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Verständigung in Span.

Die Gefahr des Wbruches der Konferenz und der tzefetzung des Ruhrgebiets ist wahrscheinlich beseitigt. Die deutsche Delegation hat am Donnerstag den Alliier­ten einen Gegenvorschlag gemacht, der zwar auf sechs Monate die Verpflichtung zur monatlichen Lieferung von 2 Millionen Tonnen übernimmt, gleich­zeitig aber das Diktat der von der Entente festgesetzten Lieferungsbestimmungen aus dem Wege zu räumen sucht- Di« bedrohliche Lage im Ruhrgebiet soll durch eine sofort zusammentretende gemischle Kommission in Essen geklärt werden. Ausreichende Lebensmittel- und Rohstofflieferungen sind dabei Voraussetzung. _ Die Differenz zwischen Weltmarkt- und Inlandspreis für Kohle soll der deuflchen Industrie bar bezahlt, der In­landspreis auf Wiedergutmachungskonto verrechnet werden, lieber die Verhandlungen wird berichtet:

Spaa. 15. Juli. Die Ereignisse nahmen folgenden Verlauf: Gestern abend 6 Uhr unterzeichneten die Alliierten eine Vereinbarung über den Einmarsch ins Ruhrgebiet zum Zwecke der Erzwingung der Lieferung von monatlich 2 Millionen Tonnen Kohlen. Graf Ssorza machte über den Beschluß der Alliierten den italienischen Journalisten bestimmte Angaben, mäh- rend die anderen Beteiligten schwiegen. Heute vormt- tag traten die Alliierten um 11 Uhr zusammen, um über ein Ultimatum zu beraten. Bei diesem Sachver­halt mußte der Zusammenkunft, die gestern Nachmittag zwischen Lloyd George und Dr. Simons statt­sand, eine ganz besondere Bedeutung zukommen. Diese Aussprache kam wohl einem Bedürfnis beider Parteien entgegen. Es verdient Interesse, daß beim Eintritt Simons der Präsident der polnischen Republik, Pa- derewski das Empfangszimmer Lloyd Georges ver- ließ, worauf dieser Herrn Simons aufmerksam machte- gleichsam um ihm zu sagen, daß die Verhandlungen Über die polnische Frage, zu denen ja auch Oberschlesien gehört, stattfinden. Simons erfuhr bei der Aussprache Näheres über die Absichten der Alliierten bezüglich des Einmarsches in ein Gebiet, das über den eigentlichen Ruhrbezirk noch hinausgeht. Er hatte Gelegenheit, sich mit Lloyd George über die wesentlichsten Punkte, sowie die Aussichten der Ueberwindung der Krisis auszuspre- chen. Noch in der Nacht setzte sich Herr Simons mit dem Bergarbeiterführer Hue telephonisch in Verbindung und bat ihn, wieder nach Spaa zu kommen, eine Maß­nahme, die begrüßenswert ist. Simons hatte sodan» eine längere Aussprache mit Stinnes. Auf Grund dieser Besprechungen und des Ergebnisses der Minister­beratungen des gestrigen Abends wurden dann die deutschen Verrnittlungsvorschläge ge- macht. 3m allgemeinen decken sich diese Vorschläge mit dem, was in der Unterredung zwischen Lloyd George und Simons ins Auge gefaßt worden war. Professor Bonn, der schon gestern abend im Auftrage der Dele­gation mit dem Prioatsekretär Lloyd Georges in Ver­bindung getreten war,, hat heute vormittag die Vor­schläge den Alliierten zugleich mit einem eigenhärdigen Begleitschreiben Simons übergeben. Dieser Brief er­bittet für die Durchführung der deutschen Gegenvor­schläge die Unterstützung der Alliierten in sehr wichtigen Punkten, ohne diese deutschen Wünsche zu Bedingungen zu machen.

