Einzelbild herunterladen
 

Montag, 14. Ium 1920

Nr. 135

Zur zwei Kommunisten — 50 Millionen Rubel.

Die „Morning Post" meldet aus Moskau: Die Wahl nur zweier Kommunisten in den deut­schen Reichstag hat im Moskauer Großen Sowjet zu Lärmszenen geführt. Es wurde die Abberufung des bolschewistischen Vertreters in Berlin, Kopp, verlangt, dem für die Propaganda 5 0 Millionen Z <r« r e n r u b e l bewilligt worden waren.

Das Wahlergebnis itt Heffen-Naffau.

Bei der endgültigen amtlichen F e st st e l l u ng des Ergebnisses im 21. Wahlkreise ergaben sich ^we­sentliche Aenderungen gegenüber dem vorläufi­gen Resultat. Es erhielten von den insgesamt ab­gegebenen 1136 256 Stimmen Scheidemann 310 736, Schwarz 192 808, Rießer 182511, Helfferich 177 273, Schücking 116 084, Dißmann 139 321, Zet­kin 16 524. Danach haben Zentrum und M e h r- heitssozialisten noch je einen Abgeord­neten hinausgewonnen. Die Zahl der Ab­geordneten verteilt sich nunmehr, wenn man den 21. Wahlkreis für sich ohne die Wahlkreisverbindung mit Hessen-Darmstadt in Betracht zieht, folgendermaßen: neten hinzugewonnen. Der Zuwachs, den den Zentrum erhält, gleicht sich aber dadurch aus, daß für die Partei die Aussicht auf einen weite­ren Sitz durch die Wahlkreisoerbindung mit dem 22. Wahlkreis (Hessen-Darmstadt) nunmehr entfällt. Die Zahl der überschüssigen Stimmen beträgt ja nur 12 808. Der sozialden^kratische Gewinn von einem Sitz hingegen verschafft dem Schriftsteller Gustav hoch (Hanau) ein Mandat. Sen Deutfchnationalen ist ein weiterer Sitz aus der Wahlkreisverbindung gesichert.

Es entfallen also aus das Zentrum 3 Sitze (bisher 3), die Demokraten 1 Sitz (3), die Mehrheits­sozialisten 5 Sitze (7), die Deutschnationalen 2 Sitze (1), die Deutsche Volkspartei 3 Sitze (1), die Unabhängigen 2 Sitze (0).

Die amtliche Feststellung der Verteilung der Sitze durch den Wahlleiter Oberregierungsrat von Lentze er« folgt am Dienstag.

Das Berliner Zentrumsmandat ist nun doch noch gerettet worden. Bei einer Nach« Prüfung der Wahlergebnisse haben sich für das Zentrum im Wahlkreis Berlin 36 540, im Wahlkreis Potsdam 23863 Stimmen, zusammen also 60 403 Stimmen ergeben. Der bisherige Zentrumsvertreter für Berlin, Dr. Pfeiffer, ist somit gewählt.

Auch ein weiterer Zentrumskandidat und zwar für den Wahlkreis 5 (Frankfurt/Oder) dürfte gewählt sein, da im Wahlkreise 4 (Potsdam 1) das Zentrum 18 916 und in dem eben genannten Wahlkreis 5 das Zentrum 41567 Stimmen aufbrachte. Zusammen würde sich die Zahl von 60483 ergeben und damit wäre der Zentrumskandidat für Frankfurt/Oder, Dr. Paul Fleischer, Charlottenburg, gewählt. Die endgültigen Ziffern sind aber zur Stunde noch nicht bekannt.

dern auch im Parteigetriebe und in der ganzen Wäh­lerschaft. Dann wird die nächste Reichstagswahl besser ausfallen.

Tie sozialdemokratische Parteikonferenz.

Die sozialdemokratische Parteikonferenz am gest« rigen Sonntag führte zu einer eingehenden Aus- spräche über die gesamte politische Lage und über das Ergebnis der Wahlen. Der wichtigste Beschluß war die" Ablehnung einer Erweiterung der Koa­lition nach rechts hin und überhaupt jebeS Zn- sammengehens mit den beiden Rechtsparteien oder auch nur mit einer von diesen. Das Verhalten des Reichskanzlers Müller gegenüber den Unab- hängigen wurde gebilligt.

