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Nr. 157.

Verantwortlich für den redattionellen Teil: Carl Schütte, " für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. N Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda- Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

Samstag, 10. Zuli 1920.

Bezugspreis: Monatlich 3,00 M. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 Mk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmatz) 60 pfg„ u. 10°l« Zuschlag, die Reklamezeile (Textbreite) 1.80 INk., u. 100/o Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

47. Zahrg,

Gewallpolitik in Sparr.

Gegenüber dem Wortlaut des Versailler Vertrages Und den nachherigen Ergänzungen und Verlängerungen find uns durch die aus der Konferenz von Spaa not« gelegten neuen Bedingungen gewisse technische E r - leichterungen zugestanden - worden. Die Herccksetzung der Reichswehr auf 100 000 Mann sollte bis zum 10. Juli, also bis heute, vollendet sein, bis dahin sollte auch die neutrale Zone und vor allem das Ruhrrevier geräumt werden. Die Entente hat uns nun bekanntlich zugestanden, daß die Verringerung der Reichswehr in zwei Abschnitten erst innerhalb n Monaten erfolgt sein soll und daß die neutrale Zone erst am 1. Oktober geräumt zu sein braucht. Dian kann im Hinblick auf diese Erleichterungen von dem Gedanken ausgchen, daß dieses immerhin etwas mehr als nichts bedeutet. Dagegen soll die Entwaff- nung der Einwohnerwehr und der Sicher» heitswehr sofort in Angriff genommen werden. Dom rechtlichen Standpunkt aus, den uns der Friedens- verlrag in die Hand gibt, können wir wenig Einwände gegen diese Forderungen Vorbringen. Die Auflösung der Sicherheitspolizei und der Einwohnerwehr mußte man als eine bekannte Forderung des Verbandes vor« aussthcn und ihr irgendwie zu begegnen suchen. Nicht klar ersichtlich ist aus der in Spaa übergebenen Er­klärung der Alliierten, was mit der „sofortigen" Ent­waffnung der Einwohnerwehr und Sicherheitspolizei gemeint ist, nachdem uns vor einigen Tagen noch drei Monate zur Auflösung zugebilligt worden waren. Schwerer wiegen die Bedenken, wie die Gefahren für die ruhig arbeitende Bevölkerung überwunden werden sollen, die aus der gleichzeitigen Auflösung der Sicher- heits- und Einwohnerwehren und der Verringerung der Reichswehr sich ergeben.

Der verhängnisvollste Teil des Schriftstückes der Alliierten ist die Drohung mit dem Ein­marsch, der weiteren Besetzung deutscher Gebiete und das Verlangen, daß die deutsche Delegation durch ihre Unterschrift die Drohung als rechtmäßig an­erkenne. Mit demselben Recht könnte heute Japan ohne Kriegserklärung die Feindseligkeiten mit Ruß- land eröffnen, weil die russische Regierung der vor 15 Jahren durch den Vertrag von Portsmouth festge­legten Verpflichtung zur Zahlung von 6 Milliarden Franken noch nicht nachgekommen ist. Unter den im Versailler Frieden für die Verletzung der Vertragsbe­stimmungen angedrohten Maßnahmen ist eine Aus­dehnung der Besetzungszone nicht genannt und im vorigen Winter hat bekannllich die deutsche Regierung nach harten Kämpfen erreicht, daß eine der jetzigen Drohung ähnliche Ankündigung in dem Ratifikations­protokoll durch eine Erklärung der Gegenseite aufge­hoben wurde, daß nach dem Inkrafttreten des Frie­densvertrages zwischen Deutschland und seinen ehe­maligen Feinden nur noch die üblichen völkerrechtlichen Beziehungen Geltung haben sollen. Die Unterzeich­nung der Spaaer Erklärung mit ihrer Drohung einer weiteren Besetzung beschwört deshalb die Gefahr her­auf, daß die Gegenpartei darin die grundsätzliche A n- erkennung eines derartigen schweren Eingriffs als eine rechtmäßige Strafmaßnahme für Nichteinhal­tung aller Bertragsverpflichtungen sieht.

Alle Proteste, daß eine weitere Besetzung deut­scher Gebiete unter den Strafbestimmungen des Frie- densrertrages nicht cmfgeführt und daher ein feindlicher Akt, ein Bruch des Friedens fei, werden uns indessen nichts nutzen. Friß Vogel oder stirb! — oder viel- leicht richtiger gesagt: friß Vogel und stirb! Es ist mieDennn das Diktat des Siegers, der das ohnmächtige Deutschland zwingt mrd mit ihm fein Spiet treibt.

