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Nr. 153.
Verantwortlich für den redallionellen Teil: Carl Schütte, - für die Anzeigen: I. ParzeHer-Fulda. u Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adrefse: Fuldaer Zeitung
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Dienstag, 6. Zull 1920.
Bezugspreis: Monatlich 3,00Mk. ohne Zustellgebühr. In Fu'da bei uns abgeholt 3,15 M. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmaß) 60 pfg„ u. 10°>« Zuschlag, dle Reklamezeile (Textbreitc) 1.80 Mk., u. 10% Zuschlag. Bet Wiederhol. Rabatt.
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47. Zahrg.
Spaa.
Der Beginn der Konferenz.
wtb Spaa, 5. Juli. Die Konferenz begann heute vormittag in der Villa Freneuse ihre Arbeiten. Nachdem die Delegierten der feindlichen Staaten eingetroffen waren, erschien um 11 Uhr die deutsche Delegation mit dem Minister des Aeußern Simons, dem Reichskanzler Feh- renbach und dem Ernährungsminister Hermes. Der Generalsekretär der Konferenz, Iacqucnin, stellte die deutsche Delegation vor. Der belgische Premierminister Delacroix führte den Vorsitz. Die drei deutschen Delegierten nahmen an der äußersten Linken des Konferenztisches Platz, zuerst Fehrenbach, dann Simons und Hermes. Die erste Sitzung der Konferenz stand im Zeichen einer Sensation. Bei Beginn der Sitzung unterrichtete der Vorsitzende Delacroix die deutsche Delegation darüber, daß die Alliierten gemäß der beschlossenen Tagesordnung zuerst die militärischen Fragen zu erörtern wünschten. Reichskanzler Fehrenbach antwortete darauf, daß die Vertreter Deutschlands die Behandlung der wirtschaftlichen Fragen an erster Stelle erwarteten. Reichswehrminister G e ß l e r und der militärische Sachverständige, General S e e ck t, seien noch nicht in Spaa eingetroffen. Ohne ihre Anwesenheit würde cs unmöglich fein, an die militärischen Fragen heranzutreten. Nachdem Delacroix mit den alliierten Kollegen über eine eventuelle Aenderung der Tagesordnung gesprochen hatte, teilte er der deutschen Delegation mit, daß die Konferenz zur Besprechung der Abrüstung in Deutschland die zuständigen Vertreter abwarten wolle. Der Reichskanzler erklärte, die Diskussion über diesen Gegenstand könne am Dienstag nachmittag aufgenommen werden, da die Herren G-ßler und Seeckt gegen 2 Uhr nachmittags ankomm-n würden. Der erste Meinungsaustausch vollzog sich in durchaus höflicher Form. Die Deutschen zeigten eine würdige und gemessene Haltung. Um 11 Uhr 50 vormittags wurde die Sitzung auf Dienstag nachmittag 3 Uhr vertagt. Bis dahin werden die Alliierten unter sich Besprechungen über die noch schwebenden Fragen abhalten. (Die Aenderung der Tagesordnung am ersten Verhandlungstage in Spaa läßt darauf schließen, daß in den wirtschaftlichen Fragen noch kein endgültiges Uebereinkommen zwischen den alliierten Vertretern erzielt worden ist.)
wtb. Berlin, 5. Juli. Reichswehrmünster Dr. G e ß- l c r und der Chef der Heeresleitung, General o. Seeckt, begeben sich heute, abend zur Konferenz nach Spaa.
Müssen wir unterzeichnen?
Als uns voriges Jahr der schreckliche „Friedens- verirag" von Versailles diktiert wurde, waren wir in einer Zwangslage wie sie schlimmer kaum gedacht werden konnte. Wenn wir die Unterzeichnung cblehn- tcn, so mußten wir gefaßt sein auf die Erneuerung des Krieges mit all seinem Elend und zugleich auf die Revolution im Innern, auf die vollständige Zerrüttung aller politischen, sozialen, wirtschaftlichen und sittlichen Ordnung in Deutschland. „Vogel friß ..der stirb" —, so hieß es damals im schärfste» Sinne des Wortes.
Sind wir jetzt in derselben Zwangslage gegenüber den Beschlüssen, die in S p a a über uns verhängt werden können? Oder kann die Parole „Unmögliches unterschreiben wir nicht!" dieses Mal durchgehalten werden?
