47. Zatzrg.
Donnerstag, 5. fluguft 1920..
fir. $79
in Fulda.
Deutscher Reichstag
nach.
Frau
benutzten diese parteipolitischer
Dersammlungs- ganz besondere
Debatte ekelhaft. Die Unabhängigen Besprechung militärischer Fragen zu
Agitation und zu
Religionshetze
der Revolution einige Vertreter der Arbeiterschaft gelangt sind. Und niemand entspricht besser als Fehrenbach mit seiner bürgerlichen Würde der Vorstellung, die man sich von einem Bürgerreichskanzler macht.
Die Genfer Kongresse.
Aus dem internationalen Bergarbeiterkon- g r e ß herrscht im Gegensatz zum Sozialiistenkongreß ein sehr kameradschaftlicher Geist. Namentlich zwischen den deutschen und den englischen Arbeitern sind die Beziehungen herzlich, und jede deutsche Rede wird von den Engländern mit lautem Beifall ausgenommen. Zum Thema Sozialisierung konnte der deutsche Redner darauf Hinweisen, daß der Reichswirtschaftsrat diese Reform ausdrücklich empfohlen habe.
Im Sozialistenkongreß geht die z-emuch eintönige Debatte über den Völkerbund weiter. Fast alle Redner, so namentlich Troelstra, verwerfen das Statut des Völkerbundes, das viel zu militaristisch und imperialistisch sei. Für Deutschland sprach Bernstein zu diesem Thema. In den Straßen Genfs sieht man jetzt Maueranschläge, die das Proletariat vor diesem Kongreß warnen.
nommen. Gas- und Elektrizitätswerk sind in Betrieb, die Geschäfte sind geöffnet.
und drückte dabei die runde Hand auf's Herz und blickte ihn liebevoll an.
„Mein Glück", lachte er, „verlangt nicht nach Ehe- ketten und wenn sie auch aus Rosen geflochten wären. Ich fühle mich einschichtig höchst glücklich! Ich bin der geborene Junggeselle!"
„Na, warten Sie!" dachte Frau Therese. „Ihr Vetter Achim hat sich gewiß für einen eingefleischten Hagestolz gehalten, wie wir alle es taten, bis er sein Schicksal in Nizza kennen lernte. Und es muß bei ihm Liebe auf den ersten Bück gewesen sein, denn . . ."
„Das ist auch das Richtige!" fiel er ein.
„. . . denn", fuhr Frau Therese fort, „die Bekanntschaft hatte nur ganz kurz gedauert, da verlobte er sich schon mit Silvia, und die Hochzeit folgte, so schnell das zu machen ging. Es war eine große Ueberraschung, als er damals mit einer jungen Frau nach Altenwied zurückkehrte und keiner war mehr überrascht als mein Vetter Leo. Don ihm habe ich so nach und nach alle diese Einzelheiten erfahren, denn er war ja fast der einzige Mensch, mit dem Achim Eggenbrecht vertraut verkehrte, et war jein einziger Freund." v-
Lust, mein Herr?"
„Nein, wenn ich heirate, will ich auch eine richtiggehende Schwiegermutter als Zugabe haben und recht viele junge, lustige Schwägerinnen obendrein."
„Ach, dann weiß, ich was für Sie, nämlich ..."
„Nur nicht!" unterbrach er energisch. „Was mir angeboten wird, nehme ich grundsätzlich nicht! Wenn ich mich zum Lotteriespiel Heirat enffchließe, so muß die Bekanntschaft zwischen derjenigen und mir durch irgendeinen wunderbaren Zufall erfolgen."
„Nun, man kann ja dem lieben Zufall etwas
Die perlen der Eggenbrechtr.
7] Roman von Alexandra von Bosse.
„Lachen Sie nicht", warnte sie, „lernen Sie Silvia rrst einmal kennen!"
„Das wird schwer halten, da die Frau Kusine die alte vermoderte Familien-Feindschast anscheinend weiter aufrecht erhalten will."
„Unsinn! Was hätte das für einen Zweck, jetzt, wo mit Ihrem Vetter Achim der Letzte der Altenwieder Binie ins Grab sank. Unsinn!"
„Nun", bedachte er achselzuckend, „Achims Witwe sieht es vielleicht für würdiger an, nicht gleich mit den alten Ueberlieferungen zu brechen."
