Nr. 177.
Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Carl Schütte, ~ für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerek in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitun^
Dienstag, Z. August 1920*
Bezugspreis: Monatlich 3,00 Alk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 Mk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmatz) 60 JJfg, u. 10°Jo Zuschlag, die Reklamezeile (Textbreite) 1.80 Ult., u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.
47. Zahrg.
die perlen der Lggenbrechtr.
6] Roman von Alexandra von Bosse.
Zu ärgerlich!
Es blieb ihm nichts übrig, als zurückzugehen, denn er wollte den Stock, den Weltin ihm zur Erinnerung °n das gewonnene Rennen beim Abschied von Frank- furi gewidmet hatte, nicht einbüßen.
Josua wird schon nicht zulassen, daß der ahbere Zug °hne mich abfährt, dachte er, während er zurückging, ober er beeilte sich doch, als er nun mit dem wieder- Sefundenen Reitstock in der Hand als Letzter seinen ^eisegenossen folgte.
Ein schmaler, unebener Weg führte an der Bahnlinie entlang, die weiter vorn eine starke Kurve machte, hinter der die eilenden Zuginsassen bereits verschwunden waren. Als Wolf um die Kurve bog, fah-er die Beute schon in weiter Entfernung als dunklen Knäuel sich fortbewegen, aber hinter diesem weit zurückgelassen, folgte eine Nachzüglerin. Es war eine schlanke Frauen- gestalt in dunkler Kleidung, die ein kleines Kind an der Hand führte, um dessentwillen sie wohl nur langsam Seilen konnte.
Dolf war ungefähr auf zwanzig Schritt an die Frau herangekommen, als sie stehen blieb, sich herabbeugte und das Kind auf den Arm nahm, was ihr ziemliche Dühe zu machen schien, da sie noch ein kleines Reise- lofchchen und einen Schirm zu halten hatte.
Bold war er näher an die Nachzüglerin herange- konimen, sah nun, daß sie in tiefer Trauer war und Hoß ein langer schwarzer Schleier vor ihr über die Schulter nach vorn gezogen worden, wohl damit er vom Dinde nicht erfaßt wurde und an dem kleinen, eng Kopse anliegenden Hut zerren konnte.
Wolf verlangsamte seinen Schritt. Er wollte die utau nicht überholen, es erschien ihm grausam, sie dann dem Kindchen hinter sich zurückzulassen. In etwa iwanzig Schritt Abstand ihr folgend, konnte er nicht Umhin, die vor ihm Hergehende eingehender zu mustern.
sah, daß sie schwer an dem Kindchen trug, immer ^ehr verlangsamte sich ihx Schritt, und ihr schlanker Körper bog sich in der Taille unter der lebendigen Hei» Uer. Last. Endlich fetzte sie das K,ind wieder auf seine wißchen; wie ein Schneeball sah es aus in seinem Meißen Mäntelchen. Auck Wolf blieb Reben.
Vom ReichSnotopser.
Bi.
Die Zahlung des Reichsnotopfers kann «schehen in erster Linie in bar. Daher sind folgende Vergünstigungen vorgesehen: Wer die Abgabe ichon vor dem 30. Juni bar entrichtete, genießt einen Abzug von 8. v. H., wenn er feine Schuld noch vor dem 31. Dezember 1920 ganz oder teilweise begleicht, braucht er für 100 Mark nur 96 Mark zu bezahlen, er behält also immer noch 4 v. H. Rabatt, faneben hat der Steuerpflichtige aber auch die Wahl, das Reichsnotopfer in Raten zu bezahlen vierteljährlich, halbjährlich oder jährlich), nur muß der durch 500 Mark nicht teilbare Betrag des Reichsrotopfers bis spätestens 1. Oktober 1920 oder falls der Steuerbescheid ihm erst nach dem 1. September 1920 zugeht, innerhalb eines Monats nach Empfang des Bescheids bezahlt werden. Der Rest tst zuzüg- sich der Zinsen, als jährliche Tilgungsrate in Höhe von 6Vs% der Abgabe zu entrichten. Ablösung der Tilgungsrate ist jederzeit schon mit Teilbeträgen von 200 Mark möglich.
