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Nr. $65.

Verantwortlich für den redattionellen Teil: Carl Schütte, n für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernfprecher Nr. 9. Telegr.-Adrefse: Fuldaer Zeitung

Dienstag, 20» Juli l920.

B-zuospreis: Monatlich 3,00 Ulf. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3.15 Mk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmatz) 60 ptg„ u. 10°/» Zuschlag, die Reklamezeile (Tertbreite) 1.80 7Nk., u. 100/o Zuschlaa. Bei Wiederhol. Rabatt.

47. Zahrg.

Regierung und Volk.

Die Melimngen von Rucktrittsabsichten der Wirlschaslsministers Dr. Scholz entsprechen eben­sowenig den Tatsachen wie die Nachricht, daß Minister Dr. Simons sich mit Rücktrittsabsichten trügt. Mini­ster Dr. Simons hat solche Absichten entschieden ver­neint und sür Dr. Scholz liegen ebenfalls lerne Streit­punkte. die ihn zum Rücktritt veranlassen könnten, vor. Daß innerhalb der deutschen Delegation über die En» Kntcforderungen mit größter Lebhaftigkeit debattiert unb gegen sie mit aller Energie der Kampf geführt icurire, ist eine Selbstverständlichkeit. Das wird von den beteiligten Kreisen auch zugegeben, aber auch betont, daß die durch die Verhandlungsmethode der Entente ge­schaffene Zuspitzung in der Endentscheidung die Delega­tion sachlich einmütig fand.

Als wir nach mühseligen und langwierigen Vor- bereitukigen endlich das gegenwärtige Reichmini­st e r i u m bekommen hatten, mußte man angesichts der argen Verwirrung, die die Umbildung der Koalition gebracht hatte, Sorge haben, ob die neue Regierung überhaupt dazu kommen würde, etwas zu leisten.

Die Konferenz von Spaa war gleich eine hochpoliti­sche Probe auf ihre Leistungsfähigkeit. Die Regie­rung sollte sofort mehr als eine Gesellenprüfung ab­legen, denn Spaa forderte von ihr ein Meisterstück der Staatskunst. Haben unsere Vertreter das geleistet?

Wir antworten mit einer Gegenfrage: Würden wir in Spaa noch so gut abgeschnitten haben, wenn die frühere Regierung am Ruder ge­blieben wäre? Das möchten wir bezweifeln, ohne den Männern, die aus der Regierung zurückge­treten sind, irgend einen Makel cnzuhängen. Jeder Mensch hat seine Vorzüge und seine schwächeren Seiten. Zum Repräsentieren und Diplomatisieren ist der eine besser geeignet als der andere. Die neue Regierung wurde schon mit Rücksicht auf Spaa ge­bildet; daher ist es kein Wunder, daß an die Spitze der Regierung ein Mann wie Fehrenbach be­rufen wurde, desien Persönlichkeit ruhige Würde und natürliche Treuherzigkeit vereinigt, also auch bei den Gegnern Hochachtung und Vertrauen erweckt. Ebenso glücklich war die Berufung des Dr. Simons zum Außenminister; er hat nicht bloß als Staatsmann, sondern auch als diplomatischer Techniker und Tak­tiker in schwierigen Augenblicken sich bewährt.

Vorteilhaft war auch die Verschiebung der P a r t e i - Verhältnisse. Die deutsche Volkspartei ist in den Re­gierungsblock eingetreten. Die Mitarbeit dieser Rechts­partei " an verantwortlicher Stelle wirkt zunächst dämpfend auf die Kritik, der Konservativen und All­deutschen. Sie können nicht mehr in der gewohnten Weise alle Schuld an diesem oder jenem Mißerfolg einfach dem vielverlästerten Zentrum und der ver­haßten Linken zuschieben. Die Verantwortlichkeit fällt auch auf die eigene Nachbarpartei, und deren Lugenden waren doch auf der Rechten bisher allge­mein anerkannt.

