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Freitag, 6. flugupt 1920

m. reo

zurzeit eine große Anzahl Waggon von Kriegsgut und Munition, deren Weiterbeförderung nach Polen von dem Eifenbahnpersonal verweigert worden ist. Weiter sind hier eine große Anzahl Wag­gons mit Gütern nach Ungarn bestimmt, deren Be­förderung ebenfalls von den Eisenbahnern abgelehnt wurde. Der hiesigen Eisenbahndirektion wurde von der Reichsregierung mitgeteilt, es müßten über 400 Wag­gons, darunter 170 Waggons mit Fett, 200 Waggons mit Flugzeugmaterial und 100 Waggons mit Unifor­men nach der T fchecho-Slowakei befördert wer­den. Da der Betriebsrat der Eisenbahner aber be- fürchtet, daß auch dieses Material für die Polen be­stimmt ist, lehnte er den Transport ab.

Was nun die Einwirkung auf die Westmächie cmgeht, so kann man von den Worten unseres Außen- ministers um so eher einen Erfolg erwarten, je deutlicher zutaae tritt, daß das g a n z e D o l k in all seinen Klas­sen und Parteien mit voller Geschlossenheit und Ent- chlossenhest hinter der Regierung sicht, die unsere Neu- trolität verteidigen muß und will.

Soeben hoben wir die greifbaren Beweise geliefert, daß Deutschland redlich erfüllen will, was es in Spaa des lieben Flickens halber auf sich genommen hat. Es wäre doch geradezu frevelhaft, wenn man letzt dieses gefällige Deutschland zum Kriegsschauplätze^ machen wollte, und es würden obendrein die WestmSchte sich elbcr schädigen, weil sie Deutschland auf absehbare Zeit, vielleicht für immer, leistungs- und zahlungsunfähig machen würden.

Wenn Fach und seine Genossen in ihrem blinden Kriegsdrange das übersehen wollten, so müßten sie doch'gerade vom Standpunkt der militärischen Technik erkennen, daß die Hilfstruvpen auf keinen Fall s ch n el- l e r an kommen können, als auf dem offenen Wege über die See. Schon der passive Widerstand, der mit nattir- geseklicher Unvermeidlichkeit sich in ganz Deutschland geltend machen würde, ergäbe so viel Schwierigkeiten, so viel Zett- und Kraftverschwettdung, daß die Hilfstrup- pen auf diesem Landwege nur in arger Schwächung und mit heilloser Verspätung ihr Ziel erreichen könnten.

Polens Verzweiflungskampf.

Dec konzentrische Vormarsch auf Warschau.

Die russische Armee denkt nicht daran, ihren Vor­marsch einzustellen. Mit vollen Kräften nützt sie ihre Vorteile aus. Der Vormarsch auf die polnische Haupt­stadt Warschau wird von Nordosten, Osten und Süd­osten konzentrisch oorgetragen. Die Ansicht, daß War­schau nicht mehr zu halten sei, verbreitet sich im­mer mehr. Die englische und französische Mission hat Warschau bereits verlassen. Der deutsche und der österreichische Gesandte haben ihren Koffer gepackt und sind zur Abreise gerüstet. In polnischen Regierungs- kreisen besieht die Absicht, Warschau zu verlassen. Aber wohin? Posen ist für sie zu gefährlich, weil die Be­völkerung dort stark von Deutschen durchsetzt ist. Es kommt als Zufluchtsort für die polnische Regierung nur Krakau in Frage. Aber man hat Angst davor» Warschau zu verlassen, weil man glaubt, daß dann so­fort die bolschewistische Revolution ausbricht. Auf eine andere große Gefahr weisen Pariser Blätter hin: Die Russen scheinen im Norden an der deutschen Grenze enilmrg den Vormarsch auf M l a w a zu richten. Ha­ben sie diese Stadt, dann hoben sie die einzige direkte Bahnlinie Warschau-Danzig in der Hand. Dann wäre Warschau völlig unhaltbar.

Die Absicht Rußlands.

