Mittwoch, 4- flugii|t 1920
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47. Zahrg.
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ist gegenwärtig auch nicht hier, sondern vielmehr am Bug bei der Sedlezbahn und bei Lrest-Litowik. Am Sonntag wurde bereits um den Bug-Uebergang beim Orte Melnik schwer gerungen. Gleichzeitig waren Kämpfe um die Festungswerke von Brest - Litowsk und auch schon in der Stadt selbst. Nach einem russischen Funkchruch befindet sich die Stadt bereits in den Händen der Russen.
In Danzig, wo die polniichen Arbeiterorgani« sationen die Lebensmittelzufuhr nach Danzig zu sperren beschlossen hatten, die Eisendahnerorganisa» honen als Vergeltungsmaßregel die Einstellung des gesamten Güterverkehrs aus dem Freistaate nach Polen in Aussicht genommen.
Frievensverhandlimgen im Osten?
Während über den Stand der Waffenstillstands. Verhandlungen bisher völliges Stillschweigen herrschte, bringt jetzt ein Moskauer Funkspruch die Sensations« melduna, die polnische Waffenstillstandskommisson habe am 2. 8. aus Moskau dem polnischen Außenminister gefunkt, daß die. Vertreter des Sowjetkommandos in Baranowitschi ihr milgeteilt habe, daß die Sowjetregierung nicht nur über den Waffenstillstand, sondern auch über den Frieden verhandeln wolle. Diese erweiterten Verhandlungen sollten am 4. Augnst in Minsk beginnen. Da' die polnische Waffenstillstandsabordnung keine ausreichenden Vollmachten für die Fciedensverhand- lungen besaß, erbaten die Sowjetverlreter entweder die Erweiterung der polnischen Vollmachten oder das Eintreffen von neuen, mit neuen Vollmachten versehenen Delegierten.
Die Kämpfe gehen inzwischen weiter und die Russen setzen ihren heftigen Anprall gegen* die Warschaufront fort. Der stärkste Andrang
Die SarloffelbeNirlschastung.
Der Reichstagsausschuh für Volkswirtschaft behandelte die Frage der Kartoffelbewirtschafiung. Retchscrnährungs- minister Hermes betonte, daß die Regierung einen über dis Produktionskosten hinausgehenden Preis von 25 Mark für den Zentner angesetzt habe, um den Kartoffelanbau zu fördern. Im Hinblick auf den Preis und bie voraussichtlich gute Ernte hätten aber bisher die Städte vielfach damit zurückgehalten, Lieferungsverträge abzufchlietzen. Inzwi- scheu Habs der Ausschuß des Reichswirtschaftsrates die Auf- Hebung der Zwangswirtschaft empfohlen. Nach Rücksprache auch mit den süddeutschen Händlern möchte er (Hermes) die Usberzeugung aussprechen, daß die Verträge zwischen der Landwirtschaft und den Städten aus alle Fälle bestehen bleiben müßten. Der einmal festgesetzte Preis von 25 Mark müsse bleiben, damit das Vertrauen der Land» wirtschaft in die Preispolitik des Reiches nicht erschüttert werde. Es wurde ein vom Zentrum eingebrachter Antrag angenommen, bei der Aufhebung der Zwangswirt- fchäft für Kartofseln eine Reichsreserve von 20 MiUionen Zentnern zu schaffen. Ein gemeinsamer Antrag der Deulfchen Volkspartei und der Deutschnotio- nalen Partei, Demokraten und Bayerischen Volkspartei, die Zwangswirtschaft für Kartoffeln unverzüglich aufzuheben, wurde mit 16 gegen 12 Stimmen der Sozialdemokraten und Unabhängigen angenommen.
Eine Berliner Sensationsmeldung.
Eine Anzahl Berliner Blätter verbreiten die Meldung, daß am Samstag auf dem Erfurter Bahnhof ein französischer Truppentransport aus Köln von dm Eisenbahnarbeitern angehalten worden sei. Die Erfurter Eisenbahner hättm den Zug auf em totes ©leis schiebe» lassen und der französische Offizier die Weiterfahrt mit Je. walt erzwungm. Er habe seine Kompanie unter Gewehr treten, die Waffen schuß fertig machen und dm Zugführer und Heizer des Zuges festnehmen lassm.
