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Montag, 2. kiugust 1920

Verantwortlich für den redatlionellen Teil: Carl Schütte, ~ . für die Anzeigen: I. Parze! ler-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresie: Fuldaer Zeitung

Bezugspreis: Monatlich 3,00 Mk. ohne Zustellgebühr. In Fu'da bei unsabqeholt3,15 Mk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmatz) 60 Pfg., u. 100lo Zuschlag, die Reklamezei e (Textbreite) 1.80 2Nk^ u. 10°/» Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

Vermögen gehören:

Zum steuerbaren

Sill I.Grundvermögen; L.Betriebsvermögen; Z.Kapital-

vermögen; außerdem die nach dem 31. Juli 1914

gegen Entgelt erworbenen Edeltteine, Perlen, Kunst-,

tzchmuck- und Luxusgegenstände und Sammlungen Kl jm Einzelwerte von mindestens 500 Mark. (Edel-

el.7

Zum steuerbaren Vermögen sind hinzuzu

Atu rechnen: .

Ujj| | Schenkungen, die der Abgabepfllchtrge oder seine

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für j

Von dem Vermögen sind abzuziehen:

50 000 Mark zu a V« und zu b/*

I.

steuerpflichtig bleiben 27 000 Mk.

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100 000 Mk.

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4]

Drittes Kap itel.

Wolf von Eggenbrecht-Reiken, seit einem halben

fjjltl 9al)t Majoratsherr aus Altenwied, kam von Düsseldorf,

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36000 Mk.

9000

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Beispiele:

48 Jahre alt, Vermögen ab V«

Die perlen der Eggenbrecylr

Roman von Alexandra von Bosse.

Bei Vermögen zwischen 100 und 150 000 Mark bleibt der 100 000 Mk. übersteigende Teil des Ver­mögens voll abgabepflichtig.

Wegen der Veranlagung und Bewertung des Vermögens wird aus folgendes aufmerksam ge­macht:

Vom Reichsnotopfer.

II.

wo er das Pferd seines Freundes, des Grafen Weltin, ; zum Siege gesteuert hatte. Das erste Rennen, seit er wieder in Deutschland war und gleich eig Sieg! Ehe er noch den Fuß auf deutschen Boden gefetzt hatte, war er von dem Freund telegraphisch gebeten worden, das Pferd zu reiten, und nun freute es ihn, daß er ange­nommen hatte. Die erste Tat auf deutschem Boden ein Sieg! Sollte er es als gute Vorbedeutung neh­men? ....

Eggenbrecht dehnte mit behaglichem Gähnen die ; sehnigen Glieder seines schlanken, beinah etwas zu ma­geren, sportgestählten Körpers. Er war müde. Graf Weltin hatte ihn veranlaßt, einen Tag in Frankfurt i. zu bleiben, wo man ihn in dessen Regiment gebührend gefeiert hatte, und der Kops war ihm noch schwer von 6 den in ungewohnter Menge genossenen Weinen. Zum Clück hatte er ein Abteil Erster für sich allein und konnte sich bequem ausstrecken; bis Hanau hatte er | feit geschlafen.

Nun hört das Vergnügen auf und der Ernst des Lebens beginnt! dachte er, während er sinnend aus k dem Fenster blickte, an dem die schon sommerliche Land- i schaff von Unterfranken vorüberzog, flimmernd im Schein der sinkenden Sonne. Langsam strich er sich mit der breiten, stark gebräunten Rechten, an der nur ein Siegelring glänzte, über die kantige Stirn, die Merkwürdig dunkel gegen das aschblonde Haar abstach, ! das sich darüber krauste. Die Haut verbrennt in der ; Glut tropischer Sonne, aber das Haar bleicht und wird Noch heller.

Zu dumm, diese Trinkerei!" murmelte er, weil er den dumpfen Druck, der sein Gehirn zusammenpreßte, nicht loswerden konnte. Er ließ das Fenster herab und gab die heiße Stirn der Zugluft preis.

