Nr. 166
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Mittwoch, 2|. Zull 1920.
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47. Zahrg.
Dr. Simons über Spaa.
Der Minister des Auswärtigen Dr Simons gestern mittag vor Vertretern der Berliner und auswärtigen Presse einen kurzen, aber sehr lehrreichen und ungemein wirkungsvollen Vortrag Aer Spaa, den er mit dem Bekenntnis der Notiven- djgkeii einer engen, auf Wahrheit und Offenheit be- pihenden Fühlung zwischen Regierung und Presse ein« fettete. Er wies dann die Meldungen über die R ü ck- , r i t t s a b s i ch t e n einzelner Mitglieder des Kabi- mtts zurück und bestätigte ausdrücklich, was man CU5 den vorliegenden Anzeichen schon hatte folgern Men, daß die Bedrohung des Ruhrgebiets kein blutloses Schreckgespenst war. sondern oUf einem festen Beschluß der gegnerischen Mächte beruhte. Die Ausführung war io vorbereitet, daß der Vormarsch sofort nach dem Schestern der Konferenz erfolgen konnte und sollte.
Minister Simons legte dar, daß Frankreich durch bw eigenmächtigen Vorstoß wich Frankfurt und Larmstadt in eine sehr üble Lage geraten war. Es wollte sich solcher Schwierigkeiten nicht zum zweiten : fFidc aussetzen, aber auch auf das Zwangsmittel wei» irrer Okkupationen nicht verzichten. Daher forderte es imbedingt, daß die Derbürcheten das Befetzungsrecht, bas im Versailler Vertrage nur für absichtliche Versäumnisse in der Wiedergutmachung vorgesehen war, auf weitere Fälle ausdehnen sollten. England und Steten gaben diesem Verlangen nach (Belgien hangt selbftnerständlich am französischen Rockschvß).
Aus dieser Abmachung, die schon vor den Ver- horidlungen in Spaa getroffen war, erklärt cs sich, daß die Drohung mit der Besetzung desRuhrgebiets in s e d e s Kapitel des Protokolls von Svaa als Schlußeffekt eingefügt wurde. Die französische Regierung wollte gern außer der Zustimmung ihrer Verbündeten auch noch eine förmliche Anerkennung dieses „Rechtes" durch die deutsche Unterschrift erreichen. Das ist ihr freilich nicht gelungen, .da unsere Vertreter stch entschieden dagegen verwahrten, ein über den Frie- dcnsvertrag hinausgehend»s Recht einzuräumen, und Lloyd George ihnen bei'biefer Reserve behilflich war. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, daß die Verbündeten zum Vormarsch mit vereinten Kräften ent« schlossen waren.
Die Darlegungen von Dr. Simons warfen auch cm Streiflicht auf die Frage, wie das versöhnliche Italien dazu gekommen ist, der französischen (sie- vollpolitik das erwähnte Zugeständiris zu'machen. Italien hat ebenso wie Frankreich schweren Kohlenmangel. Wenn das Damoklesschwert der Ruhrbese». hung als Druckmittel für die deutschen Kohlenkkeserun- gen hingestellt wurde, so glaubte die italienische Regierung sich nicht ausschließen zu dürfen. Wie Dr. Simons milteilt, HM der italienische Vertreter Sforza, dessen Loyalität ihm außer allem Zweifel steht, ihm unzweideutig zu erkennen gegeben, daß das Recht zum Einmarsch von allen Konferenzteilnehmern auf der Ententeseite besaht wurde, und daß dieser Einmarsch unzweifelhaft erfolgen würde, wenn Deutschland seine -Verpflichtungen" nicht erfülle.
Unter diesen Umständen war es eine überflüsiige Schauspielerei, daß die Gegner schließlich die Marschälle Fach und Wilson in Svaa persönlich auftreten ließen. Auf das grimmige Gesicht dieser Generäle kam es wirklich nicht an, da die deutschen Vertreter schon Mau wußten, was für alle Fälle vorbereitet war.
