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Nr. 168.

Verantwortlich für den redattionellen Teil: Carl Schütte, - für die Anzeigen: I. Parze!Ier-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda.

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Freitag, 23. Zuii $920.

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47. Zahrg.

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Spaa im Reichswirtschaftsrat.

Der Reichswirtschaftsrat halte sich am Donnerstag ir.ii dem Ergebnis von Spaa zu befassen, wohl gemerkt, rein wirtschaftlich, denn er ist keine politische Körper» schäft. Die Entscheidung über Ratifizierung usw der Abmachungen trifft der Reichstag. Die Bedeutung Les Reichswirtschaftsrats liegt in seiner gutacht­lichen Tätigkeit. Dieses betonte auch der Vorsitzende Edler v. Braun in seinen einleitenden Worten. Drei syitnifter traten auf, um die wirtschaftlichen Seiten des Abkommens zu beleuchten, seine Bedeutung» seine Durch» sührbarkeit und seine voraussichtlichen Folgen für unsere Zukunft mit all der Nüchternheit auszumalen, deren wir uns heutzutage befleißigen müssen. Dabei ließ der Reichswirtschaftsminister eine mehr pessimistisch gehaltene Note erklingen, während der Arbeits- und Ernährungs- Minister zuversichtlicher zu sein scheinen.

Dirffchaftsminlsier Dr. Scholz erklärte, daß er bei der Annahme des Abkommens von Spaa überstimmt worden sei. Er fürchtet schwere Einschränkungen der Industrie, be­sonders erhebliche Verringerungen der Wisderguimachungs- leistungen. Um Kohlen zu sparen, werde man Industrien zusammenlegen oder umstellen muffen.

Arbellsmlnisker Dr. Brauns hofft, daß man unter ge­wissen notwendigen Voraussetzungen die deutsche Produk­tion aufrechterhalten und dennoch das Kohlenabkommen er- füllen könne. Er fordert die technische und organisatorische Ausgestaltung des Steinkohlenbergbaus, die bessere Ein­beziehung der Braunkohle m den Derbrauchsplan, die stär­kere Anspannung der für den Bergbau vorarbeitenden In­dustrien und die Reorganisation des Transportwesens. Der Minister erklärte, er werde schon morgen in neue Ver­handlungen mit den Bergarbeitern eintreten, um in Ge­meinschaft mit ihnen die Voraussetzungen festzulegen, unter denen allein die ausbedungenen Kohkenmengen zu liefern sein werden.

Reichsernährungsmlalsker Dr. Hermes erklärte, daß die Maßnahmen zur besseren Ernährung der Berg­arbeiterschaft sofort in Angriff genommen würden. Er appellierte an die Landwirtschaft, mit allen Kräften an der Lösung dieser Aufgaben mitzuarbeiten. Er sprach dann über die Verwendung der uns gewährten Lebensmittel- und Rohstoffvorschüffe und teilte mit, daß er in Spaa eine Konferenz aller Ernährungsminister Deutschlands und der Entente vorgeschlagen habe, ein Vorschlag, der hoffent­lich auf guten Boden falle und gute Früchte trage.

Der Reichswirtschastsrat vertagte dann die Aussprache auf Samstag.

Der Abschluß der Spaa-Debatte im Reichsausschutz.