„So ist sie gar nicht", widersprach Therese. „Sie ht ein liebes, harmloses, aber sehr gescheites Kind, tos . . . .'
„Als Mama und meine Schwestern ihren Kondolenzbesuch bei ihr machten", unterbrach er. „nahm die Frau Kusine nicht an, und heute klopfte auch ich oer- Seblich an."
„Damals war sie viel zu sehr mit den Nerven herunter, um Besuche anzunehmen, und heute war sie wahrscheinlich nicht zu Hause."
„Vielleicht, vielleicht auch nicht!" sagte er und fuhr scherzend fort: „Außerdem hätte ich bei ihr, wenn ich auch hier Nachfolger Achims werden wollte, gar keine Thance, als gelber, schmächtiger, häßlicher Chinese."
„Ach, hören Sie aus!" verwies sie streng. „Sie wissen sehr gut, wie unwiderstehlich Sie sein können, wenn Sie wollen. Ich finde Sie schöner als den rie- j'gen Achim Eggenbrecht." __
„Danke!" 1
Wolf lachte sein spitzbübisches, lautloses Lachen, das ihm so gut stand, und Therese lachte mit. Er wußte wehl, daß er nicht schön war mit seinem eckigen Gelacht, in dem die Nase weder römisch noch griechisch, sondern von ganz gewöhnlicher germanischer Form war, mit dem etwas großen Mund, dem starken Kinn und der kantigen Stirn unter dem farblosen krausen Haar. Sber dies Wissen machte ihm keinen Kummer, weil er trotz dem Mangel an glänzenden äußeren Vorzügen allgemein beliebt war. ,
„Mit der Erinnerung an Detter Achims hünenhafte Männlichkeit", fügte er hinzu, „könnte ich doch nicht m Wettbewerb treten."
mals für ständig niedergelassen hatte. Er lebte im Hotel und als ihr Vetter Achim ihn und die Tochter dort kennen lernte, war er schon ein ganz ruinierter Mann." „Jetzt ist er tot?" fragte Wolf. Therese nickte. „Er starb sehr bald darauf."
„Und so steht Silvia ganz allein?"
„Ganz allein! Wer sie heiratet, bekommt weder Schwiegermutter, noch Schwägerinnen oder sonstige un- erwünscht liebende Verwandte. Bekommen Sie nicht
Abbau der Zwangswirtschaft.
Die Beschlüsse des Ernährungsminisiers.
Im Reichsministerimn für Ernährung und Landwirt- I fchaft haben in den letzten Togen unter Leitung des Ministers Dr. Hermes Besprechungen rmt den Ernah- rungsministern der Einzelstaaten stattgesunden, die sich I auf alle wichtigen Gebiete der Ernährung bezogen. 3m I einzelnen ist das Ergebnis der Beratungen, kurz gefaßt, folgendes: . „
Hinsichtlich des Brotgetreides herrschte ootte lieber ein stimm ung darüber, daß die straffste Bewrrtschas- I tung und schärfste Erfassung durch geführt werden muffe. Wie beim Getreide soll auch hinsichtlich der Bewirtschaf- tung von Milch, Butter und Inlands käse keiner- lei Asnderung eintreten. .
lieber die Bewirtschaftung oder Freigabe der Kartoffeln soll ein Beschluß erst in der ersten Halste des August gefaßt werden. - „ .
Die Fleischbewrrtschaftung soll nach An- sicht der Konferenz im Lause des Herbstes ihr Ende fmden. Die Fleischkarte müsse aufgehoben miib durch die Kunden- liste ersetzt werden. , „ . ., _ .
Die Bewirtschaftung des Zuckers soll m ihren Grund- züaen aufrecht erhalten werden. Soweit wie irgend wog» sich soll aus den verfügbaren Zuckervorräten an Stelle der Belieferung der Marmeladefabriken der Bedarf an Einmachzucker sichergestellt werden. .
Der Preisabbau für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse muß Hand in Hand gehen mit dem Aboau der'Produktionskosten. , „ ..
Von den Kriegsgesellschaften fallen nur die- ienigen weiterbeftehen bleiben, welche die zentrale Bewirtschaftung der wichtigsten Nahrungsmittel (Getrerde, Milch usw.) ausüben.
