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Samstag, 7. August 1920
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und sie wieder dafür einfangen, daß angesichts der fürchterlichen „Gefahr", die von dem mißhandelten DeMschland drohe, die weitere Anwendung von Oe» walt geboten sei.
England steht offenbar der. russischen Siegern mit mehr Gelassenheit gegenüber als Frankreich. England hat ja auch schon die Annäherung an Rußland auf eiaene Faust versucht, als die Franzosen von der Sowjetrepublik noch gar nichts wissen wollten. Fach und seine Anhänger möchten jetzt ein Hilfsheer auf dem nächsten Wege durch Deutschland absenden, trotz der Kämpfe, die in Deutschland entstehen würden (vielleicht wegen derselben!). Lloyd George dagegen zeigt keine Lust, die Knochen von britischen Grenadieren im Osten zu riskieren; er will höchstens Geld und Munition schicken und spricht von dem Weg über Danzig und durch den polnischen Korridor, möchte also die deutsche Nemralität schonen und dem neuen Krieg in Deutschland ausweichen. Die lebenden Streitkräfte, die Polen zur Hilfe braucht, sucht Lloyd George vielmehr durch Druck auf Rumänien, Ungarn und sogar auf die Tschccho-Slowakei mobil zu machen.
So treten auch hier die Gegensätze zwischen der englischen Besonnenheit und der französischen Kciegs- wut wieder zutage. Wie sich das ausgleicht, müssen wir abwarten. Sollte der Ausgleich wieder, wie in Spaa, auf Kosten Deutchlands erfolgen, so bleibt uns mir das Bewußtsein, daß wir durch frühzeitige El- klamng und entschiedene Wahrung unserer Neutralität getcn haben, was Recht und Pflicht geboten.
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Deutsch-französischer Notenwechsel
in der Flaggenfrage^
Man hatte bisher geglaubt, daß die französische Regierung sich mit der ihr auf dem Pariser Platz in Berlin gegebenen Genugtuung für die N i e d e r h o l u n g der französischen Flagge auf dem ftanzö- sischen Botschaftergebäude am 14. Juli zufrieden geben würde. Nach den Erklärungen des Außenministers Simons im Reichstage ist das aber nicht der Fall, sondern das Verhältnis der beiden Reiche hat sich im Gegenteil durch diese Angelegenheit in gefahrdrohender Weise verschärft. Die deutsche Regierung hat deshalb an die französische eine Note gerichtet, in der sie anregt, die ganze Angelegenheit im Sinne der Völkerbundsakte zu erledigen. Das bedeutet: Deutschland wünscht für den vorliegenden Fall die Anwendung der Bestimmungen des Völkerbundsstatuts über Erledigung von Streitigkeiten zwischen zwei Mächten.
Nach Artikel 17 des Versailler Vertrages soll auch bei Streitigkeiten zwischen einem Bundesglied und einem Nichtmitglied das Nichtmitglied aufgefordert werden, sich für die Beilegung des Streitfalles den den Bundesmitgliedern auferlegten Verpflichtungen zu unterwerfen, und zwar unter Bedingungen, die der Völkerbundsrat für angemesien hält. Unter diesen Ver- Pflichtungen steht die im Artikel 12 festgestellte voran, daß Streitfragen, „die zu einem Bruche führen könnten", entweder der Schiedsgerichtsbarkeit oder der Prüfung durch den Völkerbundsrat zu unterbreiten sind, und jedenfalls, erst drei Monate nach dem Schiedsspruch oder dem Bericht des Rates zum Krieg zu schreiten ist. Offenbar strebt die deutsche Regierung einen Schiedsspruch in der verfahrenen Angelegenheit an. Man kann diese ihre Haltung nur billigen, sowohl mit Rücksicht auf die Natur des Falles, als auch wegen des grundsätzlichen Bekenntnisses sowohl zum Schiedsgerichtsprinzip als auch zum Völkerbund, den die demokratische Rroierung gleich in dem ersten Falle, in dem die Sache praktisch geworden, ablegt.
Der Steuerabzug.
