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Freitag, 18. Juni i920
Nr. 139
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wer- Wie hierüber
schon gesprochen.
Es ist nötig, diese Dinge zu beleuchten, um dem Lande zu zeigen, wie wesentlich anders die Haltung der Rechten einmal in der Wahlagitation, das andere- mal in der praktischen Arbeit ist. Immer haben wir geltend gemacht, daß das Zusammenarbeiten des Zen- trums mit den Sozialdemokraten durch die Lage erzwungen war und in keinem Falle irgend ein Abweichen von den grundsätzlichen Auffassungen der Partei bedeutete. Aber man hat uns immer wieder verdächtigt. Und nun sieht sich die Deutsche Dolkspartet im selben Augenblick, in dem fte praktisch arbeiten soll, genötigt, ebenfalls die Sozialdemokratie zur Mst- arbeit zu bewegen. Und der Führer der Deutschen Volkspartei muß bekennen, daß es ihm und seiner Partei völlig unmöglich sei, überhaupt zu arbeit^ und zu regieren, wenn nicht die Sozialdemokraten mst- machen! Das muß man fefthalten, um die Ungerech- tigkeit der seither gegen das Zentrum getriebenen Agitation zu erkennen. Die Wucht der Tatsachen zwingt zu der Anerkennung, daß die Berechtigung und die Notwendigkeit einer Koalition in Gestalt der Zu- sammenfasiung aller am Wiederaufbau willigen Kräfte gerade in d e m Augenbück sich glänzend erwiesen hat, in welchem diese Koalition zerschmettert wurde. Manchem Wähler, auch in unseren eigenen Reihen, werden jetzt doch die Augen aufgehen, wenn er dieses heillose Durcheinander sieht, das durch das Wahlergebnis angerichtet wurde.
Gegen den Koalitionsgedanken haben in dieser l Krisis die Sozialdemokraten gefehlt, obschon sie als Mitglieder der alten Koalition doch besonders verpflichtet waren, für die Weiterführung der Ee-
Deutschlands Lage auf der Spaa-Konferenz.
Aus sehr zuverläsiiger Quelle erfährt der Haager Korrespondent des B. Tgbl., daß Englands Ent« fchlosienheit, die in der letzten Woche sehr gefährdete Konferenz von Spaa zustande bringen, tatsächlich
gesiegt Hot. Lloyd George hat mit dem Nichtzustande» kommen der Brüsieter Finanzkonferenz gedroht. In Spaa wird man sich also wahrscheinlich zum o. Julr versammeln. Vorher sprechen die Premierminister der alliierten Großmächte, in Brüssel wahrscheinlich^ miteinander. Aber aus derselben Qulle erfahre ich auch, daß diese Besprechung Deutschland bereits vor unumstößliche Forderungen stellen wird, die eine Erörterung von Grund auf ausschließen. Tas ist eine sehr ernste Tatsache. An dem Wunsch Englands und Amerikas, nicht zu scharfe Saiten aufzuziehen, ist nicht zu zweifeln. Aber auch nicht an der Entschlossenheit Frankreichs, alles herauszuholen, was nach seiner Meinung aus dem Ver« sa'ller Vertrag — und Deutschland herauszuholen ist. Die deutschen Unterhändler werden eine ganz ungemein ernste Situation in Spaavorfinden. Sie" werden sich darauf einzurichten haben.
Ijetzt konunt bi« Zeit der Ferien und ter Sommer- veisen.
Da sitzt der Mensch schon wieder in der Klemme. Der Drang nach Lust, und Ortsveränderung, nach Auffrischung an Leib und Seele ist gegenwärtig gröher,
Kehrenbach mit der Regierungsbildung beauftragt.
Dr. Mayer lehnt ab.