Dr. Simons empfing um 12 Uhr die deutschen Presse­vertreter und gab ein Bild der Lage und Andeutungen Über die Gedanken, die ihn zu den Gegenvorschlägen be­stimmten. Die deutsche Oesfentlichkeit, die ausreichende Gelegenheit gehabt hat, die verschiedenen schweren Kri- sen der Verhandlungen von Spaa mitzuerleben, hat ein Anrecht darauf zu erfahren, warum das „Unmöglich', das Simons vor zwei Tagen aussprach, heute, nachdem gewisse neue Gesichtspunkte gewonnen wurden, nicht mehr gilt. Für ihn handelt es sich heute darum, daß die praktische Möglichkeit der Lieferung von 2 Millionen Tonnen monatlich bei Ausbleiben ernster Störungen an sich nicht geleugnet werden kann, denn die Kohlen find ja tatsächlich vorhanden. Insoweit handelt cs sich also nicht um eine Produktionsfrage. Die Delega­tion hat vielmehr darum gekämpft, daß die Lebens­

notwendigkeiten Deutschlands von den Alliierten genügend berücksichtigt würden. Deutschland behält für seine eigene Industrie nicht aus- reichend Kohlen zurück. Die Alliierten haben dann eine völlig andere Auffasiung, als die Deutschen und glauben ihnen nicht. Die Delegation sieht sich aber nunmehr vor der Unmöglichkeit, angesichts der drohenden Haltung der Alliierten diesen Kampf fortzu- setzen. Lloyd George gab Simons übrigens zu, daß die Deutschen, wenn sie das Lieferungsversprechen bre­chen, große Gefahr laufen. Es kommt für die deutsche Politik nun darauf an, daß diese Gefahr erkannt und von den Alliierten möglichst eingeschränkt wird. In die­sem Sinne hat die deutsche Delegation ihre Vorschläge formuliert. Dr. Simons hält dabei die Vermeidung von Unruhen in Deutschland für eines der wichtigsten Er- forberniffe und hält deshalb den Vorschlag auf Ein­setzung gemischter Kommissionen zur Regelung der Ar­beiterfragen im Ruhrgebiet für besonders wichtig. Reh- men die Alliierten die deutschen Vorschläge an, so dürfte eine Lage geschaffen fein, die zwar alle Nachteile eines Kompromisses, aber auch beträchtliche Vorteile mit sich bringt. Spätestens nach 6 Monaten wären bann neue Vereinbarungen mit den Alliierten notwendig, viel- leicht unter gebesserten Verhältnissen.

Die deutschen Vorschläge.

* §paa, 15. Juli. (Wolff.) Die Vorschläge der deutschen Delegation wegen Regelung der Kohlen­frage haben folgenden Wortlaut:

1. Die deutsche Regierung verpflichtet sich, vom 1. August 1920 ab vorläufig auf 6 Monate, den allner- ten Regierungen monatlich 2 Millionen Tonnen Kohlen zur Verfügung zu stellen.

2. Die alliierten Regierungen leisten den Gegenwert, der Kohle bis zur Höhe des deutschen Inlandspreises durch Anrechnung auf das Reparationskonto, mit ber Differenz zum Weltmarkt in bar, soweit nicht bie Art der Zahlung durch das allgemeine Abkommen über die Finanzfrage anders bestimmt wird.

3. Während der Dauer der vorbezeichneten Kohlen- fieferung bleiben die Bestimmungen in der Kohlenfrage, bie ber deutschen Delegation am 9. Juli mitgeteilt wur­den und am 11. Juli abgeändert worden waren, außer Anwendung. Eine Erhöhung der monatlich abzu­liefernden Tonnenzahl durch den Wiedergutmachungs­ausschuß findet solange nicht statt.

4. Es wird alsbald ein Abkommen über bie Lage in Oberschlesien getroffen, burch bas entweder bie beutsche Regierung bie Verfügung über bie ober- schlesische Kohle zurücke rhält oder in dem doch ber monatliche Bezug von mindestens 1,5 Millionen Tonnen gewährleistet wird.

5. Es wird alsbald eine gemischte Kommis­sion in Essen eingerichtet, deren Zweck es ist, bie Mittel zu untersuchen, mit benen man bie Lebenshal­tung der Bergarbeiter in Nahrung, Kleidung und Woh­nung und damit die Erzeugung der Kohlenminen des Ruhrgebiets verbessern kann.

6. Die Alliierten erklären sich bereit, Deutschland zur Einführung ausländischer Lebensmittel für seine Bevölkerung, sowie von Rohstoffen für die deutsche Industrie und die Landwirtschaft einen angemessenen Vorschuß zu gewähren. Die Beratungen über die Finanzlage werden albald unter Hinzuziehung der bei­derseitigen Sachverständigen ausgenommen.

