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Rumänisches Blutbad in Siebenbürgen.

Rumänische Soldaten richteten an der Bahnstation Nagyszeben (Kronstadt) ein schreckliches Blutbad an. Az Est" meldet folgende Einzelheiten: Die Rumänen haben viele ungarische Landwirte, die nach jahrelanger russischer Gefangenschaft heimkehrten, sofort wieder ein- berusen und wollten sie von der Station Naoyszcben sofort nach Bukarest weiterbefördern. Zum Abschied erschien auch die alte Mutter eines Landwirts, die sich trotz Aufforderung der rumänischen Wache nicht von ihrem Sohne trennen konnte und den Bahnhof nicht verlassen wollte. Ein rumänischer Soldat versetzte der alten Frau einen Schlag mit dem Gewehrkolben. Die Frau starb sofort. Die Ungarn wurden durch die Bru­talität so erbittert, daß sie zu meutern anfingen und die rumänische Wache angriffen. Herbeigerufenes Militär schoß auf die Ungarn, über 100 Tote und Verwundete fielen den Kugeln der Rumänen zum Opfer.

Aus dem besetzten Gebiet.

fd Proteststreik gegen französische Hebelgriffe. Das Personal der Biebrich-Wiesbadener Straßenbahn ist in den Streik getreten, der sich gegen das ungehörige Ver­halten französischer Zivil- und Militärpersonen auf der Straßenbahn richtet. Durch das Verhalten der franzö» sichen Fahrgäste kommt es fortgesetzt zu Zusammen» tötzen mit dem Personal und zu schweren Bestrafungen >er Schaffner. Verhaftungen wurden, wie behauptet wird, u. a. z. B. deswegen vorgenommen, weil ein Schaffner bei einem plötzlichen Ruck des Wagens gegen einen französischen Offizier getaumelt war.

Die Lage im Saargebiek hat sich wesentlich verschärft. Die Beamtenschaft ist der Streikparole geschlossen ge­folgt. Die Saarregierung versuchte mit Hilfe der fran­zösischen Gendarmerie und der Marokkaner-Truppen die Beamten in ihren Wohnungen ausfindig zu machen und mit Gewalt zum -Dienst zu zwingen. Zumeist wur­den die Beamten nicht zu Hause angetroffen. Am Sams­tag wurde von den französischen Militärbehörden die Lage dadurch verschärft, daß sie ohne jede Ursache den verschärften Belagerungszustand verhängten. Gegen die Saarbrücker Zeitung" wurde die Verhaftung sämt­licher Redakteure bis auf zwei und auch des Verlegers angeordnet. Eine starke Truppenabteilung erschien. in mehreren Autos vor dem Druckereigebäude, umstellte dieses und brachte dabei auch ein Maschinengewehr in Stellung. Die Räume der Redaktion und des Verlegers wurden durchsucht und zwei anwesende Redakteure in Hast genommen. Das gleiche ereignete sich bei der Saarbrücker Landeszeitung" und bei der sozialdemo- kratischenVolksstimme". Außerdem wurden Haus­suchungen in den Privatwohnungen der Redakteure vorgenommen. In der Verfügung über den verschärf­ten Belagungszustand wird u. a. bestimmt, daß wegen Unterkunstsg'ewährung an verfolgte Persönlichkeiten auf Zuchthaus oder Todesstrafe ertannt werden kann. Die Bevölkerung ist über die Maßnahmen der Regie, rung und des französischen Militärs begreiflicherweis? empört, verhall sich aber trotzdem musterhaft ruhig. Dem Beamtenstreik haben sich auch die Beamten der französischen Saargrubenverwaltung angeschlossen. Mel­dungen über den Streik liegen nicht vor, da jeglicher Verkehr mit dem Saargebiet unterbrochen ist. Am Frei- tag ist allerdings ein französischer Zug noch über Saar- brücken nach Mainz gelangt, der aber unter Leitung von französischen Offizieren nur nach schwierigster Fahrt sein Ziel Mainz erreichte. Unterwegs waren im Saar- gebiet die Weichen fast überall ausgerissen und mußten erst wieder in Ordnung gebracht werden: auch die Sig­nalzeichen waren vielfach beseiügt.

Deutscher Reich.