I" , DieGefahr für das Ruhrgebiet war also wirklich brennend. Unsere Regierung mußte das äußerste tun, um den Industriebezirk zu retten und die mchtbaren Folgen abzuwenden, die der Einmarsch für das übrige Deutschland gehabt hätte. Das darf man bei der Beurteilung ihres Verhaltens keinen Augenblick außer acht lassen. Natürlich durste unser Äbwchr- sireben nicht so weit gehen, daß wir uns zu etwas ver
pflichteten, was offenbar unmöglich ist. Aber unsere Vertreter durften und mußten bis an die l e tz r e G r en z e der deutschen Leistungsfähigkeit gehen.
Dr. Simons leugnet nicht, daß wir zur Verhütung des unmittelbar drohenden Uebels einfchweresRi- f i k o übernommen haben. Aber er deutete auch an, auf welchem Wege er die Erfüllung möglich zu machen hofft. Inder Kohlenfrage hofft er erstens durch weitgehende Ausnutzung unserer Braunkohlen und zweitens durch Verhinderung der Schiebe- reien mit deutscher Steinkohle eine Steigerung der verfügbaren Kohlenmenge zu erreichen. Dazu kommt noch die allerdings noch etwas schwache Hoffnung, daß die neue Kommission für Oberschlesien uns mehr Kohlen zukommen läßt, wie bisher der dort allmächtige General Le Rond.
Das Kabinett, fo teilte Simons mit, hat bereits am Montag einen Entschluß gefaßt, wonach die Kohlenverteilung und Kohlenproduktion auf neuer Grundlage organisiert, werden soll, damit in Zukunft jeder unrechtmäßige Verbrauch dieses unendlich wichtigen Stoffes unbedingt vermied m wird.
Dieser neue Kohlenplan wird hier oder da vielleicht unbequeme Wirkungen haben; aber die muffen wir geduldig in den Kauf nehmen da uns jetzt amtlich beftätigt ist, daß von den Kohlenlieferungen tatsächlich der Fortbestand des Friedens, ja der Bestand des Vaterlandes abhängig ist.
Als wesentlichen Erfolg der Konferenz bezeichnet Simons die vorläufige Rettung des Ruhrgebiets. Er hofft auf eine dauernde Sicherung und sogar auf eine wirkliche Revision des Versailler Vertrages, aber^mr auf dem Wege, daß Deutschland mit äußer- ffer Jnaft die übernommenen Verpflichtungen getreu und pünktlich zu erfüllen sucht. Für diese einzig richtige Politik fordert er die Beihilfe des deutschen Volkes, und es ist ja auch ganz klar, daß die Regierung nichts machen kann, wenn nicht die Bevölkerung mit Verständnis und gutem Willen ihre Arbeitskraft in den Dienst des bedrängten Vaterlandes stellt.
Lloyd George über Spaa.
Bei einem Festmahl zu Ehren englifcker und amerikanischer Presievertreter teilte Lloyd George seine Eindrücke über die Verhandlungen der Konferenz von Spaa mit. Er sagte, daß nach der Ansicht aller Teil- nehmer die Konferenz einen bedeutenden Erfolg der Alliierten darstelle. Trotz der vorhandenen Schwierigkeiten habe man einen Schritt vorwärts auf dem Wege zum Frieden und zur Aussöhnung getan. Auf die Frage, was geschehen würde, wenn die deutsche Regierung gestürzt werden sollte, erklärte Lloyd George, daß eine solche Lage als außerordentlich ernst zu betrachten sei und die ganze Aufmerksamkeit der Alliierten erheische. Im übrigen bezeichnete er die Entwaffnungsfrage als die bedeutendste, hinter der die Kohlenftage erhebllch zurückstehe, lieber die Haltung befragt, die die deutsche Delegation gegenüber dem Bolschewismus zeigte, erklärte Lloyd George, daß feinen Eindrücken nach die deutschen Vertreter, den bolschewistischen Lehren fern stehen. Im allgemeinen lasse sich sagen, daß die deutsche Delegation bemüht war,, die Grundlage einer Verständigung zu finden. Lloyd George lobte namentlich die geschickte und tapfere Art und die Gründlichkeit des deutschen Reichsministers des Auswärtigen Dr. Simons.