Die Antwort der Entente.

wib Spaa, 15. Juli Heute abend findet in der Villa Neubois eins Besprechung zwischen dem englischen Premierminister Lloyd George, dem französischen Ministerpräsidenten M i l l e r a n d und Reichsminister Simons statt.

, Die Sachverständigen der Alliierten sind heute nach­mittag zur Prüfung der deutschen Vorschläge zusammen- getreten. Der hohe Rat ist zusammengetreten, die end- giltige Entscheidung zu treffen.

Spaa, 15. Juli, lieber die Antwort der En­tente erfährt die „Agence Havas": Die Entente nimmt das deutsche 2lngebot auf Lieferung von 2 Mill. Tonnen Kohle monatlich für die nächsten sechs Monate, mit dem 1. August 1920 beginnend, an. Werden bis zum 1. November nicht sechs Millionen Tonnen ge­liefert, so sind bedingte Gegenmaßregeln vorgesehen, die in der Besetzung deutschen Ge-

$erantroortlld) für ben redaktionellen Teil: Carl Schütte. - für bie Anzeigen: I. Porzeller-Fulba. s Rotatlonsbruck u. Verlag ber Fulbaer Actienbruckerei in Fulda. Fernsprecher Rr. S. Telegr.-Adresie: Fu ldaer Zeitu ng

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bietes, sei es des Ruhrgebiets oder irgend eines an­deren, bestehen. Für die Vertellung deroberschle- s i s ch e n K o h l e wird eine Kommission eingesetzt, der ein deutscher Vertreter angehört. Der Vorschlag der Kommission in Essen wird angenommen. . Die Ant­wort verspricht schließlich die notwendigen L e - b e n s m i t t e l zur Besserung der Lebensbedingungen der Grubenarbeiter.

Aus einer Meldung des Wölfischen Tel.-Bureaus ist über die m der Antwortnote vorgesehenen K o n - trollmaßregeln noch folgendes zu entnehmen: Es wird in Berlin e'ne ftiindige Delegation der Wiedergutmachungs - Kommission eingerichtet, deren Aufgabe darin besteht, sich zu verge­wissern, daß die in dem Abkommen vorgesehenen Koh­lenlieferungen ausgeführt werden. Ihr sind die Pläne über dir allgemeine Verteilung der Förderung über die Herkunft und die Dualität einerseits und die Zusiche­rung der Lieferung an die alliierten Mächte anderer­seits zur Genchmigung zu unterbreiten. Ferner er- klären sich die Alliierten sich bereit, Deutschland wäh­rend des sechsmonatlichen Zeitraumes einen Vorschuß zu gewähren, in Höhe des Unterschiedes zwischen dem in Anrechnung gebrachten InlcuÄspreis und dem Ausfuhrpreis der Kohle. Die Vorschüsse werden am Schlüsse eines jeden Monats je nach der Zahl ber ge­lieferten Tonnen gegeben. Bereits am Ende des ersten Monats werden Vorschüsse zur späteren Verrechnung ge­geben, ohne daß die genauen Zcchlen abgevartel werden.

Spaa, 15. Juli. Die Abänderungssätze der Alliier­ten zu den deulschen Vorschlägen sind in später Stunde bekannt geworden. Sie werden in den Kreisen der deutschen Delegation und der Sachverständigen ernst genommen. Sie stimmen mit den mündlichen Erklä­rungen von Lloyd George und Millerand in der Unter­redung mit Simons nicht überein. Die äußerst schwie­rige Materie erfordert sehr sorgfältige Untersuchungen durch Sachverstünd'ge. Sicherlich haben die Regie­rungshäupter der Alliierten keine Ahnung von der Tragweite dieser Klauseln. Die Entscheidung darf nicht übereilt werden.

Auf des Messers Schneide.