Die Berliner Meldung ist in allen Einzelheiten unwahr. Der Transportzug enthielt etwa 160 französische Urlauber, die auf der Rückfahrt zu ihrm Truppenteilen in Ober- schlesien waren. Während des Aufenthalts tn Erfurt hatte der Transportführer einen Mann als Posten mit aufge- pflanztem Seitengewehr, aber ohne Patronen, neben den Zug gestellt, um den Verkehr der Zuginsassen mit dem Publikum zu verhindern. Das hatte eine Anzahl neugierige Eisenbahner angelockt. Dem Betriebsrat gab das Veranlassung, den vier französischen Offizieren, die den Transport begleiteten, die Einziehung des Postens nahe- zulegen. Das geschah denn auch schließlich. Die Untcr-
Die Geheimarchive der Entente liegen immer noch unter Verschluß und so wird die Kriegstreiberei auf der Gegenseite sorgfältig im Dunkeln gehalten. Den deutschen und österreichischen Staatsmännern wird vorgehalten, wo sie etwas mehr Mäßigung, Geduld und Vorsicht hätten haben können; aber von der zielbewußten Em- kreisungspolitik des Königs Eduard und von den Kriegsvorbereitungen der Herren Delcaffe und Poin- eare'spricht man nicht. Es soll ein Verbrechen sein, daß die Mittelmächte das Retz zu zerreißen suchten, das man um sie spann; das Verbrechen derer, die dieses Netz gesponnen haben, soll mit dem Mantel der Liebe bedeckt bleiben.
Die Weltgeschichte wird über die Schuldfrage anders urteilen, wie jetzt die parteiischen Feinde Deutschlands. Wir lassen uns durch die Wiederholung der alten Verleumdungen nicht beirren, auch wenn die Sozialdemokraten auf dem Altar ihrer geliebten Internationale Opfer an Zugestärrdnifsen bringen.
Gewiß sind auch in Berlin und Wien verhängnisvolle Fehler gemacht worden in jenen Schicksalstagen; das leugnen wir nicht, wir bestresten nur die Uebsr- treibung und Einseitigkeit. Die Sünden auf der Gegenseite sind schon nach allem, was bisher bekannt geworden ist, noch schlimmer; darum fordern wir volle Klarheit und unparteiische Beurteilung. Der große Unterschied ist nur der, daß die damaligen Machthaber von Deutschland und Oesterreich entthront sind und also die Buße für ihre etwaige Schuld schon angetreten haben, während in den siegreichen Ländern noch dieselben Kräfte in Macht und Wirksamkeit find, die an dem Ausbruch des Weltkrieges und an der Ablehnung aller Friedensanträge beteiligt waren. Daher erklärt es sich auch, daß der Krieg in Wirklichkeit immer noch kein Ende gefunden hat.
Statt den Blick auf den Anfang des Krieges zu heften, sollte man lieber für die Beendigung des Krieges sorgen. Es stehen nicht bloß Hunderttausende Soldaten mit allem Kriegsgerät im fremden Lande, bereit zum weiteren Vorrücken bei jedem Wink, sondern im Osten wird noch das Morden und Brandschatzen in altem Stile fortgesetzt. Man spricht vom Frieden, aber man hat ihn nicht. Was alle vernünftigen und gutgesinnten Menschen anstreben muffen, ist die Versöhnung der Völker und der Wiederaufbau der .Kultur mit vereinten Kräften.
Der Hinblick auf den Genfer Kongreß und auf die bolschewistische Kriegführung bekräftigt uns in der Erkenntnis, daß die Welt zum richtigen Frieden nicht durch die sozialdemokratische Internaffonale kommen kann, sondern nur durch die Erneuemng des ch r i st- l i ch e n G e i st e s.
Gegen den Versailler Frieden.
