uld aer Zeitun g
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Zrenag, 30» ZuU 1920«.
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47. Zcchrg.
Die neue Außenpolitik.
In seiner Schlußrede am Mittwoch hat der Mi- , «Der des Auswärtigen Dr. Simons über sein Pro- : «ramm sich klarer und kräftiger ausgesprochen,, als in i Jen vorgängigen Wortgefechten. Er besprach die Aufgaben der deutschen Außenpolitik nach Westen wie nach Osten hin und bezeichnete als notwendig: eine feste und klare Stellung gegenüber der E n t e n t e und eine feste und klare Stellung gegenüber Rußla^. Er scheute sich nicht, offen zu sagen, daß es uns an^»eiden bisher gefehlt hat. .
Aus dieser rückschauenden Kntik darf man aber nicht folgern, daß Dr. Simons neue Ziele unserer auswärtigen Politik aufstellen will. Was er fordert, ist im Grunde nur eine Veränderung der Taktik Es sollen neue Mittel gesucht und angewendet merden, um die alten Zwecke der Milderung der Der- tragslasten und der Beruhigung im Osten zu erreichen.
Hinsichtlich der Beziehungen zur Entente geht die Taktik des Außenministers dahin, daß wir durch Zöaern und Knapsen bei der Ausführung des Versailler Vertrages keine Erleichterung erzielen können, sondern daß wir mit voller Kraft uns an die A u s - ührung machen müssen. Erst dann werde sich überzeugend ergeben, was unausführbar ist, und angesichts des offenbaren guten Willens Deutschlands würden die Gegner zur Einsicht und Mäßigung kommen. . , ~
„Don diesem Standpunkt aus," meint Dr. Simons, „könne mit den Staatsmännern der Alliierten Geschäft gemacht werden, und von keinem anderen." In Spaa ist bereits ein Versuch gemacht worden, unsere Gutwilligkeit zu bekunden, und einige Kritiker sind der Meinung, daß dabei keine guten „Geschäfte" gemacht worden seien. Dabei muß man jedoch in Betracht ziehen, daß die Entente uns tatsächlich in zwei Punkten Zugeständnisse gegenüber dem Versailler Vertrag gemacht hat, nämlich in der Verlängerung der Entwaffnungsfrist und in der Herabsetzung des Kohlendeputats von 40 Millionen auf 24 Millio- nen für das Jahr. Das ist noch nicht viel, aber es ist doch etwas, und man darf hoffen, daß auch noch weitere Zugeständnisse erfolgen, wenn die Gegner einsehen, daß auch beim besten Willen Deutschlands der diktierte Vertrag nicht in allen Punkten durchführbar ist. Der Anfang gilt im allgemeinen für schwerer, als die Fortsetzung. Ein gewisser Anfang der Revision ist wirklich gemacht worden. Möge die neue Taktik uns bester vorwärts helfen, wie es die bisherige Taktik des Klagens und Zauderns vermocht hat.
In Bezug auf Rußland vertritt Dr. Simons mit Entschiedenheit den Standpunkt, den Bismarck seinerzeit gegenüber Frankreich eingehaltrn hat. Ihm als Monarchisten gefiel die republikanische Staotsform nicht, aber er suchte mit der französischen Republik in die friedlichsten Beziehungen zu kommen und lehnte jede Einmischung in die innere Politik des Nachbarlandes ab. Dr. Simons wünscht, daß wir auch in Rußland die gegebenen Tatsachen einfach anerkennen, mit der dortigen Regierung rechnen, ohne uns von Abnei- guna geaen ihre Persönlichkeiten oder gegen ihre innere Politik beirren zu lasten, ffiir sollen uns weder der lleberhebung schuldig machen, indem wir den Russen vorschreiben wollen, von wem und auf welche Weise sie regiert werden sollen, noch auch von der Angst uns leiten lasten, indem wir durch Scheu vor den bolschewistischen Gesinnungen uns abhalten lasten, mst dem großen Volk im Osten friedliche Beziehungen zu pflegen.
