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Verantwortlich für den redattionellen Teil: Carl Schütte, n für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telcgr.-2idresse: Fuldaer Zeitung.

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ßreitaZ, 25, Juni 1920,

47. Zahrg

Bezugspreis: Monatlich 2.00 7Nk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 2,10 Mk. Anzeigenpreis: Die Kleinzeile (Colonelmatz) 50 Pfg., u. 10ft. Zuschlag, dis Reklamezeile (Textbreite) 1.50 Mk., u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

Gs Wird Doch noch!

Fehlen buch arbeitet mit seinem unoerwüst» (jchen Optimismus weiter an der Kabinettsbildung und, wie man hoffen darf, mit Erfolg. Es kann jetzt als feststehend angenommen werden, daß das Kabinett Fehrenbach auf der Grundlage einer bürgerlichen Mitte zustande kommt. Die endgültige Ministerliste steht nach nicht fest, dürfte aber folgendermaßen lauten: Reichs­kanzler: Fehrenbach. Stellvertreter des Reichs­kanzlers und Justiz: Dr. Heinze (D. Vpt.), Reichs- wehrmimsterium: Dr. Geßler (Dem.), Inneres: Koch (Dem.), Auswärtiges Amt: Dr. v. Simons (den Demokraten nahestehend), Finanzen: Dr. Wirth (Zir.), Post: Giesberts (Ztr.), Ernährung: Her­mes (Ztr.), Verkehr: General Grüner (den Demo­kraten nahestehend), Arbeitsministerium: Braun /Ztr.), Reichsschatzministerium: v. Raumer (2. Vpt.). — Noch nicht endgültig besetzt ist das Reichs- wirtschaftsministerium. Wegen der lieber» nähme dieses Amtes sind Verhandlungen eingeleitet mit dem Vorsitzenden des vorläufigen Reichswirtschafts­rates Direklor Cremer und dem von der Entente aus seinem Wirkungskreis verwiesenen Oberbürger­meister G l ä s s i n g. Das Wiederaufban- Ministerium soll wie bisher unbesetzt bleiben und allmählich dem Reichswirtschaftsministerium wieder rngegliedert werden.

Schrrlkonferenz und Kulturfragen.

Die Erklärung in der auf der Reichsschulkonferenz die Forderungen des deutschen Episkopates zum Reli­gionsunterricht und zur konfessionellen Gestaltung des Schulwesens niedergelegt worden sind, hat folgenden Wortlaut:

1. Die Religion ist und muß bleiben die Grundlage aller Erziehung; von ihrem 'Geiste mutz der ganze Schulunterricht durchdrungen sein. Deshalb mutz die Beibehaltung des religiösen Bekenntnisunter­richtes wenigstens in dem bisherigen Umfange verlangt werden. Er muß Haupt- und Pflichtfach fein in allen Volksschulen, Fortbildungsschulen, Mittelschulen und höheren Lehranstalten.

2. Die notwendige Einheit der Erziehung in Fa­milie und Schule und deren Wirksamkeit erscheint nur gesichert in den konfessionellen Schulen, in denen Lehrer und Schuler auf demselben Glaubensgrunde stehen. Daher mutz die Einrichtung konfessioneller Schulen von. Staats wegen gewährleistet werden. Nach Möglichkeit ist auch der Aufbau der mittleren und höhe, ren Schulen auf der konfessionellen Grundschule kon­fessionell zu gestalten, ebenso die etwa einznrichten- den Hilf?-, Färber- und Begabtenklassen.

3. Wirklich konfessionelle Schulen find nur denkbar «nter Leitung von Lehrern, die kirchlich gläubig sind. _ Der Staat hat daher Gewähr dafür zu bieten, daß nur solche Lehrer in den Bekenntnisschulen angestellt werden.

4. Katholischen Schülern, die durch örtliche Verhält­nisse genötigt sind, rein weltliche Schulen oder Schulen rines anderen Erkenntnisses zu besuchen, ist wenigstens die Möglichkeit zu bieten, den kirchlich eingerichteten und durch öffentliche Beihilfen zu untersriitzenden Re- ligionsnnterricht zu besuchen«. Tiefer Besuch ist in wohlwollender Weise zu erleichtern.

Tie Vertreter deS kathol. Episkopat? in Deutschland:

Dr. non Hauck, Erzbischof von Bamberg. Dr. Berning. Bischof von Osnabrück.

