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Nr. 155.

Verantwortlich für den rebaUioneüen Teil: Carl Schütte, “ für bie Anzeigen: I. Par ze> ier-Fulda. u

Rotatlonsbruck u. Verlag ber Fuldaer Acliendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung

Donnerstag, 6. Zutt 1920,

Bezugspreis: Monatlich 3.00 Mk. ohne Zustellgebühr. InFuida bei uns abgeholt 3.15 Ult. Anzeigenpreis : Die Klein zelle (Colonelmatz) 63 Pfg„ u 10°. Zuschlag, die Reklamezetie (Textbceiie) 1.80 Ulf., u. 10°'« Zuschlag. Bei Wiederhol Rabatt.

47. Zahrg.

Die Zusammenkunft in Spaa.

Die dritte Sitzung.

Neber die gestrige Sitzung der Spaa-Konferenv die sich >n etwas freundlicheren Formen vollzog als die bisherigen Sitzungen, liegt folgender offiziöse Bericht vor:

wtb Spaa, 7. Juli. Die dritte Sitzung der Kon­ferenz fand heute nachmittag um %4 Uhr statt Reichs­minister Simons schilderte zunächst die Schmierigkeiten, die für Deutschland mit der Forderung auf sofortige Ab­lieferung des Heeresmoterials und gleich- zeitiger Herabsetzung der Truppen stärke ver­bunden seien, da wir, um das Material zu erlangen, im Notfälle Truppen einsetzen müßten und auf eine aus­reichende Sicherung unserer Produktion nur verzichten könnten, wenn die wirtschaftlichen Vereinbarungen in Spaa uns industriell und finanziell über die schwere Kri­sis dieses Sommers Hinweghelsen. Trotzdem wollten wir, dem Wunsche Lloyd Georges entsprechend, bestimmte Da­ten und Zahlen über die Materialablieserung und Heeres» oerminderung geben. Wir hegten aber die Erwartung, daß die Alliierten bei den weiteren Verhandlungen Ver­ständnis für unsere wirtschaftliche Loge bewiesen, daß sie ans bei Unterdrückung des Waffenschmuggels aus dem besetzten in das unbesetzte Gebiet beiständen und daß sie insbesondere auf dem Abmarsch der Garnisonen aus der sogenannten neutralen Zone nicht bestünden, da andern­falls dort Revolten, zum mindesten aber schwere Veun- ruhigung der leitenden Jndustriekreise unvermeidlich seien.

Darauf legte General v. S e e ck t ausführlich den Plan wegen Ablieferung des restlichen Heeresmaterials und der allmählichen Herabsetzung der Truppenstärke dar. Für elfteres gab er ein Jahr, für letzteres Jahr als Ter­min an. Er ging besonder» auf die große Zahl der in Deutschland noch befindlichen Gewehre ein, von denen rechnungsmäßig noch beinahe 3 Millionen abzuliefern seien und fast zwei Millionen keinen nachweisbaren Ver­bleib hätten. Die Verminderung der Reichswehr könne daher nur allmählich erfolgen. Sie solle bis zum 1. Sep­tember 1920 auf 190 000, bis 1. Januar 1921 auf 180 000, bis 1. April 1921 auf 160 000, bis 1. Juli 1921 auf 130000 und schließlich bis 1. Oktober 1921 auf 100 000 Mann durchgeführt werden. Entsprechend würden die Infanterie-Brigadestäbe reguliert und gewiffe Hilsstruppen öcschleunigt aufgelöst werden. Für eine besondere 23e« . sprechung der militärischen Sachverständigen meldete et noch eine Reihe von Wünschen zur leichteren Verwaltung des Truppenbestandes an, die weder zahlenmäßig noch grundsätzlich dem Friedensvertrag widersprächen.