Vier Jahre war Wolf Eggenbrecht nun schon der Heimat fern gewesen. Ass ganz junger Leutnant hatte ; ihn vor vier Jahren das Glückslos getroffen, der Ge- ' sondtfchoft in Mexiko beigegeben zu werden, wo er zwei Jahre blieb. Von da wurde er nach Peking ge.

chlor, roge*.

1 L 70 Jahre alt, Vermögen ab V- von 50000 = 16666 Mk. und V« von 50 000 12500

* zusammen

steuerpflichtig bleiben

beite d pra . Ai aareu ri Ha« 561

slr. 48, idrkt.

locbti f, Pf> 31

70 Jahre alt, Vermögen 200000 Mk.

Hier sind Abzüge nicht gestattet, da das steuer­bare Vermögen 150000 Mk. übersteigt.

Ehefrau nach dem 31. Dezember 1916 an seine Kinder und deren Abkömmlinge gemacht hat und Vech soweit der Bedachte noch bereichert ist. (Die Hinzu- fr i rechnung geschieht beim Vermögen des Gebers.)

29166 Mk.

70834 Mk.

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steine, Perlen oder bewegliche Gegenstände aus m edlem Metall von geringerem Werte und insbesondere ||8[ solche, die vor dem Krieg, also vor dem 31. Juli 1914 Illi erworben sind, im Gesamtwert von über 20000 Mk.,

unterliegen einer Steuer von 10 v. H.)

Zum steuerbaren Vermögen gehören nicht:

1. Hausrat und Möbel; 2. nicht zur Ver- öußerung bestimmte Gegenstände aus edlem Metall, die geschichtlichen, künstlerischen oder wissenschaftlichen ' Wert haben und die sich bereits vor dem 31. Juli 1914 im Besitze des Eigentümers oder seiner Familie

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IflflK i. Die dinglichen und die persönlichen Schulden;

| 2. Die dem Abgabepflichtigen obliegenden Leistungen (jtJ (Kapitalwert der Renten usw.); 3. Die nach § 13 «3 des Gesetzes einem anderen Abgabepflichtigen anzu- rechnenden Schenkungen usw.; 4. Kapitalabfindungen '_| infolge Körperverletzung, Erwerbsunfähigkeit und

| Abfindungen aufgrund des Kapitalrentenentschädi« gungsgesetzes; 5. Die Kriegsabgabe 1918 und 1919, ll'v sowie' die Kriegsabgabe vom Vermögenszuwachs, soweit sie vom 31. Dezember 1919 noch nicht gezahlt sind; auch die Besitzsteuer, die für den in der Zeit vom 1. Januar 1907 bis 31. Dezember 1919 ent­standenen Vermögenszuwachs zu entrichten ist; 6. Für 1919 und Vorjahre zu entrichtende, kommu­nale und kirchliche Steuern, soweit sie am 31. Dez. 1919 noch nicht bezahlt sind; 7. Die zur Bestreitung mirin laufender Ausgaben nicht geschäftlicher oder beruf­licher Art für drei Monate erforderlichen Beträge, soweit sie ans den laufenden Jahreseinkünften stammen; 8. Bei den Abgabepflichtigen mit einem steuerbaren Vermögen von nicht mehr als . 150000 Mark, die keinen Anspruch auf Pension oder Hinterbliebenenfürsorge haben, a) im Alter von 4560 Jahren b) im Alter von über 60 Ihr. V« des steuerbaren Vermögens bis zu 50000 Mk. und für das überschießende Vermögen bis zu weiteren

Maßgebender Stichtag ist im allgemeinen der 31. Dez< mber 1919. ..

Di-- Wertfestsetzung hat bei G r u n d stu cke n, ote dauernd land- und forslw'rtfchafilichen Zweaen dienen, sowie bei bebauten Grundstücken, die Wohn- zwecken oder gewerblichen Zwecken dienen, nach dem Ertrags'wert zu geschehen. Als solcher gilt (ab­weichend von der Regelung in der Reichsabgaben­ordnung) der zwanzigfache Betrag des Rein­ertrages, den sie bei ordnungsmämger Bewirtschaf­tung mit entlohnten fremden Arbeitskräften im Durchschnitt gewähren; bei Wohngebäuden das 20sache des Miet- oder Pachtertrags.