Seit dem Tage der Waffenstreckung, so schreibt unser Berliner Mitarbeiter, haben wir eine solche Spannung nicht erlebt, wie am Donnerstags Man wußte, daß die Dinge in Spaa sich bis aufs äußerste Zugespitzt hatten und daß von der bevorstehenden Ent­scheidung nicht bloß das Schicksal des Ruhrgebiets, sondern unsere ganze Zukunft und sogar die Entwicklung Europas abhing. Ungeduldig wartete man auf die Nachricht, ob der neue Krieg aus- gebrochen oder noch verhütet sei. Aber bis zum Abend mußte man sich bescheiden mit den Meldungen über neue Versuche zur Verständigung in der schicksalsschweren Kohlenstage.

Das letzte erhöhte Angebot der deulschen Abord­nung wurde gemeldet; ober noch nicht das letzte Wort der Gegner. Als Schreckgespenst lief dann die Nach­richt herum, daß die Entente wieder ein kurzbefristetes Ultimatum gestellt habe mit ihrer alten Forde­rung von 2 400 000 Tonnen monatlich. Das wurde dann wieder berichtigt, und alle Anzeichen deuteten auch darauf hin, daß die Entente über das deutsche „Ultimatum" noch in Beratung stehe.

Der letzte „Vorschlag zur Güte", den unsere Ver­treter gemacht haben, verdient auch tatsächlich eine ge­wissenhafte Prüfung. Denn er ist ein Beweis, daß wir das alleräußerste auf bieten wollen, um den Krach und das Verderben zu vermeiden, und zwar das alleräußerste sowohl an Nachgiebig­keit als auch an Wagemut. Denn es gehört auch Kühnheit dazu, daß wir das Angebot an Kohlen, das bisher auf 1 700 000 Tonnen als Maxi­mum berechnet war, auf zwei Millionen Tonnen stei­gerten.

Vorsichtigerweise hat freilich unsere Mordmmg ge­wichtige Bedingungen beigefügt. Von besonde­rer Wichtigkeit ist, daß der Bezug von 1% Millionen Tonnen aus Oberschlesien gewährleistet wird,

daß ferner eine gemischte Kommission in Essen für die Verbesserung der Lebenshaltung der Bergleute sorgen soll und daß endlich Deutschland einen Vor- schuß für die Beschaffung von Lebensmitteln und Roh- stoffen erhält.

Wird das planmäßig durchgeführt, dann ist es viel­leicht möglich, die Kohlenlieferungen auf 2 Millionen Tonnen zu steigern, ohne daß die übrige deutsche Volkswirtschaft in Verwirrung gerät. Aber der Ver­such ist doch ungeheuer schwer. Der Vorschlag ist ein Kind der Notlage, in der wir uns befinden.

Man könnte vergleichsweise sagen: Um den F l a m- men zu entgehen, springen wir in das SB affe r, wenn es auch tief ist. Ein waghalsiger Rettungsver­such! Wenn er gelingen soll, müssen wir allzumal den ganzen Rest unserer Kräfte zusammennehmen.

Wir alle!

1. Die Regierung und der Reichstag, die auf das peinlichste dahin arbeiten müssen, daß wir nicht in irgend einem Punkte mit den neuen Verpflicht tungen im Verzug bleiben. Auch in der Abrüstung und Waffensammlung nicht; denn sonst würde den französischen Eewaltpolitikern ein Borwand für die ersehnte Besetzung des Ruhrgebiets gegeben, und der Vormarsch könnte dann leicht unter ungünstigeren Ver­hältnissen vor sich gehen, wie sie jetzt gegeben sind.

2. Im Bergwerksbetrieb müssen sowohl die Arbeiter wie die Unternehmer sich des furchtbaren Ernstes der Lage bewußt bleiben, in der gegenwär­tigen Eintracht beharren und alles, was die ergiebige Arbeit stören könnte, von sich und ihrem Betriebe fern­halten. Vor allem darf die Arbeiterschaft sich nicht einreden lassen, daß sie für den ausländischen „Kapi­talismus" oder „Militarismus" arbeiten soll. Sie wirken und schaffen für die Rettung des ganzen Volkes und nicht zuletzt für chre eigene Rettung; denn das Eindringen der Feinde würde gerade die Strbeiter« schäft und ihre Familien mit vernichtender Wucht treffen.