** Berlin, 9. Aug. 1920. Reichsfinanzminister Dr. Wirth hat wegen des Abschlusses des deutsch­niederländischen Abkommens an den Präsidenten der Nederlandschen Handel Maarschappij Herrn van Aalst ein Telegramm gerichtet, in dem er ihm seinen Dank für seine hervorragende Mitwirkung ausspricht. Der Völkerbundrat beschloß, daß die internationale Finanzkonferenz zu der auch Deutschland ein- geladen werden soll am 24. September in Brüssel zusammentreten sollen. Wie bereits anaekündigt, hat sich der Reichsaußenminister am Freitag abend auf Urlaub' begeben. Er ist nach der Schweiz gereist. Mit seiner Vertretung ist der Staatssekretär von Haniel beauftragt.

* Lardorfs Vizekanzler? DieKölnische Zeitung" teilt mit, es bestehe die Absicht, den Abg. v. Kardorff als Vizekanzler in das Kabinett aufzunehmen und ihm den Vorsitz im Reichsrat, sowie die Pflege enger Be­ziehungen mit den anberen Ländern zu übertragen. Da Da Dr. Heinze als Iustizmimstcr im Kabinett verblei- bleiben soll, würde sich die Zahl der aus den Reihen der Deutschen Volkspartei entnommenen Kabinettsmsi- glieder auf vier erhöhen. Auf die Besetzung des Wie- deraufbauministeriums soll verzichtet werden. Es soll in ein dem Auswärtigen Amt unterstelltes Staatssckre- tariat verwandell werden.

* Karlsruhe, 7. Aug. Der badische Landtag hat eine Umbildung der Regierung vorgerwm- men, die mehr als das bisherige Regierungskollegium das Stärkeverhälwis der Parteien berücksichtigt. Dem­gemäß kommt dem Zentrum als der stärksten Bar­te« das Amt des Staatspräsidenten zu. Dafür stellte es den bisherigen Finanzminister Trunk, der im 49. Lebensjahre steht. Das Finanzministerium verbleibt ebenfalls beim Zentrum, und zwar bei dem bisherigen Finanzminister Köhler. Die Sozialdemokraten be­halten das Ministerium des Innern dem Mi­nister Remmele und das Arbeitsministerium mit Mi­nister Rückert, die Demokraten das Unterrichtsministe­rium mit Minister Hummel. Stellvertretender Staats­präsident ist Minister Remmle. Die Umgestaltung der Regierung bedingt eine Vereinfachung der Staatsverwaltung, die von vielen Seiten seit langem gewünscht wurde. Die Revolutionszeit halte eine riel- köpfige Regierung verlangt, die das Vertrauen der breitesten Volksschichten besaß. So bestand die erste Dhlksregierung aus elf Köpfen: nach den Wahlen zur Nationalversammlung wurde das Kabinett auf sieben Männer beschränkt, neben denen noch sieben Staalsräte amtierten. Es bleibt der nächsten Entwicklung über­lassen, ob und wann auf dem Wege der Vereinfachung noch weiter geschritten werden kann

Kurland.

** Italienische Kritik amJrreden" von 5t Ger­main. Die italienische Kammer beschäftigte sich Frei­tag mit der Besprechung desFriedens"-Lertrages mit Oesterreich. Der Kommissionsbericht stellt fest, daß sich die Annahme aus Zweckmäßigkeitsgründen empfehle. Die Fehler des Vertrages könnten der Zeit, die Un- gerechtigkeü der Diplomatie durch den Gerechtigkeits­sinn der Völker ausgeglichen werden. Die Kommission glaubt nicht, daß der Vertrag von St. Germain den Zweck, einen dauernden Frieden zu schaffen, erfülle, sondern einenkarthagischen Frieden" darstelle, der den Haß nicht begrabe, sondern erneut anstachele. Der Vertrag verfüge nicht nur die politische Vernichtung der Besiegten »sondern unterwerfe auch das ganze Volk einem Sklaoendienst und mache es auf Jahrzehnte hin­aus zum Bettler. Die Konunission stellt fest, daß das Verbot der Vereinigung Oesterreichs mit Deutschland die nämlichen Prinzipien verletze, die der Friedensver- trag angeblich vertrüt. Das Verbot stelle eine Gefahr für die italienischen Interessen dar und eine offenkun­dige Ungerechtigkeü. Sie Kommission erkennt an, daß die alle Gesetzgebung in den erworbenen österreichi- schert Gebieten in vielen Punkten fortgeschrittener fei als. die italienische, die daher nur gradweise angewandt wer­den dürfe.