Bei den Verhandlungen über dic Schulaufsicht wurden von den beiden Bischöfen folgende Erklärung abgegeben:

Im Namen des gesamten deutschen Episkopates habe ich folgende Erklärung zur Ziff. 11 der Leitsätze über Schulleitung und Schulverwaltung abzugeben: Die Auf­sicht über dic Schule und di« Lehrer steht im allgemeinen dem Staate zu. Jedoch unterliegt der Religionsnnlerrichk m der Schule, der nach Art. 149 der Reichsverfassung „in llebkreinstimmung mit den Grundsätzen der betr. Reli- Lioiisgesellschaft"' zu erteilen ist — unbeschadet der all­gemeinen, die äußere Ordnung betreffenden staatlichen Aufsicht _ der Aufsicht der Kirche, welche darüber wacht, daß der Unterricht nach der kirchl. Glaubens- und

Unpolitische Zeitkäufe.

Von Fritz Nienkemper.

Berlin, 22/Juni 1920.

Ich bin zu früh auf die Welt gekommen.

Einen Schul streik — wie gern hätte ich den >niterlebt als Junge. Jetzt kann ich nur den greisen Fuichaucr spielen. Damals war der Schulstrei! noch vicbt erfunden. Inzwischen ist das Streiken zum all- Sbmein üblichen Rüstzeug im öffentlichen Leben ge- worden. Lerne streiken, willst Du ivaS erreichen!

Ter große Schnlsrreik, der in Herne (Westfalen) "ungebrochen ist, hätte leicht verhütet werden können, wenn die Regierung den berechtigten Forderungen der Eäern alsbald cntgegengekommen lvärc. Die katholi­schen Eltern verlangen ja weiter nichts, als toas ihnen ftt>n Rechtswegen zusteht und durch das geltende Schul- Sefctz ausdrücklich verbrieft ist: daß ihre Kinder in der Acholischen Bolkssttmle durch katholische Lehr- rr®?Ie unterrichtest werden. Selbstverständlich können ^brer, die sich öffentlich für ungläubig erklären, "'cht mehr als „katholische Lehrkräfte" gelten. Sie für das Amt an einer katholischen Volks- lchvst nicht mehr geeignet. Tie Schulverwaltung mutzte a»a für Verletzung sorgen. Eine ganz einfache Sach. ‘°9e und Rechtslage, dic sich bei Verständnis und gu» .em willen im Handumdrehen regeln läßt. Es gibt 18 leicht Kampf ' rind Streit wenn bei Arbeitgebern uno Arbeitnehmern der Geldbeutel oder der Eigensinn !“s Spiel kommen. Hier aber handelte cs sich nur einen Entschluß der Regierung, die sich nichts zu Ergeben brauchte, wenn sie den Stein des Anstoßes "urch Versetzung der abgefallenen Lehrer wegräumte und den katholischen Eltern von Herne das gab, was ,7^" durch Gesetz verbrieft ist, nämlich wirklich katho- ' "ehrer für ihre' Kinder.

'.arum kam man nickst rechtzeitig zu dem vernünf- Mn Entschluß? Offenbar! haben die betreffenden r'-'otntcn gedacht, die Sache sei nicht so ernst und nicht L» ..^"lllich. Tie Katholiken oelten jaj als geduldige te ■ die werden sich schon beruhigen, wenn man ihnen gg, «e »Untersuchung" in Aussicht stellt, wenn auch die

Sittenlehre erteilt wird und daß die Kinder zur religiösen Betätigung angeleitet werden. Die Kirche übt diese Aus­sicht durch die von ihr bestellten und vom Staate zu- zulaffenden Organe aus. Dieser berechtigte Einfluß der Kirche auf die Schulaufsicht ist durch Vereinbarung zwi­schen Staat und Kirche sicherzustellen.

Die Frage der Entwaffnung.

Es sind in Berlin zweiNoten eingegangen, eine vom Präsidenten der Friedenskonferenz und eine vom Obersten Rat, die eine Ergänzung der ersten Note ist. Die Noten beschäftigen sich mit der Ent- toassnung. Grundsätzlich wird die Verminderung des Heeres auf 100 000 Mann gefordert, aber eine lokal organisierte Polizei zugestanden.

Die englische Arbeiterpartei fordert die Revision des Versailler Derlrages.

