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Nr. 122.

Verantwortlich für den redattionellen Teil: Carl Schütte, n für die Anzeigen: I. Par zell er-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

Zreitag, 26. UTai 1920.

Bezugspreis: Monatlich 2,00 M. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei unsabgeholt 2,10 2HL Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colone'mah) 50 Pfg., u. 10°, Zuschlag, die Reklomezeile (Textbreite) 1.50 Alk., u. 10% Zuschlag. Del Wiederhol. Rabatt.

47. Zahrg.

Zentrum und Landwirtschaft.

Ton Karl Diez, Landwirt und M. d. N.

Di« tiefgehende Erregung, die alle BevölkerungS. Achten durchzittert und insbesondere die Bauern- /cha f t, wird jetzt politisch auszunutzen versucht. ES ^rd dem Bauern in allen Tonarten von der Unzu» >rläss>gkeit deS Zentrums borgeredet, das die Land, eirte im Stich gelassen habe. Den Beweis dafür an- «treten, hat man bis jetzt Unterlasten.

Um die Arbeit der Zentrumspartei für die Land» oirtfchaft richtig zu würdigen, müßte man die Ge. Schichte des Zentrums schreiben. ES sei daher aus der entfernteren Vergangenheit nur darauf hingewiesen, haß die Mute der deutschen Landwirtschaft in den Jahrzehnten vor dem Kriege im Schutze ihrer Produk­tion gegen die Schleuderkonkurrenz des Auslandes be­gründet war. Um diesen Zollschutz zu ermöglichen, mußte Bismarck schon 1873 die ihm durchaus iintoiH- fotmnene Mitarbeit des Zentrums, das in schärfster Apposition zu ihm stand, heranziehen. Wo heute in Deutschland Menschen verhungern, ist die Frage des gollschutzeS eine müßige, als Erinnerung ist sie jedoch auch jetzt bei den Wahlen am Platze.

Daß das Zentrum die Bedürfnisse der Landwirt- schäft kannte und diese wirkungsvoll schützte, beweisen fcie neuen Steuergesetze unwiderlegbar. Als fcie Erweiterung der Erbschaftssteuer auf Kinder und Wegatten von der Nationalversammlung befchloffen wurde, legte die Regierungsvorlage bei der Wertfest- pellung den gemeinen Wert (Verkaufswert) zu­grunde. Ein Zentrumsantrag verlangte für Grund­stücke, die dauernd land- oder forstwirtschaftlichen oder gärtnerischen Zwecken zu dienen bestimmt find, die Zugrundelegung des Ertragswertes. Um auch hierbei zu verhindern, daß die Kriegspreise den Maß. stab für die Feststellung des ErtragswerteS abgeben sollten, beantragte das Zentrum, daß als solcher der Reinertrag anzusehen sei, den die Grundstücke bei ordnungsmäßiger Bewirtschaftung mit entlohnten, fr ern­ten Arbeitskräften nachhaltlich gewähren können, fer­ner, daß im Ertragswert die Gebäude und Betriebs­mittel der Land- und Forstwirtschaft mit einbegriffen seien. Die Anträge wurden zum Gesetze, wodurch u n- absehbarer Nutzen für die Landwirt, schäft erreicht wurde. Die Veranlagung nach dem Verkaufswcrte hätte daS landwirtschaftliche Eigen­tum in wenigen Erbgängen aufgezehrt. Die gleiche Bestimmung wurde auch in die Reichsabgabenordnung auf genommen, und zwar ebenfalls auf einen Antrag des Zentrums. Damit bildet sie die Grundlage für jede Steuerveranlagung nach dem Vermögen, wie z. B. bei dem Reichsnotopfer.