Die deutsche Sklaoenardeil.
Das italienische Sozialistenblatt „Skonti" bedauert es, daß die Deutschen gezwungen seien, sich den Drohun- gen der Entente zu fügen, wodurch die deuffchen Bergleute viele Jahre gleich den Sklaven des Altertums für den Tribut an die verbündeten. Mächte arbeiten muffen. Die Shylocks der Entente hätten gute Arbeit getan, um aus dem Körper des deutschen Volkes rücksichtslos ganze Stücke Fleisch herauszuschneiden. In der ganzen Welt- geschichte gäbe es kein Beispiel, daß eine besiegte Ration derart ausgesaugt und verelendet worden sei wie Deutschland und noch dazu von denselben Regierungen, die sters erklärt hätten, daß sie den Krieg nur für di« Ideale der Menschlichkeit und der Gerechtigkeitführten.
Die Verteilung der Benke.
In Span hat man nicht allein aus deutscher Haut Riemen geschnitten, man hat sie schon „verteilt". Zwischen den Entent-Mächten ist ein Abkommen über die Verteilung der aufzuerlegenden Entschädigungssumme, über deren Höhe ja erst noch verhandelt werden soll, geschloffen worden. Es sollen von dieser Summe erhalten: England 22 Proz., Frankreich 52 Proz., Italien 10 Proz., Belgien 8 Proz., Portugal und Japan je drei Viertel Prozent; der. Rest von 6!/z Prozent wird an Griechenland, den serbischen, den thracischen und den slowenischen Staat verteilt. Don der von O e st e r r e i ch und Bulgarien zu zahlenden Entschädigungssumme wird die erste Hälfte gemäß dem eben erwähnten Verhältnis verteilt, während von der zweiten Hälfte Italien 40 Proz., Grie- ckienland und der serbisch-kroatische Staat 60 Proz. erhalten. Die Alliierten haben in dem Abkommen ausgesprochen, daß sie unter sich die nötigen Maßnahmen zur Sicherstellung der Zahlen treffen wollen. Gegebenenfalls soll Deutschland durch alliierte Anleihen in den Stand gesetzt werden, seinen inneren Verpflichtun- gen nachzukommen, und gleichzeitig feine Schuldenlast noch außen so rasch wie möglich abzutragen.
Auf dem Papier macht sich diese Rechnung nicht übel. Es fragt sich nur, ob das Fell des Bären nicht schon so zerschunden ist, daß sich die Verteilung nicht mehr lohnt.
Der Rote Vormarsch gegen Polen.
Nach einem Bericht der „Frkft. Ztg." aus Warschau lehnen die Bolschewisten tatsächlich jede Vermittlung ab. Von Waffenstillstand ist keine Rede mehr. Der Kampf geht weiter, ein Existenzkampf des polnischen Staatswesens. Einige Optimisten glauben zwar, die Bolschewisten würden freiwillig an den Grenzen Polens Hatt machen und einen Frieden Vorschlägen. Das sind unbegründete Hoffnungen. Nur damit kann man' möglicherweise rechnen, daß an diesen Grenzen der polnische Widerstand etwas festeren Fuß fassen wird. Die neuformierten Reserven könnten dort eine gewisse Wirkung ausüben. Die bolschewistische Nordfront nähert sich unvermindert rasch. Nach dem Heeresbericht konzentrierte der Feind am Montag nördlich von Grodno seine Massen. Am Dienstag wurde um die Stadt und zugleich um den Njemen- Uebergang gekämpft. Grodno liegt 275 Kilometer von Warschau entfernt. Auch über Lida und Nowo- grode gehen die Sowjettruppen gegen den Njemen vor. Um Baranowitschi und an der Scharalinie sind Kämpfe im Gange. Ein breiter Angriff auf Kowel soll an der Styrstme aufgehalten sein.
