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Nr. 158.
Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Carl Schütte, n für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda- Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
Montag, 12. ZuU 1920.
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47. Zahrg.
Entspannung in Spaa.
Die kohlenfragc.
In der Entwaffnungsfrage hat sich di; Haltung der Entente in Spaa nur wenig von ihrer Haltung in Versailles unterschieden. Sie hat auf ihrem Schein bestanden und hat nach einigem Hin und Her die Diskussion dadurch zu Ende geführt, daß sie die Rolle des Diktators annahm. Aehnlich hat sie es am Freitag in der Frage der Kohlenlieferungen gemacht. Auch in dieser Frage war wenig von Verhandlungs- migung zu spüren. Vielmehr trat man uns wieder mit einem Diktat entgegen. Deutschlands böser Wille, seine Verpflichtungen zu umgehen, war insbesondere für Herrn Millerand eine ausgemachte Sache. Seine Hauptforderung war: bei der Förderung deutscher Kohle hat Fankreich bedingungslos den Vorrang. Das heißt, im kommenden Winter dürfen die Deutschen frieren und ihr Essen roh hinunterschlingen, wenn der Franzose nur hübsch warm sitzt und auf deutscher Kohle sein Essen kochen kann. Damit das gelingt, soll in Berlin eine mit Diktaturvollmacht ausgerüstete Kontrollstelle der Alliierten für die gesamte deutsche Kohlenerzeugung eingerichtet werden. Solche Forderungen sind unanchmbar.
In der Sitzung vom Samstag gab die deutsche Delegation die Antwort. Die Alliierten mußten sich durch Minister Simons, der auch in der Kohlenfrage Wortführer der deutschen Delegation ist, und ferner sowohl durch den Mund des Industriellen Hugo Stin- nes als des Bergarbeiterführers HuZ sagen lassen, daß di; Methode des Diktierens der Alliierten nicht zum Ziele führen kann, weil sowohl die deutsche Regierung wie auch die Alliierten durchaus auf dm guten Willen und die praktische Mitarbeit der deutschen Unternehmerschaft und der Arbeiter angewiesen sind, und zwar in der Kohlenfrage wie in allen wirtschaftlichen Fragen. Heber die Sitzung wird berichtet:
Spaa, 10. Juli. Als erster ergriff Reichsminister Dr. Simons das Wort. Er wies darauf hin, daß es verfehlt fei, derartig wichtige Probleme wie die Sohlenfrage durch ein Diktat regeln zu wollen.Die deutsche Delegation habe beabsichtigt, einen ganz bestimmten, wenn auch vorläufig nur in Umrissen zu zeichnenden Plan vorzulegen, der uns befähige, die Ansprüche des Verbandes, insbesondere Frankreichs, möglichst restlos zu befriedigen. Für die Wiedergutmachung sollten neben der Kohlenkommission noch drei Sonderkommissionen gebildet werden. Die Kernfrage sei für Deutschland dabei die Kohlenfrage. Diese könne von der deutschen Regierung nur im Einverständnis sowohl mit den Unternehmern als auch insbesondere mit der Arbeiterschaft gelöst werden. Er (der Minister) habe es darum für ersprießlich erachtet, die Vertreter dieser Gruppen von sich aus sich äußern zu kaffen. Es handle sich bei diesen Darlegungen um persönliche Aeußerun» gen, die ohne vorherige Verständigung mit der Delegation vorgebracht würden, und für die die deutsche Delegation als solche keine Verantwortung übernehmen könne. j
Hugo S t i n n e s, als Vertreter der Unternehmer, tagte, er wolle stehend sprechen, um den Gegnern klar und scharf ins Auge sehen zu können. Stinnes führte dann im einzelnen aus, was im Bergbaubezirk zur Erfüllung der Verbandsforderungen und besonders der Forderungen Frankreichs bereits schon alles geschehen sei. Man habe auch noch eine weitere Steigerung der Erzeugung in Aussicht genommen. Dabei wandte er sich aber mit aller Schärfe gegen die Methode der Drohung, und wies darauf hin, daß ein Einmarsch ins Ruhrgebiet nichts weiter als einen Rückgang, wenn nicht Stillstand der Erzeugung zur Folge haben würde. Er sprach davon, daß die Kohlengruben Frankreichs nicht zum Vergnügen, sondern aus militärischer Notwendigkeit zerstört worden seien. Er sprach von der Schmach, die Deutschland und der Welt durch die schwar-
Zordernde Liebe.