Im weiteren Verlauf der Mittwochssitzung des Aus. schusses für auswärtige Angelegenheiten nahm Reichs. Minister Dr. Simons in seinem Schlußwort zu den in der Debatte aufgeworfenen Fragen Stellung. Daß von einem Erfolg der Delegation gesprochen wurde, lehnte er ab. Das, was die Delegation heimaebracht hätte, sei kein Erfolg, sondern eine schwere Belastung. Die guten Seiten der Abmachung seien keineswegs ein Erfolg, mit dem wir zufrieden sein könnten. Auch er habe große Zweifel, ob wir die Leistungen erfüllen könnten, und die Unterzeichnung des Abkommens habe ihn außerordentlich schwere Kämpfe gekostet. Weiter er­klärte der Minister, daß durch die Nichtunterzeichnung der E i n m a r s ch k l a u s e l festgestellt sei, daß der § 7 für uns nicht existiert. Die Ansicht, daß die Gegner nicht auf strikte Erfüllung des Friedensoertrages be­stehen würden, bezeichnete der Minister als irrig. Wir müssen bestrebt sein, dahin zu arbeiten, daß die Gegner die Grenzen unseres Vermögens anerkennten. Nur so würden sie einsehen, daß auch sie ein gewisses Interesse an der Sprengung unserer Feffeln haben. In der Ent­waffnungsfrage tritt der Reichsminister falschen Auslegungen einer Aeußerung in der Pressekonferenz vom 19. entgegen. Er habe dabei etwa an die kana­dische Constablcrye gedacht und gemeint, daß man viel- leicht jemanden, der mit dieser Organisation vertraut sei, hierher bäte, um uns Rat zu erteilen. Selbstver­ständlich habe er nicht einen Augenblick an die Durch­führung der Entwaffnung durch sremde Polizei gedacht.

Unpolitische Zeitkäufe.

Von Fritz Nienkemper.

. Berlin, 20. Juli 1920

Nimm den Hut ab, wenn Du an einem Kohlen­stapel vorbeigehst. Denn die Kohle ist gegenwärtig die Herrin der Welt.

Beinahe wäre es in Spaa zu einem neuen Kriege gekommen. Und zwar zu einem Kohlenkriege. Die Sieger von 1918 haben nämlich einen so großen Hun­ger nach Kohlen, daß sie uns zuriefen: Kohlen oder Tod! Und liefert ihr nicht willig, so brauchen wir Ge­walt.

Schwarze Diamanten hat ein Dichter diese dunklen Brocken genannt. Ohne Diamanten kann allenfalls die Seit auskommen: ohne Kohlen nicht mehr. Die sog. Kulturvölker find in die Sklaverei der Kohle geraten.

Alle Räder stehen still, wenn kein Bergmann för- dern will! Und wenn die Räder still ständen, würden bald auch unsere Herzen still stehen. Die kalten Oefen in den Stuben wären nicht das schlimmste; aber die (.alten Maschinen in den Werkstätten, — das wäre der Anfang vom Ende, Arbeitslosigkeit, Not, Hunger, Der- iweiflungl

Die Sieger haben auch Hunger nach Geld. Aber das ift nicht so ein Heißhunger, wie die Kohlengier, In Geldsachen kann man noch einen Aufschub erreichen; b>e Kohle aber wollen sie sofort haben, damit ihre Fa­briken und ihre Eisenbahnen im Gange bleiben. Die Kohle ist das tägliche Brot für die moderne Volkswirt- ichaft.

In Geldsachen hilft man sich mit einer Anleihe auf bse Zukunft. Die Kohle dagegen ist ein handgreif­liches Stück aus dem Sparschatze der $ er gangen- leit.

Wir rühmen unsere hohe Kultur und prahlen gern mit der modernen Technik. Doch wenn man die Sache bei Lichte besieht, so zeigt sich, daß wir unfähig sind, aus eigenen Mitteln unseren Lebensbedarf zu bestreiten.

war unser Glück, daß vor vielen tausenden von wahren auf der Erde ungeheure Farrenwölder wuchsen tinb in der Blüte ihrer Jahre verschüttet wurden. Dar­aus bildeten sich Kohlenlager in der Erde, und aus die- fan Vorrat an Stoff und Kraft fristen wir unser mo- bernes Dasein. Die Sonnenstrahlen, die zurzeit vom Himmel kommen, genügen uns nicht mehr; wir müssen bie Sonnenstrahlen von früher aus der Erde bub- beln, wo sie in Form von Kohle „eingeweckt" sind.

Diese Sparkasse der grauen Urzeit wird durch den "Qubbau der Gegenwart * allmählich erschöpft werden.

dahin wird die Menschheit lernen müssen, ihren

Was das Interesse der Entente an Deutschland angehe, so olaube er nicht, daß sie eine Vernichtung Deutsch­lands wollen, weil sie wisse, daß sie mit Deutsch- land zugrunde gehen würde. Wenigstens wüßten dies die Klügeren unter unseren Gegnern, und zu denen zähle er auch Lloyd George, Millerand und sicherlich den Grafen Sforza.

