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Fuldaer Zeitung

Nr. 142.

Dienstag, 22. Auni 1920

“ für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fu ldaer Zeitung.

Verantwortlich für den redattionellen Teil: Carl Schütte, “ für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei

Bezugspreis: Monatlich 2,00Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 2,10 Mk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmatz) 50 Pfg„ u. 10°)o Zuschlag, die Reklamezeile (Textbreitr) 1.50 Mk., u. 10°/« Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

47. Zahrg.

Reichskanzler Fehrenbach,

Das neue Rerchskabinelt.

Die Demokraten haben am Montag vormittag noch­mals in ihrer Fraktionssitzung Stellung zur Regie­rungsbildung genommen und sich endgültig zum Beitritt zur Regierung entschlossen. Präsident Fehrenbach hat darauf vom Reichspräsident Ebert das Amt des Reichskanzlers endgültig angeboten er­halten und er hat seine Stellung angetreten. Die Kabinettsbildung kann als vollkommen gesichert angesehen werden, sodaß das neue Kabinett in allerkürzester Zeit gebildet sein wird. Nur über die Besetzung einiger Aemter ist Endgültiges noch nicht entschieden, weil die für diese Posten in Betracht kom­menden Persönlichkeiten chre Zustimmung noch nicht gegeben haben.

Wie verlautet, werden vom Zentrum die Minister Dr. Wirth (Finanzen), Giesberts (Post) und Hermes (Ernährung) chre Aemter behalten. Die Deutsche Volkspartei wird Dr. Heinze (Justiz) und den Abg. Dr. Becker (Reichsschatz) zur Verfügung (täten. Die demokratischen Minister Koch (Inneres) und Geßler (Reichswehr) werden im Amte bleiben. Don anderer Seite.wird als künftiger Reichsschatz­minister von Kardorff (Deutsche Volkspartei) genannt. Die Besetzung des Neichsverkchrsministeriums ist noch nicht endgültig entschieden, ebenso die Besetzung des Mrtschaflsmimsteriums und des Arbeüsministeriums. Für das letztere kommt ein Vertreter der christlichen Gewerkschaften in Frage. Das Mederaufbauministe- rium wird aller Voraussicht nach mit einem anderen Ministerium verbunden werden. An die Errichtung eines besonderen Ministeriums ohne Portefeuille, wie es im alten Kabinett der Minister David inne hatte, denkt der Reichskanzler Fehrenbach nicht. Das Aus­wärtige Amt, besten Besetzung von allen Parteien durch einen Fachmann als bringend erwünscht bezeichnet war- den ist, wird durch den Geheimrat Simons besetzt, der bereits bisher im Auswärtigen Amt tätig war und durch seine Teilnahme an den Versailler Verhand­lungen sich einen Namen gemocht hat.

Dir Einigungsformel.

Wie das „Berl. Tgbl." hört, haben sich die De­mokratische Partei, die Deutsche Volkspartei und das Zentrum in der gestrigen Besprechung beim Präsiden- ten Fehrenbach auf folgende Formel geeinigt:

„Die erste Sorge der Regierung sei der Wieder­aufbau Deutschlands und die Regierung sei be­strebt, diesen aus dem Boden der bestehenden republikanischen Staatsordnung zu voll­ziehen."

Eine solche Formel war nötig geworden, nachdem bekanntlich zwischen der deutschen Volkspartei und den Demokraten eine gewisse Mißhelligkeit über die Stel­lung zur Republik sich ergeben hatte. Die Demokra­ten hatte sich darauf versteift, daß die Deutsche Dolks- partei eine Art republikanischen Treueides ablegen müsse, und die letztere Fraktton sträubte sich gegen ein „Opfer des Intellekts", das von den' Gegnern oder einem Teil ihrer Wähler als unwürdig betrachtet wer­den könnte. Vom Standpunkt der praktischen Politik erschien diese Häkelei eigentlich als überflüssig; benn nach Lage der Mnge ist in absehbarer Zeit eine Wie­derherstellung der Monarchie offenbar unmöglich, so daß die bezüglichen Herzenswünsche keinen Wert ha­ben. Wer nachdem diese staatsrechtliche Ketzerriecherei emgeleitet war, mußte man eine Formel der Ver­ständigung finden. Schon aus Rücksicht auf das Ausland; denn die unversöhnlichen Verfolger Deutschlands arbeiten mit dem Schreckgespenst, daß Deutschland auf eine Wiederherstellung der Monarchie und die Vorbereitung eines Rachekrieges hinarbeite, weswegen es mit aller Macht ausgebeutet und ge­knechtet werden müsse. Und gerade die Deutsche Volkspartei war als verdächtig in dieser Hinsicht hin-