Das Reichsnotopfer kann außer in bar auch entrichtet werden durch:
A. Jnzahlunggabe von deutschen Rerchs- anleihen,
8. Hingabe von Vermögenswerten an eine vom Reichsfinanzministerium noch zu bebestimmende Anstalt.
Hier sei zunächst auf die unter A genannte Zahlungsart eingegangen. ' ,
Bei der Zahlung durch Uebergabe von Rerchs- anleihen kommt es für den Steuerpflichtigen ins- besondere darauf an, zu welchem Wert die betreffen- den Stücke von der Steuerbehörde in Zahlung genommen werden. Darüber gilt folgendes:
1. Sch u ld v e rschr erb u ngen. Schuldbuchsorde- ; rungen und Schatzanweisungen des Deutschen Reiches werden zu den für diese aus den 31. Dezember 1919 : festgesetzten Steuerkursen in Zahlung genommen. L Kriegsanleihen des Deutschen Reiches werden 1 jedoch bis zum 31. Dezember 1920
a) soweit es sich um die Sprozentrgen Schuldver- l ' schreibungen, Schuldbuchforderungen und Schatzanweisungen der Kriegsanleihen des Deutschen Reiches, sowie die 4V-Prozentigen Schatzanweisungen der 6., 7., 8., und 9. Kriegsanleihe mrt Zrnsenlauf vom 1. Januar 1920 ab handelt, zum Nennwert,
b) soweit die 4%prozentigen Schatzanweisungen der 4. und 5. Kriegsanleihe mit Zinsenlauf vom 1. Januar 1920 in Frage kommen, zu 96,50 für je 100 Mark Nennwert an Zahlungsstatt ange- nommen, wenn sie der Steuerpflrchtrge oder ferne | Ehefrau infolge einer Zeichnung für sich oder für den Bedachten (§ 13 des Ges.) erworben hat.
Wie der Nachweis dafür zu erbringen ist, ist lveiter unten gesagt. — Nun gibt es aber auch noch Fälle, in denen der Inhaber von Kriegsanleihen solche nicht selbst gezeichnet hat, in denen sie aber als selbstgezeichnet gelten und deshalb ebenfalls zu den obengenannten Vorzugswerten in Zahlung genommen werden. Hierüber ist u. a. in § 43 Abs. 4 des Gesetzes folgendes bestimmt:
„Als selbstgezeichnet gelten ferner die Schuldver- ; schreibungen, Schuldbuchforderungen und Schatzanweisungen, die ein Abgabepflichtiger an Stelle einer auf gesetzlicher Verpflichtung beruhenden Aussteuer erhalten hat, falls der Aussteuernde die Schuld» f Verschreibungen, Schuldbuchforderungen und Schatz- anweisungen infolge einer Zeichnung erworben hat." Außerdem sind noch weitere Einzelheiten hierüber int § 43 des Gesetzes enthalten, auf deren Wiedergabe hier aber verzichtet werden muß.
Das Verfahren bei der Entrichtung der Vermögenabgabe in Reichsanleihen ist wieder verschieden, je nach dem man allgemein Schuldverschreibungen uftü. (siehe oben 1) oder Kriegsanleihen hingeben Mill.
Wnni.■im ,
Wer mitSchuldverschreibungen oderSchatz- anweisungen des Deutschen Reiches zahlen will, hat die Stücke nebst den dazu gehörigen Zinsscheinen und Zinserneuerungsscheinen dem Finanz- oder Hauptsteueramt seines Bezirks mit dem Ersuchen um Festsetzung des Annahmewertes der Wertpapiere und um Zustellung einer Bescheinigung über die eingelieferten Stücke zu übersenden. Wer die Steuer durch Schuldbuchforderungen des Deutschen Reiches entrichten will, hat bei der Reichsschuldenverwaltung (Schuldbuchangelegenheit in Berlin SW. 68 einen Antrag auf Uebertragung seiner Schuldbuchforde- rung oder eines entsprechenden auf volle 100 Mark Ian tenden Teils derselben auf das Konto der Reichskaue für Reichsnotopfer zu stellen. Zu diesen An- trägen (an die Annahmestelle oder die Reichsschuldenverwaltung) gibt es Vordrucke, sie werden den Steuerpflichtigen von den Hauptsteuer- und Finanzämtern kostenfrei verabfolgt.