Die englische Arbeiterpartei erklärte auf ihrer Jah­resversammlung, daß alle bisher getätigten Friedens­schlüsse eine bedeutsame Verletzung nicht nur jener Zwecke, für welche die Alliierten in den Krieg eintraten, bedeuten, sondern auch eine Verletzung der Bedin­gungen, unter welchen der Waffenstillstand abgeschlossen worden sei. Demnach fordert die englische Arbeiterpartei di? sofortige Revision aller Frie» densschlLsse, damit diese mit dem Wassenstill- standsvertrag in Einklang gebracht werden können. Cie fordert ebenso, daß die Wtedergutmachungskommission Maßnahmen treffe, um ein Zusammenarbeiten zu er» möglichen, und daß sie ihre Aufgabe nicht darin er­kenne, irgend eines der besiegten Völker verarmen zu lassen. Die Resolution fordert endlich die alliierten ^Regierungen auf, daß sie das gegenwärtige Ruß­land anerkennen, daß sie sich jedes Angriffes auf Rußland enthalten und daß sie mit allen mög­lichen Mitteln die freie Entwicklung der natürlichen Hilfsquellen Rußlands fördern mögen.

Zur Abstimmung der Ostmark.

Die Beförderung der Abstimmungsberechtigten nach Ost- und Westprcußen hat bereits begonnen. Rund 5000 Reifenden wird Gelegenheit gegeben, mit den Zügen des öffentlichen Verkehrs in die Heimat zu reifen, bevor der Haupttransport durch Sonderzüge einsetzt. Der Haupt­transport wird zum Teil über See geleitet, zum Teil soll er durch den polnischen Korridor über Land gehen. Aus dem Seewege werden rund 50 000 Abstimmungsbe­rechtigte befördert, die in 67 Sonderzügen aus allen Tei­len des Reiches bis Swinemünde oder Stolpmünde ge­fahren werden. Von dort geht die Reife zu Schiff bis Pillau, wo die Verteilrmg der Reifenden auf die Eistn- bahnzügc erfolgt, die jeden bis zur nächsten Bahnstation bei dem Abstimmungsorte befördern. Aus dem Land­wege können in 63 Sonderzügen, die sich auf neun Tage verteilen, aus dem Reichsinnern bis ins Abstimmungsge­biet rund 50 000 Stimmberechtigte befördert werden. Es können — vorausgesetzt, daß der polnische Korridor uns in dem neuerdings zugesagten Umsang für den Eisenbahn­verkehr zur Verfügung steht — insgesamt 130 000 Stimm­berechtigte, die nicht im Abstimmungsgebiete wohnen, zur Abstimmung herangefübrt werden. Die Zahl der über­haupt ermittelten Stimmberechtigten Ost- und Wesipreu- ßens beträgt rund 185 000,

Im einzelnen sei zu den Transportfragen noch folgendes bemerkt: Die Fahrkosten werden den Stimmberech­tigten vom Deutschen Schutzbund ersetzt, für die Sand er­zöge und für die Dampferfahrten werden besondere Frei- fahrscheine ausgegeben, die der Deutsche Schutzbund aus den Mitteln der Grenz-Spende zu bezahlen hat. Der erste Sonderzug nach Swinemünde verläßt Berlin vom Stettiner Bahnhof am 30. Juni um 11,20 abends. Reisende, die mit diesem Zuge fahren, treten am 21. Juli die Rückfahrt an. Alle übrigen Reisenden zur See ver­bleiben nur volle 8 Tage im Abstimmungsgebiet, sie wer­den um so früher zurückbefövdert, je früher sie die Hin­reise angelreten Haven. Die Reifenden, die durch den polnischen Korridor fahren, haben 9 volle Tage — ohne Reisetage gerechnet — Aufenthalt in der Heimat. Wer mit dem Haupttransporte hingefahren ist, fall erst nach dem Haripuransvorte zrrrückkehren.