Mer das Zentrum stets in einem Atemzuge mit bet -H1*1'f Vvf b .'rennt, der kennt die tatsächlichen Verhältnisse schlecht. Daß die Zwangs­wirtschaft während der Dauer deS Krieges nicht zu ent­behren war, ist allgemein anerkannt. Die Landwirte sind mich weniger deswegen erbittert, als wegen der gewaltsamen Tiefhaltung der Preise ihrer Produkte. Das Mißverhältnis zwischen den Erzen- guugskosten und den Preisen zwangsbewirtschafteter landwirtschaftlicher Produkte wurde geradezu unerträg­lich. Der unverantwortlichen Agitation gegen jede Er­höhung der Preise durch die Sozialdemokraten wurde seitens des ErnährungS- bezw. Wirtschaftsministers allzusehr Rechnung getragen, und jede Forderung nach Preisen, die den Produktionskosben angepatzt waren, wurde von dieser Seite auf daS nachdrücklichste be­kämpft. Das Zentrum tritt schon seit langem für den Abbau der Zwangswirtschaft ein. Mt Ausnahme von Getreide und Milch, für die auskömm­liche Preise festzulegen sind, könnte mit dem neuen Erntejahr die gesamte lanldwirtschaftliche Produktion freigegeben werden.

Ich sehe davon ab, auf alle die weiteren Bemühun. gen hinzuweisen, die daS Zentrum für die Landwirt­schaft unternommen hat, ohne das Ziel seiner Wünsche zu erreichen. Aber auf eine große Gefahr auf­merksam zu machen, scheint mir Pflicht zu sein. Es lverden unter dem Einfluß allgemeiner Unzufriedenheit Dinge viel zu sehr unter dem Gesichtspunkte der augenblicklichen Zustände beurteilt, ohne zu bedenken, diese nichtnormal und vorübergehend smd. Dadurch, daß daz Zentrum unter Zurücksetzung -chiverster Bedenken nach den Wahlen zur Nationalver- ^mulung sofort in die Regierung eintrat, trotz des Sroßm EinflusteS der Sozialdemokratie und der grund­sätzlichen Gegnerschaft zu ihr, wurde die Rückkehr ge­ordneter Zustände, dine witkliche Regierung ^"üglicht. Daß in der Reichsverfassung das per- e*-n Eigen tum und das Erbrecht be­schützt tourbe, daran hat die Mitarbeit des Zentrums chren Anteil. Daß das Recht der Eltern auf die "Ugiöse Erziehung ihrer eigenen Kinder in 7* Schule gewahrt wurde, ist das Verdienst des Zen. Itu,n3 in der deutschen Nationalversammlung. Millio- nev christlicher Eltern, gleichgültig ob katholischen oder Feilschen Glaubens, werden ihm dies am Wahltag "'ch! vergessen. Durch daS Eintreten des Zentrums kur den Abschluß deS Friedens, hat eS Deutschland 7^ der Besetzung durch den Feind bewahrt. Eine f^notidbe Besatzung hätte cu5 der deutschen Landwirt- sch°si ohne Bezahlung allwöchentlich mehr Vieh requi- S al» die einmalige Ablieferung infolge des Frie- ertrag^z von ihr forderte und für deren Bezah- zmn Tagespreise das Zentrum ebenfalls einge. weten ■•*.

^'cht nur jeder Landwirt und jede Bauernfrau, - ’^rn jeder Wähler, und jede Wählerin, die eine v.^^^dung, eine erschütterungsfreie Weiterent- "Mlung hx- deutschen Wirtschaftslebens erstreben, wer.

v dem Zentrum ihr Vertrauen schenken müssen. Wer J*” kulturellen, sittlichen und religiösen Interessen un. J?'8 unglücklichen Vaterlandes dienen will, der wähle Zufalls ohne Unterschied des Standes oder Konfession

6> Sunt Zentrum I

Der Preisrückgang.

