Dienstag, 10» August 1920
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Die neue Kundgebung der Papste-.
Zur Feier deS 50. JabreStageS der Verkündigung ui heiligbn Patriarchen Joseph zum ^chu tzherrn der ganzen Kirche hat der Heil, (toter, wie gemeldet, eine besondere Kundgebung et» |0f=en. Sie liegt nunmehr im Wortlaut vor:
Eingang» stellte der Herl. Vater fest, daß sich in den Mkflosienen 50 Jahren die Verehrung des hl. Joseph raun- lerbar entfaltet habe. In der gegenwärtigen Not sei es mA notwendiger, diese Verehrung zu fördern und weiter m verbreiten. Wir haben sa, so sagt der Heil. Vater, schon gt Anschluß an den furchHaren Krieg in unserer Enzyklika zber .die Wiederoersöhnrmg durch einen christlichen Fn«- ^n* darauf hingewiesen, was der Menschheit fehlt, um Nrrall Ruhe und Ordnung aufzurichten, namentlich im Anblick aus die Beziehungen, welche eintreten müssen .fischen Volk und Volk und zwischen Nensch und Mensch auf dem Gebiete des bürget» iichen Lebens. Jetzt müssen wir eine andere Ursache der Verwirrung ins Auge fasten, die weit tiefer liegt und die fit solche im innersten Herzen der menschlichen Gesellschaft m suchen ist. Unter der Geisel des Krieges ist die Menschheit tief von dem Naturalismus angefreflen, d. i. van jener großen Seuche dieser Zeit, weiche die Sehnsucht nach jen himmlischen Gütern abschwächt, die Flamme der gött- fijjen Liebe auslöscht und den Menschen der heilenden und sufbetfenben Gnade Christi entzieht. So kam cs, daß so fiele sich nur auf den Erwerb irdischer Güter stürzten: mid, wo schon derKampszwischenProletariern und Arbeitgebern sich zugespitzt hatte, nahm der jklassenhaß noch überhand mit der Dauer und den Schrecken des Krieges. Dieser nämlich verursachte auf der einen Seite für die breiten Schichten des Volkes eine unerträgliche wirtschaftliche Lage, auf der anderen Seite häufte er in die Hand einzelner weniger ganz fabelhaft: Reichtümer.
Dazu kommt noch, daß viele gegen die Heiligkeit berehelichenTreue und die Achtung vor der väter» lichen Autorität während de» Krieges nicht wenig verstoßen haben. Mit aufrichtigem Schmerz müssen wir jetzt feststellen, daß die öffentlichen Sitten viel mehr verwildert und verdorben sind als zuvor und die sogenannte soziale Frage sich in einem Grade zugespitzt hat .der mit der Drohung eines nicht wiederputzumachen- den Zusammenbruches nicht zurückhält. In den Köpfen mid in den Herzen aller revolutionären Klassen spukt der Gedanke an das Nahen einer gewissen Deltrepublik, welche auf den Fundamenten absoluter Gleichheit der Menschen und der Gemeinschaft der Güter beruhen und in der es keinen Unterschied der Nationalität mehr geben soll noch auch weiterhin die Autorität des Katers über die Kinder, noch auch eines Staates über die Bürger, noch auch eines Gottes über die Menschheit, mehr anerkannt werden wird. Lauter Dinge, die bei ihrer Der. wirklichung zu schrecklichen sozialen Zuckungen führen müßten, wie man es schon bei jener sozialen Zuckung wahrnchmen kann, die gegenwärtig einen nicht kleinen Teil Europas Heimsucht. Und man möchte auch gar zu gern bei den Übrigen Völkern eine ähnliche Situation herbeiführen, wie wir sie dort sehen, wo die Völker von der blinden Wut einiger weniger (Terroristen) erregt werden, und da und dort möchte man unausgesetzte schwere Erschütterungen Hervorrufen.