Um die den Deutschen gereichte bittere Pille zu versüßen, hat man in Genf noch eine Resolution vorbereitet, die einige besonders bevorstehende Mängel und Fehler des Versailler Vertrages und des Völkerbundes kennzeichnet und bekämpft. Beileibe aber nicht aus Uebereinstimmung mit der deutschen Sozialdemokratie, sondern weil der Friedensvertrag tatsächlich so haarsträubend und allem Recht bohnsprechend ist, daß ihn selbst die französischen Rechtssozialisten, die zweifellos mit zu den Deutschenfressern zu zählen sind, nicht in allen Einzelheiten billigen können.
Aus dem inlernalionalen Bergarbeilerkongreß erklärte im weiteren Verlauf der Tagung' der deutsche Vertreter H u e sein Einverständnis mit dem Vorschlag, einen neuen Krieg mit einem internationalen Bergar- beiterstreik zu beantworten. Aber diese Frage sei von so außerordentlicher Bedeutung, daß der Antrag an eine Kommission verwiesen werde. Der Antrag habe wichtige Konsequenzen. Wir dürfen nicht vergessen, sagte Hue, daß heute noch Krieg zwischen Polen und Rußland besteht, und daß, wenn die Bergarbeiter ihren
Beschluß auf Polen und Rußland anwenden mußten, bie' Welt einer neuen deuffch-französischen Katastrophe ausgesetzt wäre. Die Frage wurde daraus einem Ausschuß überwiesen. _ .
In der gestrigen Sitzung des Kongresses wurde em Antrag der Engländer über die Nationalisierung der Bergwerke erörtert. Generalsekretär Hodge begründete ihn und erklärte, daß die englische Forderung auf Nationalisierung der Bergwerke identisch sei mit dem Wunsch der Deutschen auf Sozialisierung der Bergwerke. Beide bezweckten die Beseitigung der Macht des Kapitalismus und Bürokratismus im Berg- bau und den Uebergang derselben in die Verwaltung einer Körperschaft, in der Vertreter der Arbeiter, der Verbraucher und des Landes vorhanden feien. Die Nationalisierung allein könne aus der Weltkohlennot herausfllhren. 'In den letzten sechs Jahren fei die Erzeugung um 400 Millionen Tonnen zurückgegangen. Wenn 'dieser Zustand anhalte, werde es immer schwieriger werden, die Lage der Arbeiterschaft zu verbessern. Darum müsse der Kohlenbergbau in den Allgemeinbesitz übergeführt werden. Imbusch vom christlichen Bergarbeiterverband, Mitglied der Zentrumsfrattion im Reichstag, der wie Hue von der englischen Delegation lebhaft begrüßt wurde, erklärte, daß der Vorschlag der Engländer' auf Nationalisierung der Bergwerke bei den deutschen Delegierten großen Beifall gefunden habe. Deutschland wünsche dringend, daß die Frage einer Losung entgegengeführt würde. Er gab einen Ueberblick über die Verhältnisse im deutschen Bergbau und ,agte. daß in Deutschland auch Staatsbetriebe vorhanden seien, so im Saargebiet und in Oberschlesien, daß diese aber nicht sehr ergiebig seien weil sie zu bürokratisch verwaltet würden. Notwendig sei die Herbeiführung einer möglichst hohen Erzeugung mit möglichst geringen Kräften. . , . „ .
Die drille Inkernakionale in Moskau.
Gleichzeitig tagt in M o s k au der 2. Kongreß der dritten Internationale, der sich auf den Boden der kommunistischen Ideen stellt. Hier dreht sich der Kampf um die Aufnahme der deutschen Unabhängigen, für die der Italiener Serrati ehrtrat. Lenin hielt den deutschen Unabhängigen eine donnernde Philippika, besonders weil sie noch den „Gegenrevolutionär" Kautz ky in ihren Reihen duldeten und sich gegen Terrorismus und Gewalt erklärt hätten. Solange sich das nicht ändere, könnte eine solche Partei nicht in die kommunistische Internationale ausgenommen werden. In dieselbe Kerbe schlugen der deutsche Kommunist Levi und Schweizer Droz. Die Führer des linken Flügels der Unabhängigen Säumig und Stöcker suchten sich mit Mühe geaen alle diese Vorwürfe zu verteidigen. Die Unabhängigen werden aber ihren dringenden Wunsch, tn die dritte Internationale ausgenommen zu werden, erst erfüllt sehen, wenn sie sich unter die Moskauer Befehle ducken.