Lloyd George kritisierte die deutschen Vorschläge bi längerer Rede. Die eigenen Angaben des Generals zeigten, wie berechtigt die tiefe Besorgnis der Alliierten vor dem gegenwärtigen militärischen Zustande Deutsch­lands sei, da jetzt über die im Friedensvertrag vorgescheie- bene Zahl hinaus noch drei Millionen Bewaffnete sich im Lande befänden. Das bedeute eine beständige Bedrohung nicht nur der deutschen Regierung selbst, sondern aller Nachbarstaaten mit bolschewistischen Angriffen. Er be­greife nicht, wie die deutsche Regierung daran denken könne, solche Zustände auch nur 5 Wochen, geschweige denn iy4 Jahr bei sich zu dulden. Sie solle jetzt eine Probe ihrer Macht geben. Die geforderte Verlängerung der Frist ginge weit über das notwendige Maß hinaus. Im übrigen schlug Lloyd George vor, daß die mikitä- rischen Sachverständigen der beiden Parteien sich über die im einzelnen abweichenden Ziffern betr. dcs ßeeresmaterials sowie über die Durchführung der Kl iu- seln bezüglich der Marine und Luftflotte sofort verstän­digen sollten und daß die Leiter der alliierten Delegatio­nen mit ihren militärischen Hauptsachoerständigen die Vor­schläge der deutschen Regierung beraten sollten. Morgen 12 Uhr würde dann die endgültige Antwort auf die Vorschläge erteilt werden.

Nach einem Schlußwort des Ministers Simons, ber, für die Beratung der, Alliierten Dislokotionskarten für die heeresstärke von 200 000 Mann und von 100 000 Mann

übergab, wurde die Sitzung um 6,45 Uhr geschloffen und die nächste Sitzung auf Donnerstag mittag anberaumt.

Nach der Sitzung traten sofort die militärischen S a ch v e r st 8 n d i ge n zu der vorgeschlagenen und deut- scherseits angenommenen Sonderbefprechung zusammen. Dabei wurde über die Ziffern de» Heeresmalerials E i n- verftändnis erzielt.

Besprechungen der deutschen Delegierten.

wtb Spaa, 7. Juli. Reichskanzler Fehrenbach konferierte heute Vormittag mit Simons und Dr. Gehler über die von den Alliierten gefor­derte genaue Beantwortung der in der Entwaff­nungsfrage gestellten Auflagen. Die D'skussion war lange und lebhaft, da die Sachverständigen nicht geneigt schienen, eine Herabietzung zu prüfen. Es lcheint aber, dah man auf seilen der Regierung geneigt ist, Zugeständnisse zu machen. Es han­delt sich nur darum, in welchem Maße. Hier muß sich, wie man in deutschen offiziellen Kreisen bemerkt, die Autorität des Reichskanzlers zeigen.

Die Schwlerigkeilen der Lage.

lieber den zweiten Derhandlungstag in Spaa wird u. a. noch berichtet: Die zweite Sitzung hat sowohl die Schwierigkeiten wie die Aussichten von Spaa deutlich gezeigt. Danach darf man sagen, daß zurzeit die Aus­sichten anscheinend größer sind als die keineswegs unbe- trächtlichen Schwierigkeiten. Diese letzteren bestehen in der noch ungenügenden gegenseitigen Kenntnis der poli- tischen Ausdrucksweise; man hat nicht gleich den rich­tigen Ton gefunden. Vor allem hat die rauhe Form Lloyd Georges nicht zur Milderung der Gegensätze bei­getragen. Man erkennt die englische Taktik am besten an der Tatsache, daß nach dem heftigen öffentlichen Auftreten des Ministers sogleich am selben Abend Ge­neral Malcolm in Zivil die deutsche Delegation besuchte und zwar im Gegensatz zu der sonst bisher von beiden Seiten geübten Zurückhaltung. Diese Zurückhaltung hat sich auch in der gestrigen Sitzung gezeigt, erfuhr aber eine gewiffe gesellschaftliche Abschwächung, als in einer Sitzungspause die Teilnehmer an den Verhandlungen gemeinsam Tee tranken und sich über wichtige Dinge in freundschaftlicher Form unterhielten. Allerdings nur, soweit sie schon vorher miteinander bekannt waren. Reue Anknüpfungen sind bisher noch nicht gesucht wor­den. Dieses steife Verhältnis ist ein weiteres Hinder­nis für den günstigen und gradlinigen Fortgang der Ver­handlungen.

