47. Zahrg.
Mittwoch, 26. Mai {920
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Vorschläge. Es sind nicht weniger als 17. Neben den sechs großen Parteien treten 11 kleinere Parteien und Parteigrüppchen auf. Unter ihnen finden wir die Kommunisten. Die übrigen, meist im letzten Jahre gegründeten Parteien — übrigens durchweg bürgerliche kann man in zwei Gruppen zufammenfasfen: Oie einen sind die partiklllaristisch-föderalistischen Gruppen, die anderen sind meist Gründungen von Leuten, die in keiner der vorhandenen politischen Parteien die Verwirk- lichung ihrer poliüschen Auffasiung finden. Unter der ersten Gruppe, den Parteien, die weitgehende Selbständigkeit für ihre Länder wollen, ist hervorzuheben die christlich-föderalistische Reichsliste. Zu ihr haben sich zusammengeschlosien die Bayerische Volksparte:, die Christliche Volkspartei im Rheinland, die Christliche Bolkspartei in Hessen-Nassau und die Hessische Reichspartei. Die Welsen und die schleswig-holsteinische Landespartei haben sich mit der mecklenburgischen Rechtspartei zur Liste Alpers zusammengeschlofsen und wollen ihre Abgeordneten im Reichstag zur vereinigten deutschen Landespartei vereinigen. Hier ist dann noch eine neugegründete Partei der Lausitzer Wenden und der Bayerische Bauernbund zu nennen. Zu den Parteien der zweiten Gruppe gehören die Mittelstandspartei, die Alte Partei und der Wahloorschlag Uder- städt, ferner die Aufbau-Partei, die Nationaldemokraten, die antisemitische und demokratische Tendenzen vereinigen, und die Deutschsozialisten, die national-antisemitische und sozialistische Ansichten vertreten. Diese letz- ten Parteigrüppchen haben wohl kaum Aussicht, auch nur einen Kandidaten durchzubringen.
* Bürgerliche Einheitsfront in Bayern. Zwischen dem Landesausschuß des bayerischen Bürgerblocks und Delegierten der bürgerlichen Parteien fanden Verhandlungen statt, die der Schaffung einer bürgerlichen Einheitsfront dienen sollten. Die Parteien einigten sich dahin, daß allen bürgerlichen Parteien eine Reihe Dort Zielen gemeinsam fei, die deshalb auch gemeinsam erreicht werden müßten . Ebenso müßte auch die Wahlagitation unter Vermeidung oller unnötigen Schärf» zwischen den bürgerlichen Parteien in voller Sachlichkeit durchgeführt werden.
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(Heiterkeit. Beifall.) Ohne die Finanzgesetzgebung, Crz- beroers wäre der finanzielle Zusammenbruch Deutschlands längst erfolgt. Den Post- und Eisenbahnbeamten rief, bet Minister zu: Mögen die Angestellten und Beamten dieser großen sozialisierten Betriebe das Letzte auswenden, was sie können, um allmählich diese Betriebe wenn auch nicht rentabel, so doch so zu gestalten, daß sie ihre Ausgaben decken können — sonst ist der Sozialisierungsgedanke nicht nur gebrochen, sondern als Unsinn nachgewiesen Drohend steigt das Gespenst der Verpfändung dieser großen Institute an inländisches oder gar amerikanisches Kapital aus, die Gefahr, daß diese großen Anstalten dem Weltkapita- lismus zum Opfer fallen. Der Minister kam dann auf die bevorstehende Zusammenkunft in Spaa zu sprechen. In Spaa müsse die Politik der Vernunft zum Durchbruch kommen, und die Feinde müßten, erkennen, daß die Lebensfähigkeit Deutschlands ein europäisches, ein Menschheitsinteresse sei. . _,
* Die Abfindung thüringischer Fürsten. Staatsrat Hofmann gab in der Thüringischen Landeskonferenz der sozialdemokratischen Mehrheitspartei bekannt, daß sich der ehemalige Herzog von Sachsen- Meiningen trotz eines privatrechtlichen Anspruches von 120 Millionen Mark mit einer Abfindung von 7 Millionen hat begnügen müssen. In Gotha, der Hochburg der Unabhängigen, habe die Krone 21 Millionen Mark erhalten, trotzdem die privatrechl- lichen Ansprüche bedeutend niedriger gewesen seien rote die des Meiningischen Hauses. In Rudolstadt bekam'der Fürst eine jährliche Rente von 150000 Mark zugebilligt, in Sondershausen, wo ebenfalls noch die Unabhängigen am Ruder feien, bekomme der Fürst außer 150 000 Mark eine weitere Rente von 400 000 Mark jährlich.