^kisstvrz auf dein Lebensmilkelmarkk. — Mrl- reaftetrifen. — Das Steigen der Markvaluta.

vcffnung betoepf das Gemüt deS Bürgers, während und Schleichhändler in Aengsten und Nöten en-. Denn die Preistreiberei hat fast mit einem ^ aae in der ganzen Welt ein Ende erfahren. Die

fast überall von den Spekulanten geübte Taktik, die Waren zurückzuhalten, um die Preise immer höher und höher zu treiben, rächt sich jetzt an ihnen selbst. Der allzu straff gespannte Bogen ist zerbrochen. Viele Grossisten haben einen derartigen Warenüberfluß, daß sie ihre Waren los werden müssen und zwar um jeden Preis. Mit einem Male werden von überall die Waren auf den Markt geworfen, sodaß sie plötzlich rapide im Preis fallen.

Die Folge davon smd schwere Wirtschafts­krisen. Von überall her kommen solche Meldungen, aus Amerika, England und Japan und jetzt auch schon vom deutschen Markt. Ja der deutschen Schuh- und Tex­tilindustrie ist die Krise schon längere Zeit akut, neuerdings zeigen sich diese Preisstürze auch aus dem Le­bensmittelmarkt.

Seit einiger Zeit machen sich aus dem Homburger und Berliner Lebensmittelmarkt stetige Preissenkungen bemerk­bar, die jetzt bereits respektable Formen angenommen haben. Die Ursachen liegen zunächst in dem täglich ft ei­gen b e n Markkurs, der uns ermöglicht, ausländische und überseeische Lebensmittel zu erträglichen Preisen anzu­kaufen. Die Anfuhr aus dem Ausland, besonders aus Amerika, hat infolgedessen derart zugenommen, daß im Hamburger Großhandel eine Panik ausgebrochen ist. Die Hamburger Grossisten räumen ihre Läger, wobei sie selbst starke Verluste auf sich nehmen, bei einigen Groß- firmen gehen die Verluste in die Millionen. Tagtäglich gehen Züge mit Lebensmitteln nach Berlin und ins Reich und die Preissenkung wäre geradezu katastrophal gewor­den, wenn nicht der B i n n e n s ch i s f e r st r e i k die Was- ferroege gesperrt hätte. Aber aus ebendemselben Grunde steht dieser Streik vor dem Zusammenbrechen. Verschärft wird die Preissenkung dadurch, daß jetzt auch das Speku- lantentum und der Schleichhandel gezwungen wird, seine Läger unter Riesenverlusten zu räumen.

Am stärksten betroffen sind Fett und Margarine, deren Preise im Großhandel um fast d!e chälfte ge- fallen sind, ch ü l s e n f r ü ch t e, die vor kurzem im Kleinhandel 4—6 Mark kosteten, stehen jetzt im Groß­handel auf 2,50—3 Mark. Reis, vor kurzem im Groß­handel noch 11 Mark, ist bereits für 6 Mark erhältlich, mindere Sorten gar für 4—5 Mark pro Pfund. Stark betroffen ist auch der F i s ch m a r k t. Der Großhandel hielt trotz der Riesenfänge die Fische zurück, um die Preise künstlich auf ihrer chöhe zu halten. Er hat sich dabei ver­spekuliert, das Gegenteil ist eingetreten: Heringe werden schon jetzt um 200 Mark das Faß billiger gehandelt als vor 8 Tagen, frische Seefische kommen in den Hafen­städten für 75 Pf. bis 1 Mk. auf den Markt. Des Großhandels wie des Kleinhandels hat sich aus diesem Grunde eine derartige Panik bemächtigt, daß sie jetzt alles auf den Markt werfen, was da ist.