Es sah mehrfach aus, als ob die Verhandlungen überhaupt abgebrochen werden würden. Als Minister Dr. Gehler in seiner großen Rede bei Besprechung der Auslieferung ber Waffen auf Einzelheiten einging, wurde er von Lloyd George unterbrochen, der ihm zu­rief, er habe noch über bas Hunberttausend-Mann-Heer zu wenig gesagt. Die Auseinandersetzungen des Reichs­wehrministers wurden mit tiefem Schweigen anqehört. Lloyd George ergriff sofort das Wort und ant­wortete in ziemlich scharfer Weise: Die deutsche Regie­rung habe anscheinend nicht die Absicht, die Bedingun­gen des von ihr unterschriebenen Friedensvertrages zu erfüllen. Schon hier schien es, als ob die Konferenz ein plötzliches Ende nehmen werde. Reichsminister Dr. Simons erklärte, daß das ein Irrtum fei. Die deut­sche Regierung sei fest entschloffen, den Vertrag zu er- füllen. Das beweise schon bas, was ber Reichskanzler gestern gesagt habe. Wir hätten selbst das größte Jn- tereffe daran, unser Söldnerheer mit seinen ungeheuren finanziellen Belastungen soweit wie möglich zu verklei­nern. Er halte es für zweckmäßig, daß sich die sachver­ständigen Offiziere über die Methode der Herabsetzung der Wehrmacht eingehend besprächen. Damit war die erste Krisis vermieden. Eine zweite starke Zuspitzung erfolgte nach der Einnahme des Tees, als Lloyd Ge­orge auf die Ausführungen des Reichskanzlers Feh- r e n b a ch in scharfer Weife erklärte, daß die Alliierten endlich klare und wahre Ziffern haben wollten. Er fei hierher gekommen, um sich geschäftlich .zu unter­halten und wünschte Tatsachen. Minister Simons erwiderte, daß die deutschen Delegierten nicht-bestimmt wüßten, ob sie bis zu dem betreffenden Termin die positiven Ziffern liefern könnten. Charakteristisch in der Rebe Lloyb Georges ist, daß er die Auslieferung aller Gewehre in Deuffchland verlangte und auf die Frage der Sicherheitswehr nicht einge­gangen ist, zwei Dinge, die doch eng zusammenhän- gen, ebenso eng wie die Zahlungsfähigkeit Deutschlands

Fordernde Liebe.

Roman von Erich Ebenstein.

40] ------------

Und diesem Elenden zuliebe hatte sie Georg monate­lang schwer gekränkt . . .

Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, schritt sie zum Automobil zurück, gab dem Chauffeur ihre Befehle und stieg in das Gefährt.

Wenn sie gehofft hatte, daß ihr abwesender Blick und ihr gleichzeitiger Versuch, die Wagentür hinter sich sofort zu schließen, Dallariva veranlaffen werde, auf tie gemeinsame Rückfahrt zu verzichten, so irrte sie Vündlich.

Mit unverschämter Selbstverständlichkeit stieg er knapp uach und setzte sich ruhig an ihre Seite. Um kein Aus- sthen zu erregen, verzichtete sie aus Protest, beschloß über, ihn völlig zu ignorieren.

Ihr Herz war schwer und unruhig, ihre Gedanken ^schließlich mit Georg beschäftigt.

Immer deutlicher fühlte sie, wie sehr sie ihren Mann letzter Zeit vernachlässigt, wie schlecht sie seine Siebe ^lohnt hatte. Ja, sie hatte viel Schuld auf sich gela- ”en- wenn auch in anderer Weise, als sie meinte. Um Äußerlicher Nichtigkeiten willen hätte sie beinahe ihr inneres Glück aufs Spiel gesetzt.

Wie schön war die erste Zeit ihrer Ehe gewesen, wo ste Georg noch stets auf seinen Reifen begleitete, wochen- *®n9 still mit ihm in Doblowitz verbrachte, wenn seine Anwesenheit dort notwendig war, und wo sie überhaupt "ur für einander lebten I

Georg war nie ein Freund großer Geselligkeit ge- Men. Nur ihr zuliebe hatte er später eingewilligt, ein ^oßes Haus zu machen und sich in das gesellige Leben ~*r Großstadt zu stürzen. Mama war viel schuld, daß )--olde selbst so viel Gefallen daran fand. Sie war so stviz auf ihre Töchter und den goldenen Radme-i, den ®e°rgs Reichtum der Schönheit ihrer Aeltesten gab.

Hätte sie nicht beständig gesagt: „3eige Dich doch! "onieße das Leben, welches ein glücklicher Zufall Dir Es^öglicht! Auch Dein Mann wird stolz fein, wenn Du ^ne erste Rolle in der Gesellschaft spie'st" — es wäre •W nie so weit gekommen! Ach Mama hatte keine

glückliche Hand bei den Ehen ihrer Töchter! Auch bet Daniela wäre alles nicht soweit gekommen, wenn sie Daniela nicht immer in allem bestärkt hätte.

