Nr. 163.
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Samstag, 17. Zuli 1920.
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47. Zahrg.
Die Entscheidung in Spaa.
Unterzeichnung des Kohlen-Abkommens. Ablehnung -er Einmarschklausel. Zugeständnisse für Oberschlesien.
Tie Konferenz von Spaa ist gestern geschlossen worden, nach in der Kohlenfrage das Abkommen unterzeichnet worden war. Im einzelnen wird gemeldet :
wtb Spaa, 16. Sufi. (Amtlich.) In der heutigen xollfitzung der Konferenz hat die deutsche Delegation sie Forderungen der Entente in der Kohlenfrage angenommen und unterzeichnet, nachdem in der eberschlcsischen Kohlenverteilungsfrage eine Berücksichtigung der deutschen Forderungen in Aussicht gestellt worden war und unter aus- drücklicher Ablehnungdes§7des Vertrages, der die Cinmarschklausel enthält.
Die Beramng der Wiedergutmachungs- frage wurde auf eine neue Konferenz, die in einigen Wochen in Genf stattfinden soll, vertagt.
Spaa, 16. Juli. Herr Dr. Simons hat nach der Sitzung die noch hier verbliebenen RegierungsmitgUs- der, Sachverständigen und Pressevertreter um sich ver- fantmelt und mit ernsten Worten den Verlauf der ent- scheidenden Sitzung geschildert: Es war ein gewaltiges Ringen. Die Alliierten versuchten ihre in der Antwort. auf die deutschen Vorschläge niedergelegten sieben Punkte einschließlich der militärischen Einmarsch- 'Häufel mit allen Mitteln zu verteidigen. Aber cs ist der deutschen Delegation nach stundenlangem Kampf gelungen, diese lebensgefährliche, Deutschland aus Schritt und Tritt bedrohende Klausel aus dem Der- trag über die wirtschaftlichen Grundfragen hinauszudrängen. Darin liegt ein großer politischer und noch größerer moralischer Erfolg der deutschen Delegatton. Es ist auch von großem praktischem Wert, daß inbezug .auf die oberschlesische Kohle „frage, in der zwar Deutschland nicht das erreicht hat, was es zu erreichen wünschte, aber doch eine Bindung der Kon. ferenz in einer von Lloyd George klar formulierten Deutschland günstigen Weise erzielt werden konnte. Die deutschen Vertreter haben ihr Bestes getan, um auch Oie übrigen Punkte des Kohlenabkommens im Sinne neu formulierter Abänderungsvorschläge abzuwandeln, aber sie stießen damit auf unüberwindlichen Widerstand. Die Aufgabe der deutschen Delegation in Spaa war nicht zu lösen, wenn sie sich ausschließlich wirtschaftlichen Er- wägungen anvertraute, ohne sich bewußt zu fein, daß diese Konferenz eine durchaus politische Angelegenheit fei. In den allerletzten Tagen hat die deutsche Delegation den Weg zur Politik gefunden und hat damit ein Ergebnis erzielt, das gewiß in wirtschaftlicher und finanzieller Beziehung den allerschwersten Bedenken ausgesetzt ist, das aber zugleich geeignet ist, Deutschland einen kräftigen Schritt im Sinne der allmählichen Umgestaltung und Ordnung der chaotischen Verhältniste, die durch den Vertrag von Versailles herbeigesührt sind, vorwärts zu bringen. Dr. Simons hat heute abend den Erfolg der Kohlen- id e b a t t e darin gesehen, daß Deutschland, wenn auch um einen teuren Preis, sich die Sicherheit vor einem neuen Einmarsch erkauft habe, fieber das Ergebnis der ganzen Tagung fällt er das Urteil, daß sehr erhebliche Verbesserungen im Vergleich zum Vertrage von Versailles erzielt worden feien, .daß aber der Hauptwert der Verhandlungen und insbesondere des letzten Sitzungstages auf moralischem Gebiet liege. Der moralische Erfolg Deutschlands ist in der Tat groß und wird uns bei den nächsten Konseren" zen in Genf und Brüssel und wo sonst immer zugute kommen. Aber es kann schon heute stark betont werden, daß der Unterschied zwischen der Lage, in die Deutschland durch den Friedensvertrag versetzt worden
Fordernde Liebe.