Die Zenlrumsfraktion des Reichstags ist vom Vorsitzenden Geheimrat Trimbom auf näch­sten Dienstag "den 15. Juni nach Berlin einbemfen worden. Zu der Sitzung ist auch der Parteivorstand eingeladen.

Die bereits in Berlin anwesenden Mitglieder der Zentrumsftaktion waren schon am Samstag unter dem Vorsitz des Abg. Trimbom zu unverbindlichen Besprechungen über die politische Lage zusammen­getreten.__________________ , ______________________

Der zweite Versuch.

Die Reubildung des Kabinetts durch die Dolkspartei gescheitert.

Nachdem die Unabhängigen den Versuch des Reichs­kanzlers Hermann Müller, sie zum Eintritt in eine Koalitionsregierung zu bewegen, schroff abgelehnt haben, hat Müller den Auftrag, den er vom Reichs­präsidenten zur Kabinettsbildung erhalten hat, in die Hände des Reichspräsidenten zurückgelegt. Der Reichspräsident- hat daraufhin den Vorsitzenden der Deutschen Volkspartei Dr. Heinze zu einer Unter« tebung zu sich gebeten. Im Laufe der Unterredung, die am Sonntag vormittag stattfand, übertrug der Reichspräsident dem Abg. Dr. Heinze die Bildung des neuen Kabinetts. Dr. Heinze nahm den Auf­trag an. Am Sonntag abend ober teilten der Reichs­kanzler Müller und der Abg. Löbe dem Abg. Dr. Heinze offiziell mit, daß die Meh r h e its f o zi a l- bemotraten sich an einer durch den Zutritt der Deutschen Volkspartxt erweiterten Koalition nicht be­teiligen würden Heinze hat daraufhin den Auftrag zur Bildung eines Kabinetts in die Hände des Reichs­präsidenten zurückgelegt.

Das Bemühen des Abg. Dr. Heinze hatte von vorn­herein keine große Aussicht auf Erfolg und die Blät- ter der Volkspartei schoben gleich den Gedanken in den Vordergrund, daß es besser gewesen wäre, den Zen- trumsführer Trimbom als gegebenen Vermittler zwischen den Sozialdemokraten und der Deutschen Volkspartei wirken zu lassen.

Dennoch war es u. E. richtig, zunächst einen Ver­treter der Deutschen Volkspartei zu berufen, weil diese Partei bei den Wahlen den größten Zuwachs erreicht hat und bei jedem Versuch, den Fehlbetrag von Stim­men bet der alten Koalition zu ergänzen, zunächst in Betracht kommt. Wir werden deshalb auch nicht eifersüchtig, weil Dr. Heinze eher befragt wurde, als unser Trimbom. Dieser sieht jetzt, wenn er zur Ka­binettsbildung berufen wird, die Lage schon etwas ge­klärter vor sich, steilich auch keineswegs erleichtert. Die Bildung einer Regierung könnte jetzt nur noch auf der Grundlage der alten Koalition erfol­gen, unter Berücksichtigung gewisser Wünsche der Deutschen Volkspartei, die dann dafür der Koalition eine . gewisse mittel­bare Unterstützung durch Verzicht auf eine störende Opposition leisten könnte. Die Wünsche der Volks­partei bewegen sich in der Richtung, daß das Reichs­wehrministerium und das Auswärtige Amt mit un­parlamentarischen Fachleuten, einem hohen Militär und einem Diplomaten, besetzt werden, und daß man der Partei Einblick in die Arbeiten des Reichswirt» schastsrnmisteriums und des Reichsfinanzministeriums gewährt; daß ferner die Rechte des Reichswirtfchasts- rats gestärkt, die Aemterbefetzung nach der Parteizuge­hörigkeit aufhött und die politischen Beamtenstellungen auf jene Verwaltungsstellen beschränkt werden, die als unmittelbar politisch anzusehen sind.