Roman von Erich Ebenstein.
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Die Hofrätin rührte sich nicht. Leise flössen die Tränen in ihr Taschentuch und leise keimte eine große Erkenntnis in ihr auf.
5a, sie war ihm vieles schuldig geblieben. Sich ent» Massen aufrichtend, sagte er: „Wir wollen jetzt nicht wehr unnütz grübeln, Klarissa, da es Nötigeres zu tun gibt. Ich denke, Du wirst nun wohl gleich Isolde auf» juchen müssen . . ."
„Willst Du denn nicht mit mir?"
„Heute noch nicht. Ich fürchte, ich könnte ein Wort »es Tadels in diesem Moment auch ihr gegenüber nicht unterdrücken, und das arme Ding ist immerhin krank. Auch sonst wohl hart genug bestraft . . . sie soll wenig» stens sehen, daß sie nicht ganz verlassen ist, und wissen, baß ihr das Elternhaus offen steht, wenn sie das Sanatorium verlassen will." Die Hofrätin blickte bang auf.
„Du meinst, sie soll — zu uns kommen?"
„Ja. Wohin sonst? Ich fürchte, Georg wird nichts wehr von ihr wissen wollen, nachdem sie seinen Namen ber Lächerlichkeit preisgegeben hat."
„O, Wilhelm, das ist schrecklich! Auch Daniela ist • • • will . . ." sie stockte. Dann aber fuhr sie tapfer *ort und erzählte ihrem Mann von Danielas Flucht.
„Ich schwöre Dir, ich wußte nichts davon," schloß sie wemend, „ich hätte alles getan, um sie zurückzuhalten! «der Daniela war in der letzten Zeit, nachdem ich ihr ein paarmal Vorstellungen machte, so verschlossen gegen mich, daß ich keine Ahnung hatte, was in ihr uorgmg. Und glaube mir, ich sehe nun ein, daß Du w vielen Dingen recht hast. Ich habe sie nicht richtig erzogen. Ich war zu schwach . . . kannst Du mir verleihen, Wilhelm?"
Er schloß sie stumm in die Arme. Und zum elften» ffal im Leben empfand die Hofrätin, welche immer nber die sogenannte „männliche Ueberlegentjeit" gespöttelt hatte und „sich selbst genug war", das Wohltuende dieser ruhigen, sicheren Ueberlegenheit, die in dieser schwersten Stunde nicht den Kopf verlor, wie — sie s-lbst.
Denn sie konnte gar nichts denken. Eine verwirrte Hilflosigkeit erfüllte sie ganz und gap
zen Truppen angetan wird. Er sprach von Diktatur; er schlug nicht mit der Faust auf den Tisch, aber auch seine Worte waren Faustschläge so harter Art, daß der belgische Vorsitzende ihn unterbrach und andeutete, der Weiterbestand der Konferenz gerate in Gefahr, wenn es in diesem Tone weitergehe. Sachlich machte Stinnes schließlich den Vorschlag, eine internationale Kommission einzusetzen, die die wirklichen Produktionsziffern feft» stellen und die internationale (also nicht bloß die deutsche) Kohlenverteilung überwachen sollte. Stinnes sprach äußerst scharf, nicht politisch, aber vielleicht doch eindrucksvoll.