Den Polen ist der Wunsch Rußlands, nicht nur in Waffenstillstands-, sondern sofort auch in Frie - densverhandlungen einzutreten, sehr unan­genehm. Durch den Waffenstillstand hätten sie erreicht, daß sie ihre fluchtartig zurückgegangenen Truppen wieder sammeln und die Ententehilfe abwarten kön­nen. Wären ihnen dann die Waffenstillstandsbedin­gungen zu hart gewesen, so hätten sie Gelegenheit ge­habt, die Verhandlungen als ergebnislos abzubrechen und den Kampf in einer für sie günstigeren Lage wie­der anfzunehmen. Eben das will die Sowjet-Regie­rung verhindern, indem sie ähnlich wie die Entente­mächte im November 1918 zugleich mit den Waffen­stillstandsverhandlungen die Grundzüge eines Vorsrie- dens, der vor allem den Gegner wehrlos macht, ver­langt. Deutschland, das damals auf teinerlei Hilfe mehr rechnen konnte, mußte diese Art von Waffenstill­stand unterzeichnen, der im Grunde schon alle Schrecken des späteren Friedens in sich einschloß. Man muß

Die Neutralität in Gefahr?

Ernste Erklärungen des deutschen AußenministerZ.

Km Reichstag gab Donnerstag der Außenminister >77. Simons iolgende bedeutsame Erklärung ab:

Im Osten haben wir den Krieg, der uns vor neue Aufgaben stellt. Uebertretende Teile der kämpfenden Truppen müssen unbedingt entwaffnet werden. Eine «roße Gefahr ist auch im W e st e n des Reiches. Ich "id nicht sagen, die Entente beabsichtigt es, aber sie tat ein großes Interesse, durch Deutschland hin­durch nach Polen zu gelangen.

Wenn es sich bewahrheitet, daß im besetzten gebiet bereits umfangreiche Vorbereitungen getrof- tat werden zur Ueberleitung größerer Ententetruppen M dem Kriegsschauplatz (lebh. Hört! hört!), dann ist damit bereits eine schwere Verletzung der deutschen Neutralität gegeben. Besetzt oder unbesetzt, das Gebiet bleibt deutsch. (Sehr rich- liu!) Die deutsche Regierung wird unter allen Um- ijänden an ihrer Neutralität festhalten und sie init allen Mitteln verteidigen. Ich hoffe, daß dazu keine Machtmittel notwendig sind.

Mittwoch habe ich mit dem französischen GesclMs- jfäger eine sehr ernste Unterredung gehabt wegen der Flagg en affäre; sie ist bis jetzt noch nicht er­ledigt. Ich bitte, alles zu vermeiden, was die gespannte Situation verschärfen könnte.

*

Die auffällige hochpolitische Erklärung verfolgte offenbar einen doppelten Zweck. Einerseits wollte der Minister die Entente nachdrücklich warnen vor dem Versuch, ihre Hilfstruppen für die Polen durch das neutrale Deutschland zu führen. Andererseits galt es, das Etttwaffnungsgesetz durchzubringen, das durch die Obstruktion der Unabhängigen bei der schwachen Be­setzung des Hauses bedroht war.

Um den ersten Zweck zu erreichen, mußte der Mini­ster in den Kauf nehmen, daß seine ernsten Worte eine gewisse Beunruhigung erwecken. Warnungsschüsie wir­ken immer alarmierend. Das deutsche Volk muß sich daran gewöhnen, die Schwierigkeiten und Gefahren seiner Lage klar ins Auge zu fassen, und zwar recht­zeitig. Im vorliegenden Falle blieb ja noch die Mög­lichkeit gegeben, durch die öffentliche Warnung das lie­bel abzuwenden.

