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Nr. 151.

Verantwortlich für den redattionellen Teil: Carl Schütte, z für die Anzeigen: I. Porzeiler-FuIda. r. Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung

Samstag, 3. ZuU 1920»

Bezugspreis: Monatlich 3,00 Alk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 Alk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmaß) 60 pfg., u. 10°j, Zufck^ug, die Reklamezeile (Tertbreite) 1.80 Alk., u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

47. Zcchrg

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Eine VerLrauensknndgebrmg für die Regierung.

Devtfcher Reichstag

Der Freitag, der vierte Tag der großen Aussprache, ist wiederum reich an Zwischenfällen. Das Geschäft der fIciiTe.ii Anfragen und der auf sie erfolgenden Ant­worten bringt zunächst noch wenig Erregung. Große Un­ruhe und Gelächter erregte es jedoch, als auf die Anfrage nach den Gründen für den Ankauf von 700000 Meter Militürstoff für die Sicherheitswehr aus England, obwohl die deutsche Industrie die Ware um 85 Millionen Mark billiger liefern wollte und konnte, der Regierungsrat Dr. Reichert erklärte, man hätte damals nicht anders han­deln könnens Andere Anfragen beschäftigen sich mit fran­zösischen und polnischen Uebergrissen, von Regierungsseite wird Untersuchung zugesichert.

Dann erhält in Fortsetzung der großen politischen Aus­sprache das Wort der

Rsichsernährm'.gsmim'stsr Dr. Hermes, der ein Bild tmfcrer Wirtschaftslage gibt. Unsere landwirt­schaftliche Erzeugung muffe erhöht werden. Möglichste Freiheit für die Erzeuger und eine angemessene "Preis­politik seien 'Grundbedingungen für die künftige Entwick­lung. Dabei lehnt der Minister eine einsetige Preispolitik zugunsten der Landwirte ab, während er bereit ist, den erhöhten Herstellungspreisen Rechnung zu tragen. Er kündigt an, daß der Abbau der Kriegsgesell- schäften in beschleunigtem Maße fortgesetzt werden soll.

Auf eine Anfrage über die U eher griffe der P c>- l e n und besonders über die Verhaftung des Dr. Holtum antwortet der

Minister des Aeußern, Simons, der sich hiermit dem House in seiner uenen Eigenschaft vorstellt. Seine Wor­ten zeugen von Energie. Er hält nicht damit zurück in aller Schärfe und Entschiedenheit das Berhalten der Polen zu geiseln. Er betont, daß solange derartige Uebergrisse von feiten der Polen vorkommen, von wirtschaftlichen Ver­handlungen keine Rede sein könne, sondern nur von Re­pressalien. Auch die Ausrede der polnischen Regierung, daß es sich lediglich um Uebergrisse untergeordneter Be- ! amten handele, lasse er nicht gelten. Die polnische. Regie- i- rang trägt die Verantwortung auch für die Uebergrisse ihrer Unterbeamten. — Der Minister tritt ab, der Präsi- V deut erteilt das Wort dem deutschnationalen