** Der litauisch-russische Friedensvertrag ist von der konstiiuierenden Versammlung Litauens ratifi- ziert worden. Die Rusien haben mit der Räu­mung der von ihnen besetzten Teile Litauens und der Äadt Wilna begonnen.

** Im Kaukasus wurde mit Unterstützung der Bolschewisten in Aserbeidschan ein neues türkisches Heer gebildet, das gegen die Entente kämpfen soll.

Gsneralversammlung des Verbandes der kathol. kaufmännischen Vereinigungen.

Bochum, 6. Aug. 3m weiteren Verlauf der Derhand- lnugen des ersten Tages wurde ein Huldigungstele­gramm an den Papst abgesandt, worin diesem der Dank für die Fortsetzung seiner völkerversöhnenden Tätig­keit ausgesprochen wird. Abg. Dr. T e m e s-Essen berich­tete dann über die wirtschaftlichen Forderun­gen des Handels. Er beklagte, daß der Handel so ziemlich dos Stiefkind der Parteien und der Regierung fei. Die Reichstagswahl habe dem Handel eine herbe Enttäuschung gebracht, da er im neuen Volkshaus nur äußerst spärlich vertreten sei. Der K. K. D. werde seine Organisationsarbeit darau» einstellen, daß bei den kom­menden Wahlen eine Aenderung eintrete. Auch im vor­läufigen Reichswirtschaftsrat sei der Handel, insbesondere der Einzelhandel, durchaus unzulänglich oeilrden. 3m Reichswirtschaftsministerium herrsche ein durchaus handels­unfreundlicher Geist. Hier sei geradezu eine Ausschaltung des Kleinhandels festzustellen. Bei der Schaffung der Reichsstelle für Textilwirtschaft habe man den Einzelhan­del gleichfalls vernachlässigt. Die Folge hiervon sei, daß bei der augenblicklich eingeleiteten staatlichen Aktion im Bekleidungsgewerbe der Handel völlig ausgeschaltet roer­ben soll. Dringend erforderlich erscheine die Schaffung eines Dezernates für Einzelhandslsfragen im Reichswirt, fchaftsministerium, sowie die Reform der Wuchergesetz, gebung. Als weitere Forderung stellte der Redner auf: Abbau der Zwangswirtschaft, Protestbewegung gegen eine Komzessionspflicht des Handels, die fachliche Selbstverwal­tung des Handels, Maßnahmen gegen die neuerdings aus­tretende Konkurrenz kommunaler Kleiderläger, Bildung einer Interessengemeinschaft zwischen Industrie und Ein­zelhandel. Der Einzelhandel ist entschlossen und bereit, die Versorgung der minderbemillelten Bevölkerung mit billigen und guten Waren durch gemeinschaftliche Organi­sation mit den Werkslestungen und den Derbraucherver­tretungen bei niedrigster Bemesiung des eigenen Verdien­stes zu übernehmen. Er verkenne nicht die Notwendigkeit eines systematischen Preisabbaues, durch den die int» erträgliche Spannung zwischen der Kaufkraft der Bevöl­kerung und den Preisen der wichtigen Bedarfsgüter be­seitigt werden muß. Scharfe Kritik übte der Redner an der Fernsprechgebührenordnung, die einen durchaus mittel­standsfeindlichen Charakter trage. Zum Schluß ging der Redner noch auf den zwischen den einzelnen Gruppen der Industrie, des Großhandels und des Einzelhandels schwe­benden Streit um die Lieferungsbedingungen ein und gab der Hoffnung Ausdruck, daß man sich in allen beteiligten Kreisen der gemeinschaftlichen 3nteressen bewußt bleibe und bei der Gestaltung der allgemeinen Verkaufs-, Liefe- rungs- und Zahlungsbedingungen auf die gegenseitigen Lebensnotwendigkeiten Rücksicht nimmt. Nur so weiche ein Wiederaufbau der deutschen Volkswirtschaft erfolgen kön­nen.