Die Beratungen in Berlin.

Reichskanzler Fehrenbach hat am Donnerstag «bend noch spät den Wortlaut der Beschlüsse der Alliier- W -----

Fordernde Liebe.

Roman von Erich Ebenstein.

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Wie sie selbst dann nach Hause gekommen war, »ußle sie kaum. Verwirrt saß sie an dem inzwischen gedeckten Frühstückstisch und starrte vor sich hin.

Es war also nicht genug, daß ihr Lieblingswunsch, Wera solle Thalwann heiraten, in die Brüche gegangen ®or. Auch Daniela mußte ihr Sorgen bereiten. Sor­gen, deren Ende gar nicht abzusehen war! Denn Egon schien ja nichts weniger als versöhnlich gestimmt. Und t°t er nicht zu alledem noch, als trüge sie Schuld an oem Geschehenen? Sie, die ihre Kinder so gut erzogen hatte und Daniela oft riet, keinen Eklat zu machen, wenn Egon auch leider genug Anlaß zu berechtigten «lagen gab?

Und dieser Mensch wagte nun, statt sich zu schämen, "ach ihr versteckte Vorwürfe zu machen! Es war em. pärend!

Dazwischen dachte sie herzklopfend an den Skandal, ?,n|t es wirklich zur Scheidung tarne! Man würde sich >" gar nicht mehr sehen lassen können in der Gesell- l(9aft! Denn natürlich würde Himer jedem teilnehmen, "en Wort die versteckte Schadenfreude lauern ... sie kannte das. Wußte auch ganz genau wieviel man sie "lsher beneidet hatte, um ihrer schönen Töchler und eren gute Heiraten willen.

Das Mädchen unterbrach endlich ihre Gedanken.

„Der Herr Hosrat lassen die gnädige Frau bitten, VNüberzukommen," sagte sie eintretend.

»Ja. Aber der Herr Hofrat klingelten bereits vor •'ner halben Stunde nach dem Frühstück und der Zei- bwg."

»Ach so. Nun, ich komme schon."

Sie erhob sich. Mechanisch dachte sie im Hinüber- Ikhen: „Wahrscheinlich kommt er wieder mit dem Kra- •attenbinben nicht zurecht . . ."

Aber Halmenschlag stand bereits fix und fertig an- 8'Jogen da, als die Hofrätin das Schlafzimmer betrat, ernst hielt er ihr ein Zeitungsblatt entgegen.

i »Erschrick nicht, Klarissa. Isolde hatte gestern einen Ntoniobilunfall bei Tulln. Es ist ihr gottlob nicht viel d^'chehen. Die Sache ist nur ernst durch die Begleit- JPpänbe. Es scheint, baß es sich um einen — heim- Ausflug mit dem Maler Dallariva bandelt, den

। ten an den Reichspräsidenten und die in Berlin zurück- gebliebenen Minister telefonisch übermitteln lassen mit dem Ersuchen, daß der Delegation in Spaa der Stand­punkt der noch in Berlin weilenden Mstglieder des Ka­binetts und der Parteisührer mitgeteilt werde. Bevor die Delegation in Spaa die Auffassung der Berliner Herren nicht kenne, würde sie keinen Beschluß fassen. Daraufhin haben sich unter Vorsitz des Ministers des Innern Koch die noch in Berlin weilenden Minister, ebenso die Minister Preußens, die Parteiführer, die Mitglieder des Reichsrates und die des Hauptausschus- ses zu einer Beratung zusammengefunden. Diese Be-

fügen. Die Drohklausel ober müßten wir ablehnen, die Klausel stehe den Bestimmungen des Versailler Vertrags entgegen, der nicht einseitig abgeändert wer­den kann. Die vorgesehenen Strafbestimmungen seien eine Abänderung des Versailler Friedensvertrags, zu deren Unterzeichnung die dAltfche Regierung der vor­herigen Zustimmung der gesetzgebenden Faktoren des Reiches bedürfe.

Einigkeit der deutschen Delegation in Spaa.