Neben dem ehrlichen und dem Schleichhandel er­leiden aber durch diese Lage auch die Kommunen Millionenverluste. Die Magistrate der gro- ßen Städte hatten sich besonders mit Fett, Margarine und Hülsenfrüchten in großen Mengen eingedeckt, deren Einkaufspreis fast daz Doppelte des jetzigen Verkaufs­preises beträgt. Wenn sie ihre Waren jetzt verkaufen wollen, müssen sie Verluste von 30—40 v. H tragen. Die Marktlage ist derart, daß im Interesse des Pud. likums sofortige Freigabe des Fett- und Margarinehandels geboten erscheint. Tenn hier sind wir jetzt schon so weit, daß ein Ländler den anderen unterbietet, nur um feine Ware los zu wer­den. Diese Möglichkeit muß die Bevölkerung aus« nutzen können, und das kann sie nur bei der freien Wirtschaft.

Nicht nur bei uns, auch aus dem nordamerikanischen und englischen Markt ist dieselbe Wirtschaftskrise aus- gebrochen, die sich über die ganze Welt verbreitet. In Amerika sind in der letzten Zeit die Preise auf dem Textil- und dem SebenSmittelmarlt rapide gefal. len und fallen noch weiter. DeS englifchen Großhandels hat sich eine ähnliche Panik bemächtigt wie die des deutschen. Amerika Und die neutralen Plätze sind mit Waren überfüllt, die sie wegen des geringen Standes der Währung ihrer Abnehmer nicht los werden können, und von diesen Abnehmern ist! Deutschland einer der größten. Man hat also drüben alle Veranlassung, die deutsche Valuta wieder auf eine kaufkräftige Höhe zu bringen. Daher daz rapide Steigen bei Markwertes, der jetzt bereits 14 Pfennig des FriedenSitandez erreicht hat. Der große Ansturm auf den deutschen Markt steht also noch bevor und mit ihm der große Preissturz. Die jetzt hereinbrechende Krise kann der Anfang zu der großen Umtoälntng sein, die die Weltwirtschaft wie auch unser deuischeS Wirtschaftsleben wieder in gesunde normale Bahnen wirft. Wenn die Entente einigermaßen Vernunft an. nimmt, können wir begründete Hoffnung auf Rettung haben.

Zu den Putschgerüchten.

Sie Ankündigung von Putschen dauert in der Der- fiiref Presse fort. Di« Blätter der Rechten und der Linken bezichtigen sich gegenseitig der Putschabsichten. Der Staatskommissar für Aufrechterhaltung der Ord­nung, Staatsanwalt Weißmann, hat daraufhin gestern Pressevertretern gegenüber sich über die Putsch­gefahren geäußert.

Er leugnete diese Gefahren nicht ab, hielt sie aber von beiden Seiten für stark übertrieben. Was die Ge­fahr von links anbetrifft, so dächten bie U n a b hängt- gen an keine Gewaltakte, umsoweniger, als sie aus dem Wahlkamps erheblich gestärkt hervorzugehen hoffen. Auch die Kommunistische Partei, die bekanntlich zum ersten Male als solche an den Wahlen teilnehme, habe verschiedentlich befenntgepeben, daß sie jode Gewaltpolitik ablehne. Die Gefahren seien aber deshalb nicht leicht zu nehmen, weil Hitzköpfe und gewissenlose Hetzer immerhin genug Unheil anrichten können. An einen allgemeinen kommunistischen Aufstand glaubt der Staatskommissar nicht. Weiler führte Weißmann aus, daß er auch nicht an einen wohloorbereiteten zweiten Kapo-Putsch zu glauben vermöge. In Gutsbesitzerkreisen seien allerdings noch zahlreiche Waffen nicht abgeliefert und auch würden Soldaten von den Gutsbesitzern auf den Gütern beschäftigt. Die weit größere Gefahr rühre aber von den in der Auslösung begriffenen Freikorps her. Die ent­laßenen Soldaten sind vielfach in Sorge um ihre Zukunft und in solcher Stimmung irgendwelchen Putschabsichten leicht zugänglich. Die rechtsstehenden Parteien seien zwar von den Kopp-Leulen abaerütft, aber nicht deutlich genug, sodaß immer noch der Anschein bestehe, daß sie insoefjeim mit diesen Leuten sympathisieren. Es sei kein Zweifel darüber, daß eine Organisation bestehe, die den Weiter- bestand aufgelöster Heeresverbände in festen Formationen sichern soll,' und diese Tatsache bedeute eine außerordent- liche Gefahr für die Sicherheit des Reiches. Schließlich gab der Staatskommissor feiner Meinung dahin Ausdruck, daß wir die Wahlen in Ruhe überstehen dürften, und daß die Reichsregierung allen Umtrieben gegenüber sich wohl aerüftet fühle.

