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Nr. lö9.
Berantworllich für den rebattionellen Teil: Carl Schütte, :: für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. ::
Rotationsdruck u. Verlag der rruldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeituna
Samstag, 24. ZuU j920.
Bezugspreis: Monatlich 3,00 2Nk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 Blk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmatz) 60 JJfg, u. 10% Zuschlag, die Reklamezeile (Textbreite) 1.80 JUL, u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.
47. Zahrg.
»ie polnische Katastrophe, eine Niederlage der Entente.
Dis Schläge, unter denen Polen zusammenzutre- chen droht, sind schallende Ohrfeigen für die E n t e n t e.
Das neue Polen ist ihr Kind. Sie hat dem polnischen ßrobcrungstrieb die Zügel schießen lassen. Nicht bloß gegenüber Deutschland, sondern auch gegenüber Ruß- sLnd. Sie ist verantwortlich für die polnische Hoffahrt xnd Habgier, die sie geweckt und unterstützt hat, — pcn Oberschlesien bis in die Krim hinein. Wenn dis «usgeblaftne Herrlichkeit jetzt unter den Schlägen der (Roten Armeen zusammenbricht, so hat die Entente die Vescheinigung ihres Irrtums und ihrer Schwäche.
Das ohnmächtige Deutschland zu brüskieren, war fehl Heldenstück. Den russischen Koloß zu bändigen, par den vermeintlichen Herren der Welt unmöglich.
In Spaa stellten sie als ersten und wichtigsten Punkt auf die Tagesordnung, daß die 200 000 Wehrsoldaten Deutschlands, die nichts anderes als Ordnungstruppen fein konnten und sollten, schleunigst auf die Hälfte verringert werten müßten. Unterdessen rük- fcn mm aus dem Osten große Heere heran, die eine furchtbare Gefahr für die Schöpfungen der Entente bedeuten. Wo die Entwaffnung wirklich notwendig wäre, versagt die Kunst und die Kraft der Westmächte.
Auch die diplomatische Niederlage ist em- xfindlich. Deutschland kann man durch die Drohung mit der Besetzung des Ruhrgebiets erschrecken, da man dort haufenweise die Truppen aufgestellt hat, die man im Osten so gut gebrauchen könnte. Die russische Regierung läßt sich nicht so terrorisieren, da die En- tmtesoldaten weit vom Schlachtfelde entfernt und überflüssigerweise gegen Deutschland festgelegt sind. Die (Entente versucht es also mit drohenden Noten und Reden. Aber da muß sie sich eine ähnliche Behandlung gefallen lassen, wie Deutschland im Herbst 1918 bei der Bitte um Waffenstillstand. Wilson und seine Genossen zogen die Verhandlungen in die Länge, damit dir Verbündeten Zeit gewannen, ihre militärische Vorteile vollends auszunutzen. Die Sowjetregierung treibt jetzt auch die Politik der langen Bank. Sie lehnt nicht ob, aber sie macht so viel Wenn und Aber, daß man nicht weiß, woran man ist. Es wird weiter verhandelt, und inzwischen können die Roten Truppen ihren Lisgesmarsch fortfetzen, und die Bolschewisten hoffen, daß sich schließlich die Polen aus Gnade und Ungnade ergeben müssen.
Es ist eine wahre Ironie der Weltgeschichte, daß die Entente in demselben Augenblick, wo sie die Entwaff- ramg Deutschlands triumphierend durchgesetzt hat, vor der Notwendigkeit steht, den Deutschen den bitternot- smbiqen Grenz sch utz in Ostpreußen zu bewilligen. 2n Spaa wollte man den Hinweis auf diese G-fahr nicht hören. Jetzt stehen die Westmächte vor der peinlichen Wahl, entweder uns neue Rüstungen im Osten zu gestatten, oder die Verantwortlichkeit zu übernehmen sur die Verwüstung des unschuldigen Ostpreußen durch marodierende Flüchtlinge und nachsetzende Bolschewisten.