lieber die Berechtigung der Furcht vor der ansteckenden Krankheit des Bolschewismus wird ja lebhaft gestritten. Aber Dr. Simons hat zweifellos recht, wenn er meint, wir könnten nicht zur Abwehr der Ansteckung einen Kreuzzug nach Rußland hinein unternehmen. Die gefürchteten Krankheitskeime lasten sich durch die schärfste Grenzsperre nicht abhaltem sondern unser Volk muß Kirch eigene geistige und sittliche Arbeit die Ansteckungsgefahr überwinden. Wenn Deutschland die Wiederaufnahme des wirtschaftlichen Verkehrs mit Rußland nicht ertragen könnte, so wäre es überhaupt gegen den Bolschewismus nicht zu schützen.
Ob in Rußland selbst das bolschewistische Regiment nur Elend angerichtet oder auch eine „Konzentration der Kräfte" angebahnt hat, ist für die hochpolittsche Frage nicht entscheidend. Die dortige Regierung hat einen längeren Bestand, als man allgemein erwartet hatte, und sie zeigt neuerdings eine überraschende militärische Kraft. Mit diesen Tatsachen müssen wir rechnen.
Was Dr. Simons betreiben will, ist eine entschlossene und zielbewußte Friedenspolitik nach beiden Seiten hin. Das Ziel stt nicht neu; soweit die Mittel und Wege von den bisherigen Mechoden ad- weichen, kann man ihnen nicht von vornherein widersprechen, sondern nur mit den besten Wünschen den Erfolg erwarten.
Das deutsche Volk steht ja glücklicherweise hinter der Politik seiner Regierung auf mehr Eintracht und Arbcitsbereitschaft, als es bisher der Fall war.
Der rote Siegesmarsch.
Die letzten Nachrichten melden ein rasches Vordringen der Russen bis in die unmittelbare Nähe der deutschen Grenze bei Mala. Daß einzelne Abteilungen der Sowjetarmee Ostpreußen betreten, ist nicht unwahrscheinlich; Vorkehrungen zum Schutze der Bevölkerung werden, soweit die schwachen Machtmittel ausreichen, von der Regierung getnffen. Hingegen wird damit gerechnet, daß die russische Regierung einen wirklichen Einmarsch in das ostpreußische Gebiet nicht beabsichtige. Aber auch, wenn die Sowjelregie- rung vorläufig ehrlich entschlossen ist, unserem Gebiete fernzubleiben, so könnte sich ihr Programm in Zukunft ändern und vor allem die unabsehbare Entwickelung der polnischen Verhältnisse mag ihr neue Entschlüsse ein- geben. Jedenfalls vermehrt sich durch eine langan- haltende Spannung in Osteuropa der Druck auf Deutschland.
lieber die Läge an der Front wird aus Warschau gemeldet: Die rote Armee verdoppelt ihre Anstrengungen. Sell drei Tagen findet ein sehr großer Ansturm auf der ganzen Front statt. Rach vorbereitendem Trommelfeuer wurde die N j e m e n I i n i e in der ganzen Breite geworfen und der polnische Gegenstoß bei Grodno wurde westlich in der Flanke gefaßt. Der Fall von Bialystock steht bevor. An der Südfront sind die Bolschewisten an 3 Stellen in O st g a l i z i e n eingerückt. Sie marschierten gegen L e m b e r g bis zum Serethübergcmg vor. Harte Kämpfe finden bei der Zbruczmündung statt.
Die russischen Bedingungen.
Nach einer Meldung aus Kiew sollen die russischen Wassenstillstandsbedingungen für Polen folgende sein:
Polen gibt Wilna, Minsk, Grodno und Cholm auf, Polen liefert das gesamte Kriegsmaterial an Rußland ab, sowie 70 Prozent Eisenbahnmate, rial. Die S o w j e t v e r s a s s u n g wird für die Dauer eines Jahres in Polen eingeführt. Polen be. stimmt dann selbst seine neue Verfassung. Polen wird für die Dauer von 5 Jahren militärisch be- setzt, alsdann werden die polnischen Salz- und Kohlengruben an Rußland übergeben.
