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nr. $61.

Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Lari Schütte, u für di, Anzeigen: I. Par zell er-Fulda. s Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda- Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

Donnerstag, 15» ZuU 1920»

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47. Zahrg.

Die Kohlenkrise in Spaa.

Das Rasseln mit dem Säbel.

Man will uns bange machen. Das zeigt sich be- [ sonders deutlich in der Heranholung der beiden Fcld- . marschälle. Die Heerführer Fach und Wilson

i mußten schleunigst nach Spaa kommen, obschon sie von

der kritischen Kohlenfrage gar nichts verstehen. Wenn dre Machthaber der Entente wirklich an eine Vergewal- tigung des Ruhrgebiets gedacht haben sollten, so hätten die beiden Marschälle nicht erst den Umweg über Spaa zu machen brauchen, ein derartiger Operationsplan ist ja l ä n g st ausgeorbeitet, und schon vor dem Beginn der Konferenz wußte die Presse zu melden, daß die Truppen Fachs für alle Fälle wegbereit daständen. Die Äötzliche Ankunft der beiden Kriegsmänner sollte offen­bar ein Bluff sein, auf die Einschüchterung der deutschen Vertreter berechnet.

Diese Taktik ist in der Kohlenftage schlecht ange­bracht. Dort liegt die Sache anders, als bei den neuen Bedingungen zur Waffenfrage. Letztere scheinen we­nigstens so weit erträglich zu sein, daß die deutsche Re­gierung einen ehrlichen Versuch zur Durchführung ma- chen konnte. Die uns zugemutete Kohlenlieferung war jedoch trotz aller Belehrungen und Bitten immer noch so hoch gespannt, daß die Erfüllung als unmöglich betrachtet werden mußte. Die Unterschrift Härte uns also von dem Damoklesschwert der weiteren Okkupation nicht befreit. Bei dem unvermeidlichen Versagen der Lieferungen würde man doch zu der Gewalttat ge­schritten sein, und zwar unter dem fatalen Schein, daß DeutMand des hinterlistigsten Wortbruches schuldig sei.

Die Krisis ift ernst, sehr ernst. Aber sie kommt nicht überraschend und braucht auch rwch nicht als hoff­nungslos betrachtet zu werden.

Ueberraschend ist sie insofern nicht, als die münd- liche Verhandlung, kne hier zum ersten Male versucht wurde, eine gründliche Umwandlung in der gan­zen Denk- und Handlungsweise der Gegner anstrebt, ei­nen gewaltigen Erziehungsprozeß durchführen sollte. Dabei ift der Anfang schwer unb das Ende nur allmählich zu erreichen.

Die Hoffwnig möchten wir noch nicht fahren lasten, da sich in den Tagen der Konferenz die Lage doch sicht­lich zu unseren Gunsten verschoben hat. 3m Anfang schienen die Einigkeit und Geschlossenheit auf beiden Seiten der Gegner sehr groß zu fein, wäh- rend bei uns eine gewiste Zaghaftigkeit sich bemerkbar machte. Jetzt liegt die Sache anders. Auf unserer Seite ift trotz aller Friedensliebe und Bescheidenheit doch die frische Farbe der Entschließung zum Vorschein ge­kommen, da wir uns sicher fühlen int Recht, und Re­gierung und Völk sich vollständig klar und einig sind in dem zweifellosen Bewußtsein: Wir können nichts Unmögliches unterschreiben, mag kom­men, was da will! In den Reihen der Entente fehlt es offenbar an der vollen Eintracht und Entschlossenheit. Die Engländer stehen kühl und zweifelnd, die Italiener widerwillig dem französischen Zwangsverfahren gegen­über.

Vermittlungsversuche sind allem An- schein nach im Gange. Ob sie ohne weiteres schon zum Ziele führen roerben, ist noch zweifelhaft An Ent­gegenkommen bis zur (Breiigeher Möglichkeft werden unsere Vertreter es natürsich nicht fehlen lasten. Doch wenn wir fest bleiben müssen, dann rechnen mir darauf, daß auf Spaa eine neue Konferenz folgen muß, die den Wieg zur Rettung weiter anbahnt.