Abg. Dr. helfferich. Das Hau? ist lautlos still, ge­spannt. Man will hören, was dieser Mann, deffen un­selige Tätigkeit wir erst jetzt in voller Wucht zu spüren bekommen und der es verstände.!^ bat, seine Person wie­der in den Dordergrund der Ereignisse zu stellen, was die­ser Mann wohl dem deutschen Volke zu Jonen habe. Man war enttäuscht. Der erste Teil der Helfferichschen Rede war ausgefüllt von Allgemeinheiten, die man alte Tage in der dmiifchnationalen Presse lesen konnte und noch lesen kann. Der zweite Teil bestand in einer kritischen Bo- - tcachtung der gestrigen Rede des Finanzministers, in der er sich selbst mit Lobeshymnen übergoß. Selbstverstcind- . lich suchte er sich dagegen zu wehren, daß die während des \ Krieges eingeriffsne Schuldenwirtschaft seiner Finanzpoli- , tik zur Last gelegt werde. Der letzte Teil war eine rein politische Auseinandersetzung Darüber, daß mir statt des . Versailler Friedens einen besseren Härten erreichen können. 'M Wir bedauern es, daß Herr Helfferich nicht, schon in den dunklen und bitteren Tagen der Unterzeichnung des Der- stillcr, Vertrages seine hellseherische Stimme hat ertönen 1 lassen und daß er nicht damals schon aus seiner Ver- |5 fenkung emporgestiegen ist, um das Heil des Volkes zu | werden. Diese Ehre hätte man ihm gewiß gern überlas- 6 f<n Heisserichs Rede war begleitet von stürmischen Un- - terbrechungen. ja mmuterlangem Lärmen, worin sich na« ssturnemäß die Unabhönmoen auszeichnete« Der »hcfi« I deut haste es nicht l''cht. Er mußte oftmals eingreifen, uw dem Redner in dem lauten, lärmenden Tosen der E Widersacher Gehör zu verschaffen. Es war Sturmftim« | nriiiig. die wahrend der ganzen 'Hebe unvermindert anhielt, fe Das Bravo der Deutschnationalen und das Zischen der • nnabfiängigen begleitete Herrn Heifferich, als er nach zweistündigen Ausführungen die Rednertribüne verließ, -ihm antwortet

i" . Veichsfinnnzminister Wirkh. Er gibt feiner Entrüstung k vorüber Ausdruck, 24 Stunden vor Span eine solche Rede | ll-hört zu haben. Helfferich habe einen Beweis dafür lie- ' ™ wollen, daß mir einen anderen Frieden hätten haben können. Die Rechte hätte ja in Weimar Gelegenheit ge-

■ ocbt, den schweren Gang mitzugehen, aber so wenig wie ? heut- sei damals der Mist aus Seiten der Rechten gewesen.

Abg. Decker (D. Dp.) bezeichnete es als nicht besonders mutig, wenn in einem Augenblick, wo es Hari auf hart mnge, die Sozialdemokraten sich vor der Verantwortung ‘ drückten. Ein Fortschritt gegen das frühere Kabinett fei L lm_ jetzigen Ministerium nicht zu leugnen. Seine Partei munfche dieser Regierung und vor allem auch den Kam- ' wern eine recht lange Lebensdauer. — Zum erstenmale hatten dann die Kommunisten Gelegenheit gehabt, von der ' ^.nbime des deutschen Parlaments aus ihre Ideen zu ver- ? kundigen. Als ihre leidenschaftliche Vertreterin sprach die 4 . Abg. Zetkin. Sie begann ihre Rede pathotisch mit •■'nem Gruß an alle Kommunisten der Welt. Moskau ■ °lmbt ihr das erstrebenswerte Ziel. Nur der Zusarnmen- mluß mit, dem bolschewistischen Rußland könne der deut- 'wen Isoliertheit abhclfen. Entwaffnung des Bürgertums und Bewaffnung der Arbeiterschaft durch die politischen arbeiterräte, das sei die Aufgabe der Wiederaufrichtung Deutfchlands. Ein Wamungsruf für Spaa klang aus °en Worten der Zetkin: Wird dort das Werk von Ver- - lailles fortgesetzt und vollendet, wird Hunger und Elend 'n verstärktem Maße über das deust'che Volk ausgebreitet, °na ist auch in Deutschland der Nährboden bereitet für d>e Moskauer Lehre.

