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Samstag, 7. August 1920.

Fuldaer Zeitung

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Ein Weckruf an die Katholiken.

Die Akten über die Reichsschulkonferenz L0 noch nicht abgeschlossen. Allmählich erhält man aus q^sammlnngsberichten Kenntnis über die auf dieser Inferenz in die Erscheinung getretenen Geistes- Dämmungen. In Köln nahm eine Dersamm- Ljcf katholischer Lehrenden der höheren, mittleren und «^sschulen Kölns und der weiteren Umgebung ein- «hfltnig die nachstehende Emschließung an:

" Die Versammlung von katholischen Lehrenden aller Schularten bedauert, daß die Reichsschulkonferenz bis jm tacholischen Deutschland noch nicht das In­gresse gefunden hat, das ihr gebührt. Eie fordert »je Katholiken auf, ihren Verlauf und ihre Ergebnisse Angehend zu studieren und den vielen chrrstentumfeind- Men Bestrebungen, die auf dieser Konferenz zum Adruck kamen, kräftigste Abwehr entgegenzu- jetzen. Sie bittet aber auch die Glaubensgenossen, gotn Standpunkt ihrer Weltanschauung aus kräftig an }et Ausgestaltung unseres Erziehungswesens mit, .»arbeiten.

Diese Resolution ist leicht verständlich, wenn man fje Berichte der Referenten in dieser Versammlung liest, go entrollte die Vorsitzende des Verbandes katholischer Mischer Lehrerinnen, Oberlehrerin Schmitz (Aachen), yt Bild des äußeren Verlaufes der Konferenz unter stsonderer Berücksichtigung des Auftretens der kathol. Krtreter und der aus den Verhandlungen für die Kstholiken sich ergebenden Lehren und Forderungen.

Emleiterch schilderte sie das lebhafte Mißtrauen und ft große Besorgnis, mit der die Katholiken der Kon- taenä entgegensahen und das schon durch ihre ganze Zusammensetzung gerechtfertigt war. Unter den 30 Referenten befanden sich nur vier positive Ka- jholikeu. Die Katholiken haben iudeflen ihre ganze jstast eingesetzt, um bei den Verhandlungen stark ver­treten zu fein. Wenn es auch nicht möglich war, die Ml der katholischen Referenten zu erhöhen, so gelang s doch, die Zahl der katholischen Teilnehmer erheblich zu vermehren. Lebhafte Klagen wurden erhoben nicht nur gegen die geringe Zahl, sondern auch gegen die Art i«Verteilung der katholischen Teilnehmer auf die einzelnen Kommissionen. Die beiden Vertreter des Episkopates wurden bezeichnenderweise den min- der wichtigen Kommissionen für Auslondsschulen und für Volkshochschulen zugewiesen. Auf energischen Protest hin wurden sie dann den Ausschüssen für El» iembeiräte und für Privatschulen zugeteilt.

Man hatte von vornherein den Eindruck, daß das bestreben vorwaltete, die Katholiken an möglichst un­schädlichen Stellen unterzubringen. Die entschiedene Lehrstellung hat Erfolge gezemgt. Die Schulorgani- sation der Katholiken Deutschlands unter Führung des Wrmrats Marx hat sich mit prächtigem Erfolge um den festen Zusammenschluß der katholi­schen Konferenzteilnehmer bemüht. Das Auftreten und das Zusammenwirken dieser rund 60 Katholiken, war nicht nur von dem erhebenden Be- Mßtsein kraftvoller Geschlossenheit erfüllt, sondern ach von der Erkenntnis, wie nützlich und notwendig eine solche enge Fühlungnahme zwischen Geistlichen Aid Laien, zwischen den Lehrkräften der verschiedenen kchnlarten, zwischen den Vertretern aus dem Norden tuw Süden, kurz aller im katholischen Deutschland an der Schule berufsmäßig interessierten Kreise auf dieser Konferenz war und wie diese Vielheft durch ihre Gin» eit erst zur wünschenswerten Bedeutung sich auswuchs. !ie Frage nach der Methode des Auftretens ließ natür- iich zunächst auch Meinungsverschiedenheiten von einzel- nm und Gruppen aufkommen. Die Politiker betonten die Kunst des Erreichbaren, andere lehnten den Parla- Miitscharakter der Konferenz ab und forderten klare Herausstellung des grundsätzlichen Standpunktes. Die letztere Auffassung drang durch, und an ihrer Vertre­tung wurde damals festgehalten. Die stärkere Hilfe m akademisch gebildeten männlichen Lehrerschaft wurde "tsolge ihrer geringen Vertretung sehr vermißt. Mit «knugtuung konnten die katholischen Teilnehmer im Verlaufe der Konferenz eine Besserung in der Art der Behandlung, eine gewisse Höflichkeit und Rücksichtnahme * der Seite der Regierung wie von den andersge- tchleten Teilnehmern feststellen. Die Rednerin schilderte »atm in knappen Strichen die Tätigkeit der katholischen