Dir indessen haben, mehr als alle anderen bekümmert «m, diese Wendung der Dinge, keine Gelegenheit, die sich ms bot, vorübergehen lasten, um den Kindern der Kirche ihre Pflicht einzuschärfen. Und wiederum aus dem gleichen Grunde, um diejenigen, die auf unserer Seite sichen, und die sich durch ihre Arbeit ihr Brot verdienen müssen, an ihre Pflicht zu erinnern, und um sie o o n der An. Üeckung de» Sozialismus des bittersten lein6es der christlichen Grundsätze, heil und unversehrt zu bewahren, stellen wir ihnen jetzt mit großer kmdrmgsichkeit und in ganz besonderer Weise den hl. Joseph vor Augen, damit sie ihm als ihrem besonderen Führer folgen und ihn al» himmlischen Schutzpatron ehren mögen.
Mögen alle in der Schule des hl. Joseph lernen, die gegenwärtigen Dinge, die vergänglich sind, im Lichte der zukünftigen Dinge, die von ewiger Dauer sind, zu bedachten; und indem sie über die unvermeidlichen Schwierigkeiten des irdischen Daseins mit der Hoffnung auf die ewigen Güter sich Hinwegtrösten, so mögen sie nach den ewigen mit allen Kräften streben und sich dem göttlichen Dillen unterwerfen in einer nüchternen Lebensführung totf) ben Geboten der Frömmigkeit und Gerechtigkeit.
Was besonders die Arbeiter betrifft, so möchten wir hier auf die Worte zurückkommen, die unter glei- chen Verhältnissen unser Vorgänger sesigen Andenkens, Leo XIII., ausgesprochen hat: „ön Anbetracht dreier Sachlage müssen die Armen und alle, die von der Frucht ihrer Arbeit leben müssen, von einem erhabeneren Gefühle der Billigkeit (d. i. der sozialen Gerechtigkeit) beseelt sein; wenn ihnen nämlich die Gerechtigkeit auch erlaubt, sich aus ihrer Notlage herauszuarbeiten, um eine bessere Lebenslage zu schaffen, so ist jedoch durch die Gerechtigkeit und durch die Vernunft selbst o erboten, d i e Ordnung umzu stoßen, welche von der göttlichen Vorsehung selbst so eingerichtet worden ist. Ja, es ist sogar ein törichter Kat, zur Oe- walt zu schreiten und Verbesterungen auf bem Wege von Auflehnung und Aufruhr herbei- zuführen; denn diese tragen höchstens und in den meisten Fällen nur dazu bei, noch die unangenehme Lage zu verschlimmern, die sie beseitigen wollten. Wenn indes die Armen vernünftig Vorgehen wollen, so sollen sie nicht auf die törichten Vorspiegelungen von Dolksaufwieglern achten, sondern mehr auf das Beispiel und den Schutz des hl. Joseph und auf die mütterliche Liebe der Kirche vertrauen, welche von Tag >.u Tag sich immer mehr ihrer annimmt.* (Epistl. Enzykl. Duamquam pluries.) Wenn so die Verehrung des hl. Joseph bei den Gläubigen zur Blüte kommt, so? wird naturgemäß auch die Verehrung der hl. Fa- milie von Nazareth bei ihnen zunehmen, deren erhabenes Haupt der hl. Joseph gewesen ist, da beide Andachten auseinander hervorgehen. Denn durch den hl. Joseph gehen wir direkt zu Maria und durch Maria zum Quell aller Heiligkeit, Jesus Christus, der den häuslichen Tugenden durch feinen Gehorsam gegen 3o- seph und Maria höhere Weihe verliehen hat. Nach diesen bewunderungswürdigen Vorbildern der Tugend möchten wir alle christlichen Familien vollkommen erneuert wünschen. So wird die menschliche Gesellschaft, da ja die Familie die Stütze und Unterlage der menschlichen Gemeinschaft ist, durch den Schutz der heiligen Reinheit, der Treue und der Einigkeit wieder Krasti- gung erfahren, und gleichzeitig wird neue Lebenskraft und, wenn wir so wollen, neues Blut den Adern der menschlichen Gesellschaft zugeführt werden. Und auf diese Weise wird sie durch die erlösende Macht Jesus Christus wieder zu neuem Leben gelangen. Es wird ein erfreuliches Aufblühen nicht bloß der Sittlichkeit im privaten fiebert, sondern auch der öffentlichen und bürgerlichen Institution erfolgen.