Eine wesentliche Erleichterung ist den Besitzern von Grundstücken dadurch noch zugestanden, daß sie die Abgabe auf Antrag durch eine jährliche Tilgungsrente von 5,5 v. H. abtragen können, was einer Verteilung der geschuldeten Summe auf etwa 50 Jahre entspricht. Die Last wird ins Grundbuch eingetragen. . ,

Das Betriebsvermögen ist nach Abzug der Schulden nur mit 80 v. H. seines Wertes einzusetzen.

Wertpapiere sind nach den auf 31. Dezember 1919 für die festgesetzten vorläufigen Steuerkursen anzugeben. Darüber geben jedenfalls die Finanz- und Hauptsteuerämter, auch Bankanstalten Auskunft.

Deutschlands jammervolle Finanzlage.

Der Reichsfinanzminister hat dem Reichstag eine umfangreiche Denkschrift zugehen lassen, die einen Ueberblick über die finanzielle Lage des Reiches gibt. Sie stellt fest, daß der laufende Steuerbedarf des Reiches sich nicht, wie man im Januar 1919 an­nahm, auf 17%, sondern auf 2 5 Milliarden be­läuft. In der Denkschrift heißt es weiter:

Vor Jahresfrist ist die große Steuerreform m Angriff genommen worden. Obgleich die Gesetzgebung rasch gefördert worden ist, wird es doch noch einige Zeck dauern, bis die finanzielle Auswirkung der bisher geschaf­fenen Steuergesetze vollkommen in Erscheinung tritt. Bis dahin aber wachsen und wachsen die Schulden und erhöhen die Finanznot des Reiches. Diese Entwicklung ist geradezu verhängnisvoll. Die Hauptursache der Schukdenm-ehrung im Monat Juni liegt in dem Bedarf der Verkehrsverwal- tungen. Die Post erforderte an außerordentlichen Deckungs­mitteln eine Milliarde, die Eisenbahn an Zuschüssen 2 Mil­liarden Mark und infolge der Verreichlichungen und lieber- nähme der preußischen schwebenden Schuld auf das Reich weitere 6 Milliarden Mark. Aus diesen Ziffern spricht eine gewaltige Mahnung an das deutsche Volk, den Ernst der ©tumbe, in der wir uns befinden, voll zu erkennen und das Parlament mit allen Mitteln zu imterstützen, damit durch die praktische Ausführung der Steuerreform eine wettere Verschlechterung der Fin<mzlage des Reiches vermieden wird. Es dreht sich um alles. Können wir der Fincmznot nicht Herr wer­den, weil ein Teil des Volkes sich an den papierenen Reich- tum klammert, so wäre eine wirtschaftliche Ka­tastrophe von ungeheurer Tragweite unver­meidlich. Die Folgen einer solchen wären nicht auszu­denken.

Eine Drohung der Eisenbahner

mit dem Generalstreik

hat im Laufe des Samstag zu Verhandlungen im Hausholtsausschuß geführt. Das W. T. B. verbreitet über diese Sitzung eine Meldung, die den Tatsachen nicht völlig entspricht. Von einem Mitglied des Aus­schusses selbst wird uns folgende Darstellung des Sach­verhalts gegeben:

Gemäß Z 32 der Reichsbesoldungsordnung muß bis Ende Oktober 1920 die Neueinstufung der Beamten in die Besoldungsklassen erfolgen. Es handelt sich dabei vor allem um den Ausgleich zwischen der Klassifizierung der Länder und der R e i ch s- beamten. Die Beamten der Länder sind vielfach höher eingestuft als die gleichartigen Reichsbeamten. Dadurch entsteht der unerträgliche Zustand, daß z. B.

schickt, wo ihn vor acht Monaten die Nachricht erreichte, daß sein Vetter Hans Joachim von Eggenbrecht infolge eines Unglücksfalles gestorben mar. Da dieser männ­liche Erben nicht hinterlassen hatte und der letzte Eggen- brecht-Altenwied gewesen war, ging die Erbfolge nun an die jüngere Linie, die Eggenbrecht-Reiken, übet uno er Wolf Eggenbrecht war Majoratsherr und Herr der Herrschaft Altenwied geworden.