Nachdem sich aber die sozialdemokr. Parteikonfe­renz am gestrigen Sonntag, wie weiter unten mitge­teilt ist, gegen jedes Zusammenarbeiten mit den Rechtsparteien ausgesprock^n hat, ist scheints auch die­ser Weg nicht gangbar, u. die Zerfahrenheit ist noch ärger als vorher. Die Mehrheitssozialisten, die un­ter der Fuchtel der Unabhängigen zu der schroffen Ab­weisung der Volkspartei gekommen sind, haben so dem Lande keinen Dienst erwiesen. Statt dahin zu wir­ken, daß die von ihnen vertretene Arbeiterschaft gemein­sam mit dem Bürgertum zum Wohle der Gesamtheit arbeiten kann, helfen sie, aus Angst vor der Konkurrenz der Unabhängigen, die Kluft zwischen der sozialistischen Arbeiterschaft und dem Bürgertum zu erneuern und zu vertiefen.

Die Lösung der Krisis erfordert viel Zeit. Möge dabei wenigstens eine gründliche Klärung heraus» kommen, nicht bloß in den „regierenden" Kreisen, son­

461 Mandate.

Nach den bis jetzt festgestellten Wahlergebniffen wird der neue Reichstag 461 Abgeordnete gegen 421 der Nationalversammlung zählen. Das Gesamter­gebnis stellt sich wie folgt: (Die in Klammern bei­gefügten Zahlen geben die Zahl der aus den Ab­stimmungsgebieten übernommenen Mandate an.)

Sozialdemokraten 111 (18) gegen bisher 165

Unabhängige 80 „ „ 22

Zentrum 67 ( 9) „ „ 88*)

Bayerische Volkspartei 18 (hierzu 3 Förderalisten) Deutschnationale 65 (4) gegen bisher 40 Deutsche Volkspartei 61 (2) . „23

Demokraten 45 (9) „ „ 74

Bayerischer Bauernbund 4 „ „ 5

Welfen 5 . „ 3

Kommunisten 2 „ „ —

Die Unterbringung der 461 Abgeordneten bereitet im Sitzungssaal des Reichstagsgebäudes einige Schwierigkeiten. Der alte Reichstag zählte 397 Abgeordnete. Um die jetzige Anzahl von Abgeord­neten unterbringen zu können, müssen einige Durch­gänge in der Saalmitte Wegfällen.

•) In dieser letzteren Ziffer sind auch die Abgeord­neten der bayerischen Volkspartei der Nationalversamm­lung enthalten.

Das Zentrum im neuen Reichstag.

1. Wahlkreis (Ostpreußen), ohne Wahl; Dr. Fleischer.

-z. Wahlkreis Berlin: Bibliothekar Dr. Pfeiffer.

8. Wahlkreis (Breslau): 1. Janeba, Land­wirt ans Glatz 2. Puschmann, ArbeitSnachweisleiter in Glatz, 54 256 Reststimmen. Durch Verrechnung im Wahlkreise Ltegnitz ein dritter Abgeordneter, Karl An. ton Schulte, L-rndgerichtsdirekor in Breslau. Liegmtz hat 49 858 Stimmen.

10. Wahlkreis (Oppeln), ohne Wahl: 1. Ulitzka, Pfarrer in Ratibor 2. Dr, Herschel, Rechtsanwalt in Breslau. 3. Ehrhardt Gewerkschaftssekretär in Katto' Witz, 4. Bitta, Geh. Justizrat in Breslau 5. Zawadzki, Kaufmann in Beuthen, 6. Szezeponik, Rektor in Mys- lotvitz, 7. Strzoda. Bauerngutsbesitzer in Deutsch. Müllmen, 8. Kubetzko, Tischler in Gleiwitz.

13. Wahlkreis (Thüringen), 47 241 Stim- men. Durch Verrechnung im Wahlkreisverband Sach­sen-Thüringen gewählt Propst Karl Poppe, Heiligen- stabt.

