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fir. 150

Freitag, 2. Zuli 1920

47. Zahrg.

Bezugspreis: Monatlich 2,00Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 2,10 M. Anzeigenpreis: Die Kle inzeile (Colonelmatz) 50 Pfg., u. 10°/. Zuschlag, die Reklame zeit e (Textbreite) 1.50 M.. u. 10°/° Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

Verantwortlich für den redaltionellen Teil: Carl Schütte, u für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. S. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung.

Spaa.

Von parlamentarischer Seite wird uns peschrieben. Als Vertreter der Reichsregierung werden nach , Spaa gehen: der Reichskanzler, der Minister des Auswärti­gen, der Reichsfinanzminister, der Reichswirtfchafts- wmister und der Ernährungsminister. Sie werden von etwa zwanzig höheren Beamten begleitet fein. Die Abreise erfolgt Samstag abend mit Sonderzug.

Es ist die Auffassung weit verbreitet, daß Spaa gewissermaßen der Vorläufer der endgültigen Revi­sion des unmöglichen Friedensvertrages fein werde. Diese Auffassung ist genährt worden durch Aeußerun- gen englischer Staatsmänner und Mitteilungen engli­scher Zeitungen. Wer sich aber vor Enttäuschungen be­wahren will, der muß Len Tatsachen ins Auge sehen. Dos Verhalten Frankreichs und feiner maßgebenden Persönlichkeiten spricht nicht für jene Auffassung. Im Gegenteil, Frankreich geht darauf aus, in Spaa dem deutschen Volke neue Fesseln, neue Lasten auszubürden. Es würde auch nicht richtig fein, wenn r*!Qn auf die zweifellos zwischen der Entente und na­mentlich zwischen England und Frankreich bestehenden Meinungsverschiedenheiten übertriebene- Erwartungen aufbauen wollte. England wird das eigene Interesse m den Vordergrund stellen, und es wird sich nach Möglichkeit mit den Franzosen gut zu stellen suchen. Am meisten Verständnis wird Deutschland wohl bei Italien finden, das am eigenen Leibe verspürt, wie schwer nach dem jahrelangen Kriege mit seinen großen Opsern an Blut und Gut der Wiederaufbau eines Lan­des ist.

I Zweck und Aufgabe der Konferenz von Spaa mußten und sollten der Wiederaufbau Deu tsch-

L lands und damit Mitteleuropas fein. Statt dessen aber überwiegt bei unseren Feinden noch immer der Wunsch, Deutschland in neue Schwierigkeiten zu stür­zen. Davon zeugen erneut die Roten, die die deutsche Regierung in der Entwaffn ung sfrage erhal­ten hat. Kein Mensch, auch kein Deutscher, wird es den Siegern verdenken, wenn sie die Besiegten ent­waffnen wollen, um selber Ruhe zu haben und ab- rüften können. Die Sieger haben das aber uns gegen­über bereits gründlich getan. Sie haben uns unsere Kriegsflotte genommen und auf der Auflösung unseres alten Landheeres bestanden. Deutschland muß sein Kriegsmaterial ausliefern oder zerstören und seine Kriegsindustrie abbrechen. Die Entwaffnung unseres Landes ist schon eine vollständige geworden. Mit sei- l; neu gebrochenen Menschen und seiner gründlich zer­störten Organisation kann Deutschland heute fürwahr kein Volk bedrohen, und es ist für den Weltfrieden wirklich gänzlich gleichgültig, ob wir ein stehendes Söldnerheer von 100 000 oder von 200 000 Mann besitzen.^ Dennoch verlangt der Oberste Rat auf Be­treiben Frankreichs die Verminderung der Reichswehr auf 100 000 Mann binnen kürzester Frist; er verlangt das, obwohl wir in schwierigen unruhigen Zeiten stecken, bie uns noch schwere Verwicklungen im Innern bringen können. Man hätte sicherlich wenigstens in eine sachliche Erörterung der Frage mit der deutschen Regienmg treten können, aber man tut es nicht, son­dern dekretiert kurzerhand, daß der Vertrag ausge- sührt werden müsse, und bedroht unser 8anb mit Strafmaßnahmen, die selber den Friedensbedingungen widersprechen. Im Interesse der Vertragsdisziplin gibt der Oberste Rat vor, so handeln zu müssen. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch nur darum, Frank­reich die Gelegenheit zur Ausführung verbrecherischer Anschläge zu geben zur Besetzung weiterer deutscher Gebiete, die die regierende französische Militärpartei ausgedacht hat imd zur Anwendung bringen möchte, bevor ihr der Sieg der Vernunft den Weg dazu ver­baut hat.