Später freilich sah Mama bas wohl ein und wollte dämpfen, was sie entfacht hatte. Dann wälzte sie alle Schuld auf die Töchter.

Was war nun herausgekommen? Dieselbe Gesell­schaft, bid ihr — Isolde — z. B. gestern noch gehuldigt hatte, würde sich nun vielleicht morgen achselzuckend von ihr abwenden. Und Georg — verbittert und miß­trauisch, wie er geworden war — würde vielleicht nie verzeihen . . .

„Nein, so weit darf es nicht fommen,“ dachte Jwlde in wachsender Unruhe. Sie selbst wollte allem Geklatsch znoorkommen. „Heute abend noch reife ich nach Doblo­witz nach, sage ihm alles und erflehe seine Verzeihung.

Er liebt mich ja. Er kann sie mir nicht versagen, wenn er sieht, daß ich ehrlich bereue. Dann ist allem Gerede die Spitze abgebrochen . . .

Und bann soll alles anders werden. Ich habe Über­genug von dieser Art zu leben. Einen wahren Ekel empfinde ich vor all den Schmarotzern, die sich Freunde nennen und es doch gar nicht sind. Vor diesen leeren etilen Vergnügungen, diesem seichten Geschwätz.

3m Mai übersiedle ich mit Georg in die neue Villa nach Doblowitz und dort wollen wir wieder glücklich sein, wie einst."

Ein jäher, furchtbarer Ruck unterbrach ihre ®ebun­ten. Krachendes Splittern von Holz und Glas rings­um. — Isolde fühlte sich gehoben, in weitem Dogen irgendwohin geschleudert — Blut lief ihr von der Stirn in die Augen — bann wußte sie nichts pwbr von sich.

22.

Die Hofrätin Halmenschlag war in äußerst schlechter Laune.

War es nicht schon genug, baß gestern Baronin Thälmann ihr einen Abschiebsbesuch machte, da sie mit ihrem Sohn für längere Zelt' nach Mallorca reifte, da­mit, wie sie etwas pikiert burchblicken ließ, „ber arme Junge bort endlich aussichtslose Wünsche vergeffen lerne . . ."? 1

Nun mußte auch noch bi es mit Daniela kommen!

Fünfmal im Laufe bes gestrigen Tages hatte die Hosrätin vergeblich versucht, sich mit ihrer Tochter tele»

und bie politische Ruhe im Innern. Nach ber Sitzung lah man deutlich bie Erregung auf ben Gesichtern Der Teilnehmer. Don deutscher Seite wird man bas möglichste tun; um das Ergebnis von Spaa, aber auch die Möglichkeit einer gesunden und ruhigen Entwickelung in Deutschland nicht zu gefährden.

*

Don dem Umstand, daß- LloydGeorgeinden Derhcmtlunoen über bie Cnlwaffnungsfrage ungeduldig geworden ist, wird von einigen Berichterstattern der Presse übergroßes Aufhebens gemacht und nach „Feh­lern" gespäht, welche die deutschen Vertreter begangen haben sollen, Geßler soll zu weitschweifig gesprochen und Frhrenbach zu sehr an das Gefühl appelliert haben.

Haben wir Grund, wegen der Aufregung von Lloyd George uns selber aufzuregen? Das wäre nur bann am Platze, wenn die Worte oder das Benehmen von Lloyd George die Absicht erkennen ließen, die Kon­ferenz scheitern zu lassen. Das will er aber offenbar nicht. Was er verlangt in feiner rau­ben Manie, war schließlich nichts anderes, als daß die Deutsclzen einen genauen Plan über die Verminderung der Soldaten und über die Ablieferung der Waffen oorlegen sollten. In diesem Verlangen ist eigentlich Ichon gesagt, daß bie Entente auf der sofortigen A b - r ü st u n g im vollen Sinne des Vertrages nicht bestehen, sondern eine neue Frist zum allmäh­lichen Abbau zulaffen würde, wenn ihr nur ein annehm­barer Vorschlag mit bestimmten Zusicherungen gegeben werde.