Lloyd George über das Ergebnis von Spaa.

Am Mittwoch erstattete Lloyd George im eng. lischen Unterhause Bericht über Spaa. Im großen und ganzen war er mit dem Ergebnis zufrieden. Er hätte den Eindruck gewonnen, daß der deutsche Reichskanzler undDr.S i m o n s sehr e b r e n w er t e Leute seien, die den ehrlichen Willen hatten, den Friedensvertrag zu erfüllen. Man habe die lieber« zeugung gewonnen, daß Deutschland setzt endlich versuche, die Frage der Wiederherstellung zu lösen. Daher tragen sich die Alliierten ernsthaft mit dem Gedanken, Deutschland durch eine internationale Anleihe in die Lage zu versetzen, seine Verpflichtungen zu erfüllen. Des weiteren setzte er im einzelnen die Beschlüsse von Spaa auseinander. Wenn die Kon­ferenz von Spaa 1914 abgehalten worden wäre, hätte man keinen Krieg gehabt.

Der russisch-polnische Krieg.

An der Front

wird die Lage für die Polen immer unhaltbarer. Im Norden steht nach der Besetzung von Grodno durch die Russen die polnische Front bei Barano- witschi vor der Gefahr, völlig umgangen zu werden. Auch an der Süd front gehen die Russen unauf« haltsam vor. Tarnopol ist in ihrer Hand, Lem­berg wird wahrscheinlich schon bald folgen. In Wolhynien sind die Russen über Dubno heraus vorgedrungen, sodaß auch von hier auS eine Auf. rollung der Baranowitschi- Pinsk -Front droht. Ter ruffische Vormarsch richtet sich konzentrisch auf Warschau. Wie aus der polnischen Haupstadt gemeldet wird, kann man dort bereits den Kanonen­donner von der Front hören.

Die Bedrohung OstpreutzenS.

Nach Auslasiungen militärischer Stellen ist die Katastrophe der polnischen Nordarmee so gut wie besiegelt. Die Umfassung des Nordflügels durch die Russen nach dem Fall Grodnos treibt die Polen in überstürztem Rückzug über Suwalki auf die ost- preußische Grenze. Die Sowjettruppen drangen hart nach, so daß die Spitzen der bolschewistischen Nordarmee heute schon auf ungefähr 40 Kilometer an Ostpreußens Grenze herangekommen sind.

Nutzland respektiert Deutschlands Neutralität.

Der Berliner Vertreter der Sowjetregierung Wigdor Kopp hat erklärt, daß die russischen Trupen nicht daran dächten, in Deutschland einzu- maschieren, denn einmal wolle Rußland mit Deutschland im Frieden leben und die wirtschaft­lichen Beziehungen sobald wie möglich wieder auf» nehmen und daun würde ein Einfall in Ostpreußen die schärfste nationale Reaktion in Deutschland Hervorrufen, woran die Sowjetregierung gewiß kein Interesse habe. Hätten es die russischen Truppen auf Ostpreußen abgesehen, so würden sie nicht Litauen geräumt haben, das doch der nächste Weg nach Ost­preußen sei.

Polen soll um Waffenstillstand bitten.

Unterdessen gehen die Bemühungen der En­tente weiter, den Frieden wiederherzustellen und

das von ihr beschützte Polen zu sichern. Nachdem Sowjetrußland das Vermittlungsangebot Lloyd Georges ziemlich schroff abgelehnt hat, hat Eng­land jetzt eine zweite Note an Rußland gesandt. Es wird darin vorausgesetzt, daß die Sowjetregierung bereit ist, Frieden zu tchbeßen. Um aber einstweilen die Ausrichtigkest der Sowj^regflrung zu prüfen, seien die Polen ausgefordert worden, selbst um einen Waffenstillstand zu ersuchen. Wenn die Sowjetregic- rung nicht bereit sei, Frieden zu schließen, und in Po­len eindringt, so werden die Verhandlungen über die Wiederaufnahme des Handels mit Sowjetrußland eingestellt werden.