Die Aleischkarte.
Der ^.ulkswirtschaftsausschuß des Reichs- tags verhandelte aestern über einen ihm vorliegenden Antrag des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft. die Reichsfleischkarte aufzuheben und dafür Kundenlisten bei den FleischveMufern vorzuschreiben. Den Landesbehörden soll es überlassen sein, Gemeindefleisch' karten einzuführen. Von Abgeordneten der verschiedenen Parteien lagen Anträge in der gleichen Sache vor. Reichs- ernährungsminister Hermes ging auf die Aussiihrungen der einzelnen Redner und die Anträge näher em und
I erklärte, daß er sich nicht ohne weiteres Jur Aufhebung der Vieh- und Fleifchwirt- schäft bis zum Herbst ausfpredjCTi könne. Es muffe die Aufhebung abhängig gemacht werden von der Sicherung einer entsprechenden Menge von Brotgetreide und Futtermitteln. Eine Senkung der Vieh- und Fleffchpreife lasse sich nicht abweisen, da die wirtschaftliche Lage weiter Dolkskreise es nicht gestatte, die hohen, sachlich nicht gerechtfertigten Preffe aufrecht zu erhalten. Auch die Landwirtschaft follte die Gesamtlage im Auge behalten und müßte gewisse Opfer bringen. Zu einer Beschlußfassung
| kam es noch nicht.__________
Ruhe in Zittau.
Mittwoch früh ist in Zittau Reichswehr einge- rückt und hat die Stadt beseht. Die Besetzung tft in aller Ruhe und Ordnung vor sich gegangen. Es sind keinerlei Gewalttätigkeiten vorgekommen. Der sogenannte „15er Ausschuß", der sich Gewalt über dre Stadt angemaßt hatte, hat sich schleunigst verkrümelt. Drei seiner Mitglieder find verhaftet worden, der Kommunist Jordan, der ihm ebenfalls angehörte, tft
I verschwunden und wahrscheinlich über die tschechische Grenze geflüchtet. Der Bahnverkehr ist wieder aufge-
Langeweile lastet am Mittwoch zu Beginn der Sitzung über dem nur sehr schwach besetzten Saal. Man kaut zum dritten Mal den noch immer nicht erledigten N o t e t a t wieder. Die Unabhängigen machen es den feriensüchtigen Reichsboten nicht leicht, recht bald nach Hause zu kommen. Der Etat des R e i ch s w i r t - s ch a s t s - und Arbeitsmini st eriums werden schließlich erledigt.
Beim Reichswehrministerium wird die
helfen."
„Würde ich sofort riechen! Ueb'erhaupt, liebste Therese, warum wollen Sie mich durchaus so schnell wie möglich unter die Haube bringen?"
„Weil mir Ihr Geschick am Herzen liegt!" sagte sie
„Merkwürdig eigentlich", wunderte sich Wolf.
„Ach, sie paßten ganz gut zusammen", meinte sie. „Leo Branding ist ja auch in gewisser Weise menschenscheu Dazu kam die Nachbarschaft der Güter. Nun lag aber noch ein besonderer Grund zu der Freundschaft vor. Sie wissen doch, daß mein Vetter lange Zeit ein hilfloser Krüppel war. Er fiel als elfjähriger Junge von einem Scheunendach herunter und zerschmetterte sich ein Knie. Seitdem konnte er nur an Krücken gehen, bis vor etwa zehn Jahren eine glückliche Operation ihn fast heilte. Etwas hinkt er ja immer noch. Achim Eggenbrecht hotte damals den jüngeren, ungeschickten Spielkameraden zu der Kletterpartie auf das Scheunendach veranlaßt, er gab sich die Schuld an dem Unfall, und daher rührte seine unentwegte Liebe zu Leo.
„Eigentlich ein schöner Zug seines Charakters."
„Mein Detter Leo", sagte Frau Therese, „war ein unliebenswürdiges Kind. Sie wurden zusammen erzogen. Leos Eltern hielten einen Hauslehrer und Achim ritt oder fuhr täglich von Altenwied nach Stolzen hinüber, um an Leos Unterricht teilzunehmen. Leo war der Gescheitere, also machte der Altersunterschied nichts aus, ja Leo überflügelte den älteren Freund bald, was diesen mit Bewunderung für die Gelehrsamkeit des jüngeren Kameraden erfüllte. Ich glaube, bis zuletzt hat Acksim von Eggenbrecht sehr viel von Leos über- legcnem Wissen gehalten, und sein Vertrauen zu ihm scheint grenzenlos gewesen zu (ein, da er ihm sogar seine Frau und sein Kind anvertraut, sozusagen ver- macht hoi."