Es ist weiter zu beachten, daß Retchsanlerhen nur insoweit in Zahlung gegeben werden können, als der Betrag der zu entrichtenden Steuer den Annahmewert der Stücke oder Buchforderungen erreicht oder übersteigt. Eine bare HerauSzahlung auf hingegebene Reichsanleihen sindet nicht statt.
Bei der Zahlung mit Kriegsanleihen zu den Vorzugswerten muß der Steuerpflichtige nachweisen, daß er oder seine Ehefrau diese Anleihen selbst gezeichnet hat, oder daß sie als selbstgezeichnete im Sinne des Gesetzes und der Ausführungsbestimmungen anzusehen sind. Zu diesem Zweck läßt er sich von der Stelle, bei der er ferner Zeit die Kriegsanleihe gezeichnet hat (Bank, Sparkasse usw.), eine Beschernigung hierüber ausstellen (aus der Bescheinigung müssen die Nummern der gezeichneten Stücke 'hervorgehen) und legt sie gleichzeitig mit den hinzugebenden Anleihestücken der Steuerstelle vor.
Dadurch, daß allen Kriegsanleihezeichnern ermöglicht ist, die Anleihe zum vollen Steuerwert in Zahlung zu geben, wird auch der Besitz von Kriegsanleihe wieder wertvoller, der Kurs der Kriegsanleihe wird steigen. Davon haben aber nicht nur diejenigen, welche Steuern zahlen müssen, einen Gewinn, sondern auch die vielen Millionen kleiner Zeichner. Vor allem wird auch das Vertrauen in die Zahlungswilligkeit des Reiches,erheblich gestärkt. Es ist aber auch nur recht und billig, daß diejenigen, die in schwerer Stunde ihre Sparpfennige dem Reiche zur Verfügung stellten, jetzt nicht geschädigt werden.
Um den Steuerpflichtigen die Entrichtung der Steuer zu erleichtern, ist außerdem die Gründung einer besonderen Anstalt in Aussicht genommen, bei der auch andere als die obengenannten Vermögenswerte, z. B. Waren, Grundstücke, Häuser, Aktien zur Zahlung hingegeben werden können. In Höhe des Annahmewerkes dieser Vermögenswerke wird der Steuerpflichtige von der Steuer befreit, die näheren Bestimmungen hierüber sind noch nicht bekannt gegeben.
Wenn durch das Reichsnotopfer und die damtt zusammenhängenden Steuern die Finanzlage des Reiches wieder auf eine sichere Grundlage, gestellt ist, so darf sich jeder mit seinem Beitrag einen Anteil zurechnen daran, mitgewirkt zu haben am Wiederaufbau des Vaterlandes.
Die Steuerschuld für einen unverheirateten Steuerpflichtigen ergibt sich aus folgender Uebersicht, in der jedesmal die erste Zahl das steuerbare Vermögen, die zweite den fälligen Steuerbetrag ergibt: 6000, 100 — 7000, 200 — 8000, 300 — 9000, 400 — 10000, 500 — 15000, 1000 —
20000, 1500 — 25000, 2000 — 30 000, 2500 —
35 000, 3000 — 40000, 3500 — 45000, 4000 —
50 000, 4500 — 60000, 5600 — 70000, 6800 —
80 000, 8000 — 90000, 9200 — 100000, 10400 — 110 000, 11750 — 120000, 13250 — 130000,
14750 — 140000, 16250 — 150000, 17750 — 160 000, 19250 — 170000, 20 750 — 180000, 22 250 — 190000, 23 750 — 200 000, 25 250 — 300000, 45000 — 400000, 65 000 — 500000, 89750 — 1000000, 244250 — 5 000 000, 2268250 — 10 000 000, 5417 750.
Das wirtschaftliche Dienstjahr.