In den jüngsten Tagen ist wiederholt in Reden und Artikeln behauptet worden, wir hätten voriges Lahr einen besseren Friedensvertrag erzielen können, wenn wir in Versailles die Unterschrift verweigert hätten. Das ist leicht gesagt, aber schwer zu beweisen. Auch wenn man sich auf die bekannten nachträglichen Aeußerungen von Tardieu über einen angeblich milderen Entwurf des Friedensvertrag,s beruft, so beweist das noch keineswegs, daß damals in der Entente die gemäßigte Richtung die Oberhand gewonnen hätte, wenn wir die Unterschrift verweigert hatten.
Man halte sich einmal auf die schar sei, Bedingun- sien geeinigt, und man würde schwerlich zurückgewichen lein, ohne erst das Zwangsverfahren zu ver- suchen, das Marschall Foch mit Behagen vorbereitet
Fordernde Liebe
Roman von Erich Ebenstein.
$9] t. Sitzen
war er im stillen froh, daß Sou, die das lange . anstrcngte, nun seltener kam und die Arbeit «durch in die Länge gezogen wurde.
L Um so eifriger bemühte er sich dafür um die schöne Stau Diez. Da war Frische, Gesundheit und prickelnde? Leben, wie er es liebte. Außerdem: sie sp.elte eine Rolle in der Gesellschaft, während der Stern der "einen Lou im Erblassen war, seit sie n:<fjt mehr »überall dabei" sein konnte.
Dallariva hatte sich also endgültig für Isolde entschlossen, besonders, seit er merkte, daß trotz ihrer Österlichen Kälte doch' dex Wunsch noch in ihr lebte, tS ?.lm gemalt zu werden. Ja, noch mehr: er war ■r überzeugt, daß sie auch einem kleinen Abenteuer ihm geneigt war. Tie Heimlichkeit, mit der sie Anter ihres Mannes Rücken auf diesen' Ausflug ein- fcgcngen war, bewies ihm dies.
k. Nichts konnte ihm erwünschter kommen. Abgesehen allen persönlichen Gefühlen wünschte er sehnlich, ihr ins Gerede zu kommen.
Nun saß er da, behaglich in die Ecke des Automo- ■Jj’ gedrückt wartete auf sie und kam sich sehr intet« Mut vor dabei.
^.Plötzlich stand Isolde neben ihm, eine ärgerliche Mnite auf der Stirn.
h »Sie müssen ohne mich fahren," sage sie unwirsch, "Nwine Schwester kommt nicht."
:.. »£> — und was tut dies? Sie sind doch eine Per- Rötete Frau und ich verkehre in Ihrem Hmise! Seit v°nn sind Sie so engherzig?"
»Ich bin es nicht. Aber mein Mann —"
»Ich dachte, Herr Diez sei verreist?"
L, »Eben deshalb . . .1 Er könnte ... er würde Reicht . . . obwohl . . ."
»n Tallariva merkte, daß sie mrschlüffig war und in .^nhrheit nur zu gerne gefahren wäre — eben darum gleicht, weil die Sache in ihren Augen den Reiz des erbotenen hatte.
k. hatte bereits den .Schlag geöffnet und bot ihr Hand zum Einsteigen.
. »/M, bitte — machen Sie doch kein Aufsehen, ließe FW graul Die Leute sehen bereits cuf un--.' Was
hatte. Bei diesem Versuch wäre Deutschland jämmerlich zugrunde gegangen.
Es fehlte uns das allernotwendigste Maß an Widerstandskraft. Die Unabhängigen hatten die Parole ausgegeben, daß wir unbedingt unterzeichnen müßten. Sie und die Spartakisten standen bereit, um sofort eine bolschewistische Revolution in Gang zu bringen. Davon waren unsere Gegner natürlich ebenso gut unlerrichtet, wie wir selbst. Sie wußten, daß die deutsche Bevölkerung weder politisch noch wirtschaftlich, weder in dem erjchöpften Körper noch in der verworrenen Seele über die Kraft des Widerstandes bis aufs äußerste verfügte.