Zordernde Liebe.

Roman von Erich Ebenstein.

52] ----------

„Also in Gottesnamen. Vorausgesetzt, daß mix nichts dazwischen kommt."

„Du bist ein Engel, Dana! "

Isolde umarmte die Schwester stürmisch. Dann schärfte sie ihr noch ein: „Also SamKtag nach Tisch, Tisch, Punkt drei Uhr." „

„Fahren wir per Bahn oder mit Deinem Auto?

»Letzteres keinesfalls. £$> per Bahn, weiß ich »och nicht."

Isolde log abermals. Sie wußte ganz genau, daß Dallariva sie mit einem Mietauto abholen würde. Sie hatten dies bereits verabredet. Ihr eigenes Auto toollie sie nicht benutzen weil es gar nicht notwendig bar, daß der Chauffeur'den Airfpaster machte bei ihrer Versöhnung mit Dallariva. Die Leute tuschelten ohne- schon über ihre Beziehungen zu ihm . . ,

17.

Wera war in der Tat mehr bei Meister? daheim, ti? in ihrem Elternhaus. Me Vorstellungen der Hof- t®hn blieben dagegen wirkungslos.

-Laß mich zufrieden, Mama, ich kann nicht an. "et?, war ihre ständige Antwort auf Bitten und Vorwürfe.

, »Aber es ist auffallend und ungewöhnlich, daß Du Dich in dieser Weise an ganz ffemde Leute attachierst, We die Hofrätin. „Und alles Ungewöhnliche ist auch fassend."

Sie beruhigte sich erst, als Thalwann Weras Partei ?SrifT und von einem „hochherzig erfaßten grandw- fai Werk selbstverleugnender Barmherzigkeit IPrach, T08 Fräulein Wera in den Augen aller billig denken­den Menschen nur ehrliche Bewunderung eintragen könne.

Von da an legte sie Dera keine Hindernisse, mehr r1 den Weg Wenn Thalwann die Sache s o auffaßte, 005111 in Gottesnamen!

Indessen veränderte sich Wiera immer mehr in die- IF1 letzten Wochen. Sie wurde blaß und eine fremde ^uh- verdrängte mehr und mehr die heitere, ruhige ^ssercheit., welche ihr Wiesen sicher Lusgezcrchnet

gestellt worden; deshalb mußte etwas geschehen, um den Franzosen und ihren Genosten den Vorwand zu entziehen, daß die neue Regierung wegen ihres nationalliberalen Einschlages verhandlungsfähig fei.

Die gefundene Formel genügt für alle Bedürfnisse der innerpolittschen Geschäftsführung vollkommen. Hoffentlich auch für die Aufklärung des Aus lau- des, soweit sich dasselbe überzeugen lasten will.

Das Vaterland über der Partei.

In der fortschrittlichen Presse finden wir Lob­gesänge über den Opfermut der demokratischen Partei, die angeblich wie ein Winkelried sich die um, hie Rettung Deutschlands verdient gemacht hat. Es würde für den Frieden und den Wiederaufbau nicht förderlich sein, wenn wir an dieser Selbstoerherrlichung Kritik üben wollten. Gehen wir lieber über die alten und neuen Zwischenfälle der Vergangenheit zur Tagesordnung über und warten ab, wie sich die Demokraten und die Deutsche Volkspartei in der neuen Arbeitsgemeinschaft bewähren. Mit guten Taten läßt sich alles aus­gleichen und reiches Lob verdienen.