16. Wahlkreis (W es e ft-Ems)'. 1. Burlage, Eduard, Reichsgerichtsrat in Leipzig, 2. Oekonomierat Pennemann.

18. Wahlkreis (Sü d- H ann o de r/S r aun- schweig). 1. Abgeordneter: Pfarrer Dr. Maxen in Hannover.

19 Wahlkreis '(W e st fa l e n°N o r d), 1. Herold, 2. Stegerwald 3. Univ.-Prof. Dr. Schreiber, 4. Gene­raldirektor ten Hompel, 5. Schneidermeister Lange- Hegemann, 6. Verbandsdirektor Dr. Höfle

20. Wahlkreis (W estfal e n-Süd) 1. Ver­bandsvorsitzender Fmbusch, 2. Gutsbesitzer Schulz-Gah­men 3. Beirat Becker, 4. Rektor Rheinländer, 5. Frau Amtsgerichtsrat Neuhaus. xl

21. Wahlkreis (Hessen-Nassau), 1. Mit- telschullehrer Schwarz. 2. Landwirt Herbert, 3. Gewerkschaftssekretär Höner.

22. Wahlkreis (Hessen-Darm stabt), Ju­stizminister von Brentano. ...

23 Wahlkreis (Köln-Aachen), 1. Geh. Just-z- rat Trimborn 2. Frl. Teusch, 3. Gutsbesitzer Bau. mann, 4. Redakteur Joos 5. Univ.-Prof. Lauscher, 6. Staatssekr. Dusch, 7. Kaufmann Nacken

24 Wahlkreis (K ob lenz-Trrer), 1. Prof. Dr. Kaas " 2 Landwirt Neyses, 3. Gew.-Sekr. Tremmel, 4. Geh Reg -Rat von Guerard, 5. Winzer Veltin. .

25. Wahlkreis (Düsseldorf-Ost!), 1. Reichs. Postminister Giesberts, 2. Geh. Justizrat Mark. 3. Ver- b-rndsdirektor Schlack.

26. Wahlkreis (Düsseldorf-West), 1. Justiz- rat Dr Bell, 2. Gewerksch.-Sekr. Wieder. 3. Landwirt Blum "4. Fabrikant Klöckner 5. Postsekretär Allekotte..

34. Wahlkreis (Württemberg). 1. Erzber­ger. 2. Amtsgerichtsrat Bolz. 3. Landwirt Feilmayer, 4 Ärbeitersekretär Andre.

35 Wahlkreis (Baden), 1. Rechtsanwalt Feh- renbach, 2. Landwirt Diez 8. Minister Dr. Wirth. 4. Gewerkschafts-Sekr.. Ersing. 5. Bürgermeister Damm, 6. Malermeister Jsemann.

Von der Reichsliste des Zentrums wurden ge­wählt: 1. Dr Spahn 2. Dr. Hitze. 3. Dr. Brauns, 4 Frau Hedwig Dransfeld, 5. Oberpostschaffner Jo­hann Koch, 6. Redakteur Dr. Fortmann.

Bayerische VolkSpartek.

27. Wahlkreis '(Oberbayern-Schwaben), 1. Dr. Mayer. 2. Diernreiter. 3. Lang, 4. Schwarzer, 5 Jaüd, 6. Emminger, 7. Frl. Lang-Brumann, 8. Pon- schito. „, , , ..

28. Wahlkreis "(N i e d e rb a h e r n-O berpfa lz). 1 Dr Heim 2. Gerauer, 3. Dauer, 4. LukaS.

29 Wahlkreis (Franken), 1. Herbert. 2. Leicht, 8. Schirmer, 4. Dr. Beyerle 5. G ersten beiger.

30 Wahlkreis (Pfalz), Hofmann.

(Zusammen 18 Abgeordnete; dazu kommen noch drei Abgeordnete auf die Reichsliste der Christllch-föde- ralistische-Partei.) -1

Die chriftlich-süderalistische Liste.

Die Zentrumsreformer (Christliche Dolkspartei)' er- zielten im Wahlkreisverband Rheinland 1 Mandat. Gewählt wurde Dr. Joseph Franke. Geh Studienrat, Köln Die hessische Volkspartei erhielt 83 153 Stim­men. Gewählt wurde Dorsch II, Wilhelm, Landwirt, Wölfersheim. 1

Bayerische Dolkspartei, Zentrumsreformer und hes­sische Volkspartei stellten gemeinsam eine christlich' föderalistische Reichsliste auf imd erhielten hierauf noch ein Mandat (zusammen 21), das der Bayerischen Volkspartei .(Böhm. München) zufiel.

Räumung der zweiten Zone.