Dor der Entscheidung.

Die letzten erweiterten Angebote Deutschlands in der Kohlenfrage stehen an der alleräußersten Grenze des Möglichen.

Es ist richtig: Der Friedensvertrag von Versailles forderte von Deutschland die monatlich« Lieferung von 3% Millionen Tonnen Kohlen. Es ist aber gänzlich unmöglich, diese Ziffer heute, wie es von fei«

Fordernde Liebe.

Roman von Erich Ebenstein.

45] ----------

„Das geht ja unglaublich rasch!"

„Nicht wahr? Aber dies verdanke ich natürlich nur meinem Freund Wimchold. Ohne dessen energisches Eintreten und die Machtstellung, welche er als Heraus- Geber des gelefensten Blattes in der Pressewelt ent­nimmt, hätte der arme „Samson" wohl noch Jahr und Tag warten können, ehe er das Licht der Rampen er­blickt." i

Sein Blick ruhte immer noch auf Wera, die ihn in lelbstvergestener stolzer Seligkeit anlächelte. Wie fühlte sie mit ihm! Wie tief empfand sie diesen feierlichen Moment, der ihn an die Schwelle einer neuen Zukunst — ach, hoffentlich einer ruhmvollen, erfolgreichen Zu­kunft! — stellte! Hatte sie doch auch feit Monaten fo Manche mutlose, bange und sorgenvolle Stimmung mit ihm gefühlt und wie oft! — seine Zuversicht durch ein Mort neu belebt!

Den heißen Wunsch, den er so oft in ihren Augen gelesen: „Was Dir als Mensch an höchstem Glück ver­sagt ist, Dein Genius mag es Dir wenigstens an Er­folgen ersetzen!" las er auch nun wieder in den blauen Sternen, die so tiefbewegt strahlten und sich langsam Mit Tränen füllten, ohne daß Wera es wußte.

Die gerne hätte er sie an die Brust geristen und die Tränen aus ihren geliebten Augen geküßt! Wie gerne ihr zugerufen: „Glaubst Du wirklich, Erfolge können Menschenglück ersetzen? Und ein zärtliches Woxt von Dir wäre mir teurer als aller Dichterruhm?"

Aber fein Mund blieb stumm und fein Blick drückte nichts von der Leidenschaft aus, die stürmisch in ihm emporwallte. In diesem Punkt war der weiche Träumer kin starker Held, der eisern hielt, was er sich vorgenom- Men hatte: Nichts von seinem Wesen sollte sie beun- Ruhigen oder je bereuen lasten, daß sie ihm wenigstens das Glück ihrer Nähe schenkte.

Lou, die durch die Neuigkeit in tiefes Nachdenken versunken war, schnellte nun plötzlich empor.

.Ach, wie hübsch!" rief sie freudig erregt. „Nun wirst Du so rasch schon ein, berühmter Mann unb ich al» Deine Frau werde es mit Dir! Wie werden sie mich alle beneiden! Und zur Premiere laste ich mir eine tounberfeine neue Toilette macken — Du, die soll ganz

ten der Entente geschieht, zur Grundlage der Berech­nungen zu machen; denn jene Ziffer war phantastisch, unmöglich unb unerfüllbar. Die Entente hat ihre Forderung in Spaa schließlich auf 2 Millionen , Tonnen ermäßigt. Deutscherseits wurde zunächst 1 | Millionen Tonnen geboten, dann aber wurde das An­gebot unter der Voraussetzung größerer Lebensmittel- lieferungen zur körperlichen Stärkung der Arbeiter­schaft auf 1,4 Millionen Tonnen Kohlen unb später auf 1,7 Millionen Tonnen vom nächsten Jahre ab ( steigert. Nun also wäre die Differenz nur noch 3 0 0000 Tonnen. Soll es wegen dieser verhältnismäßig kleinen Menge tatsächlich zum Zu­sammenbruch der Konferenz und den daraus erwach­senden Folgen kommen?