Den Schluß des päpstlichen Schreiben» bilden Anweisungen an die Bischöfe, in ihren Diözesen die Verehrung de» hl. Joseph zu fördern, insbesondere möge die Erstehung de» Beistandes des hl. Joseph für die Stunde des Todes empfohlen werden. Innerhalb eine» Jahres vom 8. Dezember b. I. ab soll in der ganzen katholischen Welt zu Ehren des hl. Josephs eine feierliche gottesdienstliche Handlung vorgenom- men werden, wie und wann es jeder Bischof für gut findet.
Rußland — Polen.
Konzentrischer Angriff auf Warschau.
Es werden starke bolschewistische Truppenansammlungen vor Warschau und im Norden der Stadt gemeldet. Man erwartet einen weitausholenden Angriff der Rote »Truppe n, um den Dor- morsch auf die Hauptstadt zu versuchen.
Der polnische Heeresbericht gibt setzt die Einnahme von Lomscha und Ostrolenka durch die Russen zu. Der polnische Widerstand scheint im Nordflügel endgültig gebrochen zu fein. Die Russen haben den Ort Przasnysz besetzt. Der russische Vormarsch gehr nach Südwesten gegen Ciechanow. Mit der (Annahme dieser Ortschaft wäre die wichtige Verbindung Warschau-Mlawa-Danzig bi der Miste durchschnitten und toe nördliche Umgehung Warschaus vollendet. Auch auf der Straße Przafmjsz-Mlawa ist vorgehende ruf- fische Kavallerie gemeldet. Die polnischen Kräfte, die noch bei Grudusk haften, können von Chorzellen aus, das bereits besetzt ist, mit einer nördlichen Ueberflüge- lug leicht umgangen werden.
Reuter veröffentlicht folgende Information vom 8. August: Die 2 a g e t ft e r n ft. Die Konferenz zwei.
Die perlen der Eggenbrechtr.
91 Roman von Alexandra von Boss».
Branding versuchte bann auch nicht weiter in sie bringen, er sagte einfach, er werde warten, Therese würde mit der Zeit vielleicht noch ihre Ansicht ändern. $r nahm ihr die Ablehnung seines Antrages nicht übet, ^suchte sie fast regelmäßig, wenn er nach München ■°m, und wirklich hatte Therese in den letzten, drei Iah.
ihre Ansicht geändert. Manchmal träumte sie jetzt •toon, einmal Herrin auf Stolzen zu werden. Sie fiebte Stolzen/wo sie oft bei Leos Mutter auf Besuch »ar. Diese, eine Kusine ihrer verstorbenen Mutter, ®or auch deren intimste Freundin gewesen und stand ^herese sehr nahe. Nach und nach war es so der alten Usvu von Branding gelungen, in Therese eine gewisse Sinnesänderung zugunsten Leos zu bewirken, besonder» tatte sie in ihr das Bedauern erweckt, daß das schöne ^ankensche Vermögen einmal an verschiedene gleich- luftige Stiftungen zersplittert werden sollte. Therese 'Egnnn allmählich sich mit dem Gedanken vertraut zu "Nhen, Leo Branding doch noch zu heiraten, aber Päter erst, ee hatte ja Zeit damit, meinte sie. Sie ®9nf&te sich Kinder, die einmal das grobe Rankensche vermögen erben sollten, und dieser Wunsch konnte sich Hen leider nur verwirklichen, wenn sie Leos Frau »urbe;
Bie setzt hatte Therese nie an die Möglichkeit ge- °°cht, daß ihr Detter Leo es müde werden könnte, auf zu warten, und eine andere heiraten würde, nun Duckte urplötzlich eine solche andere auf: Silwa Ezgen- °recht! ---
Am folgenden Nachmittag fuhr Therese Ranken in schönen Benzwagen nach Dogenhauien hinauf, ®!foia zu besuchen und sie dafür auszuschelten, daß sie an ihrem „jour" nicht hatte sehen lasten. Neben- wollte sie ein wenig sond'eren, ob wirklich irge ’b« Mäje Gefahr in den Beziehungen Silvias zu Leo "ionbing bestand
„ $'e fand Silvio zu Hauke und gerade im B-zrlls R ihrem No^mittnns'ee zu widmen. Erfreut kam V h?» junge Frau entgegen:
• .Wie reff, dasi Tu kommst
San« ri •— /-■ - ■
5. ... .