Seit einigen Tagen macht sich auch in der Industrie des bergischen Landes eine starke Mißstimmung unter den Arbeitern gegen den Steuerabzug vom Lohn bemerkbar. In den letzten Tagen sind die Arbeiter bei den Werksleitungen veiffchiedener großer Unternehmungen vorstellig geworden, um die bereits vom Lohn abgezogenen Steuern zurückzuerhalten. Auch die Ange- stellten des Warenhauses Tietz in Elberfeld verlangten Befreiung vom Steuerabzug und Rückzahlung der bereits eingehaltenen Gelder. Da eine Einigung zwischen der Firma und dem Personal nicht herbeigeführt werden konnte, mußte das Kaufhaus geschloffen Mer. den.
Aus dem besetzten Gebiet.
Keine öaterlcnbslieber auf dem Rhein. Die Inter, alliierte Rheinlandkommission hat in einem besonderen Schreiben an den deutschen ReichSkommiffar darauf aufmerksam gemacht, daß Kundgebungen auf den Rheindampfern, die geeignet sind, als gegen die alliierten Armeen oder Angehörige der Besetzungsmächte (also auch gegen Zivilisten!) gerichtet aufgefatzt zu werden, unbedingt verboten sind und streng bestraft werden.
* Die schwarze Pest. Die „Frankfurter Zeitung" schreibt: Erst kürzlich wieder ist uns ein dickes Akten- stück zugegangen, in dem amtliches Material über beinahe vier Dutzend Gewalttaten an Frauen und Kindern im besetzten Gebiete wiedergegeben' wird- In etwa 30 Fällen, die da ausgebreitet sind, konnte der Akt der Vergewaltigung noch verhindert werden, teils durch den Widerstand des Opfers, teils durch das Dazwischenkommen anderer Leute. Auch in diesen Fällen ist es vielfach zu unsittlichen Handlungen gekommen, in der Regel auch zu schweren Mißhandlungen der Opfer, die häufig dazu auch noch ausgeplündert wurden. In 18 Fällen ist das Verbrechen der Vergewaltigung vollendet worden. Vier der Opfer sind Schulknaben. Das Dokument besteht teilweise aus amtlichen Polizeiberichten, teilweise aus amtlich protokollierten Aussagen der Betroffenen. Nur von einem der wiedergegebenen Fälle ist bekannt, daß die Anzeige in Mainz zur Bestrafung des Täters geführt hat, sonst hat man die Bestien noch in Schutz genommen und entschuldigt. — Wer die Akten selbst von Anfang bis Ende durchlieft, dem wühlen sie das ganze Innere auf. Unser Volk am Rhein lebt Tag für Tag unter dem schweren Druck der Fremd- Herrschaft. Unaufhörlich frißt an ihm das Gefühl der Rechtlosigkeit. Aber nichts wirkt so entsetzlich, so den tiefsten Haß aufwühlend wie das Bewußffein der dauernden furchtbaren Gefahr, der unsere Frauen und Mädchen und Kinder dort ausgesetzt sind. —Sofort nach Erscheinen des Artikels wurde die „Franks. Zig." auf drei Tage für das Gebiet Rheinheffen verboten.
xie deutsche Politik
in französischer Beleuchtung.
Das unser Außenminister über die Ereignisse im Mn und die gespannte Lage gesagt hat, gefällt na- Mch den kampflustigen F anzosen nicht. Das Regie- LNgsblatt „Temps" gibt feinem Aerger Ausdruck in Mm Leitartikel, der wieder einmal Deutschland zum dündenbock machen will für die mißliche Lage der tiettie.
Die gegenwärtige Politik D e u t s ch l a n ds, so pirb da ansgeführt, wolle unter dem Vorwand der Seiitrahtät den russischen Vormarsch begünsli- ,ffl in der Hoffnung, Polen geschwächt oder vernichtet «! sehen, und wolle dann durch ein russisches Bündnis (ine neue Lage schaffen, um den Versailler Vertrag zu zerreißen und, Rache zu nehmen. Sie Verbündeten, so lautet die Nutzanwendung, müß- ständig daran denken, daß die große Gefahr des xngenbiicks auf der deutschen Seite zu suchen sei.