Spaa, 9. Juli. Unaufhörlich spielten Telegraph und Telephon, um die Verbindung mit den in Berlin wei­lenden Mitgliedern der Regierung aufzunehmen. Ein

Bedingungen annahm, widersetzt sie sich de, Einmarschklausel, weil diese eine Abänderung des Vertrags von Versailles bedeuten würde. Die Er­klärung der Alliierten bezüglich eines etwaigen netten Einmarsches wird wiederum, auch wenn sie unter- schrieben wird, nur ein einseitiger Akt sein. Man hofft eine Form zu finden, die nur bedeutet, daß Deutsch­land sich zur Annahme der eigentlichen Bedingungen, aber nicht zur Annahme der Einmarschklausel bereit ge- fanden hat. (Der nachfolgende Bericht über die entschei­dende Sitzung der Konferenz zeigt, daß eine solche Form der Entente nicht genügt hat, sie verlangte vorbehalt­lose Unterzeichnung.)

MeEieiiWM öes EnlWffNWgMokgMs.

Hatholikenkomilee.

Jn der Festversammlung anläßlich des 50. Stiftungsfestes des katholischen Männer- und Meistervereins Sonntag, den 11. Juli vom. 11 Uhr im Stadtsaal spricht Herr Prof. Dr. L ieleman über „6Wt WK m tollt der WW!e

I der 1(61« 50 Mre."

Oie Mitglieder der katholischen Vereine und die gesamte katho- tische Bürgerschaft sind hierzu eingeladen. '

ratung dehnte sich bis beinahe Mitternacht aus und wurde Freitag morgen fortgesetzt. Die Bedingungen der Entente erregten die schwersten Bedenken. Ins­besondere erblickten die Parteien einmütig in der Be­drohung mitderBesetzungdeutschenGebiets eine schwere Gefährdung unserer staatlichen Existenz und der Herstellung eines ehrlichen und friedlichen Zu- sammenarbeitens. Dagegen nahmen die Redner aller Parteien bezüglich der Entwaffnungsfrage den Standpunkt ein, daß bei der Gesamtlage diese For­derung der Entente a n z u n e h m e n sei. Im allge­meinen wird, wie uns aus Berlin noch gemeldet wird, die augenblickliche Lage in parlamentarischen Kreisen nicht hoffnungslos beurteilt, zumal in den Frühe des Freitag ein Telegramm aus Spaa bei der Reichsregiemng eingetroffen ist, wonach unter der Ent­waffnung der Sicherheitspolizei keineswegs deren völlige Entwaffnung oder gor deren Auflösung zu verstehen ist, sondern vielmehr nur die Entziehung schwerer Waffen und die Entmilitarisierung. Sonach würde also die Sicherheitswehr als reine Polizeitruppe fortbestehen können.

Nach längerer Beratung sprach sich die Konferenz für die Unterzeichnung aus, jedoch sollen bestimmte Einwendungen erhoben werden. Ausschlaggebend war die Erwägung, daß im Falle einer Nichtunterzeichnung die sofortige Räumung des Ruhrgebiets und die so­fortige Herabminderung der Reichswchr auf IOC 000 Mann erfolgen müsse. Es bestand kein Zweifel, daß die Entente im gegebenen Falle die bereitgestellten Macht­mittel einsetzen werde. Da wir mit einer Ablehnung nichts ausrichten könnten, müßten wir uns dem Diktat

die Wett nun leider wohl Isoldes — Liebhaber nennen wird!"

2)ie Hofrätin sank wie von einem Schlag getroffen auf den nächsten Stuhl.

„Ist denn mein Mann schon auf?" fragte die Hof­rätin verwundert. „Es ist ja erst halb zehn!"

„Isolde mit Dallariva . . . Ausflug? . . . Tulln?" stammelte sie bebend. „Aber bas kann ja boch gar nicht sein? So unbesonnen wird sie doch nicht gerne- fen sein? Wo Georg ohnehin schon so lange eifersüchtig auf diesen Menschen ist?!"

„Lies den Bericht selbst."

Die Hofrätin las, während bas Zeitungsblatt in ihren zitternden Händen immer stürmischer auf- und niederflog.