„3a, sehr nett, nicht wahr? Aber Du — Du kommst nie zu mir? Ich hatte Dich gestern so bestimmt erwartet!"
„Ich komme viel lieber zu Dir, wenn Du allein bist", versicherte Silvia, ein wenig schuldbewußt errötend. ;
„Du sollst Dich aber nicht mehr von der Welt ab- schließen, mein Herz! Diese Menschenscheu ist eine schlechte Angewohnheit, die Du Dir so schnell wie möglich wieder abgewöhnen mußt — wirklich!"
„Ich bin gar nicht menschenscheu, aber . . ."
„Kein Aber!"
„Ich bin e» nicht mehr gewöhnt . . . alle sind mir so fremd."
„Natürlich fremd, wenn Du wie ein Einsiedler hier in Deiner Bude hockst", meinte Therese und sah sich dabei in dem überaus behaglichen Wohngemach Silvias um. Es war ein ziemlich großer Rraum, mit gediegenem Geschmack eingerichtet.
Die Möbel von dunklem Holz und mit buntblumigem Damast überzogen, eine elektrische Krone von eene- tianischem Glas spendete ihr strahlende» und doch mildes Licht. An den hohen Fenstern waren die dunklen Damastvorhänge vorgezogen und schlossen den letzten Schimmer des trüben, sinkenden Nooemdertages aus.
Therese hatte sich gesetzt, zog die Handschuhe aus.
„Du hättest bei mir einige sehr nette Menschen kennen gelernt," fuhr sie fort und nannte einige Namen, während Silvia sich über den niedrigen Teetisch beugte, für sie eine Tasse mit bem duftigen Getränk zu füllen. Und Therese betrachtete die schlanke Gestalt der jungen Frau, während sie weiter plauderte.
Frau Therese war eher klein als groß, und ihre Gestalt zeigte angenehme Fülle. Seitdem sie dick zu werden begonnen, beneidete sie alle Schlanken und ließ sich jeden Morgen massieren; da sie aber gern gut und reichlich aß, dazu viele Süßigkeiten und süße Schnäpse liebte, rundeten sich ihre Formen immer mehr.
Silvia trug ein schwarzes Kleid von matter Seide, das der Mode gemäß ihre noch mädchenhafte Gestalt eng umschloß, den Ausschnitt am Halse deckten zarte wciße Spitzen, durch deren Muster die weiße Haut schimmerte und a"» denen der frü»« Hals emporwuchs, der fcr.5 stolzr, Köpfchen mit dem leichtgelockten, hell» fi'.T- trug.
it reizend, daß sogar ein Stockfisch wie Leo
seit nicht daran, daß die Bolschewisten die Absicht haben, sich Warschaus zu bemächtigen, um dort das Sowjetregime auszurichten. — Von der deutschen Gesandtschaft m Warschau ist die Nachricht eingeiausen, daß nach einem gemeinsam mit der polnischen Regie- rung vereinbarten Beschluß des diplomatischen Korps die Kanzlei und der größte Teil der diplomatischen Beamten nach Posen übersiedelt.
Moskau Wdbf fest.
Die Sowjet-Regierung läßt sich durch alle englischen Winkelzüge nicht ins Bockshorn jagen. Sie hat daher d^e englischen Vorschläge endgültig abgelehnt. (Die gestrige Wolfsmeldung von der Annahme der VorMäge war falsch.) Ein« Mitteilung der Londoner „Daily Mail", Kamenew habe der Konferenz von Hythe neue Vorschläge Rußlands unterbreitet (Anerkennung der Schulden Rußlands bei Frankreich, Annahme der Konferenz von London, Rückzug der Roten Truppen an die Grenze Polens, Amnestie für General Wrangel und feine Truppen in der Krim) ist mit Vorsicht auszunehmen. k
Die Konferenz von hykhe.