3. Auch die ganze Bevölkerung der anderen Städte und Gegenden muß zu opferwilliger Hilfe be- reit fein. Denn es handelt sich auch um deren Wohl und Wehe, da der neue Krieg im Ruhrgebiet der Er­werbstätigkeit im gesamten Deutschland, die innere Ordnung, die Wohlfahrt aller Familien, den Fortbe­stand der deutschen Nation zu erschüttern droht. Dar­aus ergibt sich einerseits die Pflicht der Selbstbeherr­schung zur Vermeidung jedes Zwischenfalles, der den Feinden eine Handhabe bieten könnte, und anderer­seits auch die Pflicht der Opferwilligkeit, indem wir ohne Neid und Ungeduld uns in die Beschränkungen fügen, die notwendig sind, um die Ernährung bei schwerer arbeitenden Bergleute ausreichend zu gestal­ten. Diejenigen Männer, die zur Rettung ihres Volkes im Schweiße ihres Angesichts Ueberschichten machen, muffen gute Verpflegung haben, sonst bricht ihre Kör­per- und Willenskraft jufammen und alles geht ver­loren!

Die Regierung hat die volle Sachkenntnis und Ule volle Verantwortlichkeit. Ihrer Entscheidung paffen sich alle verständigen Bürger willig an, tun das Ihrige und warten ab, ob die Franzosen sich wirklich mit den Kohlen zufrieden geben ober doch noch das Ruhrgebiet selber erobern wollen. Sm letzteren Falle würden sie durch Schaden klüger werden; aber wir könnten bei dem Schaden zu Grunde gehen.

Polnischer Schwindel.

Man kann es verstehen, baß den Polen das Ab­stimmungsergebnis in Ost- und Westpreußen nicht gefällt. "Nach altem deutschem Brauch hatte jeder Verurteilte das Recht, das Urteil drei Tage zu schelten. Von diesem Recht machen die Polen einen sehr reich­lichen Gebrauch, und wir würden sie in dieser Tätig­keit nicht stören, wenn das polnische Ministerium des Aeußeren nicht die Unverschämtheit besitzen und das Abstimmungsergebnis als unmaßgeblich an» ziweifeln würde. Es tragt sich allen Ernstes mit der Absicht, gegen die Abstimmung Einspruch zu erheben, weil sie nicht den polnischen Wünschen

Unpolitische Zeitlänfe.

Von Fritz Nienkemper.

Berlin, 13. Juli 1920

Die Kaiserin Eugenie ist gestorben.

.So?" — werden sehr viele gleichmütig sagen, man­cher wirb hinzufügen: ,Lch dachte, die wäre schon lange tot."

Mich hat bie Todesnachricht nicht so kalt gelassen, weil sie einen Haufen von Erinnerungen aus der Ju­gendzeit weckte. Ernste unb heitere. Es klingt nicht sehr schön am offenen Grabe; aber wenn man bie Wahr­heit sagen will, so bentt man bei ber Todesnachricht unwillkürlich zuerst an die Krinoline. Als die Mut­ter dieses wunderlichen Kleidungsstückes wird bie Der- ftor&ene in ewigem Andenken bleiben, auch wenn all bQs große Glück und das noch größere Unglück dieser Trau vergessen sind.

3a, die Krinoline war ein Sinnbild ber Herrlichkeit, "flt der das kaiserliche Ehepaar von Paris eine Weile die Welt verblüffte. Sie ist ein geschwollener Aufbau 8°n Fischbein und Stahlreifen, ber mit einer glänzen- den Umhüllung protzt, aber tatsächlich ein hohler Wind­deutel ist. Napoleon III., der bie großen Stiefel feines gewaltigen Onkels auf feine schwachen Beine gezogen hatte, spielte sich vor 60 Jahren als Weltdiktator auf, »ad feine schöne Gemahlin Eugenie schwang bas Well- fopter in Sachen der Eleganz und Mode. Als der ®rieg von 1870 ausbrach, dauerte es nur 7 Wochen: dann wurde Napoleon als Gefangener nach Kassel ge- dracht, unb Eugenie flüchtete bei Nacht und Nebel mit °iner kleinen Handtasche nach England. Keine Wider­standskraft. 3m Nu weggeblasen wie ein Kartenhaus.