Wenn diese Meldung zutrifst, dann sind die russischen Waffenstillstandsbedingungen für Polen unannehmbar. Die Rusten hätten bann die Absicht, den Krieg bis zur völligen Niederwerfung Polens fortzu- fetzen. Fm die Entente wäre bann auch der Zwangs- fall eingetreten, m ben Krieg einzugreifen. Bis zum (Eintreffen einer amtlichen Bestätigung find aber diese geradezu unglaublich klingenden Bedingungen mit Vorsicht aufzunehmen.
Die Enlenlehilfe für Polen.
In Warschau weilen jetzt eine englische und eine fianzösische Mission, die in ben letzten Tagen an mehreren Ätzungen des engeren polnischen Ministerrats teilnahm. Es wurde über die Hilfe der Entente gegenüber Polen beraten. Die Hilfe soll mit größter Beschleunigung organisiert werden, um, falls der Waffenstillstand nicht zustande kommt, gerüstet zu fein..
Außerdem sind über 300 Entente-Offiziere in Warschau angekommen.
Da die Danziger Arbeiter sich weigern, die für Polen bestimmten Munitionsdampfer zu entladen, verrichten englstche Soldaten diese Ärbett. Der englische General Heyking teilte der Danziger Arbeiter- schaft mit, daß, wenn die Arbeiter auf ihrer Weigerung beständen, man englische Arbeiter nach Danzig holen werde.
Die verdächtigen Truppentransporte.
Zu den zahlreichen die Bevölkerung beunruhigenden Gerüchten über die Beförderung von Truppen und Kampfmaterial der Entente auf deutschen Eisenbahnen, die im Kriege Polens gegen Sowjettrußland verwandt werden sollen, erfährt wtb non, .zuständiger Seite folgendes: (Es* gehen regelmäßig Nachschübe und Abschübe nach und von iw in ben Abstimmungsgebieten Ostpreußens, Westpr^ens und Oberschle- siens ftationierten BesatzungstrEntsprechend verkehren regelmäßig Rückzüge über dieselben Streifen. Diese Transporte dienen lediglich dem Zweck, die Be» satzungstruppen abzulösen und mit Material zu versehen. und werden daraufhin von den zuständigen deutschen Stellen regelmäßig kontrolliert. Die Bevölkerung der Ortschaften, die diese regelmäßigen Transporte passieren, kann nicht nachdrücklich genug gewarnt werden, sich von irgendwelchen alarmierenden Gerüchten von dem Charakter dieser Transporte beunruhigen oder sich gar zu unbesonnerer Haltung ihnen gegenüber verleiten zu lassen. Die Transporte erfolgen durchaus in Uebereinftimmung mit der Ausführung des Friedensvertrages hinsichtlich der östlichen Abstimmungsgebiete, und zwar beretts feit Monaten, stehen in keiner Beziehung zu ben polnisch-russischen Kriegshandlungen und können daher nicht im geringsten die von der deutschen Regierung erklärte Neutralität beeinträchtigen.
Tie Polen und das Weichselufer.
lieber die Sitzung bet Bot'chafterkonferenz, die sich mit den Abstimmungsergebnissen im Osten befaßte. gibt der Pariser .Temps' eine offifiö e Mitteilung, die in ziemlich bestimmter Form darauf vorbereitet, daß Polen ein gewisser Gebietsstreifen auf dem rechten Weichselufer, ollen Abstimmungsergebnissen zum Trotz, dennoch zugesprochen werden soll: Die Mitteilung, durch die der Inhalt der Interpellation in der Mittwochssitzung des Reichstags bestätigt wird, lautet:
Kür den Fall, daß die Ergebnisse der Volksbefragung, die der Wiedervereinigung mit Deutschland günstig waren, als ordnungsmäßig und endgrltrg anzusehen sein würden, bliebe noch die Grenzziehung zwi chen Polen und Deutschland zu präzisieren. Die Botschaster» konfcrenz hat die Möglichkeit geprüft, Polen auf dem rechten Weichselufer einen hinreichend großen Gebietssteifen zu überweisen, um die völlige Unabhängigkeit seiner Ftußtransporte sicher» zustellen.