Auch heute noch ist die Lage für uns sehr schwierig, doch nicht so ungünstig wie damcus. Ohne uns in die eigene Tasche zu lügen, dürfen wir doch sagen, daß die Einigkeit und Entschlossenheit bei den Gegnern nachgelassen hat, bei uns aber gewachsen sind. Die rücksichtslose Gewaltpolitik, die Foch und Ctemenceau damals im Obersten Rat durchsetzten, ist doch sich.lich zurückgedrängt worden, wie sich vor allem in der Einladung zur mündlichen Verhandlung bekundete.
Dieser Umschwung ging nicht aus Gefühlswallungen hervor, sondern aus der fortschreitenden Erkenntnis, daß von Deutschland nichts zu erlangen fei, wenn man es nicht leistungsfähig mache. Der wohlverstandene eigene Vorteil der Sieger ist die beste Stütze für unsere Diplomatie. Die Erkenntnis, daß man uns leben lassen muß, um die ersehnten Leistungen von uns zu erlangen, wird die französischen Leidenschaften auch weiterhin zügeln. Unsere Erklärung, daß wir Unmögliches nichl unterschreiben können, um zur Leistung des Möglichen fähig zu bleiben, hat jetzt ein viel größeres Gewicht und wird viel mehr Verständnis finden, als ein Nein im vorigen Jahre. Um so niehr, als die Staatsmänner auf der Gegenseite sehr wohl wissen, daß Deutschland jetzt nicht in demselben Maße, sie im vorigen Jahre, durch Zwietracht und Schwäche zersetzt ist.
Von einem schweren Gang nach Spaa sprach der Reichskanzler. Er ist aber doch nicht verzweifelt, wie seinerzeit der Gang nach Versailles. Man will uns nicht einfach mißhandeln, sondern mit uns verhandeln. Schon die Einladung dazu hat die Stellung unserer Regierung wesentlich gehoben. Sie kann Gehör verlangen, um einerseits ihren guten Willen und andererseits die Grenzen der Leistungsfähigkeit darzulegen. Sollte man sie nicht hören oder die Aufklärungen mißachten wollen, fo könnte sie mit Fug und Recht fragen: Wozu habt ihr uns denn eingeladen? — und dann mit erhobenem Haupte den Heimweg antreten.
Würde es dann zur Erneuerung des Krieges kommen? Oder nicht vielmehr zu einer neuen Konferenz?
Das mag zweifelhaft fein, doch sicher ist, daß die ilnterschreibung Dort unmöglichen Forderungen weder für uns noch für Europa die Rettung bringen üönnte. Dann gäbe es nur neue Krisen und Konflikte bei der unvermeidlichen Nichterfüllung.
Bange machen gilt nicht mehr.
Der Abstimmungskampf in Ostpreussen.
Der Kampf um das osiPreuß.Abstimmungsvebiet hai mit Beginn der Woche vom 4. bis 11. Juli entscheidende Formen angenommen. Der Zuilrom der Abstimmunesderechligten wächst immer mehr. Aus Allenstein allein kommen megr als Fünftausend auswärtige Gäste. Ter Verkehr geht sowohl im Ab- siimmungsgebiet als auch im übrigen Ostpreußen durch Sonderzüge glatt von stauen. Die Organisation der Verpflegung und Unicrkunft ist ausgezeichnet und wird zweifellos auch dem noch zu erwartenden verstärkten Zunrom geiecht werden können.
Die polnischen Schikanen.
Die Polen versuchen auf alle mögliche Weise den Zustrom der deut scheu Abstimmungsberechtigten zu, ist denn dabei? Sfe sind doch keine Sklavin, daß man Ihnen so harmlose Dinge verbieten dürfte!" Er sah sie halb spöttisch, halb mitleidig an. Isolde schoß das Blut ins Gesicht. Trotzdem zögerte sie noch immer. Da blieben ein paar Passanten stehen und starrten sie neugierig an. Dies entschied. Aergerlich sprang sie in bas Gefährt, das sich sofort in Bewegung setzte.
„Schließlich hat er Recht," dachte sie. „Was ist denn Unrechtes dabei, wenn ich mit einem Bekannten spazieren fahre am Hellen Tag? Daß es bis Tulln geht, weiß ja niemand, und dort erwarten uns die andern . . ."