Teilnehmer in den einzelnen Ausschußberatunzen wo ein besonderer Wert auf die klare, grundsätzliche Stellungnahme gelegt werde.

Als Gesamteindruck der Konferenz bezeich­nete Frl. Schmitz das Vorhandensein einer dem christ­lich-katholischen Erziehungsideal im Volk und in der Lehrerschaft gegenüberstehenden äußerst starken und vielgestaltigen Gegnerschaft. Diese Fest­stellung enthalte indessen nichts Niederdrücken-des, son­dern wecke umso stärker das innere Bewußtsein, daß wir Katholiken der großen geistigen Zerrissenheit un­serer Zeit in unserem Glauben etwas unendlich Be­glückendes, Geschlossenes und Festes gegenüberzustellen haben, die Freude und das Bewußtsein, daß wir in unserer Weltanschauung etwas Klares und Bestimmtes haben, von der aus es verhältnismäßig leicht ist, zu einer Reihe von Fragen Stellung zu nehmen, die an­ders gerichtete Geister aufregen und nicht zur klaren Entscheidung trimmen lassen. Die Konferenz sei auch geeignet, die Erinnerung zu stärken an die. Dielen gro­ßen Erziehungsersahrungen und -Weisheit, sowie an die vorzügliche Erzichungstradition des Katholizismus, die uns als reiche Schatze einer großen Vergangenheit überliefert sind. Im Geistesringen der Zukunft dürfe der Katholizismus sich nicht wie bisher ledig» lich auf tapfere Abwehr beschränken. Mr seien so reich gestellt, daß wir auf allen Gebieten auch fruchtbare positive Arbeit lei st en können. Die Rednerin schloß mit dem Wunsche, daß die Bera­tungen der Reichsschulkonferestz die Katholiken ausmvn- tern zum Kampf und zur Verteidigung, aber auch er­mutigen, aus sich selbst heraus positiv an der Aus- und Umgestaltung unseres Schulwesens in echt christlich- katholischem Geiste kräftig mitzuarbeiten.

„Wo ist eigentlich der Friede?"

Das vatikanische Organ, der „Osservaiore Romano", veröfsentücht unter dem Titel „Siegfrieden und Aus- gleicksfrieden" einen Leitartikel, der ein zermalmendes Urteil über den Versailler Frieden ausspricht.

Der Leftartikel erinnert an das Schreiben des Papstes vom 1. August 1917, in dem ein Aus­gleichsfrieden vorgeschlagen wurde. Man habe diesen Brief nicht beantwortet (während bekannllich die Mittelmächte den Brief mit Zustimmung beantwor­tet haben) oder höchstens dadurch, daß man die Vor­schläge in den berühmten 14 Punkten Wilsons verwäs­serte und verschlechterte. Das Blatt stellt die Frage, ob der Versailler Frieden die großen Opfer rechtfertige, die man der Menschheit auferlech habe. Der Verfasser zergliedert die Grgebniffe von Versailles, die Gebiets­fragen feien nicht in Uebereinstirnmung mit den Prin­zipien der Gerechtigkeit und der berechtigten Ansprüche der Völker gelöst worden. Zwei Reiche seien gestürzt, aber man dürfe nicht die Augen vor der Tatfack)e ver­schließen, daß die Deutschen, wenn auch ein Präsident statt eines Kaisers an ihrer Spitze stehe, das zahlreichste Volk des Ostens geblieben seien. Aus der österreichisch- ungarischen Monarchie sei em neuer, viel angriffslusti­ger und gefährlicher Staat hervorgegangen, der die Vorhut einer gegen das ßateinertum gerichteten Rasse bildet und von stolzen Erwartungen auf die Vorherr­schaft Über den Kontinent und das Meer erfüllt ist. Italien weiß davon zu erzählen. Der Verfasser schließt mit der Frage, wodennei^entlichderFriede sei. Es gebe keinen Frieden, weder zwischen den Feinden von gestern, noch zwischen den großen und kleinen Völkern, noch zwischen den sozialen Klassen, noch zwischen den neuen Nationen, die von Anfang an mit der Erbkrankheit behaftet waren. Angesichts dieser furchtbaren Wirklichkeit voll Enttäuschungen und Dro­hungen ergebe sich, daß das Wort des Papstes in Wahr­heit das Heil der sozialen Ordnung und der Zivilisation bedeutete.