Ter deutsche Geschäftsträger in Paris, Dr. Mayer-Kaufbeuren, hat die Annahme zur Bildung eines Reichskabinetts abgelehnt. Der Reichspräsident Ebert hat daraufhin den Abg. Fehrenbach gebeten, die Regierungsbildung zu übernehmen. Herr Fehren- bach ist bereits am Donnerstag vormitlag mit den Vertrauensmännern der Deutschen Volkspartei und den Demokraten in Verhandlungen einge« Kefen. Gegenstand dieser Verhandlungen bilden in erster Linie das Regierungsprogramm, das zwischen den drei Parteien zu vereinbaren und fest- zulegen ist, sowie die Bildung des Kabinetts. Ob diese Verhandlungen zu einem praktischen Ergebnis führen werden, kann mit Sicherheit nicht gesagt werden. Denn die Lage ist so, daß man nicht abzusehen vermag, ob sich nach dieser oder jener Richtung hin noch Schwierigkeiten ergeben werden.
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Die Haltung der Deutschen Dolkspartei ergibt sich aus einer Erklärung, die von den Abgg. Heinze und Stresemann dem Abg. Trimborn übergeben wurde. Die Deutsche Volkspartei erklärt sich darin „grundsätzlich bereit, in Gemeinschaft mit dem Zen- trum und den Demokraten an der Bildung einer Re» rierung mitzuwirken", und macht keine weiteren „Vor- au-setzungen", als 1. die Wahrung ihrer Grundsätze, was selbstverständlich ist, 2. die fachmännische Besetzung des auswärtigen und des wirtschaftlichen Ministeriums, wogegen bei dem Vorhandensein geeigneter Persönlichketten nichts einzuwenden ist, und 3 die künftige Besetzung aller Beamtenstellen nach Fähigkeit ohne Rücksicht auf die Parteizugehörigkeit, was grundsätzlich sehr zu billigen ist, wenn auch die Durchführung in manchen Fällen sich sehr schwierig gestalten mag. Die Erklärung der Deutschen Volkspartet stellt schließlich noch fest, daß nach der Auffassung von Trimborn und dessen Parteifreunden die neue Regie- | rmig „nicht lediglich als Uebergangsmimsterium ge- dacht ist, sondern den ernstlichen Versuch bedeutet, da- mit dauernde Aufbauarbeit zu leisten".
Freilich ist dieser Versuch sehr ernstlich gemeint; aber eine Gewähr für den dauernden Erfolg kann niemand übernehmen. Denn bei der gegenwärtigen Verwirrung der Parteiverhältnisse befindet sich die neue Koalition in der eigenartigen Lage, daß sie nicht lebig« lich auf die eigenen Kräfte sich verlassen kann, sondern auch mit dem Verhalten anderer Parteien rech« nen muß. ~
Wenn man sie schon jetzt eine „Regierung der Mm« derheij" nennt, so ist das freilich voreilig; sie kann unter Umständen so viel Anziehungskraft ausüben, daß sie eine feste Mehrheit als Rückhalt findet. Aber es ist auch möglich, daß in einer kritischen Stunde sich die sämtlichen Außenseiter zur Oppositon zusammen« schließen, und dann ist der Versuch gescheitert.
Ob es dahin kommt, hängt wesentlich von dem Der- halten der Mehrheit-sozialisten ab. lieber deren Wollen und Können tiefsinnige Betrachtungen anzustellen, lohnt sich vorläufig nicht, da diese Partei unter dem kaudinischen Joch der Unabhängigen sich m einer Mauserung befindet.
Immerhin muß man im Auge behalten, daß bet den Sozialdemokraten gegenwärtig die W a h l t a k t i k im Vordergründe steht. Sie können also gelegentlich auf baldige Neuwahlen spekulieren, und deshalb ist es angezeigt, daß überall die Wühlarbeit in flottern Gang bleibt, damit wir nicht zu ungelegener Zeit überrascht werden.
Die Lösung der Krisis.
Cs hat allzulange gedauert, bis die Frage: ob überhaupt im neuen Reichstag eim oktionsfahlge^Re-
sonstigen anziehenden Sommerfrischen werden ?ur Domäne von Kriegsgewinnlern, Spielern und Abenteurern Die kleinen Leute und auch der frühere behäbige Mittelstand wißen nicht, wohin sie ihre wanderlustigen Beine lenken und wo sie ihr erholungsbedürftiges Haupt niederlegen sollen.