Es werden Wagen drirter Klaffe, in jedem Zug aber zehn bis 14 Abteile zweiter Klaffe, verwendet. Die zweite Wagenklasse ist für alte, kranke und gebrechliche Reifende bestimmt. Die Eifsnbahnbediensteten haben den Absiirn- mungsrcifcnben auf den Bahnhöfen und in den Zögen in Nnterßichung lange dauert und schließlich nichts Ern­stes dabei herauskommt. Das ist gerade der bedenkliche 3ug ter modernen Zeit: Wer artig seine Bitic vor­bringt, wird nicht beachtet; er mutz erst mit der Faust auf den Tisch schlagen, um Respekt zu gewinnen. Früher machte man eine Petition: jetzt mutz cS zum mindesten eine Demonstration sein. Als torrSamitc Demonstra­tion gilt der Streik. Wenn die Masse streikt, so sieht man auf ter Gegenseite ein, daß es den Leuten ernst ist, imb wenn der Streik anbauert, so kommt man all­mählich zu bei Erkenntnis, cs müsse doch etwas ge­schehen, um die Sache wieder ins Lot zu bringen. Wenn der Streik ausgebrochen ist, sängt man an zu verhandeln. Eigentlich könnten die Vertreter der bei­den Parteien ganz gut ihre Verhandlungen pflegen, ehe die Arbciisstörung erfolgt ist. Aber sie kommen nicht dazu, folange ihnen nicht der Streik sozusagen den Sporn' in die Rippen setzt. Zureden verhallt; der Streik hat Gewalt.

Aus dieser modernen Sitte (ober Unsitte) haben die katholischen Eltern von Herne die Nutzanwendung gezogen. Sie zeigen durch die Tat, daß sic ihr Recht durckkämpfen wollen. Wenn dic sog. katholische Volks­schule der Tummelplatz für glaubensfeindliche Lehrer bleiben soll, so schicken wir einfach unsere Kinder nickst mehr in diesen gesetzwidrigen und seclleugefährlichen Unterrichtsbeiri eb. Sollen die ungläubigen Seiner durchaus weiter dozieren, so mögen sie es vor leeren Bänken tun. Die Kinder bleiben zu Hause und wenn sie dabei etwas Schulkenntnisse in den welilichen Fä­chern einbützen, so leiden sie doch keinen Sck-adcn an ihrer Seele und gewinnen sogar an Charakterbildung.

Ter Herr Unterrichtsminister Haenisch ist klug ge­nug, daß er von Polizeistrafen gegen die streikenden Eltern absehen will; aber er droht den Eltern mit der »Gefahr einer Nichtversetzung der Kinder". Als ob das „Versetzen" in eine folgende Kjasfe so wesenl- lich wäre! Und tote will man baz „Slichiverfetzen" überhaupt durchführen, toenn die ganze Klaffe ge­streikt hat? Tann würbe ja eine Obcrklassc leer blei­ben müssen. Es kommt nicht auf die Versetzung der Swüler an, sondern auf die Versetzung der anstößigen Lehrer.

jeder nur möglichen Weise helfend mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Auf einer Anzahl von Einsteigestattonen und einer Reihe von Zwischenstationen werden die Rei­senden durch besondere Stellen des Deutschen Schutzbundes verpflegt werden.

Vorbereitungen für neuen Generalstreik.

Der „Bayerische Kurier" veröffentlicht einen ihm zugeflogenen Bericht über eine Geheim sitzung bet Kommission A bet Unabhängigen, bie am 20, Juni in München stattfand. Der Botfitzcnde be­zeichnete es als Aufgabe dieser Kommission, die Vor- bereitungeii für den Generalstreik zu treffen, von dem man nicht wisse, wann er komme, aber bestimmt wisse, daß er unter allen Umständen kommen werde. Bstchr- heitssozicrlisten, Kommunisten und Unabhängige hätten, um möglichst einer Bespitzelung dorzubeugen getrennte Genetalstreikleitungen.

Der Genosse Stenina führte u. a. aus: Die U. S. P. muffe älz stärkste Organisation die Leitung in die Hand nehmen. Ganz Deutschland fei in Kresie ge­teilt denn in ganz Deutschland werde die gleiche Or­ganisation geschaffen. Die Streikleitungen der einzel- ncit Parteien arbeiten scheinbar gesondert. Die erste imb Hauptaufgabe fccr einzelnen Ortsgruppen fei bie restlose Stillegung der Betriebe. Unterschiebe zio-ischen sog/ lebe nStoieffti gen Betrieben und anderen Wörden nicht geduldet. Von allen Ma­schinen seien notwendige, schwer zu beschaftende Teile zu entfernen. Es muß alles so vorbereitet werden, daß die Arbeiter nicht mehr arbeiten können, selbst toenn sie es lvollten. Die Eisenbahner garantie­ren dafür daß von dem. Augenblick der Proklamaiion des Generalstreiks an keine Maschine mehr den Schup­pen verläßt. Das Fahrpersonal könnte höchstens noch ein paar Tage Dienst tun. Tie Angestellten der Elektrizitätswerke und bet Wasserwerke verpflichten sich, dafür Sorge zu tragen, daß auch keine tcch- nifche Nothilfe mehr etwas ausrichten kann. Diese sei mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen. In dem Augenblick der Proklamation des Stveiks müsse auch die Entwaffnung der Einwohnerwehren ein;eben. Dies fei die Auf­gabe der Kommifsion B.