Roman von Erich Ebenstein.
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Da stand er plötzlich vor ihr, einen wundersamen Glanz in seinen Träumeraugen. Er war ihr in die Küche gefolgt, wo sie eben das Abendbrot vorbereiten wollte, da die Magd einen Einkauf zu erledigen hatte.
»Ich wollte es Ihnen nur sagen, da ich weih. Sie wachen sich Sorgen um mich," sagte er, mit wunderbarem Instinkt Ihre Gedanken erratend. »Es wird mir io so leicht fein! Alles ist mir leicht jetzt, wo ein stiller Stern Kraft und Leben spendend über meinem Dasein leuchtet! Glauben Sie mir: für Menschen wie mich be« beutet der Leib gar nichts, die Seele alles! Wenn d i e bur im Lichte wandelt, dann mag man mit dem Leib tofangen, was man will, es bringen weder Schmerzen, »och Entbehrungen ins Bewußtsein. Und dann: all diese kleinen Unbequemlichkeiten sind so belanglos gegen das broße befriedigende Gefühl, damit ein anderes Wesen Slücklich zu machen! Nicht wahr, das begreifen Sie, benn Sie wandeln ja denselben Weg?"
Wera nickte stumm.
5m stillen aber dachte sie immer noch bitter gestimmt: •5a, aber mir ist es zuweilen, als wandle ich dabei über Dornen und Glasscherben! Denn ich habe keine Dich- lerseele wie Du, sondern nur ein armes Frauenherz, “Os in Scheidemünze für andere verzetteln muß . . . was es Dir mit vollen Händen geben möchte und nicht borf ... nie darf! . . ."
5m nächsten Augenblick raffte sie sich energisch auf "bd schüttelte die weiche Stimmung ab.
Lous Lockenköpfchen guckte zur Küchentür herein und Gr schmeichelndes Sümmchen bettelte: „Mütterchen ®*ra, willst Du mich heute verhungern lasten? Ich Uerb» schon fast vor Hunger! Und bitte, sei doch splen-
gib uns heute, Rollys Erfolg zu Ehren eine Flasche Sett! Ja — willst Du?"
»5n Gottesnamen, Du kleine Verschwenderin. Aber “Onn keinen mehr bis zur Aufführung des „Samson"!
25.
Aus der geplanten Reise der Halmenschlags zu Ostern wurde nichts. Wera erklärte, um keinen Preis von Wien b°Azugehen, ehe die Erstaufführung des „Samson" vor- er war, die eine Woche nach Ostern, am 16. April, Nfinben sollte. -
ist, und den Stand, der nun in Spaa erzielt werden konnte, sehr bedeutend ist. Man darf nur das Erreichte nicht deshalb gering einschätzen, weil es hinter dem Erhofften oder bester gesagt hinter dem Wünschens- werten so weit entfernt bleibt. Die deutschen Delegierten können diese Stadt «erlasten mit dem Bewußtsein, das Beste erzielt zu haben, was unter den heutigen Verhältnissen zu erzielen war. War es nicht allzuviel — mehr war fürs erste unmöglich! Die Revision des Friedensvertrages von Versail-. les ist ein unendlich langer und mühseliger Weg. Wir haben einen wichtigen Abschnitt zurückgelegt.
Was die Zustimmung bedeulel.
Unsere Vertreter in Spaa haben in überaus mühseliger Arbeit manchen Erfolg für Deutschland erzielt. Die durch erpresserische Bedrohung erfolgte „Verständigung" ist nichts desto weniger für uns furchtbar.