Aber als sie in Tulln am verabredeten Platz an- kamen, war niemand da. Dallariva stellte sich sehr erstaunt, obwohl er es genau gewußt hatte. Denn Baron Bogmar war gestern an Angina erkrankt, und Rotters I haben ihm heute früh eines Todesfalls in der Familie wegen abgesagt. Aber davon brauchte Isolde ja nichts ZU wissen. Er konnte ihr nachträglich ganz gut sagen, sein Diener habe ihm die Absagebilleis erst nach der Heimkehr eingehändigt, da er zuvor darauf vergaß . . .
Isolde war sehr bestürzt.
„Nun können wir einfach umkehren!" sagte sie zornig.
„Heute geht eben alles schief!"
„Im Gegenteil — ich finde, alles geht wider Erwarten gut! Wir haben uns endlich ausgesprochen auf der Herfahrt und sind wieder gute Freunde wie einst! Ist es da nicht ein doppeltes Vergnügen, nun . . . allein zu fein?" ।
„Nein. Ich habe alle Lust verloren, Ihre Fresken zu sehen." • । I
„0, wirklich? Das kann Ihr Ernst nicht sein! Wo I wir doch schon so nahe sind! Wir haben bloß noch eine I Viertelstunde bis zur nächsten Fähre zu fahren, dann I übersetzen wir die Donau —"
„Nein! Ich will nicht!" sagte Isolde, der seine zärt- I lichen Blicke immer unbehaglicher wurden, sehr bestimmt. I »Ich bin nur herausgefahren unter der sicheren An- I nähme, daß wir Bognars und Rätters hier finden . . . I - „Nicht doch auch ein ganz kjein wenig mir zuliebe?" I fragte Dallariva mit einem unverschämt vertraulichen Lächeln, das ihr das Blut in die Wangen trieb.
Sie sah ihn groß an. Was bildete dieser Mensch sich I ein? Glaubte er etwa, sie sei in ihn verliebt? Ihr ganzes Streben, von ihm gemalt zu werden, kam ihr plötzlich unsäglich albern vor. Wie konnte sie nur so eitel sein, darin eine Befriedigung ober Ehre zu er- I blicken? Bedurfte sie wirklich erst dieses Atteste», um |
hindern, weil sie nicht ohne Grund fürchten, daß das Ergebnis nid) tzu ihren Gunsten ausfällt Die neueste Schikane besteht darin, daß sie in Könitz die Ausweise der Abstimmungsberechtiten dahin prüfen, ob sie in dem Geburtsort gestempelt sind. Wessen Papiere einen 'ol- chen Stempel nicht aufweisen, muß den Zug verlassen und darf nicht weiter fahren. In der Nacht zum 5. Juli sind allein drei Züge mit Abstimmungsberechtigten z u r ü ck a s w i e s e n worden. Das Verfahren der Polen widerspricht sowohl dem FriLdenevertrag als auch den Abmachungen, die zwischen dem Obersten Rat in Paris, Deutschland und den Polen geschlossen worden find. Es braucht sich aber durch diele polnischen Schikanen niemand von der Reise nach Ost- und Wrst- preußen abhalten zu lasten. Wer von den Polen nicht durchaelassen wird, wird durch bereitstehende Leerzüge nach Swinemünde oder Stolpmünde gebiadjt und von dort zur See sehr bequem in seinen Hoimatsori geschasst. _______
Aus dem besetzten Gebiet.
Ter unabhängige Stadtverordnete Hackländer in Wermelskirchen, in dessen Wohnung die ' englische Polizei dieser Tage etwa 200 deutsche Gewehre und zwxi Maschinengewehre gefunden batte, wurde vom britischen Kriegsgericht zu einem Aaht Gefängnis und 10 000 Mark Geldstrafe verurteilt,
** Genug bet schwarzen Schande. Der rheinische Frauenbund, dem trauen aller Stände, Parteien und Konfessionen angeboren, hat dieser Tage einen ergreifenden Pr test gegen die zahlreichen binnriffe der französischen Bemtzungstrnppen auf die Ebre deutscher ,Irau n und Mädchen im Rheinland veröffentlicht. Der Bund konnte 29 Fälle mit genauen Angaben als Belege anführen. Dabei waren 17 farbige Soldaten die Täter. Den Mitgliedern der Arbeit? erneinschafk für eine Politik dcS Rechts (Heidelberger Vereinigung) sind weitere neun Fälle nach Namen der Geschädigten, nach Ort und Zeit des Vergehens und mit manchen qiauen- erregenden EwzclheitkN bekannt. Angesichts deffen sind wohl die Worte am Platz, die wir diesem Artikel voran- gesctzt haben.
