Einzelbild herunterladen
 

des Deutschen Reiches zu verstehen. Man kündigt uns ohne Scheu eine Aktion zur Untergrabung un­serer nationalen Eintracht an.

Mittels Zuckerbrot und Peitsche! An der West­grenze wird die Peitsche der Besetzung des „preußi­schen" Ruhrgebiets geschwungen, und nach Bayern schickt man einen Exrtagesandten mit dem Auftrage, durch schöne Worte und Verheißungen die Sonder­gelüste jenseits des Mains aufzureizen. Mrd sich in München ein Dorten finden mit offener Hand und weitem Gewissen? Wir fürchten es nicht, aber es muß doch auf den Ernst dieser Machenschaften hingewiesen werden.

Nur keine Täuschung über die Stimmung der Fran­zosen und über die Ziele der ftanzöstschen Politik. Sie wollen nicht nur den Vertrag von Versailles^ zur schärfsten Durchführung bringen, sondern womöglich noch nachholen, was sie in den Vertrag selbst nicht hineinbringen konnten.

Spaa hat uns etwas Hoffnung, aber viel Müh­sal und Gefahr beschert. In Genf werden wir ähn­liche Schwierigkeiten haben. Durch dieses Dornen­gestrüpp können wir nur durchkommen, wenn alle bra­ven Deutschen ihre Kräfte zweckmäßig vereinigen. Der Bericht Millerands muß auf uns wirken wie eine Pre­digt der Sammlung, der Einigkeit, der Brüderlichkeit.

'Sie fürchten uns immer noch;,das soll uns keinen Schrecken einjagen, sondern vielmehr unser Selbstbewußtsein heben. Die Feinde wollen unser Reich sprengen; darauf darf es an beiden Seiten des Mains und im Osten wie im Westen nur das Echo geben: Nun wollen wir gerade fest und treu zusam­menhalten wie ein Volk von wahren Brüdern, in keiner Not uns trennen noch Gefahr!

Der versäumte Wilson-Friede.

Der Bericht des 2. Untersuchungsausschusses des deutschen Reichstages über die Friedensaktion Wilsons ist jetzt erschienen. Er kommt zu dem Schluß, daß die Friedensaktion Wilsons im Winter 1916=17 deshalb nicht zum Ziele führte, weil sie von der Reichsregie­rung nicht ausgenützt wurde. Sie hat sw aber nicht ausnützen können, weil sie gegen ihre Ueberzeugung sich von den leitenden Mifitärs zur Erklärung des uneingeschränkten U-Boot- Krieges vom 9. Januar 1917 drängen ließ. Daß die Reichsregierung wußte, welch gefährüches Spiel der U-Boot-Krieg war, geht u. a. auch aus einer Aeußerung Helfferichs hervor, wenn diese Karte (des uneingeschränkten U-Boot-Krieges) nicht steche, sei Deutschland auf Jahrhunderte hinaus verloren. Der deutsche Admiralstab habe erklärt, mit den U-Booten England in 5 Monaten zu Boden zwingen zu können, habe aber datei viele f a l s ch e S ch ätz u n- gen in Rechnung gestellt Er habe die wirtschaft­liche Hilfe Amerikas, die militärischen und technischen Gegenwirkungen, die militärischen Hilfsquellen Ameri­kas und feine Beteiligung am Kriege in Europa und die abschreckende Mrftmg auf die Neutralen unter» bezw. überschätzt. Die Reichsregierung habe es v e r - f ä u m t, dem Reichstag auch die gegen den unein­geschränkten U-Boot-Krieg sprechenden Gutachten m i t z u t e i l e n.

Aus dem besetzten Gebiet.