Von unserer Seite ist versucht worden, alles . r Denkbare zur Hebung der Produktion in Anschlag zu bringen, um die Lücken zwischen unserem Können und unserem Sollen auszusüllen. Deutschland will 100 000 neue Dergarbeiterfamilien ansiedeln und die Kohlen­produktion steigern. Dazu ist wieder notwendig, daß ihm Kohlen, und zwar möglichst viel Kohlen für den eigenen Bedarf gelassen werden, damit es Bau­materialien produzieren und Geldmittel beschossen kann, um die Siedlungskosten für den Ausbau der Bergwerke zu bezahlen.

Man sollte meinen, daß eine Einigung hätte er­folgen können, wenn aus der, anderen Seite nur eini­germaßen der gleiche gute Wille vorhanden ist wie bei uns. Aber der gute Wille fehlt. Die französischen Kriegsziele lasten "kein wirtschaftlich gesundes Deutsch­land übrig, sie gehen aus auf ein wirtschaftlich zer­schlagenes, verhungertes, verelendetes unb verarmtes Deutschland. Zugleich will Frankreich von uns Koh­len und wieder Kohlen; auch die Kohlen, die Deutsch­land für feinen Handel braucht, um Lebensrnittel ein« zukaufen, die es braucht, um feinen Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrag gerecht zu werden, um an der von uns geforderten Wiedergutmachung zu ar- betten. Es ist aber ein unmögliches Ding, von deut- scheu Bergleuten zu verlangen, unendliche Ueberschich- ten zu verfahren, um Frankreich in Kohlen schwimmen zu lasten, während m Deutschland Millionen Arbetter brotlos werden, weil ihre eigene Industrie keine Koh­len hat.

Bei den wirtschaftlichen Fragen liegen die Der» hältniste für uns so klar, daß wir genau wisten, wie weit wir mit unseren Zugeständnissen gehen können, und über diese Grenze hinaus darf uns auch geräusch­volles Säbelrasteln nicht bringen. Dor den Folgen des Abbruchs der Verhandlungen in Spaa den Kopf in den Sand zu stecken, wäre leichtfertig unb töricht. Aber ebenso leichtfertiger wäre es, die Folgen eines unerfüllbaren neuen Vertrags auf sich zu nehmen.

Der fortdauernde Ernst der Doge.

Wie man in Spaa, in Kreisen der deutschen Dele­gation, die Lage beurteilt, zeigt di« folgende Meldung:

Spaa, 14. Juli. Es wirb hier erzählt, baß die Be­nachrichtigung der Generäle der Alliierten, wieder nach Spaa zu kommen, bereits vorgestern Abend ergangen fei, also schon bevor die kritische Lage eintrat. Es würde das auf die Absichten der Alliierten unb auf ihre Derhandlungsführung ein bezeichnendes Licht werfen. F o ch ist bereits heute morgen in Spaa ein­getroffen. Der englische Marschall Wilson fehlte noch. Der 14. Juli, der französische Nationalfeierkrg, wird also in Spaa zu einer Demonstration benutzt, durch welche die bisherige Arbeit der Konferenz vor aller Welt schwer kompromittiert wirb. Die Haltung der Alliierten erregt in deutschen Kreisen Entrüstung und wird auch bei den Alliierten teilweise mit Kopfschütteln aufgenommen. Wenn man sich auch schwer denken kann, daß das Gut- achten der Generale militärische Maßregeln zur Folge haben könne, so ist doch diese neueste Wendung der so­genannten Verhandlungen ebenso Überraschend wie un­erhört. Auf keinen Fall wird eine solche Taktik auf die Haltung der deutschen Delegierten Eindruck machen tön«

großartig werden! Darum sollen mich die Leute auch beneiden! Ich darf doch, Rolly?"

Wera wandte sich stirnrunzelnd ab. Er aber strei­chelte mit nachsichtigem Lächeln Sous Köpfchen.

„Natürlich darfst Du, Kleines. Welche Farbe wirst Du denn wählen?"