Deutscher Reichstag.
Die parlamentarische Vertretuna des deutschen Volkes befaßte sich in der Montagssitzung des Reichs- tqpes mit einer Frage, die uns allen mit am nächsten liegt: mit der Sorge um unser läg trches Brot. Drei Interpellationen, die erste eingebracht von den drei Regierun sparteien, die zweite und dritte von den Unabhängigen unv den Mehrheitssozialisren, gaben den Untergrund für die Erörterungen ab. Die Brotversorgung im rheinifch-westfälischen Industriegebiet gab den Abgg. Erkelenz (Dern.),-Trimborn 'Ztr.) und Dr. Siresernann (D. Vpt) für die von ihnen vertretenen Parteien Veranlassung, an die Regierung die orage zu richten, welche Maßnahmen sic treffen will, um die Schwierigkeiten der Brotversorgung im rheinisch-westfalischen Industriegebiet zu beheben. Die Unabhängigen fragen die Regierung, was sie gegen dre Steigerung der Lebensrnittclp eise zu tun gedenke, während sich die Mehrheitssozialisten mit der kritischen Frage der zunehmenden Arbeitslosigkeit be;aßtcn. Zweifellos sehr wichtige, sehr einschneidende und für Millionen und Abermillionen unserer Volksgenassen hochbedeutsame Fra en. Dennoch war das Echo im Reichstagssaal der Größe und Bedeutung dieser Fragen nicht entsprechend. Die Besetzung des Saales ließ sehr zu wüstschen übrig. Ueberall tlaffende Lücks», am meisten ober bei den Sozialdemokraten und bei den Unabhängigen.
Der demokratische Abg. Erkelenz begründete in § guter und sachlicher Rede die Interpellation der drei Regierungsparteien. DaS Brot sei von schlechter Beschaffen, beit uno unverdaulich un» wird in Weirdeusästand in gänzlich unzureichenden Men mn verteilt. Die Folge davon V', daß die Bergarbeiter in ihrer Leistungsfähigkeit nachtu gen. Auch in anderen Teilen des Reichs trt, tote der Redner auSsührt, daS Brot bis zu 80 Prozent auS minterwertigeii Streckmitteln zusammengesetzt Eine rheinische Stadt hat bei der LevensmittelverteUung die Burger gebeten, daS Gebäck als ein „brotähnliches Nahrungsmittel" zu betrachten. AeizUiche Gutachten
I offiziell unter die Wiener Schönheiten eingereiht zu werden.
Wie durch einen Scheinwerfer grell beleuchtet, sah sie mit einemmal ihr ganzes Verhalten gegen diesen Mann als eine Kette kleinlicher demütigender Eitelkeiten vor sich liegen, und Scham erfüllte sie.
Zugleich packte sie Unruhe. Wie töricht, tu diese Fahrt zu zweien zu willigen, die nun, sie fühlte es immer deutlicher, gegen ihren Willen einen ganz anderen, kompromittierenden Charakter bekommen hatte.
Wenn Georg davon durch Zufall erfuhr, mußte er ihr mit Recht zürnen l Wiederholt lieh er sie deutlich genug merken, daß ihm ihr Flirt mit Dallariva peinlich war, daß er für ihren Ruf fürchte . . .
Sie aber hatte jede derartige Bemerkung mit Hohn und Trotz in den Wind geschlagen, bloß weil sie sich in ben Kopf gesetzt hatte, den Sieg über Sous kokettes Intrigenspiel zu erringen, und trotzdem sie wußte, daß Georg kein Mann war, der mit sich spielen ließ.
All dies fiel ihr jetzt mit Zentnerschwere auf die Seele. Zum erstenmal im Leben raubte eine dumpfe Angst vor den möglichen Folgen ihrer Unbesonnenheit ihr die gewohnte Sicherheit.
„Ich will augenblicklich nach Hause fahren!" sagte sie, ihre Unruhe hinter einem herrischen Ton verbergend. „Sagen Sie dem Chauffeur, er soll den Motor sogleich wieder ankurbeln."