. Abg. Dr. Deierse». der Führer der demokratischen Var- 2;'- stellte noch einmal die Voraussetzungen in den Vorder- Aimd, die für eine starke und aktionssähige Regierung pt-N'endig sind. — Die allgemeine Debatte wurde ge- lchloffen durch den

, Reichskanzler Fehrenbach. Er dankte für die Aner- ?"n.ung, die ihm ausgesprochen, und für die ruhige und Schlichs Art, mit der die Regierungserklärung besprochen In ™ Angesichts der Tatsache, daß der Koalition msh- ke Parteien mit verschiedenen Parteiprogrammen ange- wren sollten diese Parteien bei den Debatten Rücksicht :die verschiedenen Programme üben. Das liegt im I6 e;°1 mtintercf fe des Vaterlandes. Die bet ! Kaution nicht angehörenden Parteien würden angesichts "Ä.'Wheuer schwierigen Lage gut daran tun, sich in den Wtcn Tagen ein gewisses Maß von' Reserve bei ihren ".“s;4.0runaen aufzuerlegen. Einer Regierung, die Kritik lyt über sich ergehen läßt, ist nicht wert, an diesem Platze ■ h* Ie<en- Aber die Kritik darf nur in einer Form vor .'ch gehen, die uns unter einander selbst nicht verletzt und

auch aus die Regierung nicht verletzend roirft Ich tmt>e das Empfinden in den letzten Tonen dieser Aus- | ?rotbe. daß eine Atmosphäre einer gewissen B er u hi- i , n a und Sachlichkeit in dieses Haus eingezogen und daß darunter die sachlichen Interessen des'Vater- unoes nicht gelitten haben. (Zustimmung.) Ich will ae-

n,t6f den Lehrmeister spielen: ich bin zufrieden, wenn I .£ »Nadia mit mir umgehen! (Heiterkeit ! Aber ich darf

al? Ihr alter Vertrauensmann auch von diesem ■ aus die Bitte erlauben: Seien Sie bestrebt, auch i ins liege nüber der Regierung jenes ruhiae,' weife Muis zu beobachten, das nicht über die Grenzen hinaus­

geht, das nicht verletzt, wohl aber aufbaut! (Lebhafte Zu­stimmung.) Wir gehen morgen abend

nach Spaa.

EZ ist ein schwerer Gang. Es ist heute ein Wort gefallen, das uns auffordert, in Spaa nicht zu irnnfeln. Ich hoffe, daß das ganze Haus und das freut« fche Volk sich überzeugen wird, daß die Vertreter free Reichsregierung in Spaa mit ernftcr Würde ihres Amtes gewaltet halben. (Lebhafter Beifall.) Was wir zrt erwarten haben, — wer kann das fugen? Ge­wisse Unterredungen, die ich heute zu haben die Ehre hatte, nähren in mir die Hoffnung, daß wir in Svaa doch vielleicht die Grundlage für eine E rö r- terung finden werden, daß wir an einen Verhand­lungstisch kommen werden, und wir dürfen die Hoff­nung nicht aufgebeti, daß dann auch ein Ergebnis dar­aus hervorgeht. Es ist wiederholt von allen Seiten des Hauses ausgesprochen worden, fraß der ehrliche Wille fre-3 deutschen Volkes- und seines Parlaments vorhanden ist, die uns auferlegten Bedingungon nach unserer Lei- siungsmöglichkeit zu erfüllen. Aber wir hegen auch die Hoffnung, daß wir unsere Feinde von diesem un­serem ehrlichen Willen überzeugen werden. Das trirfr die Grundlage für die Verhandlungen fein; auf einem anderen Boden wird eine Möglichkeit zu Verhandlung gen nicht gegeben sein. Daß wir,über unsere Lei. fr u n g s rn ö g l i ch k e i t hinaus irgend eine Zusage geben, irgend ein derartgeS Schriftstück unterzeichnen, ist unmöglich. (Lebhafter Beifall.) Wir hoffen, fraß wir in Spaa unsere Verhandlungsgegner von bet schwierigen Lage unserer Finanzen überzeugen wer- bett, die es uns kaum möglich erscheinen lassen, in irgend einer nennenswerten Form eine Wiedergutm achung zu voll- ziehen. Wir hoffen auch, in Spaa unsere Verhand- lungsgegner zu überzeugen, daß wir, um etwas leisten zu können. Ruhe und Ordnung im Innern unseres Reiche s unbedingt brauchen. (Sehr gut!), fraß dazu vro allem eine bejferc Ernährung unseres Volkes und eine reichlichere Arbeitsgele­genheit notwendig ist. Ein bimgerndes und ar­beitsloses Volk ist der gegebene Herd fortdauernder Un­ruhen, Wir worden für Nahrungk-nrittel zu sorgen haben durch Einfuhr, für Arbeir durch Beschaffung von Rohstoffen, und wenn in dieser Beziehung unsere drin- gruben Wunsche erfüllt.sind wenn die Maschinen wie­der laufen können," rmser Volk gesättigt werden kann, wenn überall die Hände sich regen in kräftigem Bund, bann hoffen wir un? auch wirtschaftlich all- , mählich toiefrec ,in alte Höhe heben unb die über­nommenen Verpflichtungen in einem bescheidenen Um- fange.«fullckn zu^,köiktien. Das ist die Hoffnung, mit der tult- vNT'jj g?hen. Es wäre unrecht von mir, wenn ich Hoffnungen wecken ioollie, an deren Erfüllung ich nicht glaube, wenn ich gewisse Bedingungen unserer Gegner so behandeln würde, als lägen sie im Bereich der Möglichkeit. Wenn wir da drüben in dieser schweren Stunde verhandeln, wo ich jedem wünschen möchte — nein ich will es keinem wünschen! — daß er statt unser dieses Amt zu übernehmen hätte, bann möchte ich Sie bitten: Erf ckwe een Sie .itin 8 uns er Amt nicht durch leidens ch a s t l i ch e Kamp fe, die Sie in der Zwischenzeit führen! Verschieben sie in Gottes Nomon den scharf ausaevrägten (Gegensatz,ber Meinrrngen auf spätere Tage! Gönnen sie sich einige Wochen Schonzeit in Ihrem eigenen In;eresse, aber vor allem int Interesse unseres Vaterland es, dessen Geschicke für die nächste Zeit abhängig sind von den:, was sich in Spaa zuträgt. (Lebhafter, anhalten­der Beifall.)