* Wie die „Befreier" mit unserem Gelbe wirtschaf­ten. Wie sich die französischen Besatzungsbehörden be- mühen, die Besatzungskosten zu erhöhen und das Deut- sche Reich für völlig vertragswidrige Dinge zahlen zu lassen, zeigen folgende Beispiele, die ein bekanntes Mit­tagsblatt aufzählt: Die ehemals leerstehende Unteroffi­zierschule in Biebrich, die die Wohnungsnot mildern helfen sollte, ist zu einer Offiziersschule gemacht war- den, in der Offiziere aus der ganzen ftanzösischen Ar- mee augsebildet werden. Das Gymnasium am Forster-

Draußen tobte das Publikum und schrie immer noch nach dem Dichter. Bis der Regisseur mit bleichem Emst vor die Rampen trat und die Herrschaften bat, sich still zu entfernen. Herr von Meister könne nicht mehr erscheinen, er sei drüben im Jnspektionszimmer bei seiner jungen Frau, die soeben in seinen Armen ver­schieden sei. Ein Dlutsturz habe dem jungen Leben unerwartet ein Ende gemacht.

Totenstille folgte diesen Worten. Dann entfernte sich die Menge fast lautlos. Rur zwei blieben zurück. Und der alte Herr, der eine weinende Dame am Arm führte, frug nun einen Diener mit bebender Stimme, wo sich das Jnspektionszimmer befinde.

„Wir sind die Eltern des Dichters", fügte er erklä- rend hinzu, als der Diener mit der Antwort zögerte. „Sie brauchen uns den Eintritt nicht zu wehren."

28.

Unter den vielen, die das Theater erschüttert ver- ließen, war auch Egon Heidlof. Hatte schon das Stück einen mächtigen Eindruck auf ihn gemacht, so wühlte nun der Tod Lous alle Tiefen seines Innern noch mehr auf. Er war fo erregt, daß er gar nicht daran dachte, erst irgendwo zu esien, sondern gleich nach Hause ging. Welch tragisches Schicksal, zu sterben in dem Augenblick, wo das Glück sein Füllhorn über einen ergießt! Er hatte also doch recht behalten, als er sic für krank hielt!

Freilich, für sie war es wohl ein Tod voll erhabener Schönheit, so mitten im Zenit zu sterben. Aber für den Mann —

Was konnte ihm aller Ruhm nun bedeuten, nachdem er sie verlor, die er liebte? Er — Heidloff, wußte ja am besten, was es hieß, einsam durchs Leben gehen! Jeden Tag empfand er es bitterer, wie freudlos einem das Dasein dadurch wurde, wie wenig dagegen alles andere galt, was man äußerlich an Erfolgen errang.

Ein wahres Grauen überkam ihn jedesmal, wenn er sich nach vollbrachtem Tagewerk seinen einsamen vier Wänden näherte. Wie tot ihn da jedes Ding angrinfte, wie quälend die furchtbare Stille wirkte, wie unwirtlich die Ocde der verlassenen Räume, die gleichgültige Hände nur notdürftig instand hielten, ihn empfing! So müde er manchmal war, er konnte doch nicht schlafen. Denn aus jedem Gegenstand krochen Gespenster der (Erinne­rung: dort hatte Daniela so gern gesessen . . . hier hatte er sie zum erstenmal geküßt im eigenen Heim . . . Diese Glaskelche füllten ihre lieben Hände mit Blumen . . . jener Spiegel warf so ost ihr Bild zurück . . j hier hat­

platz in Mainz, das zur Aufnahme von 400 Schülern diente, ist zu einem Mädchenlyzeum für die Töchter der französischen Offiziere und Schieberkaufleute gemacht worden. Dazu mußte das Deutsche Reich auch noch Tennisplätze bauen. — In Mainz bewohnten General Mangin und zwei Administratoren das Hesiische Schloß, das für ihre Bedürfnisse mit einem Kostenaufwand von 2 Millionen Mark umgebaut werden mußte. General Degoutte verlangte nach seinem Einzug einen neuen Umbau, der abermals 2% Millionen Mark kostete. — Der kinderlose Oberst Bouceau, der als Oberst nicht be. reefjtigt ist, ein einzelnes Haus zu bewohnen, verlangte in Ludwigshafen eine Einzelvilla zum Preise von 1500000 Mk. Sie mußte natürlich auch umgebaut wer- den. Die Kosten beliefen sich abermals auf 123 000 bis 150 000 Mark. Doch auch auf die Innenarchitektur richtet sich der „künstlerische" Sinn des französischen Offiziers. Nachdem das Deutsche Reich so für Herrn Oberst Bouceau allein 2 Millionen Mark ausgegeben hat, muß es auch noch eine vollständige Inneneinrich­tung zum Preise von 450000 Mk. hinzufügen.