Der zweite von diesen Zwecken ist bereits erreicht wor­den. Das Eittwaffnungsgesetz, zu dem Deutschland sich in Spaa verpflichtet hatte, ist, wie weiter unten be­richtet wird, mit überwältigender Mehrheit a n g e - no m m e n worden. Von der konservativenOpposition hielten nur wenige Heißsporne an ihrem Nein fest, und wenn auch die Unabhängigen formell dagegen stimmten, ,o verzichtete» sie nach den Erklärmrgen des Ministers dock) auf die Obstruktion. Sie stellten freilich zur Be­mäntelung ihres Rückzuges die Forderung, daß der Reichstag angesichts der ernsten Lage zufammenblei- ben soll. Das wurde ihnen aber nicht bewilligt, und in der Tat wäre es eine übermäßige und überflüssige Belastung der Volksvertreter gewesen, wenn man ihnen die wohlverdienten Sommerferien hätte entziehen wol­len. Wenn die hochpolitischen Ereignisse sich zuspitzen sollten, so ist noch keineswegs gesagt, daß blitzesschnelle lsttetzgeberische Maßnahmen nötig sind. 3m Notfall läßt sich ja in wenigen Tagen der Reichstag zusarnmen- rufen. Inzwischen sind die Macht- und Hilfsmittel auf Grund der bestehenden Gesetze anzuwenden, und das ist Cache der Regierung, die doch das Vertrauen des Reichstages genießt. Damit die parlamentarische Kon­trolle und Initiative nicht zu kurz kommen, hat man noch einen besonderen Ostausschuß eingesetzt. Da­mit können auch die Linksradikalen zufrieden fein. Eine tauertagimg des Reichstages würde die Bermruhigung bes Volkes in einer gemeinschädlichen Weise gesteigert haben.

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Das Entwaffirirngsgesetz

ist gestern vom Reichstag endgülttg angenommen worden. Just in denselben Jahrestagen, in denen sich 1914 unser Volk zum Verteidigungskrieg erhob, ist dadurch der letzte Rest der deutschen Wehrkraft aus- geräumt.

Die Kriegswaffen sind uns entwunden worbe»), nachdem wir ruhmreich einer Welt von Feinden niet Jahre lang widerstanden hatten und durch dis allzm große Ueberzahl der Gegner erdrückt worden sind. Ver­bleiben uns nun wenigens die Friedenswaf­fen, die ein zivilisiertes Volk gebraucht, um ohne Gewalt im friedlichen Verkehr der Völker seine Würde und seinen Wohlstand zu gebührender Geltung zu bringen?

Die Erinnerung an den erhebenden Anfang des Krieges lehrt uns, was in dieser schweren Zeit als Ersatz für die Waffenkraft als Heilmittel und als Hilfs­mittel für die besiere Zukunft notwendig ist. Damals blühten die Eintracht, der Ordnungsgeist, der Respekt vor der Autorität. Die Revolutton hat im Verein mit dem Kriegsunglück den Sturz der Monarchie her­beigeführt. Wenn auch an deren Wiederherstellung vorläufig nicht zu denken ist, so kann und muß doch auch unter demokratischen Formen die A u t o r i ta t sich wahren lassen Es kommt nur darauf an, daß alle vernünftigen und wohlmeinenden Bürger sich wieder auflchwingen zu dem Sinn für Ordnung und Gesetzlichkeit, zu jener Selbstzucht, die das eigene Wünschen und Trachten in richtigen Ausgleich bringt mit dem Wohl der Gesamtheit. Der rücksichts­lose Egoismus ist in den Jahren des Unglücks er­schrecklich ins Kraut geschossen. Diese Vermischung von schnödem Eigennutz und frivolem Eigensinn muß überwunden werden, wenn die verbleibenden Frie­denswaffen das deutsche Volk wieder hochbringen sollen.

