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47. Zahrg

Donnerstag, 10. Zuni 1920

Nr. 132

Bezugspreis: Monatlich 2,00 Mk. ohne Zustellgebühr. InJu'da bei uns abgeholt 2,10 Alk. Anzeigenpreis: Die K > ein ze ile (Coloneimaß) 50 Pfg„ u. 10",. Zuschlag, die Reklame z ei le (lejrtbreite) 1.50 Alk^ u. 10°/» Zufchlaq. Bei Wiederhol. Rabatt.

Verantwortlich für den redattionellen Teil: Carl Schutte - für dir Anzeigen: I. Parzelier-Fulda. : Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei In Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Trlegr.-Adresie: Fuldaer Zeitung

sie heute: die vielen

ikf* ärLernl

sollte sie ihn nur los die erwartungsvolle Mutter Blicken irri-

Zordernde Liebe

Roman von Erich Ebenstein.

Wenn in' den nächsten 4 Wochen eine neue Koa­lition und eine feste Regierung gebildet ist, und die letztere sich zu dem diplomatischen Turnier gehörig ge­rüstet hat, so wollen wir die aufbauenden Architekten loben. „

Aus den unvermeidlichen Zeitverlust mochten wir Hinweisen, damit nicht die Bevölkerung mißmutig wird oder gar zur Ungeduld sich hinreißen läßt. Was^nge währt, kann schließlich doch noch gut werden. Durch die ersten scharfen Worte der Ablehnung oder, der „Forderungen" braucht man sich nicht schon kopsscheu machen zu lassen.

Auf das letzte Wort kommt es an, und das ist noch nicht gesprochen worden.

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Daß et nebenbei den groben Trick angewandt hatte, gelegentlich zu erklären, er male grundsätzlich nur schöne Frauen, häßliche 'lehne er einfach ab — be­wirkte, daß nun alle Frauen förmlich verpicht daraus waren, sich diese- „Schönheitsattest" von ihm ausstel­len zu lassen.

Hede Frühjahr-- und Herbstausstellung im Künst- kerhcüiz brachte Porträt- von Tallariva. Meist wur­den sie ihm hochbezahlt, aber es gab auch Bilder darun­ter. die er umsonst malte, rein aus „Liebe zur Schön­heit", hne er sagte.

Sie trugen dann schwärmerische Namen tote „Dorn­röschen" „Schneekönigin", „Lotosblume" oder „Sturm, fee", waren natürlich unverkäuslich und wurden dem Original als Huldigung zu Füßen gelegt. Sie bildeten 'm Verein mit Gerüchten über zarte Beziehungen zu der jeweiligen Dame seine beste Reklame.

Ein solcher Bild wollte er auch von Lou v. Meister malen, toährend Isoldes Bild auf Bestellung gemalt werden sollte.

Lou selbst, die ihm vorhin lächelnd von ihre» Man- nez poetischer Bezeichnung erzählt hatte, gab diesmal den Titel. „Mondenstrahl' sollte das Bild heißen und die junge Frau in ihrer heutigen Toilette, vom Mondschein beleuchtet, am Fenster einer alten Burg- gemach» darstellen.

Dallariva war ganz entzückt über die romantische Nee. Er himmelte Lou ununterbrochen mit Worten und Blicken an und rief alle Augenblicke begeistert-. -Halt! Ditte bleiben sie sol Diese Stellung ist ent- zückend!" Oder: „O, dieser Augenaufschlag! So — Lenau so müßen Sie blicken auf dem Bild!"

Lou amüsierte sich köstlich über sein närrischer We- fett, obwohl ihr gar nicht recht wohl dabei war. G:e empfand dieselbe dumpfe Beängstigung wie in "ter Nacht zuvor rang heimlich nach Luft und hatte zuwei­len dar Gefühl, alz müsie sie die Augen schließen, weil sich aller im Zimmer vor ihr drehte.

Das Zentrum.