Doß Lloyd George fein sanftmütiger Mann ist und die „übertünchte Höflichkeit" nicht liebt, war schon längst bekannt. Im vorliegenden Falle hatte er noch besondere Veranlassung, recht scharf auszutreten. 3n wohlberech­neter Rollenverteilung hatte er die Wortführung in der Entwasfmingsfrage übernommen, obschon doch Ne Ent­waffnung Deutschlands gerade die Sorge der Fr a n- z o s e n ist. Es sollte offenbar der Anschein vermieden werden, daß gerade Frankreich dieses militärische Zwangsverfahren betreibe. Lloyd George hat in ande­ren Angelegenheiten den Franzosen entgegentreten müs­sen; warum sollte er ihnen nicht den Gefallen tun, in diese Wasfenfrage. die für Enaland nebensächlich ist, sich als den forschen Vorkämpfer für die französischen Wün­sche zu zeigen? Dabei wird er nebenbei den Gedanken gehabt haben, es sei ganz put, wenn den Deutschen von vornherein zu Gemüte geführt würde, wo die Sieger und wo die Besiegten sitzen.

Die mündliche Berhandlung zwischen den selbstbe­wußten Siegern imb den gequälten Besiegten wird jetzt zum erstenmal versucht. Die großen Schwierigketten eines rühmen und gedeihlichen Meinungsaustauf'bes haben wir ja vorausgesehen Wenn die unvermeidlichen Reibunoen gleich im Anfang sich einstellen, so fft das noch nicht fo schlimm, als wenn ein trügerischer Beginn in einen j^ach auslaufon würde. Wir glau­ben nach den bisherigen Anzeichen Immer noch, daß Lloyd George trotz der äußerlichen Barschheit doch die Absicht hat, „feine“ Konferenz nicht zum Scheitern, sondern in den Hafen eines Ausgleichs zu bringen.

Die Entscheidung fällt nicht bei der Entwass- nungsfrage, sondern bei den folgenden Kapiteln der finanziellen und wirtschaftlichen Ent- fchädigungen. Da muß es sich zeigen, ob man Deu schland am Leben lasten und besten Leistungs- fähigkeit im wohlverstandenen eigenen Interesse för­dern will.__

Kommunistische Umtriebe in Braunschweig.

Für die Aufstellung einer Roten Armee im Oberkommandobezirk Braunschweig ist eine lebhafte und anscheinend erfolgreiche. Propaaanda besonders in den großen Fabriken zu beobachten. Der nicht zu umerichätzende Emst ber Politischen Lage wird in Braunschweig durch einen öffentlichen Anschlag be­leuchtet, ber vom „Provisorischen Oberkommando bet bewaffneten Arbeiterschaft Bezirk Braunschweig" unterzeichnet ist. In dem Aufruf wird die revolu- tranäre A r beite r schäft auf den bevorstehenden

phonisch in Verbindung zu setzen, und sedesmal waren bie Anrufe ohne Antwort geblieben. Wie wenn kein Mensch bei Heidlvfs daheim gewesen märe.

Schließlich hätte doch wenigstens Fanny antworten können! Die Sache ließ ber Hofrätin bie ganze Nach: hinburch keine Ruhe, befonbers da sie sich erinnerte, wie blaß und schweigsam Daniela schon am Freitag gewesen war, als sie sie besuchte.

Sie beschloß endlich, diesmal in bie Frühmeste, an­statt wie sonst Sonntags, ins Hochamt, zu gehen und nachher rasch einen Sprung zu Daniela zu machen, um sich zu Überzeugen, ob aller In Ordnung sei.

Der l)ofi c* ter sich Sonntags stets gründlich aur- schlirf, kam an diesem Tage ohnehin nie vor zehn Uhr zum Frühstück und bis dahin konnte sie leicht wieder zurück sein.

Als sie ober dann gerade auf dem Weg zur DotlO- klrche war, kam ihr Egon Heidlof entgegen, ber nach dem Sophienspiial wollte. Er sah sehr blaß aus und ging mit gesenktem Kopf, eine finstere Falte auf ber Stirn. Die Hofrätin merkte sogleich, baß ba irgend etwas nicht stimmte. Wäre er doch beinahe, ohne sie zu sehen, an ihr vorüber gegangen, wenn sie ihn nicht angerufen hätte.

Da erfuhr sie denn, was geschehen war. Daniela hatte bas Haus ihres Gatten heimlich verlassen und dachte ernstlich an Scheidung!