Dem Reichstagsberichte über die Beratung des Ge- etzes betr. die Aufhebung der Wehrpflicht ist nachzutragen, daß der demokratische Abg. S ch ü ck i n g einen Antrag stellte auf Einführung eines allgemeinen wirtschaftlichen Dienstjahres für die männliche und die weibliche Jugend.
Die Anregung ist gut; der Antrag aber verfrüht, da die weittragende und schwierige Sache erst noch spruchreif gemacht werden muß. Der Zentrumsredner Dr. Herschel erklärte, der Antrag Schücking enthalte einen berechtigten Kern, man solle ihn aber lieber nicht mit dem schwebenden Gesetzentwurf verknüpfen, sondern dem Gedanken an anderer Stelle nachgehen. Der Antrag wurde dann auch zurückgezogen, um für die Zukunft gerettet zu werden.
Wenn die Sache gleichzeitig mit der vorgeschriebenen Aufhebung der militärischen Dienstpflicht erledigt worden wäre, hätten die Hetzer in Feindesland leicht den Verdacht erwecken können, die bösen Deutschen wollten das wirtschaftliche Dienstjahr benutzen, um wieder eine heimliche Rüstungin Gang zu bringen. Daran denkt niemand, am wenigsten der Pazifist Schücking; aber die Angst beherrscht nun einmal weite Kreise der Sieger, namentlich in Frankreich. Deshalb ist es besser, die Sache nicht zu überstürzen und bei der weiteren Prüfung des Gedankens von vornherein alles auszuschalten, was einen Vorwand zu „militärischem" Argwohn geben könnte.
Der Zweck ist steilich die körperliche und geistige Ertüchtigung der Jugend, aber nicht für Kriegsarbeit, andern für die schaffende Friedensarbeit. Darum hatte der Antragsteller auch für den weiblichen Nachwuchs fein „Dienstjahr" vorgesehen. Damit gewann er Berührung mit den alten Bestrebungen, für die weibliche Jugend ein Dienstjahr einzuführen, das vor allem die hauswirtfchaftliche Erziehung der künftigen Familienmütter pflegen soll.
Die Erfahrung hat gezeigt, daß es sehr schwer ist, eine solche Ausdehnung der Erziehung auch nur ür ein Geschlecht in Gang zu bringen. Wenn nun der männliche Nachwuchs auch zu einem zeitweiligen Wechsel der Tätigkeit veranlaßt werden soll, so werden die Schwierigkeiten mehr als verdoppelt. Dann muß man rechnen mit einer stärkeren Opposition der Junaburschen. Insbesondere mit dem Widerwillen, der m dem großstädtischen und industriellen Nachwuchs gegenüber der landwirtschaftlichen Arbeit und dem Aufenthalt auf dem platten Lande leider herrscht.
Um für die guten Wirkungen der militärischen Dienstzett einen Ersatz zu finden, wäre ein Zwang von Staatswegen wohl berechtigt. Es fragt sich nur, ob und wie das Zwangsverfahren zum Ziele führt. Die Unabhängigen erhoben gegen den Antrag sofort Widerspruch, das muß schon bedenklich machen. Werden die widerwilligen Dienstpflichtigen von den radikalen Agitatoren noch aus geputscht, so kann es in den Arbeiterkolonnen leicht zu Widersätzlichkest und Umuhen kommen, die den erziehlichen Zweck der ganzen Einrichtung in Frage stellen würden. Die Arbeitsgemeinschaft könnte unter Umständen zu einem Ansteckungs- Herd für politische, religiöse und sittliche Krankheiten werden. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen wird es außerordentlich schwer, die Disziplin so zu ordnen, daß der erziehliche Gewinn ungeschmälert bleibt trotz der bedenklichen Einwirkungen von Hetzern und Verhetzten.
Ein Zwangsdienstjahr erfordert also die sorgfältigste Prüfung und umsichtigste Vorbereitung. Auch nach
„Kannst Du wieder ein Stückchen gehen Mädi?" hörte Wolf eine wohllautende tiefe Stimme sagen, und die Kleine nickte eifrig.