Wenn man zu den 67 Zentrumsabgeordneten, die nach den vorläufigen Feststellungen als gewählt zu be­trachten sind, die 21 Mttglieder der bayerischen Aolks- Partei hinzurechnet, dann ergibt sich die staltl. Zahl von 87 Abgeordneten. Das Zentrum ist somit die st ä r l ste bürgerliche Partei. Der Verlust,von nur 2 Mandaten gegenüber der Stärke der Partei in der Na­tionalversammlung ist so belanglos, daß er nicht ernstlich in Frage kommt. Außerdem soll man nicht außer acht lassen, daß durch das Ausscheiden Danzigs, Posens und vor allem des Saprgebiets, die zur Nationalver­sammlung noch nicht gewählt haben und die dem Z°n- trum stets einige Mandate eingebracht haben, daß durch das Ausscheiden dieser Gebiete der Verlust der 2 Man- daie reichlich erklärt ist. Auch die für das Zentrum abgegebene S t i m m e n z a h l von 3 500 800 + 1 254 963 Bayerische Volkspartei = 4 755 763 nach vorläufiger Schätzung, in Vergleich gestellt zu der Stim­menzahl für die Nationalversammlung (Zentrum und Bayerische Volkspartei zusammen 5 980 216) bedeutet, wenn man die geringere Wahlbeteiligung in Betracht zieht, durchaus keinen Stimmenrückgang, sondern be- weist die innere und äußere F e st i g k e i t der Par- t e i sowie die Reif- seiner Anhänger, die dadurch glän­zend bewiesen haben, daß sie das Verständnis besaßen für die außerordentlich schwierige Stellung der Frak- tion sowie für die aufopferungsvoll geleistete Arbeit.

Tie Ncichsliste des Zentrums.

Don den aus der Neichsliste des Zentrums stehen­den Kandidaten können die sechs ersten als gewählt gelten. Es sind die folgenörn: Tr. Spahn, Dr.Hitze, Dr. Brauns, Sberpostjchaffner Koch, Fräulein Hed­wig Dransfeld und Dr. Franz Fortmann, Schrisi- letter der CPG.

Zufälligkeiten In der Wahlrechnung.

Die Bestimmung des Wahlgesetzes, daß auf je 60 000 Stimmen ein Abgeordneter entfällt, hat allerlei Zufälligkeiien in der Praxis im Gefolge gehabt. Wäh- rend die Deutschnationalen durch diese Bestimmung tin Wahlkrei-verband Rheinland-Nord mit einer Mehrheit von 15 Stimmen — sie brachten genau 60 015 Stim­men auf — ein Mandat errangen, ist der ehemalige Führer der konservativen Fraktion, der Graf W e st a rp, aus dessen Kandidatur saft sechzigtausend Stimmen ent­fielen, unterlegen. Das Mandat in Rheinland-Nord erlangten die Deutschnationalen durch die Zusammenle­gung von 34 000 Stimmen aus Köln-Land und i 26 000 Stimmen auf Koblenz-Trier. Auf die Wahl des Grafen Westarp hatte man sicher gerechnet, da die Ver­bindung der deutschnationalen Stimmen im Wahlkreise Potsdam II mit den gleichen Stimmen in Berlin vor- gesehen war. Die Deutschnationalen haben aber in Berlin 120 099 Stimmen erlangt, sodaß also mit einer Majorität von 99 Stimmen ein zcheiles Mandat aus sie entfiel, während cUr andererseits diese 99 Stimmen zur

Es war zum Verzweifeln! Wie werden? Sein Werben und stumme Aufforderung in seiner Herten sie namenlos — —

Ileberhaupt — alles ärgerte

Wera betradtete sie mit finsterer Miene. Sie Ivar ausnehmend schlechter Laune. Erstens ärgerte sie sich über ihre Schwestern — Isoldes Benehmen vorhin war ja geradezu skandalös gewesenI Und Daniela amüsierle sich anscheinend auch so vortrefflich mit ihrem Tisch­nachbar, einem jungen Advokaten, als gäbe cs leine» Egon —.