Dem deutschen Reiche wird ein neues himmelschreiendes Unrecht $ugefügt. Das entwaffnete ohnmächtige Deutschland wird diese unerhörte Beugung klaren Rechtes unter Protesten vorläufig hinnehmen müssen; es kann diese Proteste in die Welt hinausrufen, es kann alle möglichen Instanzen unserer Gegner anrufen, aber es hat keine Macht, dieses Unrecht zu ändern.
Der Uevermut der Sieger.
Im Hauptausschuß des Reichstages teilte bei dem Punkt Vermogenverwaltung für die bef etztcn rhei»' nischen Gebiete Abg. Stückle als Referent mit, daß sich dort 150000 Mann fremde Truppen be- finden, dazu etwa 94 Delegierte der Rheinlandkommis, fion mit ihrem Troß, deren Kosten das Reich bezahlen müße. Dazu kommen die für den „Hohen" Ausschuß eingesetzten Kosten von 20 000 Mark. Bis Ende April 1920 habe das Reich für die Besetzung der Rheinlande 4348 Millionen Mark leisten müssen. Bei die- sen Milliardenausgaben fei die Frage aufgeworfen, ob denn eine Reihe der uns angerechneten Kosten nach dem Friedensvertrag wirklich zu zahlen sei. Die Ansprüche der fremden Offiziere auf Wohnungen und deren Aus- stattung wären außerordentlich hoch. Der Delegierte
der Rheinlandkommisiion habe eine 10-Zimmerwohnung und für deren Ausstattung 280 000 Mark verlangt, während feine Gattin noch weitere Forderungen gestellt habe. So müßte das Reich in den finanziellen Ruin gebracht werden. Reichsminister von Raumer betonte gegenüber diesen Ausführungen, daß in der Tat die Frage aufgeworfen werden müße, wie Deutschland die Wiederherstellungskosten tragen solle, wenn für die Besatzung der besetzten Gebiete so unberechenbar hohe Summen ausgegeben werden müßten. Eine Verringerung der Truppen würde unsere Lasten abzumildern geeignet sein. Abg. Korrell schiwerte das rücksichts. lose Vorgehen der französischen Besatzungstruppen. Die Abneigung gegen das Vorgehen der französischen Militaristen in allen Kreisen des rheinischen Volkes sei tart im Wachsen und von Losreißungsbestrebungen : önne dort keine Rede sein. Der Dolksparteiler Dr. Becker- Hessen verlangte, daß bei den Verhandlungen in Genf auf einen Abbau der Kosten für die Besatz, ungstruppen hingewirkt werde. Ein Regierungsvertreter sprach über die Rechtslage und führte aus, daß die Absicht bestehe, in dieser Frage beim Obersten Rat Einspruch zu erheben. Bei der A b st i m m u ng wurde die von dem Abg. Becker gestellte Forderung^ in Form einer Resolution anerkannt. Die Unabhängigen stimmten gegen die Forderung, die schwarzen Truppen durch weiße zu er- setzen. Angenommen wurde ein Antrag der Regie- rungsparteien auf Vorlage des Materials über die Inanspruchnahme der Mittel des Reichs und der Ge- meinben durch die Besatzungstruppen.
Wie von unterrichteter Seite noch weiter mitgeteut wird haben die Einzelheiten der amtlichen Denkschrift über die Ausgabe für die Besatzungstruppen tm Au», schuß tiefste Entrüstung hervorgerufen. Es tst geplant, im Reichstag eine besondere öffentliche Aussprache über dieses Thema zu neranftatten und die Reichsregierung will auf der Konferenz in Genf den Alliierten darüber eine Aufstellung vorlegen, damit die ganze Welt erfahre, wie Deutschland von seinen Siegern ausgesogen wird.