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= Bad Orb. Unter Leitung des Parteivorsitzenden, Herrn Lehrers Schwank, fand am Pfingstsonntag, abends, eine sehr gut besuchte Zentrumsversammlung statt, (Die Parteiorganisation hat in letzter Zeit noch weitere günstige Fortschritte gemacht, sodaß jetzt annähernd 600 'Mitglieder eingeschrieben sind.) Herr Ritter. M.-Madbach sprach in glänzender, mit rei. chem Beifall ausgenommen-r Rede über bte Aufgaben des neuen Reichstages. , . x
=. Anzefahr (Str. Krrchharn). Am Pfingstsonntag versammelten sich die hiesigen Wähler, um sich für den 6. Juni vorzubereiten. Herr Referendar Strode« Marburg legte in klarer Weise die Leistungen der Zen- trumspartei in der Nationalversammlung dar, betonte die Stellung de» Reichstags in dem neuen Deutschland und sprach dann über die schweren Aufgaben der Partei, der immer die Grundsätze des Christentums vor Augen leuchteten, und dem zu uählenden Reichstag. Die Begeisterung für die Partei aller Stände wurde wieder neu entfacht. I.» der Aussprache gab Herr Oberlehrer
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Die Partei der Mitte.
Von finks wie von rechts wird gegendasZen- t r u m angestürmt. Dieses Anrennen gegen die Zen- trumspartei ist verständlich. Das Zentrum ist die Partei der mitte, die Partei des gesunden, sozialen, wirtschast- lichen und politischen Ausgleichs, sie kann es daher we- der der Rechten noch der Linken, die ausschließlich nur an ihrs eigenen Interessen denken, recht machen. Es läßt sich aber m Deutschland zur Zell weder eine Poli- tif durchführen, die allein von den Parteien der Rechten oder allein von Soziasisten, Unabhängigen
Wahlbewegung in Heffen-Nasiau.
= Tie Frauen der Fuldaer Zentrumspartei fywft« sich gestern abend zahlreich im Gesellenhaus Versaw- melt Frl. Else Schmitt hieß die Erschienenen willkommen und weckte in beredten Worten die Begeiste» nmg für die Zentrumssache. Alsdann sprach Frau Geheimrat Hetzberger-Berlin, Mitglied der prcuß. Landesversammlung, die die Vertretung der verhinderten Referentin übernommen hatte. Frau Heßberger legte in klaren Ausführungen dar, tote die Zentrumspartei für den Wiederaufbau des Vaterlandes gearbeitet habe und welche gewaltigen Aufgaben im kommenden Reichstag zu lösen seien. Auch für diese Arbeit >st ein starkes Zentrum unentbehrlich. Die Rednerin wies nach^ wie die Zentrumspartei um die Erhaltung der religiösen Werte im Staatsleben gegen die stürmischen und zähen Angriffe der Gegner gerungen habe, wie ihr mancher Erfolg auf diesem Gebiete zugefallen sei, wie aber gerade in der nächsten Zeit nur durch eine mächtige Zentrumspartei das Rettungswerk fortgesetzt werden könne. Neben der Religion und christlicher Sitte ist ein g e su n d e s Wirtschaftsleben die Voraussetzung für den Wiederaufbau Deutschlands. Ueber Wohnungsgesetz, Siedelungsqcseh, Ausgleich der berufsständischen Interessen verbreitete, sich Frau Heßberger mit großer SaäPenutnis. Besonders fefielnd waren die Ausführungen der Rednerin über die Finanzlage des Reiches und das große, in erster Linie durch doz Zentrum geschaffene Werk der Steuergesetzgebung. Mit durchschlagender Wucht zeigte sie, wie das deutsche Finanzelend durch den Krieg und nicht erst durch die Revolution herbeigeführt worden ist. Die Steuerreform, unumgänglich