* Das französische Kriegsgericht verurteilte den Da- cker Gustav Schenk vom Landauer Proviantamt, der zwecks Erreichung einer Lohnerhöhung am 1. Juni nicht gearbeitet und als Vertrauensmann weitere vier Ar­beiter zur Arbeitsniederlegung aufgefordert hatte, zu 20 Jahren Gefängnis. '

Französischer Spitzeldienst. Dre Frankf. Ztg. meldet aus Mainz: Der Zeichenlehrer Backow aus Buckow- Berlin wurde hier von französischen Geheimagenten wegen einet politischen Vergehens verhaftet. Es steht fest, daß die französische geheime Polizei in Mainz und Wiesbaden deutsche Elsatz-Lothringer gegen hohe Be- zahlung anaeworben hat, die sich in den Wirtschaften an dar deutsche Publikum herandrängen und den Fran- zosen Spitzeid,enste leisten. Eine unvorsichtige Redensart genügt, um Ahnungslose zu verraten.

• Die Saarregierung hat ohne Angabe von Grün, den den im Februar eingesetzten Wirtschaftsrat für das Saargebiet, der sich als einziges Sprachrohr dex Bevölkerung bewährt hat, aufgelöst.

Die Kommunisten werden die Waffen nicht abliefern!

Während die kommuniffische und unabhängige Presse immer wieder behauptet, daß überhaupt keine Wasfen im Besitz des Proletariats seien, entfährt der Hambur- ter „Kommunistischen Arbeiterzeitung" in einem Auf­satz über die Beschlüße von Spaa ein offenes Wort. Das Blatt fchreibt in feiner Nummer 67:

„Nun wohl — die Regierung mag die Waffen ausliefern, über die sie verfügt! Die Männer aber in Deutschland, die Waffen in Händen halten, werden wißen, daß die Regierung nicht über sie verfügen kann, sie werden die Waffen nicht ausliefern . . Alle in Deutschland vorhandenen Waffen gehören unter die Kontrolle der deutschen Arbeiterklasse, in de» Dienst der deutschen Revolution!"

Destsches Reich.

* Berlin, 21. Juli. Der wirtschaftliche Ausschuß des Reichswirtschaftsrates ist zusammen- getreten, um über die am Donnerstag in der Plenar­sitzung des Rsichswirtschastsrates zu verhandelnden Gegenftänte zu beraten. — Der ftanzösische Botschafter bat der deutschen Regierung zur Kenntnis gebracht, daß Frankreich durch die der ftanzösischen Fahne erwiesene militärische Ehrung vor dem Botschaftsgebäude m Ber- lin die Angelegenheit der Herabholung der Fahne durch einen deutschen Staatsangehörigen für erledigt ansehe. — Wie das „B. T." hört, soll die Fleifch karte als Kontrvllmittcl des Fleischverbrauchs ab 1. Sept, im ganzen Reiche aufgehoben werden.

* Der rote Schulstreik, den die sozialdemokratische Elternvereinigung in Buer proklamiert hatte, weil die Regierung dem Ultimatum der Sozialdemokraten von Buer sich nicht gefügt und die Versetzung des atheisttschen Lehrers Dittmar nach Rheine nicht zurück- genommen hatte, ist — vollständig verpufft. So gift wie gar nicht wurde der Aufforderung zum Streik

ten sie abends in der ersten schönen Zeit in ihrer Ehe allabendlich plaudernd gesessen ... eng umschlungen, glückselig . . .

Und nun alles vorbei! Roland Meister hatte wenig­stens den Trost, daß ein unerbittliches Schicksal ihm all dies entriß, daß sein junges Weib krank war. Daß ein jäher Tod ihr jahrelanges Siechtum erspart hatte.

Ihn aber hatte ein junges blühendes Weib verlassen ohne Rot. Sie hätten so glücklich sein können, wenn Daniela es nur ein bißchen ernstlich gewollt hättet Könnte es wieder sein . . .