Wolf Eggenbrecht hatte früher nie an die Möglichkeit solcher Schicksalsfügung gedacht. Achim Eggenbrecht war jo ein gesunder und kräftiger Mann gewesen, noch jung, Lazu erst feit wenigen Jahren verheiratet. Nun kam das sehr plötzlich. Man hatte ihm von allen ©ei­ten zu feinem Glück gratuliert und er wußte doch nicht recht, ob er sich darüber freuen sollte. Sentimentalität konnte es nicht sein, daß er sich nicht fo freute, wie er eigeml'ch natürlich war, wenn man als verhältnismäßig armer Schlucker ein prächtiges Majorat erbt. E. hatte den Detter nur ganz flüchtig gekannt, da dieser an der alten Familicnseindschaft, die einst infeige eines Erb- ftreites die beiden Linien Altenwied und Seiten ent­zweit, hartnäckig festgehalten und jeden Verkehr mit der Betternschafr gemieden hatte.

Nun war er tot und hatte das Erbe feiner Väter einem der verhaßten Eggenbrecht-Reiken hinterlassen müssen. Vielleicht hatte er geahnt, daß es fo kommen würde, und gerade darum an der alten Feindschaft festgehalten.

Armer Kerl!" dachte Wolf, doch in sein Mitleid mischte sich ein Hauch von Schadenfreude; denn die aus längst vermoderten Wurzeln sprießende Feindschaft des reichen Altenwieder Vetters hatte ihn immer wie Ueberhebung angemutet.

Wolf Eggenbrecht war, nachdem er erfahren, daß er das Majorat geerbt, noch ruhig acht Monate in China geblieben, wo es ihm sehr gefallen hatte, bis fein Kom- mando doch bald zu Ende ging und die Rufe aus der Heimat, die feine Rückkehr zur Ordnung der Erbange- ftgenheit dringend erwünscht nannten, immer lauter wurden. In Antwerpen hattL ihn fein Freund Weltin, der ihn einmal in China besucht hatte, abgeholt und sogleich zu dem Rennen geschleppt, nachdem er ihn schon vorher durch Funkspruch dafür angeworben hatte. Weltin liebte solche Absonderlichkeiten.

Jetzt fuhr Wals endlich heim, und beinahe wollte ihm bange werden vor dem, was ihn da erwartete. i Ordnung der ErbangelegenheitenI Wahrscheinlich Ir­

in Bayern der Sekretär der Reichspostverwaltung eine Klasse tiefer in der Besoldungsordnung eingereiht ist als ein Sekretär der bayerischen Verwaltung.

Nun läuft am 3. August der Termin für den Rück­tritt der Reichsbeamten in den Landesdienst ab. Die bisherigen Beamten der emzelstaatlichen Verkehrsver­waltung, z. B. der bayerischen Postoerwalttmg, haben nämlich bis zum genannten Tage das Recht, in den Landesdienst zurückzutreten. Die Reichsbeamten wollen nun die Garantie haben, daß bei der Neurege­lung der Klassifizierung ihre Gleichstellung mit den Landesbeamten erfolgt. Im Hauptaus» fchuß des Reichstages wird seit einigen, Tagen ver­handelt, um durch einen Beschluß des Reichstages der Beamtenschaft diese Garantie zu geben. Ein Weg konnte bis jetzt nicht gefunden werden, da über die verschieden gemachten Vorschläge keine Einigung er­zielt werden konnte. ..