Aus Grund der Ausführungen des Redners wurde in einem Antrag an den Reichstag der Entrüstung über die mangelhafte Fühlungnahme des Reichswirtschaftsministe­riums mit dem Einzelhandel Ausdruck gegeben und die Reform des Gesetzes zur Bekämpfung des u n l a u tern Wettbewerbs, sowie die Abänderung der amtlichen Kalkulationssätze in den Richtlinien für die Preisprüfungsstellen gefordert. In einer roet- tern Entschließung wird die Reichsregierung dringend aus­gefordert, die Fernsprechgebührenordnung als verkehrsfeindlich gründlich abzuändern. Auch zum Tu», multschädengesetz wurde eine Entschließung ange­nommen. Eine Entschließung 'zur Konventionsfrage richtet sich gegen die drohende Kommunalisierungs- und S o - zialisierungsgefahr des Einzelhandels und spricht sich für die Bildung paritätischer Schiedsgerichte aus, die in allen Berufs- und Standesfragen den erforderlichen Ausgleich der Interessen herbeiführen sollen.

lieber Angestelltenfragen hielt Derbandsleiter Dr. S ö h l i n g-Esien ein eingehendes Referat. Er sieht im verständnisvollen Zusammenarbeiten eine der wichtig­sten Voraussetzungen für den Wiederaufftieg. Der Ver­band K. K. V. lehne deshalb den Klasienkampf energisch ab, er lege auch im Interesie der Angestellten gegen" die Art des Steuerabzugs entschiedenden Protest ein. Neben dem Bestreben nach Verbeflerung der wirtschaftlichen Lage sei vor allem der Drang nach wirtschaftlichem und poli­tischem Mitbestimmungsrecht unter den Angestellten wach geworden. Man muß verlangen, daß bei kommenden Wahlen auch Angestellte aus der Zentrumspartei kn die öffeMlichen Körperschaften gelangen. Vorbedingung muß eine intensivere politische Tätigkeit der Angestellten in der Zentrumspartei sein. 3m weiteren Verlaufe des Referats beschäftigte sich Dr. Söhling mst Einzelfragen der So- zialnolitik.

Bochum, 7. Slug. Der zweite Derhandlungstag de» Kongresies wurde eingeleitet mit einem Requiem für die verstorbenen Derbandsrnitglieder. Dor Eingang der Tagesordnung wurden Begrüßungsschreiben und Tele- gramme verlesen u. a. vom Hochw. Bischof von Fulda. Der vorlieg. Bericht beziffert das Derbandsvermögen auf 189 464,00 Mk., an Vereinsbeiträgen gingen ein 117 091,00 Mk., das Verbands-Notovfer hatte eine Ein- »ahme von 63 304,00 Mk. Der Derbandsverwaltmv,

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Montag, 9. fiuguft 1920

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Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Carl Schütte, u für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei In Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

Warschau unter Feuer.

DieTimes" melden aus Krakau: Die nördlichen ,6enforts der Festung Warschau stehen seit Ufag unter dem Feuer der russischen 2lr» liierte. Die polnischen Batterien erwidern das Luer. Es wird gemeldet, daß sich nördlich Warschau «Me zwischen Teilen der russischen Nordarmee und polnischen Verteidigungsstreitkräften entwickelt laben-

3n Warschau selbst scheint die bis dahin ziemlich zu- «sichtliche Stimmung umgeschlagen zu haben, und man ä sich der unmittelbar drohenden Gefahr bewußt ge- Miden. Der polnische Ministerrat ruft m einer an gKa. Straßenecken von Warschau plakatierten Kund- Mng das ganze polnische Volk zur Verteidigung der Sohlen Hauptstadt auf. Wie groß die Gefahr für Hachau eingeschätzt wird, geht daraus hervor, daß fremden Gesandtschaften, sowell sie nicht Warschau jeteiis verlassen haben, alles zur Abreise vorbereiten, jie dort weilenden Angehörigen der Ententestaaten Ha­jo, fast durchweg bereits die Stadt verlassen, auch der Me Teil der deutschen Kolonie ist abgereift. Der Ätsche Gesandte, Graf Oberndorfs, ist auf seinem Po- jjgt verblieben. Auch zahlreiche Angehörige der wohl- »chenderen polnischen Schichten Warschaus reifen nach

Westen ab. Die Hoffnung auf eine Waffenhilse Jtr Entente hat man fast gänzlich aufgegeben.

alle Schritte vermieden werden müffen, die unsere Neutra- lilät gefährden könnten. Dor unüberlegten Eigen­mächtigkeiten, die geeignet sind, Zwischenfälle herbeizusüh- ren, wird daher aufs dringendste gewarnt.