Bei den wirtschaftlichen Fragen die in Spaa die Hauptrolle spielten, brauchten wir gerade Fach­männer aus den Zechen- und Hüttenbetrieben. Und zwar Fachmänner von beiden Seiten, aus den Arbeitgebern und aus der Arbeiterschaft. Da die sozialdemokratische Partei sich von der Koalition zurückgezogen hatte, bestand eine gewisse Gefahr, daß die Arbeitnehmer in den Hintergrund ge­raten könnten, das ist glücklich vermieden worden. In Spaa hat nicht bloß S t i n n e s als Unternehmer, gesprochen, sondern auch Hue als vielerfahrener und angesehener Gewerkschaftler und Arbeiterführer. Diese Vielseitigkeit der deutschen Vertretung hat einen sehr guten Eindruck gemacht. Wären die Regierung und die Koalition in der alten Verfassung stehen geblieben, so hätte sich dieses sozialpolitische Gleich­gewicht schwerlich ergeben. Es wäre dann wenigstens der Verdacht bestehen geblieben, daß der Schwer­punkt der deutschen Politik weiter nach der Seite der Arbeitnehmer gerutscht sei.

fordernde Liebe.

Roman von Erich Ebenstein.

48] ------------

Dann erblichen ihre Wangen jäh. Diez schrieb sehr höflich, aber kühl, er vermute, daß sie Geld brauche, und volle nicht, daß sie in Verlegenheit gerate oder ihren Eltern zur Last falle. Er sende ihr daher 2000 Kronen und werde ihr jedes Vierteljahr den gleichen Betrag zu­gehen lasten.

Keine Frage nach ihrem Befinden, keine noch so >eise Andeutung, daß er milder denke oder je versöhn­licher gestimmt sein könnte.

Finster. starrte Isolde auf den Brief nieder.

Ja, es war alles zu Ende. Nun blieb ihr keine Hoffnung mehr. Nun konnte sie ihren Entschluß ganz Whig aussühren — er würde keinesfalls daran hin­dern . . .

Die i)Dfrätin, welche den Bries selbst hereingebracht hatte, beobachtete sie unruhig. Sie und ihr Mann hat­ten in den letzten Wochen wiederholt sorgenvoll an die ungeklärte Zukunft ihrer beiden ältesten Töchter ge­dacht.

„Stillschweigende Trennung ohne bestimmte Abma­chungen ist kein beruhigender Rechtszustand," meinte Halmenschlag. „Wir besitzen kein Vermögen, und wenn ich heute sterbe, bleiben beide mittellos der Gnade ihrer Slänner anheimgegeben. Wer aber kann wissen, ob $ie; ober Heidlof überhaupt die Absicht haben, etwas iu tun? Eine Verpflichtung besteht für sie ja nicht, so- lange nicht durch eine rechtskräftige Scheidung Verein» darungen getroffen wurden!"

„Ader wir können doch nichts tun!" sagte die Hof- ^ätin seufzend. „Die Anregung zu was immer für eine Klärung kann nur von Heidlof und Diez selbst aus- Ochen."

„Leider!"

Und nun hat Diez an Isolde geschrieben!

„Nun, was schreibt Dir denn Georg?" fragte die Hosrätin endlich beklommen. Isolde schob ihr den Brief iu, den die Mutter schweigend las.

Dann atmete sie ctroaq erleichtert auf. Gottlob, von Scheidung schrieb er ja nicht und 8000 Kronen jährlich joat für Isolde mehr als genug. Auch blieb ja doch tnimer noch die Möglichkeit einer späteren Aus- lähnung offen . ..

In Span wurden unsere Minister und ihre Ge- Hilfen auf die Probe gestellt, ob sie fähig wären, mit den mächtigen und selbstbewußten Gegnern den diplo­matischen Ringkampf zu bestehen. Diese Probe haben sie gut bestanden trotz der außerordentlich schwie­rigen Verhältnisse. Jetzt aber, bei der Ausführung, wird das deutsche Volk auf die Probe gestellt, ob es Einsicht und Charakterfestigkeit genug besitzt, um das zu leisten ,was ihm nach Lage der Dinge zugemutet werden mußte. Richt von der Regierung, sondern vom Volk hängt es ab, ob wir von dem Konferenzacker Vorteil oder Unheil ernten werden. Die Ausfüh­rung der Beschlüsse entscheidet, und die Ausführung ist nur möglich unter Mitwirkung des Volkes, so in der Kohlensrage, so in der Entwaffnungsfrage.