Anfangs hatte er immer noch gehofft, sie würde draußen in der Einsamkeit zur Einsicht kommen. Die Liebe würde den Trotz besiegen. Eines Tages würde sie wieder da sein und ihm um den Hals fallen: „Ich kann ja doch nicht leben ohne Dich, ich habe Dich zu lieb!"

Als aber zwei Monate vergangen waren, ohne daß sie kam ober ihn durch ein Wort zu sich rief, gab er die Hoffnung auf.

So lange konnte echte Liebe weder zürnen noch tro­tzen! Es war ja absolut nichts vorgefallen, was ihr auch nur einen Schein des Rechtes dazu gegeben hätte!

Und doch sehnte sich sein Herz zuweilen wild und stürmisch nach ihr. Seine Liebe war jo nie gestor- ben trotz allen Grolles. Manchmal war er nahe daran gewesen, alles liegen und stehen zu lassen, einfach nach Sankt Kathrein zu fahren und ihr das zu sagen, was er von ihr vergeblich zu hören gehofft hatte: „Ich kann nicht leben ohne Dich! 3d) habe Dich zu lieb!"

Aber ein Rest von Vernunft hielt ihn stets zurück. Nein Nein — mit einseitiger Liebe baute man kein Glück, wie er es träumte! Ohne Einsicht von ihrer Seite wäre doch alles wieder beim allen geblieben. Sie wäre vielleicht mitgekommen, aber schon in kurzer Zeit hätte ihre kleinliche Selbstsucht sich wieder trennend zwischen sie geschoben.

Lieber nicht mehr daran denken. Sich abfinden mtt diesem glücklosen Leben, wie tausend andere es tun mußten. Binnen kurzem würde er ja bei Lore Sand wenigstens für Stunden einen Ersatz finden für das eigene verlorene Heim . . . freilich ein trauriger Ersatz, wenn man sich an fremdem Herdfeuer als Gast wärmen muß! . . .

Er hatte seine Wohnung erreicht und zog die Haus, glocke. Aus dem nahen Kirchturm schlug es 11 Uhr.

(Fortsetzung folgt.)

• <

nr. 167

Verantwortlich für den rebaiiioneöen Teil: Earl Schütte, u für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. r. Rotationsdruck u. Vertag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

Donnerstag, 22. Zutt 1920.

Bezugspreis: Monatlich 3,00 Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 Mk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmatz) 60 JJfg„ u. 10’i« Zuschlag, die Reklamezeile (Tettbreite) 1.80 2UL, u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol Rabatt.

J..L UI I IM.....I II I—Ml ■HU..... I,IUI,NI«»

47. Zahrg.

Spaa-Auserrrandersetzungen.

• Der Reichstagsausschuß für auswärtige Angele­genheiten trat Dienstag abend unter außerordentlich (tarier Beteiligung zusammen. Reichsminister Simons berichtete ausführlich über die Verhandlungen in Spa. geine Ausführungen bewegten sich in dem Rahmen der von ihm bereits der Presse gegenüber gemachten Erklä­rungen. Bei der Diskussion nahmen die Adgg. Bern­stein, Ledebour und Dr. Helsferich das Wort. Bernstein vnd Ledebour protestierten gegen die Zuziehung von Sünnes als Sachverständigen, worauf Reichs- minifter Simons erklärte, er übernähme die volle Ver­antwortung für die Zuziehung von Sünnes, der jeden­falls der wesentlichste Repräsentant des deutschen Berg­baues sei. Die Franzosen hätten keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie Verhandlungen über die Kohlenange­legenheiten, an denen Sünnes nicht mitwirke, nicht als vollwertig ansehen würden. Dr. Helsferich machte eine große Reihe von Bedenken gegen die Abmachun­gen geltend, insbesondere fragte er, warum die Ableh­nung der Einmarschklausel nicht auch bei den «Beratungen über die Entwaffnung erfolgt sei. Reichs» minifter Simons erklärte, daß die beiden Verhandlun­gen einen völlig verschiedenen Charakter trugen und daß Die Haltung der deutschen Delegierten in beiden Fällen -um Ausdruck gebracht hätte, daß wir uns an die Ent­scheidung der Alliierten nicht gebunden fühlten und beide Drohungen als gegen das Völkerrecht gerichtet anfähen.