Unsererseits aber dürfen wir mit Fug und Recht hervorheben, daß die Zentrumspartei vor allem das Lob des Wagemutes und der Opferwilligkett ver­dient. Das Zentrum ist in die Bresche gesprungen, als die anderen Parteien sich zurückhielten ober zum Teil nach einem ersten Anlauf sich wieder zurückzogen. T r i m b o r n hat mit ebenso viel Geschick als Zähig- keft die verworrenen Fäden entwirrt, geordnet und für das neue Gewebe brauchbar gemacht. Das Zen- ttum hat in Fehrettbach den tüchtigen Mann ge­stellt, der besser als irgend ein anderer geeignet ist, um den Webstuhl in Gang zu bringen und zu erhalten.

Nun trägt die neue Regierung den Namen eines Zentrumsmannes an ihrer Spitze. Die Zentrums­partei ist auch die stärkste Fraktton in der Arbeits­gemeinschaft der mittleren Parteien. Daher wird für alles, was gelingt ober nicht gelingt, das Zentrum in erster Linie verantwortlich gemacht werden. Das ist unter den ungeheuren schwierigen Verhält- niffen eine drückede Belastung und unter Umständen eine Gefahr für die Partei.

Darüber täuschen wir uns nicht, aber mir sagen: Das Vaterland muß gerettet werden, mag es kosten, was es will!

Boulogire.

35 Jahre Schuldknechtschaft.

Auf der Konferenz in Voulogne verhandelte matt gestern über die deutsche Entschädigungssumme und die Entwaffnung Deutschlands. In Bezug aus die Ent­schädigungssumme wurden die Finanzsachverständigen beauftragt, die früheren Entwürfe zu prüfen und vor- Megen. Marschall Fach und Marschall Wilson als militärische Sachverständige sollen den Entwurf einer Note an Deutschland betreffend die Entwaffnung vor­bereiten.

Nach der Londoner Times wird man 35 Jahres- Zahlungen für die deutfche Kriegserttfchädigung Vor­schlägen mit einem jährlichen Mindestbetrag von 3 Milliarden. Wenn aber Deutschland leistungsfähiger würde, soll die Jahresleistung erhöht werden. Auf diese Regelung, die es den Feinden freistellt, uns stets wieder stärker zu knebeln, wenn wir anfangen wollen aufzuatmen, wird sich Deutschland nicht einlassen kön­nen. Bisher war man in England für gleichbleibende Jahresraten. In Italien steht man noch auf dem­selben Standpunkt. Dort verlangt man auch, daß die Entschädigung sich in vernünftigen Grenzen halte und die Zahlungsfristen nicht zu lange ausgedehnt würden.

Vertretertag der katholischen Vereine Deutschlands.

— Köln, 18. Juni. Das Zentralkomi tee für die General-Versammlungen der

Der Hoffat bemerkte dies zuerst, und einmal, als Wera abends wieder für ein Mertelstündchen zu ihm in sein Arbeitskabinett geschlüpft war, entschloß er sich, offen mit ihr darüber zu spechen.

„Alles gut und schön, mein Eichkätzchen," sagte er, ich begreife ja, daß Du bei Deinem idealen Sinn Freundschaft nicht als ein» leeres Wort auffaßt, son­dern es in Taten umsetzt. Wer sieh — Du wirst mir blaß und mager darüber, dies gefällt mir gar nicht! Mutest Du Dir nicht zuviel zu? Wie ich aus Deinen eigenen Worten entnahm, bist Du bei Weisters sozusagen Mädchen für alles. Du führst den Haus­halt, pflegst Dein« Freundin, bist ihres Mannes lite- rcnnscher Beirat und all dies, als wäre es Deine Pflicht . . .1"

„Es ist meine Pflicht, Papa," murmelte Wera, an ihm vorübersehend, unruhig. „Sie brauchen mich' Du hast keine Ahnung, tote unpraktisch sie beide sind. Einzig in seinem Beruf ist Roland v. Meister tüchtig. Sonst, — im Leben — ist er wie ein Kind . . ."