Es schien ihm ganz natürlich, daß für sie an der Sache nur von Bedeutung war, was für ihr Persön­chens in Betracht kam. Was wußte sie denn von feiner Arbeit! Hatte sie bisher doch noch nicht einmal den Wunsch gehabt, das Stück kennen zu lernen, nachdem er ihre Frage, ob Frauen habet die Hauptrolle spielten, mit einem bedauernden: nein, nur Ideen, mein Herz­chen! beantworten hatte müffen.

„Oh, nur Ideen? Das muß aber dann doch lang­weilig fein?" hatte sie bemerkt.

„Welche Farbe?" sagte sie nun rasch wieder nach­denklich geworben. „Nun, vielleicht ein schillerndes Blau — nein, das macht blaß. Was würdest Du zu ganz zartem Fraise sagen? Oder blastem Korallenrot?"

„Beides würde Dir sehr gut stehen, denke ich."

„Nicht wahr? Es wirkt immer lebendig. Dazu nehme ich bann den Schmuck aus roten Karfunkelsteinen, den Papa einst Mama als Hochzeitsgabe schenkte. Warte, ich hole ihn gleich unb ein Stück korallenrotes Banb. Da können mir gleich probieren . . ."

Sie huschte in bas anstoßende Gemach. Wera, die wieder ihre gleichmäßige Ruhe gefunden hatte, benützte die Gelegenheit, um Roland zu fragen, ob er bei den Proben des Stückes dabei sein werde?

„Gewiß," antwortete er. „Der Direktor wünscht es, da sich gewiß noch verschiedene Aenderungen als not­wendig erweisen werden."

„Dann wird es sich, da Sie sicher oft spät und un­regelmäßig heimkommen werden, empfehlen, wenn Sie bas Wohnzimmer zum Schlafen wählen, um Lou nicht zu stören."

x Roland war sofort einverstanden. Er schalt sich rück­sichtslos, dies nicht schon längst getan zu haben. „Wo ich doch immer erst fo fpät zu Bett gehe unb Lou dann trotz aller Vorsicht doch immer aufwecke . . .'

„Noch eines," sagte Wera, nachdem dieser Punkt er- ledigt war, „lasten Sie Lou nicht freie Hand bei der neuen Toilette. Setzen Sie ihr einen bestimmten Preis fest, der nicht überschritten werden darf. Sie kennen i ihre Verschwendungssucht!"

nen; denn ihre Entschließung in der Kohlenfrage stützt sich auf Erwägungen, die vielleicht von einem General nicht verstanden werden, die aber auch durch den stärk­sten Zwang nicht zu beseitigen sein werden. Die d e ut- sche Delegation hatte heute eine längere Bera­tung mit sämtlichen finanziellen unb industriellen Sach­verständigen. Dgnach kam das Kabinett in der Billa des Reichskanzlers zu einer Beratung zusammen. Auch die Alliierten waren wiederholt während des Tages zu internen Beratungen versammelt. Aus der Tatsache, daß Dr. Simons und Lloyd George eine unmitel- bare Aussprache haben konnten, darf man vielleicht schließen, daß die Alliierten ebenso wie die deutsche Dele­gation auf eine Forts etzung der Konferenz von Spaa, wenn es irgend angeht, Wert legen. Die offiziöse Veröffentlichung der Alliierten von heute Abend teilt mit, daß die Alliierten noch zu keinem end­gültigen Entschluß gekommen seien, da General Wilson noch nicht eingetroffen fei. Die Alliierten leg­ten Wert daraus, ihn zu hören unb vor ihrer Stellung., nähme eine Aussprache zwischen ihm und Marschall Fach herbeizuführen. Man hat die Wahl, ob man bas Ver­fahren der Alliierten als einen ungeheuren Bluff oder als eine gefährliche Drohung betrachten will. Es ver­dient hervorgehoben zu werden, daß Herr Melchior heute abend in später Stunde in Verhandlungen mit den Mitgliedern der alliierten Delegationen ein­getreten ist. Die Ungewißheit der Entscheidung unb bie beklemmende Wendung der Dinge drückt sehr auf die Gemüter der Harrenden. Das Kabinett dürfte sich erst morgen früh endgültig entscheiden.