Aber es ging nur langsam vorwärts, und langsam folgte Wolf. Trotz dem unsicheren Dämmerlicht unter- schied er jetzt Einzelheiten an der Frau vor ihm. Unter dem kurzen, Reiserock zeigte sich ein feingefesselter Fuß mit hohem Spann und schmaler Sohle. Er fand, daß ihr Schritt, jetzt, wo sie das Kind nicht mehr trug, gleitend war wie der eines jungen Vollblutpferdes. Sicherlich war sie noch sehr jung, denn so schlank und doch nicht eckig konnte nur ein ganz junger Körper fein.
Immer mehr mußte Wolf seinen Gang verlangsamen.
Wir werden alle drei zu spät kommen, dachte er, und doch mochte er nicht an den Zweien da vorn vorbeigehen. Er hätte sich an ihnen vorbeidrängen müssen, weil der schmale Pfad links von einer Fichtenhecke, rechts von der Böschung des Bahndammes eingeengt wurde, sie hätte zur Seite treten, ihm Platz machen müssen.
„Schneller, Mädi!" hörte er die tiefe Frauenstimme mahnen.
„Mami — müde!" tarn es weinerlich zurück.
Da schickte sich die junge Frau an, das Kind wieder auf den Arm zu nehmen, doch mit schnellem Entschluß holte Wolf sie jetzt ein.
„Wenn Sie gestatten, werde ich das Kind tragen", sagte er, den Hut lüftend.
Sie hatte sich bereits herabgebeugt, erschrocken richtete sie sich bei seinen Worten auf: offenbar hatte sie noch gar nicht bemerkt, daß jemand hinter ihr herging. Mit großen Augen blickte sie Wolf an.
Waren die Augen blau ober schwarz? Zu erkennen war es nicht in dem unsicheren Licht, aber sie leuchteten aus dem weißen Gesicht, dessen Züge Wolf nicht genau untxrscheiden konnte.
„Wenn wir nämlich so langsam weitergehen, kommen wir alle drei zu spät!" fügte er erklärend hinzu. Und al'- ob sie aus seinen Worten einen Vorwurf her- ausgehört, entschuldigte sie ihr Zurückbleiben:
„Ich hatte nicht verstanden, daß Oie Station so weit sei, sonst hätte ich meine Jungfer mit dem Handgepäck nicht vorausgeschickt", sagte sie.
„Wenn ich das Kind trage, könne: wir schneller ruüien". meinte er
„Aber wie kann ich Ihnen zumuten . . begann sie mit verlegenem Lächeln.
„Es wird mir ein Vergnügen sein!" versicherte er, sie unterbrechend, und schnell neigte er sich zu dem weißen, kleinen Menschen herab:
„Willst Du Dich von mir tragen lassen, liebes Kleines?" fragte er, feine Stimme zu möglichst fünftem Ton zwingend.
Die Kleine hob bas runbe Gesichtchen, bas von bitten, bunklen Locken umrahmt war, sah ihm mit großen Augen prüfenb ins Gesicht, unb die Prüfung schien zu seinen Gunsten auszufallen, ein ernsthaftes Nicken verkünbete Gewährung; bann hoben sich zwei runbe Aermchen ihm entgegen:
„Tragen!"
Wolf klemmte ben Reitstock unter den linken Arm, umfaßte behutfam das weiße Bündelchen unb hob es auf, gab ihm auf feinem rechten Arm einen bequemen Sitz unb mit befriedigtem Seufzer lehnte das Kind sich an ihn an.
„Es ist schwer", sagte bedauernd die junge Frau.
„O gar nicht!" erwiderte er und schritt nun mit langen Schritten aus, bemerkte nicht, daß der Reitstock ihm entglitt unb zu Boden fiel, konnte auch nicht sehen, daß die junge Frau, die hinter ihm geblieben war, sich danach bückte.
Jetzt tarnen sie an die Unfallstelle. Laternen bewegten sich an dem entgleisten Zug entlang, man war dabei, den aus dem Geleise gesprungenen und quer über dem Nebengeleise stehenden Güterwagen mit Hebebäumen davon abzuheben. Dorn leuchteten jetzt die Lichter der Station auf, und schon unterschied Wolf die Schlußlichter des dort haltenden Zuges.