als Rettung vor dem Staatsbankerott, schont die Schtow- chen und zieht die Leistungsfähigen gebührend heran. Die Agitation der Rechtsparteien gegen die Steuerpolitik des Zentrums kann auf einen denkenden Wähler niemals Eindruck machen. Warmherzige Ausführungen galten den sozialen Gesetzen (Wöch- nerinfursorge, HinterMeLewenbersorgung, Veitriebs- rätegesetz), an denen das Zentrum hervorragend mit- yearbeitet hat. Riesengroße Arbeiten auf soziale« Gebiet sind auch in Zukunft zu leisten, bei deren Durchführung die altbewährte Partei der Sozialreform,! das Zentrum, nicht fehlen darf. Zwingend waren, schließlich die Darlegungen der Rednerin, die die gro-^ ßen, unabsehbaren Gefahren aufzeigten, die aus einer Wahlmüdigkeit der kath ol. Frauen er» wachsen können. Das christliche Deutschland ist verloren, wenn am 6. Juni nicht alle ihre Pflicht tun. Katholische Frauen, jetzt heißt es werben, aufklären, wählen! (Lebhafter Beifall.) Frl. Elfe Schmitt fchloß darauf mit ebenso herzlichen als überzeugenden Worsin die anregende Versammlung, indem sie noch einmal ine Fuldaer Frauen und Jungfrauen zu restlos it Ausübung ihres Stimmenrechtes ermunterte:
Frauen wirkt mit am Sieg der Zen» trumspartt.il
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Deutsches Reich.
K Berlin, 25. Mai. Da? Abkommen mit Sowjet- Rußland über den Gefangenenaustausch ist von beiden Teilen ratifiziert. — Oberst Bauer, ein Führer des Kapp-P irisch eS, soll sich in Budapest aushalien und dort organisatorisch tätig sein. Auch Kapitän Ehrhardt soll sich zu dem gleichen Zweck in Unoartt aufhattcn.
Reichoflnaiizminisker Dlrkh über unsere Finanzlage. R eichsfmanzminister Wlrth trat in Köln m einer Zen- siumsoersammlung als Redner auf. Die Ordnung der Fi- «wM, betonte er, fei entscheidend für die Zukunst Deutschlands. Lm Gesamthaushalt des Reiches für 1919=20 M heute schon mit einem Fehlbetrag von 32 Mlllrnr- ”en Mark zu rechnen. Für das Steuer,ahr 1920-21 rech- «et der Reichsfinanzminister mit einer schwebenden Schuld Deutschlands von sicherlich 50 Milliarden Mark, das sind monatlich mehr als vier Milliarden, d. h. emo Summe, °>e höher ist als die höchsten Ausgaben während eines Kriegsmonats gewesen find. Insgesamt betragen unsere öffentlichen Schulden 200 Milliarden Mark, uu- gerechnet di« Schulden der Gemeinden und der Lander. Die Lösung der Finanzfrage, sagte der.Redner weiter, et über die Kraft einer einzelnen Partei; sie -onne nur
4 eine Koalition, durch verantwor'ungsoolle Zii- fcmmenarbeit aller gelöst werden. Mit größter vLNychie- öenhest wandt» sich her Minister gegen den Gedan.en
Staatsbankerotts. Die Regierung s« ent- fchloflen, die Steuergesetze zur Ausführung zu bringen. Dazu gebrauche sie Beamte mtt gutem Willen, reinem Oerzen und säubern Händen. (Zuruf: Erz berger!) ^r Finanzminister entgegnete auf diesen Zuruf: Ich habe
Steueratt.en Erzbergers jetzt studiert;
find in Ordnung! Einen Vorwurf mache ich Erzbcrger. Ich habe ersahen, was dieser Mann an Verflögen hat, und ich mache ihm den Dorwmf, daß «m lahrzehntelanger Arbeit sich nicht nt
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»wischen den einzelnen Ständen und Berufen vorzuneh« men. Es hat zu vermitteln zwischen fortschrittlichen Ideen einerseits und den konservativen Anschauungen anderseits. .