Abbruch der Verhandlungen?

wtb Spaa, 14. Juli. Da? Reutersche Büro ver­breitet folgende Meldung: Die Alliierten kamen beute vormittag 11*/* Uhr zusammen. Die Generale Foch und MaglinS erstatteten Bericht über die militärische Lage. Darauf wurde die Zu­sammenkunft bis 6 Uhr abends verschoben. In der Zwischenzeit hat kein Verkehr mit den Deutschen stattgefunden und es scheint, daß der Abbruch der Verhandlungen unmittelbar bevorsteht und daß die Alliierten das Ruhr gebi et besetzen werden. Die italienischen und die englischen Generale werden heute abend eintreffen.

Zusammenkunft zwischen Simons und Lloyd George.

Lloyd George hatte gestern nachmittag mit Dr. Simons eine vertrauliche Aussprache. Das Ereignis der Zusammenkunft erregt allgemein großes Auf­sehen. Lloyd George soll Herm Dr. Simons die Not» wendigkeit der Aufrechterhaltung des Lieferungsverlan­gens der Alliierten mit dem Bedürfnis begründet ha­ben, diese Kohlenliejerung zur Grundlage der geplanten internationalen Anleihe zu machen.

Erregung der Bergarbeiterschast.

Die Drohung der Entente, bei Nichterfüllung der Bedingungen über die Entwaffnung Deutschlands in das Ruhrgebiet einzumaschieren, hat unter der Bergarbeiterschaft eine bedeutende Aufre­gung berdorgerufen. ES ist nicht zu bezweifeln, daß die Lust zum Verfahren der Ueberschichten, die durch die schlechte Brot- und Kartoffelversorgung an sich schon nachgelassen hat, durch diese, erregte Stimmung der Bergarbeiter noch vermindert wird. Der Gedanke der Entente, das Ruhrgebiet zu besetzen, wird von den Bergleuten aller politischen Richtungen scharf abgelehnt.

Der Bergarbeiterführer Huö, der soeben aus Spaa zurückgekehrt ist, sandte ein Telegramm an den Minister Simons, worin er auf zunehmende Unlust der Bergarbeiter, Ueberschichten zu fahren, hinweist unb a!S Gründe nennt die schlechte Ernährung, die Jahrestemperatur, die regelmäßig auf die lleberarbeit hemmend einwnkt; und schließlich die Nachrichten über Zwangsmaßregeln gegen das Ruhrgebiet.

„Aber ich habe keine Ahnung, was solch eine Toilette kosten kann? Welche Summe soll ich nennen?"

„Sagen Sie 400 Kronen. Haden Sie denn über­haupt schon einen ordentlichen Kontrakt mit dem Direk­tor gemacht? Wißen Sie, wieviel Ihnen jede Auffüh­rung einbringen wird?"

„Nein, daran dachte ich noch gar nicht!"

„Das sieht Ihnen ähnlich! Könnte nicht Herr Winn- hold diesen geschäftlichen Teil für Sie erledigen? Sie kommen sonst ja sicher wieder zu Schaden!"

„Damit könnten Sie recht haben. Geldsachen sind «Kk so gleichgültig. 3a, ich werde Winnhold morgen bitten, dies zu ordnen."

„Schön. Unb bann machen wir gleich einen kleinen Ueberschlag. Ordnung in Geldsachen ist sehr wichtig. Man muß die Ausgaben doch mit den Einnahmen re­geln. Ich werde das machen und Sie werden es dann überprüfen."

Dankbar, mit einem kleinen kindlich verlegenen Lä­cheln sah er zu ihr auf.

„Wenn ich Sie nicht hätte, Wera!"

Sie sah an ihm vorüber.

„Sie brauchen bann Ruhe unb müssen mit Lou aufs Land, davon dürfen Sie unter gar keinen Umständen abgehen," sagte sie mütterlich besorgt.

„Ach ja", er fuhr sich über bie Stirne, „wie gut Sie immer alles erraten! Ich fühle mich wirklich zuweilen recht mübe unb überarbeitet unb sehne mich grenzenlos nach einem stillen Winkel, wo nichts als Wiesen, Wälber unb Ruhe um mich ist . . ."