Unter den Nöten der Zeit leiden auch bte Besuche bei Verwandten, die gerade zur Pflege des Familien, sinns erwünscht find. Ich hab« mal den guten Rat gegeben man möge durch fleißigen Wechsel von Brie- fen (nicht bloß von Postkarten) di« geistige Verbindung aufrechterhalten. Nun ist auch das Briefporto so verteuert worden, daß mancher Mann und erst recht manche sparsame Frau titom gemütlichen Plauderbrief ctos- schreckt wird.
Was ist da zu tunk
F- großer die Schwierigkeiten sind desto mehr Vorsorge und Geschick muh man entfalten.
Wer ein Stück Ferien bekommt für sich oder seine Pflegebefohlenen, der überlege sich vorher recht gründ- lich die Ausnutzung dieser Freizeit. Auch wenn eS nur acht Tage sind sollte man sich nicht auf da, gute Glück und die Einfälle des Augenblicks verlaßen, son- d-rn vorher einen Plan machen. Ein vernünftiger Plan, bei dem nicht die rohe Neugier oder gar die Vergnügungsjagd den Ausschlag gibt, sondern das Be. streben Körper und .Geist solide aufzufrischen. Da
läßt sich auch mit bescheidenen Mitteln viel Gute, und I Schöne- erreichen. Je sorgfältiger die Vorbereitun- I gen, desto weniger wird an Zeit und Geld nutzlos I verschwendet. In der Beschränkung zeigt sich erst der ! Meister. Wer nicht in reizende Weiten gelangen kann, I findet auch in der Nähe viel Hübsches und Erbauliche, I wenn er nur das bisher übersehene Veilchen ins Auge I faßen will. Wer sich kein fremdes Nachtquartier lei- I sten mag, kann doch am Tage frische Luft schöpfen I und Sonnenschein genießen, wenn er nur au- dem I Staub der Stadt hinausgeht.
Alle Stubenmenschen! sollten sich totebrt mitt der 1 Liebe zum Walde erfüllen. „Wer hat dich, du fchö- I ner Wald, aufgebaut so hoch da droben? . . . Der I liebe Gott geht durch den Wald." Das mutz man I nicht bloß singen und hören, sondern fühlen und erleben.
Soll man in den Ferien nichts tun?
Das wäre falsch. Die Faulheit stärkt nicht die Glieder. Die Erholung liegt darin, daß man etwas anderes tut, wie in den Dienstwochen. Wer das ] übrige Jahr hindurch sitzen muß, soll in der Freizeit seinen Deinen Arbeit geben; der Landbriefträger dagegen kann sich seßhaft erholen. Wer berufsmäßig Bücher wälzen oder Papier vollschreiben mutz, der laße Druckschrift oder Tinte links liegen und vertiefe sich nur in das farbenreiche Buch der Natur; dem Handarbeiter dagegen tut es ganz gut, wenn er sich in den Mußestunden mal in ein Buch vertieft, daS ja unter- haltend und lehrreich zugleich sein kann. Die Abwechslung ist eine gute Kur; sie stellt das Gleichgewicht und die gesunde Ordnung her in der leiblichen Maschine und in der seelischen Werkstatt.
Wer in den Ferien Langeweile hat, ist auf dem Holzwege. Wenn die Kinder und die jungen Leute nicht wißen, wie sie die freie Zeit „totschlagen" sollen, so fehlt, es an der elterlichen Leitung.
„Sage mir, was die Kinder in bei: Freistunden treiben, und ich will dir sagen, ob du ein guter Erzieher bist." Das ist die rechte Kunst, daß man dem Zögling eine gewiße Freiheit läßt und doch durch guten Rat, freundliche Anleitung und nötigenfalls durch klare Verbote dafür sorgt, daß die Jugend ihre Freistunden nicht mißbraucht. DaS gilt für die Ferienzeit doppelt, aber auch für die Freistunden an den Schul- und Arbeitstagen
Seit der Einführung NeS Achtstundentag" haben . viele Erwachsene auch tagtäglich Freistunden, dis aus.