Der Sowjetagent in Berlin Kopp hat freilich versichert, die Rote Armee denke nicht an den Einmarsch in Deutschland, da Rußland mit uns in Frieden leben und keine „nationale" Erregung in Deutschland herbeiführen wolle. Trau, schau, wem? Werden die Russen' nicht nachdrängen, wenn die flüchtigen Polen über die ostpreußische Grenze gehen und wegen Mangels an deutschen Wehrkräften nicht entwafftret werden können? Und werden die „Weltreoolutionäre" von Moskau der Versuchung widerstehen, ihren Bolschewismus über unsere Grenze zu tragen, wenn sie in Ostpreußen oder Schlesien Spielraum gewinnen können?
So droht sich der Krieg im Osten zu einem Ereig- auszuwachsen, das in das Gewebe der gegnerischen Diplomatie von Spaa ein gewaltiges Loch reißt. Es ist recht gut, daß die Fortsetzung auf einige Wochen vertagt ist. Unterdessen werden die Alliierten merken,
Fordernde Liebe.
Roman von Erich Ebenstein.
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»Aber so spät, Herr Dozentl" sagte die Hausbesor- SErin, ihn einlassend. „Sonst kommen Sie doch meist schon gleich nach neun!"
»Ich war im Theater. Warum? Gibt es etwas Neues?"
»D nein . . . ich dachte nur so . . meinte die Alte viit schelmischem Lächeln und drehte die Treppenbeleuchtung auf.
Heidlof achtete nicht weiter auf sie nud stieg die «eppen empor. Erst als er die Wohnungstür aufschloß Licht im Vorzimmer fand, wurde er aufmerksam. Wie Frau Krüger denn heute, als sie sein Bett für "*e Nacht zurecht machte, das Licht abzudrehen versessen?
Da war ihm, als höre er im Eßzimmer ein Geräusch, «erwandert horchte er auf. Das Eßzimmer war doch I°nst abgeschlossen? Sollten Diebe . . .
Ungestüm riß er die Tür auf und — blieb' wie ^gewurzelt auf der Schwelle stehen.
Wie einst in der noch ungetrübten Zeit ihres ersten Eheglücks war der Tisch zierlich mit Blumen zum Abendbrot gedeckt, der silberne Teekesiel summte über ver Spiritusflamme, im Kamin glühte der künstliche Scheiterhaufen . . .
Neben dem Tisch aber stand Daniela, das Haupt ge- 'enkt, süße bräulliche Verwirrung im Gesicht. Nun ^Üherte sie sich ihm — das Köpfchen immer noch be. **ütig gesenkt wie eine arme Sünderin, die nicht auf« iublicken wagt, weil sie nicht weiß, welcher Empfang V werden wird.
Sprachlos, unfähig, sich auch nur zu bewegen, starrte 's sie an. Sie kam ihm so schön und hold vor wie !*‘c zuvor . . . ganz anders — seltsam verändert . . .
weich in Miene und Haltung . . . wie ein Traum- das der erste Laut zerstören mußte.
Daniela hatte sich in den langen Stunden des War- „ — sie war schon am Nachmittag angekommen — ws zurechtgelegt, was sie, ihm sagen wollte und zu- leuis Wort fast auswendig gewußt.
Nun aber war alles vergessen und sie sagte gar
daß sie doch etwas anderes und Dringlicheres zu tun haben, als Deutschland zu bedrohen und auszupressen.
Beachtung der deutschen Neutralität.
Die Erklärung des Berliner Vertreters der Sowjet« regieruug Kopp, daß russische Truppen die deutsche Grenze nicht überschreiten würden, wird jetzt von der Moskauer Regierung bestätigt. In Berlin ist eine Depesche der Sowjetregierung eingetroffen, worin diese versickert, daß sie nicht daran denke, auch nur einen Zoll deutschen Bodens zu betreten, sondern daß sie nichis sehnlicher wünsche als mit Deutschland in Frieden zu leben.
Polnisches Ersuchen um Waffenstillstand.
Die polnische Regierung ist der englischen Aufforderung, sich wegen eines Waffenstillstandes an die Sowjetregierung zu wenden, uachgekommen. Sie hat Donnerstag mittag 2 Uhr durch einen Funkspruch die Regierung von Moskau um den Abschluß eines Waffen still st andes ersucht.