Dann kam eine Rede des Bergarbeiterführers H u e. Er sprach über die Bergarbeiter und die Stimmung bei den Unternehmern. Hue erklärte, daß die SB er g- arbeiter entträftet seien durch die Hunger- d l o ck a d e und unter den ungünstigsten Umständen lebten. Trotzdem hätten sie sich zur Mehrförderung verpflichtet. Die deutsche Arbeiterschaft sei aber fest entschlossen, am Sechsstundentag festzuhalten. Die Kohlenfrage fei ein internationales Problem und nur durch internationale Verständigung lösbar. Die Vertreter des deutschen Bergbaues feien gerne nach Spaa gekommen, um mitzuarbeiten, aber die Diplomaten am grünen Tisch könnten nichts bestimmen gegen den Willen der Arbeiterschaft. Er hoffe, daß die Alliierten eine sachliche Arbeit in Kommissionen ermöglichen würden, damit es wirklich zum Wiederaufbau Europas komme. Hue trug feine Rede in schlichten Worten und ruhig vor. Es war nicht zu verkennen, daß sie einen großen Eindruck auf die ganze Versammlung gemacht hat. — Die Sitzung wurde darauf auf 4 Uhr nachmittags vertagt.
Die deutschen Vorschläge zur Wiedergutmachung.
Die Nachmittagssitzung hat dann anscheinend eine bedeutsame Wendung zum Besseren gebracht. Zu Beginn der Sitzung erklärte Millerand an eine frühere Bemerkung Simons antnüpfenö, von einer Bestrafung Deutschlands könne keine Rede fein, im Gegenteil komme es den Alliierten darauf an, die Wirtschaftskraft Deutschlands wieder auf ihre alte Höhe zu bringen; Erfüllung des Vertrags werde natürlich erwartet. Die Alliierten wollten der deutschen Regierung keine Schwierigkeiten bereiten, sie wünschten vielmehr, daß die jetzige Regierung lange im Amte bleiben möge. Herr Millerand sagte daraus, so wird berichtet, mit außergewöhnlicher Wärme, er hoffe, daß die künftigen Beziehungen der Alliierten zu Deutschland möglich st freund schaftliche fein werden. Millerand schlug sodann den sofortigen Zusammentritt der beiderseitigen Sachverständigen zu Kommissionsberatungen vor. Die deutsche Delegation stimmte zu, und die beiderseitigen Sachverständigen traten sofort zu einer Sitzung zusammen.
Noch einer Pause machte Minister Dr. Simons längere Ausführungen über die Wiedergutmachungsfrage und erklärte sich bereit, die deutschen Vorschläge schriftlich in kürzester Frist vorzulegen. Dr. Simons entwickelte dann sofort die Grundlinien der deutschen Pläne. Er erklärte die Bereitwilligkeit der deutschen Regierung, die Gesamtsumme für die Wiedergutmachung festzusetzen, ferner Jahresleistungen für deren Zahlbarkeit und endlich ein System zu schaffen, wodurch im Falle einer Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands die Zahlungen erhöht werden sollen. Der SDiinifter betonte die Schwierigkeiten, die einer solchen Regelung im Augenblick noch entgegen stehen. Ferner habe Deutschland, um ein derartiges Wiedergutmachungsprogramm auszuführen, Finanzhilfe nötig. Lloyd George machte den Zwischenruf: „Die brauchen wir alle!" Minister Simons betonte ferner die Notwendigkeit, in hohem Maße die deutschen Sachleistungen in das Negierungsprogramm hineinzuarbeiten. Die Sachleistungen an die Alliierten zerfallen: 1. In Kohlenlieferungen, 2. in die Wiedergutmachungen für die Zerstörungen und fon-
Halmenfchlag führte sie hinüber ins Eßzimmer und zwang sie vor allem zu frühstücken. Dann brachte er ihr Hut und Mantel und half ihr, beides anziehen.
„So, Klarissa, nun geh. Nimm Dir eine Autotaxi, damit Du rascher draußen bist, denn Isolde wird Dich sicher sehnlich erwarten."
„Findest Du es nicht merkwürdig von ihr, daß sie uns bisher nicht einmal benachrichtigen ließ?"
„Sie wird es vielleicht nicht wagen. Auch ist ja, wie in i>er Zeitung stand, dieser Mensch noch draußen bei ihr. Nebenbei bemerkt, eine unerhörte Dreistigkeit von ihm!"
„Nicht wahr? Ich begreife es einfach nicht, daß Isolde dies nur duldet! Takt hatte sie doch wenigstens immer!"