Die Kohlenlieferung ist nur möglich, wenn die Bergarbeiter bei dem bisherigen Fleiß usw. getreulich verharren und alle Störungen durch Streiks, Un­ruhen, Transportunterbrechungen usw. vermieden wer­den. Davon hängt nicht bloß die Ehre Deutschlands sondern tatsächlich der Bestand des Reiches ab. Da­von hängt es ab, ob wir in Ruhe uns weiter empor­arbeiten können aus dem Elend oder ob mit der Be­setzung des Ruhrgebiets der neue Krieg wieder be­ginnen würde, der mit unserem Verderben enden würde.

Die beteiligten Volkskreise dürfen nicht übersehen, daß die Deschlüste von Spaa nicht nur Lasten, sondern auch Vorteile in Aussicht stellen. Aus dem Mehrwert der gelieferten Kohlen werden Millionen flüssig für die Verbesserung der Lebenshaltung der Bergarbeiter und ferner noch viele Millionen für die Aufbesserung der Ernährung des gesamten Volkes. Das fällt um so mehr ins Gewicht, als im Falle des Versagens das schlimmste in Aussicht steht, nämlich die B e s e tz u n g des Ruhrgebiets und die Z w a n g s- arbeit unter der französischen Knute.

Auch bei der Durchführung der Entwaffnung kommt es sehr auf die verständige und gutwillige Mit­wirkung der Bevölkerung an. Alle wüsten verstehen, daß das Versteckspiel mit den Waffen zu nichts Gutem führen kann, wohl aber zum Verderben. Und wenn die Verminderung der Reichswehr jetzt in beschleu­nigtem Tempo durchgeführt werden muß, so ergibt sich daraus die Verpflichtung aller braven Bürger, ihrerseits alles zu vermeiden, was ordnungsgefährlich werden könnte.

Die Bergarbeiter für daS Kohlenabkommen.

Nach einer Mitteilung im Reichskabinett haben die Vorstände der Bergarbeiterverbände des Ruhr­reviers sich für die Erfüllung des Spaer Kohlen» abkomme ns ausgesprochen. Die weiteren Verhand­lungen beginnen Freitag in Berlin.

Eine schrfftliche Zusage Lloyd Georges.

Reichsminister Dr. Simons hat in Spaa daraus bestanden, daß ote ihm von Lloyd George gemachte Zusage, wonach die deutsche Forderung aus Mehrbe- Ueferung mit oberschles »scher Kohle berücksichtigt werden soll, ihm auch schriftlich ausgefertigt werde. Infolgedessen hat vor der Abreise der deutschen Dele­gation in Spaa der Generalsekretär der Konferenz dem Reichsminister des Auswärtigen eine Abschrift des Protokolls über die betreffende Unterredung über- reicht. _

Das Schicksal des deutschen Ostens.

Der Vorsitzende der Interalliierten Kommission in Marienwerder, Pavia, reiste am Montag nach Paris, um dem Obersten Rat den im Friedensvertrag vor­geschriebenen Bericht über das Abstimmungsergebnis rm deutschen Osten zu erstatten. In den letzten Tagen und Nächten ist an dem Bericht ununter­brochen gearbeitet worden, und man darf hoffen, daß der 'Oberste Rat dem durch die Abstimmung kundgegebenen Willen der Bevölkerung gerecht werden wird. Die Interalliierte Kommistion will die Ent­scheidung möglichst beschleunigen.

Deutsche Not im Osten.