Dieses Lied kennen wir schon. Es wird bei jeder mssenden und unpassenden Gelegenheit gesungen, wenn en französischen Gewaltpolitiken! etwas in die Quere IcmTu. Deutschland hat indessen seine Neutralität nicht pm „Vorwand" erklärt, sondern einfach ans der Er- lenntnis, daß Recht und Pflicht ihm die Ein- chichung in die östlichen Wirren verbieten. Ein deutscher Minister muß doch deutsche Politik trei- tcn. Deshalb braucht er freilich rächt auf die „Verrichtung" Polens hinzuarbeiten. Solche Vernichtungs- svlitik, überlassen wir den französischen Fanatikern, die mt aller Demütigung Deutschlands noch nicht zufrie- icn sind und unerbittlich darauf drängen, daß Deutschland weiter besetzt und seine Lebensbedingungen lohm- [«legi werden sollen.
Deutschland hat während des Krieges den Anstoß Mben zur Wiedererrichtung des polnischen Rei- hes. Der „Dank" dafür war freilich bitter, da die tzclen uns rein deutsche Bezirke entrissen und in der lücksichtslosesten Weise uns schikaniert haben. Trotzten! wollen wir den Polenstaat nicht verderben, jon- jttn erwarten nur, daß sein Uebermut und seine Hob- gier auf ein erträgliches Maß zurückgeführt werden. Leben und leben lassen! Wenn nur die französischen Sewaltpolitiker diesen Leitsatz auch gegenüber Deutfch- lmd gelten lassen wollten!
Daß wir mH Rußland friedliche Beziehungen tmh wirtschaftlichen Verkehr herbeiführen möchten, liegt c klar und zwingend im natürlichen Interesse Deutschlands, daß man nicht nach weltpolittschen Hintergedan- ten zu spähen braucht. Den Frieden mit Rußland, und War mit Sowjet-Rußland, haben wir schon Anfang 1918 angestrebt, als die deutsche Macht noch ungebrochen daftand. Da unsere Lage nach den anderen Himmelsrichtungen sich so furchtbar verschlechtert hat, inüssen wir jetzt erst recht Wert legen auf die fried- ''chen Beziehungen und die offene Tür im Osten.
Wenn auch die Ruffen augenblicklich dem polnischen Heer überlegen sind, so bllden wir uns doch feines« roegs ein, daß das innerlich verworrene Rußland im- llande wäre, uns zur Zerreißung des Versailler Der- Wges oder sogar zu einem Rachekrieg zu verhelfen. Eanz abgesehen davon, daß die russische Volksseele überhaupt keine Neigung hat, für Deutschland irgendwelche Kastanien aus dem Feuer zu holen, sondern !Mier wieder die deutschfeindlichen Instinkte durchbrechen läßt. Von Rußland dürfen wir nur — mag -’i Negierung heißen wie sie will — nichts anderes erwarten, als was durch die russischen Interessen »eranlaßt wirch.
Was der „Tsmps" mit seiner grellen Ausmalung 'ei angeblichen deutschen Politik bezweckt, ist klar. Die Entente ist durch die Niederlage der Polen in Verlegenheit geraten. Die Verlegenheit bedroht die Einigkeit der Verbündeten. Darum will man in Frank- räch die Engländer bange machen durch das «espenst des angeblich „zerrissenen Friedensvertrages"
Verantwortlich für den redattionellen Teil: Carl Schutte, n * für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. z Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitu Np
* Französische Justiz. Ein Straßenbahnschaffner in Mainz hatte französische Brotkarten ge- funden, die im Wagen liegen geblieben waren und lieferte sie an der Fundstelle der Straßenbahn ab. Der dortige Beamte schickte sie, als nach zwei Tagen sich niemand gemeldet hatte, an die französische Gendarmerie. Diese stellte fest, daß auf,der Rückseite der Marken der Name der französischen Zivilfamilie vermerkt war, der die Karten gehörten. Der Straßenbahner hatte diesen Namen nicht bemerkt. Von französischer Seite wurde nun dem Deutschen zur Last gelegt, daß er an Hand des Namens nicht sofort die Brotmarken zurückgegeben hatte. Man brachte ihn vor das französische Gericht, das es fertig brachte, den Mann zu 150 Mark Geld- strafe zu verurteilen.