Die ganze Ratlosigkeit der Entente zeigt sich so recht auf der Konferenz von Hythe, die trotz langer Beratungen noch zu keinem Ergebnis gekommen ist. Heber das Ergebnis der am Montag fortgesetzten Beratungen wurde Montag nachmittag von französischer offizöser Seite folgender Bericht ausgegeben:
TOilleranö und Lloyb George konferierten Montag vormittag von 10 bis 12 Uhr. Die D-rhandlun- gen werden nachmittag fortgesetzt. Die Marschälle Fach und Wilson und der Admiral Bea11y wohnten der Verhandlung bei. Sie war der Prüfung der Aufstellung von Maßnahmen gewidmet, die oc t den Alliierten gegen Sowjetrußland ergriffen werden könnten. Unter diesen Ma^iahmen befindet sich auch die Blockade und die Konstituierung einer Defensivfront in Verbindung mit den Randstaaten Rußland», Lettland, Estland, Finn- land usw. Die Frage sei nur, ob ein von englischer Seite ausgebenber Wunsch, die Aktion von der $ »bin gung abhängig zu machen, daß Polen die Bedingungen Rußlands nicht annehmen könne, zur Durchführung gelangt. Ferner wurde die Frage erörtert, ob die Anwesenheit Kamenews und Krassins unter der Haltung der Moskauer Regierung noch angängig wäre. In englischen Kreisen glaubt man, Rußlands Handelsvertreter seien mit ganz bestimmten Bedingungen nach London gekommen, und die wirtschaftliche Mission könne nicht verantwortlich gemacht werden für die Haltung ihrer Regierung in politischen Fragen. Ihre Ausweisung könne nur dann genügend motiviert werden, wenn sie die persönlich übernommenen Verpflichtungen nicht einhielten. Dies fei aber nicht der Fall. Bon französischer Seite wurde bemerkt, wenn die Entente die Blockade Rußlands beschließe, hätten die Handelsvertreter dieses Staates in fiondon nichts mehr zu tun. Aber man könne nicht Zwangsmaßnahmen gegen eine Regierung ergreifen, deren Delegierte gleichzeitig in friedlicher Absicht in England als Gäste weilten. Man hofft, daß man am Nachmittag di« abweichenden Gesichtspunkte klären kann. Millerand wird abends 8 Uhr von Folkestone nach Paris abreisen. Lloyd George will bereits am Abend in London eintreffen.
Direkte Verhandlungen.
Ein drahtloses Telegramm auS Moskau au die englische Regierung besagt:
Die polnische Regierung teilt mit, daß sie bereit fei, Delegierte nach Minsk zu entsenden, um den Waffenstillstand und den Vorfrieden abzuschließen. Die bolschewistische Regierung ist deshalb der Ansicht, daß die Einstell ung der Feindseligkeiten und die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Rußland und Polen auf der Grundlage der vollkommenen Unabhängigkeit Polens am schnellsten und einfachsten durch direkte Verhandlungen erreicht werden würde. Am Schlüsse del Telegramms heißt es, daß dies vollständig in Minsk erreicht werde.
Zur Wahrung der Neutralität.
Die sozialistischen Parteien und Gewerkschaften erlassen einen Ausruf an die Arbeiter, zur Wahrung der Neutralität. Die Arbeiter werden
stellte Therese fest, dann nahm sie die Taffe in Em- pfang und blickte zu Silvia auf.
„Du hast ja heute rote Backen! Wie gut Dir das steht, Silvia, wirklich! Ich wünschte, Wolf Eggenbrecht würde Dich so sehen."
„Das macht die feuchte Herbstluft," meinte Silvia, fetzte sich und griff nach einem Brötchen, ohne Thereses letzten Satz zu beachten.
„Wolf Eggenbrecht," fuhr Therese fort und rührte habet gemächlich den Zucker in ihrer Taffe um, „war nämlich gestern bei mir. Wärst Du gekommen, würdest Du ihn kennen gelernt haben."
„Wolf Eggenbrecht — ist das der jetzige Majoratsherr?" fragte gleichgültig Silvia.