Die Einwohnerwehr könnte im ersten Augenblick leicht überrumpelt werden. Nur zu fluchten sei di« Reichs­wehr. Ein Glück sei es, daß ihre Verringerung auf 100 000 Manu toisicher sei. Bon den Unabhängigen wür­den nur erprobte Leute bewaffnet. Alles sei gut organi­siert. Nach Proklamation des Generalstreikes werde die Strfitleitung sich ’ofort unsichtbar machen. Sie stehe mit der Außenwelt nur durch Kuriere in Ver­bindung. Es handele sich diesmal um den Entscheidungs- tampf. Wenn diesmal las Proletariat unterliege, dann fei es erledigt. So weit der Genoss« Liening.

In der Diskussion wies ein Genosse auf die Gefahr der Stillegung der Wasserwerke für Mütter, Säugling« und Kranken hin, woraus der Vorsitzende faltblütig er­klärt, ein paar Tausend Menschenleben spielten beim Endkampse des Proletariats keine Rolle.

Soweit die Mitteilungen aus der Münchener Ge- heimsitzung, von denen der „Bayrische Kurier" sagt, daß er sie jederzeit durch Nürnberger Nachrichten er­gänzen könne. Das Blatt kündigt an, daß es dem­nächst auch noch einiges über die Kommission B ver­öffentlichen werde. Der „Bayrische Kurier" empfiehlt feine Mitteilungen dem Studium und meint, der Be­richt könnte auch von einem bayrischen Vertreter nach Spaa mitgenommen werden, denn aus ihm fei zu er­sehen, daß kein Heer von hunderttausend Mann helfe, kaum von zweihunderttausend Mann; dagegen brauche man die strenge Zucht einer allgemeinen Wehrpflicht.

Das Ziel der Unabhängigen und der Kommunisten und in beider Schlepptau auch der Mehrheitssozialisten, wenigstens in Bayern, ist ein Gewaltstoß von einer bisher ungewohnten Stärke. Die Absicht, auch die lebenswichtigen Betriebe, alle Wasser-, Gas- und Elek­trizitätswerke lahmzulegen, weist darauf hin, daß man entschlossen ist, rücksichtslos aufs Ganze zu gehen. Die Durchführung des verbrecherischen Planes soll mit Hilfe der Sabotage, der Zerstörung von Maschinen und Werkstätteneinrichtungen gewährleistet werden. Daß dadurch namenloses Elend über das ganze Volk und über die Arbeiter selbst gebracht wird, stört die geistigen Treiber nicht im geringsten. In ihrer em­pörenden Rücksichtslosigkeit scheuen sie sich nicht, es

Der Herr Minister läßt ferner erklären, er muffe wegen des „Anfehens der Staatsgewalt" baraitf bestehen, baß erst bie Eltern ben Streik ab- brechen, ehe er weitere Schritte tun könnte. Mit einem Male rnirb bie „Staatsgewalt" tote ein Geßlerhut auf- gerichtet, unb biefelbc Staatsgewalt Hal schon mehr­fach mit streikenden Beamten imb Angestellten in ihren eigenen Betrieben verhanbclt, ehe bie Arbeit Itriebe« aufgenommen war. Warum so diktatorisch gegenüber ben katholischen Eltern biie doch nicht in Amt unb Amt unb Lohn bes Staates stehen, sonbern einfach von ihrem natürlichen unb berbrieften Recht Gebrauch machen?

Grundfalsch ist trie halbcrmliche Behauptung daß bie Eltern bcshalb streikten, weil die betreffenden Lehrer bie weitere Erteilung des Religionsunterrichts abgelehnt hätten. Nein, biese Ablehnung hat nicht bas Glas zum Ueberlaufen gebracht, vielmehr baS was bie betreffenden Lehrer getan haben: nämlich die öffent« licke Bekundung ihrer gtaukicnsfeindlicheri Gesinnung durch Wort und Tat.