Ja, da stand es schwarz auf weiß. Frau Isolde Diez, die Gattin des bekannten Großindustriellen Diez — „eine vielbewunderte Schönheit unserer Gesellschaft" — hatte mit dem Maler Dallariva ganz allein zu zweien in einem Mietauto einen Ausflug nach Tulln gemach! und auf der Rückfahrt war das Auto mit einem Lastautomvbil akramboliert. Der Chauffeur hatte es zwar noch oor dem Zusammenstoß bei Seite reißen 'vollen, dadurch aber nur bewirkt, daß es an einen Baum anprallte, während das Lastautomobil es in die Flanke traf. Die Karosserie war total zertrümmert, die Insasien sowie der Chauffeur herausgeschleudert worden. Während letzterer aber sofort tot war, ge- chah den beiden Passagieren nicht viel, da sie auf einen Hausen trockenen Laubes auffielen. Herr Dalla­riva fnm überhaupt nur mit dem Schrecken davon, Frau Diez erlitt einen Bruch des linken Unterarmes und einige Rippenquetfchungen leichten Grades. Man hatte ie sofort in ein Sanatorium nach Heiligenstädt ge­bracht, wo sich auch Herr Dallariva, der äußerst be- orgt um sie sei, vorläufig einquartiert habe . . .

Der Bericht war sehr ausführlich und in seiner gan­zen Fassung darauf berechnet, bas Publikum auf eine „Skandalaffäre der besten Kreise aufmerksam zu machen, bie bisher nur ben Eingeweihten Stoff zu Geflüster ge- geben hatte" . . .

Die Hvfrätin lieh das Blatt sinken und starrte, keines Wortes mächtig, ihren Gatten stumm an.

Der nickte bitter.

«Ja, so weit hat sie es nun gebracht, unsere schöne I Isolde, mit ihrem „harmlosen Flirt" und ihrer Sucht, I bas Leben auf diese oberflächliche Weise zu geniehenl •

I banger Druck lastet hier auf uns allen. Was würbe werben? Würden mir alle bie Strafbestimmungen, bie ! bie Besetzung bes Ruhrgebietes in Aussicht stellen, un­terschreiben. Es war klar, baß Beschlüsse von unge- heurer Tragweite bevorstanden. Die in Berlin weiten- ben 5 Mitglieder des Kabinetts — sieben sind bereits in Spaa anwesend — teilten mit, daß sie ben übrigen Mitgliebern völlig freie Hand ließen, da sie hier in Spaa einen besseren Einblick in bie Erfordernisse bes Augenblicks hätten. 3n langen Beratungen hat sich schließlich bie völlige Uebereinftimmung ber gefamfen Spaaer Delegation einschließlich des Generals von Seeckt ergeben, die Bedingungen der Alliierten anzunehmen. Die Delegation tut dies, wie den deutschen Pressevertretern ausdrücklich erklärt wor­den ist, weil sie im Bewußtsein unausweichlichen Zwanges zu der Ueberzeugung gelangt ist, baß eine Ablehnung biefer Bedingungen Deutschland in un- übersehbare Gefahren brächte, während sicher­lich dabei nichts zu gewinnen wäre. Die Regierung hat zuverläsiige Nachrichten, daß f r a n z ö s i s ch-d e l- gische Truppen zum sofortigen Ein- marsch bereit stehen. Der deutsche militärische Vor­schlag war keineswegs zu irgendwelchem Abhandeln be. stimmt. Die Sachverständigen halten ihn für das Mini­mum. Die Alliierten zwingen uns zu wesentlich kürzerer Frist. Die deutsche Regierung nimmt sie notge­drungen an und wird alles daran setzen, sie genau einzuhalten. Gewinnen erst die Alliierten, besonders Lloyd George, im Verlauf der sich hoffentlich anbahnen- ben wirtschaftlichen Verständigung tieferen und richti­geren Einblick in die inneren Verhältnisse Deutschlands, so wird dies, so glaubt die Regierung, auch auf die Frage der Hebung unseres Wirtschaftslebens durch staatliche Machtmittel günstige Rückwirkungen haben. Ebenso einstimmig wie die Delegation die militärischen

Du kannst stolz fein, wie gut Du Deine Töchter er­zogen hast!"

Diesmal fuhr die Hosrätin nicht entrüstet auf. Es war das zweitemal an diesem Morgen, daß ihr dieser Vorwurf, erst indirekt, und nun direkt, gemacht wurde, und sie war ganz gebrochen.

„Ich habe sie doch erzogen nach bestem Wissen und Gewissen!" murmelte sie verstört und brach in Tränen aus.