Es wird die Aufgabe der deutschen Unterhändler in Spaa sein, den Vertretern der Entente das Ver­ständnis für die wirkliche Lage in Deutschland beizu­bringen und sie über die wahren Verhältnisse aufzu- klören. Es besteht immerhin ein geringer Hoffnungs­schimmer, daß die deutschen Unterhändler, wenn auch nicht bei Frankreich, so doch bei den Vertretern der übrigen Ententeländer einiges Verständnis finden. So

weit wir unterrichtet sind, sind die jüngsten Entwaff­nungsnoten der Entente gegen den Willen Italiens abgesandt worden. Wenn Aeußerungen englischer Zeitungen aus den letzten Tagen zutreffend sind, dann hat auch die englische Regierung in der Entwaffnungs­frage noch nicht das letzte Wort gesprochen.

Reben der Entwaffnungsfrage ist von grundlegen­der Bedeutung die Befreiung Deutschlands von den Fesseln, die ihm in wirtschaftlicher Beziehung auferlegt sind. Die Besetzung Oberschlesiens be­deutet die Entziehung dringend nötiger Kohle für die deutsche Industrie. Die Besetzung im Westen legt gleichfalls dem deutschen Wirtschaftsleben uner­trägliche Fesseln auf. Es muß daher das Bestreben der deutschen Unterhändler darauf gerichtet sein, in die­ser Beziehung weitgehende Erleichterungen von der Entente zu erreichen, ja wenn möglich, die Beschrän­kung auf eine möglichst kurze Zeit durchzusetzen. Die deutschen Unterhändler können diese Forderung mit guten Gründen belegen. Die Erfüllung der Forde­rung liegt nicht nur im Interesse Deutschlands, sondern auch im Interesse der Entente, vor allem Frankreichs. Es ist eine bekannte Tatsache, daß Frankreich aus eige­ner Kraft feinen Wiederaufbau nicht durchzuführen vermag, und daraus ergibt sich das fortwährende Drängen Frankreichs, Deutschland Lasten aufzubürden, um daraus die Mittel für den eigenen Wiederaufbau zu gewinnen. Wären die Franzosen nicht durch ihre Rachsucht verblendet, so müßten sie selbst erkennen, daß sie sich auf einem völlig falschen Wege befinden. Jeder Druck, den Frankreich auf Deutschland ausübt, wird dieses schwer treffen, aber er wird in seiner Wir­kung auch Frankreich treffen. Dagegen wird jede Er­leichterung, die das deutsche Wirtschaftsleben erfährt, letzten Endes Frankreich zugute kommen.

Was hier gesagt ist, gilt auch von der Befriedigung der finanziellen Forderungen, die die Entente in Spaa an Deutschland stellen wird. Das deutsche Volk hat durch fein ganzes Verhalten feit dem Friedensschluß bewiesen, daß es bestrebt ist, den Frie- densvertrag zu erfüllen, soweit er zu erfüllen über­haupt möglich ist. Darüber hinaus werden alle Macht­mittel der Welt das deutsche Volk nicht zwingen kön­nen. Beharrt Frankreich und unter seinem Einfluß die Entente auf ihrem starren Machtstandpunkt, dann wird Deutschland zugrunde gehen, aber mit ihm die ro­manischen Länder der Entente.

Deutschlands Schwäche ist heute seine Stärke, und darum haben unsere Unterhändler eine weit stärkere Stellung als die deutschen Vertreter es in Versailles hatten. Sie werden im Sinne dez weitaus größten Teils des deutschen Volkes handeln, wenn sie uns r- üllbaren Forderungen der Entente ein entschiedenes „nein" entgegen« fetzen und in diesem Fall der Konferenz von Spaa unverrichteter Sache den Rücken wenden. Jede Ver- antroorhmg für das, was bann kommen wird, trifft mit voller Wucht bie Entente unb Frankreich.