Durch die Unterzeichnung der von den Alliierten vorgelegten Festsetzungen hat die deutsche Delegation sich bereit erklärt, die Verpflichtung zu übernehmen, vom 1. August ab auf vorläufig sechs Monate den Alliierten monatlich 2 Millionen Tonnen Kohle zur Verfügung zu stellen. Zwei Millionen Tonnen Kohlen im Monat sind ein Fünftel dessen, was überhaupt auf deutschen Zechen gefördert wird und rund ein Drcktel von dem, was noch übrig bleibt, wenn wir Eisenbahnen, Schisfahrt, Gas-, Wasser- u. Elektrizitätswerke usw versorgt haben. Für Hausbrand, Industrie und Landwirtschaft stehen uns dann also nur noch 4 Mill. Tonnen zur Verfügung.
Es liegt auf der Hand, daß bei einer solchen Kürzung unserer Kohlenraiion die deutsche I n d u st r ie sowohl, wie auch jeder einjelne deutsche Privat- Haushalt auf das allerschwerste getroffen werden wird. Wir werden eine Stockung im idustricllen und sonstigen Wirtschaftsleben durchmachen müssen, die alle bisherigen, schon so tief einschneidenden Störungen in ihren Folgen und Wirkungen west hinter sich lasten. Schon bisher haben wir nur unter den größten Selbstemschränkungen Kohlen an das Ausland liefern können und haben trotz aller Anstrengungen im günstigsten Monat (Mai) es nur auf 962 000 Tonnen gebracht. Künftig soll es mehr als das Doppelte fein! Und wir müssen uns darauf gefaßt machen, nicht eher ein Stück Kohle für unsere eigenen Bedürfnisse zu erhalten, als bis die letzte französische Forderung erfüllt fein wird. Wir werden im kommenden Winter nicht nur hungern, wir werden auch frieren müssen!
Aber was kümmert das die Entente! Sie will ihre Kohlen haben, was danach aus Deutschland wird, ob die ohnhin schon unter einer Wirtschaftskrise stehende deutsche Industrie dadurch zu neuen verhängnisvollen Einschränkungen gezwungen wstd, ob die Arbeitslosigkeit dadurch weiter ms Riesenhafte gesteigert würde, darüber lassen sie sich keine grauen Haare wachsen.
Die deutsche Delegation hatte für die Annahme der 2 Millionen Tonnen ein paar Milderungen ausbedungen. Die Antwort der Alliierten hat diese Milderungen, so weit sie wesentlich sind, ab gelernt. Die deutsche Delegation hacke zunächst gewünscht, daß die in der vorigen Woche verlangte sog. Decision zmückgenommen würde, die den unbedingten Vorrang aller deutschen Kohlenförderungen für den Verband, besonders für Frankreich und, die Einsetzung einer besondern Kontrollkommission in Berlin verlangt. Die Kontrollkommission wstd uns nun in einer Delegation der Wiedergutmachungskommission doch aufgezwungen. Die Entente will sich nur zu unwesentlichen Milderungen in den Befugnisten des von ihr verlangten Organs verstehen. Sie denkt jedenfalls nicht daran, unsere Unabhängigkeit und Selbständigkeit zu respektieren. Wir hatten ferner den Vorschlag gemacht, die deutsche Kohlenbeliefe-
Auch Daniela war, trotz aller Briefe der Hosrätin, nicht zu bewegen, St. Kathrein zu verlassen. Sie schrieb auch offen ihre Gründe dafür.
„Ich bleibe hier, weil die Einsamkeit und Stille mir unsäglich wohl tun und weil ich das Glück habe, nur ganz mir selbst überlassen, mir einen Plan für mein künftiges Leben zurechtlegen zu können. Aus diesem Grunde bitte ich Dich auch, liebe Mama, mich nicht hier aufzusuchen. Ich bin gesund und ihr braucht euch über mich keine Sorge zu machen. Martha sorgt wie eine Mutter für mich."