* Spa vor dem Reichstag. Nach einem Beschluß des Aeltesten-Ausschuffes wird der Reichstag am Montag, den 26. Juli zu einer Vollsitzung zusam- mentreten, um den Bericht der Regierung über die Verhandlungen in Spa entgegenzunehmen.

* Citi deutsches Weißbuch. Dem Reichstag wird am Dienstag bereits ein Weißbuch der Reichsregierung vorliegen, das aus Grund der Protokolle von den Si­tzungen in Spaa die Erklärungen der Deutschen und der Gegenseite enthalten wird. Aus ihnen wird der Nachweis versucht, daß unser Vorbehalt bei der Unter- zeichmmg des Kohlenabkommens „mit Ausnahme des Artikels ?" völkerrechtllch diesen ganzen Passus imll und n i ch t i g m a ch t. Es werden weiterhin noch nähere Einzelheiten über die Abmachungen wegen Ober­schlesiens mitgeteilt und die Erklärung Lloyd Georges angeführt.

* Die Ministerpräsidenten über Spaa. Am Mitt­woch vormittag begann in der Reichskanzlei die Kon­ferenz der deutschen Ministerpräsidenten. Den Vorsitz führte Reichskanzler Fehrenbach. Anwesend waren die Mitglieder des Reichskabinetts, soweit ihre Res- forts in Frage kamen, die Ministerpräsidenten der Länder n£er deren Stellvertreter. Der Minister des Auswärtigen Dr. Simons erftatiete ein ausführ­liches Referat über die Verhandlungen in Spaa, wo­ran sich eine lebhafte Aussprache mischloß. Sodann referierten die Mitglieder des Kabinetts, die in Spaa gewesen waren und Reichsminister des Innern Koch über die Entwaffnungsftage.

• Das „Todesurteil des Indnstriebezirks". Geh. Kommerzienrat Glöckner hat den Stadtverordneten in Duisburg die Kohlenabmachung von Spa als bas Todesurteil für den Jndustriebezirk bezeichnet. Um die 2 Millionen Tonnen Kohlen an die Entente zu lie­fern, müsse man deutsche Hochöfen, Stahl- und Walz­werke still eg en, sodaß binnen 3 Monaten 50 Pro­zent der deutschen Cisenarbeiter auf der Straße liegen würden. Von den Verhandlungen in Genf erwartet er noch Schlimmeres. Ein sozialistischer Arbeitervertreter erklärte, auch unter der Knute der Entente würden die Arbeiter nicht besser arbeiten, sondern ihr begreiflich machen, daß das deutsche Volk wie früher ein Lebens­recht habe. i

Nahe der deutschen Grenze.

Wie der Minister des Aeußern Dr. Simons- auf eine Anfrage des sozialdemokratischen Abg. Bern- stein inder Dienstag-Sitzung des Reichtagsaus­schusses für auswärtige Angelegenheiten mitteilte, steht die bolschewistische Armee tatsächlich nur wenige Tagemärsche von der deutschen Grenze ent»

Fordernde Liebe.

Roman von Erich Ebenstein.

50] ------------

Es kam Wera vor, als schwankte sie beim Gehen und als sei ihr Blick plötzlich matt und verschleiert. Besorgt folgte sie ihr. ।

„Ist Dir nicht wohl, Lou?"

„Doch sehr! So sehr, Wera! Wenn Du wüßtest, wie glücklich ich bin!“ lautete die leise, fast verzückte Antwort.

„Warum bleibst Du denn nicht vorne an Deinem Platz?"

,Äch bin ein wenig müde, weißt Du, die vielen Lichter, und es ist sehr heiß im Raum. Auch mußte ich schrecklich viel sprechen mit all diesen Leuten, die mir Elück wünschen tarnen. Nun will ich mich ein wenig ausruhen, denn nachher gehen wir doch ins Graben- reftaurant. Laß Dich nicht stören. Ich höre ja auch hier alles ganz gut. Und wenn Rolly später heraus- kommt, rufst Du mich schon, nicht wahr?"