3m „Reichsanzeiger" wird eine Bekanntmachung des Reichspräsidenten veröffentlicht, wonach Deutschland, das sich mit Polen und Rußland im Friedens- zustand befindet, bisher volle Neutralität beobachtet hat und diese Neuttalität auch weiterhin beobachten wird.___________
Ein neuer Zusammenstoß mif Enlenke-Osflzleren.
In der Nacht zum Dienstag kam es am Bahnhof Ehar. lottenburg zu einem Zwischenfall mit zwei Entente-Offizierm von der Interalliierten Susikontrollkommission. Nach einer Darstellung des Publikums sollen die Offiziere Paffanten beleidigt haben. Cs schien darauf ;r Tätlichkeiten kommen zu sollen. Die Sicherheitspolizei führte die Olliziecr, die keinen Ausweis bei sich hatten, zu ihrem rtnenen Schutze auf ein Polizeirevier, wo sie bis zur Feststellung ihrer Iden- tität blieben. Beide Offiziere sind Engländer. Sie sollen nicht ganz nüchtern gewesen sein. Eine Unteffuchung ist eingeleitet.
Revolutionäre Vorbereitungen.
Hebet die Hamburger Geheimorgani- sation der linksradikalen Parteien für den bewaffne en Ausstand gibt Da? Bert. Tgbl. Einzel
heiten aus dem Lübecker Generalanzeiger wieder. Danach führt der Genoffe Otto, ein Kämpfer au8 dem Ruhrgebiet, seit einigen Wochen die Leitung der Kampförganisation, welche in jenem Distrikt eine Kompanie von 90 verläßlichen Parteimitgliedern besitzt, wozu 150 Mann, auch Draufgänger nicht ganz einwandfreier Art, kommen sollen. Ein besonderes Augenmerk wird auf die sofortige Besitznahme des Hamburger Hafens mit seinen Lebensmittelvorräten gerichtet, wofür der Zuzug auswärtiger Genoffen gesichert ist. Die Kampforgani- fation der Hamburger kommunistischen Arbeiierpartei wurde von den Unabhängigen übernommen. In Versammlungen und Plakaten wird aufgefordert, feine Waffen abjultefern, auch nicht die während der Kapp-Tage an die Unabhängigen ausgegebenen.
Man kann wohl erwarten, daß die unabhängige Sozialdemokratie sich *u diesen Meldungen äußern wird, um so mehr, als ganz besonders sie es war, die während der Verhandlungen in Spaa die deutsche Regierung drängte, die militärischen Forderungen der Entente anzunehmen. Dazu gehört vor allem die Entwaffnung der Zivilbevölkerung. Wenn die Unabhängigen im Gegensätze hierzu nicht nur Nicht die Waffen obzuliefern gewillt sind, sondern sogar bestrebt sind, das Proletariat von neuem zu bewaffnen, so würden sie damit den von ihnen selbst empfohlenen militärischen Abmachungen von Spaa strikt zu widerhandeln und der Erneute den willkommenen Anlaß geben, gegen Deutschland einzuschreiten. Das wäre ein srevlerisches Spiel mit dem Schicksal deS deutschen Volkes.
Deutsches Reich.
** Berlin, 20. Juli. Als Nachfolger des Prälaten Dr. Kleineidam ist der Erzpriester Deitmer (Steglitz) zum fürstbischöflichen Delegaten für Brandenburg-Pommern in Berlin ernannt worden. — Prinz Joachim von Preußen wurde am Dienstag vormittag in aller Stille in der Friedenskirche zu Potsdam beigesetzt. — Der Gedanke, Kleingeld aus Porzellan in Deutschland einzuführen, ist endgültig fallen gelassen worden.