Die Internationale Kommission in der zweiten Zone Nordschleswigs teilt mit, daß fie -am Mittwoch ihre Souveränität wieder an Deutschland abtritt. Donnerstag früh stehen die fremden Truppen zum Abmarsch vor Flensburg. Die Zurückgabe der Stadt Flensburg an Deutschland wird am Donnerstag vormittag erfolgen.

In der ersten Zone, die an Dänemark gekommen ist, hat sich die Streikbewegung verschärft. Die Arbeitgeber laffen sich auf keine Verhandlungen ein. Die ganze Zone befindet sich unter einem ungeheuren wirtschaftlichen Druck. Die Schwierigkeiten wachsen von Tag zu Tag. Die Mieten steigen ins Ungeheuerliche. Niemand will deutstbes Geld nehmen. Man muh dä­nische ffironen kaufen unb kann doch keine bekommen, denn sie sind Gegenstand der Spekulation. Dazu kommt die Mißstimmung über die Teuerung, die durch eine neue Lebensmittelverordnung herbeigeführt wor­den ist.

Verschlechterung des Verkehrs nach Ostpreusten.

Polen plant wieder, wenn auch keine völlige Ver­hinderung, so doch eine große Erschwerung des Eisen­bahnverkehrs mit Ostpreußen. Reisende mit durch­gehenden Fahrkarten sollen wie Reisende ohne Fahr­karten behandelt werden. Der Verkehr wird auf Ne­benstrecken umgeleitet. Insbesondere würde für den beoorstehenderi Abstimmungsverkehr diese Regelung außerordentlich hemmend sein. Die Ab­nahme von Frachtgutladungen nach den Stationen jen- seits des Korridors mußte infolge des gestörten lieber« ganges über das polnische Gebiet bereits eingestellt werden. Die Regierung hat Protest- eingelegt.

Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Carl Schutte :: für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. :

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Acttendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

Bezugspreis: Monatlich 2,02 M. ohne Zustellgebühr. InFulbä I

bei uns abgeholt 2,10 All. Anzeigenpreis: Die Kleinzeile i A7 "Infim (Tolonelmah) 50 Pfg., u. 10°,o Zuschlag, die Reklamezeile "TI* juyiy (Textbreite) 1.50 Akk^ u. 10"/» Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt. |

Fordernde Liebe.

Roman von Erich Ebenstein

27] __________

Lou triumphierte innerlich.

Mit dem Arzt wollte sie schon fertig werden, den brauchte sie bloß ein bißchen verliebt in sich zu ma­chen, dann würde er schon sagen was sie wollte. Haupt­sache war, daß er nie mit Wera zusommentraf, ehe sie keiner sicher war. Das würde sich schon einrichten las. fen. V on Mama brauchte er gar nichts zu erfahren, wnd überhaupt mußte man ihm nicht alles so genau sagen.

Sie fühlte sich in der Tat jetzt viel besser und tote- "et in vorzüglicher Stimmung.

»Nun geh Werachen," bat sie schmeichelnd »und laß einen Wagen besorgen, damit wir fort können, ehe ®ton unsere Abwesenheit bemerkt und wir hier entdeckt werden. Wir machen uns dann auf französisch da- bon- Deiner Mama und Isolde kannst Du ja durch einen Diener sagen lassen. Du wärest nach Hause ge- Mren, weil Du Kopfschmerzen hättest und ich habe Dich bgeleitet."

»Und Deine Verabredung mit Dallariva für mor. gen?"

. -Dem schreibe ich selbst ein paar Zeilen. Ich kann ja auch erst nächste Woche mit den Sitzungen begin­nen."

15.

Frau Dr. Renner war abgereist, nachdem sie drei Daze lang als freiwillige Krankenpflegerin bei Lorr ^nd int Sanatorium geblieben und ihren Posten erft abgegeben hatte, als Schwester Gertrud ihren Platz der Kranken wieder einnehmen konnte.

So von Herzen dankbar wie Heidlof ihr für den -dienst war den fit ihm erwiesen, so kühl begegnete 'hr Daniela. Als sie voll Begeisterung von der kühnen Operation zu sprechen beginnen wollte, die Heidlof so glänzend bewältigt' hatte, wehrte Daniela heftig ab.