, „Gewiß." Wera kehrte an ihren Platz zurück. Zwei Minuten später war sie wieder ganz in das Stück ver­sunken. Ja, auch im letzten Akt war viel geändert worden. Aber seine Größe und Schönheit war doch unzerstörbar. Und die Leute fühlten das gottlob! Wie in einem Zauberbann saßen sie da und lauschten und lebten atemlos mit . . .

Da — gerade während der letzten Szene — hörte Dera hinter sich ein leises Geräusch, das sie veranlaßte, ten Kopf zu wenden. Zu ihrem namenlosen Entsetzen loh sie Lou auf dem Boden liegen, seltsam verkrümmt, tos Gesicht nach unten.

Im nächsten Augenblick kniete sie neben ihr.

„Lou, um Gottes willen — was ist Dir?"

, _Gs kam keine Antwort. Regungslos lag der zierliche, Mädchenhafte Leib der jungen Frau vor ihr. Ais sie ihn behutsam umwandte, starrte ihr ein verzerrtes Ant­litz entgegen, aus dessen Mund unausgesetzt Blut quoll. Die ein Quell riefelte es auf die zarte Seide des Ee- wandes herab und da, mn Lou gelegen, hatte es bereits Eine kleine Lache gebildet.

Wera stieß die Sogentür auf und rief dem Schlie'er 8u, einen Arzt zu holen. Die Baronin war inzwischen uuch aufmerksam geworden und , erschrocken hinzugetre- ien. Als sie das viele Blut sah, schrie jie vor Schreck

feint. Deutschland, so sagt der Minister, habe seine volle Neutralität in dem russisch-poinischen Kriege erklärt und für den Schutz der Grenzbevölkerung seien bereits sorgfältige Maßnahmen ge­troffen worden.

Die Stimmung in Frankreich.

Millerands Bericht über Spaa hat, wie gemeldet, in der französischen Kammer mit einem Vertrauens­votum mit 420 gegen 152 Stimmen geerntet.

Die Minderheit ist ungewöhnlich groß, denn sonst Pflegt die französische Kammer in solchen „nationalen" Fragen sich möglichst einmütig zu zeigen, indem die Zwusler und Widerstrebenden sich zumeist auf die Stimmenenthaltung beschränken.

Die 152 Gegner Millerands dürfen wir aber keineswegs zu unfern Gunsten deuten. Es waren zum Teil Chauvinisten, denen die Niederlage der Deut­schen in Spaa noch nicht weit genug ging, und zum anderen Teil Linksradikale, die sich darüber ärgerten, daß Millerand nebenbei den Krieg gegen die rote Armee von Sowjet-Rußland proklamiert hatte.

Von Mitteid für Deuffchland und von völkerver­söhnlichen Neigungen war nichts zu spüren. Auch bei den Sozialisten nicht; denn deren Worfführer, der den „echt ftanzösischen" Namen Blum führt, hieb in die­selbe Kerbe, wie die unersättlichen Mitarbeiter von Clemenceau. Was Millerand als Durchführung des Versailler Vertrages hmgestellt hatte, tadelle Blum als eine verwerfliche Revision. Nach dem Willen die­ses Sozialisten hätte man von Deuffchland noch mehr Kohlen verlangen müssen, und zwar zur Hälfte des jetzt bedungenen Preises. Er meinte, die Zustimmung Englands sei zu teuer erkauft worden. Der rücksichts­lose französische Egoismus trat da in Reinkultur zu- tage. Und doch gibt es bei uns noch Sozialisten, die auf die ftanzösischen „Genossen" Hoffnungen setzen.

Es gibt ja in Deutschland auch noch gewisse Demo­kraten, die uns fortwährend predigen, daß wir mit den Franzosen uns verbrüdern könnten gegen Eng­land als ten gemeinsamen Feind. Millerand hat frei« lich unverbindliche Redewendungen über die „wirt­schaftliche Annäherung" gemacht, aber sonst mit schätz­barer Deutlichkeit seine Gewaltpolitik gegen­über Deutschland verkündet, und diese kriegerische Sprache war den Heißspornen auf der Rechten noch nicht schroff genug.