Mehr als 1500 deutsche Männer, die aus dem an Polen abzutretenden Soldauer Gebiet in den letzten Wochen flüchteten, sowie Hab und Gut und ihre Angehörigen verlassen mußten, um der rechts­widrigen EinziehungzumpolnischenHeeres- dienstznentgehen, haben an den Oberpräsidenten die dringende Bitte gerichtet, alles daran zu setzen, um Soldau und Umgegend, und einen Teil des ehemaligen Kreises Neidenburg, für Deutschland zu retten. In dem Gesuch heißt es: „Im Kreise Neidenburg stimmten 98,5 Prozent für Deutschland. Das Soldauer Land ist noch heute nach dem Willen der Bevölkerung treu deutsch und wird es bleiben. Wir werden uns nie dem polniichen Joch fügen. Helft uns! Rettet uns aus unserer großen Not!"

Prinz Joachims Ende.

Wie die ärztliche Untersuchung der Leiche des Prin­zen Joachims ergeben hat, ist der Schuß durch die rechte Lunge gedrungen nud hat das Herz verletzt. Der Ner­venzusammenbruch des Prinzen, auf den schließlich der Selbstmord zurückzuführen ist, machte sich in seinen An­fängen schon in den letzten Kriegsjahren geltend und kam mit der Revolution völlig zum Ausbruch Der Prinz litt an Schwermutsanfällen und fixen Ideen, von denen er nicht abzubringen war. Seine Gattin, eine Prinzessin Anhalt, verließ ihn vor einem Jahre, weil mit ihm gar nicht mehr auszukommen war. Sein Leiden wurde immer schlimmer, bis es jetzt zu diesem tragischen Ausgang kam.

Die „Befreier der Well".

Der allgemeine Ausstand Asiens gegen England und Frankreich.

Nm die Welt vom deutschen Militarismus zu be­freien, sind angeblich England und Frankreich in den Krieg gezogen. In Wahrheit aber handelte es sich darum, den deutschen Konkurrenten zu vernichten und sich in die Deute und in den Rest der Welt zu teilen. Das starke Deutsche Reich, der einzige wstkliche Schutz der Freiheit der kleinen, schwa­chen Nationen, ist jetzt zerstört und nun können sich die Geier auf den Rest der Welt stürzen. Aber die Tei­lung der Beute ist in Wirklichkeit doch nicht so leicht, wie man sie sich vorstellte, die „befreiten" Völker haben gemerkt, daß sie vom Regen in die Traufe geraten sind und so ist in ganz Asien eine Aufruhr- bewezung aufgeflammt, die immer weiter um sich greift. Ueberall, in Aegypten, Palästina, Syrien, Arabien, Persien, Afghanistan und Indien brennt es. Borläufig fehlt es nur an der großen, einigenden und leitenden Kraft, aber da Deutschland dem Kriege zum Opfer gefallen ist, scheint es so, als ob Sowjetrußland diese Rolle übernehmen wolle. Auf jeden Fall haben England und Frankreich hier schwer zu kämpfen.

(Ein Ultimatum an die Türkei.

Der „Friedens"-Vertrag der Entente mit der Türkei ist von der Türkei bekanntlich immer noch nicht ratifiziert worden. 3m Gegenteil haben die türfi« schm Nationalisten unter Mustafa Kemal Pascha in Anatolien von der regulären türkischen Regie­rung losgesagt, eine eigene Regierung erklärt, und im Bund mit Sowjetrußland den „Heiligen Krieg" gegen die Entente ausgenommen.

Unterdessen suchte die schwache Konstantinopler Re­gierung von der Entente auf diplomatischem Wege für ihr Land zu retten, was irgend zu retten ist. Ver­gebens. Auf die türkische Note betr. den türkischen Friedensvertrag haben die Alliierten eine Antwort er­teilt, m der es abgelehnt wird, die Bestimmungen betr. Thrazien, Smyrna und die syrische Grenze oder Armenien abzuändern. Sie machen nur eine Anzahl weniger wichtiger Zugeständnisse. Die vorliegende Ant­wort besagt ferner: Wenn die Türkei es ablehnt, den Friedensvertrag zu unterzeichnen, oder nicht imstande ist, in Slnatolien ihre Autorität wiederherzustellen.