Wolf Eggenbrecht spielte nachdenklich mit einem Heinen silbernen Papiermesser, das er vom Tisch genommen hatte, und ohne aufzusehen fragte er:
„Hat auch Frau Silvia so unbegrenztes Vertrauen zu ihm?"
„Wie könnte sie anders", entgegnete sie achselzuckend. „Er ist nun mal ihres verstorbenen Gatten Testaments- Vollstrecker und besorgt ihr allen geschäftlichen Kram, von dem sie nichts versteht. Silvia hat ja keine blasse Ahnung von Geld unb Geldeswert, die Aermste, sie muß sich einfach vollkommen auf Leo verlassen, nicht wahr? Dazu ist er noch Vormund ihres Kindes und weil es in einem hingeht, bevormundet er sie natürlich auch nach besten Kräften. Das Bevormunden liegt ihm großartig."
■—— "< (Fortsetzung sollst.'
im niedersten unabhängigen stile. Sie hatten es diesmal auf eine .. „ Frage abgesehen, nämlich auf das Verhältnis zwischen Reichswehr und Religion! Sie schickten im Genossen Fries einen Redner von niedersten demago- gischen Qualitäten vor, der in der unerhörtesten Weis» und in Formen, die man bisher noch nicht erlebt hat, die M i l i t ä r s e e l s o r g e in den Bereich seiner galligen — und man muß schon sagen — gemeinen Kritik zog. Es gibt kaum eine Schandtat, die «nach diesem Redner nicht gerade von der Militär-Geistlichkeit gebilligt worden war. Sogar für die Wegnahme der Sabbatleuchter bei den Ostjuden für Kriegszwecke macht er die Militärgeistlichkeit verantwortlich. Er verhöhnt die militärischen Gottesdienste und wird schließlich so niedrig und gehässig, daß die Parteien zum großen Teile den Saal verlassen. Aus der Stimme des Generals von Gallwih, der zunächst dem Unab- hängigen erwiderte, spricht eine starke innere Be- roegung und Ergriffenheit. Er nimmt die Militär- Seelsorge unter dem wütenden Widersprach der Unab- hängigen, aber unter stärkstem Beifall der übrigen Mitglieder des Hauses, die in dichten Gruppen das Rednerpult umstellen, in Schutz. Fortwährend brüllt Adolf Hoffmann dazwifchen: du sollst nicht töten! du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!, und Luise Zietz schreit den Redner, als er das Christentum verteidigt, an: Sie sollten sich schämen! Gegenüber dem Vorwurf des Vorredners wegen der Beschlagnahme der Metalleuchter bei den Juden macht Gallwitz darauf aufmerksam, daß man in Deutschland doch den Kirchen auch die Glocken genommen hat.
Der Zentrumsabgeordnete Dr. Schreiber legt in würdigen Worten Protest gegen die schamlosen Angriffe des Unabhängigen ein. Es ereignen sich während tue- j fer Ausführungen immer sich wiederholende unterbre- ! chunaen von Seiten der Radikalen, die in der gemein- 1 sten 'Weise das Christentum beschimpfen. Der unabh. Abg Bock schreit: „Den Schwindel glauben wir mchr mehr!" Schreiber erinnert die Unabhängigen daran, daß ihr Führer Haase in einem katholischen Krankenhaus Zuflucht gesucht, und dort bestens gepflegt worden sei. Das sei eben das Kulturelement des Christen- turne, das die Humanität für alle bietet. Auch diele I Ausführungen werden von den Unabhängigen mit ha» Mischern Gelächter begleitet. Danach setzt sich noch der Zenttumsabg. Andree in geschickter Weise mit den Unabhängigen auseinander, was wieder nicht ohne stark- sten Spektakel vor sich ging. Die schlüssige Beweis- I fübrung des Sprechers konnten die Unabhängigen mcyr anders als durch einen Radau übelster Sorte bekämpfen. Das Wort Andrees, daß das Christentum den | Gedanken der Liebe predigt, während die Unabhängigen die Partei des Haffes seien, wirkte auf ber ßtn en I wie Peitschenschläge. Die radikalen Abgeordneten I sprangen von den Plätzen auf und überboten sich tn I wilder Schreierei. Der unvermeidliche Adolf Hoffmann, der sich bisher fchon durch ungezogene Zurufe „ansge- zeichnet" hatte, kommt nun ans Rednerpult. Was der Reichstag nun erleben muß, war eine Schmach unc eine Schande. Man mußte erneut fühlen, welchen Schandfleck die Tätigkeit eines solchen Mannes als I preußischer Kultusminister bedeutete. Hoffmann redete I sich in immer größere Wut hinein, die Unstaffgke,ten, die er geaen das Christentum, gegen Geistlichkeit und christliche Einrichtunaen schleudert, lassen sich nicht wiedergeben. Die Religions-Diener bezeichnet er als
Bom Reichskanzler Fehrenbach.