Zweitens war es mit Thalwann nicht zu einer be­friedigenden Entscheidung gekommen. Er hatte bon1 den Freuden einer harmonischen Ehe gesprochen — sie erwiderte, daß sie nie zu heiraten gedenke. Er sprach von der Poesie der Liebe — sie lachte darüber und erklärte Liebe für den größten Neinfall den sich kein vernünftiger Mensch leisten könne. AIS Er sie dar. aufhin ganz bestürzt ansah und nach einet Weile klein, laut frug, ob sie z. B. ihm nie gut sein könnte, ant­wortete sie mit brutaler Kürze: „Nein, ich glaube be. stimmt nicht, Herr Baron I"

Aber statt nun endlich zu begreifen, lächelte er er­geben und bat wenigstens um ihre — Freundschaft!

Menschen ringsum, die alle so glücklich und zufrieden taten und c5 doch gar nicht waren. Mama, die im­mer vorwurfsvoll herübersah, weil sie Thalwann ge- schickt abgeschoben hatte. Thalwann, der ihr zuweilen traurige Blicke zuwarf, und am allermeisten diese Heine, törichte Lou, die so gedankenlos mit Tallariva koket­tierte unbekümmert um den Mann daheim, der sich für sie abarbdtete ohne ein Wo-t der Klag; — —

Ja, da? war cS, was sie innerlich immer wieder aus^dem Gleichgewicht bracht«: der Gedanke an Ro- land Meisters aufopferungsvolles Dasein, an diese Ehe in die sie von Tag zu Tag tieferen Einblick ge- wann.

Ichre Krastnatur konnte es nicht fassen: So viel Schwäche bei so viel hoher Begabung! So viel Größe bei so viel Kleinheit! Tenn die Liebe zu einer Frau wie Lou war doch ettvas unendlich albernes, da sie nur im Aeußern wurzeln konnte — —

„Und wann werden Sie das Bild zu malen begin­

nen?" trug Lou neben ihr den Maler.

„Je eher, desto lieber, Gräfin," antwortete Dalla-

■ ‘ „Morgen, wenn Sie wollen!"

LouS Gesichtchen strahlte. Ihr Bild würde also eher fertig werden als daS Isoldes! Wie würde die

Die Schwierigkeit der Regierungsbildung. ]

Wenn die vorläufigen Feststellungen über den Waht- ausfall durch das omtl. Endergebnis bestätigt werden, wird der Reichstag aus 4 60 Abgeordneten be« stehen. Die absolute Mehrheit beträgt dann 231. Aus tne bisherige Koalition, Zentrum (ohne Bayerische Lotksparlei), Demokraten und Sozialdemokraten, ent- : sollen nur 222 Stimmen, das ist keine arbeitsfähige Mehrheit. Auch wenn noch die Bayerische Volksparlei durch engen Anschluß an das Zentrum wieder mit die Grundlage für eine Koalition bilden Helsen würde, gäbe ,s auch noch feine tragsähige Mehrheit für eine Regie­rung. die vor die schwierigsten Ausgaben der Innen- poiitik und die folgenschwersten Entschetdungen in der Außenpolitik grjitK. ist.

Was werden soll, ist noch völlig unklar. Entgegen der allgemeinen Erwartung ist der bisherige Reichs­kanzler Müller gestern vom Reichspräsidenten noch nicht mit der Ausgabe betraut worden, ein neues Kabi­nett zu bilden. D-e Verzögerung ist wohl darauf zurück- zuführen, daß die maßgebenden Mitglieder einzelner Parteien noch nicht in Berlin versammelt sind. Die Betrauung Hermann Müllers mit der Kabinettsbildung dürfte voraussichtlich erst am Freitag erfolgen.

Inzwischen hat jedoch der Reichspräsident bereits hervorragende Parlamentarier der alten Koalitionspar­teien empfangen. Von den mehrheitssozialisti- fchen Führern ist dabei auf das nachdrücklichste erklärt worden, daß an ein Zusammengehen mit der Deut­schen Volk,Partei nicht zu denken sei. Zwar soll die endgültige Entscheidung über die Haltung der Fraktion erst am Sonntag in der Parteikonferenz fallen, aber bei der in der Fraktion herrfchenden Stirn- mung wird es schwer halten, die Mehrheitssozialisten <u dem Eintritt in dir Koalition zu bewegen.