Sie starrte abwesend vor sich hin.

„Na, erlaube, dafür kannst aber doch Du nichts! Sie haben Eltern —"

„Lou verträgt sich nicht mit ihnen, und ihr Mann hält zu ihr, obwohl er sehr unter dem Zerwürfnis mit den Eltern leidet. Seit er den „Samson" schreibt, will der General schon gar nichts von seinem Sohn wissen."

„Hm — ist das Stück schlecht?"

„Fm Gegenteil. Es ist prachtvoll! Ein Stück voll Kraft und hinreißender Schönheit, das gewiß seinen Wog durch die Welt machen wird. Aber der General glaubt nicht daran. Er stößt sich an einzelne Weinig­keiten, weil sie antimilitarffttsch sind! Samson ist näm­lich nicht als kriegerischer Held gedacht. Die rohe Kraft wird verpönt! Er ist unbesieglich vermöge seiner geistigen Kraft, die wie Sturmgetoitter über di« Mas- sen hinbraust und sie besiegt. Erst als sich ihm die Gemeinheit in verführerischem Gewand zugesellt und, einen Augenblick Macht über ihn gewinnend, die gött- liche Lockenpracht vaubt, muß. er erliegen. Der starke Leib, die Waffen — alles ist ihm äußerlich geblieben, aber der Geist fehlt, der sie lenkte und beherrschte."

Halmenschlag nickte beifällig.

„Ein großerdachter Entwurf! Und er flqäCt Dir?"

„ßtetoijß, Mpal ----

Katholiken Deutschlands hielt unter dem Vorsitz seines stellvertretenden Vorsitzenden, pursten Alois zu Loewenstein, eine Sitzung ab, die der Bern, tung über eine größere Tagung der Katholiken ^-euffch- larids im Herbst dieses Jahres gewidmet war.

Es wurde der Beschluß gefaßt, zwar nicht einen allgemeinen Katholikentag einzuberufen, wen die gegenwärtigen Zeiten ihn noch nicht ermöglichen. WM aber soll ein „V e r t r e t e r t ag der katho­lischen Vereine Deutschlands" stattfinden, der am Dienstag und Mittwoch, 14. und 16. Sep­tember d. I. in Würzburg zusammenkommen ttftdx Die Stadt Würzburg wurde gewählt, weil sie im wesentlichen einen für alle Vereine vom Norden und Süden. Osten> und Westen gut erreichbaren Mittel- punkt bildet. Als Universitätsstadt verfügt sie auch ge­rade in dem Ferienmonat September über die notwen­dige Wohnungsmöglichkeit für die Vertreter, deren je­der Verein 2—4 zu entsenden eingeladen wird.

Desgleichen werden auch die Diözesan-Vertreter der seit 1918 eingerichteten Einzel-Katholikentage in den verschiedenen Landesteilen Deutschlands bei dieser Ge­legenheit zusammenkommen, um über die mit den Lan­destagungen gemachten Erfahrungen sich zu besprechen. Es ist ferner geplant, am Nachmittag des zweiten Ta­ges also am 15. September, eine öffentliche Katholi- ken-Versammlung zu veranstalten, nach Art der früher auf den Katholikentagen stets üblichen „öffentlichen Versammlungen", mit 3 Reden, zu der die Katholiken Würzhurgs' und der weiteren Umgebustz erngeljaden werden.. (Alle Anfragen sind zu richten an das Ge­neralsekretariat des 'Zentralkomitees, Münster i. W.. Krummertimpen 1.)

Der Volksverein für das kathol. Deuffchland bieabsichttgt, seine diesjährige Gsneral-Veirsammlung mit diesem Vertretertag zusammen zu legen.

Die ganze Veranstaltung wird zweifellos innerhalb de!r sämtlichen kathol. Organisationen Deutschlands freudig begrüßt und als notwendig empftmden werden. In ihrem Kerngedanken kehrt sie zu den Anfängen der Katholikentage zurück, die zuerst durch lange Fahre nur die Vertretung der sämflichen katholischen Vereine zusammen beriefen.