3n meinem 73. Jahre komme ich mir manchmal schon vor. Aber die Kaiserin Eugenie ist 94 Jahre all ge. Garden, obschon sie als zartes Fräulein in die Welt tarn und Schicksalsschläge erdulden mußte, wie sie selten einem Menschenkinde zugemutet werden. Als ich mit geputzter Nase in die Abc-Schule ging, erzählten sich die "eute, daß der neue Kaiser von Frankreich ein Mäd- ^en heirate, das gar keine Prinzessin sei, sondern nur J-bie Gräfin von Habenichts. „So ein Unsinn", sagten die köni /streuen Männer, und die Frauen meinten mit

mehr ober weniger Neid „Weich' ein Glück!" Sie konn­ten ja das künftige Unglück nicht ahnen.

O, was hatte man damals für einen Respekt vor Paris! Der Deutsche Bund war ein Kinderspott; Bismarck hatte noch nichts geleistet; England galt nur als Heimat der Weltkrämer. Paris war der aner­kannte Mittelpunkt der Zeitgeschichte. Was Napoleon sagte, war Befehl und was Eugenie tat, wurde nach­geahmt von allen Leuten, die als „fein" gelten woll­ten. Ihre Krinoline drang schließlich sogar in die Kreise der deutschen Viehmägde. Wer den Stahlreifen nicht bezahlen konnte, nahm einen Tonnenreifen, um damit den unvermeidlichen Glockenrock aufzuspannen.

Nun wollen wir der verstorbenen Eugenie kein Un­recht tun und gern anerkennen, daß sie auch noch etwas mehr geleistet hat, als das Modeungetüm. 3n ihrer üppigen Hofhaltung wurden die Künste und Wissenschaften wirksam gepflegt, und die Kaiserin tat viel für die kirchlichen Interessen. Napoleon III. soll einmal gesagt haben, feine Frau sei fromm, aber keine Frömmlerin. Das stimmt. Bon Neidern und politi­schen Feinden wurde sie in der Zeit ihrer Macht schmäh­lich verleumdet. Der „heißblütigen Spanierin" dichtete man sittliche Verfehlungen an, die sie nie begangen hatte. Weil sie sich als treue Katholikin bekannte, wurde sie von den Freimaurern und den sonstigen Kultur- Kämpfern als „Werkzeug des Ultramontanismus" ober auch als „hinterlistige Heuchlerin" beschimpft. Das war ebenso ungerecht, wie die Behauptung, daß sie schuld gewesen sei an den politischen Mißgriffen ihres Ge- mahls. Namentlich wurde ihr nachgefagt, sie habe ben Angriff auf Deutschlanb im Jahre 1870 als „ihren Krieg" betrieben. Dieses Märchen hat kein ge- ringerer widerlegt, als der deutsche Geschichtsforscher v. S y b e l, der als Nationalliberaler unb leidenschaft­licher Kutturkämpfer gewiß keine Vorliebe für die Ratfe­rm Eugenie hatte.

> Ich habe auch keine Vorliebe für diese eigenartige spanisch-französische Persönlichkeit, aber die Gerechtigkeit muh gelten und auch das M i,t l e i b bei dem tiefen Sturze dieser hochgestiegenen Frau.

Ihr Famllienglück erreichte den Gipfel bei ber Ge­burt des Erbprinzen Louis im Jahre 1856. Ihr Wettglanz ze-gte sich am herrlichsten im Jahre 1869, als

der Suezkanal unter Teilnahme vieler Fürsten feierlich eröffnet wurde und Eugenie die Ehre für dieses große Werk des Franzosen Lesseps erntete. Ein Jahr später war schon Thron und Krone, Land und Volk verloren gegangen. Die erste Dame der Wett wurde eine Krankenpflegerin am Bett des zusammen- gebrochenen Napoleon.