Die Polen zwischen Augustowo und Suwalki überrannt.
Aus Warschau wird gemeldet: Die Lage an der polnisch-russischen Front v e r s ch l e ch t e r t sich dauernd. Die polniichen Truppen, welche sich zwischen Augustowo und Suwalki zu neuem Widerstande konzentriert hatten, sind durch neu ausgestellte russische Formationen überrannt worden. Bei Grodno gelang es ruffischer Kavallerie, in die Flanke der polnischen Verteidiger zu gelangen und diese zum Rückzug über den Njemen zu veranlassen.
Die Räumung Warschaus durch die Zivilbevölkerung hat begonnen. Die Einwohner flüchten zu Tausenden. Die fremden Missionen bereiten sich ebenfalls der, die (Stabt zu verlassen.
Der deutsche Geschäftskröger warnt Mllerand.
Der deuffche Geschäftsträger Dr. Mayer hat Millercucd einen Besuch abgestattet. Er lenkte die Auf- merksamkest auf die Gefahr, in die Deutschland durch den Vormarsch der russischen Truppen geraten würde. Ministerpräsident Millerand hat Dr. Mayer geantwortet, daß die 2t[liierten Kommissionen nach Polen schickm und daß er sich über die Lage nicht eher aussprechen könne, bevor er nicht einen Bericht dieser Kommissionen in Händen habe.
Transportverweigerung bei PolnischemKriegsmaterial.
Die „Danziger Zeitung" meldet, daß in dem Hafen Neufahrwasser bei Danzig ein polnischer Dampfer mit Kriegsmaterial für Polen eingetroffen ist, den die Ha- fenarbeiter entladen sollten. Da die Arbeiter sich weigerten, diese Arbeit auszuführen, bemühte sich der polnische Vertreter um die Vermittlung des Christlichen und des Deutschen Transportarbeiteroerbandes. Die Arbeiter drohten jedoch, die gesamte Hafenarbeit zum Stillstand zu bringen, wenn einige Arbeitswillige diese Arbeit aufnehmen würden. Die Organisationsoertreter stellten darauf die Bermittlungstätigkeit ein.
Auch Rumänien von Sorojeffruppcn besetzt.
Teile russischer Armeen sind in Rumänien eingedrungen, angeblich um auf dem kürzesten Wege über Rumänien nach Ungarn vorzurücken. Die rumänische Regierung sandte einen scharfen Protest nach Moskau.
Die Hebung der Kohlenproduktion.
Am Freitag hat im Reichsernährungsministerium eine Konferenz von Regierungsvertretern mit Vertretern der sämtlichen Kohlenbezirke Deutschlands, Ar» beitgebern und Arbeitnehmern, stattgefunden, die einer Besprechung all der Fragen galt, die mit der Notwendigkeit einer Hebung der Kohlenproduktion in Verbindung stehen. Demgemäß waren auch der Reichswirffchafisminister und der Reichsarbeitsminister an den Besprechungen beteiligt Man war sich einig darüber, daß die Produktion unbedingt um eine Million Tonnen gegen Mai gehoben werden müsse, daß es dazu einer Vermehrung der Belegschaft, einer Verbesserung der Wohnungs
nichts als ein schüchtern bittendes: „Darf ich dableiben, Egon?"
„Daniela! Mein Weib! Mein Alles!" Stürmisch riß er sie an seine Brust und bedeckte ihr Antlitz mit Küssen.
Sie hatten zusammen Abendbrot gegessen, wobei Daniela, vitzl von St. Kathrein und der Wandlung, die dort in ihr vorgegangen war, erzählte. Nun saßen sie eng umschlungen auf dem Diwan — wie einst. Und doch nicht ganz so. Denn Daniela konnte eine gewisse Schüchternheit immer noch nicht ganz los werden, wenn ihr auch in jeder Minute deutlicher wurde, wie glücklich Egon über ihr Kommen war.