Tie Haltung des Vatikans.

Der Papst forderte in einem Schreiben den Kardinalvikar von Rom auf, alle Gläubigen für die Rettung Polens beten zu lassen.

Englische Schiffe in der Ostsee.

England hat seine auf der Kopenhagener Reede liegenden Kriegsschiffe nach der Ostsee dirigiert, wie es heißt, nach Danzig. Elwas Bestimmtes ist bt§. zur Stunde darüber -nicht zu erfahren, dagegen hat man große Fiottenableilungen beobachtet, die eben­falls in gleicher Richtung gingen, darunter fünf große Schlachtschiffe und große Mengen kleinerer Fahrzeuge.

Amerikas Kriegshilfe unmöglich.

Wilson hat wegen der polnisch-russischen Frage eine längere Konferenz mit dem Staatssekretär des Auswärtigen gehabt. Nach der Meinung von Washing­toner Regierungskreisen ist es ganz uttto a hrschein- lich, daß die Vereinigten Staaten sich an einer militärischen Operation beteiligen könnten.

Deutschland und Rußland.

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Die Verhandlungen in London und tzylhe.

5n London liegt jetzt eigentlich der Schwerpunkt fli die Entscheidung in der Ostpolitik. England gibt lebte Dermittlungsaktion nicht auf. Lloyd George hat M nur nicht die Verhandlungen mit Kamenew und Steffin abgebrochen, sondern sich offenbar dem ruf» fschen Standpunkt genähert. Er hat am Freitag und tzunslag viele Stunden lang mit den beiden russischen Vertretern verhandelt u. gestern, Sonntag, fand in dem msslischen Hafenstädtchen H Y t h e eine Zusammen- 6mft Mischen Lloyd George und M i l l e r a n d Itntt, der auch Marschall Fach und Marschall Wilson tawohnten und in der es sich offenbar darum handelte, tat Franzosen das Abkommen, das Lloyd George mit tat Rusien vorhat, schmackhaft zu machen. Worin dieses Abkommen besteht, weiß man nicht, aber jeden- Ms wird die Entente den Russen weit ent» gegentomm,en müffen. Englische Zeitungen neh­men bereits an, daß der Standpunkt der Russen, zu- richst nur direkt mit den Polen zu verhandeln, an- tennmmen werden wird, und daß dann in London mit Hinzuziehung von Deutschland und den Ostsee­lindern die gesamte Neuordnung des Ost- froblems und vielleicht sogar des europäischen Problems behandelt werden würde. Allerdings be­dürfe es noch dazu der vollen Zustimmung Frank­reichs, während Italien für diesen Plan zweifellos leicht zu gewinnen sei.

Vorläufig hält man die Aussichten zu einer Eini- ßtmg mit Rußland zu kommen, für ziemlich düster. ®n offiziöser Bericht aus englischer Quelle vom Sonntag mittag über die Konferenz von hythe besagt:

Die englische Regierung hat von den Sowjets eine end- tätige Antwort auf' die Note, die ihnen am Freitag über- sicht wurde, nicht erhalten. Indessen erhielt sie Andeu- iMgen über die Absichten der Bolschewisten «d sie lasten voraussetzen, daß diese sich weigern, der «»rgeschlagenen Einigung zuzustimmen. ®on weiß, daß nach der Konferenz, die Lloyd George, Sonar Low und Lord Curzon am Freitag mit den Haupi- dklegierten der Sowietreglerung in London hatten, ein Memorandum nach Moskau geschickt wurde, um den Ab- ichluß einer Waffenruhe für die Zett von zehn Ta- tat an der russisch-polnischen Front zu erlangen, unter w Bedingung, daß man beiderseits in den Stellungen ««bleibe, ohne sie während dieser Zeit zu verbestem. Da "ch die Sowjets weigern, die Operationen zu verbrechen, fand den ganzen Vormittag ein reger Meinungsaustausch über die zu treffenden Maß» tahmen statt, der um halb 3 Uhr nachmittags wieder auf» tawmmen werden soll.