Der Schreck fuhr ihr so in bie Deine, baß sie sich an bie nächste fjäufermauer lehnen mutzte.

.Was wirst Du tun, Egon?" stammelte sie endlich, bleich vor Bestürzung.

„Ich? Nichts —“ lautete die Antwort, „selbstver- stündlich werde ich Daniela keine Hinderniffe in den Weg legen, wenn sie wirklich auf Scheidung besteht."

„Aber warum dies alles um Gottes willen? Was fiel Daniela nur ein? Warum ist sie denn fort?“

„Das wirft Du selbst wahrscheinlich bester wisten als ich, Mama! Du warst ja immer ihre Vertraute und — Beraterin.“ Eisig fielen die Worte von Heidlvfs Lip­pen. Dann lüftete er den Hut. „Du entschuldigst mich nun wohl, Mama, ich mutz ins Spital."

Verstört blickte ihm die Hofrätin nach, bis feine hohe, energisch ausschreitende Gestalt um die nächste Ecke ver- schwunden war. (Fortsetzung folgt.)

Ruf zu den Waffen im Kampfe für die restlose und siegreiche Durchführung der Revolution hinge« wiesen. Bei dem in Braunschweig an die Oeffent- lichkeit getretenen „Provisorischen Oberkommando der bewaffneten Arbeiterschaft" handelt es sich zweifellos nur um bie Organiwtion ber aus Kommunisten und Unabhängigen bestehenden Roten Armee. Sie soll in der Stadt und im Oberkoinmandobezrrk Braun­schweig 3500 bis 4000 Köpfe stark und gut ausge­rüstet fein. Zu dem Aktioncbeznk Braunschweig ge­hören auch die Städte und Bezirke Magdeburg, Hol- berstadt, Haiinooer-Linden, Hildesheim, Gelsenkirchen und Bielefeld. Bei der Zentrale in Braunschweig treffen seit voriger Woche täglich zahlreiche D:bonnan-, zen und Kuriere aus allen Teilen des Reiches ein. Als Hauptleute fungieren ehemalige russische Offiziere.

Aehnliche Meldungen, wenn auch n'cht in ganz fo bestimmter Form, kommen fast mit jedem neuen Tag bald aus dieser, bald aus jener Gegend. Sie haben sich noch stets eis llebertreibungen und Ausflüsse der starken politischen Nervosität erwiesen. In Braun­schweig scheint allerdings die Lag» besonders ernst, aber auch die Nervosität besonders stark zu sein.

Aus dem besetzten Gebiet.

• Metallardeftrkflreik im $ccrget>'et. Wegen uner- füllter Lohnsoroei ungen strecken feit Donnerstag abend die Burbacher Hüttenarbeiter, denen sich am Freitag die Arbeiter der Mannesmann, Werke, 'et Waggonfabrik LüttgenS und der Maschinenfabrik Erqardt u Sehmer anjchlossen. Die sreien und die christlichen Gewerkschaften gehen zusammen. Da die Arbeit,ebcc ablehncn mit den streikenden Arbeitern zu verhandeln, hat sich der Streik aus die ganze Metallindustrie de» Saargebiet» ausgedehnt. Eine Megierun^stommrssion verhandelt mit den Arbeitervertretern.

* Vie „Trierische fanbesjeituna“ (Ztr.) ist auf bie Dauer von 3 Lagen verboten worden, weil sie eine Mit­teilung gebracht hatte, nach dec Frankreich tm Bcgrrjf stehe, feine Truppen zu verstärken.

Preußische Landesversammlung.

Der zweite Tag der ersten (Etatsberatung, bet Mittwoch, brachte drei Ministerreden, eine Rede bes Ministerpräsidenten und Landwirtschastsministers Braun, bes Ministers bes Innern Severino -nb bes Fmanz- minifters Lüdemann. Ministerpräfiben' Braun behan- beit vor allem die ost preußische Frage und die mit ihr verbundenen Schikanen, die vonseiten der P o- l e n bezüglich der Abstimmung angewandt worben find. Er spricht die Hoffnung aus, bah gerabe durch diese schikanöse Behandlung alle Abstimmungsberechtigien sich ihrer Pflicht dem Deutschtum gegenüber doppelt bewußt sein werden. Die Ostmark müsse deuffch bleiben. Des längeren verbreitet sich der Minister über bie Verhält­nisse in ber Landwirtschaft und polemisierte unter er­regten Zwischenrufen der Rechten gegen das Verhalten des pommerschen Londbundes im ßanbarbeiterftreit. .