Ob die Leute, die von der Busschangst befallen sind, sich nun beruhigen lassen, bleibt obzuwarten. Es . kann immerhin hier oder da zu einer kleineren oder i größeren Erschütterung des inneren Friedens i

darauf müssen wir nach wie vor gefaßt sein und uns bereit halten, etwaige neue Putsche ebenso zu übertönt- den, rote bie vorhergegangenen. Es fragt sich zur Zeit nur, ob gerade die gegenwärtigen Wahlen den Anstoß zu neuen Krawallen geben werden. Wenn man alle Anzeichen ruhig prüft, so kann man freilich dem Staats- kommissar mehr glauben, als den wilden Gerüchten: eine ernstliche atute Gefahr liegt zur Zeit nicht vor.

Lassen wir uns nicht von den Putschgerüchten ner- vös machen, sondern erfüllen wir unsere Wahlpflicht in dem Bewußtsein, daß ein guter Wahlausfall die beste Gewähr für die Erhaltung des inneren Friedens ist.

Kapp-Putsch und Deutfchnatkonale.

Herr Hergt, der Vorsitzende der Deutschnatio­nalen Volkspartei, hat am 30. März die Kapp- Regierung in der Preußischen Latidesversammlung von den Rock'chößen seiner Partei allzuschütteln ver­sucht und erklärt: „Die sogenannte Kapp-Regierung war unmöglich; davon sind wir alle überzeugt ge­wesen, dem haben wir alle Ausdruck verliehen." Jetzt veröffentlicht der Vorwärts ein Gespräch, das 13. März, dem Tage des Kopp-Putsches, zwischen Hergt und dem sozialdemokratischen Abg. Heil­mann stattgefunden hat. Heilmann drang in Hergt, er möge Kapp und Lüttwitz veranlassen, noch vor Montag zurückzutreten, sonst flamme unweiger­lich der Generalstreik auf und die Folgen seien unabsehbar. Hergt erwidert, datz Kapp und Lütlwitz einen solchen Vorschlag nur verlachen würden, dann fährt er fort:

Hergt: An einen allgemeinen General­streik glaube i ch nicht. Dazu war die gestürzte Regierung viel zu populär. Sehen Sie nur aus dem Fenster — sieht es da nach Generalstreik aus? Weder die Unabhängigen noch die Mehrheitssozialisten werden sich mit besonderer Begeisterung in den Generalstreik stürzen. Die Mehrheitssozialisten wollen davon über, thaupt Wichts wissen, und die Unabhängigen werden doch nicht für Ebert-Bauer-Noske kämpfen. Sicherlich wird es hier und da zu revolutionären Aufwallungen kommen, aber die werden schnell zusammenbrechen Ich habe da als Regierungspräsident in Oppeln meine Er­fahrungen gemacht, wie schnell man einen Arbeiterstreik durch Verweigerung der Lebensmittel brechen kann, bei mir hat stets schon die bloße Droh­ung damit genügt. W ir haben die Waffen und die Lebensmittel, das genügt. Ich möchte nicht, daß später einmal von mir in der Presse steht, ich hätte das bekannte Bismarckwort zitiert; aber Sie werden wissen wieviel Wahrheit darin steckt?

Heilmann: In dem Wort von Zucker­brot und Peitsche.