- schäfte einzutreten. Sie haben sich weidlich entrüstet i über das Nein der Unabhängigen, mit ihnen eine i Gierung zu bilden; das wurde als bewußte Forderung ’i der Reaktion verhöhnt, aber das sozialdemokratische i Nein gegenüber der Volkspartei soll natürlich der Aus- I fluß höchster politischer Weisheit sein. Das versteh-' I wer kann. lieber das Verhalten der äußersten Lmkcn I ist kein Wort zu verlieren, aber schließlich erwartet man ja von ihr nur eine verkehrte Politik. Doch ms Sozialdemokratie? Ihr Gegensatz zu den Linksradl- taten besteht doch gerade in der Verwerfung der reinen Neinsaaepolitik, sie will aufbauend arbeiten, wenn auch in ihrer Art. Nun aber treibt sie im Grunde dieselbe Politik wie die Unabhängigen. Die Mehrheitssozialisten hatten trotz aller Schwierigkeiten meyr Mandate heimgebracht, als die Unabhängigen; sie blieben nach wie vor die stärkste Fraktion des Reichstages was
1 die Ziffern angeht. Aber sie haben sich selbst zur I schwächsten Fraktion erniedrigt, mdem sie sich abhängig machten von dem Willen der Unabhängigen. Aus Angst vor deren Agitation beschloßen sie auf dir Ehren- und Machtstellung zu verzichten und durch Ab- marsch in den Schmollwinkel das nackte Leben für ihre Partei sicher zu stellen. Diese Feigheit ist schon gebührend gekennzeichnet worden. ____
Nun stecken die Sozialdemokraten vorläufig wegen I ihres zweimaligen Nein an Heinze und Trimborn m I einer Sackgasse, aus der sie sich noch nicht sofort werden herausfinden können. Man muß aber wünschen, daß | I sie den Rückweg möglichst bald finden. 194 Mandate । von 461 entfallen auf die Sozialdemokratie, die zudem I immer noch die Straße beherrscht und wohl auch ge- legentlich auf die Straße ziehen würde. G e gen eine solche mehr oder weniger radikal gesinnte Mehrheit läßt sich überhaupt n i d) t re g i e r e n. Sie neue Regierung würbe unter allen Umständen auf wohlwollende Neutralität wenigstens der Mehrheitssozialisten angewiesen fein und wir nehmen an, daß nach dieser ( Richtung nicht nur Versprechungen, sondern auch Ga-
I rantien gegeben sind. „
Von dem Parteiegolsmus, der sich in den kritischen Tagen rechts und links offenbart hat, machte das Zentrum eine rühmliche Ausnahme. Es hat sich ehrlich abgemüht, dem Vaterland die unbedingt erforderliche Regierung zu geben. Es hat sich in dieser schwierigen Sage freigehalten von jedem Eigennutz, ron jeder Engherzigkeit oder Feigheit und an der Erfüllung der Staatsnotwendigkeiten nach besten Kräften mitgearbestet. Nicht ohne schwere Sorge sahen wir den Führer der Zentrumspartei in die Zwangslage gedrängt, den Auftrag zur Kabinettsbildung übernehmen zu müßen. Diese Sorge erklärt sich ans der Zwangs- läge zur Bildung eines rein bürgerlichen Kabinetts. Wenn ein solches Kabinett sich nicht als le- bensfähig erweist, dann richten sich die Folgen mit aller Wucht auch gegen die Zentrumspartei, die dieses Kabinett aus der Taufe gehoben hat. Aber das Zentrum hat noch nie feine Mitarbeit versagt, auch wenn es schwere Nachteile für sich selbst befürchten mußte. Wenn die Zentrumspartei nur irgendwie Rücksicht auf sich selbst und ihr Schicksal genommen hätte, bann hätte si- sich an der Herbeiführung dieses Notbehelfs- tefrinetts nicht beteiligen können. Daß es die Zentrumspartei im Dollbewußtsein dessen, was ihr droht, dennoch getan hat, das beweist, daß in ihr der Geist Gräbers forttebt, der vor anderthalb Iah- ren in Weimar das Wort gesprochen hat: „Das Vater- land muß gerettet werden, und wenn die ganze Zen- , trumspariei dabei zugrunde geht."
Unpolitische Zeitläufe.
Von Fritz Nienkemper.
Berlin, 16. Juni 1920.