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Aus Kreisen der Delegierten für Spaa erführt man: Die Regierung wird ihre Vorbereitungen für bie Kon- erenz von Spaa Dank der Mitarbeit hervorragender Fachmänner bis zur Abreise der Delegation so weit ab­geschlossen haben, daß sie in Spaa mit begründeten Vorschlägen auftreten kann. Besonders für bie wirt- chaftlichen Fragen finb ausführliche Gutachten ausge- irbeitet worben, bie ber Konferenz vorgelegt werden ollen. Es kann aber keine Rede davon fein, baß von deutscher Seite gleich ein fertig gearbeitetes Entschädi­gungsprogramm, ein fest abgegrenzter deutscher Ge­genvorschlag, wie ihn die Entente zu erwarten cheint, gemacht wird. Die deutschen Vertreter hoffen, baß sie nach einem kurzen Austausch ber beiderseitigen Erunbcmschauungen zunächst Gelegenheit haben werben, ihr Z i f f e r n m a t e r i a I über bie deutschen wirtschaftlichen Bedürfnisse und Le­bensnotwendigkeiten vorlegen zu können. Aus diesem Zahlenmaterial, worunter sich auch deutsche Schätzungen ber von den Kriegsgegnern erlittenen Schäden befinden, ergeben sich gewisse Folgerungen.

Unpolitische Zeitlänfe.

Von Fritz Nienkemper.

Berlin, 30. Juli 1920

Also sechs Jahre sind schon verflossen seit der Blut­tat von Serajewo! Vor sechs Jahren ging die Welk au§ den Fugen und ist heute noch längst nicht wieder eingerenkt.

Sechs Schicksalsjahre! Zwei Jahre lang vorwärts und aufwärts mit geschwellter Brust und sattem Ma­gen; zwei Jahre zähe behauptet trotz dürftiger Nah­rung; zwei Jahre in Elend bei steigender Not.

Werden die nächsten zwei Fahre etwas bringen, ivaZ man wirklich Frieden nennen kann?

Ich weiß es nicht und werde es wohl auch nicht mehr erleben. Es siechen und sterben so viel Kinder und junge Leute unter den Nachwirkungen der Un­terernährung vorzeitig dahin; da dürfen sich die älte- ren Jahrgänge nicht beklagen, wenn ihr Lebensraden ahreißt. Doch an meinem Grabe möchte ich noch die Hoffnung aufpflanzen: das deutsche Volk wird noch nicht zugrunde gehen, wenn -arrch die Blutarmut und die Knochenschwäche schrecklich um sich gegriffen haben. ,.Das wächst sich aus", sagt man beim Anblick eines schwächlichen Kindes. Wenn es nicht bei allen zu- krifft, so doch bei vielen.

Als wir mit frischem Mut in den Verteidigungs­krieg hineingingcn, dachten tvir unz als das Schreck­lichste, daß von den Soldaten tausende nicht toi eher« kehren würden. Die blutigen Opfer auf dem Schlacht» telde waren unsere größte Sorge. Wer ahnte denn damals, daß aus dem Waffenkrieg ein H unge r° x krieg werden sollte, daß hunderte von Millionen im=' bewaffneter und friedlicher Menschen jeden Alters und jeden Geschlechts zu Opfern des Krieges erkoren seien. Es ist viel grausamer, viel verderblicher geworden, wie wir's uns denken konnten. Daher auch die bittere Enttäuschung, daß mit dem Wschluß des Waffenkamp­fes die ersehnte Erlösung nicht eintrat. Es ging uns beim sogenannten friedensschluß wie einem Schiff- brüchigen im Wasser, bet endlich wieder den .Kopf oben 6at und einen befreienden Atemzug tun will, aber in

demselben- Augenblick einen Wogenprall ins Gesicht er- hält,' daß er wieder Wasser schlucken mutz bis zur Be­täubung. Der Hungerkrieg dauert fort und verlangt auch heute noch seine Opfer.