E» ist bereits der Gedanke einer Auflösung des kaum gewählten Reichstage» mehrfach erörtert worden, doch hat man den Gedanken wieder fallen lassen, weil nicht anzunehmen ist, daß Neuwahlen nach so kurzer Frist ein wesentlich anderes Ergebnis haben werden als die Wahlen am 6. Sunt. Es handelt sich nicht darum, ob die eint oder die andere Partei ein halbes Dutzend mehr oder weniger Mandate erhält. Das würde in b-r ganzen Konstellation der Parteien keinen Unterschied bedeuten.

Es ist ferner erwogen worden, ob nicht ein Ka­binett aus Fachministern gebildet werden könnte, das möglichst von sämtlichen Parteien beschickt werden soll. Dieser Vorschlag scheiterte schon daran, daß die sozialistischen Parteien und auch die Demokraten ihn ablehnen. Schließlich wird auch der Gedanke erörtert, das Kabinett aus den alten Koalitionsparteien zu bil­den und darin einige der Deutschen Volksparlei nahe­stehende Fachminister aufzunehmen. Aber auch eine solche, mehr inoffizielle Verbindung mit der Deutschen Volksparlei scheuen die Mehrheitssozialisten.

Man weiß nicht, welche Lösungsversuche in den nächsten Tagen noch vorgeschlagen werden. Man muß sedenfalls aus eine lange Dauer der Krise vorbereitet sein, ein bedenklicher Zustand bei der herr­schenden starken Spannung im Reiche.

Darauf mußten wir aber gefaßt sein: im Hand­umdrehen läßt sich die Sache nicht regeln. Die Lage ist so verworren, daß auch die besten Heil- und Hilfs­kräfte reichlich viel Zeit gebrauchen werden, um das Trümmerfeld aufzuräumen und aus dem verbliebenen Material die brauchbaren Steine zum Neubau zu sammeln.

Bedauerlich ist es sa, wenn sich die Bildung der parlamentarischen Mehrheit und der Regierung ver- zögert. Um so mehr, als die wichtige Konferenz in Spaa an der Türe steht. Auch wenn sie bis zum 5. Juli verschoben ist, bleibt doch die Frist sehr kurz.

Ihre Wangen glühten, ihre Augen leuchteten in unruhigem Glanz. Obwohl baS Menü ausgezeichnet riva feurig., ttiar genoß sie fest nichts, suchte aber ta8 immer te'e- her aussteigende Unbehagen durch eisgekühlten Chatw dagner und forcierte Lebbaslialeit rrieheuulanwicu.

Aufrechnung für das Westarpfche Mandat nicht mehr ausreichten. Schmelzlich ist auch für das Zentrum der Umstand, daß der Berliner Zcntrumskandidat, der bis- herige Abg. Dr. Morimilmn Pfeiffer, dessen Wahl bereits festzustehen schien, mit nur ein paar Hundert Stimmen unterlag. Statt der vorgesehenen 60 000 Stimmen wurden nur ungefähr 59 400 Stimmen aufgebracht. Auch in zahlreichen anderen Fällen hat die'Wahl-Arithmetik manchem Abgeordneten sehr übel mitgespielt, wahrend andererseits freilich zahlreiche Persönlichkeiten gerade der Verbindung der Wählerlisten erst ihre Wiederkehr ins Parlament verdanken.

Wahlergebnisse.

Aufenau. Z 122, D 3, TN 26, TV 35, 0 116,

Neusckwammbach. W 130. Z 3, D 34, TN 1, TV 33, S 5.

= Kirchham. Die Zentrums st Immen im Kreis Kirchhain betragen diesesmal 42 Prozent oller abgegebenen Stimmen. 2m Januar 1919 hatte dos Zentrum 40,6 Prozent der Stimmen im Steife Kirchhain erhalten. Es ist also ein erfreuliches Steigen der Ze ntrums stimmen festzustellen.