„Du denkst doch nicht, daß ich das Geld behalten werde!" brauste Isolde, dunkelrot im Gesicht, auf, als die Hosrätin etwas von „immerhin anständiger Versor­gung" murmelte. „Selbstverständlich schicke ich es ihm sofort zurück nud lehne weitere Sendungen als Belei­digung ab! Ich liebe Georg und habe nichts wirklich Schlechtes getan. Er aber tut, als dürfe er mich ver­achten wie ein verlorenes Geschöpf, dem man gnädig Geld bietet, damit es nicht Hungers stirbt!"

Die Hofrätin war ganz verdutzt über diese Auffas­sung und gab sich alle Mühe, sie zu bekämpfen .

„Du mußt doch auch ein wenig an die Zukunft den­ken, Isolde! So lange Papa lebt, hat es ja keine Not. Aber später —"

„Meinst Du, daß ich je daran dachte, mich dauernd auf die faule Haut zu legen und von Euch erhalten zu lassen!" unterbrach sie Isolde, sich stolz aufrichtend. „Ein solches Leben wäre mir unerträglich. Ich muß etwas haben, das mich ausfüllt. Einen Beruf, der mich Tag und Nacht in Atem hält, damit ich vergesse, was ich verlor!"

„Aber Du bist doch für keinen bestimmten Beruf ausgebildet."

„Leider! Doch läßt sich dies nachholen. Ich habe mir auch bereits einen Plan gemacht: Ich werde tun, was die junge Gräfin Artens tat, als voriges Jahr ihr Mann starb . . ."

„Um Gottes willen — Du willst doch nicht auch Rotekreuzschwester werden? Du, Isolde!" unterbrach sie die Hofrätin erschrocken.

„Ich war bereits im Nudolsinerhaus, Mama, und habe mich angemeldet," sagte Isolde ruhig. „Ich sprach auch mit der Gräfin Artens. Sie fühlt sich so glücklich in ihrem Beruf, wie jemand, der für sich selbst alles Glück verlor, es überhaupt fein kann!"

„Aber Du mochtest Kranke doch nie leiden! Du — verzeih, Isolde, daß ich es ausspreche, aber gerade Du zeigtest immer wenig Interesse an den Leiden anderer. Dir waren fremde Menschen überhaupt gleichgültig."

„Darin habe ich mich auch geändert. Ich spiegle nie- manb vor, daß ich aus erhabenen Gründen Rotekreuz­schwester werde. Ich tue es nur aus innerer Verzweif- lung und weil ich keinen besseren Weg weiß, mich so­fort, ohne Vorbereitung, in ein Meer verantwortungs­voller, den ganzen Menschen abfnrhierenben zu stürzen . .

Sie wandte sich plötzlich leidenschaftlich aufschluch­zend ab.

„Nein! Redet mir nicht ab! Ihr alle wißt ja nicht, wie es in mir aussiehi . . . wie Reue martern kann . . . und die Erkenntnis, gedankenlos am Glücke vor­über gegangen zu sein. ... es verscherzt zu haben auf immer! Ich habe nur mehr den Wunsch fortzukommen von allem, was bisher meine Welt ausmachte, mir ein neues Dasein, eine neue Welt zu schaffen — anders kann ich nicht weiterleben!"

Es war das erstemal, daß Isolde ihre Mutter einen Blick in ihr Inneres tun ließ, und die Hofrätin erschrak vor der leidenschaftlichen Gewalt dieses Schmerzes, dem sie machtlos gegenüberstand.

Trotzdem bemühte sie sich den ganzen Tag über, Isolde von ihrem Entschluß abzubringen. Alle wurden zu Hilfe gerufen, der Hof rat, Freunde des Hauses, so­gar der alte Hausarzt, der bestätigen sollte, daß Isolde physisch gar nicht geeignet für einen so schweren Beruf wäre.

Aber alles blieb vergebens. Isolde sichtete schweigend ihre Garderobe, packte und erklärte, schon am nächsten Morgen in das Rudolfinerhaus übersiedeln zu wollen.