Ein Helles Lachen von ber Tür her unterbrach ihn. Dort staub Lou phantastisch in einen roten Seibenshawl drapiert, blutrote Karfunkelsteine um den Hals und im Haar.

„O Du bummer, bummer Rolly!" sagte sie lachenb, „Du glaubst, ich werbe mich dann mit Dir zwischen Bauern unb Weibevieh vergraben, anstatt bie köstlichen Früchte Deiner Berühmtheit zu genießen? Das könntest Du mir antun?"

Ehe er antworten konnte, sagte Wera unwillig: „Na­türlich wirb er es tun! Er braucht Ruhe! Schlimm genug, wenn Du dies nicht einsiehst! Denke doch nichl immer nur an Dich unb Deine Eitelkeit, Lou!"

Es war das erstemal feit langer Zeit, daß Wera einen , fo fchrosfen Ton gegen bie Freundin anschlug. Lou sah

Chronische Unterernährung.

In der Darlegung, die der Reichsminister für Er­nährung und Landlvirtschaft der Konferenz in Spaa unterbreitet hat, heißt es:

Die Ernährungsschwierigkeiten Deu.schlands rüh­ren her:

1. Von dem starken Rückgang der landwirtschaft­lichen Produktion während des Krieges und nach dem Kriege.

2. Von der Unmöglichkeit die für die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion erforderlichen Betriebs­mittel wie Futtermittel, Düngemitteln usw. in aus­reichenden Mengen einzusühren.

3. Von dem Mangel an Zahlungsmitteln für die Deckung des fehlenden Lebensmittelbedarfs durch Ein­fuhr.

Der Ernteertrag pro Hektar sank in dem Zeiträume von 1913 bis 1919 für Brotgetreide um 21 Prozent, für Futtergelreide um 25 Prozent, für Kartoffeln um 31 Prozent, für Zuckerrüben um 30 Prozent. In der­selben Zefi scmk der Bestand an Rindvieh, Milchkühen unb Scheinen um nicht weniger als 41 Prozent. Deutschland ist daher gezwungen, die im Krieg einge- siihrte Rationierung nach für eine Reihe der wichtigsten Lebensmittel fortzuführen, die Rationen müffen aber so knapp bemessen werden, daß sie nur etwa d i e Hälfte des täglichen Mindestvedarfs eines erwachsenen Menschen decken. In Preußen star­ben an Kmdern im Alter von 1—5 Jahren im Jahre 1913: 52 925, !m Jahre 1918: 69 369, obwohl die Ge­burten sich während der Kriegsjahre um etwa 40 Pro- zent verringert hatten. In Dkcklenburg-Schwerin — einem Agrarstaate — betrugen dieselben Ziffern im Jahre 1914 — 360 und im Jahre 1918 — 819 An­dererseits gestattet der Zustand der chronischen Unter­ernährung der erwachsenen Bevölkerung nicht, ihre volle Arbeitsfähigkeit wieder zu erlangen. Die Folge ist die Unmöglichkeit, d>e gegsnwärtigen, durchaus unzureichen­den Leistungen in Industrie und Bergbau zu steigern. Hierzu kommt, daß es einem wachsenden Teil der Be­völkerung unmöglich ist, die auf Karten aus- gebenen Leben »Mitteln sämtlich abzunehmen, da der Preis die Kauflust der Bevölkerung ab- schwächt, obwohl das Reich einen Teil der Lebensmittel auf Marken verbilligt. Zum Schluß heißt es dann:

Dte befriedigende Regelung der ErnährungSfrage in Deutschland ift und bleibt die erste und wesentlichste Voraussetzung für den Erfola aller anderen Maßnahmen zur Hebung der Leistungsfähigkeit Deutschlands. Die deutsche Delegation schlägt daher vor, die Konferenz in Spaa wolle beschließen, daß eine Kommission au8 Sachverständigen der einzelnen Länder mit größter Beschleunigung zusammentritt, um über die Maßnahmen zur Verbefferung der ErnährungSlage in Deutschland zu beraten unb ben auf ber Konferenz in Spaa ber- tret en en Mächten bahingehenbeVorschläge zu unterbreite»

Hittferufe aus dem abgetretenen Osten.