Auch Isolde wollte von Reisen nichts wissen. Sie lebte zurückgezogen wie eine Nonne in ihrem alten Mädchenstübchen, ging selten aus und erschien nie, wenn die Hosrätin Besuch erhielt, was übrigens nicht oft der Fall war.
Denn feit die Hofrätin aus Scham über Isoldes Unglück nicht mehr in Gesellschaft ging, schien man auch sie vergessen zu haben. Nur wenige alte Freunde suchten sie zuweilen noch auf und plauderten bei einer Tasse Tee ein Stündchen mit ihr.
Uebrigens empfand sie dies Dergestenwerden durchaus nicht schmerzlich. Es war soviel über sie hingebraust, das sie von Grund aus verändert hatte und an dis Geselligkeit früherer Tage nur mit Bitterkeit zurück- denken ließ.
Wie wenige von all diesen Menschen, die früher einen so glänzenden Kreis um sie gebildet, hatten sich im Unglück wirklich als Freunde bewährt! Das kam ihr immer mehr zum Bewußtsein. Nein, es stand wirklich nicht dafür, diesen Leuten Zeit, Gbld und Bequemlichkeit zu opfern. Und daheim war es nun, trotz Isoldes kummervoller Miene, viel gemütlicher, als die Hofrätin e für möglich gehalten hätte.
Ihr Mann war lange nicht mehr so viel im Institut drüben wie früher und saß gerne plaudernd zwischen Frau und Tochter in der behaglichen Kaminecke des Eßzimmers. Besonders abends war es staulich, wenn aüch Wera dabei war.
Der Hostat durfte nun sogar im Eßzimmer rauchen, und die Hostätin hatte plötzlich entdeckt, daß die blauen wunderlich gekräuselten Rauchwolken eigentlich allerliebst seien und entschieden die Gemütlichkeit verstärkten.
Ja, es wäre alles schön gewesen, wenn man eben die Sorge um die Zukunft Isoldes und Danielas nicht gehabt hätte ., „ ,
rung aus Oberschlesien von 1,2 Millionen ■ Eine deutsche Entschuldigung.
Tonnen monatlich auf 1,5 Millionen Tonnen zu er- I Den Bemühungen der Polizei ist es gelungen, den höhen. Seit Ende April ist uns ja die Verfügung I Täter, der die Fahne von der französischen Gesandt- iiber die oberschlesische Kohle genommen; eine Ver- I schäft am 14. Juli herab geholt hat, zu ermitteln und Verordnung der Abstimmungskommission der Entente festzunehmen. Der Täter ist geständig. (£? handelt
in Oppeln hat damals ohne jede Rechtsgrundlage I sich um den 21jährigen Montagearbeiter Paul Karze-
einen Verteilungsschlüssel festgesetzt, wonach aus der I minsli. Der preußische Minister des Innern entließ oberschlesischen Kohle zunächst Polen, Deutsch-Oester- I zwei für die Unzulänglichkeit der getroffenen Sicherreich, Italien, die Eisenbahnen und Oberschlesien selbst I heitsmaßuahmen verantwortliche Beamte aus dem zu beliefern sind und Deutschland erst an sechster Stelle I Dienste.
kommt, die je nach der Förderung ganz oder zum I Der Staatssekretär im Auswärtigen Amte und der
größeren Teile ausfällt. Unser Verlangen geht dahin, I Stellvertreter des Polizeipräsidenten statteten gestern daß uns die Verfügung über die oberschlesische Kohle I Mittag in der französischen Botschaft einen Besuch ab, zurückgegeben ober uns doch der monatliche Bezug I um wegen der Verletzung der französischen Flagge amt» von mindestens 1,5 Millionen Tonnen gewährleistet I sich ihr Bedauern auszusprechen. Um 1 Uhr wurde werde. Nach den heutigen Meldungen aus Spaa I die Flagge auf dem Botschaftsgebäude gehißt. Eine scheint die Entente auf die Erhöhung dieses Konfin- I Kompanie Reichswehr erwies internationalem Brauche gents eingehen zu wollen. In ihrer Antwortnote gemäß Ehrenbezeugung.