Die blaffen Wc-Schützen, die jetzt in die Schultz gehen, toi ff en gar nicht, wie fchön es in der wirklichen Friedcnszeit vor sechs Jahren war. Wer es noch Weitz, denkt mit Wehmut zurück an das behagliche Leben. Rote Wahlredner haben uns erzählt, wir hätten damals keine „Freiheit" gehabt. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir damals eine wesentliche Freiheit gehabt, bie uns jetzt fehlt: nämlich die Freiheit, uns für bil­liges Geld satt zu offen.

Das klingt fehr materialistisch; aber inzwischen ha, ben wir doch gesehen, daß der Seelenzustand des Men­schen mit seiner leiblichen Ernährung sehr innig zu- sammenhäncxt. Fastien, d. h. d-em Magen freiwillig eine gewisse Enthaltsamkeit vorschreiben, ist eine feine Zucht; aber andauernd hungern ist verderblich. Am verderblichsten für die Säuglinge unb die zarte Ju­gend. Als die Zeit aiibrach, wo wir den Leibriemen enger schnallen mußten, dachten wir zum Tröste für uns und unsere Kinder, das würde nicht lange dau­ern und vielfach als Heilmittel gegen die Freßgier und die Fettsucht wirken. Mer das Ende dieser Zwangs­fasten toollte und will nicht kommen. Es wurde nicht bloß das überflüssige FettpoWr beseitig, sondern Blut, Nerven und Muskeln angegriffen, und der Schwund der Körperkräfte wirkte auf die Stimmung, die Arbeitsfähigkeit, die Willenskraft verwirrend ein.

Unfug, Tumulte, Verbrechen rings umher. Der Krieg hat die Sitten verdorben, sagt man. Jawohl, ber Waffenkrieg führte schon die Beteiligten zu einer gewissen Roheit. Doch viel fchlimmer ist noch das lang, fam wirkende, aber weit um sich greifende Gift des Hungerkrieges. Krank im Leibe, krank im Kopse, krank im Gewissen: das gilt für eine Masse von Leuten. Der strenge Richter aller Sünden wird gewiß bei dem Ur» teilSspruch über die Frevel der Jetztzeit als mildernd in Betracht ziehen, daß viele Verirrte nicht bei gesun­dem Verstand und voller Willensfreiheit waren. Wir wollen das auch nicht vergessen, toenq wip uns ent­

— Was ist Kommunismus? Ein Arbeiter in Paris sprach inmitten seiner Kameraden gegen den Kommunismus. Einer derselben fragte ihn, ob er denn wisse, was Kommunismus fei? Der Befragte zog seine Bluse aus und zerriß sie bann in zwei, dann in vier, in acht und mehr Stücke, worauf er jedem seiner Kameraden einen Fetzen hinreichte, und sagte: Ter Kommunismus, meine Freunde, bezweckt aus dem Ganzen, das jemandem nützen kann, einen Haufen kleiner Stücke zu machen, mit denen niemand etwas anzufangen weiß.

polnische Riedertrachi im Abstimmungskampf.

Die deutsche Lisstschiff-Reedere i hatte im Auftrage der Deutschen Abstimmurrgsorganisation geplant, einen Teil der Abstimmungsberechtigten durch Flugzeuge in die Heimat zu bringen. Wie die „Voss. Ztg." meldet, beschießen nun die Polen shstematisch sämtliche über dem polnischen Korridor fliegenden d e u t s ch e n Flugzeuge, obwohl sie ausdrücklich durch die in- ternationale Kommission zum Transport der Abstim­mungsberechtigten zugelassen unb mit beson­deren Kennzeichen versehen sind, mit Infan­terie- und Maschinengewehrfeuer, teilweise unter Be­nutzung von Brandorunition. Ein deutsches Flugzeug wurde in bie Steuerung -getroffen und fing Feuer. Es gelang dem Führer noch, deutsches Gebiet zu er­reichen, nachdem der Brand durch Flugtoinde gelöscht worden war. Ein zweites Flugzeug wurde auf der Rückfahrt durch Brandmunirion in den Benzintank ge­troffen, ging sofort in Flammen auf und stürzte

mittel für euch und eure Kinder. Man braucht nicht zu trinken, man braucht nicht zu rauchen, man braucht keinen Staat zu machen, man braucht nicht in die Kinos oder die Rennbahn zu gehen; aber man muß für ein genügendes und bekömmliches Essen sorgen' das hält' nicht bloß Leib und Seele zusammen, sondern auch Leib und Seele in Ordnung und Tugend. Wtzr Geld misgibt für die gute Ernährung, der bringt an­scheinend nur ein Opfer auf dem Speisetisch; in Wahr­heit ist e3 aber ein Opfer auf dem Altäre des Vater­landes. Denn das deutsche Volk geht politisch und wirtschaftlich und sittlich zugrunde, wenn es nicht die Unterernährung überwindet.