Minister des Innern Seoering teilt dem Haufe btt Auffassung ber Staatsregierung über bie Lebensdauer der Lanbesversammlung mit Sie fei zusammengetre­ten, um Preußen die Verfassung zu geben. Diese Auf- gäbe sei noch nicht ersüllt. Uebrigens sei es der Lan­besversammlung selbst überlasten, darüber zu urteilen ober barflber zu befinben, wann sie sich auflösen wolle. Der Minister spricht ebenfalls bie Hoffnung aus, daß bie Ostmark beutsch bleiben möge. Don ber Auswahl der Landräte behauptet er, datz diese früher auch schon nach parteipolitischen Gesichtspunkten stattgefunden habe.

Ananzminister Lüdemann beschränkt sich darauf, mitzuteilen, daß er bestrebt sei, die Beamtenstellen nicht nach Gunst, sondern allein nach dem Prinzip ber Tüch. tigkeit zu besetzen. Diese Ausführung wirb vom Lache» der Rechten begleitet.

Die zweite Rednerreihe, bie in dieser Sitzung zur ersten Etatsberatung Stellung nimmt, bringt feine we- fentlieh neuen Gesichtspunkte vor. Der Demokrat Goll betont, bah sowohl die Durchführung der Sozialisierung als auch bie bes Achtstundentages jetzt nicht burchführ- "r fei. Sie bebeute eine Verringerung der Produktion. Für die Deutschnationalen spricht ber Abg. Dr. Klinge­mann ziemlich maßvoll. Für die Mehrheitsso.uaffsten Heiimann sehr temveramentvoll. Der Unabhängig» Ludwig macht lediglich in Parteipolernkk.

Donnerstag Fortsetzung.

Deutsches Reich.

♦* Berlin, 7. Juli. Der belgische Geschäfts- träger Graf de Keikhooe der Denterghem tft auS Berlin abberufen worden. — Die deutsche Boisckaft und die floniulaiSgebäube in Tokio sind von Japan wieder an Deutschland zurückgegeben worden. Die diplomatischen Beziehungen sind wiederhergeffellt.

a Neu» preußisch« Wafferqesetze. Ein Entwurf betreffend bie Vollendung des Mittellandkanals ist der preußischen Landesversammlung zugegangen; er verlangt für den Kanal von Hannover biS Magdeburg und die Anschlußkanäle die Summe von 306,040,000 Mark. Verbunden damit ist der Aus­bau des Oder-Spree-KanalS. Ein anderer Entwurf fordert 31 Millionen Mark für den Scbleppbetricb auf dem Rhein-Weier- und dem Lippe-Kanal. — In einem dritten Entwurf werden für die Der» befferung der Ode rwasserftraße unterhalb BreS- lauS 40 Millionen Mark angefotbert.

c. Neber die Gehalts- und Lohnforderungen der Eisenbahnbeamten und Staatsarbeiter fanden am Mittwoch vormittag zwischen Vertretern der Organi­sationen und der Parteien erneut Verhandlungen statt. Der Verlauf dieser Berhandlungen eiöffn-t bie berechtigten Hoffnungen, daß die Vertreter der Beamten- rind Arbeiterorganisationen die Erfüllung ihrer Forderungen zunächst zurückslellen und sich mit den von den Vntreiern der Parteien abgegebenen Erklärungen zufrieden erklären werden. Damit dürfte die Gefahr eineS Generalstreiks im Verkehrs­wesen wenigstens vorläufig behoben fein. Tie Be­willigung der neuen Forderungen würde das Reich abermals mit mehreren Milliarden belastet haben.

ns Außerordentlicher deutscher Titlet erlag. Ein außerordentlicher deutscher Mietertag fand Sonntag in Dresden statt. Man forderte zur Frage der reichszesetz- lichen Regelung der Höchsttnieten, daß sofort mit bet Ausc-beitung derjenigen Gesetze begonnen werden soll, die für ui* Sozialisierung des Boden- und Wohnung», wesens geeignet !-inh Man protestierte gegen den Wu­cher mit ben Zimmern der Hotels und Pensionen und