Aus dem besetzten Gebiet.

Der Protesfftteik in Ludwigshafen hat nach 24stün- Äiger Dauer ausgehört. Er fft vollständig ruhig ver­laufen, hat aber nicht zur Freilassung dep verhafteten Arbeiterführer geführt. Während der von der Streik- leitung gestellten dreitägigen Frfft hatten die Franzosen genügend Zeit gehabt. Maßnahmen gegen den Streik zu treffen. Fn zwanzig Sonderzügen hatten sie unge­fähr 16 Regimenter m der Pfalz zusaurmengezogen und Ludwigshafen in ein großes Heerlager verwandelt. Wohl an 10 000 Mann aller Waffengattungen schwarze K-tlmriahtruppien, Alpenjäger, JrchanitiZrich Kavallerie, Maschinengewehrabteilungen Artillerie und Gisen- bahntruppen wurden dorthin beordert. Dazu wurde das Eisenbahnpersonal requiriert. Es wurde eine von dem Marschall Foch seiner Zeit erlassene Bekanntma­chung angeschlagen nach der sämtliches Personal und Material der Eisenbahnen, Telegraphen und Dele- phone vom Augenblick an, wo dieser „Befehl" ange­schlagen war, requiriert seien. Diese Bekanntmachung schließt mit dem Satz, daß jeder Beamte, der seinen Dienst verlaßt, vor das Kriegsgericht gestellt und tote ein Soldat, der seinen Posten verläßt, verurteilt werde. Mit dieser Bekanntmachung, die dem gesamten Per­sonal vorgelesen wurde, haben die Franzosen wissent­lich eine RechÄfälschung begangen. Denn dieser Foch- sche Befehl ist längst überholt und außer Rechtswrrk- samkeit gesetzt. Nach einer Verfügung des Befehls der C. I. C. F. C. Nr. 90 vom 14. Oktober 1919 ist das Eisenbahnperfomal nicht mehr requiriert und nur zum Gehorsam von Befehlen verpflichtet, die ihm im Na­men des Höchstkommandierenden der „Alliierten und Assoziierten Armeen" für militärische Zwecke gegeben werden. Militärische Zwecke waren aber jetzt nicht zu erfüllen. !

Unruhen in Osnabrück und Münster.

In Osnabrück sind Unruhen ausgebrochen, die zur Plünderung von Lebensmittel- und Schuhwarenge­schäften geführt haben. Am Sonntag ist Sicherheit' wehr aus Hannover in Osnabrück eingerückt. Eine

„Dann muß die Durchführung von meisterhafter Ueberzeugungskraft sein! Denn eigentlich widerspricht das Thema ganz Deinen bisherigen Idealen. Weißt Du noch, wie Du für die Starken schwärmtest, die unbedingt das Recht zu herrschen hätten, in brutaler, tyrannischer Willkür, — bloß, weil sie eben die Stär­keren find? Du meintest damals uns Männer damit und ließest überhaupt nur d i e als richtige Männer gelten, die sich als rücksichtslose Herrenmenschen auf» spielten! Alles andere war: Waschlappen!"

Wieder sah Wer» abwesend vor sich hin, wahrend langsam dunkle Röte in ihre Wangen stieg.

Ja, so hatte sie gedacht! Und dieser „Samson" Meisters war wirklich genau baS Gegenteil ihres männ­lichen Jd«lls, wie Roland Meister auch selbst . . .

Ihr Vater, der mit steigender Verwunderung den wechselnden Ausdruck ihrer Züge beobachtete, rückte tm- rsthig auf seinem Sitz herum.

„Wir sind van unserem ursprünglichen Thema ab- gekonrmen, Wera" sagte er endlich ernst. „Ich wollte Dich aufmerksam machen, daß Du in Deiner aufopfe­rungsvollen Freundschaft für Elfriede und die alten Meisters enffchieden zu weit gehst. Denn wahrscheinlich tust Du doch alles nur ihnen zuliebe?"