3n Bayern hct die Bayerische Volkspartei ihre Slim- menzahl erfreulich vermehrt. Hoche'rfreulich ist vor ollem der glänzende Erfolg der Bayerischen Volksparlei in München, wo die letzte Wahlziffer um 20 000 Stimmen erhöht wurde und Cie Ipütici weit vor allen anderen an der Spitze marschiert. Münä>en hat wieder eine, wenn auch noch nicht allzu starke bürgerliche Mehr- Helt. _________________

Eine deutsche Note über die Stärke der Reichswehr.

Die deutsche Negierung richtete an die alliierten Mächte eine Note, in der ertläit wird, daß Deutsch- land sich vor der Unmöglichkeit befinde, am 10. Juii d. Zs. die Bestände der Reichswehr auf die im Friedensvertrag von Veriatftes vorgesehene Stärke Hera bz u setz en. Tie Note verlangt, daß der gegen­wärtige Stand von 200000 Monn ständig gehalten werden könne.

Die Monschauer Dahn belgisch.

Die Kommission des Obersten Rates, welche die Frage der Eftenbahn von Monschau untersucht, hat fetzt endgültig den Beschluß gesoßt diese Eisenbahn B c l- gien anzugliedern.

Belgien Hot mit den Kreisen Eupen und Molmedy, denen es eine regel,echte Volksabstimmung vorenthält, noch nicht genug: es kann noch einige Kilometer deut­sches Land mehr gebrauchen. Also muß die Kommis­sion den Raub gutheißen. Daß der Oberste Rot so und nicht zu Gunsten Deutschlands entscheiden würde, war sonnenklar. „Selbstbestimmungsrecht" ist nie das Recht der Deutschen, sondern immer nur die Freiheit der anderen. Um eine Verletzung der deutschen Autorität braucht man sich keine Skrupel mehr zu machen. Der Friedensvertrag ist ein Pakt, der nur für Deutschland unbedingt verbindlich ist.

Neuer Zwischenfall in Oberschlesien.

In der Nacht zum Mittwoch versuchten vier Fran­zosen eine Hochzeitsgesellschaft auf der Bolko-Jnsel zu stören, wurden aber daran gehindert Auf der Rückfahrt über die Oder entstand in dem Boot zwi­schen den Franzosen und dem Fährmann und seinen beiden Söhnen ein Handgemenge, das angeblich durch Gewehrfeuer von den am Ufer stehenden Fran­zosen verursacht wurde. Tabei wurden drei Fran­zosen ins Wasser geworfen, von denen einer ertrunken ist.

Sie rückte näher an ihn heran und begann leise mit ihm zu tuscheln. Wera konnte nur einzelne Worte verstehen. Sie besprachen die Stunden der Sitzungen. Tallariva fragte, ob es ihrem Mann wohl recht sein würde? Ach natürlich — was sollte Rollt) dagegen haben? Nolly war ja so gut. Ihn freute, was sie freute — —

In Wera wuchs der Zorn. Sie hätte Lou bei den Schultern nehmen und schütteln mögen: Tu, wenn Tu das weißt, dann sündige nicht darauf! Es ist ihm nicht recht! Es kann ihm nicht recht sein! Und denke doch — während Tu hier sitzt und albernes Zeug re­dest, preßt er sein Talent daheim ins Joch für euer tägliches Brot! Müde, wie er ist, arbeitet er uner­müdlich und sorgt sich'dabei noch um Leine Gesund, heul

Aber sie preßte die Lippen zusammen und schwieg. Lous Selbstsucht war ja wie ein Stein. Wozu Stei­nen predigen?

Als Lou sich nun schmeichelnd an sie wandte: „Nicht wahr, Wera, Tu begleitest mich morgen in Herrn Tallarivas Atelier?" nickte sie mechanisch mit dem Kops. „J/i — natürlich. Allein kannst Du doch nicht gehen!"

Im großen Salon nebenan, der inzwischen halb ausgeräumt und frisch aufgebürstet Warden Ivar, be­gann die Musik nun schmeichelnde Weisen, die sich zur Polonaise formten.

„Ach — tanzen!" stieß Lou erregt heraus. „Wie herrlich! Tanzen heißt leben!"