O Eine Zurücksetzung des Reichstages? In posi- tifchen Kreisen, und merkwürdigerweise gerade bei den nicht an der Regierung beteiligten Sozialdemokraten, ist cs übet vermerkt worden, daß der R e i ch s w irisch a s t s r a t noch vor dem Zusammentritt des Reichstages über die Ergebnisse von Spaa unterrichtet werden soll Der Reichswirtschast-rat versammelt sich scheu am Donnerstag, um den Bericht des Reichswirtschaftsministers Scholz über bas Kohlenabkommen emgegenzunehmen. Aus dieses^Tatsache schließt be? „Vorwärts" auf eine Zurücksetzung des Reichstages. Er befürchtet, daß „das Schwergewicht non QOlitifdjen Verhandlungen mit wirtschaftlichem EmjchlM^oon deut Reichstag in den Reichswirtschaftsrat venegl wird." Er meint, durch solche Vorverhandlungen könnte versucht werden, eine ganz bestimmte Atmosphäre für die Verhandlungen im Reichstag zu schaffen. Das Letztere ist wohl nicht richtig. Der Reichswirtschaftsrat hot rein wirtschaftliche Funktionen zu erfüllen. Die politische Beurteilung der in Rede stehenden Fragen steht allein dem Reichstage zu. Es kann diesem auch nur erwünscht sein, über die Auffassungen der im Reichswirtschaftsrat vereinigten sachverständigen Gruppen unterrichtet zu werden. Die Schaffung des Rcichs- wirtfchaftsrats dient ja gerade dem Zweck, eine solche nähere Informationsquelle zu schaffen mit dem Ziele eines besseren Zusammenklanges der politischen Ent- schlstßungen auch, in wirtschaftlichen Fragen. 3m klebrigen märe zu bemerken, daß eine Benachteiligung der Volksvertretung nicht in Rede steht, da der Reichs- tagsausschuß für auswärtige Angelegenheiten noch vor dem Zusammentritt des Reichswirtschaftsrates
Fordernde Liebe.
Roman von Erich Ebenstein.
49] ______________
»Ach Winnhold! Er ist der beste, treueste Freund ~ aber so anders als ich! Ein Mensch, der mit beiden Asin en breitspurig in der Wirklichkeit steht. Er lacht fich aus. Aber verstehen kann er mich nie!" Er raffte sich auf.
»Lassen wir das! Ich wollte, es wäre alles schon vorüber! Aber ich danke Ihnen von Herzen, daß Sie wenigstens gekommen sind, um diesen schrecklichen Abend m't uns zu verbringen. Ich fürchtete schon nach Ihren gestrigen Andeutungen, daß Sie würden mit den Ihren «ehen muffen."
»Ja. Mama wollte es auch durchaus und war sehr ^gehalten ... sie fände es nämlich paffender . . . aber ich . . ."
r Verwirrt brach sie ab. Sie konnte ihm ja nicht ■aSen, was sie ihrem Vater heiß flehend zugeslüstert toe: „Ich weiß, daß ich mit Euch gehen sollte, aber tD mir doch — ich kann ihn heute nicht allein ^hen laffen, mag nun Glück oder Unglück über ibn : foir.men!"
f Und ihr Vater hatte sie verstanden und es schließ- iich bei der Hosrötin durchgesetzt, daß Wera statt in chrer Loge in der des Autors sein sollte.
i Aber Roland begriff auch ohne Worte.
L Dankbar drückte er ihre Hand. Dann saßen sie ■ ”e'<e stumm und warteten auf Lou.
| Wie ein rosiges Frühlingswöl'chen schwebte sie enb- herein und obwohl beider Sinn weltentfernt von
^Toiletten war, taten sie ihr doch den Gefallen und "ewunderten sie lebhaft.
Dann fuhr man nach dem Schauspielhaus. Roland Wera stumm vor innerer Erregung, Lou vergnügt strahlend plaudernd.
i Sie hatte sich Baronin Walter, eine junge, lebens- Mige Witwe, und ihren begeistertsten Verehrer, einen jj^igen Gefandtschaftsattachee namens Wilbrod, in ihre J-°ge bestellt, denn — „geteilte Freude ist doppelte
Meudel'
Wilbrod erwartete sie bereits an der Sogentür, die $°tonin kam wenige Minuten später.