Angesichts der nahezu einstimmigen Stimmabgabe für Deutschland tm östlichen Abstimmungsgebiet ist mit Recht die Frage aufgeworfen worden, wie es in Lst- und Westpreußen überhaupt zu einer Volksabstimmung hat kommen können. Hätte man z. D. in der Siadt Berlin eine Abstimmung zwischen Deutschland und Po­len vorgenommen, sie wäre wahrscheinlich günstiger für Polen ausgefallen als die Abstimmung im Kreise Oletzko, wo auf 27 000 deutsche Stimmen ganze 2 pol­nische Stimmen entfielen. Dazu muß man sich vor Augen halten, daß die Wevweisen in Versailles hinein­gefallen sind auf eine Deputation von vier Masuren, die unter der Führung eines polnischen Apothekers stan­den und den Versailler Weltweisen vorschwindelten, ganz Masuren sehne sich nach der Mutter Polen. Auf Siefen Dummenjungen-Streich ist die Volksabstimmung zurückzuführcn, und es paßt ganz in dieses Bild hinein, daß von den vier Teilnehmern jener Deputation einer verschollen, einer an Gehirnerweichung gestorben, der

sie ganz verdutzt an unb flüchtete bann wie ein geschah, tenes Kind zu ihrem Mann.

„Sag ihr doch, Rolly, daß Du es gern tust, wett i ch es will!" murmelte sie kleinlaut. „Denke doch, wie hübsch es sein wirb, wenn wir z. D. in Baben ober Karlsbad zusammen auf der Promenade erscheinen roer­ben unb bie Leute heimlich nach uns beuten: „Das ist ber berühmte Dichter Meister unb seine Frau!" Ilm diese Freude darfst Du mich doch nicht bringen!"

Nie vielleicht war Roland der Gegensatz dieser zwei Frauen, von denen die eine unablässig nur auf sich selbst bedacht war, so lebhaft zum Bewußtsein gekommen roui in dieser Minute.

Er lächelte seiner Frau zerstteut zu.

„Aber ich bin doch noch gar nicht berühmt, Kleines» Wer weiß, wenn bas Stück burchsällt —"

„Das wäre mein Tob! Ich mürbe sterben vor Scham? Nein, bas kann ja gar nicht Jein! Wera sagt doch, et fei so gut!"

„Nun, hoffen mir bas Beste!"

„Unb Du gehst bann mit mir in einen Badeort, wo wir recht viel unb nette Gesellschaft treffen? Sag ja, Rolly! Bitte, bitte!“

„Ja," sagte sein Munb ohne Zögern, während sein Blick ernst zu Wera hinüberglitt, bie darin las: du be­greifst, baß es meine heilige Pflicht ist, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, eben weil ihr meine Seele nicht gehören kann!

Da senkte Wera den Kopf und schlich stumm hinaus. Ja, sie begriff. Und sie schämte sich, nicht so selbstlos sein zu können wie er. Und sie bewunderte ihn gren­zenlos um seiner scheinbaren Schwäche dieser Frau ge­genüber, die doch nur unendliche Kraft und Seelengröße war. Aber ganz im Hintergrund ihrer Gedanken stand zum erstenmal ein wilder Schmerz: Warum gehört« er dieser Frau? Warum hatte bas Schicksal alles so gefügt, baß sie, bie ihr Herzblut für ihn hingegeben hätte, nun tatenlos zusehen mußte, wie jene ihn in aller Un- schulb zugrunde richtete? Denn das tat sie. Sange konnte ein Mensch ja diese beständige Selbstaufopferung nicht aushalten. Er sah ohnehin zu elend aus. Und eines Tages würben seine Nerven einfach zusammen­brechen ... i

„Ich aber werbe auch bann keinen Finger rühren bürjen, um ihm zu helfen," buchte sie verzweifelt.

Dortsetzung folgt.).