»Bitte, erzähle mir davon nicht I Man spricht mir la ohnehin überall davon bis zum Ueberdruß und — Es interessiert mich wirklich gar nicht I"

»Aber bist Du denn gar nicht stolz auf beiften rm?." frug Martha verdutzt. »Wie Mlz bewundert

ihn mit Recht und prophezeit ihm eine glänzende Zu. Zunft 1"

/„®o? Nun, i ch schätze am Manne eben andere Eigenschaften, als bloß die, daß er geschickt mit dem Operationsmesser umgehen kann!"

Martha Renner sah Daniela fast mitleidig an, schwieg aber. Während der wenigen Stunden, die sie noch bei Heidlofs verbrachte, drehte sich das Gespräch ausschließlich um gleichgültige Dinge.

Wer am Bahnhof konnte Martha doch nicht so kühl Wschied nehmen, wie es Daniela tat. Sie um- armte die Freundin' m alter Herzlichkeit und sagte warm: »Vergiß nicht, daß Du mir versprochen hast, nach St, Kathrein zu kommen! Mein Mann und ich würden uns so sehr darüber freuen! Am schönsten wäre es. wenn Du Deinen Gatten mitbrächtest , . "

„Daran ist gar nicht zu denken," unterbrach sie Daniela rasch und bitter. „Du weißt ganz gut, daß er ja nie Zeit hat für Dinge, die anderen Männern natürlich scheinen."

„Nun, im Sommer wird er sich doch Urlaub gönnen?"

„Möglich. Aber dann werde ich wahrscheinlich mit Mama in Karlsbad sein. Sie will die Kur dort ge­brauchen und möchte, daß ich sie begleite."

„Aber doch nicht gerade während der Urlaubszeit Deines Mannes?"

„Warum nicht? Egon ist sehr für Freiheit in der Ehe, und ich sehe nicht ein, warum ich diese nicht auch für mich beanspruchen soll?"

Dies waren die letzten Worte, welche die Freundin­nen wechselten, denn der Zugführer drängte zum Ein­steigen. und wenige Minuten später rollte der Zug aus der Halle. '

Von da an herrschte' meistens die Stille des Gra­bes in der Heidlofscben Wohnung. ^Daniela machte keine Szenen mehr, stellte auch keine Fragen. In eisi­gem Schweigen saß sie bei den Mahlzeiten ihrem Mann gegenüber und er machte keinen Versuch, dies Schwei' gen zu brechen.

Müde, wie er durch seinen Beruf abends war, und big ins Innerste erkältet durch ihr Wesen, zog er diesen Zustand schließlich den ewigen, quälenden Auseinan­dersetzungen vor. Auch vergab et ihr im stillen nicht, daß sie allein kein Wort der Anerkennung für seinen Erfolg gehabt. Nicht einmal eine Frage hatte sie ge. ton, wie die Operation ausgefallen sei, obwohl sie wußte, wie tief iHv. die Sach« berührt Haftel

„Jeder Fremde nimmt mehr Anteil an meinem Le­ben als fiel" dachte er oft bitter und vergrub sich im­mer tiefer in seine Wissenschaft.

Zuweilen aber kam es übet ihn, daß er meinte, das Leben so nicht länger ertragen zu können. Dann warf er oft plötzlich unwirsch alle Bücher von sich und suchte abends wie als Junggeselle die Kollegen im Wirtshaus auf. i

Spät in der Nacht kam er dann heim mit wüstem Kopf, unbefriedigt und enttäuscht.

Daß sie ihn dazu trieb, feine Zeit so zu vergeuden! daß sie nicht einmal frug: Wohin gehst du? Ihn nicht ein einzigesmal zurückzuhalten versuchte . . .

Nein, das war keine Liebe, wie er sie einst geträumt. Das war überhaupt nicht Liebel Wie hätte Daniela sonst nicht längst sehen müssen, wie sehr er unter ihrer Kälte litt — nicht längst durch ein gutes Wort wieder alles ins Gleichgewicht gebracht?

Indes, daran dachte Daniela gar nicht. Für fie stand es mit jedem Tag fester, daß Egons Liebe nicht mehr ihr, sondern Lore Sand gehörte, um deretwillen er sie so vernachlässige.