Sie hatten nämlich dem Chauffeur bedeutet, daß die Rückfahrt erst in zwei Stunden angetreten werden sollte, da man die letzte Strecke bis zum eigentlichen Ziel zu Fuß zprücklegen wollte. Dann waren sie wartend zwischen Anlagen auf und ab gegangen. Isolde immer noch in der stillen Hoffnung, Bognars oder Rotters könnten doch noch kommen. ;
Dallariva aber, statt ihren Befehl auszuführen, trat dicht an Isolde heran.
„Das werden Sie mir doch nicht antun?" sagte er leise und schmeichelnd. „Wy ich fo große Hoffnung auf diesen Ausflug setzte! Ich liebe Sie, Isolde, und auch Sie —"
„Ich verbiete Ihnen, in diesem Tone mit mir zu sprechen, Herr Dallariva! Was fällt Ihnen denn ein? Wie können Sie sich erdreisten, mich beim Vornamen zu nennen und mir von Liebe zu sprechen?!"
Wieder spielte das unrevschämte, vertrauliche Lächeln von vorhin um seinen Mund.
haben sestgestellt, daß der Genuß diese? BroteS schwere Darmkatharre, bei empfindlichen Personen sogar Ver. giftungserssteinunpen hervor^ ernten habe. Der Redner fragt, ob es wirklich möglich sei, die Lieferung von Mehl und Getreide freizugeben. Der Preisunterschied zwischen au ständischem und inländischemMehl betrage nur noch 1,25 Maxk pro Pfund. Die Zwangswirtschaft für Getreide in der jetzigen Form könne nicht besteben bleiben.
Bezeichnend für bas Niveau seiner rein auf Agitation und Hetze abgestimmteu Rede ist die Aeußerung, daß die Unabhängigen der programmatischen Erklärung Fehrrn- bachs, er wolle nicht gegen, sondern mit den Arbeitern regieren, die „allerschärfsten Bedenken" entgegen- bringen, und gegen sie den „allerschärfsten Widerspruch" erheben! Der Redner sagt dann der Regierung Fehrenbach den „allerfcbärfsten Kampf" an, weil die Unabhängigen gegen die Taten dieser Regierung bas „allerschärfste Mißtrauen" hätten. So wird von ben Unabhängigen Politik gemacht! Die Regierung Fehrenbach ist erst einige Tage am Wirken, sie spickt sich erst an, ihre programmatischen Erklärungen in üic Tat umzusetzen und schon kommen die Unabhängigen mit solchen demagogischen Mätzchen, die geradezu darauf abgestimmt sind, die an sich schon vorhandene nicht geringe Erregung der Volksmassen noch weiter aufzuputschen. Was im übrigen der Abg. Herz als „landwirtschaftlicher Sachverständiger" von sich gab. rief die schallende Heiterkeit im ganzen Hause hervor! Wer diese Herz'sche Rode mit angehört hat — es war keine Vergnügen — her muß es unbegreiflich finden, daß sich die Massen von solchem Phrasenhelden an der Nase herumführen lassen.
Staatssekretär Dr. Huber beantwortete die Interpellation, die Regierung werbe alles tun, für eine Besserung der Notlage einzutreten. Es find auch schon eine Reihe von Vorkehrungen getroffen worden, aber der Kern des Uebels liegt eben doch in den Nachwirkungen des Krieges, die sich niclst so rasch behoben lassen. Allerdings ist die Sorge um imfer tägliches Brot die dringlichste von allen. Im Industriegebiet sei bereits eine wesentliche Entspannung eingetreten, ta etwa 6000 Tonnen Getreide größtenteils dorthin entsandt worden sind. Kegen Wucher solle energisch vorgegangen 'werden. Eine Senkung des Mehlpreises aber fei nicht möglich, da wir immer noch auf das ausländische Mehl angewiesen sind.
In der Erörterung der Resolutionen kam zuerst der Sprecher der Mehrheitssozialisten
Abg. Keppler zu Wott. Er verlangte gerechte Verteilung der Lebensrnittel und Abbau der Preise durch die Landwirtschaft. Diese Preise seien gegen die Friedenszeit um das 10- bis 12fache gestiegen. Eine Erhöhung der Brotration fei notwendig, auch eine Einschränkung der Ausmahlung und der Fortfall der Streckungsmittel. Ohne Frühdrufdwrämien komme man nicht aus, weil wir sonst mehrere Wochen länger auf das Auslandsgetreide angewiesen wären. Don den Unabhängigen erklärte der Abg. Sauerbret): Die Landwirtschaft sei nur bann bereit, den Notstand unseres Volkes zu mildern, wenn ihr Profit wesentlich erhöht wird. Einer Regierung, die dieser Politik entgegenkomme, könne seine Partei kein Vertrauen gegenbringen.