Beim Rückblick auf die alte Weltstellung Deutsch­lands erkennen wir ferner, daß unfer Vaterland feine Herrlichkeit nicht so sehr derschimmernden Rüstung" verdankte, als vielmehr seiner schaffenden Ar­beit. Aus dem wohlorganisierten Fleiße flosien der Wohlstand im Innern und die Hochachtung der Außen- weit. Nebenbei auch der wirftchaftliche Neid, ber bei der Entstehung des Einkreisungskrieges wesentlich mit­gewirkt hat. Ob wir späterhin wieder mit Mißgunst und Feindseligkeit auf dem Weltmärkte zu kämpfen haben werden, müssen wir abwarten. Dis auf wei­teres ist die deutsche Volkswirtschaft weniger zu de- neiden, als zu bemttleiden. Wenn wir überhaupt, am Sehen bleiben wollen, so müßen wir arbeiten, arbeiten, arbeiten. Die Erinnerung an die ersten Kriegsjahre kann uns eine Mahnung zum Fleiße fein. Wie frisch und flott nmrb? damals gearbeitet! Nicht bloß nach der Verkündigung des Hindenburg-Programms, fern- dern schon vorher in den zahllosen Werkstätten, die unmittelbar oder mittelbar für die ungeheuren Kriegs- bedürfnisse arbeiteten. Ohne diese rastlose Betriebsam­keit wäre unfer Widerstand gegen die Masse der Feinde schon viel eher zusammengebrochen. Jetzt ist die Kriegs- arbeit ausgeschaltet, und mir müßten also in Friedens­arbeit jetzt viel mehr leisten. Das Ergebnis der schaf-

Derantwortlich für den redatttonellen Teil: Carl Schütte, - für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Artiendruckerei in Fulda. Fernfprecher Nr. 9. Telegr.-Adrelfe: Fuldaer Zeitung

sagen, daß die Rusten nur dem Beispiele der Entente , folgen, wenn sie jetzt gegen Polen genau so handeln.

Was die Rusten über ihre Friedensbedingun- gen verlauten lasten, muß den Westmächten wie grim­miger Spott in den Ohren klingen. Die Rusten wollen angeblich die 14 Punkte Wilsons wieder aus- graben, die in Paris seinerzeit verscharrt worden sind. Sie wollen das ganzeFriedenswerk" der Entente einer Revision unterziehen, wobei sie sich darauf be­rufen, daß Rußland, obschon es Mitglied der krieg­führenden Genossenschaft war, zu den Abmachungen nicht zugezogen worden ist. Wenn die Rusten ferner fort)em sollten, daß auch Deutschland und die anderen besiegten Staaten zu den Verhandlungen als gleich­berechtigte Mitglieder zugezogen werden, so wäre das ein wohlverdienter Tadel für die Diktaturpollti ker von Versailles und St. Germain.

Die Entenlehilfe.

Die Hilfe der Entente ist , noch weit weg. Frankreich hat zwar Truppen bereit,, weiß aber noch nicht, wie es sie herüberbekommt. Die gestrige Erklä­rung des Außenministers im Reichstag wird ihnen er­neut zum Bewußfteftr gebracht haben, daß Deuftchland keine Truppen durchläßt. .

In französischen Ofsizierskreisen scheint bte Ansicht zu bestehen, daß B a g e r n keinen ernstlichen Widerstand gegen einen Transport von Ententetruppen durch Bayern nach Oesterreich und der Tschecho-Slowakai lei­sten würde. Ein Münchener Blatt will sogar wisten, daß der französische Gesandte in diesem Sinne nach Paris und Mainz berichtet habe. Wir glauben, daß dies ein böser Irrtum wäre, und daß jeder derartige Versuch, die deutsche Neutralität zu verletzen, auch bei der bayerischen Bevölkerung einmütigem Widerstand begegnen wird.

In England war mit großen Worten erklärt worden, solang« Rußland keinen Waffenstillstand abge« schlossen hätte, würde die Sowjetdelegatton Krassin und Kamenew in England nicht zugelasten werden. Und am Mittwoch hatLloydGeorge bereits die beiden Delegierten empfangen. Die Besprechung sollsehr kaü" gewesen sein, immerhin dauerte sie zwei Stunden. Lloyd George betonte, daß wenn Rußland jetzt nicht bald nachgebe, England den Polen jede moralische Un­terstützung zukommen lassen werde.

Aber hier liegt der Hase im Pfeffer. Frankreich spricht von bewaffneter Hilfe, England nur von mora­lischer. Mit der können die Polen nichts anfangen und die Russen lasten sich nicht schrecken. Es sieht so aus, als ob die englische Bulldogge bloß bellt, aber nicht bei­ßen will. Und das scheinen die Rusten schon heraus­bekommen zu haben.