Abends machte die Hosrätin noch einen letzten Ver­such, indem sie Wera aufforderte, Isolde von ihrem Ent­schluß abzureden. Denn die Schwestern, die einander früher so wenig verstanden, hatten sich in der letzten Zeit sehr aneinander geschlossen.

Aber Wera lehnte ab. Erstens fand sie Isoldes Entschluß sehr begreiflich, zweitens hatte sie den Kopf voll mit anderen Dingen.

Lou machte ihr immer größere Sorgen. Sie sah manchmal erschreckend spitz und mager aus und war dabei von einer unheimlichen Lebendigkeit. Alles, was es nur gab, jeden Wohltatigkeitstee, jede Premiere, jedes Rennen im Prater mußte mitgemacht, jede Ein­ladung angenommen werden. Und es gab deren viele, feit in den Zeitungen so viel die Rede war von Ro­lands „Samson".

Man huldigte schon im Vorhinein der Frau des ausgehenden Sternes, und Lou war sehr bereit, den Ruhm ihres Mannes pränumerarisch zu genießen.

So war man den ganzen Tag fast unterwegs. Ro­land sah Wera in diesen Wochen nur flüchtig auf Augenblicke. Auch er war beinahe immer in Anspruch genommen, teils in der Redaktion, teils auf Proben,

dann werden die Alliierten sich möglicherweise ge­zwungen erachten, die für Konstantinopel getroffene Regelung in der Weife abzuändrrn, daß die Türken endgültig aus Europa vertrieben wer­den. Den Türkm n für die Unterzeichnung eine Frist bis zum 27. Iu- zugestanden.

Was nützt aber bk Unterschrift der türkischen Re­gierung unter dem „Friedens"-Vertrag, wenn sie von den Türken selbst nicht anerkannt ist. Vorläufig sind die türkischen Nationalisten noch vollkommen frei und es ist noch keine Aussicht, daß sie so bald geschlagen werden könnten, denn ihr Rücken ist durch Sowjet- Rußland gedeckt, das r"en einen starken Rückhalt zy geben vermag.

Frankreichs Krieg gegen (Emir Fessal.

Ueber Syrien sollte Frankreich das „Mandat" bekommen. In Wirklichkeit herrscht dort aber der Araberführer Emir Fesial. Fesfal hatte während de» Krieges mit den Arabern gegen die Deutschen und Türken gekämpft, wofür Syrien als u n ab h ä n g i - g e r S t a a t von England und Frankreich anerkannt wurde. Jetzt will Frankreich aber das ganze Land in die Tasche stecken, hiergegen wehren sich die Araber. Fessal hat sich zum König von Syrien ansrufen lassen und leitet den Kampf gegen Frankreich. Erst vor wenigen Tagen Hot ihm Frankreich ein Ulsiniatum ge­sandt, in dem gesagt wird, daß Frankreich beabsichtige, die Eisenbahnen in Syrien zu übernehmen, ferne Haupt­stadt Damaskus zu besetzen und die Verwaltung über Syrien mandalsweise zu übernehmen. Feffal hat dieses Ultimatum vollkommen unbeachtet gelassen und bereitet sich zum Kampfe vor. 80 000 Mann fran­zösischer Truppen unter General Gourauds Führung befinden sich aus dem Wege nach Damaskus, wo vier syrische Divisionen stehen. Es ist mehr als wahr­scheinlich, daß Fessal mit Mustafa Kemal gemeinsame Sache macht.

Von Arabien Ms Persien.

Im Inneren des südlichen Asiens herrscht überall offener Aufstand gegen England und Frankreich, m Arabien, Mesopotamien und Persien hat die Bevölkerung zu dem aufreibenden Mfftel des Kleinkrieges gegen die weit verstreute englische und französische Besatzung gegriffen. Ueberall sieht man, wie die Bolschewisten, die bis Indien und Afghani­stan ihre Fühler ausstrecken, Fäden anknüpfen.

In dem von England schwer geknebelten A e g y p- t e n glimmt in aller Stille unter der Asche das Feuer des Aufruhrs weiter. Der Engländer wendet rück­sichtslos alle Unterdrückungsmaßnahmen an, dennoch vermag jeden Augenbsick das Pulverfaß zum Platze» zu kommen.