Ter Minifier will auch eine „Untersuchung" ver­anstalten („sofort nach Abschluß beg Schulstreiks"); aber er schränkt mit bezeichnenber Umsicht bie Unter­suchung ein, indem er sie auf anstößige Aeußerungcn im Schulunterricht begrenzt. Als ob es bie Eltern gar nichts an ging, was iric Lehrer, denen sic ihre Kinder zur Erziehung anvecirauen sollen, außer­halb des Schulbetriebes sagen unb tun! Taz will ber Minister nicht unter suchen sonbern nur mit einer sehr verklausulierten Ermahnung abtun. Tie Lehrer sollen „die bewältigten Gefühle Andersdenkender mög- lickist rücksichtsvoll schonen". Das ist in Herne nicht geschehen, und toenn die Urheber des Aergerniffes doch in Amt und Würden an der katholischen Schule bleiben, so ist die Mahnung des Ministers „möglichst" wertlos.

Schon das Wort „Andersdenkende" ist bezeichnend genug. Sichert sich bie Eltern ber Kinder und die Lehrer derselben Kinder als „Andersdenkende" ein­ander gegenüber, fo ift dic ganze Erziehung ditrcb Ritz unb Zwiespalt geschädigt. Wem gehören denn bie Kin­der eigentlich: den Eltern, bie sie in bie Welt gesetzt

auszusprechen, daß es ihnen auf ein paar tau­send Menschen nicht an kommt. Die Oef- fenttichkeit sieht, was sich da Uobles zusammenbraut. Müssen wir das alles geduldig über uns ergehen las­sen? Die Reichsregierung hat dafür zu sorgen, daß dieser Gesellschaft das Handwerk gelegt wird.

Aus Sem desetzten Gebiet.

* Der Steuerabzug im besetzten Gebiet. Ter Reichskommissar für die besetzten Gebiete teilt mit, daß die Rheinlandkommission gestern beschlossen hat, keine Einwendungen gegen die Anwendung der Vorschrift über den lOprozentigen Abzug der Einkommensteuer am Arbeitslohn zu wachen. Der lOprozentige Abzug wird also im besetzten Gebie; rechtskräftig erfolgen.

Deutscher Reichstag.

Der erste deutsche Reichstag seit ber Revolution ist am Donnerstag zusammengetreten. Diese Sitzung beschränkte sich auf den Namensaufruf der Mitglieder des Han­fes, bie fast vollzählig anwesend waren. Wohl noch nie zuvor hat es im Reichstag ein so voll besetztes Haus ge­geben.

Die Sitzung selbst bot naturgemäß nichts bemerkens­wertes, desto lebhafter wurde sowohl vor ber Sitzung als auch während derselben und nach ihr bie lebhafte Frag« ber Regierungsbildung von allen Seiten erörtert. Indefsen konnte noch nichts Tatsächliches über den weiteren Verlaus ber Verhandlungen, die zwischen ben Vertrauensmännern der Parteien und dem Reichskanzler geführt werden, fest- gestellt werden. Nur soviel ist sicher, daß die Verhand­lungen einen guten Verlauf nehmen unb bie, bestimmt« Hoffnung auf baldige Lösung ber Krisis rcchtfeftigcn. Am Freitag wird der Reichstag bie Wahl bes Präsidiums vor­nehmen. Diese wirb keinerlei Ueberraschungen bringen, da nach den Vorschlägen der in Betracht kommenden Par­teien die Namen bereits feststehen.

Preußische Landesversammlung.

„Saum gedacht, ward der Lust ein End gemacht!" Nach nur zwei kurzen Sitzungen hat sich die preußische Landes­versammlung bereits wieder vertagt. Man will vor In­angriffnahme größerer Arbeiten, vornehmlich ber großen politischen Aussprache, die Entwicklung int Reich abwar­ten und glaubt, daß bis zum 5. Juli bie Dinge sich geklärt hoben. An diesem Tag« wird also die Landesoersomm- lung erst wieder zusammentreten.

Die Donnerstagsitzung mar ebenso wie die des Mitt­woch nur von kurzer Dauer, da nur kleine Vorlagen zur Beratung standen. Zunächst wurde ein Antrag auf Ein­stellung eines gegen den Abg. Kilian (Unabh.) schwebenden Strafoersahrens und Hastentlasiung gegen die Stimmen beider Rechten angenommen. Der Abg. Kilian, der an die Stelle des erkrankten Abg, Hennig treten soll, verbüßt zur Zeit eine gegen ihn wegen politischer Delikte erkannten Gefängnisstrafe von 3 Jahren.