Am Samstag morgen sollte die endgültige Verstän­digung erfolgen. Der Minister erklärte aber, Kennt­nis erhalten zu haben von einem Ultimatum der Großorganisationen der Eisenbahnbeam ten, wonach diese im Laufe der nächsten Woche in einen Demonstrationsstreik treten wollten, falls bis Samstag nachmittag 3 Uhr keine bindende Zusage seitens des Reichstags und der Regierung vorliege. Für den deutschen Eisenbahnerverband und die Reichs­gewerkschaft deutscher Eisenbahnbeamten und Anwärter erklärten die Abgg. K o tz u r und S ch u l d t, daß die Vorstände der Verbände den Beschluß der Verbände nicht billigten. Dr. Höfle (Ztr.) erklärte, daß der Vorstand der Gewerkschaft deutscher Eisenbahner sich für den Beschluß der Organisationen verantwortlich fühle. Er habe zwar kein Recht für die Gewerkschaft deutscher Eisenbahner eine Erklärung abzugeben, er glaube aber, die nachträgliche Zustimmung der Ge- werkfchast erhalten zu können, wenn er jetzt erkläre, daß die Gewerkschaft von dem Ultimatum zu­rücktrete. Der Reichsfinanzminister und der Hauptausschuß erklärten, unter demDruck eines Ultimatums keine Entschlüsse fassen zu können. Der Hauptausschuß beschloß, sich solange zu vertagen, bis die Gewerkschaften das Ultimatum rückgängig gemacht haben.

Dr. Höfle hat inzwifchen mit ben Eisenbahner­gewerkschaften verhandelt. Diese haben sich auf fol­gende Erklärung geeinigt:

Die Großorgcmisatiomen des deutschen Eisenbahner­personals haben weder dem Reichstag, noch 6er. Regie­rung, noch dem Derkehrsministerium gegenüber Mitteilun­gen über beabsichtigte gewerkschaftliche Maßnahmen ge­macht. Der alsUltimatum" bezeichnete Beschluß stellt nur Richtlinien für die Großorganisatio­nen dar. Eine Zurücknahme eines Ultimatums, tarnt, da ein solches nicht vorliegt, nicht in Frage kommen."

Es ist zu hoffen, daß auf dieser Grundlage dem Hauptausschuß die Möglichkeit zu weiteren Verhand­lungen gegeben ist. Die Angelegenheit wurde übrigens am Samstag auch hn Reichstag zur_2prache gebracht. Wir berichten darüber an anderer Stelle. /

Der kommende Waffenstillstand.

Am Freitag trafen die polnischen Parlamentäre, ein Oberstleutnant mit zwei Offizieren und einem Sol­daten bei den russischen Vorposten ein. Sie wurden an der Chaussee Baranowitschi-Brest-Litorvsk von den Ruffen m Empfang genommen und nach Barano- witschi gebracht, von wo sie im Automobil nach dem Standquartier des Generalstabchefs Tolkatschewski fuhren.

Die Russen vor den Toren von Drefk-Lilowsk.

Unterdessen gehen die Kämpfe in alter Heftigkeit fort. Die Lage an der Front war bei Beginn der Verhandlungen wegen des Waffenstillstandes folgende: Am rechten Flügel drangen die Bolschewisten bis an gendwelche unliebsame Auseinandersetzungen mit der Witwe Achims und den Vormündern des hinterlassenen Kindes, das leider oder glücklicherweise ein Mädel war. Dann Uebernahme des riesenhaften Gutes, Ab­rechnungen Über landwirtschaftlichen Kram, von dem er gar nichts verstand. . . .

Den Abschied haket er schon von Peking aus einge­reicht: denn obwohl er von der Landwirffchaft kaum eine blasse Ahnung hatte, wollte er doch die Herrschaft auf Altenwied tatsächlich antreten. Ein guter alter In­spektor, nebst zwei jüngeren Verwaltern, sollte ja da sein, er selbst konnte lernen, wollte und mußte lernen. 6o eine Herrschaft war eigentlich wie ein kleines Kö­nigreich, und als Majoratsherr verwaltete man gewis­sermaßen nur ein großes Vermögen für nachfolgende Geschlechter. Ein so verantwortliches Amt konnte man nicht bezahlten Kräften überladen, um weiter den flotten Leutnant zu spielen.

Wolf Eggenbrechts Gesicht war ernst geworden, wäh­rend er sich solche Gedanken durch den Kopf gehen ließ, bann umspielte ein Lächeln seinen bartlosen, nicht zu kleinen Mund, wobei der rechte Mundwinkel sich et­was emporzog und ein kleines Grübchen in der rechten Wange vertiefte.