Die russischen Sonder gesandt en Kamenew und Krassin, die sich augenblicklich in Reval auf der Reise nach England befinden, hat man daher wissen lasten, daß sie nicht eher nach England kommen dürfen, ehe Rußlands Stellung zu Polen nicht ganz klar ist. Die Engländer hoffen, hierdurch einen wirksamen Druck auf Rußland auszuüben, da die Sowjstregierung auf die Wirtschaftsverhandlungen mit England großen Wert zu legen scheint.

Heber die Bedeutung der drulschen Reulrolilal im russisch-polnischen Krieg sagte Minister Dr. Simons im Reichstagsausschuß für auswärtige Angelegenhesten: Durch unsere Neutralitätserklärung werde nur betont, daß wir mit Polen und Rußland in Frieden leben, daß wir aber unsere Grenze gegen die Truppen beider Länder schützen und eventuell übertretende Truppen­teile entwaffnen muffen. Er hohe übrigens weder Furcht vor bolschewistischer Kavallerie noch vor bol- schewistifcher Propaganda, unser Verhällnis zu Ruß­land werde von uns nur vom Rechtsstandpunkt aus beurteilt. Wenn etwa seitens der Entente beab­sichtigt sei, Deutschland als Etappen- und Durch­marschgebiet gegen Rußland für den Fall einer Unterstützung der Polen zu betrachten, so dürfe kein Deutscher sich einer solchen Absicht schwel- gend beugen oder zu ihrer Durchführung Helsen.

Die Affäre Shun.

Die in Stettin verfügte Anhaltung des Gefangenen­transports, in dem sich neben etwa 1000 rufsifchen Kriegsgefangenen, die aus Oesterreich heimtransportiert werden sollten, auch der ungarische, in Oesterreich in­terniert gewesene Kommunistenführer Bela Khun und Genossen befanden, macht natürlich erhebliches Auf- sehen. Regierungskreise hatten es für besonders klug gehallen, die Angelegenheit durch irreführende Mel­dungen über eine Flucht Bela Khuns zu verwirren. Allgemein hatte man aber angenommen, daß dir nach der letzten Lesart auf Grund eines Staatsoertrages mit Rußland erfolgende Abreise der Internierten nach Verabredung mit den Durchfahrtsländern stattfinde. Doch das erweist sich jetzt, soweit Deutschland in Be­tracht kommt, als irrig. Ohne weiteres ist zuzugeben, daß der Aufenthalt der ungarischen Bolschewistenführer in Oesterreich für die Wiener Regierung, die einerseits die Internierten und ihren Anhang beständig über­wachen, andererseits für ihre Sicherheit gegenüber feindlichen Nachstellungen sorgen mußte, eine schwere, außerdem auch finanziell nicht zu verachtende Last war. Man versteht es daher leicht, daß es ihr nicht un­willkommen war, in der rustffchen Drohung einer Ein­stellung der Gefangenentransporte eine Veranlassung zur Abschiebung der unbequemen Gäste zu finden. Deutschland aber, das soeben die Neutralität zwischen Polen und Rußland erklärt hat, muß auf das strengste darauf bedacht sein, auch nur den Anschein einer Hand-

Bedarf an Wärme, Licht und Kraft wieder von den gegenwärtigen Sonnenstrahlen zu beziehen, sei es direkt durch Hohlspiegel, sei es mittelbar durch Ausnutzung des Windes und der Wasserläufe, die bekanntlich auch durch die Sonne in Bewegung gesetzt werden. Unsere Ururenkel müssen sehen, wie sie ohne Kohle fertig wer­den. Wir können es noch nicht, und darum wird ge­genwärtig die Kohlenerpressung im großen Stile be­trieben.

Wenn wir die Kohle haben, so leistet sie uns Ar­beit. Aber wenn wir sie uns aus dem Erdboden her- ausholen wollen, so müssen wir erst noch eine gehörige Portion Arbeit leisten. Der Erbschatz der Vorzeit will sauer verdient sein. Wenn man uns zwingt, Kohlen abzuliefern, so ist dies ein Arbeitszwang. Fronarbeit ist nicht lieblich. Doch wenn sie notwendig ist, muß man in den sauren Apfel beißen.