Aas Scheidemann sagte, als er nach der Regie- I moserklärung des neuen Kabinetts im deutschen Reichstage das Wort ergriff: „Wir werden- mögen wir LiÄ mit seiner Regierung in Fehde geraten, an der E, kiner Absichten und an der Reinheit seines Wil-
„irmals zweifeln" — das bringt zum Ausdruck, L jeöc Fraktion und jedes Mitglied des Reichstages En Fehrenbach denken. Und ebenso kann man sagen, c, ehrenden Worte, die Paul Goldmann, der Berliner «citteter der „Wiener neuen Freien Preffe", in die- I ' Mr. 200 275) dem Parlamentarier und Menschen kehrenbach widmet, werden von der deuffchen Presse Jjfer Parteischattierungen unterschrieben. Goldmann führt aus: m
Fehrenbach ist ein frommer Man n, em treuer I =obn>6er Kirche, aber gleichzeitig ein überzeugter De- not tat. Er entstammt dem süddeutschen Volke, dem die Demokratie im Blute liegt • • • m v _.
Fehrenbach ist ein hervorragender Redner. Die «-tur hat ihn mit einer wohllautm, tiefen, warmen Stimme ausgestattet. Er ist aus der großen Beredsam- kitsichule der katholischen Kirche hervorgegangen (ein Lftoral-er Ton klingt noch heute manchmal durch): berat 7 hat anfänglich auf dem katholischen Seminar studiert, koüter ist er Jurist geworden und er hat in langjähriger 5rari5 als Rechtsanwalt in Freiburg die klare und sichere Snwmentaiion gelernt, die auch feine Parlamentsveoen , gezeichnet, ©ein erster großer Erfolg vor Gericht war die Verteidigung eines Studenten, der fernen Gegner im DM erschossen hatte, und dessen Freisprechung er erzielte. Dabei war Fehrenbach, als „Alter Herr" einer kathosi- Mwt Studentenverbindung (Hereyma, Freiburg), gründ- Micher Gegner des Duells: ttotzdem er diese ferne Heber- ,elWg in keiner Weise verleugnete, soll seine Vettel- «mnasrede ein Meisterwerk gewesen ist.
Fehrenbach ist als Redner so sicher, daß er sich selten eines Manuskripts bedient. Er spricht frei und behalt da- bei sitts die Hmrsckmst über die Form. Wohlgebaut, schön «erunbef reiht er seine Perioden auf. Seine Sätze haben einen langen Atem. Ueberhaupt hat feine Beredsamkeit etwas Breitbehagliches. Es fft süddeutsche Beredsamkeit: imd süddeutsch ist auch der Klang der Sprache, ist der hmnor, der manchmal durchleuchtet, ist vor allem das Gemüt das die Worte des Redners mit Wärme erfüllt. Dieser Gemütston ist Fehrenbachs schönste rednerische Eigenschaft, mit ihm erzielt er feine stärksten Wirkungen. Unvergeßlich bleibt jedem, der sie gehört hat, die «schm- temde Rede, die er vom Präsidentensitz der Nationalver- snnmlung aus am Schluffe der Sitzung hielt, in welcher der Vernicht ungssriede von Versailles angenommen wurde. Als er das arme deutsche Vaterland dem Schutze Gottes empfahl, flössen die Träum im Hause und auf den Galerien. Manche finden, daß Fehrenbach zu Zeiten etwas übertreibt, zu Zeiten etwas rührselig ist. Darüber laßt sich ftreiten. Aber übertrieben oder nicht — fern Ton ist immer echt. Es ist der Gemütstzm, der aus einem Herzen voll Güte kommt.