Aber eben das erfüllte sie mit Staunen. Sie hatte sich auf einen ganz anderen Empfang vorbereitet, auf eine lange, schwere Leidenszeit, in der sie erst allmählich durch viele Opfer der Selbstverleugnung sich sein Herz wieder erobern mußte.
Nun flog es ihr zu, als hätte sie es nie verloren gehabt . . .
„Freust Du Dich denn wirklich, Egon? Hast Du mich wieder lieb?"
„Wieder? Ich habe nie aufgehört, Dich zu lieben, weißt Du das nicht?"
Sie schwieg ein Weilchen. Endlich sagte sie leise: „Und . . . Lore Sand?"
„Lore Sand? Wie kommst Du jetzt auf sie? Was hat sie mit uns beiden zu schaffen?"
Sie griff angstvoll nach seinen Händen und sah ihm tief in die Augen.
„O, Egon — belüge mich nicht in dieser Stunde! Ich weiß, daß Du sie liebst — mindestens eine zeitlang geliebt hast, nud ich bin ja nicht gekommen, um Dir Vorwürfe zu machen. Ich weiß, daß ich selbst schuld war, wenn Dein Herz sich mir entfremdet hat. Daß ich viel, viel gut zu machen habe! Dazu habe ich den ehrlichen Willen, ich will auch weder kleinlich noch eifersüchtig sein. Nur sei auch Du ehrlich! Sprich zu mir wie zu einem guten Kameraden, dem Du alles sagen kannst, weil er Dich verstehen wird aus seiner Liebe heraus! Vergiß jetzt ganz, daß ich Dein Weib bin. Denke nur daran, daß fortan Wahrheit und liebendes Verstehen die Basis unseres neuen Lebens jein Ulli"
Verhältnisse, der Bekleidung und Ernährung bedarf, und daß die Industrie sich auch mehr als bisher auf Braunkohle einrichten solle. Es herrschte auch Uebereinstimrnung, daß das Ueberschichten- abkomrnen nicht gebrochen werden darf und daß verschärfte Kontrollmaßnahmen gegen die Verschiebung von Kohlen getroffen werden müssen. Die beiderseitigen Verbände der Arbestgeber und Arbeitnehmer sollen in eine Beratung darüber eintreten, welche Maßnahmen zur Erzielung der Mehrförderung zu ergreifen sind. Hiernach sollen gemeinsame Beratungen innerhalb der einzelnen Vergrevisre stattfinden, die durch das Reichsarbeitsministerium einzuleiten sind. Die zu treffenden Maßnahmen sollen auf die Kaliindustrie ausgedehnt werden. Eine weitere Besprechung im engeren Kreise befaßte sich mit der Frage, welche Lebensmittellieferungen für die Bergleute in erster Linie in Betracht kommen. Man hofft, bis zur nächsten Woche die Ernährungs- nerhältnisse wesentlich verbessern zu können.
Die französischen Bergarbeiter billigen das Kohlendiklal.
Die ftanzösischen Bergarbeiterverbärrde haben in einer Delegiertenversammlung die in Spaa den Deutschen auferlegten Kohlenverpflichtungen für gerecht und billig bezeichnet. Sie erwarten von den deutschen Bergarbeitern im Interesse der Solidarität, daß das Abkommen von Spaa nicht sabotiert wird.
Für die deutschen Arbeiter mag dieser eigenartige Beweis „internationaler Solidarität" bitter sein. Mr hatten es nicht anders erwartet, weil die sranzöstscken Sozialisten den deutschen schon so oft in den Rücken gefallen sind. Hoffentlich lernen die internationalen Schwärmer unter den deutschen Arbeitern endlich aus der Haltung ihrer französischen Genossen!
Erzbischof Faulhaber an die Arbeiter.
Auf der Tagung der süddeutschen katholischen Arbeiter- und Arbeiterinnenvereine in München hielt Erzbischof Dr. v. Faulhaber vor der Pontifikations- messe im Dom eine Ansrpache, in der er auf die En- zykiika rerum novarum Leos XIII. hinwies, die eine scharfe Absage an den Sozialismus und Kommunismus, aber eine Verbriefung der Arbei- terrechte, der Adelsbrief für die Arbeit gewesen fei. In väterlicher Weise habe Leo XIII. die Arbeiter gemahnt, nicht nur eigene ©tanbesintcreffen, sondern auch der Pflichten aller gegen alle eingedenk zu sein, die in Schicksalsgemeinschaft auf Gedeih und Verderb mitcm- ander verbunden feien.