Die volle Entwaffnung des so rote so schon ganz ohnmächttgen Deutschlands ist ihm die Haupt­sache. Er legt den schärfsten Ton auf die Bedrohung tes Ru h r g e b i e t e s. Er ist stolz darauf, daß er die Einwilligung der Engländer und Italiener zu einem sofortigen Vormarsch bei Versäumnissen Deuffchlands erpreßt hat, und gedenkt dieses Zwangsmittel auch künftig wacker zu gebrauchen. Offenbar hat diese „Er- rungenschaft", die protokollarische Strafklausel, Herrn Millerand hmweggeholfen über die Verstimmung wegen der kleinen Zugeständnisse, die er gemacht hat in ter Verminderung ter Kohlenlieferungen und in der Verlängerung des Termins der Entwaffnung.

Besonders bezeichnend für die Stimmung in Frank­reich ist es, daß Millerand mit ungewöhnlicher Offen­herzigkeit den wahren Zweck der französischen Son­dergesandtschaft inMünch en vor aller Welt enthüllte. Dieser besondere Gesandte soll dahin wir­ken, „daß die verschiedenen Elemente in Deutschland sich frei entwickeln können, ohne von ter preußi­schen Vorherrschaft bedroht zu werden". Er leugnet natürlich, daß das eine „separatistische Intrige" sei. Aber was ist es denn sonst, wenn man die „Ver­schiedenheit" ter Bayern ausnützen will, um sie gegen die „preußische Vorherrschaft" mobil zu machen? Unter diesem Ausdruck ist, nachdem die alte preußische Herr­lichkeit so gründlich zusammengebrochen ist und sogar das preußische Staatsgebilde in seinen Fugen wankt, nur die Autorität ter Reichsregierung und die Einheit

laut auf. Aber der Schrei ging unter in dem tosenden Beifallssturm, der im selben Moment draußen losbrach. Das Stück war zu Ende.

Wera hatte Lou halb aufgerichtet und deren Köpf­chen an ihre Brust gebettet. „Rufen Sie Herrn von Meister, er ist auf der Bühne," sagte sie rauh zu Wil- brod. Ihre Stünme brach fast vor Schreck und Jam­mer. (

Wilbrod verließ die Loge. Dann kam der Arzt, den man geholt. Man trug Lou, die keinen Laut von sich gab, in einen abgeschlossenen Raum, wo man sie auf ein Sofa bettete. Immer noch sickerte Blut zwischen ihren bleichen Lippen hervor, wenn auch schwächer. Der Arzt tat alles, was er konnte, um es zu stillen, aber bei der leisesten Bewegung begann es wieder zu rie­feln . . .

Roland mareben nach dem fünften Hervorrufen hinter den Vorhang zurückgetteten, als Herr von Wil­brod kam und ihm schonend das Geschehene m:tteilte.

Wie er hinaufgekommen war in das kleine Zimmer, wo Lou röchelnd lag, wußte er nachher nicht mehr. Wie zu Stein erstarrt kniete er dann vor ihrem Lager. Sie sah ihn unverwandt an, während er ihr kleines Händ­chen hielt, auf das, ohne daß er es wußte, Tränen aus feinen Augen niederfielen. Und es war so viel in die- fern Blick, der auf ihm ruhte! Stolz, heiße Dankbar­keit, Liebe und Trauer . . .

Alles Kindliche war aus ihrem Antlitz hinwegge- wischt wie die Schminke von ihren Wangen, die ihr solange das trügerische Ansehen blühender Gesundheit gegeben hatte.

Plötzlich wurde ihr Blick unruhig und glitt von Ro­land ab zu Wera hin. Ihr Händchen hob sich bittend. Wera legte rasch die ihre hinein. Da lächelte Lou und zog Rolands Hand auch an sich. So, beider Hände um» schließend, blieb sie.

„Verlaß ihn nicht . . ." kam es wie ein Hauch über ihre schneebleichen Lippen. „Mir zuliebe — bleib — bei ihm!" Keines antwortete. Beide wagten kaum zu atmen.

„Um Gottes willen nicht sprechen!" mahnte der Arzt erschrocken. Aber seine Mahnung kam zu spät. Wieder quoll der hellrote Lebensstrom über die blassen Lippen der jungen Frau. Zugleich senkten sich wie unter dem Druck grenzenloser Müdigkeit die Lider über die großen, dunklen Augensterne . . .