* Ein Beatnfenffrei? ist im Saargebiet ausgebrochen, weil die Beamten der neuen Regierungskom- misston den Treueid leisten sollen und weil die Kommission das Recht beansprucht, die Beamten innerhaL von sechs Monaten ohne Angabe von Gründen zu es^ lassen. Auch die Eisenbahner haben den Streik bS gönnen.
Abstatt der Viehpreise.
Der Volkswirtschaftsausschuß des Reichstages be- schaftigte sich Donnerstag mit einem Antrag des Zen- trumsabg. Wieber, wonach die Aufhebung der Zwangswirtschaft für Vieh und Fleisch solange hinausgeschoben werden sollte, bis die entsprechenden Sicherungen von Brotgetreide und Futtermitteln durchgeführt wären. Schließlich wurde beschlossen, die Beratung über die Aufhebung dieses Teiles der Zwangs, wirtschaft auszusetzen und lediglich die Frage der Preisherabsetzung für Vieh und Fleisch weiter zu behandeln.
Gegenüber den laut gewordenen Einwendungen erklärte Minister Hermes, daß er die Herabsetzung der Viehpreise durchführen müsse, insbesondere auch mit Rücksicht auf die Wünsche der Landwirtschaft in Süddeutschland. Der Deutschnationale Schiele wandte sich gegen die Herabsetzung der Viehpreise, weil nach seiner Ansicht dafür nur politische Gründe maßgebend wären. Der Abg. I a u d von der Bayer. Volkspartei beantragte eine Erhöhung der Preise für Schweine und Kälber um je 50 Mk. Dieser Antrag wurde mit 18 gegen 10 Stimmen abgelehnt und die Regierungsvorlage unverändert angenommen. i
Die Preise für gering genährte Rinder wurden festgesetzt auf 180 Mk. für angefleischte Rinder auf 240 Mk., für fleischige Rinder auf 300 Mk. und für vollfleischige Rinder auf 340 Mk. für den Zentner. Der Höchstpreis für Schlachtkälber im Alter unter drei Wochen wurde festgesetzt auf 350 Mk., ebenso für Schlacht- s ch w e i n e. Für Schafe und Lämmer wurden je nach Alter und Beschaffenheit des Fleisches Preise von 200 bis 360 Mk. festgesetzt.
Dem Regierungsentwurf über Einführung der Kundenliste an Stelle der Fleischkarte wurde einstimmig zugestimmt, wobei betont wurde, daß diese Aenderung keine Beseitigung der öffentlichen Fleischbewirtschaftung bedeutet.
Rücktritksdrohung des Reichsernährungsministers.
Dieser Beschluß des Ausschusses ist erst nach hartem Kampf und nach einer Rücktrittsdrohung des Reichsernährungsministers Hermes herbeigeführt worden. Minister Hermes drohte, er werde von feinem Posten zurücktreten, wenn der Regierungsgntrag, die Diehpreise herabzusetzen, abgelehnt würde, da er die hohen Diehpreise nicht mehr verantworten könne. Erst dann wurde die Vorlage m*t 15 gegen 13 Stimmen angenommen.
Polen willigt in Friedensverhandlungen.