„Hoffentlich wartet der Zug auf uns", sagte hinter ihm die junge Frau.
„Er wird schon warten!" beruhigte er.
„Sie hätten allein schneller gehen können", meinte sie besorgt.
„Da hätte ich Sie hinter mir zurücklassen muffen, und solch ein Unmensch konnte ich doch nicht fein", erwiderte er, den Kopf etwas zurückwendend.
„Ich bin Ihnen sehr dankbar!" sagte sie, und er lauschte dem weichen, tiefen Klang der Stimme nach.
Die Stimme oergeffe ich nie wieder! dachte er.
Da fühlte er, wie ein weiches kleines Händchen sanft xifaer feine Wann» streichelte • drehte den Kops zu dem
der finanzpolstischen unb volkswirtschaftlichen Seite hin. Es würde also mindestens noch viel Zeit ersor- i »erlich sein.
Da könnte man nun in Erwägung ziehen, ob nicht aus dein Wege der Freiwi lligteit sich ein rollt» christliches Dienstjahr anbahnen ließe. An der Mit» arbeit von männlichen und weiblichen Jugendvereinen, Standesverbänden, kommunalen Körperschaften usw. würde es gewiß nicht fehlen. Die nötigen Geldmittel könnten aus Reichs-, Staats- und Provinzkaffen geliefert oder ergänzt werden. Wenn man nur Personen aufzunehmen braucht, die durch den eigenen guten Willen und durch die Genehmigung der Ellern Gewähr bieten, so wird freilich die Quantität beschränkt, aber die Qualität gehoben. Die Aergermsse würden um so leichter ausgeschlossen und der Erziehungszweck um so besser gesichert, wenn man dm beteiligten Vereinen die Freiheit läßt, auf die konfessionellen, landsmannschaftlichen und beruflichen Besonderheiten bei der Ausnahme Rücksicht zu nehmen.
Solche Versuche aus Grund der freiwilligen Meldung und der genossenschaftlichen Selbstverwaltung unter staatlicher Unterstützung wärm auf keinen Fall gefährlich, würden aber gewiß wertvolles Material liefern für die Beschlußfassung über den weiteren Ausbau im großen Nile.
Verständigung mit den Eisenbahnern.
Der Hauptausschuß des Reichstages trat am Montag erneut zusammen, um die Beratungen über die Besoldungsresorrn weiterzuführen. Die Eisenbahnorganisationen ließen erklären, daß es sich bei dem gerügten Brief um gar kein Ultimatum handele, sondern um Richtlinien der Organisationm, die nicht für den Rcherstag und die Regierung bestimmt waren. Da der Minister sich fachlich auf den Boden der Wünsche der Eisenbahner gestellt habe, diese Richtlinien ihre Bedeutung für die Eisenbahner verloren. Damit ist der Konflikt erledigt. In der sachlichen Beratung wurde dann die Frage der Ausgleichszulagen durch folgendeu Beschluß erledigt:
„Der Reichstag ist damit einverstanden, daß die aus dem Umschwung des Reichs-Lohntorifes für die Verkehrsarbeiter notwendig werdenden Mittel sowie die sich daraus ergebenden Ausgleichzulage für die Beamten beschafft werden. Der Reichstag erklärt sich gründ- sätzlich damit einverstanden, daß bei der eingeleiteten Nachprüfung des R e i ch s b ef o l d u n g s g e. f e tz e s die Folgerung aus der Länderbefoldungsord- nung für die im Reiche besonders vorgenommenen Einstufungen gezogen wird, soweit sie mit dem einheit- lichen Aufstau der Reichsbesoldungsordnung zu verein- baren ist."
Spartakistische Umtriebe in Sachsen.