Bela khun fteigelafien.
Die österreichische Regierung hatte bekanntlich versucht, den ehemaligen bolschewisttschen Diktator Belc Khun, der Ungarn monatelang durch ein unerhörtes Blut- und Schreckensregiment drangfaliei'e, und ten Oesterreich, das ihm nach seiner Flucht aus Ungarn Asyl geboten hatte, bei der Rücksendung von russischen Kriegsgefangenen durch Deutschland 61 urchzufchmuggeln. Der Plan mißlang, Dela Kh in und einige andere mit ihm zugleich transportierte Kommumsten wurden in Stettin festgenommen. Der ungarische Vertreter in Berlin hatte angekündigt, daß die ungarische Regie- rung den Antrag auf Auslieferung Dela Khuns stelle. Seitdem ist eine Woche verflossen, ohne daß der Antrag bei der deutschen Regierung eingegangen wäre. Da Deutschland nicht das Recht hat, den vor- läufig in Hast genommenen Personen weiter die Freiheit vorzuenthalten, beschloß die deutsche Regierung, die Abreise Dela Khuns und seiner Begleiter m das von ihnen selbst gewähste Ausland nicht länger zu verhindern. Das bedeutet, daß Dela Khun nun doch nachRußland entkommen wird.
Deutscher Reichstag.
Auf der Tagesordnung der Donnerstagfitzung des Reichstages ftatrben zwei wichtige Vorlagen: der Gefetz- entwurf Über die Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit und die Beratung des Notetats. Man hatte erwarten können daß die Verhandlungen über die
Militärgerichtsbarkeit
nicht ohne Erregung vorübergehen werden. Und tatsächlich ließen es sowohl die Deutschnationalen bei der Rede des Unabhängigen als auch die Unabhängigen bei den Reden der rechtsstehenden Abgeordneten nicht an lärmenden Unterbrechungen schien. Die Deutfchnationalen hatten al, Rümer den . . .
General v. Gollwitz vorgeschickt, der dem pnrrvpteu ablehnenden Standpunkt seiner Fraktion der Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit gegenüber in fachlicher, nitfrt un» sympathischer Weise Ausdruck verlieh. Dor allem wies et darauf hin, daß auch die in der Sowjetarmee gefällten Strafurteile nicht von ZiMgerichtsn ausgingsn. Rach ihm spricht der unabhängige
Unpolitische Zeitläufe.
Von Fritz Nienkemper.
Berlin, 27. Juli 1920
Diesmal reden wir von den Großmüttern. Denn es ist Anna-Woche. Gestern wär der Festtag dieser erhabensten aller Großmütter, die es jemals auf Erden gegeben hat und geben wird.
Gesegnet ist die Familie, in der eine treue und tüchtige Großmutter waltet! Eine Gewähr für die leibliche und geistige Gesundheit des Geschlechts.
Und der Groß vater? Er soll nicht übergangen werden; aber in dem großelterlichen Kapitel muß er schon der Lebensgefährtin den Dortritt lassen. Erstens gibt es mehr Großmütter als Großväter, weil die Frauen überhaupt langlebiger sind und weil in diesen Schickfalsjahren außerordentlich viel Familienvater ge- fallen sind. Zweitens liegt es in der Natur der beiden Geschlechter, daß die Hausmutter einen viel größeren Einfluß ausübt auf die Nachkommenschaft, als das männliche „Oberhaupt der Familie".