Dmit schließt die Besprechung.

Ein Antrag der Unabhängigen, daß die Regierung nickt das Vertrauen des Hauses besitzt, wird in namentlicher Abstimmung mit 313 gegen 6-1 Stim­men der Unabhängigen und Kommunisten a b g e. lelint.

Es folgt die Abstimmung über den Antrag der Koalitionsparteien:

Der Reichstag hat die Erklärungen der Reichsregie­rung vorn 28. Jun! 1920 zur Kenntnis genommen. Er erwartet bau der Regierung, daß sie diesen Erklärungen entsprechend die Politik des Reiches, insbesondere bei den bevorstehenden Vechandlrmgen in Span führen wird.

Hierzu liegt ein Abändeiungsantrag der Deutschnatio­nalen vor, der dem Schlußpassus des Antrags der Koa­litionsparteien eine andere Fassung geben will.

Der Antrag der Deutschnationalen wird abgelehnt, der der Koalftionsparieien in namentlicher Abstimmung mit 253 gegen 62 Stimmen bei 54 Stimmenthaltungen a n - genommen. Dagegen stimmten die Unabhängigen; die Deuischnalioualen enthielten sich der Abstimmung.

Spaa und Brüssel.

Amtlich wird mitgeteilt: Freitag vormittag trat dic Neichsregierung mit den Ministerpräsidenten der Länder und den Vertretern der Freien Städte zu einer mehrstündigen Aussprache zusammen. Den Vorsitz führte der Reichskanzler. Minister des Aeußern Dr. Simons hielt einen Vortrag über die bevor­stehenden Verhandlungen in Spaa. Die Aussprache, in der insbesondere der Reichswirtschafisminister, der Reichsminister der Finanzen und der Reichsminister des Innern das Woit nahmen, ergab volle Ueber- einstimmung. In Uebeieinsiimmung mit einer Ernschließung der früheren Reichsregierung wurde beschlossen, solche Besprechungen künftig regelmäßig mehrmahls jährlich stattfinden zu lassen.