„Nach Deinem Wissen — ja. Das „beste" war es wohl nicht, Klarissa! Isolde und Daniela hast Du zu selbstsüchtigen, gedankenlosen Weltkindern erzogen, denen ihre eigene Person bas Wichtigste auf Erden ist. Hätte Wera nicht einen so guten Kern in sich, daß sie dieser Erziehungsmethode instinktiv Widerstand geleistet hat, würdest Du auch aus ihr nichts Besseres gemacht haben."

„Mache mir boch nicht jetzt Dorwürfe, Wilhelm! Ich kann boch nichts dafür, daß Isolde —“

„Doch! Indirekt kannst Du dafür! Du bist ihnen bie Hauptsache schuldig geblieben, die eine gute Mutter ihre Töchter lehren soll: Du hast sie nicht zu einfachen, braven Frauen erzogen, die ihre Männer glücklich ma- chen könnenl Wenn Du dies schon nicht selbst konntest, warum hast Du später nicht wenigstens ihren Männern freie Hand gelassen, damtt sie gut machten, was ctr- fäumt wurde? Georg und Egon sind tüchtige Men­schen. Sie hält.-n es wohl zustande gebracht. Aber da warst immer D u dazwischen, die in blinder Mut­terliebe ihre Kinder verteidigle, entschuldigte und in ihren Fehlern bestärkte. Wie sollten sie Überhaupt wis- en, wo ihre Fehler lagen, da sie ja auch daheim kein anderes Beispiel sahen, als dies: Daß des Mannes Wohl und Wehe Nebensache ist, daß sein Berufsleben nicht berücksichtigt zu werden braucht, daß in seinem Heim nur die Rücksichten auf tausend Nichtigkeiten und rembe Leute Geltung hatten? Sieh, Klarissa, diesen Vorwurf kann ich Dir gerade heute nicht ersparen, wo Deine Erziehungsmethode so kläglich Schiffbruch erlitten hat! Ich selbst bin ein friedfertiger Mensch, der sich Dir zu liebe in alles fügte. Ader — mein Leben war ehr einsam dadurch. Mit dem Besten in mir stand ich allzeit allein da . . .! Daß meinen Schwiegersöhnen dies nicht genügt, kann ich ihnen nicht verdenken."

Er starrte schweigend oor sich hin.

^(Fortsetzung fola±>

mtb. Spaa, 9. Juli. Die Konferenz ist um % 11 Uye zusammengetreten. Präsident Delacroix forderte die deut­sche Delegation auf, ihre Antwort, die sie sich für heute vormittag vorbehalten hat betr. Unterzeichnung des Pro- tokolls mitzuteilen. Die deutsche Delegation erkläre sich bereit, bas Protokoll zu unterzeichnen, setzte aber ausein­ander, daß sie bas Protokoll mit ben durch bie Alliierten auferlegten Strafbestimmungen im Falle der Nicht­ausführung ber Bedingungen bem Reichstag unter­breiten müßte.

Lloyd George erklärte im Namen der Alliierten, daß das Protokoll tatsächlich zweierlei MaßnaMien ins Auge fasse, bie einen seitens Deutschlands und bie anbe« ten seitens ber Alliierten. Er sehe nicht ein, was der Reichstag mit den Strafbestimmungen zu tun habe, wäh­rend etwaige Abänderungen den Alliierten zuständen und übrigens ausdrücklich bereits in dem Schlußabfatz des Pro­tokolls vom 10. Ian. 1920, bas Deutschland unterzeichnet habe, vorgesehen seien. Der Kanzler nahm die Ar­gumentation von Lloyd George an und erklärte bann, daß bie deutsche Delegation bas Protokoll unterzeich« nen würde.

Die Bestrafung der „Schuldigen".

Die Sitzung wurde einige Minuten unterbrochen, um das Protokoll zur Unterschrift fertig zu machen und wurde um 12 Uhr mittags wieder ausgenommen. Auf ber Tagesordnung stand bie Besprechung der Frage der Schuldigen. Der deutsche Justizminister Dr. Heinze setzte auseinander, wieweit das Verfahren gegen die Schuldigen vor dem Reichsgericht in Leipzig vorge­schritten sei. Lloyd George gab der Ansicht Aus­druck, daß bie Frage noch nicht so weit gefördert sei, um in ber Konferenz besprochen zu werden. Es müßte vorher eine Zusammenkunft zwischen ben zuständigen deutschen und alliierten Ministern stattsinden. Wenn sie nicht zu einer Uebereinkunst gelangen sollten, wurde die Angelegenheit wieder vor die Konferenz kommen. Die deutsche Delegation hat dem Verfahren zugestimmt und anerkannt, daß Deutschland ebenso viel Interesse wie die Alliierten daran hat, bie Verbrechen gegen bie Kriegs­gesetze zu bestrafen.