Nächste Woche ist Sonnenwende. Der Ko- fcnber sagt: Sommers Anfang. In Wirklichkeit ist es der Anfang vom Ende, da jetzt der Aufstieg der Bonne aufhört und tie Tageslänge wieder kürzer wird.
Trotzdem haben unser« Vorväter di« Sonnenwende s jubelnd gefeiert. Es flammen noch heutzutage Johaw- ■ nisfeuer auf, soweit sie nicht durch Osterfeuer abgelost ' sind. Bei dem gegenwärtigen Mangel cn Brennstoff ist das freilich eine Verschwendung.^ DaS Lied .Flam- Me empor" hat auch in diesen jämmerlichen Zeiten einen verzweifelten Beiklang. Dor fechs Jahren, cIS noch Friede herrschte konnten wir ein üppiges Nairs- nalfeuer auflodern laßen voll Stolz auf unsere Macht und doll Zuversicht auf eine beßer« Zukunft. Jede Brust war geschwollen an „SommexS Anfang". Ach, wie ' bald kam der stürmische Herbst der KriegSlerden und der entsetzliche Winter der Niederlage I
Ist es in den zwei letzten Jahren wteder Sonmrer geworden? Im Volksleben noch nicht. Da kann man kaum von einem Frühlirrg reden. Wir stehen noch in der Eisschmelze. Am Himmel geht tte Sonne ihren °lten Gang als ob nicht? geschehen wäre Di-- rrdstche Politik wird aber drrrch rauhe Sturme, tucknche Wet- terlaunen, nachträgliche Fröste, Schneefälle und Heber, schwemmungen zur Qual gemacht. Vergleiche dre Neichztagswahl und ihre Nachwirkungen.
Jetzt soll Trimborn uns den Weg bahnen, wie wir aus der Märznöte und den Aprillaunen zum Jo» h-nnisseuer gelangen. Glück auf! Wenn es Klingt wol- len wir ihn hoch preisen; wenn es nicht wollen
wir seinen Heldenmut stell bewundere Die Schwee, rigkeiten sind so unerhört groß, baß schon das ~>cgert eine Großtat ist.
Wer sich teS Sommers freuen will, muß dm Blick abwenden von dem verworrenen Menschenleben, er muß aufblicken zu dem lichten Himmelszelt unr umherblicken auf die reifenden Fluren. Es ist n;ait3 m t der sog. Kultur. Trost findet man nur in der Nanrr und Hilfe nur bei dem allmächtigen Schöpfer der Natur. Er wird schließlich auch Erbarmen haben mit bea Torheiten der menschlichen Kreatur.
Verantwortlich für den redaltionellen Teil: Carl Schütte, u für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Aetlendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adreße: Fuldaer Zeitung
gierung möglich sein werde, sich geklärt hatte. Man darf jetzt nach Tagen ernster Sorge aufatmen, me Bildung eines Kabinetts scheint gesichert zu sein.
Die schwere Krisis, die damit hoffentlich bald ' dauernd überwunden ist, war das Ergebnis der ledig- 1 sich verneinenden Agitation vor allem der Reastspar- I leien, die einfach mit allen Mitteln auf den Stimmen- | fang gingen, ohne zu überlegen, was sie mit den so gewonnenen Mandaten eigentlich anfangen wollten, I die lediglich die alte Mehrheit zerschlugen, ohne eine neue Mehrheit schaffen zu können. Die Deutsch- I nationalen hatten auf einen Block aller bürget« I sichen Parteien gehofft, der nach ihren Wünschen ganz I bewußt seine Spitze gegen die beiden sozialdemokrati- ! schen Parteien richten sollte. Daraus aber ist nichts geworden, eine unerhörte Verschärfung der innerpoit« I tischen Gegensätze wäre die Folge gewesen. Die Deutsche Volkspartei (die ehemaligen Natto- nalliberaten) hat sich in sofern