Wie ernst die Lage für die Polen ist, zeigt die Tatsache, daß sie jetzt bereit sind, zu den von Rußland vorgeschlagenen Friedensverhandlungen nach Minsk zu gehen, obwohl sie erst vor einigen Tagen erklärt haben, daß sie ohne England und Frankreich nicht verhandeln wollten. Nach einer eingehenden Kabinettsberatung hat die polnische Regierung sich bereit erklärt, eine Friedensdelegatton nach Minsk zu entsenden, wenn die Sowjetregierung einen ungestörten telegraphischen und telephonischen Verkehr der polnischen Friedensdelegation mit ihrer Regierung garantiert. Eine an Rußland abgesandte Radionote der polnischen Regierung schiebt der Sowjetrogierung die Verantwortung für die Fortdauer des Krieges zu, erklärt jedoch, daß die Regierung bereit sei, entsprechend dem Vorschlag der Sowjetregierung Delegierte nach Minsk zu senden und schlägt vor, daß mindestens für die Dauer der Verhandlungen beiderseits die Angriffe an der Front eingestellt werden sollten.
Nach einer Havasmeldung aus London hat sich die polnische Delegation am 5. August nach Minsk begeben.
Die russische Antwort.
Die Antwortnote der Sowjerregierung an die Entente ist in London eingetroffen. ES wird darin, wie verlautet, gesagt, die Bolschewisten könnten auS militärischen Gründen im Augenblick ihre Operationen gegen Polen nicht aufgeben. Sie erklärten sich bereit, die Verhandlungen aufzunehmen, sobald polnische Delegierte mit den erforderlichen Vollmachten in Minsk eingetroffen find. Die Eo.rjetregierung erklärt sich außerdem bereit, die volle Unabhängigkeit Polens zu garantieren und künftige Grenzen zu gewähren. Die Sowjetregierung weigere sich jedoch, den Vertretern der Randstaäten Zutritt zu den Verhandlungen zu gestatten. >
Blockade gegen Rußland.
Lloyd George hat Krassin und Kamenew verständigt, daß Befehl ergangen sei, die Küsten von Rußland zu blockieren. Tie Nordseeflotte hat den Befehl erhalten, sich für die Ausfahrt nach der Ostsee bereit zu halten. Die Schwarzmeer-Patrouillen sollen durch die Mittelmeerflotte verstärkt werden.
vie perlen der Lggenbrechts.
8] Roman von Alexandra von Bosse.
„Na", sagte ganz gelassen Wolf Eggenbrecht, „bann ®irb er sie ja wohl zuguterletzt noch heiraten."
„Leo heiraten?" staunte Frau Therese.
„Warum nicht? Sie sagten doch selbst, Achim habe Nt Frau und Kind sozusagen vermacht."
Therese sah plötzlich ganz erschrocken aus:
„Meinen Sie . . .? Das wäre ja ... ach, nein", Zerbrach sie sich, „so hat er es doch nicht gemeint!
Leo, der denkt ja nicht ans Heiraten!"
»Nun, es wäre doch nicht zu wunderbar, wenn er in die hübsche junge Witwe seines verstorbenen »eundes verliebte!" fand Wolf, aber Therese schüttelte H Entschiedenheit den Kopf:
„Leo verliebt sich nicht! Leo ist viel zu fischblütig °M! Wenn Leo einmal heiratet, tut er das nur aus "Rechnung und dazu ist Silvia doch nicht reich genug!"
Frau von Ranken hatte ihre besonderen Gründe, mit solcher Entschiedenheit zu behaupten, aber die ■’nnte Wolf nicht, er sah nur, daß der Gedanke an w Heirat zwischen Leo Branding und Silvia Eggen- lftcht sie erschreckte und, um sie zu necken, betonte er ,e Möglichkeit noch:
„Der fischblütigste Mensch kann Feuer fangen, wenn ^ fortgesetzt mit einer ratbedürftigen, hübschen jungen ®itme verkehrt", meinte er bedenklich.
„Leo nicht! Ich kenne ihn doch!" entschied Frau ^ttefe.
Dolf Eggenbrecht erhob sich, und ganz entsetzt Mang Frau Therese auf.
„ „Sie wollen doch nicht schon gehen?! Nein — nein, müssen zum Abendessen bei mir bleiben!"
„Seiber nicht möglich", bedauerte er. „Ich muß ®Sar eilen, da ich versprechen habe, meinen Freund $e!tin von der Bahn abzuholen. Sie wissen ja, es
Sonntag Rennen in Riem."