Hergt: Sie haben das gesagt, nicht ich.

H e i l ma n n : nUd wie denken Sie sich nach dem Kapp-Putsch die Zukunft der Arbeiterbewegung?

Hergt: ES wird sich schon ein Weg finden, die Sozialdemokratie zu retten. Wenn der Generalstreik vor dem Zusammenbruch steht, dann können wir vermitteln, daß die Regierung Kapp-Lüttwitz un­zweideutig erklärt, daß sie nur b i 8 z u den Wah­len im Amte bleiben wird. Als Garantie dafür und für die Freiheit der Wahlen könnte vielleicht fo» gar ein Sozialdemokrat in die Regierung mit eintre« ten. Dann könnte die Sozialdemokratie den Kampf abbrechen, und die Unabhängigen würden die Nieder­lage allein erleiden.

H e i l m a n n : Das sind ja ganz unwirkliche Vor- ftellungen. Kein Sozialdemokrat wird je in trfe Rbglterung Kapp-Lüttwitz einfcceten, und wer e8 persönlich täte, wäre für die Arbeiterklasse fofort er­ledigt, Auf diese Weise kann und will die Sozial- demokvatie nicht „gerettet' werden. Es bleibt bann eben bei Kampf und Bürgerkrieg und bei all den Folgen, die ich bargelegt habe. Mer ich hätte nach ftbren früheren Erklärungen gedacht, daß wenig- ftens Sie in der schärfsten Weise gegen den Kapp-Putsch Stellung nehmen würden.

Hergt: Sie müssen doch unsere Lage begreifen. Kapv und Lüttwitz haben die Macht und werden sie borläufii behalten. Da können wir uns nicht rein negativ verbalten, sondern müssen auf dem Boden der jetzt gegebenen Tatsachen Mit­arbeiten.

Heilmann: DaS ist ein wenig tröstliches Ergebnis unserer Unterredung.

H ergt: Ich will noch einmal mit meinen Freunden vorn Vorstand über Ihre Anregungen sprechen; aber ich glaube nicht, daß wir zu einem anderen Ergebnis kommen werden.

Nach dieser Darstellung werden die Deutsch- nationalen wohl zugeben müssen, daß sie demKapp- Putsch nicht so fern standen, wie sie gern glauben machen möchten.

Deutscher Reich.

** Berlin, 27. Mal. Mit dem nach London gehen­den Kurier hat am Mittwoch bas Reichsausgleichamt die ersten deutschen Forderungen gegen das britische Ausgleichamt abgesandt. — Der bä» Nische Milchexport nach Deutschland wird am 1. Ium eingestellt Die deutsche Regierung hat mitge- tellt, baß sie den bisher gewährten Zuschuß, der zwei Drittel bes Preises ausmachte, wegen Gelbmangels nicht zahlen könne. — Trotz wiederholter Warnung nehmen die Meldungen zur Fremdenlegion nicht ab, sondern zu. Noch den letzten Meldungen haben sich allein in den Monaten März und April 3000 Deutsch« in die Fremdenlegion gemeldet. — Eduard Wo er­mann, der Semorchef der Firma C. Woermann und frühere Leiter der Deutsch-Ostasrika-Lime und der Woermann-Lime, ist in Hamburg gestorben. — Der australische Verwalter von Apia hat die demnächstlge Ausweisung vieler Deutschen aus S a m o a anae- ordnet. — Die unabhängigen Wahlagitatoren sind aus dem amerikanisch besetzten Gebiet ausgewlesen, die Wahlarbest der Unabhängigen von den "Amerikanern verboten worben.