hatte sie nun zugestanden, daß sie uns eine Vertretung I Die Genugtuung, die nun Deutschland gegenüber der in der Kommission gewähren will, der die Verteilung I Verletzung der französischen Flagge durch den Dummen» der oberschlesischen Kohle obliegt., Wenig Entgegen- I jungenstreich vom 14. Juli geben mußte, hielt sich an bis kommen zeigte bie Entente auch in der Preisbe- I Vorschriften unb Forderungen des internationalen Rech- Messung. Wenn bie Kohlenlieferung an die En- I (es. Man sieht wieder, wie durch Unbesonnenheu, um tente nicht von vornherein unsere ganze Wirtschaft feinen schärferen Ausdruck zu gebrauchen, einzelner erwürgen soll, so gibt es nur einen möglichen Weg: weniger, die den Ernst der Sage noch nicht begriffen Erhöhung und Förderung. Die aber ist teuer. Denn I haben, das ganze Volk einer Demütigung unterworfen sie setzt ferner bessere Ernährung der Bergarbeiter I werden kann.
voraus, damit sie den Mehranstrengungen gewachsen I ■
werden. Sie setzt schließlich die Heranziehung neuer Arbeitermassen ins Ruhrrevier voraus unb bafür eine Wohnbautätigkeit allergrößten Stiles mit riesigen Kosten. Darum hat bie beutsche Delegation vorgeschlagen: es solle für bie gelieferte Kohle der Weltmarktpreis angerechnet werden, wobei der Betrag des Inlandspreises uns auf Wiedergutmachungskonto abge
geben, der Rest aber uns in bar zur Verfügung gestellt werden solle, und es sollten uns ferner Vorschüsse für Einfuhr von Lebensmitteln unb Rohstoffen gewährt werben, um uns damit wirtschaftlich leistungsfähig für so ungeheure Opfer zu machen. Und die Antwort der Alliierten? Sie wollen uns für die Kohle den Inlandspreis unb dazu eine Prämie von 5 Goldmark für bie Tonne zahlen, die Differenz bis zum Weltmarktspreis aber soll uns nicht ausgezahlt werden, sondern sie soll nur der Vorschuß sein (ein Vorschuß, den wir natürlich später zurückzahlen müssen!), aus dem wir unseren ersten Einsuhrbedarf decken sollen. Run ist nach fachmännischen Angaben der Preis zum Beispiel für bre Tonne guter Fettkohle im Inland zur Zeit etwa 230 Jl (bis zum deutschen Ruhrhafen 25 mehr), der Weltmarktpreis (englischer Hafen) aber 1125 M, und die 5 Goldmark bedeuten einen Zuschlag von 42 J*. unserer Währung! Das ist ein Geschäft, bas bei monatlich 2 Millionen Tonnen die Entente da macht. Die Mehrkosten für bie Ententekohle müßen bann natürlich auf den Inlandspreis geschlagen werden, jetzt, wo wir nichts so bringend brauchen wir einen Abbau der Preise. Die Folgen für bie Finanzen und für die Währung ergeben sich Gleichfalls.
Die angebrohte Besetzung neuer Teile von Deutschlands, bes Ruhrgebiets ober irgend eines anderen Teils für ben Fall, daß die Gefamtlieferung für August, September und Oktober die 6 Millionen Tonnen nicht erreicht hat, haben unsere Unterhändler ab« gelehnt zu unterschreiben. Ob uns damit geholfen ist? Ausgeführt wird sie ja doch wohl, wenn die volle Kohlenlieferung nicht möglich ist.
Die Erpressung ist wieder einmal gelungen. Wir haben das Diktat mit einigen Milderungen annehmen müssen unb es bleibt uns nichts übrig, als Kohlcnmen- gen abzuliefern, die für uns unentbehrlich zum Leben sind, als bie ungeheuerlichsten Anstrengungen zu machen. um die Kohlenförderung zu heben. Es kann leicht fein, baß eine Zett für uns beginnt, welche die Leiden die wir bisher schon zu tragen hatten, um ein vielfaches noch vergrößert.