Deutschland unter Anklage.
In den uns feindlichen Staaten ist man fortwöh- ,-nd bemüht, die angebliche deutsche Schuld am Ausbruch des Krieges festzunageln und es kann, scheint keine internationale Versammlung mehr geben, tn her die Schuldfrage nicht aufgerollt und dm Deutschen -in Bekenntnis ihrer alleinigen Schuld am Kriege abge- uoungen werden soll. So wird der Verlmmdungsfeld- -ua fortgesetzt, de die Imperialisten der feindsiäftn Länder seit sechs Jahren mit nur zu viel Erfolg betrieben haben. Warum und wozu? Einerseits um die eigene Schuld der gegnerischen Kriegstreiber zu verdecken, und ferner, um einen Vorwand für die Mißhandlung und Ausbeutung der Besiegten zu haben.
T Die Verleumder Deutschlands halten auch den internationalen Sozialismus für berufen, diese listige lat« tit der nationalistischen Machthaber zu unterstützen.
Auch der diesjährige Kongreß der sogen. Zweiten Sozialistischen Internationale in Gmf, der die gemäßigten sozialistischm Parteien der Kulturstaate im Gegensatz zu den in der Dritten (Moskauer) Internationale zusammengeschlossenen Radikalm aller Länder angehören, hat sofort die Schuldftage an den Anfang der Beratungen gestellt. Es wurde eine Resolution vorgelegt, die dem „kaiserlichen Dmtschland" die ganze Schuld an dem namenlosen Unglück des Weltkrieges, das Eduard VII., Clemenceau, Poincare, Sas- sanow, Iswolsky und wie sie alle heißen, in jahrelanger Wühlarbeit heraufbeschworen haben, in die Schuhe schiebt, ohne eine etwaige Schuld Frankreichs, Englands und Rußlands auch nur in dm Bereich der Möglichkeit zu ziehm. Weiter sollten in der Resolution die deutschen Sozialdemokraten ihre schwere Schuld bekennen, daß sie nicht bereits im August 1914 durch die Revolution Deutschland wehrlos gemacht hätten. Daß aber die englischen, russischen, französischen und belgischen Sczialisten die Kriegsparteim ihrer Länder sofort unterstützten, das natürlich ist deren gutes Recht, denn diese Länder, die zusammen allein in Europa mehr als viermal soviel Einwohner wie Dmffchland haben, sind ja von dem von ihnm völlig eingeschlossenen und einge- kreistm Deutschland „überfallen" worden.
Das ging denn nun doch den deutschen Sozialdemokraten, die sich in dieser Hinsicht viel von der Entente bieten lassen, über die Hutschnur. Der Frak- nonsvorstand mischte sich ein und sandte folgendes Telegramm nach Genf:
„Fraktionsvorstand hält Zustimmung der deutschen Delegation zu Genfer Ausschußantrag für unmöglich, da Archive anderer Länder nicht ■ geöffnet sind und deshalb Urteil über Schuldftage ganz einfeitig und ungerecht wäre."
Auf der Ententeseite gab man darauf etwas nach. Es wurde noch einmal eine Kommifsicmsberatung vorgenommen, die dann Einstimmigkeit ergab. Die Selbstanklage n der deutschm Sozialdemokraten wurdm etwas gemildert, andererseits die Verurteilung der Verletzung der „Nmtralität" Belgiens und der Deportationen aus dem Okkupationsgebiet noch besonders hervorgehobm. Der Wortlaut der neuen Resolution ist auffallenderweise nicht gemeldet worden; aber nach der Inhaltsangabe liegt doch wieder ein Schuldbekenntnis vor, wenn auch ein etwas gewundenes und verklausuliertes. Ein englischer oder französischer Sozialist hätte eine solche Erklärung, wenn sie sich gegen sein Land richtete, niemals unterschrieben, die deuffchm Delegierten taten es. Richtiger hätten sie gehandelt, wenn sie sich auf die Feststellung beschränkt hätten, die in dem Telegramm des Fraktionsoorstandes ausgesprochen war, daß eine Feststellung der Schuld erst dann einwandfrei erfolgen könne, wenn sämtliche Staats- archivegeöffnet werden. Diese Oeffmmg ist bekanntlich in Deutschland, Oesterreich und Rußland erfolgt. Da kommen alle Schwächen und Fehler, die auf der einen Seite begangen sind, in das grelle Licht.