Die richtige Arbeitsteilung ist: der Mann schafft das Geld für bie Nahrung, die Frau besorgt die Aus- wähl, den Einkauf, die Zubereitung.

Hut ab vor den Frauen, die von ihrem neuen politischen Recht vernünftig Gebrauch machen- Aber nochmals Hut ab und einen dankbaren Handkuß obendrein für all' die wackeren Frauen, die durch ihre Kochkunst uns durchgeholfen haben durch die Jahve des Mangels und der Teuerung. Die geschickten Köchin- neu waren Lebensrettex für viel Tausende, ja Millio- nen von gefährdeten Volksgenossen. Mögen sie weiter retten, was noch zu retten ist, indem sie alles klug verwerten, was die Ernährung bessern kann.

Sie können als Gehilfinnen des Höchsten wesentlich dazu betragen, daß sich trotz schleichendem Hungerkrieg die Bitte erfüllt; Unfer tägliches Brot gib uns heute'

politischen Aussprache.

Die zweite Rednerserie leitet der Mehrheitssozialist und ehemalige Reichskanzler

Abg. Hermann Müller ein. Er knüpft an die Worte des Demokraten Schiffer art. der gesagt hat, der Ernst der Lage verlange gebieterisch, daß P a r t e i st r e ff t i gleiten beiseite gelassen würden. Tarin fei er mit Herrn Schiffer einig, denn von bieten uner­quicklichen Auseinandersetzungen, wie sie auf Seiten der Unabhängigen befonders beliebt feien, bekämen die Ar­beiter weder einen Laib Brot mehr, noch mehr Lohn, noch hätten sie davon eine innere geistige Stärkung. Der Redner legt eingehend die Beweggründe ausein­ander, die ihn veranlaßt hätten, uacb dem Auftrag zur Bildung einer Regierung mit dem Führer der U Tr­ab hängigen, Crispien, in Verbindung zu treten- Darin fei die Wsicht zum Ausdruck gekommen, eine sozßalistis che Regierung zustande zu ' brin­gen, die nach außen bin als Grundlage ihrer Hand­lungen eine Anttkriegsvolittk betreiben sollte. An der Hartnäckigkeit und Verbohrtheit der Unabhängigen fei dieser Plan gescheitert. Er entwickelte die Gründe für die Absage der MehrheitssozialistLn, die alt® Koalition wieder aufzurichten oder Überhaupt an einer Regierung teilzunehmen. Er spricht über die Aussichten von Spaa und verwrichi, daß der Regierung vonseiten der Mehrheitssozialisten keine Hemm-

rüsten übet die Torheiten unb Gemeinheitrn, bie jetzt in der Welt passieren. „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Machen wir es nicht, toie der Pharisäer im Tempel, sondern vielmehr wie bet Zöllner. Wer ist denn in dieser fürchterlichen Zeit ohne Irrtum und Sünde geblieben?

Gelingt es, die Gegenseite zu bestimmen, beides, Ziffernmaterial und Folgerungen in Erwägung zu ziehen, dann werden die Beratungen von selbst eine Verbreiterung in Ausschüssen erfahren muffen. Dann würden auch von deutscher Seite noch neue Sachver­ständige nach Spaa berufen und in die Kommissionen entsendet werden, wahrend gewisse Materien der Ver­handlung vielleicht ganz abgezweigt würden, wie z. B. die reinen Finanzfragen, die ja auch nach der Absicht der Entente erst nachher in Brüssel einer gesonderten gemeinsamen Beratung unterzogen werden sollen.

Zwei deutsche Denkschriften über unsere Wirtschaftslage.