♦ Zum Streit der Kassenärzte mit den Kranken­kassen wird vom Reichsaibeilsministerinm mitgeteilt, daß dort Verbandlungkn über ein Einigungsver- fai-ren einer eilet sind, das in Kürze beginnen soll. An diesem Verfahren werden zwei beamtete Ver- tieter und je fünf Vertreter der Arrzte und Kossen- berbänbe teilnehmen. Die Leitung des Einigungs- Verfahrens wird voraussichtlich eine von den Äerzien I voraeschlayene fachkundige Persönlichkeit übernehmen, ; nachdem tue Kassenverbände ihre Zustimmung er- ; teilt haben. |

♦ Telegrammüberwachung. Im Interesse der Kapitalflucht, des Kettenhandels und der GoldauS« fuhr ist soeben die Ueberwachung des Telegramm- Verkehrs nach dem Ausland« eingeführt worden.

♦ Schülerfelbstverwactung. Ein Erlaß les Kultus­ministers über die Schülerselbstverwaltung in den höhe­ren Schulen besagt folgendes: In jeder Klasse werden in geheimer Wahl mehrere Schüler gewählt, di« den „Klassenausschuß" bilden. Die Sprecher der obere» Klassen (an Vollanstalten von Untersekunda an) bilden den „Schülevausschuß", der sich einen Lehrer als „Be­rater" wählt. In jeder Klasse findet außerdem all- monatlich einmal in einer „lehrplanmäßigen Stunde"' eine Aussprache Über Klassenangelegenheiten statt oder über andere von den Schülern vorgeschlagene Fragen, „Auf Wunsch deS Klassenausschusses kann die Kassen­gemeinde" auch „selbständig tagen", so oft sie will; alle zwei Wochen darf sie eine lehrplanmäßige Stund« dazu verwenden. Die oberen Klassen können auch zu gemeinsamer Sitzung zusammentreten. Taz ist bann die „Schulgemeinde". Ob die Einrichtung der Schul- gemeinde geschaffen werden soll, darüber stimmen die Schüler selbst ab. Die Lehrer können an den Eichungen beratend teilnehmen Tie Schulgemeinde tritt wenig­stens einmal im Monat in einer lehrplanrnäßigen Stunde zusammen. Sie kann durch Vermittlu ng des Schülerausschusses, der ihr für feine Tätigkeit verant­wortlich ist, „Anträge an die' Lehrerkonferenz Kellen".

Kurland.

*♦ Sturm gegen Millerand. Nackt Pariser Mel­dungen beabsichtigt der frühere Präsident P-oineare in die schärfste Opposition gegen den Minisl erpräsi- benten Millerand zu treten. Die An änger Cle-> mencsauS wollen sich ihm anschließen. Miüerand ist ihnen Deutschland gegenüber zu „milde". V«>r allem sind sie erbost über die in Aussicht stehende sofortige Festsetzung der deutschen Entschädigungs>um me. Sie möchten die Schuldsumme von Jahr zu I ahr ne« festsetzen, um je nach der Leistungsfähigkeit Deutsch- lands eS immer bis zum letzten Bluislropfen aus- saugen zu können. Millerand erklärte sich damit einverstanden, daß die Kammer am Freila§,nachmit- tag die Interpellation betreffend die Festsetzung der deutschen Entschädigung besprechen wird. iLr werde in der Kammer Erklärungen abgeben und die V er« trauensfrage stellen, verlangt aber, daß ihm volle Bewegungsfreiheit gelassen und die nötigen Vollmachten gegeben werden, um die sch iebenden diplomatischen Verhandlungen mit den Alliierten und den deutschen Vertretern in Spaa zu führen.

* Das hungernde Petersburg. Russische Zeitungen berichten von einer stürmischen Massen flucht auS dem hungernden Petersburg. Durchschnittlich 1500 Menschen verlassen täglich die Stadt, Dadurch entstand ein bedeutender Mangel an Arbeitskräften. Die Sowjetbehörden erließen ein Abreiselierbot für Manner von 18—50 Jahren und Frauen Non 15—40 Jahren._______________

Helfferich.