Entweder — oder.

Man schreibt uns: Bei vielen Gelegenheiten, m fast allen Versammlungen unserer Kaligegend wird von den sozialdemokratischen, freigewerkschaftlichen Beamten zur Ginfangung christlicher Arbeiter die Phrase < breit­

getreten: Religion ist Privatsache! Jeder Sozialdemo­krat kann auch guter Christ sein! Ja, hie und da stellt man sich sogar hin und beweist die Religionsfreundlich­keit der sozialistischen Bewegung. Berständige Arbei­ter, die schon m der Welt herumgekommen sind, wissen freilich schon lange, daß das keine innere Ueberzeugung, sondern nur Mache und Gimpelfang ist; sie wissen aus den sozialistischen Büchern und aus der, Praxis, daß Bebels Wort nur allzu wahr ist: Sozialismus und Christentum stehen sich gegenüber wie Wasser unb Feuer. Auf dem christlich-nationalen Arbeitertag in R 0 mmerz zeigte Abg. Stielet diese Unversöhn­lichkeit in glänzenden Ausführungen, weil ja die ma­terialistische Welt- und Geschichtsauffassung der Sozial­demokratie die Existenz Gottes verneine. Und Reichs- tagsabg. Höner schilderte an mehreren Fällen, wie auch in der Praxis die Sozialdemokraten alles andere denn religions- bezw. christentumsfreundlich feien. Und heute geht gerade wieder ein praktischer Beleg durch die Presse, der nicht eindringlich genug den christlichen Arbeitern, den christllchen Frauen und Iung- frauen zum Nachdenken nahegelegt werden kann. Wir lesen da:

Nach einer großen Versammlung, welche die U. S. P -Partei am 27. Juli in Berlin in der Viehbofbörse abhielt, machte der Versammlungsleiter einige Aus­führungen, die sinngemäß hier wiedergegeben werden sollen. Er erklärte: \

„Genossinnen und Genossen, wir haben schon im März beschlossen, im September auch für unseren Be­zirk eine Jugendweihe zu veranstalten. Trotzdem immer und immer wieder um Angabe der Jugend, die daran teünehmen soll, gebeten wurde, sind bis heran — ich schäme mich fast es zu sagen — ganze acht An- Meldungen erfolgt, Dieser Zustand zeigt so recht, daß in den Familien bezüglich recht sozialdemokratischer Er­ziehung nichts geleistet wird. Biele Genossen meinen, wenn sie Parteimitglied sind und den roten Stimm­zettel abgeben, ihre Pflicht als Sozialdemokraten erfüllt zu haben. Sie lassen es zu, daß ihre Kinder vor tote nach in die religiösen Per du mm un g s ansta l ten der Pfaffen gehen, und laufen selbst noch in die Kirchen. Damit . muß endlich radikal ge­brochen werden." Er verlangte dann dringend An­gabe der Teilnehmer.

AuS den Vorwürfen des unabhängigen Versamm­lungsleiters geht hervor, daß selbst in Berlin trotz ihrer Zugehörigkeit zur unabhängigen Partei noch viele Eltern religiös sind und noch die Kirche besuchen. ^Ter Vorfall zeigt andererseits aber wieder einmal, was von dem sozialdemokratischen Programmsatz: „Religion ist Pri­vatsache", zu halten ist. Wenn alle Lätze dieses Pro­gramms so wenig respektiert werden tote dieser, muß die Partei in sich zusammenfallen. Daß übrigens die Unabhängigen ihren Haß gegen jede positive Religions­gemeinschaft nicht meistern können, bewies noch jüngst die Tatsache, daß sie von ihren Kandidaten zum Groß-Berliner Stadtparlament den Austritt aus den K irchengem et n sch a f te n verlangten.