Aber bie lastete so schwer auf der Hofrätin. Sie waren doch beide noch so jung — sollte ihre Liebe wirklich schon abgeschlossen sein?
Ohne daß je davon gesprochen worden wäre, ahnte die Mutter doch, daß beide in fieberhafter Angst und Sehnsucht auf irgend einen Schritt ihrer Gatten warteten, der vielleicht noch alles zum Guten lenken oder — wenigstens die Sage klären könnte.
Von Isolde wußte sie es bestimmt.
Aber weder Heidlof noch Diez rührten sich. Letzterer war in Doblowitz und für feine Bekannten wie verschollen. Von ersterem wußte man, daß er sich mit rastlosem Eifer in seinen Beruf gestürzt hatte. Immer häufiger wurde sein Name in der Oeffenllichkeit genannt. Bald erzählte man sich von dieser oder jener glänzenden Kur, die er gemacht, bald brachten die Leitungen Berichte über irgend eine neue geniale Operation, oder sie teilten mit, Dozent Dr. Heidlof „besten Name feit der verblüffend genialen Operation an einer jungen Lehrerin, die er dadurch dem sicheren Tode entrißen habe, mit Recht begonnen habe, weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus bekannt zu werden," sei da- oder dorthin zu hohen Persönlichkeiten berufen worden . . .
„Ja, sie hatte fein Glück begründet," dachte Daniela., die bei Renners alle Zeitungen zuerst las, dann schmerzlich. „Wie sollte er sie nicht lieben — schon aus Stolz und Dankbarkeit?"
Daniela hatte der Freundin mit keiner Silbe verraten was, sie nach St. Kathrein getrieben.
»Wenn Du mich lieb hast, frage nichts! Zwischen Egon und mir ist alles aus, mehr kann ich Dir nicht egen." Das war alles, was sie verstört herausbrachte, als sie fiebernd und halb von Sinnen bei Renners an« kam.
find Martha frug in der Tat auch nichts. Sie sah. daß Daniela krank war, und bemühte sich mit behut- amer Zärtlichkeit, die arme verirrte Seele allmählich wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Anfangs freilich ohne Erfolg. Daniela schloß sich cheu ab, verbrachte die meiste Zeit allein in ihrem r rundlichen Mansardenzimmer, besten Fenster einen herrlichen Ausblick auf Wald und Berge boten, unb 1 nahm an nichts Anteil, was im Haufe geschah. Selbst die Mahlzeiten nahm sie allein, weil es ihr peinlich war, mit Dr. Renner, ben sie kaum kannte, zusammenzutreffen.
Rußland und Polen.
Von englischer Seite wirb aus Spaa gemeldet, baß Moskau die Bedingungen Lloyd Georges betreffend einen Waffenstillstand mit Polen, mit einer Ausnahme angenommen hat: Die Sowjetregierung schlägt nämlich vor, baß die angeregte Konferenz nicht in Lonbon, fonbein in Brest-Litowsk abgehalten wirb. —
lieber bie militärische Sage wird von polnischen Seite gemeldet: Im Norden der Front aus die Linie Swienzjany —Kosywnieze—Plaffa haben hartnäckige Kämpfe stattgefunden. Die polnischen Truppen ziehen sich „planmäßig" zurück.
Weiter wird gemeldet, baß die Bolschewisten Wilna besetzt haben unb bis in die Gegend von Landwarowo vorgerückt sind, wo sie auf die litauische Armee stießen. Die Polen ziehen sich in der Richtung auf Varena und Grodno zurück. Zur Freigabe der Stadt Wilna an bie Litauer sind diplomatische Schritte eingeleitet worden.