Sie erhob sich, die Hand schon auf Tallarivas Arm, der sich ihr eilig entgegenstreckte.

An allen Tischen sprang die Jugend auf. Man drängte stürmisch gegen den Nebenraum. Wera, d:e sich mechanisch mit den andern zugleich erhoben hatte, stand im Gedränge dicht hinter Lou, als sie deren zarte Gestalt plötzlich schwanken fühlte.

„Was hast Tn. Lou? J,st Dir nicht wohl?"

Tas zarte Köpfchen toandte sich ihr zu. Einen Augenblick lang starrte Wera ein bleiches, angstvoll entstelltes Gesicht entgegen. Dann kehrte die Farbe wieder auf Lous Antlitz. Sie lachte.

„Bewahre! Mir ist ganz gut. Nur das Gedränge —! Es ist mich so heiß hier —! Ach, das tut gntl"

Sie hatten den Saal betreten, und Lou atmete in tiefen, gierigen Zügen die kühle Luft ein, die dort den Rmmi füllte.

Ta war c8 Wera plötzlich als sähe sie wieder Ro­land Meisters Gesicht bot sich mit dem halb bittenden.

Deutsches Reich.

♦♦ Berlin, 9. Juni. Der Präsident der Preußischen Zentralgenosjenscheftskasse, Dr. H e i l i g e n st a d t, ist am 3. d. M., 60 Jahre alt, in Berlin gestorben. — Zum Arnsberger Regierungspräsidenten ist der Arbeiterfekre- tär König -Dortmund (S03.) ernannt worden. — Ge­gen den in der Frontbundbewegung besonders tätigen ehemaligen Hauptmann Pfeffer wurde ein Haftbe­fehl erlassen, dem er sich jedoch durch die Flucht entzog. — Die demokratische Schriftleitung der Münchener Neueste Nachrichten ist zurückgetreten, da wegen Besitz- wechfel ein Wandel auch in der politischen Haltung des Blattes erfolgen soll. — Der amerikanische Automobil­fabrikant Ford stiftete taufend Kisten kondensiert, Milch für deutsche Wöchnerinnen und Säuglinge.

— Tom Wirken der kriegsgefellschosken. Ein deut- scher Haus in China hat aus Mitleid mit der kargen Er­nährung in Deutschland sich seinem Hamburger Stamm- Hause gegenüber bereit erklärt, 10 K! st e n Eigelb dem deutschen Roten Kreuz gratis zur Verfügung zu (tei­len. mit dem Bemerken, einer besonders notleidenden deut­sch-- Familie ein gewisses Quantum auszuhändigen. Da­mit nun diese 10 Kisten willkommener Nährmittel nicht das Mißgeschick laufen könnten, an der Grenze zurück- gewiesen zu werden, hat die Hamburger Fiima vorsorg­lich bei der Reichsoerteilungsstelle für Nährmittel und Eier um Ausstellung einer formellen •.vtUcunfl nachgesucht. Von dieser Stelle ist der nachfolgende, ianm glaubliche und dem gesunden Menschenverstand nicht faß­liche Entscheid zurückgekommen: „Eine Einfuhr von Trockenei kann augenblicklich nicht befürwortet werden, weil zur Deckung des inländischen Bedarfes ausreichende Mengen vorhanden sind. Falls das Deutsche Rote Kreuz Eiprodukte benötigt, so mag cs von s i ch aus mit einem derartigen Anträge an mich herantreten." — Leider sind solche himmelschreienden Fälle von verknöchertem Büro­kratismus in den Kriegsgesellschasten, die statt für g e gen die Allgemeinheit wirken, nicht selten. Es wird Zeit, daß in diese Wirtschaft einmal ordentlich hineingeleuchtet wird. . _ ,

