die Eggenbrechi-Reiken sie erben sollten."

Wann geschah bas?"

Am Tag seines Tabes."

Wie war bas möglich? Er war fast vollständig gelähmt!* (Forts, folgt.)