Die englisch-russischen Wirtschaftsverhandlungen sind bekanntlich seit einiger Zeit unterbrochen, bo der Londoner russische Unterhändler Krassin nach Petersburg gefahren ist, um neue Informationen von der Sowjetregierung zu erhalten. Beide Staaten legen großen Wert auf bie Verhandlungen, deswegen hat England sie auch als Druckmittel benutzt, um Rußland zum Abschluß des Waffenstillstands mit Polen zu zwingen.
Krassin wird demnächst mit neuen Vorschlägen nach London kommen. Nach der ,Times' umfassen diese Vorschläge qnch das Angebot von Konzessionen für die Ausbeutung der Holzbestände und Bergwerke Rußlands durch ausländische Kapitalisten (worauf es England ja in erster Linie abgesehen hat.) Den Konzessionsinhabern soll die Ausfuhr der Erzeugnisse ihrer Unternehmungen gestattet werden. Der tm Lande verbleibende Ueberschuß ist durch die russische Regierung zu verteilen.
Rache für Ostpreußen.
Der in Bromberg erscheinende ,Dziennik Byd> I gaslt" bringt an der Spitze seines Blattes einen Artikel, in hem er in hervor gehobenen Druck schreibt:
„Auf keinen Fall werden mir die Abstimmungs- I komödie anerkennen, und in unserem polnisch en Gebiet werden wir den Deutschen dafür
Rach einer Woche aber ertrug sie die selbstgeschaffene Einsamkeit nicht länger und fing an, weite Spazier, gänge in der Umgebung zu machen.
Wenn sie sich recht müde gelaufen hatte, konnte sie wenigstens nachts wieder schlafen. Bei diesen Spaziergängen traf sie vielfach mit der Bevölkerung des ein- sarnen Gebirgsdorfes zusammen, mußte Auskunft über Wege verlangen und nahm sich ab unb zu einen Führer mit nach entlegenem Punkten.
Es tat ihr wohl, mit diesen einfachen Leuten zu plaudern, die nichts wußten von ihrem Leid und erfüllt । waren von der Sorge um das tägliche Brot. Dabei machte es sich wiederholt von selbst, daß die Rede metft auf Renners kam und sie erfuhr so, welche Bedeutung das Ehepaar in der ganzen Gegend befaß.
Fast jeder verdankte ihnen etwas, fast alle priesen sie als Wohltäter und Retter.
„Ja, unser Doktor! Das ist ein braver Herr! Sei» wir den haben, weiß unsereins, wohin es sich zu wenden hat! Der versteht seine Sache und ob nun einer zu Schaden gekommen ist bei der Arbeit oder es sonst nicht stimmt in Haus und Hof — bei dem klopft keiner vergebens an. Freilich die grau, das ist erst die Seele im Haus! Alle vierzehn Nothelfer zusammen können nicht mehr leisten als die!"
Staunend erfuhr Daniela, was ihre Freundin alles leistete. Nicht nur, daß sie ihrem Manne überall hals und die Apotheke fast allein über sich hatte, sie war auch wirtschaftlich überall der gute Engel. Schlichtete Streitigkeiten, versöhnte Feinde, pflegte Wöchnerinnen, überwachte das Armenhaus, teilte aus ihrem musterhaft bestellten Hausgarten Samen und Setzlinge aus, fang Sonntags beim Hochamt in der Kirche, lehrte die Bauersfrauen rationell Geflügel zu züchten und verschaffte ihnen Absatzquellen für ihre landwirtschaftlichen Produkte in der nächsten Kreisstadt.
Dabei hatte sie für jedermann stets ein freundlich ermunterndes Wort und wie Daniela bald selbst merkte, für ihren Mann einen Strom von Liebe, der warm das ganze Haus durchflutete.
Er aber — sonst ein stiller, ernster Mann, der zuweilen ein wenig an Heftigkeit litt — trug sie dafür auch auf dxn Händen und war sanft wie ein Lamm in ihrer Nähe.
Fortsetzung folgt!