Im Jahre 1873 wurde dieser Unglücksmann von sei­nen Gebrechen und seinem Gram erlöst. Eugenie war Witwe; aber sie hatte noch einen Trost, noch eine Hoff­nung: ihr geliebter Sohn, der früher so verhätschelte Lulu„ der zu einem stattlichen Jüngling heranwuchs und wohl geeignet schien, das napoleonische Glück zu er­neuern. Es kam anders. Dem Prinzen hatten die Hofschmeichler s. Zt. angedichtet, er habe auf dem Kampfplatze bei Saarbrücken kaltblütig preußische Ku­geln aufgefammett. Er wollte dieses lächerliche Gerede nicht auf sich sitzen lassen, sondern ernstlich zeigen, daß er ein waffenfähiger Mann geworden. Er zog also mit den Engländern in den Kampf gegen die Zulus in Südafrika, und da wurde er von dem Speer eines Raf­fern durchbohrt. Nun hatte Eugenie auch das letzte verloren. Sie hatte auf Erden nichts mehr, was sie liebte, und nichts mehr, auf das sie hoffen konnte. Was noch lebte von dem napoleonischen Geschlecht, war ihr fremb oder gar feindselig; sie wußte, daß diese Sipp­schaft niemals wieder hoch kommen konnte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als einsam und hoffnungs­los dahin zu leben, bis der Tod ihrem verfehlten (Er­benleben ein Ende machte.

Unb dieses Fegefeuer des stillen Grams bauerte 40 lange Jahre. Der Tod schien die gefallene Größe ver­gessen zu haben. Wenn sie ttotz aller Schicksalsschläge das ungewöhnliche Alter von 94 Jahren erreichte und einfach an Altersschwäche einschlief, so zeigt bas, wie kerngesunb biefe zarte Erscheinung war. Sie hat auch mtt ihrem Unglück gar keine Schauspielerei betrieben. Sie fiel ihren früheren Freunden nicht lästig unb ließ bie aßen Feinde links liegen. Sie ging einsam unb allein ihren Trauerweg weiter. Doch verkroch sie sich keineswegs vor den (Erinnerungen aus ber Glückszeit. Sie kam oft nach Paris unb sah sich die Ruinen ihres früheren Palastes an, gestützt auf einen festen Stock. Oder sie fuhr in einem Mietswagen unerkannt durch

bie Straßen unb bie Parks unb sah sich durch bie blaue Brille die Leute an, bie einst ber vorüberrauschen­den Kaiserin zugejubelt hatten. Die Frau hatte starke Nerven und hielt auch in dem langbauernben Elend bett Kopf hoch.

Wer hoch steht, kann tief fallen. Das haben mir in den letzten Jahren auch erlebt an gekrönten Personen, bie uns näher ftanben. Ihnen wollen wir wünschen, daß sie wenigstens verschont bleiben von den Schmerzen, die der vorzeitige Tod teurer Angehörigen verursacht, daß ihnen die Kraft erhallen bleibt zur würdigen (Er­tragung des unabwendbaren Schicksals.

Soll man auch in ber Hoffnung enben auf Wieder­herstellung der früheren Herrlichkell und Auswetzung der Scharte? Sorgen wir lieber für die Gegenwatt, statt an dem Schleier der Zukunft vergeblich zu zupfen.

Oberflächliche Leute sagen, (Eugenie habe doch noch ihren Rachekrieg erlebt. Sie selber wird die deut­sche Niederlage wohl vom höheren Gesichtspunkt betrach­tet haben. Frankreich hat zwar das elsaß-lothringische Anhängsel wieder bekommen; aber ben Vorrang in der Well, den Napoleon für Frankreich erstrebte, hat es nicht erreicht. Im Gegenteil: ber Sieger ist England, dasselbe England, dessen llebermacht der erste Napoleon schon vergebens zu brechen suchte.

In Summa ergibt sich: die Menschen glauben zu schieben und werden geschoben. Eine höhere Macht be- stimmt unser Schicksal, das gute und bas schlechte. Wir müssen uns fügen nub können nichts weiter tun, als ben Kopf oben, die Hände bei der Berufsarbeit und das Gewissen rein erhallen.

Vor feinem Tode ist niemand glückttch zu preisen-

— Prügeleien zwischen Angestellten. In einem kaufmännischen Geschäft griffen sich zwei Angestellte tätlich an und wurden daraufhin beide ohne Einhal­tung einer Kündigungsfrist sofort entlassen. Sie er­hoben Klage, wurden jedoch vom Kaufmannsgericht Berlin abgewiesen. Das Gericht stellte sich auf den Standpunkt des Prinzipals, daß eine Prügelei zwi­schen Angestellten ein- eines Handlungsgehilfen unwür­diges Benehmen fei, geeignet, das Ansehen des ganzen Geschäftes zu schädigen. Die sofortige Entlassung sei also durchaus gerechtfettigi flemefen., rb.