beßer bewährt, ass sie nach der Wahl in Erkenntnis der Staatsnottvendigkeit sich zur Koalition mit den Mehrheitsfoziasisten bereit erklärte, ja sie sogar verlangte. Vorher hatte sie die schärfsten Angriffe gegen das Zentrum feiner Koa- I litionspolitik wegen gerichtet, mm aber erkennt sie: „Ohne die Sozialdemokraten können auch wir nicht regieren!" Ohne weiteres warfen sie dann aber die Flinte ins Korn, als die Sozialdemokraten erklärten, daß sie nach der Art, wie der Wahlkampf geführt wurde, nicht mit der Deutschen Volkspartei zusammen in eine Verbindung treten könnten. Was wurden von der Volkspartei den Wählern nicht alles für Versprechungen gemacht, wie gerade sie den Kampf gegen dte Sozialdemokraten aufzunehmen und zu führen beabsichtige und welche Energie sie dabei entwickeln werde. Und nun flüchtete diese Partei vor einem Stirnrunzeln und einem spöttischen Blick der Sozialdemokraten. Die Blätter berichten aus Berlin, daß dort noch jetzt an den Anschlagsäulen vom Wahlkampf her die Worte prangen: „Von roten Ketten macht euch frei allein die Deutsche Volkspartei!" 3n Wirklichkeit hat sie aber nicht das mindeste unternommen, um diese Worte in die Tat umzusetzen, und damit hat sie sich ! eigentlich in den Augen jedes Denkenden ihr Urteil
Bleibende Wahrheiten.
Die augenblickliche Stockungaufdem W a r eit* markt infolge unserer Valutaverbesserrmg fuhrt dte große Gefahr mit sich, daß unsere Erzeugung, die in einem hoffnungsvollen Wiederaufbau be« griffen war, wieder zusammenbricht und Betriebseinstellungen und Arbeiterentlassungen eintreten. DaS muß aber im allgemeinen Interesse verhütet werden. Wo deshalb starker Bedarf forlbesteht und die finanziellen Mittel vorhanden find, sollte von dem Verbraucher gekauft werden. Die Warenbesitzer müssen aber auch ihrerseits ein Opfer bringen, indem sie mit möglichst geringem Nutzen, oder gar ohne einen solchen, unter Umständen gar mit einem erträglichen Verlust abstoßen. So muß allseitig dasur gesorgt werden, daß die Maschine wenigstens tm Saufen bleibt. Währenddem müßen Maßnahmen erwogen und getroffen werden, um in die Valuta- Entwicklung eine gewisse Stetigkeit hinernzubringen. Auf diese Weise läßt sich wieder eine festere Kalku« lationsgrundlage schaffen, die hinwiederum die tDtog« lichkeit einer ruhigeren Preis- und Lohnbewegung mit sich bringt.
So wird man versuchen müssen, das auf oen ersten Blick bestehende Rätsel zu losen, tote es möglich ist, daß in einer Zeit stark bleibenden Warenbedarfs für die arbeitswillige Hand die genügende Beschäftigung fehlt. Die Antwort muß dahin lauten, daß für den heimischen Warenabsatz nicht lediglich der Grad deS Bedarfs maßgebend ist, sondern dte Kaufkraft der Verbraucher im Verhältnis zu den j vorhandenen Vorräten. Das führt von selbst zu dem Ergebnis, daß nicht ständige Lohn- und Gehaltserhöhungen den breiten Käufermassen eine angemeßene Bedarfsdeckung ermöglichen, sondern nur solcheWarenpreise, die einigermaßen erschtorng- lich sind und nicht den Charakter von Luxuspreisen tragen. Eine Erzeugung, die auf eine Bedarfsdeckungswirtschaft zu erträglichen Warenpreisen hm- arbeitet, ist die beste Sicherung gegen Absatzkrtsen und Arbeitslosigkeit.