** Sozialdemokratie und TM'gionsunterridjL Zwei Anträge für die „weltliche" Schule, die von den Unab­hängigen und der sozialdemokratischen Fraktion gestellt sind, werden die Stadtverordnetenversammlung von Neukölln in ihrer nächsten Sitzung beschäftigen. Die Unabhängigen beantragen, sämtliche Neuköllner Volks­schulen weltlich einzurichten und den Religions­unterricht aus ihnen zu entfernen. Nach dem Antrag der sozialdemokratischen Fraktion soll der Magi­strat ersucht werden, baldigst Borbereitungen zu trefsen, daß alle vom Religionsunterricht befreiten Kinder zmn 1. Oktober gesondert einoeschult werden, und daß ihnen Unterricht in der „Gemeinschaftskunde" erteilt wird. — Was sagen dazu dicsenigen Katholiken, die bei der Wahl einen roten Stimmzettel abgegeben haben, weil sie sich haben einreden lassen, ein Katholik könne ganz gut Sozialdemokrat fein?

Ausland.

* Holland. Im Haag fanden sozialistische Mas­sendemonstrationen wegen des beabsichtigten Gesetzes gegen revolutionäre Umtriebe statt. Es kam zu Zu­sammenstößen mit der Polizei, die die Menge schließ­lich auseinanbertrieb.

* * Englisch-russisches Abkommen. ,Times' erfährt, daß die englische Regiernng im Begriff ist, ein W- komwen mit Rußland abzuschließen, was eine Hln- erkennnna der Sowjetreaierung bedeute»-.

* Meder eine Hegierungstrife In Italien. Die Lage des eben erst gebildeten italienischen Kabinetts Nitti ist schon bald überaus schwierig geworden. Die Sozialisten brachten in der Kammer eine Tagesord­nung ein, mit der die Kammer sich weigert, die Re­gierungserklärungen überhaupt anzuhören, da die Re-

halb vorwurfsvollen Blick. „Lassen Sie sie wenigsten? nicht tanzen"!

Sie griff hastig nach Lons Arm.

„Bitte, tanze nicht ,Lou! Tein Mann will es nicht haben! Er sorgt sich so um Dich! Tu es ihm zu­liebe!" 1

Aber mit eidechse nhaster Geschwindigkeit hatte Lau sich schon loSgemacht und huschte mit trurnphiercndem Lächeln davon, wie ein Kind, das sich diebisch freut, dem Lehrer entwischt zu sein.

Anmutig schwebte sie in der Reihe der Paare dahin, rosig und strahlend als hätte sie sich .nie müde ge« fühlt.

„Nein, krank ist sie wirklich nicht," dachte Wera beruhigt, 'suchte sich einen versteckten Winkel nahe de» Tür und ließ sich mißmutig nieder.

Walzerklänge ertönten. Wiegend drehten sich die Paare. Viele Bekannte kamen nach und nach, um Wera zum Tanz zu holen. Aber sie lehnte sehr be­stimmt ab. Sie habe Kopfschmerzen und tanze heute nicht. Thalwann, der etwas kurzsichtig war, ging ahnungslos an ihr vorüber und suchte sie eifrig am anderen Ende des Saale». Ta atmete sie erleichtert auf. Gottlob nur den nicht wieder zur Seite . . -

Und doch fühlte sie sich innerlich vereinsamt wie nie zuvor im Leben. So leer — so zwecklos schien ihr alles.

„Woran denkst Tu, — Großmntterchen?"

Wera fuhr zusammen. Lou stand vor ihr und Be» traäbtete sie amüsiert,

„Verzeih, aber e$ fehlen wirklich nur mehr Drille und eine Haube, so ist die alte, weise Großmutter fertig! Was treibst du denn nur, Menschenkind? Warum verkriechst Tu Dich hier hinter dem Türflügel, fängst Grillen und tanzt nicht?"

„Ich weiß selbst nicht. Ich habe keine Lust . . .*

„Was? Keine Lust zu tanzen? Ja, bist Tu denn nicht jung wie wir andern? Reißt Dich die Musik nicht empor ob Tu magst ober nicht? Freust Tu Dich denn gar kein bißchen, daß es fo wunderschön ist heute abend?"

„Nein," antooriete Wera schroff. „Worüber soll ich mich denn freuen?"

„Worüber? Ach Gott!" Lou wandte den Dlia nach oben als wollte sie sagen: Ja, wenn Du c8 nicht weißt, dann ist allerdings nicht zu reden mit Dirl