Aus dem besetzten Gebiet.
• Das Nachspiel zur Verhaftung Dorfens. Die» wegen der Verhaftung Dortens durch die interalliierte Rheinlandkommission verfügten Amtsenthebun. gen wurden rückgängig gemacht, weil die Wiesbadener Polizei- und Regierungsstellen von dem Vorgehen gegen Sorten tatsächlich keine Kenntnis hatten.
* Französische Justiz. Von der Ungerechtigkeit und Härte der französischen Gerichte zeugt folgendes Urteil: In Landau wurde ein junger Mann, namens Oskar Bauer aus Kaiserslautern, der als Soldat dem 13. Reiterregiment angehört, verhaftet und von dem französischen Polizeigericht zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er in Ermangelung eines Zivilanzuges in Uniform feine schwerkranke Mutter besuchen
Die perlen der Eggenbrechts.
5] Roman von Alexandra von Bosse.
„Onkel bleiben!" sagte es schläfrig.
„Es hat ihm bei mir gefallen!" sagte er lächelnd, eni) alle in dem Abteil Anwesenden lächelten, das Lächeln, das den Menschen so leicht auf die Lippen tritt, sobald es sich um ein Kind handelt.
„Komm, Mädi, Onkel ist müde", lockte die junge Frau, die Hände ausstreckend, und im grellweißen Gas- glühlicht sah Wolf nun deutlich ihr Gesicht, während sie ihm das Kindchen abnahm und es in die offenen Arme der Dienerin legte; bann wandte sie sich wieder ihm Zu, reichte ihm die Hand.
„Vielen, vielen Dank, mein Herr, es war fo ungemein freundlich . . .", sagte sie herzlich und doch mit leiser Verlegenheit. Er ergriff die Hand, sein rechter Mundwinkel zog sich empor.
Dabei sah er ihr in die Augen, die dunkelblau waren und von seidigen dunklen Wimpern umgeben.
Dann war nichts mehr für ihn zu tun, er verneigre sich, lüftete den Hut, verließ das Abteil und ging den Sang hinunter und über die Verbindung in den Neben- »agen, wo Josua ihm einen Platz an der Tür belegt hatte.
I Eigentlich hätte ich mich vorstellen sollen! überlegte er, nachdem er den Hut abgenommen und sich gesetzt hatte. Es tat ihm leid, daß er es nicht getan, denn vielleicht hätte dann das kleine Abenteuer eine Fortletz ung bekommen.
| Wünschte er das?
Er strich sich über das Haar. Ihm war doch warm geworden bei dem raschen Gehen mit der kleinen Last >m Arm. Süßes, kleines Mädel! Und die Mutter — ja — die war genau fo hübsch, wie es ihr Gang und der Wohllaut ihrer Stimme verhießen. Ein entzückend liebes, junges Gesicht und die Lippen darin fo rot, die Augen fo leuchtend blau . . . so leuchtend blau.
Wie sollte er es nur anfangen, sie wiederzusehen? Cs schien ihm nötig, daß das kleine Abenteuer eine Fortsetzung bekam, unbedingt! Aber wer war sie? Mohin reifte sie? Die tiefe Trauer deutete doch darauf hin, daß sie eine junge Witwe war. Und wenn sie nach München reifte, dort wohyte, war es doch leicht möglich, daß er ihr dort einmal begegnen würde. Und Molf Eggenbrecht beschloß, recht, bald nach München fahren. —
Heute ging das leider nicht. Auf dem Bahnhof in Augsburg war schon sicherlich die ganze Familie versammelt, ihn, den neuen Majoratsherrn, feierlich abzuholen. Aergerlich, daß er seine Ankunft angekündigt hatte, ohne dabei an den unvermeidlichen Empfang zu denken. Run kam er mit mehrstündiger Verspätung an, und die ganze Gesellschaft hatte warten müssen.