Ein Gesetzentwurf zur Ergänzung des Gesetzes betr. di« vorläufige Regelung des Staatshaus­halts für das Rechnungsjahr 1920, vom 1. Mai 1920, wird ohne Debatte angenommen.

Es folgt der Antrag des Verfaffungsausschuffes auf Abänderung der Reichsverfassung über die preußischen Stimmen i m Reichsrat. Der Antrag bezweckt bie Verlängerung ber in ber Verfassung gegebenen Fristbe­stimmung für die Ernennung der Reichsratsmitglieder, da­mit die Neuregelung ber Verhältnisse ber Provinzialoer- roaltungen berücksichtigt werden kann. Der Antrag wird gegen einige Stimmen der Demokraten angenommen Damit ist die Sitzung beendet.

Deutsches Reich.

** . erlitt, 24. Juni. Von der französischen Negierung ist als Botschafter in Berlin der Ehren­präsident des Rechnungshofes Charles Laurent in Aussicht genommen — Die Zentrumsabg. Fräulein Dransfeld hat ihr Mandat in der preußischen Landesversammluug niedergelegt. — Ser_ bekannte Berliner Vertreter der Franks. Zig., A n g u st Stein, ist in den Ruhestand getreten. Er vertrat die Zei­tung seit 37 Jahren. Die Leiiung der Berliner Denretung der „Franksurler Zeitung" übernimmt Herr Dr. B. Guttmann.

und aufgezogen haben, oder bem Lehrer, ber in ein Amt cm der katholischen Schule berufen worben ist, auf Grund eines Taufscheines, den er inzwischen ver­leugnet hat?

Ehr« imb Lob bem braven Lehrer, der getreu seinem Bekenntnisse in Einklang mit den christlichen Eltern die Kinder erzieht! Und Geistessreiheit sei allen ge­gönnt, die sich einer anderen Weltanschauung zürnen­den. Sie sollen aber auch das Getoiffen ber Eltern respektieren unb nicht verlangen, daß man ihnen in katholischen Schulen katholische Kinderseelen ausliefert, nachdem sie erklärtermaßen ungläubig geworden sind.

Der Schulstreik ist kein angenehmer Ztoifchenfall; aber er bringt doch eine heilsame Klärung in diese Zeit der Vorbereitung für bie Schulgesetzgebung. Er zeigt, daß die christlichen Eltern nicht mit sich spotten lassen. Er stellt das Elternrecht auf den Leuchter-^ Ein Warnungsfignal für alle, die noch Sinn für ben" - inneren Friebcn unb bie ruhige Entwicklung haben.

Wenn sich eine „aufgeklärte" Mehrheit im Reichstage ober im Sanbtage findet, fo ist damit di- Sache keines­wegs abgemacht. Das Gewissen der katholischen Eltern muß respektiert werden, sonst kommen ihre Kinder nickt in bie glaubenögcfährlichen Schulen I

J,u bem Kulturkampf ber siebziger Jahre, _unter Bismarck und Falk, geb es auch schon eine Art Streik. Tie „Staatsgeivalt", um mit Haenisch zu reden, setzte damals Stäatsgeistli'che ein, und die mußten vor leeren Bänken ihren sog. Gottesdienst halten. Tas katholische Volk boykottierte diese kirchenseindlichen Eindringlinge- Es fetette keine Mühen und keine Kosten unb auch keine Strafen, um den Beistand von glaubenstreuen Geistlichen zu erlangen, imb behalf sich im Notfälle mit Privalanbacht und Laicngottesbicnst. Bismarck mußte einlenken, ehe der „Abbruch bes Streiks" erreicht war. Wer jetzt auf einen neuen Kulturkampf im Schul» wesen hmarveitet der follte erst die Ersahrungen aus ben siebziger Jahren studieren. Er wird vorsichtig sein 'toenu er nicht ettoa den Größenwahn hat, noch mehr erreichen zu können, als damals der sieggekrönte und anscheinend allmächtige Bismarck. An der Phalaw ber katholischen Eltern toirb ber Versuch scheitern, un- fere Kinder in glaubensfeinbliche Schulen zu zwingen