Im Zusammenhang mit den Spaaer Beratungen stehen zwei Denkschriften, die den Mitgliedern der Frie­denskonferenz durch die deutsche Delegation in Paris und gleichzeitig auch den alliierten Regierungen in London, Paris, Rom und Brüssel übermittelt werden. Die erste behandelt die Zahlung sfähigkeit Deutschlands für die Wiedergutmachung, die andere gibt einen Ueberblick über die bisherigen Steuerleistungen Deutschlands. In der Be- gleiinote wird darauf hingewiesen, daß Deutschland jetzt geringere Hilfsmittel zur Verfügung stehen als vor dem Krieg und daß die Reichsregierung es für ihre Pflicht hält die Lage rückhaltlos klarzulegen. Die Er­örterungen über prakfifche Maßnahmen zur Ausfüh­rung der wirtschaftlichen und finanziellen Bedinaun- gen des Friedensvertrages werden den mündlichen Ver­handlungen in Spaa vorbehalten. ' Mit der zweiten Rote ist ein Gutachten Über unsere w i rt s ch a f 11 i chen Verhältnisse überreicht worden, das von 22 füh­renden Männern des deutschen Wirtschaftslebens unter­zeichnet ist.

Deutscher Reichstag.

Vor Eintritt in bie Fortsetzung der Besprechung übe® bie Regierungserklärung erledigt das Haus am Don­nerstag eine Anzahl kleinerer Vorlagen.

lieber beit

10 Proz.. Abzug vom Arbeitslohn, der in weiten Kreisen ernslhastte Verstimmung her­vorgerufen hat, liegen 3 Anträge vor. Ein Antrag der Koalitionsparteien auf Einsetzung eines Ausschusses zur Beseitigung von sich bei diesem Lohnabzug ergeben­den Härten; ein Antrag der Deutschncttionalen. um die Bestimmungen über diesen Lohnabzug noch einmal durchzuprüfen; ein Dringlichkeitsantrag der llnabhän- grgen, der überhaupt Aussetzung der Erhebung des 10- prozentigen Lohnabzuges sondert. Alle 3 Anträge wer­den einer neueinzusttzenden Kommission zur Prüfung übertoiefen. — Ein Gesetz, betreffend ein deutsch-fran­zösisches Abkommen übet elsaß-lothringische Rechts­angelegenheiten wird ohne Aussprache-in allen drei Lesungen angenommen. Diese Vorlagen nahmen das Haus nur sehr kurze Zeit in Anspruch. Hauptinteresse unb Hauptgewicht lagen bei der Fortführung ber gro­ßen

, Nisse im Hinblick auf die schwierigen äußeren und inneren Verhältnisse in den Weg gelegt werden fallen Nach Hermann Müller nimmt

Finanzminister Tr. Wirth das Wort zu einer ein« । gehenden Darlegung unserer fürchterlichen ! finanziellen Lage. Das Bild, das ber Mini­ster enttoirst, ist buster. Ungeheure Zahlen, von denen wir uns keine Vorstellung machen können, ziehen an unserem geistigen Auge vorüber und geben uns Kunde von dem finanziellen Niederbruch, der eine der trau­rigsten Folgen des Krieges ist. Eine ungeheure Schuldenlast

tragen wir auf unteren Schultern, die nichfl sinkt, sondern von Tag zu Tag wächst. Sie ist wahrlich dazu angetan, allen endlich einmal die Augen darüber zu öffnen, welcher Abgrund sich vor uns auftut. Die Finanzen sind das schwärzeste Kapitel im gesamten Verwaltuugsapparat. Die schonungslose Offenheit, mit der Finanzminister Wirth die Finanz­lage des Reiches darlegte, muß alle zu der Erkenntnis führen, baß wir ein armes, bitterarmes Volk find und daß wir dein völligen Ruin unabwendbar entgegengehen, wenn nicht jeder einzelne durch doppelte Arbeit und doppelte Sparsam- k e i t zunächst einmal sich selbst Zügel anlegt. Nach ben Mitteilungen des Finanzministers belief sich der Schuldenstand am 30. April auf 200 Milliarden Mark, darunter 108 Milliarden schwebende Schulden. Er ist weiter gestiegen auf ritnb 209 Milliarden 'Mark und dabei find noch nicht eingerechnet die Kriegsaufwen- bungen der Länder imb Gemeinben die auf 15 bis 16 Milliarden geschätzt werden. Allein 1200 Millionen Mark find für Verzinsung und Tilgung dieser Summe beim Kchuldendienst im neuen Haushalt eingestellt wor­ben, und wenn noch der Betrag für die llebernahme der Eisenbahnen auf das Reich hinzugerechnet wird, so ergibt sich eine Gesamtschuld in der erschre­ckenden Höbe von 264 bis 2 6 5 Milliarden. Die Steuererträgnisse fließen gegenüber diesen Riesensum- mcn nur schwach. Gegen Steuerflucht und Steuer­hinterziehung muß mit allen Mitteln cmgedämpft wer, den.