Sie redete sich ein — und das immer zum Be­dauern bereite Mitleid der Hofrätin bestärke sie darin, daß alles aus sei und ihr nur mehr übrig bleibe, sich wenigstens „dieser Person" gegenüber Genugtuung zu verschaffen. Und das wollte sie gründlich tun.

Leidet war vorläufig nichts zu machen, da Lore Land noch int Sanatorium war.

Aber dann! Wenn sie erst draußen war und ihre eigene Wohnung wieder bezogen hatte! O, sie würdd es schon herausbringen, wo sie wohnte. Der Portter würde es schon wissen und ihr gegen ein Trinkgeld verraten. Dann wollte sie hingehen und diesem Ge­schöpf ihre Meinung sagen.

Mama hatte es ihr zwar verboten. Sie fand eS unfein und unklug. „Nur keinen Skandal", predigte sie immer, „nur nichts auf die Spitze treiben! Was man in seinen vier Wänden tut, weiß niemand. Ge­wiß, man kann einen Mann daheim durch stumme Verachtung strafen — muß cs sogar aus Selbstachtung. Aber nach außen hin ist eg am vornehmsten zu tun, als wüßte man von nichts!" Daniela habe dies ja auch damals Professor Wasa gegenüber bewunderungs­würdig rasch unb taktvoll begriffen. Wie konnte sie jetzt nur daran denken, jene Circe persönlich aus zu. juchetiL Lft» wäre ja i»i« unter Proletariern! Unb

schließlich möge sie ruch bedenken, welch glänzende Position sie durch allzu große Schärfe aufs Spiel setzte, gerade jetzt, wo Egons Stern im Steigen fei. —

Ach, Mama hatte gut reden. Sie wußte nicht, wie Eifersucht brannte. Aller Drill versagte da. Nichts blieb, als dos tief verwundete Weib, bas nach Rache bürstete, mochte barüber alles in Trümmer gehen. Da­niela war manchmal so von ©innen vor Eifersucht, dass sie begriff, wie irgeub ein gequältes, ungebildetes Weib der Nebenbuhlerin Vitriol lins Gesicht gieße» konnte ----

Unablässig durchstöberte sie in selbstquälerischer Er­regung heimlich seine Taschen unb' Schränke. Sie kon, trollierte, so weit eS ihr möglich war, feine Kranken­besuche unb ließ ihn durch Freundinnen^ ohne baß diese bett wcchren Zweck ahnten, telephonisch ctmrfen, um sich zu überzeugen, ob er auch wirklich ba war, wo sie ihn vermutete.

Sie machte dies recht geschickt. Wenn sie z. D. wie neulich bei ihrer Fretmbin Else Kerner war unb diese Heidlofs für einen der nächsten Abende einlud, sagte sie: „Natürlich werde ich sehr gerne kommen, aber ich weiß noch nicht, ob Egon Zeit hat? Wie wär's, wenn Du ihn gleich jetzt her Telephon fragtest? Er muh eben jetzt bei der Fürstin Laban sein, Telephonnum- mer 14 047.

Oder': bei der Hofrätin Rechling wurde beim Ftve o'elock eine medizinische Frage aufgeworfen. Jeder vertrat eine andere Meinung. Bis Daniela ganz un­schuldig hinwarf: „Mein Mann könnte Ihnen da ja rasch die richtige Auskunft erteilen. Wallen Sie ihn nicht anrufen? Er befindet sich momentan gewiß noch auf der Frauenabteilung deg Sophienfpitals, wo er das Primariat hat. Nummer 32 620."

Zuweilen folgte sie ihm auch heimlich in einem ge. schlossenen Auto von Haus zu Haus, bis er das Sana- torium Löw betrat, wo Lore Sand lag. Mit der Uhr in der Hand konstatierte sie bann jedesmal, daß sich dieser Besuch am längsten hinzog —--

Selbstverständlich litt unter dieser konzentrierte: Spionagetätigkeit mit der Zeit auch die Ordnung in ihrem Haushalt. Da Daniela weder Zeit noch Lust hatte, sich um etwas zu kümmern, tot das Mädchen, was es wollte.

Kortfeßung folgt.)