Am Annatage wird in der Kirche eine wunderschöne Epistel gelesen: aus dem Buche der Sprichwörter dar Hohelied auf das starke W e i b, das ihrem Manne gutes erweist und nicht böses alle Tage ihres Lebens, das rastlos arbeitet nach der Kunst ihrer Hände, das mütterlich für ihr Gesinde sorgt und den Wohlstand des Hauses mehrt. „Kraft und Armut sind ihr Gewand; in den letzten Tagen wird sie sich freuen. Ihren Mund öffnet sie zu Weisheit, das Gesetz der Milde ist auf ihrer Zunge. Sie hat Acht auf den Wandel ihrer Hausgenossen und ißt ihr Brot nicht müßig. Ihre Kinder kommen empor und greifen sie überfelig; und ihr Mang, er lobt sie. Betrüglich ist die 2Inmu* und eitel die Schönheit; ein Weib aber, dar den Herren fürchtet, das wird gepriesen werden. Gebt ihr von den Früchten ihrer Hände, ihre Werke müssen sie loben vor aller Welt." -
Die wackere Hausmutter kann ihre segensreiche Wirk» lomkest zur Vollendung bringen, wenn sie als Groß-
mutter ratend und helfend mitarbeitet am Familienglück ihrer Kinder.
In der heiligen Familie von Nazareth ging alles ohne Schuld und Fehle zu. Aber wir sind unvoll, kommene Menschen, bei denen sich leicht Mißverständ- niffe und Reibungen einschleichen. Wenn man von dem Ideal der Großmutter spricht, wird einem das Zerrbild der „Schwiegermutter" entgegengehalten. Die Zweifler und Spötter machen sich ein Vergnügen dar- aus, Argwohn und Zwietracht zu säen zwischen der jungen und der alten Familie, die vom selben Stamme entsproßen sind. Die Sorgfall der Alten wird als unbefugte Einmischung und Tyrannei hingestellt, und der Eigensinn der Jungen wird aufgeftachelt, als ob es der Weisheit höchste Blüte wäre, immer das Gegenteil von dem zu tun, was die Alten raten und wünschen.
Die Erde ist das Tal der Mängel; es _gibt dort überall Mißgriffe, auch bei selbstbewußten -schwiege» muttern und übereifrigen Großmüttern. Aber es ist Unfug, einen ganzen Stand zu verunglimpfen, weil einzelne Glieder irrfn und fehlen. Und es ist ungerecht, wenn man die Schuld an den Reibungen nur auf der einen Seite sucht, statt zu berücksichtigen, daß die Reibungen, vielfach verschuldet werden durch das übermäßige Seldstbewußtsein der jüngeren Leute, die in ihrer grünen Herrlichkeit sich nichts mehr sagen las- sen wollen.
Ja, wenn schchere Tage kommen über die neue Fa- milie, dann wissen auch die Aufgeklärten den Weg zu den Großeltern schon wieder zu finden. Wie herzlich wird die erfahrene Mutter begrüßt, wenn sie vor der Geburt des ersten Enkels sich als Helferin und Tröste- rin einstellt. Und wenn sonst Krankheit ausbricht, so sind die Spöttereien über die „Schwiegermutter" vergessen, und man ruft die Großmutter um Beistand an. Dann erkennt man, daß die braven Großeltern nicht aus Herrschsucht, sondern aus Liebe handeln, daß sie nicht Tyrannen, sondern Wohltäter sind.
In dem erwähnten Loblied auf die tüchtige Frau heißt es, sie tue allen Gutes und das Gesetz der Milde fei auf ihrer Zunge. Das muß besonders von der Großmutter gelten. Sie muß etwas an sich haben
vom Schutzengel, der nur an Wohltun denkt und kein scharfes Wort über seine Lippen bringt.
Im Dienste der Siebe muß die Großmutter ihr Behagen finden, auch wenn es ihr manchmal recht sauer fällt. Darf sie auf Dankbarkeit rechnen bei den Kindern und Enkeln? O, das ist eine erfreuliche Zugabe. Aber in dieser Beziehung darf man die Hoffnung nicht überspannen. Es kommen leicht kritische Augenblicke, in denen wegen störender Kleinigkeit große Wohltaten vergessen werden. Was man für die Nachkommen tut, das muß man aus reiner Liebe tun ohne alle Selbstsucht. Vielmehr in dem Bewußtsein: Ich habe meinen Lohn schon erhalten; denn meine Vorfahren haben mich opferwillig aufgezogen, und es ist nicht mehr als billig und recht, daß ich für meine Nachkommenschaft opferwillig sorge.