„Ja, ich erzählte Dir schon von ihm. Ein reizender Mensch! Ach, nicht schön, nein, aber sympathisch. Je mehr man ihn kennt, desto lieber muß man ihn haben, unk Dir würde er auch sehr gefallen. Er war mehrere Jahre an verschiedene Gesandtschaften abkommandiert, ist vor etwa drei Wochen erst, wie Du ja weißt, aus China zurückgekehrt. Ich glaube beinahe, er blieb noch so lange dort, damit Du nicht zu bald Altenwied verlassen mühtest."
Silvia nickte.
„Ja, damals, als er mir kondolierte, schrieb er, ich sollte in Altenwied so lange bleiben, wie ich nur wollte: es würde ihm das nur lieb fein, da er noch längere Zeit fern zu bleiben dächte."
„Er ist ein reizender Mensch!" wiederholte Therese. „Denke Dir, ich glaube, er hat es Dir beinahe tibelge« nommen, daß Du Altenwied so schnell verließest. Er meint, Du wolltest die alte Familienfeindschaft nur. Deinerseits weiter aufrechterhalten."
„Ach nein!" sagte Silvia und errötete scheinbar grundlos.
„Du hast ibn aber nicht angenommen, als er Dich heute besuchte"
„Ich nur wirklich nicht zu Haufe."
„Schade! Er hätte Dir gewiß gefallen. Hier in München war er als ganz junger Leutnant geradezu berühmt für allerlei tollkühne Streiche Die anqeschmol- lene Isar überschwamm er, infolge einer Wette, kriegsmäßig ausgerüstet. Einmal rettete er drei Kinder, die im Starnberger See eingebrochen waren, als niemand sonst sich auf die dünne Eisdecke wagte. Dafür erhielt er die Rettungsmedaille. Ein ganz toller Karl war er -»—» —*■ ---- •—— — ---—— ~ •-
darin aufgefordert, den Versuchen der Ententemächte, Truppen, Kriegkgerät und Munition durch deutsche- Gebiet zu transporneren, jegliche Hilfe zu verweigern und mit allen Mitteln zu verhindern, daß Deutschland Kriegsschauplatz wird.
Ter Aufruf ist gewiß wohl gemeint, gibt abei neue Veranlassung, vor Eigenmächtigkeiten ztl warnen, durch die die Neutralität nicht gesichert, sondern gefährdet würde. Die Deratztwortung für die politischen Schicksale des deutschen Volker tragen nickt die iozialtstiichen Parteien und Gewerkschaften, sondern einzig und allein die verfassungsmäßige We- gierung, in ihrer Hand muß die Seituny blejben, was auch immer kommen mag, aller andere wäre der Anfang der Anarchie.
In diesem Sinne ist auch ein Aufruf gehalten, den die nichtfozialistifchen Gewerkschaften, der Verband der deutschen Gewerkvereine, der GewerksrbastS- bund der Angestellten und der allgemein; Eisen» bahnerverband erlassen und tn dein sie an Sie Arbeiter, Angestellten und Beamten deS Verkehrsgewerbe- folgende Aufforderung richten:
1. Haltet bie A uaen offen und meldet unverzüglich alle verdächtigen Transporte nach Verständigung mit eurer OrganisatonSteitung der guftänbigen Re« gterungSftene beziehungsweise dem NeichSverkehrS» mrniflertum und dem Auswärtigen Amt.
2. Haltet euch fern von allen selbständigen Eingriffen geaen laufende Transporte; vermeidet besonder» Zusammenstöße mit Angehörigen der früher feindlichen Staaten.
Mehr al» je muß Deutschland in dieser Stunde eine einheitliche Front bilden, damit rotr nicht n ckriegerische Verwicklungen hineingeraten, die diesmal auf deutschem Boedn auSgefochten werde» würden.
Ausnahmebestimmungen gegen Deutsche.
Nach einer Meldung der ,Voss. Htg? aus Marienwerder sind die polnischen Landrate der eheM- liqen deutschen Provinz Posens ermächtigt wordW^. alle für Deutschland Propaganda treibenden Deutschen sofort zu erschießen.
AuS vem besetzten Gebiet.