Ein weicher, ein gütiger Mensch. Alle stimmen dann überein, die Fehrmbach persönlich nahegekommen sind. Einer feiner Freunde sagt: „Wer ihn nur einmal gesehen hat wie er mit seinen Enkelkindern (er hat deren fieben) in der Umgebung von Freiburg spazieren geht, der kennt ihn ganz." . „, . _ .
Ein so gemütvoller Mann ist natürlich em Frepnd der Musik. Der neue Reichskanzler liebt sie nicht nur, Ioniern ist selbst ein Musiker von beachtenswerter Bega- bmig. Er spielt sehr gut Klavier, ebenso die Orgel, ist ein trefflicher Sänger und hat jahrelang im , Chor des Freiburger Männergesangvereins, besten Präsident er gleichfalls seit langem ist, mitgewirkt.
Fehrenbach ist nahe dm Siebzig. Man sieht ihm seine Sabre nicht an. Das Haar ist noch buntel, nur an den Seiten angegraut, die aufrechte Haltung läßt keinerlei Ntersgebrechm ertemten. Das Gesicht ist battlos. bis auf einen kleinen Schnurrbart. Die Augen blickm klug und freundlich. Charakteristisch ist der langsame, gewichtige Gang. Ueberhauvt hat sein ganzes Wesen etwas Gewichtiges, Wohlgesetztes. Er erinnert an Typen behäbiger Bürgerlichkeit, die Spitzweg gemalt hat, oder an dm -würdigen Bürgermeister" aus Hermann und Dorothea. Zum ersten Male hat jetzt das dmtsche Bürgertum dm Reichskanzlerposten besetzt, der früher dem Adel und der hohen Beamtenschaft vorbehalten war, und aus dm nach
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Waffenstillstand oder Frieden?
Die russische Regierung hat mit der von ihr überraschend angeregten Aussetzung der Waffenstillstandsverhandlungen und dem Verlangen nach Frie- densnerhandlungen zweierlei erreicht. Zunächst hat sie den Abschluß des Waffenstillstandes hinausgezogen, was offenbar in ihrer Absicht lag, und dann hat sie abermals der Entente deutlich zu verstehen gegeben, daß sie gewillt ist, ihr Verhältnis zu den Randländern des ehemaligen Rußland ohne fremde Einmischung zu ordnen. Sie will offenbar erst m Verhandlungen mit der Entente sich emlassen, wenn vollständige Klarheit über die Machtverteilung im Osten hergestellt ist. Sie glaubt dann so eine viel stärkere Rolle spielen zu können.
Von polnischer amtlicher Seite wird folgende Erklärung veröffentlicht: .
Es ist augenscheinlich, daß die Sowietreaierung die WaffenstillstandSverhandlunaen in der Hoffnung auf die verspätete Hilfe unserer Bundesgenoffen aufschieben will. Das Datum des 4. August als Tag des Beginns der Friedensverhandlungen ist unmöglich, denn eine mit so weitgehenden Vollmachten, wie sie die Sowjet- regterung fordert, versehene Delegation könnte mit ihren Vorbereitungen weder bis zu der geforderten Zeit fertig werden, noch bet dem Fehlen der Verkehrsmög. lichkeiten nach Minsk gelangen. Nebrigens muß dre Regierung vor Entsendung einer neuen Delegation den Bericht der vorherigen entgegennehmen.
Die Londoner Konferenz ausgehoben.
Die b r i t i s ch e R e g i e r u n g hat auf drahtlosem Wege eine Botschaft an die Sowjetregierung gerichtet, in der erklärt wird, daß angesichts ihrer Anmaßung, mit Polen nicht nur Waffenstillstands-, sondern auch F r i e d e n s Verhandlungen aufzunehmen, der Gedanke der Einberufung einer international l e n Friedenskonferenz auf gegeben werden müsse.