„Nein, Papa ... es wäre eine Lüge, wollte ich dies behaupten," antwortete sie leise, ahne den Blick zu heben.

„So ist Dir die kleine Frau Lou so sehr aus Herz gewachsen?"

„Ja ... sie braucht mich. Sie bramhen mich beide." Weras Antlitz nahm immer mehr einen ge. quälten, hilflosen Ausdruck an.

Der Hofrat stand auf und ging ernigernale mit großen Schritten auf und nieder. Was war daS? Was ging in Wera vor?

„Das ist keine klare Antwort, mein Kind," sagte er endlich, entschlossen vor ibr stehen bleibend. „Gegen Deinen allen Vater hast Du Dich doch bisher immer offen ausgesprochen. Warum bist Du auf einmal hin­terhältig geworden?" . $.,< ».* ;

„Ich bin es doch nicht, Papa . , .”

„Doch! Aber ich will und muß nun ganz klar sehen — um deinetwegen, Wera! Was ist eS, das Dich an diese im Grunde doch fremden Leute so un­widerstehlich fesselt, daß Du alles andere darüber ver­gißt, sogar Dich selbst? Ist es blinder Opferdrang? WtlE ÄEÄWWa. vder. ..." Worts. j

Abordnung der Arbeiter verlangte beim Oberbürger­meister die Zurückziehung der Sicherheitswehr.

In Münster kam es wegen der Brotpreise am Samstag wiederholt zu schweren Demonstrationen, in deren Verlauf eine große Menschenmenge durch die Straßen der Stadt zog und überall eine Herabsetzrmg der Lebensmittelpreise erzwang. Noch in den späten Abendstunden wurden aufreizende Reden gehalten und verschiedene Lebensmittelgeschäfte gestürmt und geplün­dert. Schließlich mußte Militär einschreiten, das mit einem Maschinengewehr Schüsse abgab, wobei die Mas­sen auseinanderstoben. Die Unruhen nahmen am Sonn­tag ihren Fortgang.

Deutsches Reich.

* Berlin, 21. Juni. Wie die Niederl. Telegr.- Agentur mitteilt, entbehrt die Meldung über eine ernste Verschlechterung im Befinden der ehemaligen deutschen Kaiserin jeder Grundlage.

(c) Der neue Reichslag, der bekanntlich am Don­nerstag dieser Woche zu seiner ersten Sitzung Zusam­mentritt, wirb sein Arbeitspensum aus bas äußerste beschränken unb voraussichtlich nur kurze Zeit zusam­menbleiben, da dringende, wichtigere Arbeiten außer dem Notetat nicht vorliegen. Die Frage des Reichs-^ tagspräsidenten wird in der Berliner Presse bereits lebhaft erörtert. Nach einer Mitteilung ber „Voss. Ztg." sollen die Sozialdemokraten, denen als stärkste Partei des Reichstags nach alter Gewohnheit, der Präsidentenposten zustehen würbe, es abgelehnt haben, den Präsidenten des Reichstags zu stellens Zwischen den beteiligten Parteien sind Abmachungen über die Präsidentschaft bisher, so viel wir wissen, nicht getroffen worden, wir glauben aber bemerken zu dürfen, daß beim Zmtrum, welches schon in hervor­ragendem Maße an der Regierungsbildung beteiligt ist, wenig Neigung besteht, auch noch den Präsidenten des Reichstags zu stellen. Das Zentrum wird sich unseres Wissens mit einer Vizepräsidentenstelle be­gnügen und gern den anderen Parteien den Poste» des Präsidenten überlassen.

* Sfaafsminifter a. D., Friedberg, der frühere Vorsitzende des demokratischen Parteivorstandes, ist Montag früh an einem Herzschlag g e st o r b e n, nach­dem er noch am Samstag sich an den Beratungen des preußischen Verfassungsausfchusses beteiligt hatte. Seit 1886 gehörte er dem Parlament an, wo er bald zum Führer der nattonalliberalen Fraktion wurde.