Auch der Ausschuß für auswärtige An­gelegenheiten des Reichstages trat gestern zu em er Sitzung zusammen. Der Minister des Aeußeren erstattete eingehenden Bericht über die Vorbereitung bet Konferenz von Spaa.

Die Brüsseler Vorkonferenz der Alliier­ten ist gestern eröffnet worden. Gegenstand der Erörterung bildete zunächst die Entwaffnung Deutschlands.

Das Luftschiff „L. 71" an England abgeliefert.

Das deutsche Zeppelinluftschiff „L. 71", das den Engländern ausgeliefert werkten soll, ist mit einer deutsch-englischen Besetzung an Bord aus dem Flug­ssatz Pulham bei London eingetroffen.

Das Luftschiff ist das erste, der nach Bern Versailler Friedensvertrag auszuliefernden deutschen Marineluft- ch'ffe, unb zwar eines der größten der während des Krieges erbauten Lustschiffe. Es hat 68 500 Kubikmeter Gas bei einer Länge von 226,5 Meter und einem größten Durchmesser vvn 23,93 Meter. „L. 71" ist das beste deutsche Luftschiff neben dem gleichgear- teten „L. 72", das in den nächsten Tagen von Friedrichs- Hafen nach Maubeuge zur Auslieferung nach Frankreich übergeführt werden soll.

Die Uebergrisse der Polen.

Die Meldungen über das Vorgehen der Polen gegen die 3irr Abstimmung Reisenden werden an zuständiger Stelle bestätigt. Die Polen haben über 1000 Ab­stimmungsberechtigte an der Reise verhin­dert, unter dem Dorgeben, daß die Ausweispapiere un­zulänglich seien. Das Verlangen bet Polen ist in jeder Beziehung unberechtigt und ihr Vorgehen stellt sich als eine grobe Rechtswidrigkeit bar.

Die deutsche Regierung hat in London, Paris und Rom schärfsten Einspruch gegen das polnische Vorgehen erhoben. Bei der Entente ist man, wie uns mitgeteilt wird, nicht im geringsten herüber im Zweifel, daß sich in der Tat fräs Borgehen der Polen als ein Rechtsbruch darstellt. In diesem Sinne Hai die Entente sich bereits durch ihre Vertreter in Warschau der pol­nischen Regierung gegenüber geäußert. Ueberdies hat die Entente ihr Kontrollorgan Könitz beauftragt, die Abstim­mungszüge durch den Korridor hindurchzuleiten. Der Kontrolloffizier ist ein Engländer. Aber auch ihm haben die Polen Schwierigkeiten gemacht und sich seinen Vor­stellungen nicht gefügt. Es muß nun zunächst abgewartet werden, welche Mittel die Entente aufroenben wird, um die Polen aus den Weg des Rechts zu bringen.

Der Flugdienst nach dem Abstimmungs­gebiet ist, um das Leben der Abstimmungsberechtigten durch das polnische Vogehen nicht zu gefährden, bis auf weiteres eingestellt worden. Wie mir erfahren, soll­ten die deutschen Flugzeuge den Weg innerhalb der Drei- Meilen-Zone an der Küste entlang benutzen. Durch wid­rige Winde und schlechte Aussicht wurden einige Flug­zeuge jedoch landeinwärts gedrückt und dort von den Po­len, wie gemeldet, beschossen. Bisher waren etwa 200 Personen im Flugzeug nach Westpreußen gebracht worben.

Wer wird Reichspräsident?

Reichpräsibent Ebert hat, wie bereits gemeldet, selbst beim Reichskanzler die alsbaldige Anberaumung der Wahl zum Reichspräsidenten,diedurch dteVerfassung vorgeschrieben ist, gefordert. Damit wirft sich die Frage auf, wer künftig Reichspräsident wird. Von feiten der Sozialdemokraten wird das Bleiben Eberls befürwortet Dieser selbst aber hat, wir wir aus seinen unmittelbaren Aeußerungen wissen keine Lust mehr zur weiteren Fortführung dieses unter den heutigen Verhältnissen freilich besonders dornenreichen Amtes. Dennoch wird die Sozialdemokratie auf ihn einwirken, einem erneuten Ansinnen Folge zu leisten.