Unter den Bergleuten sagen vielleicht einige Hitz­köpfe: Warum sollen wir so schwer schuften für unsere Feinde? Halt, mein lieber Mann mit dem Grubenlicht, Dein Schweiß kommt uns allen zugut: Deinen Mitbürgern, Deiner Familie und auch Dir selbst! Was wir abliefern müffen, ist ein unvermeidliches Lösegeld, eine Rettungsprämie, die uns das gefährdete Leben sichert. Es sind nicht allein Kohlen, die wir liefern müffen, sondern eine Masse von allerhand anderen Waren, die wir zur Bezahlung unseres Lebensbedarfs ausführen müssen. Daran klebt der Schweiß von den anderen Erwerbsständen. Und für das Geld, das wir aufzubringen haben, werden alle Zahlungsfähigen ohne Ausnahme in Anspruch genommen, die sog. höheren Klassen am allerschärfsten. Fronen müssen wir also samt und sonders. Jeder auf seine Weise und nach seinen Kräften. Wir müssen uns in die Schicksalslasten brüderlich teilen; sonst gehen wir zusammen unter.

Was uns vor allem am Herzen, oder sozusagen am Magen liegt, ist die Verbesserung der Nahrung für Weib und Kinder sowie für uns selbst. Können wir das durch Streik oder Trägheit erreichen? Nein, denn alsdann kamen die Feinde ins deutsche Land, und zwar nicht mit Brot oder Fleisch, sondern mit Gewehren und Knuten. Dann müßten wir erst recht schuften und lei­den in Schweiß und Hunger. Doch bei treuer Arbeit haben wir bessere Aussichten. Jede Tonne Kohle, die wir abliefern, verwandelt sich zum Teil in K^rn und Fett. Es fällt nämlich von dem Erlöse ein Stück Geld ab) das wir zum Ankauf an Lebensbedarf im Auslande verwenden können und sollen. Zunächst werden die Bergleute bedacht und dann auch das ganze Volk, so­weit die Mittel reichen. Und sie steigern sich auf Hun­derte von Millionen, wenn wir regelmäßig 'iesern. In der Tat, es lohnt sich doch ein Versuch mit vereinten Kräften l

3e mehr Kohle, desto eher können wir uns erholen.

Während des Krieges, als wir noch in guter Hoff­nung waren, habe ich einmal darüber geplaudert, daß die wichtigsten Dinge mit K anfangen: Kanonen, Kähne, Kohlen, Kartoffeln, Korn.

Mit den Kanonen können wir jetzt nichts mehr ma- chen. Unsere Kampfkähne hat man uns fortgenommen, und wir haben kaum noch die notwendigsten Kühne für die Fluß- und Küstenschiffahrt. Aber die deuffchen Koh. len sind im Werte gestiegen, und wir können sie vor- teilhaft verwerten, wenn wir sie nur fleißig fördern und regelmäßig verflachten. „An Kohle hängt, nach Kohle drängt doch alles!"

Was die Kartoffeln und das Korn angeht, fo wollen wir dem Himmel danken, daß wir bis zur neuen Ernte durchgekommen sind. Die Schwelle zwischen den Ernte- jahren ist ein gefährliches Ding. Ganz ohne Schwierig­keiten und Enttäuschungen geht es in den Erntejahren nicht ab. Ueber Stockungen und Preistreibereien haben wir ja auch diesmal zu klagen gehabt, und es hat viel­fach ärgerliche Marktkrawalle gegeben. Wir sind aber mit einem blauen Auge durchgekommen. Das neue Crntejahr flischt die leiblichen Hoffnungen auf. Der Himmel ist uns gnädiger wie die Feinde. Zum lieber« mut liegt freilich noch längst kein Anlaß vor. Das Jahr ist lang, und auch die gute Ernte reicht nicht für sich allein aus. Wir brauchen Zufuhr aus dem Auslande, und die können wir nur erreichen, wenn wir in schaffender Arbeit verharren.