** Von den Berliner Stadtveiordnetenwahlen liegt das Ergebnis noch nicht vollständig vor, doch läßt sich bereits erkennen, daß die beiden sozialdemo­kratischen Parteien die absolute Mehrheit! haben. Für die Bezirkswahlen scheint in den meisten Bezirken sich eine bürgerliche Mehrheit zu ergeben. Die Wahlbeteiligung war schwach, der Stimmenrück­gang ist besonders beträchtlich bei den Unabhängigen.

* Auch in Württemberg Block der Mite. Der Stuttgarter Landesvorstand der sozialdemokratischen Partei beschloß, daß die Sozialdemokratie aus der Regierung Württembergs ausscheiden solle. Das hat zur Folge, daß nunmehr'eine rein bürgerliche Regierung gebildet wird. Die bis jetzt gepfloge­nen Rücksprachen berechtigen zu der Annahme, daß es gelingen werde, aus dem Zentrum, der Deutschen Volkspartei unb der Demokratischen Partei die neue Regierung zu konstttuieren. Mit dem Austritt der Mehrheitssoziaibemokraten aus ber Regierung wird auch die Frage der Neubesetzung des Postens des S t a a t s p r ä s i d e n t en neu aufgerollt, da Staats­präsident SB los durch den Beschluß feiner Sßartei zum Rücktritt gezwungen ist.

(*) Der herner Schnlslreik zieht weitere Kreise. In vielen Städten und Gemeinden der westfälischen Mark, so in Bochum, Wattenscheid, Weitmar, Gelsen- kjrchen, Langendreer, Sodingen haben große Eltern­oersammlungen stattgefunden, bie den Herner Katho­liken Sympathiekundgebungen übermittelten und ihnen, versprachen, sie mit allen Mitteln in ihrem Kampfe um die konfessionelle Schule zu unterstützen. Von fetten des freien Lehrervereins wird alles Mögliche getan- um den Schulstreik kaput zu machen. Die un­gläubigen Lehrer entfalten eine rege Agitation von Haus zu Haus, um die Eltern zu veranlassen, ihre Kinder wieder in die Schule zu schicken. In Flug­blättern und besonders in der fozialdemokrattschen Presse wird das Unglaublichste an Hetze unb Droh­ungen geleistet. Trotzdem haben die Gegner bis jetzt nichts erreicht. Nach wie vor befinden sich 90—95; Prozent der über 8000 Herner kathol. Schulkinder im Schulstreik. An einigen Schulsystemen der Stadt sind mehr Lehrpersonen vorhanden als Kinder zum Unter­richten. Interessant ist ein Beschluß des Herner freien. Lehrervereins, in welchem er der Regierung droht,, daß im Falle eine Versetzung der ungläubigen Lehrer von den katholischen Volksschulen von Herne die tot. freien Lehrerverein organisierten Lehrer den gesamten Schulunterricht meberlegen würden, bis den betreffen­den Lehrern wieder ihr „Recht" geworden sei. Die katholischen Eltern gehen über diesen Beschluß des Lehrervereins zur Tagesordnung über und werden unbeirrt aller Drohungen ber Gegner im Schulstre'k ausharren bis zum siegreichen Ende.

fluslanb.

** Die Wiederherstellung der diplomatischen Be­ziehungen Frankreichs znm Vatikan spielt in der französischen Politik gegenwärtig eine besondere Rolle. Die Finanzkommission des französischen Parlaments hatte sich dieser Tage mit der Frage der Kosten- Bewilligung für diese Angelegenheit zu befaffen, setzte aber eine Beschlußfassung aus infolge for'naler Meinungsverschiedenheiten, die noch zwischen dem Vatikan und bet französischen Regierung über Spe-. zialfragen bestehen. Die enge Verknüpfung Frank­reichs mit dem Vatikan ist schon_ längst nicht mehr nur eine Forderung der französischen Katholiken allein, auch die anderen Kreise wünschen und ver­langen eine derartige Wiederaufnahme der diplo- malischen Verbindungen, um auf diese Weise auch in der Politik des Vatikans sich noch Boden zu sichern.