„Richtig! Nun, da müffen Sie mit mir hinausfah. V*. in meinem Auto! Wollen Sie? Ihr Freund na- Irlich auch!"
„Sehr liebenswürdig! Das nehme ich mit Freu- an."
--Derben Sie reiten?" ।
„Wahrscheinlich nicht, da der Gaul, den ich für Wei- tin reiten sollte, sich leider auf der Reise etwas vertreten hat."
„O, bann werde ich . . .", begann Frau Therese, beendete aber den Satz nicht, sondern besprach nur noch die Stunde der gemeinsamen Abfahrt, statt, wie sie zuerst gewollt, zu sagen, daß sie Silvia Eggenbrecht auffordern würde, die Rennen in Riem mit ihr zu besuchen. Dann verabschiedete sich Wolf Eggenbrecht.
Wolf sprang am Stiegelmayerplatz in eine Tram und fuhr an den Hauptbahnhof. Während er, den Zug aus Frankfurt erwartend, auf dem Bahnsteig auf und ab schritt, fiel ihm sein kleines Reiseerlebnis wieder ein.
Schisse, die nachts sich begegnen! dachte er mit einem Lächeln. Wahrscheinlich würde er die schöne Unbekannte nie Wiedersehen? Der Züge ihres Gesichtes erinnerte er sich kaum mehr, so flüchtig hatte er sie gesehen, und so wenig hatte er in den vergangenen zwei Wochen Zeit gehabt, an das kleine Abenteuer zurückzudenken. Aber ihre Augen waren schön gewesen, tiefdunkelblau und leuchtend, wie Saphire! Ihrer Stimme entsann er sich auch, dieser tiefen, wohllautenden, jungen Frauenstimme.
Eine Zigarette entzündend, überdachte er dann das Gespräch mit Frau von Ranken und bedauerte plötzlich, daß die junge Witwe seines Vetters so ganz aus- schließlich auf die Freundschaft und den Rat eines Leo Branding angewiesen war. Er mochte ihn nicht, obgleich er nie etwas Nachteiliges über ihn gehört hatte. Der Mann, der einem nie offen, sondern immer nur unter halbgesenkten Lidern hervor ins Gesicht sah, gefiel ihm nicht!
Natürlich wird er sie schließlich heiraten! dachte er mit einem Gefühl des Unbehagens, das ihn selbst wunderte; denn schließlich konnte es ihm ja einerlei sein. Dann überlegte er, ob nicht Leo Branding, wenn er Silvia Eggenbrecht zu heiratest beabsichtigte, doch wußte, wo die Perlen steckten — — die berühmten Eggenbrechtschen Perlen, die sich im Nachlaß merkwürdigerweise nicht vorgefunden hatten.
Eigentlich gemein, so was auch nur zu denken! sagte sich Wolff Eggenbrecht, während er dem Frankfurter Zug entgegensah, der nun donnernd und fauchend in die Halle einlief.
Fünftes Kapitel.
Therese Ranken war, nachdem Wolf Eggenbrecht sie verlaffen hatte, recht nachdenklich zurückgeblieben. Was er zuletzt noch in Bezug auf Silvia Eggenbrecht und Leo Branding gesagt hatte, beunruhigte sie nicht wenig.
Wenn nun wirklich Leo Branding sich in Silvia verliebte! Möglich war es schon und möglich auch, daß er nicht aus Liebe, sondern aus kühler Berechnung sich entschloß, Silvia zu heiraten. Sie war zwar nicht Übermäßig reich, doch recht vermögend, außerdem als gehorsame Gattin erzogen, was Leo paffen mußte. Und wenn es so kam, dann wurden Thereses Zukunftspläne über den Haufen geworfen.
Einsam speiste Therese zu Abend. Es schmeckte ihr heute nicht, sie nippte an all den guten Sachen, die der steife, tadellose Diener Leopold auftischte.