Im Mittelpunkt der Enzyklika steht Ohne Religion und Kirche ist aus dem Wirrsal der sozialen Frage kein Ausweg zu finden. Organisation und Selbsthilfe und Staatshilfe alles gut, aber ohne Religion und Kirche wird die Frage nicht gelöst, hier scheiden sich die Wege der sozialistischen und christlichen Arbeiterschaft. Die ganze heutige Not ist entstanden durch bas Anwachsen des Kapitalismus in wenigen Händen burch bte Entchristlichung der Welt. Das liberale Wirtschaftssystem der Vorzeit hat das Leben losgelöst von dem Uebernatürlichen und Ueberirdischen, das Gewißen loslösen wollen von den Geboten Gottes, die Tot des Menschen von dem Worte des Evangeliums: Gib Rechenschaft von deiner Verwaltung. Wenn wir jetzt beffern wollen, bann müssen wir umkehren, muß bte Welt roieber christliche Gesinnung und Sitte bekommen, bann muß der Baustein, ben ber Unglaube ber Vorzeit verworfen hat, wieder zum Eckstein werden für unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung: Ich weiß wohl, ber S o- zialismus sagt: Ich bin ber neue Heiland. Was Munden schlägt und Wunde ist, das ist kein Arzt. Was Sünde Sünde ist, was Irrlehre und Terror und Haß ist, das kann kein Helland fein. Der Sozialismus ist kein neuer Heiland.
Die soziale Frage ist nicht bloß Brotfrage, Wohnungsfrage und volkswirffchaftliches Problem, sie ist zum großen Teil eine Seelenfrage, die Erneuerung und Abkehr von frivoler Habgier und Genußsucht. Wir wollen, daß die Arbeiterschutzgesetze in der Fabrik durchgeführt werden und nitch auf dem Papier bleiben; wirm uff en aber auch mit ber Enznklika forbern, baß bie Schutzgesetze ber öffentlichen Sittlichkeit gewahrt
Heiblof hatte ihr immer befremdeter zugehört. Nun strich er sanft über ihre heiße Stirn.
„Arme Dana! Damit also hast Du Dich gequält? Darum mich verlassen? Weil Du glaubtest, ich liebte eine andere!? O Du Dummchen! Wie bist Du denn nur in diesen Wahn verfallen? Lore Sand ist eine liebe gute Freundin, bei deren naivem Geplauder ich zuweilen meinen Kummer zu vergessen trachtete, mehr war sie mir nie!"
Daniela starrte ihm verwirrt an.
„Aber Du hast sie doch . . . geküßt! Ich sah es mit meinen eigenen Augen!"
„Ich? Lore Sand geküßt?" Heidlof fuhr empor. „Wann? Wo? O, Daniela, wie kannst Du solch einen Unsinn behaupten?"
Da konnte Daniela sich nicht länger halten. Mit fliegendem Atem erzählte sie ihm alles, was sie zu der Ueberzeugung gebracht, er liebe Sore Sand. Sie schonte sich nicht, und beschönigte nichts. Alles erfuhr er. Wie sie ihm nachspioniert und zuerst die Fürstin Laban in Verdacht gehabt, wie sie dann fein Gespräch mit Lore Sand vom Rauchzimmer aus belauschte und ihm heimlich nach Neuwaldegg gefolgt war.
„Das war am 12. Februar," schloß sie .„ich sah euch so deutlich! Du faßest am Sofa und sie spielte Geige. Ms sie dann das Lied fang: „Du Ring an meinem Finger," streckte sie Dir die Hand hin und Du küßtest sie . . ."
„Das ist wahr!" sagte er ruhig. „Die Hand habe ich ihr damals geküßt. Es war eine Huldigung, bie ich ihr in jenem Moment fchulbig zu fein glaubte, weil sie so stolz auf ihr Ringlein war . . ."