Die Enlente-Truppeolransporke.

Auch in Sachsen und in Bayern haben die Eisen­bahnerorganisationen Aufrufe an die Eisenbahner er­lassen, Versuchen der Entente auf Beförderung von Truppen, Waffen und Munition mit allen Mitteln, wenn nötig auch durch völlige Transportläh­mung, entgegenzutteten.

Aus K a't t o w i tz wird berichtet: Bei der Katta- witzer Eisenbahndirektion ist ein geheimer t e l e - graphischer Befehl der Entente eingelaufen,; wonach am 8. und am 12. August verschiedene Sam- mekzüge mit französischen Mannschaften in verschiedener Richtung zuerst nach Oppeln und von dort gesammelt in größeren Transporten nach Oderberg ge- leitet werden sollen. Weiter ist ein Zug mit 300 Offi­zieren nach Ossowiee zu befördern. Das Telegramm erklärt weiter, daß außerdem noch mehrere andere Züge von der Direktion zu stellen seien. Die ober- schlesischen Eisenbahner befinden sich in großer Er- regung. Falls die Eisenbahndirektion dem Verlangen der Alliierten Nachkommen sollte, drohen die Eisenbah­ner mit der Stillegung des gesamten Bahnbe­triebes in Oberschlesien.

Aus Karlsruhe wird derFrkft. Ztg." gemel­det: Auf dem hiesigen Ranqierbahnhof befindet sich

Unpolitische Zeitläufe.

Von Fritz Nienkemper.

Berlin, 3. August 1920

Schön war es doch!

Und wenn wir auch in Elend und Jammer geraten ßti» L>ön waren sie doch, die Tage der Begeisterung "or sechs Jahren.

Damals brauste wirklich ein Ruf wie Donnerhall, Die Schwertgeklirr und Wogenprall durch die deutschen Londe. Wie jugendftisch und kraftstrotzend stand da- Mals das deutsche Volk da! Ein herrlicher Siegfried reckte die blühenden Glieder, wo jetzt ein gebeugter fireis am Stab schleicht.

Was fehlte uns damals? Nichts! Mut und Kraft flammten in der Volksseele auf wie loderndes Oster­feuer: wir waren einig, wie kaum je zuvor, tm3 wir hatten das Bewußtfein unserer Unschuld, ein ganz rei­nes Gewissen.

Ja, es sind erst sechs Jahre verflosten seit dem Herz- erhebenden Tage, als Kaiser Wilhelm IT. und die Dolks- »ertteter im Weißen Saale des Schlosses Handschlag uni) Kampflchwur austouschten. Wie schön stände i wi- allzumal da als ein einig Volk von Brudern, in keiner Aoi uns trennend noch Gefahr! Wo ist die Gemein- Ichaft geblieben von Herrscher und Volk? Wo die Ein­tracht aller Parteien, aller Stände und Stämme? Wer­den wir jemals ein solches Schauspiel der deuftchen Einigkeit wieder sehen? Wer noch jung ist, mag es erleben; denn die Brandmauern des Reiches stehen "ach, und das Schicksal liebt den Wechsel. Immerhin können wir uns erbauen in der Erinnerung an die Ichönen Tage von damals.

Ein wesentlicher Zug in dem erbaulichen Bild war das reine Gewissen. Kein Zweifel störte unsere Seelenruhe. Inzwischen haben ja böswillige Feinde and splitterrichtende Genossen sich eifrig bemüht, die schuld am Krieg auf Deuftchland zu wälzen. Dabei mag vielleicht herauskommen, daß auf unserer Seite Awas mehr Vorsicht und Geduld am Platze gewesen wäre. Aber eine böse Absicht, eine wirkliche schuld ist nicht nachgewiesen. Dor sechs Jahren waren wir allzumal der felsenfesten Ueberzeugung, daß wir zur Rettung unseres Bundesgenosten und zur eige- fien Verteidigung gezwungen feien, das Schwert aus der Scheide zu ziehen. Auch das zarteste christliche <8e-

wisten fühlte sich darin sicher, daß es sich um einen rechtmäßigen unvermeidlichen Verteidigungskrieg han­dele. Das war die Wurzel unserer Eintracht, unserer Kraft und Zuversicht. Die gute Sache, dachten wir, müsse doch sicher siegen!