Nun mußte er auch heiraten und für Erben sorgen!" Das hatte seine Mutter halb im Scherz ihm geschrieben und hinzugefügt, es sollte aber keine Chinesin sein. O je. Onkel Ludwig, der einzige Bruder von Wolfs Vater und Kammerherr, war sehr feudal denkend und schien sehr erfreut, daß nun die Herrschaft Altenwied endlich an die Eggenbrecht-Reiken gefallen war.

Für Erben sorgen! Eigentlich lächerlicher Gedanke, wo es einem doch ganz gleichgültig sein konnte, wer den Beutel bekam, nachdem man einmal tot und ver­graben war. Für Altenwied gab es übrigens, wenn er starb, noch Erben genug, eine ganze Anzahl Wettern zweiten und dritten Grades. Aber schließlich, ganz nett, wenn man ein Söhnchen heranwachsen sehen und es für das Majorat erziehen konnte.

Nur die richtige Mutter dazu finden, das war wohl das schwierigste an dem Experiment.

Und wieder lächelte er, weil ihm einfiel, daß Therese Ranken ihm ganz mütterlich geschrieben hatte, er sollte sich wegen einer passenden Herrin für Altenwied keine Sorgen machen, sie wolle es übernehmen, die für ihn allein geeignetste Frau zu finden, si. kenne ja feinen Geschmack.

die ostpreußische Grenze vor. O s s o w t c e wurde von ihnen besetzt, ihre Patrouillen stehen vor L o m s ch a, die russische 4. Armee, die am 'Mittwoch Bmlystock be- etzte, steht am Narew. L'eiter östlich bei dem Et- enbahnknotenpunkt Tscheremcha steht die Rote Ar­mee 30 Klometer vom Bug entfernt, bei Brest. Litowsk unmittelbar vor der Stadt. In Ostgalizien finden Kämpfe an der Serethlinie statt. Hier stehen die Bolschewisten auf kongreß-polnischem Gebiet.Berlingske Tidende" meldet aus Kowno: Hier eingegangenen zuverlässigen Nachrichten zufolge haben die Bolschewisten Augustowo besetzt. Die Polen haben sich auf Suwcllki zurückgezogen, dessen Bevölkerung die litauischen Truppen ersuchte, die Stadt zu besetzen, ehe die Bolschewisten es tun.

2000 Polen in Ostpreußen entwaffnet.

Die ersten Russen an der Grenze.

Freitag abend traten die elften polnischen Truppen über die ostpreußische Grenze und mürben von deutscher Sicherheitswehr e n t w a s s n e t. Es handelt sich dabei um 40 Offiziere und 2000 Mann, die aus der Gegend von Grajewo kamen und sich am östlichen Schlagbaum von Prosken ansammelten. Au­genscheinlich wußten sie zmiächst nicht recht, ob sie die Grenze überschreiten sollten. Von deutscher Seite wurden sie aufgefordert, einen etwaigen Uebertritt in kleinen Trupps und noch vor Eintritt der Dunkclh^t zu vollziehen. In den Abendstunden erfolgte denn auch tatsächlich der Uebertritt, Die Entwaffnung wurde ohne Zwischenfall durchgeführt. Zunächst wurden die Polen in das Internierungslager von A r y s gebracht. Auch bei dieser Ueberführung ergaben sich keinerlei Schwierig­keiten. Es ist beabsichtig, die polnischen Truppen auf dem Seewege nach dem Innern Deutfchlands zu schaf­fen. Der Vorsitzende der deutschen Friedensdelegation in Paris ist beauftragt worden, bei dem Obersten Rat die Freigabe des dazu erforderlichen Schiffsraums zu erwirken.

Samstag in aller Frühe ist eine Schwadron bol­schewistischer Kavallerie ebenfalls am Schlagbaum von Prosken erschienen. Die Führer der Bolschewisten erklärten, daß sie die deutsche Grenze nicht überschreiten mürben.

Man erwartet in den nächsten Tagen weitere Grenz­übertritte flüchtender polnisck^r Truppen.

Ungenügende Sicherung des Abstimmungsgebietes.

Die Lage an der ostpreußischen Grenze macht eine sofortige Verstärkung des Grenzschutzes unbe­dingt erforderlich. Die interalliietten Truppen sind in Allenstein konzenttiert. Der Grenzschutz wird zurzeit lediglich von der deutschen Sicherheitspolizei aufrechter- hatten, die aber nicht stark genug ist.