Dieser Geist ist echt menschlich und zugleich echt christlich. Wo er herrscht, da stellt sich auch die richtige Diplomatie ein. Das Wort klingt schrecklich, wenn man es auf das Familienleben anwendet. Ader es hilft nichts: die Eltern müssen von den Diplomaten etwas lernen, und die Großeltern erst recht.
Kleine Kinder kessen sich verhältnismäßig leicht er« ziehen. Je mehr Jahre, desto mehr Schwierigkeiten. Da geht es nicht mehr mit dem strammen Kommando und dem zugehörigen Zwangsverfahren. Das erwachende Selbstbewußtsein will überzeugt werden von dem Warum und Wozu. Das Leitseil an der Hand wird leicht abgestreift; die elterliche Einwirkung muß im Kopfe und im Herzen des Heranwachsenden Spröß- lings sich zu verankern wissen. So wird die Erziehung zur Kunst, die viel Geschick und Geduld erfordert.
Haben nun die Kinder sich auf die eigenen Füße gestellt und ihren selbständigen Haushalt begründet, so muß das Raten und Seiten noch vorsichtiger erfolgen, noch mehr Rücksicht nehmen auf das Seelenleben der flügge gewordenen Nachkommenschaft. Das natürliche Selbstbewußtsein muß geschont'werden, sonst führt der Versuch des Biegens zum Brechen. Es hilft nur freund- liches, gewinnendes, überzeugendes Zureden in einer Form, die klug die Empfindlichkeit schont, und das beste Hilfsmittel ist die liebevolle Tat, die selbsttose Hilfs
bereitschaft, das handgreifliche Vorbild des richtiger Familiengeistes.
Da die Großmutter viel mehr Beziehungen zu dem häuslichen Seben der Nachkommen hat. als der Mann, so kommt es auf ihre diplomatische Befähigung beson- ders an. In der zweckmäßigen Behandlung der Men. schen sind ja im allgemeinen die Frauen geschickter, al« wir robuste Männer. Daher lobe ich gerade die braven Großmütter als die Pflegerinnen der guten Ueberliefe. rungen im Familienleben. Selbstverständlich müssen st» ihre Eewandthett auch darin bekunden, daß si« bei allem Konservatismus doch den geänderten Zetto erhält- nisten gebührend Rechnung tragen. Das steife Festhalten an überlebte Formen würde nur zu Mißoer- ständnisten und Reibungen führen. Um von dem Alten das Gute zu retten, muß man das weniger Gute durch Neues zu ersetzen wissen. Wer lehren will, muß bi« zu seinem Ende zu lernen verstehen. Großmutter darf nicht verstimmen, sondern muß sich in die Bedürfnisse der Gegenwart geschmeidig einzufügen wissen.
Vielfach wird den Großeltern nachgesagt, daß ste die Enkel verhätschelten und verwöhnten. Im Johan- nestrieb der Kleinkinderliebe mag das schon vorkom- men. Etwas Zärtlichkeit und Süßigkeit ist auch nicht schon gefährlich. Es darf aber nur eine Ergänzung, nicht eine Störung der elterlichen Erziehung jein Die Kinder gehören zunächst den Eltern; in zweiter Stnie erst haben die Großeltern Anspruch. Unter Umständen müssen sie gegen eine verfehlte Erziehung ihren Einfluß einsetzen; doch nur im klaren Notfall, nicht aus Eigensinn oder Gefühlsüberschwang. 1
Vernünftige Großeltern sind sich des rechten Weges wohl bewußt, und namentlich muß die wackere Großmutter sich leicht zurechtfinden in der zweiten Auflage ihrer hausmütterlichen Wirksamkeit. Da stiftet sie eine Fülle von Heil und Segen in ihrer stillen Tätigkeit, und deshalb sei ihr der Ehrenkranz auf das ergraute Haar gesetzt.
Gott lohne es den edlen Frauen, die in den Sielen der Liebestätigkeit sterben!