„Nun, Du wirst ja sehen, was sie sagt. Und mache Dir n* jetzt nicht allzuviele Sorgen, Mama. Es wird sich schon alles machen, so gut es geht. Für schlecht halte ich ja Isolde nicht. Wir wollen jetzt nur daran denken, daß wir sie auch hätten ganz verlieren können, gelt? Das Uebrige wird sich finden. Schlimmstenfalls bleiben sie und Daniela eben wieder bet uns ... unsere Kinder sind sie ja doch!"
Er drückte einen Kuß auf ihre Stirn und klopfte ihr auf die verweinten Wangen.
„Nur Mut, Mama. Mütter müssen auch stark sein können!"
„Wie gut Du bist . . ." murmelte sie dankbar.
Dann ging sie. Seltsam weich und getröstet durch die Entdeckung, daß ihr unerwartet da eine Stütze tragen half, wo sie allein zufammengebrochen märe.
18.
Im Sanatorium Hensle, wohin man Isolde gebracht, wurde die Hofrätin vorn Anstaltsleiter Dr. Hensle, einem älteren, freundlichen Herrn empfangen.
Er beruhigte sie sogleich. Nein, es war gottlob wirklich gar nichts Bedenkliches passiert. Der Arm war bereits eingerichtet und lag in festem Verband, die paar Wunden — eine an der Stirn, die anderen an den Händen, waren verbunden und ganz ungefährlich. Bis zu einem gewissen Grad bedenklich war nur der hohe Auf- regungszustand, in dem Frau Diez sich befand. Sie meine beständig und fei gar nicht zu beruhigen, obwohl man ihr starke Beruhigungsmittel gegeben habe.
„Gewiß hat sie sich schon sehr nach mir gesehnt," sagte die Hofrätin, die ihre Tränen nicht zurückhallen
fügen Schäden. Sodann wandte sich Dr. Simons erst dem Problem des Wiederaufbaues zu. Die bloße Leistung auf Reparationskonto verhindere nicht, daß die verwüsteten Gebiete verwüstet bleiben, denn die Geschädigten verwenden ihr Geld an Anderes. So lange aber dies der Fall ist, entsteht neuer Haß und die alten Wunden bluten weiter. Herr Dr. Simons deutete an, daß er sich den Wiederaufbau als ein Großsiedlungsunternehmen denkt. Dazu sei nötig: internationale Zusammenarbeit unter Ausschluß übermäßigen Unternehrnerge- winns der Industrie und Arbeiterkontrolle unter sozialen Gesichtspunkten. Eine feste Summe hat Herr Dr. Simons zunächst nicht in Aussicht gestellt. Gegen die Benennung einer festen Summe spricht, daß die hohen Erwartungen der Alliierten sicherlich bei der Benennung einer notwendigerweise sehr kleinen Summe einen Entrüstungssturm Hervorrufen werden. Dafür spricht jedoch, daß nur die Benennung einer festen Geldsumme das Vertrauen zur deutschen Ernsthaftigkeit erzeugen könne. Eine Entrüstung dürfte übrigens in jedem Fall zu erwarten sein. Die deutschen Vorschläge werden eingehend erörtert und, wie zu vermuten ist, am Montag von der Konferenz an eine Kommission verwiesen werden.
Neue Hemmungen.
Der günstige Eindruck der Samstag-Sitzung ist durch die Verhandlungen am Sonntag zum großen Teil wieder verwischt worden. In der Kohlenfrage ist wieder eine Stockung eingetreien. Millerand scheint nur soweit entgegenkommen zu wollen, daß die Alliierten sich in die innerdeutsche Verteilung der Kohlen nicht einmischen wollen, an der Kontrollkommission selbst hält er fest.