Dies ist nur ein Beispiel von Tausenden. Sollten sich angesichts solcher Tatsachen nicht endlich die Ar­beiter, die noch einen Funken von Christentum sich ge­rettet haben, aufraffen und die christentumsfeindlichen Organisationen, seien das nun freie Gewerkschaft ober sozialdemokratische Parteien, beide sind in dieser Be­ziehung ein- und dasselbe, verlassen, um in christlichen Organisationen, im koch. Arbeiterverein, christlichen Ge­werkschaften. mit Ernst, Nachdruck und mannhafter Ent- schiÄtenhett an der wirtschaftlichen Besserstellung ihres Standes zu arbeiten? Wann zerreißen sie endlich die Ketten elender, erbärmlicher Menschenfurcht? Denn nur die hält sie noch immer zurück, nicht aber innere sozialdemokratische ungläubige Ueberzeugung. Ist dem so, und von wenigen Ausnahmen abgesehen ist das tatsächlich der Fall, dann gehören die „rot" organisierten Arbeiter im hiesigen Bezirk innerlich zu den „Christ­lichen" und äußerlich zu den „Freien-Sozialdemykrati- schen", das aber ist Heuchelei, da die innere Gesinnung der äußeren Handlungsweise widerstreitet. Vor solchen „halben" Menschen kann niemand Achtung haben. Ent­weder — Oder!

aus dem Nachbargebiet.

F Langenbieber. A« 4. August sprach Herr Dr. Alfred Anbreesen vom Landerziehrmgsheim Bieberstein im