„Siehst Du!" Und einen Tag später, am 14. Februar, wo Du mir sagtest, Du müßtest zur Fürstin Laban, warst Du bann bei ihr unb ich sah, wie sie an Deiner Brust lag unb Du sie küßtest!"
„Nein, das ist ein Irrtum, Daniela! Am 14. Februar war ich nicht bei Lore Sand, sondern bei ber Fürstin Laban, wo ich mich a^s allen Kräften bemühte, ihren krankhaft erregten Sinn noch einmal auf bie Bahn ber Vernunft zurückzuführen. Leider vergebens. Denn am folgenden Vormittag mußte die Arme doch in einer Heilanstalt interniert werden, aus ber sie wahrscheinlich nie mehr zurückkehrt. Eben aus diesem traurigen Anlaß blieb mir das Datum mit absoluter Sicker
werden. Wo die Kamine der Industrie ragen, muffen auch die Kirchtürme zum Himmel weifen, damit die Seele das Brot bekommt, das sie braucht.
Von der Kirche darf man aber nicht fordern, daß sie ausschließlich der irdischen Wohlfahrt diene. Wir find alle von diesem Zeitgeist so angeftetft, daß wir alle so ein Hein wenig von der Kirche ausschließlich diesen Dienst verlangen. In derber Weise sagte einer: Wenn nicht die Stiefel bald billiger werden, gehe ich überhaupt nicht mehr in bie Kirche! Die Enzyklika mahnt, die natürlichen Mittel anzuMMden: Sparsamkeit, Organisation, Selbsthilfe. Es gibt manchen Arbeiter, der kann furchtbar toben und mit der Faust auf den Tisch schlagen gegen die Tyrannei der früheren Oberhäupter, und derselbe Mann führt in der Familie ein Regiment, das tyrannischer ist als das des Zaren, kann wettern über Versklavung, dabei aber seine Frau und Kinder behandeln ärger als es mit den Sklaven des Heidentums geschah. Stelle vor allem dein eigenes Familienleben auf eine demokratische Grundlage, regiere zuerst dein Haus demokratisch, regiere und beherrsche zuvor dich selbst! Der Hirtenbrief Leos XIII., der erkläre, daß Kapitalismus und Arbeit nicht ohne einander bestehen können, zeige auch die Seelenbrücke über den gähnenden Ab, grunb: die christliche Bruderliebe.
Aus dem besetzten Gebiet.
* Der schwarze Schrecken. Am Sonntag abend um 7 Uhr, also am hellen Tage, ergriff in Neunkir - ch en (Saargebiet) ein marokkanischer Sergeant ben zehnjährigen Sohn des Felbhüters Müller auf ber Straße, schleppte ihn in eine Gartenlaube und verging sich an ihm, wobei ber Junge schwer mißhandelt wurde. Der Uhrmacher Iunkes überraschte den Marokkaner und verprügelte ihn gehörig. Der Marokkaner lief fort und rief weitere Soldaten zu Hilfe, die dann einige, an dem Vorfall völlig unbeteiligte Personen erheblich verletzten. Der marokkanische Sergeant, der wie feine Kameraden zur sogenannten Sicherheitstruppe für das Saargebiet gehört, wurde feftgenommen.
Eine „Verschwörung" in Eupen-Malmedy. Die bei- gische Sicherheitspolizei will eine Verschwörung gegen den General Baltin, den belgischen Oberkommilfar für Eupen und Malmedy, entdeckt haben. Ungefähr 20 Deutsche sind verhaftet worden. — Es wird fick bei dieser Verschwörung" wahrscheinlich nm eine Bewegung zur Herbeiführung ber durch ben Friedensvertrag zulässigen Volksabstimmung handeln. Es ist eins Schande, anzusehen, wie die deutsche Bevölkerung von den Belgiern gezwiebelt wird, indem man den zum Verbrecher stempelt, ber für seine elementarsten Rechte einzutreten wagt.
Deutsches Reich.