Er lehnte den Kopf an die Polsterung zurück und wieder strebten seine Gedanken zu dem kleinen Reiseabenteuer zurück. Er lächelte dabei, sich vorstellend, daß ihn jemand mit dem Kinde im Arm gesehen haben könnte. Wenn Weltin zum Beispiel . . .
„Verwünscht!" unterbrach er mit halblautem Ausruf feinen Gedankengang, denn in dem Augenblick erst fiel ihm Weltins Reitstock ein und er bemerkte, daß er ihn verloren hatte.
Wo nur? Wahrscheinlich war er ihm entfallen, als er das Kind auf den Arm nahm ... Zu ärgerlich! Nun, das kam davon, wenn man menschenfreundlichen Gefühlen nachgab und den galanten Ritter spielte.
„Also fuffch! Schade darum!" murmelte er, aber mit der ihm eigenen Art, alles möglichst leicht zu nehmen, tröstete er sich schnell mit dem Gedanken, dem Reitstock sei es nun einmal vorausbestimmt gewesen, verloren zu werden. —
Viertes Kapitel.
Frau Therese von Ranken, geborene ffrtiin von Branding, hatte es unternommen, in München eine Neuerung einzuführen, den „jour fix". Bis jetzt waren nur zwei Damen ihres Bekanntenkreises ihrem Beispiel gefolgt, doch hatte sie schon erreicht, daß ihre Bekannten sie an diesem von ihr bestimmten Tage, einem Donnerstag, besuchten, um bei ihr Tee zu trinken.
Man kam gern zu Therese Ranken, obgleich bei ihr niemals Brigde gespielt wurde. Man unterhielt sich auch so gut bei ihr, traf interessante Leute und bekam ausgezeichneten Tee mit delikaten kleinen Kuchen und apxetitreizend belegte Brotschnittchen.
Heute war der „jour" sehr'besucht gewesen, Therese seufzte zufrieden aus, als kurz vor sieben die letzten Gäste sich empfahlen: da wurde noch ein verspäteter Gast gemeldet. Der Diener brachte eine Karte herein, ! und Frau Therese las:
Freiherr Wolf von Eggenbrecht-Reiken auf Alten- j mied.
i Frau Therese stieß einen kleinen Freudenruf aus.
„Ah — ich lasse bitten! Bringen Sie dann gleich noch heißes Wasser, Leopold!"
Ms der Gemeldete herein kam, lief sie ihm mit ausgestreckten Händen entgegen.
„Herr von Eggenbrecht — welche Freude! Endlich!"
Er führte ihre Hand an die Lippen.
„Eher konnte ich nicht kommen, gnädigste Frau, es gab gleich fo viel zu tun . . ."
„Begreiflich, alles wartete ja schon, um über Sie herzufallen, Sie Glücklicher! Wie weit sind Sie denn schon mit der Erbregulierung?"
„So ziemlich erledigt."
Sie nahmen Platz. Der Diener brachte kochendes Wasser, und Wolf nahm eine Tasse frischbereiteten Tee dankend an, ah dazu bereitwillig süße Kuchen und Butterbrötchen, erzählte dabei, daß er offizielle Besuche gemacht habe, leider mehrfach angenommen worden fei, entschuldigte damit sein spätes Kommen und seinen gesunden Appetit.
„Bester später, als gar nicht!" sagte sie und be- trachtete ihn. „Also Staatsvisiten haben Sie gemach: — darum sind Sie wohl in Uniform? Ich dachte. Sie hätten schon den Abschied genommen?"
„Eingereicht, aber noch nicht bewilligt."