Dienstag; Weiterberatung.
Preußische Landesversammiurrg.
Nach kurzem Zwischenraum trat die Landesvor- fammlung am Montag noch einmal zu einer kurze» Tagung zusammen, um Ende der Woche endgültig in die Ferien zu gehen. ES liest nichts Besonderes vor. In der Besprechung einer Mitteilung des Staatsmirri» steriumS über eine einmalme Zulage an bie Kriegsdeteranen von 1870 71 über sage und schreibe im ganzen 80 Mark bemängeln sämtliche Redner bie völlig unzureichende Summe. Ein Antrag Kopsch (Dem.', bie Summe zu erhöhen, fällt leider, weil nicht geschästsordnungSgemätz, unter ben Tisch. Einige andere kleine Vorlagen gehen an Ausschüsse Dann ist die Tagesordnung erledigt.
Dienstag Notetat und Hauptctat.
Deutsches Reich.
** JBerfin, 5. Juli Der Reichsrat hat beschlossen, die Gültigkeitsdauer des Kohlensteuergefetzes nur bis zum 31. Dezember 1920 zu verlängern. Der Gesetzentwurf über Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit
„Ach, feien Sie doch nicht so grausam! Wenn ich Ihnen gleichgültig wäre, hätten Sie doch nicht hinter dem Rücken Ihres Mannes in diesen Ausflug gewilligt!" Ifolde fah ihn an, wie erstarrt. Beide hatten über dem Gespräch nicht bemerkt, wie ihnen auf dem einsamen Anlagenweg zwei alte Leute entzegenkarnen. Erst, als sie dicht vor ihnen waren, blickte Isolde zufällig auf und erbleichte.
Sie erkannte in dem Paar Oberstleutnant v. Reitter und Frau, bie seit Jahren zu ihrem Bekanntenkreis gehörten und besonders mit Georg Diez eng befreundet waren. >
Auch das noch! Wie kamen die nur gerade jetzt daher? Ach, richtig — bei Tulln befand sich ja die militärische Irrenanstalt, in der Reitters einziger Sohn seit einem Jahr interniert war. Wahrscheinlich hatten sie den besucht ... >
„Nun wird Georg alle« erfahren. Reitter fpiett ja jeden zweiten Tag im Kaffee mit ihm Tarok . . ." dachte Isolde, mechanisch grüßend.
Die Frau Oberstleutnant erwiderte den Gruß sehr steif mit einem seltsam erstaunten Blick. Ihr Gatte hatte ebenso steif und stumm gegrüßt!
In beider Haltung drückte sich deutlich Befremden und Zurückhaltung aus.
Isolde biß sich auf die Lippen, wurde dunkelrot und warf Dallariva einen wütenden Blick zu.
„Das haben Sie nun von Ihrer Widerspenstigkeit!" sagte sie zornig. „Wären wir gleich zurückgefahren, wie ich wollte, wäre uns wenigstens erspart geblieben, daß wir womöglich nun morgen in aller Leute Mund sind! Denn daß uns Reitters auf einem Stelldichein ertappt zu haben glauben, stand ihnen ja auf der Stirn ge- chrieben!"
„Und wenn?" Dallariva lächelte selbstgefällig. „Diese Annahme wäre für mich so schmeichelhaft, daß ich dem Schicksal nur dankbar für die Begegnung mit den Herr- chaften kein könnte!"
Isolde wurde aschfahl. Blitzartig erkannte sie die ganze Niedrigkeit feiner eitlen Eeckenfeele.
Er wollte sie also kompromittieren! Er würde vermutlich etwaigen Ansipelungen gegenüber nicht einmal in Wort der Aufklärung haben, um sie zu entlaste». Vielleicht durch vieldeutiges Lächeln und Schweigen den Verdacht noch absichtlich verstärken . . . Zorn und Verachtung gewannen immer mehr die Oberhand in ihr.
.(Fortsetzung folgt).