Es ist äußerst bemerkenswert, mit Welchem Nachdruck heute selbst die Leitung des sozialdemokratischen I Bergarbeiterverbandes sich zu dem Satze bekennt, I daß nicht mit ständigen Lohnerhöhungen dem Ar- | bettet auf die Dauer geholfen ist, sondern daß Ab« | Hilfe auf einem andern Weg gefunden werden mutz. I So bringt die Nummer 13 des Organs dieses Ver« | bandes, die „Bergarbeiterzeitung", einen Artikel:
„Schluß mit den Preiserhöhungen", in dem nach« | gewiesen wird, daß die „Erhöhungen der Kohlen« I preise ständige Hinaufsetzungen der Pretse für alles, I was man verbraucht und gebraucht", nach sich ztehen I muß, und in dem sich folgende Sätze finden:
„ES ist die allerhöchste Zeit, daß mit den Kohlen- I Preiserhöhungen Schluß gemacht wird. DieArber ter I betrugen sich selbst, wenn sie glauben, durch Lohn-
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gefüllt werden müssen. Es gibt eine Menge von Berufen, in denen die achtstündige Täsigkeit keineswegs die körperliche und geistige Spannkraft erschöpft. BrU wir uns richtig in die neue Ordnung eingewöhnt haben, muß auch die Fruge gelöst werden, wie das Volk zu guter Ausnutzung der Freistunden zu erziehen ist. Ich möchte hier nur darauf Hinweisen, daß für die M- dustlrielle Bevölkerung und die Stad Leute überhaupt die Pflege eines kleinen Gartens ein vorzügliches Hilfsmittel ist um in den Freistunden eine oefunbe, abwechselungsreiche und lohnende Tätigkeit zu gewinnen. Die Einrichtung der Schrebergärten und Laubenkolonien mutz weiter entwickeft werden.
Sie dient auch der überaus wünschenswerten An. Näherung von Stadt und Land. In den Städten sollt, man überhaupt die Ferien nach Möglichkeit dazu benutzen, datz die jungen und alten Pflastertreter mehq Verständnis unn Achtung gewinnen für die Landwirtschaft.
Vom Asphalt auf den Acker, das ist eine gute
Parole! ________
— Krankheiten als Wetterpropheten. Unter den Laien ist es als feststehende Tatsache bekannt, daß gewisse Krankheiten durch das Austreten besonderer Schmerzempfindungen bevorstehendes schlechtes fetter anzeigen. Namentlich Kranke mtt chronischem Geleur- rheumatismus, Gelenkentzündung, Gicht, Hustschmerz, I Narben usw. klagen oft über größere Schmerzen vor I einem Witterungswechsel. 3m städtischen Krankenhause in Augsburg hat Dr. Müller interessante Beobachtun- | gen nach dieser Richtung hin bei den dorttgen Patienten I angestellt, welche die Tatsache durchaus bestätigen. Die I Beobachtungen geschahen durch gleichzeitiges Vergleichen mst den Barometerschwankungen und mit den Wind« I u. Witterungsverhattnissen. Die meisten Kranken der ge- I schilderten Art empfanden schon ein bis zwei ~age not I dem Witterungswechsel „reißende Schweden, dies« Schmerzen, kamen also den Angaben des Barometer, noch zuvor! Auch bei Rückenmarkschwindsucht Lah« mung nach Schlagansällen, sogar nach Amputatione« stellten sich Verschlimmerungen vor Eintritt eines Wtt« terungswechsels ein. Auffallend ist tie Beobachtung, daß die Schmerzen fast stets geringer wurden, sobald das schlechte Wetter wirklich eingetreten war, und datz immer nur das Fallen des Barometers, niemals aber das Steigen desselben, das Herannahen schönen, son» nigen Wetters schmerzhaft empfunden wurde. ffl«
als je zuvor.
Es handelt sich nicht bloß um die blutarmen, kno- chenschwachen, unterernährten Kintpr, denen in den Ferien eine'Art Wiedergeburt not täte. Auch eine Unmasse von Angestellten und fleißigen Leuten aus dem Mittelstand kommen in Betracht, da jetzt in wei- fern Umfange gewiße ArbeÄSferien eingerichtet den. Der soziale Gedanke ist sehr löblich, schön könnten diese ErholungStage auSgcnutzt den, wenn wir noch die alten Preise hätten, die kleinste Reise kostet schon ein großes Geld. Me Fahrkosten sind ruckweise bis zu abschreckender Hohe gesttegen. Wer ein Obdach mit einem leidlichen Bett sucht, mutz schwer bezahlen. Und wer sich an einem ftemden Tische satt eßen will der mutz Anlage zu einem Dukatenmännchen haben Die Badeorte und dte