Die Unruhen in Zittau, die mit Lebensrnittel- krawallen begannen und zur Erklärung des Generalstreiks führten, um die Forderung auf Entwaffnung und Entfernung der Sicherheitspolizei zu unterstützen, haben sich zu einem fpartakistischen Putsch erweitert. Ein Fünfzehner- Ausschuß, der sich aus radikalen Unabhängigen, Kommunisten und Syndikalisten zusammensehi, hat die P o l i z e t- gero a 11 an sich gerissen und die Behörden tell- roeife abgesetzt. Führer der Bewegung ist der steckbrieflich verfolgte Müller-Jordan, der schon tat Ruhrrevier und im LÜgau-Öelsnitzer Revier die Arbeiter in den Streik gehetzt hat. Männer mit roten Binden zogen durch die Straßen verhinderten in allen Sälen Musik und Tanz, schlossen die Kinos gewaltsam und besetzten abends das stillgelegte Elektrizitätswerk Hirschfelde. Die Stadt lag bis auf den Hauplbahnhof und das städttsche Krankenhaus im Dunkel. Der Oberbürgermeister Dr. Külz ist nach Dresden gefahren, um mit dem Ministerium des Innern zu verhandeln. Starke Abteilungen der Landessicherheitspolizei sind von Dresden nach Zittau gesandt worden.. Die Ztt- tauer Sicherheitspolizei hat sich inzwischen mit Stachel- draht gegen die Aufständischen verschanzt, die sogar Minenwerfer aufgestellt haben. In der Stadt herrscht große Em- pörrmg über das terroristische Vorgehen einer radikalen Minderheit. Mehrheitssozialdemokraten und Gewerkschasts- kartell wollen mit diesen Leuten nichts gemein haben. Die
Kinde herum, sah sein Gesichtchen dicht vor sich und sah, daß es ihn anlächelte, halb vertraulich, halb verlegen.
„Wie heißt Du, Kleine?" fragte er leise.
„Ur—fu—la", war die Antwort.
„Sitzt Du bequem, Ursula?"
Die Kleine nickte.
Wolf legte den Arm etwas fester um den kleinen Körper, habet fiel ihm ein, daß er noch nie zuvor ein kleines Kind auf dem Arm getragen hatte, es hatte sich nie Gelegenheit dazu geboten. Wie weich und warm war doch solch junges Körperchen, wie vertrauend es sich an ihn schmiegte. Den Arm hatte bas Mädel- chen um seinen Hals gelegt, und er fühlte die warme, kleine Hand in seinem Nacken.
Jetzt versteh ich es, dachte er, hat man so ein kleines Wesen mal auf dem Arm getragen, dann muß man es lieb haben! Er dachte es mit Verwunderung, denn bis jetzt waren kleine Kinder für ihn' etwas gewesen, dem man möglichst aus dem Wege ging. Störende und unbegreifliche Tierchen, die anfingen zu schreien, sobald man sie anfaßte.
Endlich erreichten sie die Station, und schon war es fast ganz dunkel. Ein Beamter, der eine kleine Laterne schwang, kam ihnen entgegengelaufen.
Aus einem Fenster winkte lebhaft ein eckiger Arm, unb als sie näher gekommen waren, ertönte von hort eine geängstigte Stimme:
„Hierher, Frau Baronin, hierher!"
Aus einem Fenster bes vorhergehenden Wagens blickte Josuas braunes Gesicht, unb feine fettschwarzen Augen würben ganz runb vor Staunen, als er feinet Herrn mit einem Kind im Arm ansichtig würbe.
Die junge Frau erkletterte schnell bie hohen Stufen bes Wagens, in bem ihre Jungfer Platz für sie belegt hatte unb wollte, sich nieberneigenb, Wolf bas Kind abnehmen.
„Ich bringe es Ihnen hinein", sagte er ruhig u. folgte ihr.
Das Abteil war, wie alle,' vollgepfropft, unb kaum hatten sie es erreicht, setzte ber Zug sich schon in Be- toegung.
„Ach, Frau Baronin, wie ich mich geängstigt habe! rief bie Jungfer, eine ältliche, gutmütig aussehende Person, aus. Sie wollte Wolf bas Kinb abnehmen„ hoch es klammerte sich ganz fest an ihn an.
(Fortsetzung folgt.)