Henke von den Unabhängigen, der nach dem Finanz­minister die Rednerkanzel besteigt, eifert gegen rechts, gegen seine Brüder von links, gegen die Mitte, gegen die Regierung, üherbanpt gegen alles. Der bayerische Bauernbündler Eisenbcrger behandelt schließlich io eirntimbiger Rede vor allem Fragen der Wirtschaft.

Freitag: Fortsetzung der Debatte.

Vertagung des Reickswirtschaftsrats dis nach Spaa.

Ter Tonnerstagssitzung lag zunächst ein Antrag Wissel vor, nach dem der wirtschaftspolitische Aus­schuß sich zunächst mit dem Ausbau der Ertturbs- losenfürsorge zu einer produktiven beschäftigen soll. Nach kurzer Begründung wurde der Antrag ange­nommen. Es entwickelte sich dann noch eine längere Geschäftsordnungsdebatte über die Bildung des Be­triebsräteausschusses. Es wurde dann mitgeteilt, daß der wirtschaftspolitische Ausschuß sich konstituiert bat. Vorsitzender Abg. Kraemer (Arbeitgeber der In­dustrie), 2. Vorsitzender Wissel (Arbeitnehmer der Industrie). Die Anberaumung und Ansetzung der Tagesordnung der nächsten Vollsitzung wurde dann dem Vorsitzenden überlassen. Sie soll nach der Be« enotgung der Spaa-Konferenz erfolgen.

Als der erste Raufch vom schnellen Waffensieg ver­flogen war, erging die Parole vom Durchhalten: Ja, bas deutsche Volk hat lange durchgehalten, obschon bie Ernährung knapp wurde. Und jetzt, ein volles Jahr nach ber Unterzeichnung Les sog. Friedensver­trages? Nun müssen wir immer noch durchhalten un­ter den schwierigsten Verhältnissen, bei mangelbtrftet Lieferung und schrecklichen Preisen.

Wer Krawall auf den Märkten macht oder gar Lä­den plündert, spannt das Pferd hinter den Wagen. Dadurch wirb die Verpflegung nicht g e b e f f e r f fonbern noch mehr gestört. Die Preise sind hoch, so­lange die Ware knapp ist. Wer besser und billiger leben will, umß dahin streben, daß mehr Ware auf den Markt kommt. Was int Inland mangelt, muß aus dem Auslanbc kommen. Wie kriegen wir die Lebensmittel vom Auslände? Was dort mildtätige Leute unS f ch e n k e n, ist nur ein Tropfen auf dein heißen Stein. Die ausschlaggebende Masse müssen wir k a u= f e n, und um sie bezahlen zu können, müssen wir an­dere Waren an das Ausland verkaufen. DaS können wir aber nur, toenn wir solche Waren erzeu­gen, und so kommen wir schließlich zu der Nutzanwen­dung, baß die schaffende Arbeit bas einzig wirffame Heilmittel zur Besserung ber Volksernährung ist.

Ach, wird da mancher seufzen, dann wird wohl noch lange Schmalhans Küchenmeister feint

Ich möchte gerne Ividcrsprechen, vermag cs aber nicht. Wohl ober übel, wir müssen durchhalten, auch in Mangel unb Teuerung, bis die Lage mit Gottes Hilfe sich allmählich bessert. Inzwischen muß jeder sich durch­schlagen so gut er eben kann. Ich möchte nur den Ratschlag voranstellen: Seid sparsain, sehr sparsam in allen entbehrlichen Dingen, aber seid nicht knickerig in der Beschaffung der notwendigen Lebens­