Die Zuversicht wuchs von Tag zu Tag in den ersten Wochen des Krieges. Welch eine Freude, welch ein Jubel, wenn immer wieder neue Siegesdepeschen ein­trafen. Man gewöhnt sich daran wie an das tägliche Brot. Wir wurden etwas leichtsinnig und übermütig. Wir dachten, es würde immer so weiter gehen nach dem feinen Kriegsplan: Den Feind im Westen durch überraschte Schnelligkeit niederwerfen und bann die volle Straft gegen den russischen Koloß ansehen. Die Schlacht an der Marne brachte im September einen fatalen Umschwung. Don der stürmischen Attacke im Westen mußten wir zum Stellungskrieg übergehen. Don der vollen Tragweite dieser Wendung hatten die Uneingeweihten vorläufig noch nicht den rechten Be­griff. Wir blieben guten Mutes auch angesichts der Verzögerung und geiegenllichen Nackenschläge.

So haben wir vier lange, schwere Kampfjahre aus« gehalten gegenüber einer ganzen Welt von Feinden. Dieses zähe Durchhalten war nur dadurch erklärlich, daß zu Anfang des Krieges unsere Eintracht so fest be­gründet, unsere Gewistensruhe so schön gesichert, unsere Zuversicht so hoch gehoben worden war. Man könnte sagen: Don dem moralischen Fett, das in den ersten Wochen angefammett war, haben Heer und Volk in den schweren Jahren der Prüfung sich genährt.

Darum scheuen wir nicht die Erinnerung an die schönen Tage vom Sommer 1914. Ein Auge ist nah, das andere strahlt. Wir sehen voll Schmerz, was alles zerstört und verloren ist; aber wir sehen auch die Herrlichkeit, die vor wenigen Jahren noch gewesen ist und die nach den Naturgesetzen wieder aufsprosten kann, wenn der Wurzelstock noch gesund ist.

^Jüngling und (5 reis. Das ist der Unterschied zwischen der Nation von damals und der Nation von heute.

Wie kann man doch in wenigen Jahren so alt und matt und verdrossen und schwach werden!

In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling;

Still auf gerettetem Doot kehrt in den Hafen der Greis

Das gerettete Boot von Spaa sieht freilich jämmer­lich aus gegenüber dem geschwollenen Segelwald von 1914.

In einem Dänklsängerlied heißt es:Auf dem Dache sitzt ein (Breis, der sich nicht zu helfen weiß." Dem sieht das arme Deutschland verzweifelt ähnlich das­selbe Deutschland, das vor sechs Jahren in der üppig­sten Iugendkraft auszog und den Kampf mit einer ganzen Welt von Feinden aufnahm.

Wenn ein menschlicher Querkopf auf seine flotte Jugend zurückblickt, so weiß er, daß sie niemals wieder­kehrt, daß er trotz aller Reklame für dieDeriüngungs- kur" nicht wieder ein Jüngling werden kann. Aber er denkt doch häufig an die schönen Tage zurück und) tröstet sich in dem Bewußtsein, daß seine Kinder und Enkel nachholen können, was ihm versagt geblieben. Bei dem Rückblick auf die nationale Jugendblüte haben wir noch besseren Trost; d ernt es bleibt die Möglich­keit, daß sich bas geschlagene Volk zu alter Kraft und Herrlichkeit wieder auffchwingt.

Aber dürfen wir damit rechnen angesichts des grau­sigen Elends, das über die Körper und die Seelen ge. kommen ist?