Hotel Biebertal vor einer gutbefuchten Versammlung des Lehrerbezirksvereins Hofbieber und zahlreichen Säften aus der weiten Umgebung, sowie aus Fulda, Hünfeld, Staffel und Frankfurt a. M. über irre Reichsschulkonferenz und die heutigen Bestrebungen zur Schul­reform. Die Reichsschulkonserenz, als deren geistiger Ur­heber Unterstaatssekretär Scholz anzusehen ist, und aus der politische Interessengruppen und Vertreter von Standes- interessen die Sachlichkeit zu beeinträchtigen drohten, sowie Programmverfechter nebeneinander herredeten, ohne auf­einander einzugehen, hätte in der zur Verfügung stehenden Zeit zu keinem Ergebnis führen können, wenn sie sich nicht in zwanzig Ausschüsse aufgelöst hätte, in denen sich die wertvollste Arbeit vollzog. Die Berichte der Ausschüsse konnten natürlich feine Mehrheitsbeschlüsse der Reichs- schulkonserenz darstellen, sondern wurden dem Plenum als Material vorgelegt. Insbesondere wurden acht Grup­pen von Fragen ausgeschieden, die sich auf Schulaufbau, Arbeitsimterricht, Lehrerbildung, Erziehung in der Schule. Elternbeirat, Technische Vereinfachung des Unterrichts, Reichsschuloerwaltung bezogen und die Referenten dafür bestimmt. Herr Dr. Andreesen griff besonders die Fragen heraus über den Schulausbau, Schülerauslese, Lehrerbil­dung, Arbeitsunterricht und Schulgemeinschaft und berich­tete, soweit ihm die Zett dazu zur Verfügung stand, ein- gehend darüber. In der Frage: Sollen wir unsere heu- tigen Schultypen. in scharfer Sonderung bestehen lassen oder sie in einen großen Organismus zusammenarbeiten? standen sich zwei Extreme gegenüber, die von Dr. Binder und Dr. Garfen vertreten wurden, während Tews einen Mittelweg ging. Dr. Binder verlangt eine vierjährige - gemeinsame Grundschule, auf der sich unsere Schultypen in ihrer jetzigen absoluten Gebundenheit aufbauen sollen. Dr. Gerfen will keine Schultypen mehr, sondern nut eine große Schule. Das Klassensystem fällt fort und Kurzsystem tritt ein. Jeder wählt sich die Führer, der er gerade für den erwählten Beruf nötig hat. Er vertritt den absoluten Individualismus, die absolute Freihest. Tews geht den Mittelweg; er will keine Aufgabe der Klassen, sondern deren baumartige Verzweigung. Er verlangt eine sechs­jährige Grundschule. Daraus bauen sich zwei Blöcke auf: eine zweijährige Volksschule oder für technische Berufe eine dreijährige Mittelschule mit einer Fremdsprache. Die drei­jährige Oberschule gliedert sich bann in humanistisches Gym­nasium, Oberrealfdjule und deutsche Ober-Schule. Der Volksschule schließt sich die sachliche Fortbildungsschule an. Vertreter der höheren Schulen lehnten das ab, weil da­durch das Schulziel der höheren Schulen herabgesetzt wurde. Schulrat Kerschensteiner wünscht besonders noch, daß neben den Massen sich Arbeitsgemeinschaften bilden und soge­nannte Förderzüge eingeschaltet werden für gut begabte und auch für schwachbegabte Kinder. Ein Anttag Tews wurde angenommen, der vier Jahve Grundschule, drei Jahre Mit­telschule und darauf aufbauend einen dreijährigen Block als Realschule und einen sechsjährigen sich in Gymnasium, Realgymnasium, Oberrealschule und deutsche Oberschule gliedernden Block vorsieht, ferner ländliche Sammelschulen oder Ausbauschulen, die im Zusammenhang mit den Volks­schulen alle Schüler vom Lande sammeln, die eine höhere Schule besuchen wollen. Ein Antrag Kerschensteiner-Peter- sen forderte, Sonderbegabungen durch Sonderkurse zu fördern und ein Antrag Gierl-Oestreich-Earsen, daß frü­hestens nach vier Jahren die erste Differenzierung em» treten dürfe und die Gesamtheit die Pflicht übernimmt, die Bildung des Schülers unabhängig von den materiellen Mitteln seiner Eltern zu handhaben. In der Grundschule lernen alle dasselbe, in der höheren Schule gibt es einen Kern von Pflichtfächern. Außerdem besteht die Pflicht, an fünfzehn weiteren Stunden Unterricht in zwei oder drei fakultativen Pflichtfächern nach freier Wahl teilzunehmen, um dadurch die Möglichkeit zu geben, jedem Kinde gerecht werden zu können. Heber das Problem der Auslese der Schülernach ihrer Begabung hatte Dr. An­dreesen auf der Reichsfchulkonserenz selbst zu referieren. Er lehnte ent rein experimentelles psychologisches Verfahren bei der Schülerauslese ab, weil das eine Vergewaltigung der Seele des Schülers bedeuten würde. Kein Psychologe kann in einer Stunde feststellen, was in einem Menschen schlummert. Eine Auslese kann nur auf Grund eingehender pädagogischer Erfahrungen getroffen werden. Aus den Urteilen der Lehrerschaft einer Klasse in Verbindung mit den Urteilen des Elternhauses kann unter Berücksichtigung der Wünsche und der Selhstbeurteilung des Schülers allein die Entscheidung getroffen werden. Psychologische Der» fahren können m zweifelhaften Fällen ergänzend mit her- angezogen werden. Abzulehnen ist ein besonderer Prü­fungsausschuß, in dem andere Personen sitzen als solche, die mit dem Kinde zusammengelebt haben. Falsche Ent» scheidungen müssen durch zahlreiche Uebergangsmöglichkei- ten zwischen den Schularten berichtigt werden können. Von der Lehrerbildung wurde gesagt, daß sie re» formbedürftig sei sowohl für Dolksschuliehrer als auch für Oberlehrer. Die rein wissenschaftliche Bildung ist zu ein­seitig eingestellt» Die Wissenschaft verlangt ein Spezia-

Zum 50. Jahrestag

der Schlacht bei Wörth.

Ein Gedenkwort für die noch lebenden Mitkämpfer aus dem Fuldaer Lande.

Gar stark zusammengeschmolzen ist die Schar der getanen aus Deutschlands großem Kriege gegen Frankreich. Betrug ihre Zahl im deutschen Vater- mde vor dem Weltkrieg noch über 200000, so Mte sie jetzt schätzungsweise auf etwa 60000 zu- ‘Wtgegangen fein. Gering wie die Zahl ist auch die M^meine Wertschätzung der Kriegsteilnehmer der utege 1866 und 1870/71 geworden. Der große Weltkrieg hat auch hier als Ilmwerfer oster über« ”®menen Begriffe gewirkt und die Taten der ytttranen in Vergessenheit geraten lassen. Und rw gebührt unsere tiefste Verehrung und Ehrfurcht j? Kriegern der deutschen Einigungskriege, ihnen, ,e "un alle weißhaarige Greife sind und "vielfach der Not der Zeit besonders zu leiden haben. m Unfeien Fuldaern Landsleuten sollte es befchfeden !?'. gleich in den ersten Tagen des Krieges die mttge Feuertaufe zu erhalten. . Zwei Regimenter ^lren es vor allem, in deren Reihen sie fochten, ? Infanterie-Regimenter Nr. 32 und 88, die zum ^Armeekorps und somit neben den süddeutschen Wben zur 3. Armee unter dem Kronprinzen °7?>nch Wilhelm, dem späteren Kaiser Friedrich III., Worten.