Die Sonderbesprechung der I u st i z m i n i st e r fand um 3 Uhr nachmittags im Schlosse de la Freineuse statt. Die Beratungen führten zu dem Abschluß eines lieber« einkommens. Es wirb dadurch dem deutschen Reichs­gericht ber birekte Verkehr mit den Justizbehörden der Alliierten ohne Benutzung des diplomatischen Weges zur Beschleunigung der Verfahren gegen die Kriegsbeschulbig- ten ermöglicht. Das Abkommen wurde in der spätere» Vollsitzung genehmigt und unterschrieben.

Die Kohlenfrage.

Die B o l l s i tz u n g trat um %5 Uhr zur Bespre­chung der Kohlensrage zusammen. Die Delegier­ten waren von einem zahlreichen Stabe von Sachverstän­digen begleitet. Der französische Ministerpräsibent M i I - leranb machte im Namen der Alliierten längere Aus­führungen, die darin gipfelten, daß Deutschland mit den Kohlenlieferungen, zu denen es durch ben Friedensvertrag verpflichtet sei, i m Rückstände wäre. Die Alliierten hätten deshalb bestimmte Beschlüsse gefaßt, bie sie Deutschland zur Unterzeichnung vorlegten. Nach diesem Beschluß ber Alliierten wird 1) ben Kohlen- anforberungen Frankreichs die Priorität aus allen deut­schen Förderungen gesichert, 2) eine alliierte Kohlenkon­trollkommission mit dem Sitze in Berlin eingerichtet, um die gesamte Verteilung ber in Deutschland geförderten Kohle zu überwachen und zu beaufsichttgen, 3) Deutschland zur Vorlage eines genauen Kohlenlieferungsplanes für feine gesamte Kohlenwirtschaft zur Genehmigung durch diese Kohlenkontrollkommission genötigt, 4) werden im Falle ’ ber Nichterfüllung dieser Bedingungen auf Ver­langen der Reparationskommission bestimmte Strafmaß­nahmen m Aussicht genommen. Minister Dr. Simons erklärte im Namen der deutschen Delegation, daß die beut» sche Regierung nicht imstande sei, ohne eingehende Be- fprechungen mit den Sachverständigen zu ber Angelegen­heit sich zu äußern. Es wurde darauf gegen 7 Uhr eine neue Sitzung auf Samstag 11 Uhr angesetzt.

Nach einem Bericht der Agentur Havas-Reuter soll die Sitzung „sehr bewegt" gewesen fein. Als Dr. Simons erklärte, feine Kollegen und er feien zur Un­terzeichnung, nicht aber zur Annahme der Strafbestim» mungen bereit, habe Lloyd George erklärte, es gebe nur ein Ja oder Nein. Darauf unterzeichneten die Deutschen. — Weiteres Feilschen hätte ja auch keinen Zweck gehabt, der Gegner war entschlossen, unter allen Umständen sein Ziel zu erreichen. Den Deut­schen blieb mir die Wahl zwischen der Unterzeichnung und der Sprengung der Konferenz mit allen ihren Folgen.________________

Deutsches Reich.

* Berlin, 9. Juli. Die Internationale Postkonse- reltz hat in Paris ihren Anfang genommen. Deutsch­land ist durch sieben Delegierte vertreten. — In der letzten Zeit war mehrfach davon die Rede, daß Hugo Siinncs Zeitungen gekauft habe. Dazu wird der „Frankf. Ztg." versichert, daß Sünnes tatsächlich nur die „Deutsche Allgemeine Zeitung" und die „Handels­und Jndustrie-Zestung" besitzt. Alles andere sei Phantasie.

X Das neue preußische Wahlgesetz. Der Entwurf zum neuen preußischen Wahlgesetz ist im Ministerium des Innern nunmehr fertiggestellt und wird nach der Beratung im Staatsministerium der Landesoersamm- üing bei ihrem Wiederzusammentritt am 15. Septem­ber zuaehen. Der Entwurf lehnt sich eng an das Reichswahlgesetz an, unterschiedlich ist lediglich die Einteilung der Wahlkreise und der Verbandswahl- kreise. Den Tag der Hauptwahl setzt das Staatsmini-