Der Pichst für Polen.
wtb Rom, 4. Aug. Der Pap st hat den p o l n i- schen Vertreter in Audienz empfangen. Rach dieser Audienz hat er alle auswärtigen Vertreter gebeten, mit ihren Regierungen in Verbindung zu treten, damit Mittel geschaffen werden könnten, um einer allgemeinen Katastrophe Polens vorzubeugen.
Ungarische Gefahr für Dien?
In Wien mehren sich die Nachrichten, daß im westlichen Ungarn stärkere Truppenansammlungen stattfmden, die für Operationen gegen Deutsch- Oesterreich bestimmt sind. Diese Nachrichten finden um so mehr Glauben, als aus Ungarn kommende Reisende sich jetzt zahlreich melden, um warnend ihre Stimme
Frau Therese verzog ihr Gesicht zu einer Grimaffe.
„Ach, wissen Sie, Achim Eggenbrechts hünenhafte Männlichkeit hatte für mich immer etwas Bedrückendes, man tarn sich neben ihm immer so schulmädchenhaft klein und demütig zwergenhaft vor. Ich glaube, auch feine Fran empfand das, und sie hat ihn wohl immer mehr gefürchtet als geliebt."
„War die Ehe nicht glücklich?"
„Mel zu kurz, als daß Silvia sich darüber hätte klar I werden können. Sie war so jung, sie hatte nur ihn, I sah nur immer ihn, außer vielleicht noch Leo Bran- I ding. Aber aus Liebe hatte sie den viel älteren, so be- | drückend ernsten Mann gewiß nicht geheiratet." I „Gezwungen hat sie wohl niemand dazu — oder doch?"
I „Die Verhältnisse fraglos."
I „Wieso das?"
„Aber, mein gutes Wölfchen, wissen Sie denn noch I gar nichts über die Lebensgeschichte der Frau Silvia I von Eggenbrecht?"
I „Absolut nichts."
Sie schob ihm den kleinen Kasten aus Elfenbein mit
I Zigaretten wieder zu und sagte
I „Rauchen Sie, und ich erzähle Ihnen was von Sil-
I via, wenn es Sie interessiert."
Er zündete sich eine frische Zigarette an, lehnte sich
I bequemer im Stuhl zurück und Frau Therese begann: „Sehen Sie, wenn man ein junges Mädel von sieb-
I zehn Jahren ist, weder Mutter noch Geschwister hat, I dalür aber einen herabgekommenen, alternden Vaier, I der an allen Spielhöllen der Welt herumabenteuert, dann besinnt man sich nicht lange, wenn ein stattlicher
I Majoratsherr einem Herz und Hand anbietet, nicht I wahr?"
„Möglich", nickte er und fragte dann: „Also ist es wahr, daß ihr Vater ein Abenteurer gewesen ist? Liesa sagte was davon."
Therese zuckte die Achseln.
„Man kann es wohl so nennen, wenn man will. I Ursprünglich war er preußischer- Offizier, der Major von | Hag, erst nach dem Tode feiner jungen Frau nahm er den Abschied, begann ein unftätes Reiseleben und wurde
I Stammgast aller Spielhöllen Europas. Sein einziges I Kind, die kleine Silvia, wuchs zuerst bei einer Tante, der einzigen Schwester ihrer Mutter, auf, und als diese starb, in Instituten. Als sie sechzehn Jahre alt wurde, j nahm der Pater sie zu sich nach Nizza, wo er sich ha- J
Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Carl Schütte, n für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda.
Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Aetiendruckerei I _
Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung
zu erheben. Sie behaupten, daß ein monarchistischer Putsch gegen Wien in Vorbereitung sei.
Wider das Enlwafsnungsgesetz.
Die Unabhängigen und die Kommunisten veranstalteten gestern im Lustgarten eine Protestkundgebung gegen das Cntwaffnungsgesetz. Die kommunistischen Redner oertraten den Standpunkt, daß die Arbeiterschaft ihre Massen behalten und das Bürgertum entwaffnen müsse. Der unabhängige Dr. Rosenfeld ver- sichette dagegen m offenkundigem Gegensatz zu den Sprechern der Kommunisten, daß die Arbeiter überhaupt kerne Waffen mehr hätten, sondern nur die Gutsbesitzer, die man aber nicht entwaffnen wolle. Die Demonstration nahm im übrigen einen ruhigen Verlauf.