Der ruffische Standpunkt aeht bekanntlich dahin, °°ß Rußland feinen Waffenstillstand schließen könnte, chne gewisse Bedingungen und Sicherheit zu vertan­en. die auf militärffchem Gebiete liegen. Die Tat» «che der planmäßigen und fortdauernden Hilfe, die wen von Frankreich erhält, sowie die Anwesenheit ebenfalls von Frankreich unterstützten Generals Mangel in der Krim nötige die ruffische Regierung toiffe Bürgschaften zu erlangen, die es Polen un­möglich machen würden, den Waffenstillstand durch wbereitungen neuer Feindseligkeiten gegen Rußland ^greifen. Die russische Regierung geht dabei von jtata« denselben Grundsätzen aus, die seinerzeit die wente bei dem Abschluß des Waffenstillstandes mit Evtschland eingehalten hat.

Eine neue Aufforderung an die Polen.

. Die Sowjetregiernng hat am Samstag abend von ^o'kau einen Funkspruck an die polnische 'Regie« '«3 gesandt, in dem sie diese aufforderte, Sonntag "°tads 8 Uhr aus der Chaussee Miedzhrzecz-Brest- ^vwsk Delegierte zu entsenden. Die russische "^ieruna erklärt sich in dem Funkspruch bereit, J11? der Grundlage der vollständigen Unabhängig» E't Polens in Verbandlungen einzutreten, in gleichzeitig die F riedensbed in g ungen ^gefetzt werden sollen."

Die deutsche Neutralität.

.. Der PariserTemps" schreibt:Di« Alliierten haben a [ s und in keiner Form Deutschland gegenüber f- Absicht kundgegeben, durch deutsches Gebiet 'Euppen hindurchzusühren, die dazu bestimmt waren, polnischen Front zu kämpfen." Diese Erklärung I® -Temps" entspricht durchaus den Tatsachen. Ob aber .^nkrejchz Staatsmänner, deren Verblendung kaum noch ^nzen hat, unter allen Umständen davon absehen mer» den Vormarsch durch Deutschland zu erzwingen, wenn

-jJta) zum Kriege gegen Sowjet-Rußland entschließen Das ist damit natürlich noch keineswegs gesagt.

.Das Pariser Blatt weist darauf hin, daß die Entente ^Aote an die deutsche Regierung richten die über deutsche Eingriffe in den regelmäßigen !"Sverkehr nach dem Abstimmungsgebiet führe. Diese c? ist inzwischen in Berlin pingegangen. Die deutsche Gerung läßt aus diesem Anlaß offiziös die Mahnung sprechen: Die deutsche Bevölkerung muß sich bewußt

' daß bei der berechtigten Sorge um1 unsere Neutralität

Der Berliner Vertreter Der unabhängigenLeip;. Volkszeitung" hatte mit dem Außenminister Dr. Simons eine längere Unterredung über die Wieder« Herstellung der deutsch-russlscheu diplomatischen Be- ziehungen. Auf die Frage, ob der Minister bereit sei, die'diplomatischen Beziehungen wieder herzustellen, erwiderte Dr. Simons:

Ich bin zur sofortigen Wiederherstellung der diplo» malischen Beziehungen mit Sowjetrußland bereit, so­bald man uns Genugtuung für die Erm ordung des deutschen Gesandten gegeben hat. Wir müssen die Genugtuung fordern, da der Anspruch auf die Unverletzlichkeit eines Gesandten nicht abhängig ist von der jeweiligen Staatsform, sondern ein rnternatio- nales Recht darstellt, auf dessen Wahrung das Volk Start legen mutz. Deshalb müssen wir diese Forderung erheben, obwohl der Graf Mirbach der Gesandte nicht der gegenwärtigen republikanischen, sondern der alten kaiserlichen Regierung war. Ich bin ober gewillt, der polnischen Neuorientierung in beiden Ländern Rechnung zu tragen, indem ich es der russischen Regierung über- lasse, über die Form der Genugtuung Vorschläge zu machen, und erwarte deshalb ein der Schwere des Falles angemeffene» Angebot.