Der Reichskommissar in Allenstein ist daher ermächtigt worden, in ganz besonders dringenden Fällen R e i chs- wehrtruppen in das Abstimmungsgebiet an solche Plätze zu entsenden, an denen keine attiierten Truppen stehen, unbeschadet der Entscheidung des Ober­sten Rates, welche hierüber in Paris nachgesucht wor­den ist.

Rigorose Einziehungen in Posen und Westpreußen.

Aus dem an Polen abgetretenen Posener und west- preußischen Gebiet wird gemeldet: Die polnischen Be­hörden stellen männlichen Personen bis zum Alter von 50 Jahren weder Pässe noch Grenzüberschreitungs- scheine nach Deutschland aus, um zu verhindern, daß sich die Militärpflichtigen dem Heeresdienst entziehen. In Vandsburg meldeten sich von 300 Personen, die einen Gestellungsbefehl erhallen hatten, nur vier. Das den in Pommerellen wohnenden Deutschen zustehende Optionsrecht wird von den polnischen Behörden nicht geachtet. Durch diese rigorosen Maßnahmen von Sei­ten der Behörden ist die Stimmung selbst in der na» tionalpolnischen Bevölkerung äußerst gereizt.

Wolf Eggenbrecht zog fein Etui und als er gerade dabei war, sich eine Zigarette anzuzünden, krachten plötzlich alle Bremsen an die Räder des dahinrasenden Zuges, der wenige Sekunden später auf offener ©trecke zum Stehen gebracht wurde.

Wolf war durch den heftigen Ruck die Zigarette aus der Hand gefallen, er nahm eine neue, entzündete sie und bann erst steckte er den Kopf aus dem Fenster, um zu sehen, was es gäbe. Die Schaffner liefen am Zuge entlang, einige nach rückwärts, einige nach vorn, die Lokomotive ließ in großen Wolken Dampf ab. Einige ängstliche Fahrgäste hatten bereits die Türen geöffnet, riefen die Schaffner an, fragten, was passiert sei, be­tauten aber nur ein Achselzucken zur Antwort. Endlich sagte einer, die Strecke sei gesperrt, es würde wohl bald weitergehen.

Es war schon halb dunkel. Man wartete. Einige sehr Vorsichtige stiegen aus. Dann tarn ein Schaffner von vorn, lief am Zuge entlang und rief, alles müsse aussteigen. Wolf erkundigte sich. Ja, weiter vorn sei ein Güterzug entgleist, sperre die Strecke. Man müsse zu Fuß bis zur nächsten kleinen Station gehen, wohin ein Hilfszug bereits unterwegs fei.

Wie weit?"

Etwa eine halbe Stunde."

Wolf Eggenbrecht machte das nichts aus, es schien ihm ganz angenehm, jetzt in der Kühle des Abends über ein Stück ihm fremder Heimaterde zu wandern. Seinen Reifefack gab er feinem Diener Josua, einem Mulatten, der ihm von Mexiko nach China und von dort nach Deutschland gefolgt war. Wolf hatte dem Mann mit eigener Lebensgefahr man hatte ihn we­gen irgendeines Mißverständnisses lynchen wollen das Leben gerettet, wobei er von der wütenden Menge selbst leicht verwundet worden war. Seitdem war der junge Mensch ihm ergeb.en wie ein treuer Hund und hatte geschworen, zu sterben, wenn er gezwungen würde, sich von seinem Herrn zu trennen.

Josua eilte mit dem Köfferchen davon, um, wie Wolf ihm befohlen, in dem anderen Zug einen guten Platz zu belegen. Wolf zog feinen Mantel an und folgte, gemächlich rauchend, dem Strom der aufgestör­ten Fahrgäste des Schnellzuges. Als er schon ein gan­zes Stück gegangen war, fiel ihm ein, daß er den hüb­schen Reitstock mit dem goldenen Knauf und einer darin gravierten Widmung im Netz feines Abteils vergessen , hall- " ' ' - (Hoch, folgt)