Wir wollen uns freilich nichts in die nationale Tasche lügen und offen anerkennen, daß mir entsetzlich viel verloren haben an materiellen und moralischen Werten, an Kräften unö Tugenden. Aber sind bn?e Verwüstung und Benvilderung unheilbare lieber?ft ein Volk dos den Dreißigjährigen Krieg bestehen konnte, nach dem vierjährigen Krieg dem Tode ver- fallen? Dürfen die anderen Völker sich mit Fug über­leben und behaupten, daß sie gesünder und besser seien, 'wie bas geschlagene beutsche Volk? Das Evangelium von bem stolzen Pharisäer unb bem demütigen Zöllner, bas am vorigen Sonntag verlesen würbe, ist auch für bas Dölkerleben lehrreich.

Der Krieg, sagt man, sei eine Probe auf bie Tüch­tigkeit. Doch ber letzte Krieg war keine einwandfreie Kraftprobe. Gegen 25 Gegner zugleich kann sich auch ber stärkste Kämpfer auf bie Dauer nicht behaupten. Daß wir ber Uebermacht so lange standhaften konnten, war für uns rühmlich. Wir mußten unterliegen, als sich nach unb nach von allen Seiten der Windrose neue Feinde einstellten. Wir sind nicht von ber Tugend be- siegt, sondern von der Masse erdrückt worben. Don den immerzu anwachsenden Masten der lebendigen und technischen Hilfsmittel für die Feinde. In den blühen­den Augusttagen von 1914 wußten wir nicht, wie zahl­

reich die Feinde anwachsen würden, sonst hätten mir vielleicht noch rechtzeitig den Kopf aus der drohenden Schlinge ziehen können. Für den tapferen Wagemut müssen wir jetzt büßen.

Büßen in Geduld, aber in Hoffnung.Die Welt ist rund und muß sich dreh'n; was oben ist, muß unten sleh'n." Das haben wir gesehen; doch nach demselben Gesetz bes Umschwunges wirb auch wieder oben stehen, was unten ist.

Wenn das Volk wieder hoch kommen soll, muß es die Tugenden bewahren, die 1914 aufblühten. Wir haben damals nicht bloß Hurra gerufen, fonbern wir haben bie Eintracht, die Opf er willlg keit< den A r b e i t s f l e i ß betätigt.

In dieser Zeit der Niederlage wirb erst die ent- scheidende Probe angestellt auf die Tüchtigkeit der deuftchen Nation.

Auslösen. Die-Rede löst bei den Zuhörern große Heiterkeit aus; bie Maßnahmen bes Magistrats wer­den Unzufriedenheit bei den Arbeitern auslösen; eine Theatervorstellung, ein Konzert, ein Dortrag, löst Bei­fall aus; sogarReaktionen werden ausgelöst". Das hier in übertragenem Sinne gebrauchte Wort aus- lösen ist bem Gebiete Cer Technik entnommen und bebnrtet im eigentlichen Sinne bas Ausschalten einer Hemmvorrichtung an einem Triebwerk, wodurch dieses wieder in Gang gebracht wirb. Es setzt allo einen bauernben Zustand voraus (nämlich den der Bewegung), der unterbrochen war und nach Beseitigung des Hemm- niffes wieder hergestellt wird. In richtiger Folgerung müßte also bei den vorhin erwähnten Beispielen die Heiterkeit, die Unzturiedcnyeit usw. ein dauernder Zu­stand gemefen sein, ber aber unterbrochen war und erst durch die Rede, die Maßnahmen, die Theatervorstel­lung usw. wieder herbeigesührt wurde. Welche Ge- dankenlosigkeit liegt also in ber Anwenbung dieses Modewortes, das dazu noch Eintönigkeit bringt, wo Mannigfaltigkeit herrfajen könnte! Eine Rede erregt Heiterkeit, bie Maßregeln bes Magistrats oerur- f a d) e n Unzufriebenheit, bas Konzert, ber Dortrag erntet Beifall, der Redner erringt mit seinem Vortrag Beifall. Es ist bedauerlich: je törichter Modewörter sind, je weniger man sich dabei denken kann, um so eifriger werden sie nachgeahmt. k.

Brennjyiritus ist denaturiert und riecht des« halb entsetzlich, was die Hausfrau besonders betm Plätten als äußerst lästig empfindet. Der Geruch läßt sich mildern, wenn man etwas Weinsteinsäure im Spiritus auflöst. m<>-