dem Siege bei Werßenourg am 4. August «tert größere Erkundungen ergeben, daß das Gros Armee Mac Mahons in der Gegend von Frösch- konzentriert sei. Für den 6. August war ^halb eine Frontveränderung der 3 Armee gegen Men angeorönet. Infolge des Ungestüms der ^">eirigen Truppen tarn es aber tchon während ‘ler Bewegung, entgegen der Absicht des großen f,?Eralstabes, zur Schlacht. Tie äußerst starke, 5 . 6 km -lange Schlachtlinre der Franzosen Über Mweiler und Etsaßhausen bis zur Höhe östlich r* Gbetbadt war in her Front durch hen 'Sauer« ...8ebedt, dessen 1000 Schritt breites Wtesenlal gjranbig unter dem Feuer der französischen Ge» j :e Konh. Lor der Mitte der Stellung lag das Wörch. Das V. preußische Korps stand bereits E j, August Wörth gegenüber bei Preuschdors, Wi bayerische Korps rechts davon bei Lembach, 1 ^uch von Wörth. Am trüben Morgen des August erfolgte zuerst durch das V. Korps eine . Esame Erkundung auf Wörth, das unbesetzt ae- -?kn wurde. Auf den hierbei vernommenen Ge- Monner ging eine Division deS II bayerischen 4 Y 5Um Angriff auf Frö chweiler vor und hatte tniA auf nordöstlichen Au-läufer der "tchweiler Höhe festgesetzt, als um 10Va Uhr vom

Oberkommando der Befehl ein traf, das Gefecht ab» zubrechen. Diesem Befehl leisteten die Bayern Folge. Das V. Korps, im Zentrum der deutschen Truppen stehend, hatte fetnerseits auf die Kunde des von den Bayern begonnenen Kampfes hin um 9 Uhr die Schlacht eröffnet. Um 10 Uhr gab General Kirch­bach, der Führer des V. Korps, Befehl zur Erstür­mung von Wörth und der gegenüberliegenden Höhen. Wörth wurde unter verheerendem Feuer des Feindes besetzt und dauernd gehalten. Aber der Sturm auf die Höhen wurde durch kräftige Vorstöße der Fran- zolen wiederholt zurück geschlagen. Da erfolgte um lO'/s Uhr der oben erwähnte Befehl, das Gefecht abzubrechen. Das war ;edoch nicht mehr möglich. General Kirchbach mußte sich vielmehr zur Fort» setzung der Schlacht entschließen und erbat sich trif­tiges Eingreifen der Flügelkorps. Tas V. Korps hatte nun 2 Stunden lang die ganze Wucht des franzö­sischen Angriffs auszuhalten. Aber alle Versuche der Fran­zosen, sich Wörth und Spach­bachs zu bemächtigen, scheiter­ten an der Standhaftigkeit der deutschen Truppen. Um 1 Uhr traf der Kronprinz auf den Höhen von Wörth ein und übernahm die Leitung der Schlacht, welche nun in ihr 2.

Stadium trat.

Das I. bayrische Korps unter General von der Tann war um dieselbe Zeit zwischen dem II. bahtifchen und V. preutz. Korps bet Görsdorf in bi. Schlacht eingerüdt. General Kirchbach zog nun alle Reser­ven des V. Korps heran und erstürmte die Höhen von Fröschweiler. Dieser Angriff wurde mit solcher Wucht ge­führt, daß trotz der tapferen Gegenwehr der Franzosen der Höhenrand erreicht und dauernd behauptet wurde. Das $[. Korps unter General von Boje hatte unterdessen bet Gunsialt die Sauer über schritten unb nach Einnahme von Morsbronn unb bes Älbrechtshäuser Hofes den rechten Flügel des Feindes zurückgeworfen. Es erfolgte hierauf jener denkwürdige französische Reiterangriff (2