Ach, es war doch recht traurig, Witwe zu fein! dachte Therese mit einem Seufzer, indem der Blick ihrer etwas vorstehenden blauen Augen langsam über die reichbestellte Tafel glitt. Die Leute hatten gut reden, wenn sie von ihr zum Scherz als „lustigen Witwe" sprachen. Es war ja ganz nett, sich von angenehmen jungen Leuten verehren zu lassen, aber wenn man auch noch so sehr die Grenze wahrte und die Rolle der mütterlichen Freundin zu spielen sich bemühte, es kam doch immer wieder allerlei Klatsch auf, der nach und nach ihren guten Ruf untergrub. Man sehnte sich doch wieder nach einem Mann, der einem ganz gehörte, und es war traurig genug, daß dieser Mann eben nur Leo Branding fein konnte.
Therese Ranken war seit fünf Jahren Witwe, und ihr verstorbener Mann war ein böser alter Othello gewesen, der seine hübsche, lebenslustige, junge Frau auch nach seinem Tode keinem anderen gegönnt. In seinem Testament hatte er bestimmt, daß Therese bis zu ihrem Tod» die Nutznießung feines bedeutenden Vermögens zustehen sollte, welches Recht ihr aber verloren gehen würde, wenn sie sich wieder verheiratete. Dann fiel das Vermögen und die Rente verfchiedenen Stiftungen zu. Eine Ausnahme hatte der alte Ranken zugelaffen, und Therese war überzeugt, daß er dies aus Bosheit getan: Wenn nämlich Therese Leo Branding heiratete, der ein rechter Vetter ihres Mannes und gleichzeitig
ein Detter zweiten Grades ihrer selbst war, dann sollte das ganze Vermögen an ihn und sie zu gleichen Teilen und zu freier Verfügung übergehen. Leo Branding war nämlich, nach Therese, der nächste Erbe dazu, doch hatte ihn der alte Ranken niemals leiden können. Ge- wiß hatte er bei Abfassung seines letzten Willens als sicher angenommen, daß die lebenslustige Therese sich eher begraben lassen, als Leo Branding heiraten würde, also blieb sie, wie er gewünscht, bis an ihr Lebensende Witwe und das Vermögen — es betrug an zwei Millionen in sicheren deutschen Staatspapieren — für den habsüchtigen Vetter Branding unerreichbar.
Leo Branding hatte pietätooll zwei Jahre verstrei- chen lassen, bann in seinem praktischen Sinn um Therese angehalten, indem er ihr zugleich auseinandersetzte, daß es Sünde sein würde, das schöne Kapital nebst Rente der Familie verloren gehen zu kaffen. Hatte man erst freie Verfügung darüber, so konnte man es auch mit Leichtigkeit gewinnbringender anlegen und die Rente fast verdoppeln. Von Siebe hatte er nichts gesagt.
Damals genoß Therese in vollen Zügen die goldene Freiheit, ohne noch den Wunsch zu hegen, daß es jemals anders werden möchte. Sie war nicht besonders verschwenderisch veranlagt, sie konnte von ihrem reichen Einkommen noch großmütig an wenig bemittelte Der- wandte abgeben und dabei so leben, wie es ihr gerade Vergnügen machte. Sie hatte sich sehr bald mit einem Kreis junger, Verehrer umgeben und führte eines der gastfreiesten Häuser der Stadt. Es machte ihr noch Spaß, daß man sie die „luftige Witwe" nannte, nach der Operette, die gerade ihren Siegeszug durch Deutschland machte.
Brandings Heiratsantrag überraschte sie nicht, sie hatte ihn erwartet, aber sie hatte doch geglaubt, daß er cs ein wenig diplomatischer anfangen und wenigstens der Form halber vorgeben würde, daß er plötzlich sein Herz entdeckt habe. Am liebsten hätte sie ihm ins Gesicht gelacht, aber sie bezwang sich, und er erhielt den Korb in liebenswürdiger Form. Therese erklärte ihm, die Rente genüge ihr, so, wie sie sei, und obwohl sie die Gründe seines Antrages verstehe und achte, müffe sie ihn doch ablehnen, denn sie beabsichtige nicht, eine neue Ehe einzugehen.
^Fortsetzung folgt!