wtb Spaa, 11. Juli. Bei Beginn der heutigen Sitzung teilte der Vorsitzende Ministerpräsident Delacroix mit, daß der britische Ministerpräsident Lloyd George unpäßlich sei und daß daher die Entscheidung in der Kohlenfrage, über die die beiderseitigen Sachverständigen seit gestern beraten hatten, bis zur morgigen Sitzung verschoben werde. Er richte daher an die deutschen Delegierten die Frage, ob sie bereit seien, die von ihnen für heute nachmittag zugesagten Wiedergutmachungsoorsschläge vorzulegen. Reichsminister Dr. Simons entgegnete, die deutschen Wiedergutmachungsvorschläge seien fertiggestellt und hätten der Konferenz im Laufe dieses Nachmittags zugehen sollen. Er habe indessen unmittelbar vor der Sitzung erfahren, daß bei den Kommissionsoerhandlungen zwischen den beiderseitigen Sachverständigen für die Kohlenfrage keine Einigung erzielt worden sei. Wegen der grundlegenden Bedeutung der Kohlenindustrie für das deutsche Wirtschaftsleben sei die deutsche Delegation nicht imstande, Vorschläge für die Wiedergut- machung vorzulegen, solange die Kohlenfrage unerledigt sei. Ministerpräsident M i l l e r a n d erklärte, daß ihn diese Mitteilung beunruhige. Er verlas den Bericht der Alliierten über die Verhandlungen der Koh- lenkommisfion und stellte feft, daß es „bei dem Beschluß", der vorgestern veröffentlicht worden ist, sein Bewenden habe, jedoch sei Punkt 3 abgeändört worden. Er sei nunmehr so zu verstehen, daß die alliierte K o A- trollkommission nicht das Recht haben solle, sich in die Verteilung der Kohlen innerhalb Deutschlands auf die einzelnen Industrien einzu- mischen, die Entscheidung der Alliierten werde erst morgen fallen. Herr Millerand stellte das Ersuchen, die deutsche Delegation möge ihre Pläne gleichwohl überreichen. Herr Dr. Simons antwortete mit der Feststellung, daß nach dem Bericht, den Herr Millerand verlesen habe, der französische Vorschlag das Zweieinhalbfache des deutschen Angebotes an Kohlen verlange. Würde dieser Forderung stattgegeben, so müßten die deutschen Industrien auf ein Drittel ihres gegenwärtigen Bezuges an Kohlen herabgesetzt werden, was sie in eine völlig unhaltbare Sage brächte. Um sich über die Frage der Vorlegung der Pläne nochmals zu unterhalten, wolle sich die deutsche Delegation für einen Augenblick zurückziehen, womit die Alliierten einverstanden waren.
Nach kurzer Beratung erklärte Herr Dr. Simons, die deutsche Delegation sei bereit, die Pläne als bald zu übergeben, obgleich der Vorsitzende fest
konnte. „Warum hat man mich nicht gleich gestern verständigt?" \
„Weil Frau Diez es ausdrücklich verbot," lautete Dr. Hensles verlegene Antwort. „Sie verlangte nur nach ihrem Mann und wollte ,daß niemand sonst zu ihr gelassen werde."
„Und — hat man meinen Schwiegersohn verständigt?"
„Ja."
„Er ist gekommen?"
„Nein. Die erste Nachricht ging nach Doblowitz. Doch war Herr Diez nicht dort. Heute morgen telephonierte ich dann in sein Wiener Palais, wo er inzwischen angekommen war. Herr Diez hat seitdem mehrmals telephonisch bei mir nach dem Befinden seiner Gemahlin angefragt. Aber gekommen ist er nicht . . . er sagte, er sei selbst nicht wohl."
Eine Pause entstand. Die Hofrätin wußte genug. Sie unterdrückte einen schweren Seufzer. Und Isolde hatte bisher nicht einmal nach ihr verlangt! „Kann ich nun meine Tochter sehen?" fragte sie endlich beklommen.
„Gewiß. Wenn Frau Diez es wünscht und sie vor weiteren Erregungen bewahrt bleibt."
Die Blicke der Mutter und des Arztes begegneten sich.
„Ich will nur von ihrem Befinden sprechen", sagte die Hofräün.
„Dann bitte." Dr. Hensle schritt voran. Sie folgte ihm stumm.