** Berlin, 23. Juli. Der Reichsrat hat einen Ge- setzentwu rfangeiwrnmen, wonach den Beamten die während des Krieges zmückgelegte Dienstzeit anderthalbfach angerechnet wird. Die Vorlage war bereits am 20. Mai o. 3s. von dem damaligen Staatenaus- schuß angenommen worden, dann aber in der Natio- nalversamtnlung liegen geblieben. — Die internationale Kommission hat mit der Absteckung der neuen d e u tsch- dänischen Grenze begonnen. Die Grenzlinie wird vorläufig durch nummerierte Stangen mit Reisig- büdeln gekennzeichnet.
♦* Das Reichskabinetl stimmte in seiner gestrigen Sitzung dem Entwurf des Reichslohntarifs der Eisenbahner im wesentlichen zu. Dabei wurde beschlossen, daß künftig in VerhaMungen wegen Aen- derung des Reichslohntarifs nur nach Genehmigung des Kabinetts eingetreten werden darf. Der Reichs- verkchrs- und der Reichspostminister wurden beauftragt, alle Maßnahmen zu prüfen und anzuordnen, die dazu führen können, die Betriebe wieder rentabel zu gestalten. Das Kabinett ermächtigte ferner den Reichs- fincmzmimster, in der im Reichsbesoldungsgesetz vorgesehenen Nachprüfung der Besoldungs- ordimng Aenderungen m Rücksicht aus die m den Besoldungsordnungen der Länder enthaltenen Abwei- chungsn vorzuschlagen.
* Ein Reichsminiskerium für Enlmaffnung. 3m Neichsministerium des Innern fand eine Besprechung
heft in Erinnerung. Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß sich alles so verhält unb ich damals bestimmt nid)# bei ber Sanb war!"
Daniela sah ihn unsicher an.
„Aber wen hat sie benn bann so leidenschaftlich geküßt?" fragte sie beklommen.
„Das will ich Dir sagen, Du weiblicher Othello! Es Tann nur Kollege Dr. Hellmann gewesen fein, mit dem sie sich zwei Tage vorher in aller Stille verlobt hatte."
„O — sie ist — verlobt?"
„Jawohl. Schon seit dem 11. Februar. Ende Juli wollen sie heiraten . Hellmann, der Lore Sand schon seit zwei Jahren kennt unb sie, als sie erkrankte, an mich wies, hat als 1. Assistent bei ihrer Operation assistiert unb nachher im Verein mit mir bie Nachbe. Handlung geleitet. Am 11. Februar wurde er zum Fabrikarzt in Humaffchau ernannt unb bat sie zwei Stirn - ben später um ihre Hand Es ist auch von ihrer Seite eine alte Liebe. Eden barum ist sie mir ja so dankbar, daß ich sie gerettet habe, weil sie nun wieder an Liebe unb Ehe benten bürste. Als ich bamals ihre Hand küßte, hatte sie mir überselig Hellmanns Verlobungsring gezeigt. Hättest Du übrigens nur eine halbe Stunde länger gewartet, fo würdest Du ihn selbst gesehen haben unb schon an diesem Tage Zeugin ihrer Küsse geworben sein! Denn er kam, kurz ehe ich seine Braut verließ."
Heiblof streichelte zärtlich ihre heißen Backen. „Ja, ja, meine arme kleine Dana, Du hättest Dir unb mir viel Leib ersparen können, wenn Du schon bamals offen mit mir gesprochen hättest! Das Schlimmste in ber Ehe ist Schweigen, wenn man gegen einander etwas auf dem Herzen hat."
„Es soll nie wieder geschehen, Egon!"
„Dann wird auch alles gut fein zwischen uns! Wit lieben uns ja doch so sehr, meine kleine Maus, nicht wahr? Aber sieh, wenn ber innere Einklang zwischen ßiebenben gestört ist, dann schießt bas Mißtrauen wie Untraut empor, bis man zuletzt gar nicht mehr darüber hinwegsehen kann. So weit wollen wir es nie mehr kommen lassen!"
„Nie, Egon! Ich verspreche es Dir!"
(Fortsetzung folgt.)