Für den Fall, daß Ebert doch ablehnen wird, ist, wie man uns aus Berlin meldet, in weiteren poli­tischen Kreisen einschließlich der Sozialdemokratie jetzt schon der Gedanke einer Nominierung des jetzigen Reichskanzlers Fehrenbach als Kandidat für die Reickspräsidentschaft erörtert worden. Ob dieser geneigt wäre, das Amt anznnehmen, erscheint jedoch recht fraglich.

Der Steuerabzng.

Im Steuerausschuß beS Reichstages gab am Freritag bei der Beratung ber AuLräge über den zehnprozeiitigen Steuerabzug der RoichS- finanzminister Dr. Wirth eine Erklärung ab, in ber es heißt, ber Reichstag solle von dem wohlgeprüften Beschlüsse nicht zurückgehen, benn erstens würde ein Steuercrussall eintreten, der so erheblich sei. daß das Reich ihn einfach nicht tragen könne unb zwei­tens würde, wenn wir die Durchführung der Steuer­sätze in diesem wichtigen Punkte durchbrechen, jetzt und in Zukunft mit gefährlichen Steuerverweigerungen ge­rechnet werden müssen. Wird jetzt der Steuerabzug nicht durchgeführt, so wären für die nächste Zukunft bet .Hauptleidtragende nicht das Reick, fonbern die Länder und die Gemeinfren. Eine Aufhebung des Steuerabzuges bedeute, abgesehen von dem Ausfall für den Fiskus einen Verzicht auf eine vollständige Erfass fimg des Arbeitseinkommens überhaupt. Di« jetzige Bewegung im Lande gegen den Steuerabzug beruhe zum größten Teil auf einem Ml ßverstündnis der gesetzlichen Vorschriften und auf einer Unterschätz­ung der staatlichen Notwendigkeiten sowie <ntf einer Verkennung bet ungeheuren Tragweite, frie eine SteueT- fabotage gerade im gegenwärtigen Augenblick für den Bestand von Reich, Ländern und Gemeinden haben müßte. Der Minsster wies noch darauf hin, daß die Be­stimmungen über den Abzug von Naturallohn einst­weilen ausgesetzt sind und daß dafür gesorgt ist, daß wenn die endgültig zu zahlende Einkommensteuer g e» ringer sein wird, eine sofortige Erstattung des zuviel erhobenen Betrages erfolgt. Dio Zahl dieser Fälle werde aber überschätzt.

Es entspann sich eine längere AuZsprackc, die aber nicht zu Ende geführt wurde, der Ausschuß wird fei» I neu Beschluß erst heute fassen.

*

Es war ein sehr kühner, gewagter Schritt, den Arbeitgeber zum Steuererheber zu machen und dem Arbeitnehmer die Verkürzung des erwarteten Lohnes zuzumuten. Wenn man diese Maßregel für notwen­dig erkannt hat, mußte sofort mit allen amtlichen und ! außer-amtlichen Hilfsmitteln der Belehrung eingegrif- fen werden, um den Beteiligten klar zu machen, daß es sich hier nicht um eine Lohnverkürzung handele, sondern nur um einen Snarzwcmg zur Deckung der bevorstehenden Steuerlasten, also um eine wohlge­meinte Erleichterung der unvermeidlichen Zahlungs­pflicht. Oder hat die Regierung geglaubt, daß der Gs- danke durch feine eigene Schönheit die Gemüter der Beteiligten gewinnen würde?