! .Das aus war ausverkauft. Eine unruhige Er- •Ortung schien all diele Menschen zu beseelen. Man
flüsterte in den Logen und diskutierte laut im Parterre.
Winnhold suchte knapp vor Beginn Roland für einen Augenblick auf.
„Na, wie ist Dir zumute, Alter?" fragte er gut gelaunt, nachdem er die Damen begrüßt und sich mit Roland in den Hintergrund zurückgezogen hatte. „Noch immer Campenfieber?"
„Nicht das gerade. Nur — ich habe einfach alles Vertrauen in mein Können verloren, Winnhold! Wenn Du wüßtest . . ."
„Ah, bah, das kommt schon wieder! Warte nur, bis wir nach dem Rummel erst gemütlich Sekt trinken im Grabenhotell Du hast doch nichts dagegen, daß wir nachher alle dort hingehen? Mit Deiner Frau habe ich bereits gesprochen und ein paar Bekannte wollen sich auch anschließen. Also abgemacht?"
Roland nickte stumm. Es war zwar gar nicht nach seinem Geschmack, denn er sehnte sich namenlos nach Stille und Ruhe und hatte eigentlich auf einen gemüt- lichen Abend daheim mit Sou und Wera allein gehofft, aber er sah ein, daß er Winnhold, der fo viel für ihn getan, nicht kränken dürfe.
Wera, die hinter der Baronin und Sou faß, hatte inzwischen durch ihr G'as den Zuschauerraum gemustert und viele Bekannte entdeckt. Fast alles von Namen und Distin'r an war anwesend. Hohe Offiziere, Diploma. ten, schöne Frauen, Größen aus der Finanzwelt — „schade, daß der General die Karten zurückschickte, die ihm Roland heute morgen mit ein paar freundlichen Worten sandte," dachte Wera. „Es hätte ihn doch gefreut, an seines Sohnes Ehrentag ein so distinguiertes Publikum hier zu sehen . . ."
Da entdeckte ihr scharfes Auge plötzlich zu hinterst in der Fremdenloge zwei liebe alte Köpfe, die blaß vor Auflegung starr vor sich hinblickten.
General Meister und seine Frau! Oh — sie waren also doch gekommen!
Eben wollte sie Roland ihre Entdeckung mitteilen, als der Vorhang in die Höhe ging und das Stück be- gann.
Schon nach der ersten Szene wußte Wera: es würde gefallen. Atemlos folgten die Beute den Vorgängen auf der Bühne, man hörte keinen Saut, nicht das leiseste Flüstern. Die Besetzung der Rollen war sehr glücklich aeroäblt. Der Held wurde von einem gefeierten Lieb
ling des Publikums gespielt. D'.e Inszenierung war durchwegs neu und stellenweise von feenhaftem Effekt.
Trotzdem war Wera selbst ein wenig enttäuscht. Sie, die jeden Satz, jede Stimmung des Stückes kannte, begriff nun erst ganz Rolands gereizte Worte: „Dieser Samson ist gar nicht mehr mein Stück!"
Nein, das feine hohe Kunstwerk, das fein Dichtergeist geschaffen hatte, war es nicht mehr. Gleichsam vergröbert, wenn auch vielleicht effektvoller wurde es da unten im Licht der Rampen nun der Welt geboren.
> Sie blickte scheu nach ihm hin. Ganz zu hinterst saß er auf dem Logenbänkchen in sich zusammengesun- ken mit gequältem Gesichtsausdruck.
Ach, hätte sie ihm doch sagen können, daß sein „Samson" auch so noch ein Kunstwerk war, daß wenige Aehnliches schaffen konnten! Was lag denn schließlich an den paar Kleinigkeiten? Wenn der feine goldene Siimmungszauber, der über dem Ganzen lag, auch verloren gegangen war, die Leidenschaft der Handlung, die liefe der Idee riß ja doch unwiderstehlich mit fort. . .
Brausender Beifall folgte dem ersten Akt. Winnhold und hinter ihm eine Menge Leute drängten in die Soge. Da und dort im Zuschauerraum rief man nach dem Dichter.