Kürassierregimenter und Teile des 6. Lanzier- regzments) von Eberdach aus in die Richtung auf Morsbronn, der mit der Vernichtung der fran­zösischen Truppe endigte. Die kühne Reitermasse traf zuerst auf Teile des 32 und 94. preußischen Regiments und die 3. Pionierkompanie. Nach dem Geueralstabswerk „empfing man den verwegenen Angriff, wo man gerade stand und ohne Carres oder auch Schützenknäuel zu bilden". In wenigen Augenblicken waren die 3 französischen Regimenter durch das Schnellfeuer der preußischen Bataillone vernichtet. Die zersprengten Ueberrefte suchten in der R chtung auf Türrenbach das Weite. Nach er­bittertem wechselvollem Kampf warf das XL Korps den Feind endlich auch aus dem Niederwald und er­stürmte das Dorf Elsaßhausen. Hier griff Mac Mahon zum zweiten Mal zu dem letzten Mittel

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eines Reiterangriffs, um sich auf seinem rechten Flügel des Feindes zu erwehren. Aber die aus 4 Küraffierregtmentern bestehende Division erlitt bei ihrem Ansturm gegen Elsaßhausen dasselbe Schicksal wie die Brigade Michel bei Morsbronn. „Sie wurde vom Feuer des Gegners auseinandergesprengt, ohne diesen überhaupt zu Gesicbt zu bekommen".

Die Erstürmung des Dorfes Fröschweiler ist der 3. Abschnitt der Schlacht. Die nmrttembergifcbe Di­vision war gleich nach der Einnahme von Elsaß­hausen daselbst eingetroffen und bildete in dem nun­mehr um 4 Uhr nachmittags erfolgenden allge­meinen Angriff auf das Tors Fröschweiler den festen Kern. Das V. Korps rückte auf dem Höhenrand immer näher an das Dorf heran. Das I. bayrische Korps hat im Verein mit Teilen des II. bayrischen Korps auch im Norden den Gegner auf Fröschweiler zurückgeworfen und drückte bereits auf dessen Rück­zugslinie. Als schließlich die deutschen Geschütze bis auf Kartätschenschußweite an das Dorf herangekorn- men waren, wurde dieses von 3 Seiten gleichzeitig erstürmt. Die Franzosen, die biete Stellung bis ^um letzten Augenblick mit äußerster Tapferkeit verteidigt hatten, wandten sich nun zum Rückzug, der bald in­folge der energischen Verfolgung durch die irürttem» bergische Reiterei in wilde Flucht ausartete. Der Steg ward durch einen Verlust von über 10,000 Mann erkauft. Es wurden 9000 Gefangene gemacht unb 1 Abler, 4 Turkofahnen, 28 Geschütze und 5 Milrailleusen erbeutet.

Ungeheuer groß war der Jubel und die Freude in den deutschen Landen. In Stolz erbebten die Herzen, da beim ersten großen Zusammenstoß mit dem alten Feinde seit den Tagen der Völkerschlacht bei Leipzig unb seit Waterloo bie beutscheu Waffen im Hellen Glanze neu erstrahlten. Schwerer als ber materielle Sieg wog ber moralische Eindruck bet Siegesnackricht, die noch an demselben Abend in ganz Deutschland durch folgende Depesche des Kron» Prinzen verkünoet wurde: »Siegreiche Schlacht bei Wörth. Mac Mahon mit dem größten Tetl feiner Armee geschlagen. Die Franzosen auf Bitsch zurück­geworfen. Auf dem Schlachtfeld bei Wörth 41/» Nachm. Friedrich Wilhelm, Kronprinz."

Tie Erinnerung an die Schlacht fei beschlossen mit den Worten, welche die kuthessifche Haupistadt Kassel auf ihrem Siegesdenkmal (bem Auetor), »hessi­scher Tapferkeit im Kriege 1870 und 71" roibmete unb die in ihrer Mahnung allezeit Wahrheit bleiben mögen: „unter der Führung ihres Königs Wil­helm I. im Knege gegen Frankreich 1870 unb 71 bewährten die Hessen ihren alten Kriegsruhm. Das Hessenland und seine Hauptstadt Kassel gedenken ibret Taten bis zu den fernsten Geschlechtern." H.