Der Arbeitnehmer muß, wenn er seine persönliche Finanzpolitik weitblickend betreibt, die wirtschaftlichen Vorteile der Zwangssparkasse anerkennen; doch stört ihn die Kürzung des verfügbaren Lohnes um ein Zehntel besonders dann, wenn er wegen der Abzüge, die er machen kann, in Wirklichkeit nur eine geringere Steuer zu zahlen hat als ber lOprozentige Abzug vom Lohn beträgt. Der Finanzminister hat angeordnet, daß in diesen Fällen eine sofortige Erstattung des zu viel gezahlten Betrages erfolgen soll. Wir müssen abwarten, ob nicht der Ausschuß des Reichstages noch weitere Milderungen des Verfahrens durchsetzt, die sich ohne grundlegende Schädigungen der Reichs­einnahmen anbringen lassen.

Aus Asckaffenburg wirv gemeldet: Die Belegschaft der Gewerkschaft „Gustav" in De ttingen ist in einen eintägigen Proteststreik roeatn des Steuerabzugs einge­treten. ' Aschaffenburg, Offenbach, Darmstadt, etwa 40 größere und kleinere Gemeinden und eine Anzahl von Werken, die von Dettingen mit Strom versorgt werden, sind für diese Zeit ohne elektrische Kraft und Licht.

Lieferungszuschläge für Brotgetreide.

Durch eine sofort in Kraft getretene Verordnung vom 30. Juni 1920 bat der Reichsminister für Ernäh­

rung und Landwirtschaft Lieserungszuschläge für Brotgetreide und Gerste in Höhe von 200 Mark für die Lieferung bis 1. August und von 150 Mark für die Lieferung bis 15. September festgesetzt, und zwar mit Rückwirkung auch für das vor Inkraft­treten der Verordnung gelieferte Getreide neuer Ernte.

Die Gewährung der Zuschläge hat sich nicht vermei­den lassen, wenn die äußerst gespannte Lage der Brot- Versorgung nicht in den nächsten Wochm rmüberwind- liche Schwierigkeiten bereiten soll. Die Bestände der Reichsgetreidestelle sind soweit zurückgegangen, daß sich die Brotoersorgung nur mit dm größter Schwierigkeiten und nicht ohne Stockungen durchführer läßt. Eine- Steigerung der Einfuhr bis zur Deckung des für die nächste Zeit - entstehenden In- landsgetreidebedarfs ist kaum zu hoffen. Wer den daher dis Vorräte der Reichsgetreidestelle nicht bin­nen kurzem durch die neue Ernte erheblich aufgefüllt so wird die Browersorgung noch schwieriger werden

Um die Folgen einer unverschuldeten Versxälun, der Ablieferung möglichst abzuwenden, ist in der Ver ordmmg vorgesehen, daß die Landesregierungen am allgemeinen Gründen (Höhenlage, späte Ernte) di, Fristen um vier Wochen mit Genehmigung des Reichsernährungsministers ausdehnen dürfen; auch kann der einzelne Landwirt eine Fristverlänge­rung von zwei Wochen für eine; unverschuldete, spätere Ablieferung erlangen, ohne der Zuschläge verlustig zu gehen.

Eine Verteuerung des Brotpreises wird durch die Lieferungszuschläge unter kxinen Umständen eintreten.

Eins Ungeheuerlichkeit.

Der „Münchener Post" wird mitgeteilt, daß in ver. schiedenen Gegenden Bayerns das auf dem Felde stehcnd- Getreide von A uSIändern zu selbst in dieser Zeit ungewöhnlich hohen Preisen gekauft werde. Das Blatt fordert die bayerische Regierung auf, die entsprechenden Maßnahmen >'i treffen, ehe es zu spät ijt.

veutscher Reich.