Deutsches Reich.

** Berlin, 19. Juli. Ter Zentr umsabgeordnete Strzoda, Bauerngutbesitzer in Müllmen (Str. Neustadt), hat sein Mandat als Reichstagsabgeord­neter niedergelegt. An seine Stelle tritt der Tischler und Stadtrat Kubetzko (Gleiwitz), der bereits Mit­glied der Nationalversammlung war. — Im Alter von 62 Jabren starb der ehemalige nationalliberale Reichstagsabg. Felix Marquart, Direktor des Verbandes deutscher Handlungsgehilfen.

* Das unerschöpfliche Füllhorn. Die „Münchener Ztg." meldet aus Berlin, daß am 15. Juli an Bank­noten und Darlehnskassenscheinen 68,5 Milliarden auSgegeben waren gegenüber 50,3 Milliarden am 1. Januar dieses Jahres.

Kurland.

** Der russische Vormarsch. Der russische Heeres­bericht vom 14. Juli meldet den Uebergang der Russen über die Wilija und die Ueberschrei. tung der alten deutschen Stellungen bei Molodetschno. — Aus Warschau wird gemeldet: Die polnische

teils durch den Verkehr mit allerlei Berühmtheiten, zu dem Winnhold ihn zwang.

Run wirtschaftete sie mit Betty und einer Schneide­rin herum htnt-r verschlossenen Türen.

Wera, die ein ganz einfaches Kleid trug, saß indessen wartend im Eßz nimer. Sie hatte den ganzen Tag not Aufregung kaum gewußt, was sie tat und sprach. Würde er Erfolg haben? Und wenn nicht — wie würde er es tragen' Vielleicht erwartete das Publikum zu viel unb war darum zuletzt enttäuscht? Die Zeitungen hat­ten ja in den letzten Tagen durch allerlei geschickt stili- fierte Notizen die Erwartungen fo hoch gespannt . . •

Da trat Roland ein. Wera erschrak, als sie in sein Gesicht blickte, bas so bleich unb vergrämt aussah. Die Schrift vieler heimlicher Leiben hatte ihm einen ganz fremden Ausdruck gegeben. Etwas zugleich Verfallenes unb unruhig Gespanntes. Unb bie schönen Träumer­augen sahen so mübe aus — ganz erloschen.

„Ist Ihnen nicht wohl?" fragte Wera bestürzt.

„Doch. Aber ich fühle eine unerklärliche Bangigkeit in mir . . . gerade fo, als ob alles schief gehen würde!"

„Nein! D^ran dürfen Sie nicht einmal denken! Wie könnte es denn auch? Dieses herrliche Stück! Unb alle Welt ist ja schon gespannt barauf . . ."

„Eben barum. Man hat vielleicht zuviel getan. Da­kann einen um so stärkeren Rückschlag geben." “

Er sprach aus, was sie eben zuvor gedacht. Wieder einmal hatten ihre Seelen das gleiche empfunden. Trotzdem bemühte sie sich nun aus allen Kräften, ihm diese Sorge auszureben.

Rolanb lieh nä) mit einer müben Bewegung in bet» nächsten Stuhl fallen.

„Es ist nicht bas allein," sagte er bumpf. „Aber bieser „Samson" ist ja gar nicht mehr mein Stück! Wenn Sie wüßten, Wera, was ich alles streichen unb änbern mußte! Leben Tag hieß es: Das ist nicht bühnentechnisch! Das muß packenber sein! usw. 6c viel Feinheit gin, babei verloren . . . so viele Heber- gänge würben verwischt! Fast nur bie Hanblung blieb,"

„Aber vielleicht mußte bas so fein?"

„Möglich. Ich weiß gar nichts mehr, als bah ich biefen „Samfo i" — anbers träumte! Jetzt habe ich das Gefühl, als fei alles elende Stümperei . . ."

„Was sagt denn Winnhold?"

^Fortsetzung folgt)'