Die Unterdrückung des Saarlandes. In der De» fügung über den verschärften Belagerungszustand nairk, u. a. bestimmt, daß wegen UMerkunftsgewahrung an verfolgte Persönlichkeiten auf Zuchthaus oder To- besftrofe erkannt werden kann. Die Bevölkerung ist über die Maßnahmen der Regierung und de» französischen Militärs empört, verhält sich aber trotzdem musterhaft ruhig. Dem Beamtenstreik haben sich auch bife Beamten der französischen Saargrubenverwaltung angeschloflen. Sämtliche Arbeiterorganisationen gaben den Beamten in ihrem Kampfe um die Wahrung ilrcr Rechte rückhaltlos ihre Sympathie ausgesprochen. Der Vertreter des Saarlandes in der Regierungskomnnssion. Herr v. Doch, hat zum Protest gegen die Behandlung der ganzen Streitangelegenbteit fein Amt niedergelegt. — Die Trierer Gewerkschaften haben einem Sympathiestreik zu Gunsten der Deamtenoereinigung im Scargebiet nicht Folge zu leisten beschlossen. In Trier liegen Hunderte von Reisenden auf dem Bahnhof, die ihre Reise nach Saarbrücken nicht fortsetzen können und auch tn den Hotels kein Unterkommen finden. Die Züge nach dem Saargebiet verkehren nur bis Traben.
Deutsches Reich.
** Berlin, 9. Aug. Bei der Mitteilung, den Abg. v. K ardorf f als Vizekanzler in das Kabinett aufzunehmen, handelt es sich nach der ,Nordd. Allg. Ztg? um Kombinationen, die das Kabinett in keiner Weise beschäftigt haben. — Am Montag traten im Reichswehrminlsterium erstmalig die neugewählten Mitglieder der HeereSkammer zusammen. Ende August oder Anfang September wird sich die HeereS- kammer mit dem Entwurf zum ReichSn»ehrgesetz zu beschäftigen haben. — Nach der .Kreuzzeitung' tft
tungsmedaillen, waren sogar zuweilen nicht ganz harmlos. Beliebt blieb er trotzdem allgemein."
Silvia sah lächelnd auf:
„Du lobst ihn ja, als wäre er ein Pferd, das Du verkaufen willst."
„Nee, ich möchte nur, daß Du was über ihn weißt, ehe Du ihn kennen lernen wirst."
„Es ist doch gar nicht nötig, daß ich ihn kennen lerne." t
„Doch," widersprach Therese, „Du mußt ihn kennen lernen, Silvia, denn" er wäre ein Mann für Dich!"
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„Ja, Du und er, ihr solltet einander heiraten."
„Ach, Liebste, welche Idee!" rief Silvia aus und faltete die schlanken, weißen Hände.
„Warum nicht? Dann würdest Du wieder Herrin auf Altenwied!"
„Nein, nein," wehrte Silvia fast heftig ab, und ihr junges, ausdrucksvolles Gesicht wurde bleich, ihre dunklen Brauen zuckten nervös zusammen. „Nein, das wäre mir ein schrecklicher Gedanke! Und überhaupt," fügte sie ernsthaft hinzu, „ich werde nicht wieder heiraten."
„Aber natürlich I" rief Therese. „Du bist doch s» jung; meine Liebe, Du wirst wieder heiraten! Der Mensch soll nicht allein sein."
„Ich habe ja Ursel," sagte Silvia, „ich werde ganz meinem Kinde leben. Du hast keine Kinder und hast doch nicht wieder geheiratet."-
„Ich darf ja nicht!" klagte Therese. „Weiht Du denn nicht, daß mein guter, seliger Mann ein ganz verrücktes, ich meine, etwas eigentümliches Testament gemacht hat. nach dem ich, wenn ich mich wieder verheiraten sollte, arm wie eine Kirchenmaus würde! Nur eine Ausnahme hat er gemacht."
„Und die ist? . .
„Leo Branding!"
„Ach — Leo Branding?!"
„Ja, denke Dir! Warum er Leo Branding ausgenommen hat, kann ich mir nur damit erklären, daß er fast sicher wußte, ich würde gerade Leo Branding nie heiraten."
„Du magst ihn nicht?"
„Ach, ich weiß nicht . . . vielleicht kenne ich ihn > gut und darum . . ." überlegte Therese, dann fragte sie, rasch zu Silvia aufblickend:
„Würdest T>u ibn beimter’