Während oben im ersten Stockwerk Mutter und Tochter in seltsam fremder Befangenheit sich mühten, ein Gespräch im Gang zu halten, das gerade jene Punkte, die beide am meisten beschäftigten, ängstlich zu berühren vermied, saß unten in dem kleinen Parterresalon, der den Aerzten des Hauses als Rauch- und Erholungszimmer diente, Dallariva dem jungen Dr. Bertling gegenüber. Bertling war Hausarzt im Sanatorium Hensle.
Beide kannten einander von Kindesbeinen an, denn ihre Mütter waren Freundinnen gewesen, und sie hatten zwanzig Jahre lang Tür an Tür im selben Hause gewohnt. Erst vor fünf Jahren, als Frau Dallariva starb und Bertlings Mutter nach Graz zu ihrer verheirateten Tochter zog, hörte dieser trauliche Verkehr auf.
Indessen hatte der Umstand, daß Bertling im Sanatorium Hensle erster Assistent war, Dallariva mit veranlaßt, sich gleichfalls hier häuslich niederzulassen. Hoffte er doch, h>ird> den Jugendfreund sich Isolde wieder
gestellt habe, daß die Entscheidung in der Kohlenfrage erst morgen fallen werde. Er übergab sodann an den Generalsekretär der Konferenz die deutschen Pläne in mehreren Exemplaren. Er gab seiner Meinung da- hin Ausdruck, daß es der Sinn dieser Verhandlungen sei, die Wiedergutmachung nicht einseitig zu diktieren, sondern im Wege gegenseitiger Verständigung fcstzusetzen. Millerand trat dieser Auffassung lebhaft entgegen, indem er festftellte, daß der Versailler Vertrag nach wie vor die Grundlage der Beziehungen zwischen Deutschland und den Alliierten in» bezug auf die Wiedergutmachung fei. Er erklärte ferner, die Alliierten wollten die deutschen Pläne prüfen und morgen darüber sich äußern.
Damit wurde die Sitzung auf Montag vormittag vertagt.
Die ersten Händedrücke.
Der Pariser „Excelsior" meldet: Zum ersten Male sind Freitag abend zwischen Mitgliedern der alliierten und der deutschen Delegation Händedrücke gewechselt worden. Nach Schluß der Sitzung sprach Lloyd George noch einige Worte mit dem deutschen Minister des Auswärtigen Dr. v. Simons. De la Croix unterhielt sich mit F e h r e n b a ch. Beim Auseinander- gehen wechselten sowohl de la Croix wie Lloyd George und Millerand mit den deutschen Delegierten Händedrücke.
Am Samstag ging in der Pause Lloyd George auf Hue zu und unterhielt sich mit ihm. Dr. Simons hatte eine längere Unterhaltung mit Millerand.
Die Sicherheitspolizei.
In Uebereinftimmung mit unserer Meldung über die Behandlung der Sicherheitspolizei erfahren wir, daß man im Ministerium des Innern ebenfalls der Auffassung ist, daß die in dem unterschriebenen Protokoll enthaltene Klausel über die Entwaffnung der Sicherheitspolizei keine Auflösung der Sicherheitspolizei als Polizeitruppe fordert und daß der Ausdruck Entwaffnung von der Entente mit Vorbedacht gewählt worden ist. Worum es sich handeln kann, das ist die Aufgabe der Artilleriebewaffnung der Sicherheitspolizei.
Das Entwaffnungsprotokoll.