Cs ist eine erfreulich« Erscheinung bie'Jtes Wahl­kampfes, auf bie man vor kurzem noch nichj zu hoffen wagte, daß er sich in verhältnismäßig ruhigim Bahnen bewegt. Hier und da schießen bie Wogen bes politi­schen Kampfes boch allzuhoch empor, nimmt ber Kampf Formen an, bie von keiner Seite BilligMAg finden werben. So hat man eben erst rot eher von einer äußerst stürmisch verlaufenen Versammlung bet Deutfd) nationalen in Frankfurt a. M. gelesen, in der Herr Helfferich vor den Wählern feine Weis­heit los zu werben sich bemühte. Daß es in dieser Versammlung zu wüsten Lärmszenen kam, wirb an sich jeher bebauern, man kann sich aber nicht verhehlen, baß der innere Grunb für sie barin liegt, baß bie Wäh­ler hier einen Mann vor sich sahen, ber in erster Linie mitverantwortlich ist für bes beulschen Volkes Unglück unb Jammer unb an bem furchtbaren Zusammenbruch unb seinen Folgen ein gerütteltes Maß von Schuld trägt, der darum sicherlich am wenigsten dapu berechtigt ist, sich als künftiger Erneuerer Deutschlands aufzu­spielen. Die Frankfurter Parteileitung der Deutsch­nationalen braucht sich nicht zu wunder^, wenn die Frankfurter Wähler es als eine Herausftrrberung be- trachten, daß man ihnen ausgerechnet diesen Mann als Redner vorsetzte unb wenn sie ihm begreiflich zu machen suchten, man würbe seine Einmischung in bie politischen Geschicke Deutschlcmbs herzlich gern missen« Die Fuldaer Deutschnationalen waren nicht gut be­raten, als sie ebenfalls sich Helfferich für bie nächste Woche als Wahlredner verschrieben. Sein Auftreten hier wirb ihrer Sache am allerwenigsten nützen. Wir hoffen, baß wir von tumultarischen Szenen, rote sie in Frankfurt erlebt würben, verschont bleiben, aber dem schiedlich-frieblichen Austrag bes Wahlkampfes bient bas Auftreten von Männern wie Helfferich nicht.

Ueberhaupt haben die Deutschnationalen bei der Auf­stellung ihrer Kandidaten solche Männer heraus« gestellt — man denke nur an Westarp, non Graefe, Wulle und ähnliche mehr — bie zu ber extremsten Richtung gehören und bie nach ihrer politischen Ver­gangenheit sowie nach den von ihnen erstrebten Zie­len eine Gefahr für bie friedliche Weiterentwicklung barstellen. Der Kurs dieser Leute ist demselben Ziele zugerichtet, das auch Kapp und Genossen verfolgten. Diesem Wege können wir nicht folgen, bie wir als Berfassungspartei eine Stütze rechtmäßiger Ordnung und rechtmäßiger Gesetzlichkeit und die schärfsten Geg­ner aller Liebäugelei mit bem Umsturz sind. Man kann sich auf allerhand gefaßt machen, wenn wahr ist,, was eigentlich unglaublich klingt, aber von den Zeitungen berichtet wird, nicht unbedeutende Persön­lichkeiten der Rechten hätten in össentsick-'M Wahlver­sammlungen den Rat erteilt, daß, wenn einer nicht deutschnational wählen wolle, er eher unabhänoig wählen möge, als eine ber Koalitionspai'feien. Solch blindwütiges Losstürmen gegen die Koalition und bie ihr angehörenden Parteien bebeutet ein Drauflos­steuern auf ben Bürgerkrieg, über besten Tragweite sich bie Deutschnationalen keine Kopfschmerzen zu machen scheinen.

Wer bas beutsche Volk siebt, würilscht ihm eine ruhig« Fortentwicklung, bekämpft alles veilbrech»rische Liebäugeln mit bem Umsturz und tritt für bie Stärkung derjenigen Partei ein, die den gerechten For»