Auch die schlimmsten Dinge, die uns bedrohen, fan­gen mit K an: Krisen, Komplotte, Krawalle.

Wer Versuchung spürt, sich an solchen Dingen zu beteiligen, dem möchte ich vor die Seele ein hohes unij heiliges Wort halten, das ebenfalls mit K anfängt: Gedenket der Kinder!

Der armen deutschen Kinder, die zum Teil schon un­ter den Kriegswehen in ihrer Entwicklung schwer gelit­ten haben und deren jüngste Jahrgänge unter der fort­dauernden Hungerkur des sog. Friedens bedroht sind. Wenn wir fronen müssen, so wollen wir uns beim An treten und beim Schweißabwischen sagen: Ich opfere alles auf für die Kinder, die unschuldig leiden müffen, für den Nachwuchs, der unsere Freude sein sollte und unsere letzte Hoffnung ist.

Wahrlich, es lohnt sich die äußerste Kraftanstren­gung, um den modernen Kindesmord, der viel tausend­mal den Kindesmord von Bethlehem übertrifft, endlich zum Stillstand zu bringen.

Nur Arbeit der Erwachsenen kann die Kinder retten. Wer die Arbeit verweigert oder stört, ist ein Gehilfe des Herodes.

hing zu vermeiden, die nn Lichte dieser Erklärungen als Unkorrektheit ausgelegt werden könnte. So erklärt sich die Zurückhaltung Khuns und seiner Genoffen in Swinemünde. Sie sollten nach Oesterreich zurück- geschickt werden. Dort aber ist man floh, daß man die Gesellschaft los ist und w e i g e r t s i ch, sie wieder über die Grenze zurückzulassen. Es ist sicherlich ein sehr übler Streich von Oesterreich, uns auf solche Weise die ungarischen Kommunisten aufzuhalsen. Vorläufig sind nun die kriegsgefangenen Russen mit den ungari­schen Bolschewisten- die dem Transport angeschlossen waren, in der Nähe von Stettin unterqebracht worden. Die Entscheidung über die weitere Behandlung des Transports wird getroffen werden, sobald festgestellt ist, ob die österreichische Regierung auf ihrem Standpunkt beharrt. /. .

Schnaps statt Brot.

Sicheren Beobachtungen zufolge hat neuerdings das Brennen von Getreide zu spirituöfen Getränken einen erheblichen, die Ernährungswirtschaft beein­trächtigenden Umfang angenommen. Man ist diesen Machenschaften erst jetzt auf die Spur gekommen und hat, wie die „P. P. N " erfahren, fofort die nachdrücklichsten Maßregeln zur Unterdrückung dieses verbrecherischen Treibens getroffen. Gewerbsmäß­iger Getreidebrand wird bekanntlich mit fünf Jahren Gefängnis, sehr hohen Geldstrafen und Ehrverlust geahndet.

Deutsches Reich.

♦♦ Berlin, 22. Juli. Im Ministerium für Volks- Wohlfahrt wurden Fran Helene Weber vom städt. Lyzeum III in Köln zum Ministerialrat und Frau Meta Kraus-Feffel zum Regierungsrat ernannt. Frau Weber hat das Referat für die sozialen Fraiieu- schule, die Frauenseminare und die Schulpflege. Frau Helelene Weber gehörte der Zentrumsfrakrivn der Nationalversammlung an. Frau Kraus-Fessel bat das Referat für dir Kriegshinterbliebenen und Ge­fährdetenfürsorge. — Die deutsche Kaufmannschaft in Pommerellen hat die Reichsregierung um Errich­tung eines deutschen Konsulats in Thorn gebeten. — Durch Bestimmung des Friedensvertrages wird Swinemünde zur Marinegarnison. Da Swine­münde zu den wenigen Festungen gehört, die Deutsch­land noch behalten darf, ist das bisher in Kiel stehende Küstenwehrbataillon nach Swinemünde ver­legt worden.