Im Laufe der Unterredung erklärte sich der Außenminister bereit, jeder privaten Anregung zwecks Wiederaufnahme der wirtschaftliche» Beziehungen zu Rußland amtliche Unter­stützung angedeihen zu lassen, um auch die Wieder­herstellung der wirtschaftlichen Beziehungen zu fördern.

Ich bin, fuhr Dr. Simons fort, der Ueberzeugung, daß zu einer wirtschaftlichen Gesundung Euro- pas die Zusammenarbeit Deutschlands und Rußlands erforderlich ist. Es braucht Rußland die deutsche industrielle Mitarbeit ebenso sehr, wie wir die ruffische» Lebensmittel und Rohstoffe. Soweit ich im Augenblick die Lage übersehe, bestehen weder im Kabinett noch bei irgend einer Partei Bedenken gegen die Wiedergufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Rußland; sie wurde vielmehr in letzter Zeit als äutzerst sympathisch und für die deutsche Zukunft als dringend notwendig begrüßt.

Dr. Simons warnt davor, an die deutsch­ruffische Verständigung politische Hoffnungen zu knüpfen, die uns in den Verdacht bringen könn­ten, als wollten wir uns den Verpflichtungen des Versailler Vertrages durch ihre Hilfe entziehen.

Die französische Forderung in der Flaogenfrage.

Nach der Meldung einer Berliner Telegraphen- Agentur hat der Vertreter des zurzeit abwesenden fron» een Botschafters in seiner Unterredung mit dem .ter des Auswärtigen Dr. Simons auf Bestra­fung des Reichswehroffiziers, der di- Kom­panie bei der Ehrenbezeugung von der französischen Botschaft kommandierte, nachdrücklichst bestanden. Als Gnmd hierfür wird angegeben, daß dieser Offizier den Befehl zum Anstimmen des LiedesDeutschland, Deutschland über alles" gegeben habe. Don zuständiger Seite wird hierzu folgendes mitgeteilt: Die Darstellung bfes französischen Diplomaten stützt sich in der Haupffache auf die Bekundungen französischer Kapi­täne, die sich während der Ehrenbezeugung im Vestibül der Botschaft aufhietten und gehört haben wollen, wie der deutsche Ofsizier beim Abmarsch der Truppe den Befehl gegeben habe:Jeder Mann soll sin­gen!" Demgegenüber sei darauf hingewiefen, daß ein solches Kommando in der deuffchen Armee nicht b e- steht. Das Kommando des Offiziers beim Abmarsch der Kompanie von der Boffchaft lautete vielmehr wie üblich:Im Gleichschrttt marsch!" Es muß also ange- nommen werden, daß die der deuffchen Sprache nicht sehr mächtigen französischen Offiziere diesen Befehl mißverstanden und in ihrem Sinne ausgeleqt haben. Die Kompanie begann mit dem Gesang erst, als sie ein ganzes Stück von der französischen Botschaft entfernt mar, und es sei auch hier nochmals darauf hin- gewiefen, daß ein Mann aus der Truppe, ohne den Befehl dazu erhalten zu haben, das Lied anstimmte, worauf mehrere Soldaten einfielen, bis schließlich die ganze Kompanie das Lied aufnahm. Für den Kom- paniesührer lag nicht der geringste Grund dafür vor. der marfchierenden Truppe den Gesang zu verbieten, da der Akt der Ehrenbezeugung vor der französischen Fahne vorüber war. Diese Darstellung wird übri­gens von zahlreichen Zeugen aus dem Publikum be­tätigt.

Gegen die Besetzung des Ruhrgebiets.

Wie der Genfer Berichterstatter des ,Berl. Tgbl. hört, haben die Bergarbeiter von England und Frankreich den sofortigen Eintritt in den Streik -ugesichert. falls das Ruhrgebiet beseht werde) Der endgültige Beschluß hierüber wi«d m London am 5. Oktober vom internationalen Berg- arbeilerausschuß gefaßt werden.

Tas Ende des Boykotts gegen Ungarn.

Ter von den Gewerkschaften gegen Ungarn ver­hängte Verkehrsbohkott ist wegen seines Mißerfolgs am 8. August eingestellt worden.