Berlin, 2. Juli. Der Reichspräsident empfing am Freitag den neueinannten englischen Botschafter d'Abernon und nahm fressen Beglaubigungsschreiben entgegen. — Trotz des deutschen Protestes ist zum Präsidenten des von ber Entente eingesetzten Obersten Saargerichls der Schweizer Pros. Nippolb eingesetzt worben. — Die deutsche Volkspariei hat wegen der Lebensmittelunruheu eine Anfrage an die Reichsregierung gerichtet. Sie will wissen, wie die Wiederholung solcher Vorlommnisse vexhin- bert unb die betroffenen Geschäftsinhaber angemessen entschädigt werden sollen. — Die soz. Gewerkschaften haben der Regierung eine neue Forderung unter­breitet, die den sofortigen Abbau der Lebensmittel­preise verlangt. — Die Abschaffung der Todes­strafe fordert ein Gesetze-antrag der unabhängigen Sozialdemokraten.

c Die Zentrnmssraktion des Reichstages hat zur Entlastung des 1. Vorsitzenden Geheimrat Trim« bmn den Abg. Schwarz (Frankfurt) als ®e< schäftsführer ber Fraktion bestellt.

(*) Erzbergers „Erlebnisse im Weltkrieg". Der Reichsfinanzminister a. D. Abg. Erzberger hat in einem Buche betitelt „Erlebnisse im Weltkrieg" seine Erinnerungen aus ber Kriegszeit niedergelegt. Das Buch soll im September bei der Deutschen Verlags« anstalt erscheinen.

Kurland.

* Die Annexion von Kamerun. In der fron« zösischen Kammer erklärte Kolonialmintster Sarraut, daß die Regierung das Mandat über die deutsche Kolonie Kamerun in eine Annexion zu verwan­deln gedenke.

* Die zweite Veresinaschlacht zwischen Polen und Russen. Die Polnische Presseagentur meldet: Die zweite Beresinaschlacht ist in vollem Gange. Die Bolschewisten haben wenigstens vier neue Divisionen nach der Front geworfen. Es wird erbittert um die Flußübergänge gekämpft. Tie Verluste aus beiden Seiten betragen bisher über 1000 Tote und mehr als 2500 Verwundete. — Die Londoner „Times" vernehmen aus Warschau, daß sich die Situation für die polnische Armee verschlimmert babe. An der Beresina, am Pripet und westlich Kiew konnten die Bolschewisten erhebliche Vorteile erringen. Unter dem Druck überlegener Kräfte seien die Pole» an vielen Stellen zurückgewichen.

Aus dem Nachbargebiet,

'•¥ Büchenberg. Am 1. Juli hat der Hochw. Herr Bischof die Gründung ber KuratieBüchen- berg mit den Filialen Döllbach und Zillbach voll­zogen. Damit ist ein seit Jahrzehnten gehegtes Streben der „Oberen Pfarrei" erfüllt. — Am Abent des letzen Juni hatten die Gemeinden dem scheidenden Henn Scherer, dem 25. in ber Reihe der Büchen- berget Kapläne, ein Abschiebsständchen gebracht und durch Henn Lehrer Stark für seine seelsorgerische Tätig­keit insbesondere für die Pflege edler Kirchenmusik gedankt. — Am Vormittag des ersten Juli holten sie ihren ersten Kiirams, den Henn Pastor Kemper ein. Am Gershöfer Kreuz begrüßten ihn die Schulen mit Dichlerwort und Liederklang. Herr Lehrer Baier gab dem Empfinden der jungen Sutatie Ausdruck und hieß ihn herzlich willkommen. Herr Kuralus Kemper dankte in bewegten Worten. Eine feierliche Prozession geleitete ihn unter den Klängen der Musik­kapelle Seng zum schmucken Kirchlein. Hier erwiderte der Herr Pastor die herzlichen Grüße mit dem Friedens« grüße des Guten Hirten und erbat das Vertrauen einer Schäflein. Ein brausendes Te Deum schloß die erhebende Feier.

!§1 Ballen. Am 1. Juli waren es 2 5 Jahre, daß Herr Lehrer H ü t s ch an der hiesigen Schule tätig ist. Die Gemeinde hat diesen Tag nicht unbeachtet vor­übergehen lassen. Die Schülerkommunikanten Haber im Amte die hl. Kommunion empfangen und für ihren Lehrer aufgeopfert. Rach dem Amte zöge« bi