Der B lick ihrer etwas vorstehenden, hellblauen Augen, die von goldigen Brauen überrundet wurden, ruhte auf seinem braunen Gesicht, und sie stellte fest, daß er sich in den vier Jahren sehr verändert hatte. Er bemerkte es, erriet ihre Gedanken und lächelte, wobei der rechte Mundwinkel sich emporzog und ein Grübchen in der rechten Wange sichtbar wurde.
„Sie finden mich verändert?" fragte er.
„Nun, bas Grübchen und Ihr fpitzhübsches Lächeln haben Sie noch", meinte sie lachend, „aber fönst . . . der rosige Jüngling mit kaum sprossendem Bärichey sind Sie nicht mehr — heelas!" Sie seufzte tief auf: „Werde ich Sie noch Wölfchen nennen dürfen?"
„Aber natürlich, das will ich mir ausbitten!" Seine hellbraunen Knabenaugen lachten wie einst. „Ich bin noch ganz derselbe, freilich von der Tropensonne verbrannt und ausgebörrt, auch älter geworben natürlich."
Schnell schob sie ihm den Kasten mit Zigaretten hin, nahm selbst eine unb sie rauchten unb sahen sich über ben Rauch hinweg lachenb an, ganz wie früher, wenn er als ganz junger Leutnant zu ihr kam, um sich von ihr bemuttern zu lassen.
„Und mm erzählen Sie!" bat sie. „Haben Sie auch schon Ihre Kusine Silvia besucht?"
„Gewiß, heute, das mußte ich doch schon als Familienoberhaupt. Aber sie war nicht zu Hause, ober nahm nicht an."
„Familienoberhaupt!" lachte sie. „Wie bas klingt! Wie fühlen Sie sich eigentlich als Majoratsherr?"
„Na, bas Schlimmste ist wohl so ziemlich überftan- ben."
„Unb wie haben Sie sich mit bem Herrn Testaments. Vollstrecker unb Vormunb ber Witwe unb Waise, Deinem verehrten Vetter Leo Branbing, vertragen?"
„Er hatte alles tadellos vorbereitet und es ging wie geschmiert. Ich machte ja auch nirgends Schwierigkeiten."
„Kann ich mir denken! Mit Ihnen hatte er leichtes Spiel. Ach, Wölfchen, wie habe ich mich gefreut, als ich hörte, daß Sie Majoratsherr werden und das schöne Altenwied erben würden!"
„Ich habe nie darauf gerechnet, wir alle nicht", erklärte er. „Die Altenwieder hatten feit mehreren Generationen immer nur einen Sohn, der stets mindestens so lange leben blieb, bis er wieder einen Sohn hervorgebracht hatte; wer konnte denken, daß Vetter Achim, der kaum verheiratet war, fo jung und ohne männliche Erben sterben würde."
„Ja, es war furchtbar traurig!" sagte Therese unb versuchte, ein ernstes Gesicht zu machen. „Furchtbar traurig unb erschütternd! Die arme Silvia, nicht wahr? So jung, wie sie ist, und bas Sterben des riesigen Kraftmenschen mit ansehen zu müssen. Dann gleich fort von dem schönen Altenwied!"
„War doch nicht nötig. Sie hätte ruhig bis jetzt dort wohnen können."
„Er hatte gelvünscht, daß sie gleich Altenwied verließ."
„Die alte Feindschaft! Bis zu seinem Tode hat er daran festgehalten", sagte er hart.
„Er war überhaupt ein sonderbarer Mensch", meinte sie. „Ich bin ja öfters in Altenwied gewesen, von Stolzen aus, wenn ich dort bei meiner Tante Branding weilte. Ihm waren wir nie willkommen, das fühlte man, aber Silvias wegen ging ich doch jedesmal hin. Sie war ja so einsam dort."
Therese schwieg einige Sekunden überlegend, bann fügte sie, die goldigen Brauen hochziehend, hinzu:
„Silvia wäre übrigens eine Frau für Sie!"
„Was? — — — Kusine Silvia . . .?“ Er lachte hell heraus.
(Fottsetzum. folgt-'