Bei dem Reichspräsidenten sand am Sams' tag eine Besprechung statt, in der die aus Spaa zurückgekehrten Mitglieder der Delegation, Minister Geßler, Staatssekretär Albert und General v. Seeckt, Bericht erstatteten. Nach allgemeinen Mitteilungen wurden t*e in Spaa getroffenen Vereinbarungen erörtert. Dabei wurde hervorgehoben, daß Lloyd George den Schwerpunkt der Verhandlungen auf die Entwaffnung der Bevölkerung, das heißt also das Einsammeln der in den Händen der Bevölkerung befindlichen Waffen gelegt habe. Die A ndro h un g des Einmarsches in das Ruhrgebiet ist von den Deutschen nicht genehmigt, sondern nur zur Kenntnis genommen, nachdem der Reichsminister des Aeutzern zuvor erklärt hatte, daß eine derartige Klausel dem Friedensverirag und dem Völkerrecht widerspricht. Die Schlußformel der Unterschrift geht infolgedessen nur dahin, daß die deutsche Regierung Kenntnis nehme und versuchen werde, die Bedingungen auSzufuhren, Lloyd George hatte aus- drücklich anerkannt, daß die Deutschen durch ihre Unterschrift die Strafklausel nichtdeckten. Es wurde weiter klargestellt, daß bei dem Nachdruck, mit dem die Einsammlung der Waffen von der Entente gemäß dem Friedensvertrag verlangt wird, Deutschland hier alsbald zu einschneidenden Maßregeln greifen müsse.
Die Volksabstimmung
in Ost- und Weftprenßen
X Berlin, 12. Juli. Am gestrigen Sonntag fand in dem o st preußischen Masuren und Ermland und in einem Teil von W e st p r e u ß e n die Abstimmung darüber statt, ob diese Gebiete bei Deutschland bleiben oder zu Polen kommen wollen. Die Polen haben mit riesigen Geldmitteln und durch gehässige Schikanen die Abstimmung zu beeinsluffen gesucht, selbst vor Gewalttäligkeiten schreckten sie nicht zurück. Sie haben aber einen großen deutschen Erfolg nähern zu können, die ihn seit der Abfahrt von Tulln tonfequent ignorierte.
Nun saßen sie zum erstenmal über den verhängnisvollen Ausflug plaudernd beisammen, und Dallariva benützte die Gelegenheit geschickt, um vor dem Freund mit seiner Eroberung zu prahlen, indem er allerlei halbe Andeutungen in feiner Darstellung einflocht.
Aber der Erfolg, den er damit erzielte, war ein unerwarteter. Statt ihn neidvoll zu bewundern, wie er erwartet hatte, hörte Bertling schweigend zu und sagte zuletzt halb bedauernd, halb schadenfroh: „Na, für Dich kann das jetzt eine verfluchte Geschichte werden, Dallariva, da Du den Reportern gestern abend so bereitwillig Auskunft gabst und Deine Beziehungen zu Frau Diez dabei deutlich genug durchblicken ließest. Ich wäre da enffchieden vorsichtiger gewesen!"
„Vorsichtiger? Wieso? Was für ein Schaden konnte mir daraus erwachsen, wenn man weiß, daß ich die Gunst einer der schönsten Frauen unserer Gesellschaft errungen habe?"
„Der: daß Dich ihr Mann nun fordert, die Ehescheidung einleitet und Du moralisch gezwungen bist, nach, her die geschiedene Frau zu heiraten!"
„Ich? Mich duellieren? Sie — heiraten?" Dallariva prallte förmlich zurück. An eine solche Konsequenz hatte er bisher nicht im Traum gedacht. Der bloße Gedanke daran machte ihn schaudern. Diez war, wie er wußte, Reserveoffizier, verstand sich also gewiß auf Waffen. Während er . . .
Und Isolde heiraten? Isolde, die keinen Kreuzer eigenes Vermögen besaß, wohl aber gewohnt war, jährlich ein kleines Vermögen für sich auszugeben? lieber- Haupt heiraten . . . fein ganzer Nimbus als interessanter Don Juan wäre dahin . . .
„Du scherzest wohl, Bertling? stammelte er mit blassen Sippen.
„Keineswegs. Du mußt Dir das doch selbst bereit» klar gemacht haben!"
Dallariva legte die Zigarre, die ihm plötzlich gar nicht mehr schmeckte, in den Aschenbecher und blickte ab- wesend vor sich hin.
Nein. Er hatte sich gar nichts klar gemacht. An Herrn Diez hatte er überhaupt nicht gedacht. Der Mann hatte sich ja bisher ihm gegenüber auch kaum bemerkbar gemacht. Dallariva betrachtete ihn,i*t stillen immer als Null neben der schönen Isolde. Wie sollte er nun plötzlich dazu kommen ... (Forts, folgt.)