* Die Herabsetzung unserer Nehrmcchl. Das Reichswehrministerium hat eine kurze Mitteilung ver« öfferfflicht, deren Bedeutung wohl vielfach übersehen werden roirb. Nach dem Protokoll von Spaa darf Deutschland am 1. Januar kommenden Jahres bloß noch 100 000 Mann Reichswehr haben, und diese müs­sen gegliedert sein in sieben Infanterie- und drei Ka- vallerfie-Divisionen. Jetzt hören wir, daß die drei Kavallerie-Divisionen bereits gebildet sind, und daß die sieben Infanterie-Divisio­nen bis zum 1. Oktober „in ihrer vertragsmäßigen Form" abgeschlossen sein werden. Die 50 000 Mann, die uns für das letzte Vierteljahr 1920 noch zugestan­den sind, bleiben in brei weiteren Divisionen zusammen- gssaßt. Damit ist ein ganz wesentlicher Schritt zur Herabsetzung unserer Wehrmacht getan. Denn es ist klar, daß es nachher sehr viel leichter fallen wirb, jene drei Restdivisionen aufzulösen, während dir große Mehrheit der Formationen unberührt bleibt, als wenn man immer wieder genötigt wäre, aus

„Die arme Rhön".

Unter dem Titel „Die arme Rhön" veröffentlicht Dr. Julius Oesterreich „Ein Kultur- und Sit­tenbild der letzten hundert Jahre vor dem Kriege aus dem dunkelsten Deutschland" (Verlag der „Volkszei­tung", Düsseldorf.

Der gewöhnliche Leser, der unter dem Eindruck der beiden interessanten Titelüberschriften an die Lektüre des 288 Seiten starken Werkes herangeht, wirb sich halb enttäuscht fühlen. Es sind keine im flüssigen Er­zählungsstil geschriebenen Kultur- unb Sittenbilder aus unserer Rhön, die uns der Versasser oorsührt, sondern etwas schwer verdauliche wirtschafts stati­stische Zusammenstellungen und wirt­schaftsgeschichtliche Studien. Der Volks» Wirtschaftler freilich wird ihm Dank dafür wissen, daß er mit großem Fleiß ein teilweise schwer zu sammeln­des statistisches Material über die wirtschaftlichen Ver­hältnisse der Rhön zusammengetragen hat. Doch mußte die Aktualität des Buches darunter leiden, daß es schon vor dem Krieg und im Hinblick auf die damals bestehenden Zustände verfaßt wurde. Heute ist durch Krieg und Revolution auch in dem Wirtschaftsleben der stillen Rhön so manches anders geworden. Was vor einigen Jahren noch Wirklichkeit war, ist heut« längst überholt und besitzt vielfach nur noch geschicht­lichen Wert. Auf die Abänderungen, die der Verfasser, nachträglich vornehmen mußte, ist es wohl auch zurück­zuführen, daß der Gesamteindruck die Abrundung ver- miffen läßt. Die Benutzung des Werkes wird durch bas Fehlen jeglicher Inhaltsübersicht erschwert.

Wer sich bie Mühe gründlichen Studiums nicht ver­drießen läßt, bekommt einen erschütternden Einblick in bie Armut, wie sie in der Rhön seit Alters herrschte. Sie erklärt sich unschwer aus der gebirgigen Unfrucht­barkeit des Bodens, zum Teil wohl auch aus dem Cha­rakter der Bewohner. Mit nur 71 Einwohnern auf den Quadratkilometer ist die Rhön eines der am dünn­sten besiedelten Gebiete des Deutschen Reiches. Wie drückend und unbefriedigend die Zustände bis in die Gegenwart herein waren, geht schon daraus hervor, daß bie Bevölkerung der Rhön selbst in den vierzig Jahren allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs vor dem Weltkrieg an Zahl stetig abnahm. Auf Einzelheiten soll hier nicht eingegangen werden. Jedem, der ein­mal die Rhön besuchte, sind Beispiele dasür geläufig.

♦

Zur Zeit der kleinstaatlichen Binnenzölle war die Rhön ein Eldorado für das Schmugglerwesen. Die politische Zerriffenheit des unwirtlichen Gebirges — heute noch teilen sich vier beutsche Staaten in seinen Besitz — reizte bie notleidende Bevölkerung zur Aus-