Aber der war verschwunden. Kurz vor dem Fallen des Vorhangs hatte er die Loge verlassen und war nicht auszusinden.
Sou, strahlend vor Entzücken, nahm desto bereitwil- liger die Glückwünsche der Freunde entgegen.
Nie zuvor hatte ihr süßes Kindergesichtchen fo stolz geleuchtet, die wunderbaren dunklen Augen so überirdisch geglänzt.
„Ich wußte es ja!" flüsterte sie Wera zu. „Er wird ein berühmter Mann! Und das Stück ist ja so nett!"
Wera schwieg. „Nett!" Das Wort hatte sie wie ein kalter Guß berührt. Gottlob, daß Roland nicht da war und es mit angehört hatte! Der zweite Akt verknüpfte die Fäden zwischen Publikum und Dichter noch fester. Man war nun ganz gefangen durch die packende, mächtig anschwellende Handlung, die In einer grandiosen Schlußszene gipfelte. Die Versuchung in Gestalt eines schönen, verführerischen Weibes, das innerlich eine Dirnenseele trägt, naht sich Samson, umgarnt ihn für einen Augenblick und — feine Macht ist dahin. Wie Wölfe fallen die Philisterseelen über ihn her ...
Das Publikum, das nun die Idee begriffen hatte, drückte feinen Beifall noch stürmischer aus wie nach dem ersten Akt. Ueberaö schrie man nach dem Dichter. Aber dieser erschien nicht.
Winnhold tarn in die Soge gestürzt. Er war außer sich. Er hatte Roland endlich glücklich entdeckt in einem versteckten Bühnenwinkel hinter beiseitegeschobenen Ku- liffen, aber er war nicht zu bewegen, sich dem Publikum zu zeigen. i
„Sie müssen mir Helsen, Gräfin," sagte er zu Lou. „Solch ein Bombenerfolg, und wenn er sich nicht wenigstens nach dem letzten Akt noch zeigt, kann alles verdorben fein! Das Publikum will doch nicht um die Befriedigung feiner Neugier kommen! Es will den Dichter auch sehen, dem es heute den Lorbeerkranz zu Füßen legt!"
Sou, die seltsam erregt vor sich hinstarrte, richtete sich energisch auf. „Natürlich muß er sich zeigen! Sagen Sie ihm das, Herr Winnhold. Ich fordere es als Beweis feiner Siebe. Sagen Sie ihm auch, daß ich gren» zenlos stolz auf ihn bin!"
Winnhold verschwand. Der letzte Akt begann. Wera, die soeben in einer der Parkettreihen ihren Schwager Heidlof entdeckt hatte, setzte sich erwartungsvoll zurecht.
Dieser letzte Akt war ja das schönste, was man sich denken konnte! Samsons Macht war gebrochen, feine Gewalt über die Massen erloschen. Die Philisterseelen hatten ihn jubelnd erschlagen. Ein toter Mann um den niemand mehr fragte, irrte er vom Schlachtfeld hinweg ins Ziellose . . .
Aber an einer Kinderseele richtete er sich auf zu neuem Leben. Zum wahren Leben. Nicht wo die ®e. walk des Geistes herrscht, sondern wo die Güte des Herzens wie ein goldener Quell die Flur des Lebens durchtränkt, Wunderblumen sprießen lastend. Kein Held der Dielen mehr, der Schlachten schlagen will, war dieser Samson, sondern ein Mensch unter Menschen, der sein Bestes gibt ohne Unterlaß und gar nichts anderes mehr will . . .
Ja, und dieser Samson des letzten Aktes war er — Roland — selbst! Ob sie cs ahnten, die Leute ringsum? Ob Sou es merkte?
Wera sah zu ihr hinüber. Und gerade in diesem Moment erhob sich Sou leise und schlüpfte an ihr vorüber nach dem Hintergrund der Soge, wo sie sich auf dasselbe Bänkchen zusammenkauerte, auf dem früher Roland gesesien (Forts. folgt.)