Die unerschütterliche Grundlage, auf der der Ausgleich vollzogen werden kann, findet das Zentrum in feiner ch r i st l i ch e n 1'. e b e r z e u g u n g. Diese christliche Ueberzeugungsgemcinschast gibt den Zentrumskrei- fen die Kraft, cm einen gemeinsamen Weg aller Volksklassen zu glauben. Wenn es noch keine Zen- trumspartei gäbe, heute müßte fie geschaffen werden.
Von einer Stärkung der Zentrumspartei hängt ge- radezu die Wiederherstellung Deutschlands ab. Wenn die Rechte wesentlich verstärkt würde, oder wenn die äußerste Linke sehr stark werden würde, dann würde die Staatsautorität. nur neuen, großen Erschütterungen ausgesetzt. Wer eine ruhige Entwicklung unseres staatlichen und öffentlichen Lebens will, der muß dafür eintreten, daß die beiden extremen Richtungen nicht an Boden gewinnen.
Die Stärkung des Zentrums bedeutet die Erhöhung feines Einfluffes in der Koalition. Das allein ist praktische und weitgehende Politik. Diese Politik allein garantiert die RettungDeutschlands.
Wenn Deutschland zugrunde geht, so ist die Ursache feines Untergangs dieheillofeZersplitterung des Volkes in Besitz- und Erwerbsklaffen, die unüber- brückbare Zerrissenheit in rein materielle Interessengruppen. Jeder Stand, jeder Berus, jede Klasse denkr heute nur noch an sich selb st und an ihre eigenen Vorteile. Jede Klasse sucht den Staats« wagen ganz auf ihre Seite herüberzuziehen. Die Decke des gemeinsamen Vaterlandes, unter der alle Volksgenossen gleicherweise Platz finden sollten, sucht jede Erwerbsgruppe allein an sich zu reißen. Der Kampf der Parteien droht aus einem politischen Kampfe in einen nackten Klasfen-Jnteressenkampf auszuarten. Die Linke treibt Arbeiter klassenpolitik, bei der Rechten suchen sich die Interest en des Kapitals und des Grundbesitzes ebenso einseitig und feind» selig zusammenzuhalten. Im Kampfe zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Stadt und Land, zwischen Bürger- tum und Proletariat droht das Bewußtsein des gemeinsamen Volkstums, des gemeinsamen Vaterlandes ret- trngslos unterzugehen. Soll Deutschland gerettet werden, dann kann dies nur geschehen, wenn nicht jeder in engherziger Selbstsucht an dem Interessenstrange seiner Klasie und feines Standes zerrt. Nur durch ein ehrliches, a u s g l e i ch e n d e s, o p f er« williges Zufammentreten in der Mitte, auf einem gemeinsamen mittleren Wege kann Deutschland gerettet werden.
Nur in der Mitte der nationalen und christllchen Solidarstät liegt dos Heil Deutschlands.
Darum alle Kräfte zusammenge- schlossen in der Partei der Mitte, im Zentrum!
Ei« Konservativer über das Zentrum und die Koalition.
Die „Süddeutsche Konservative Korrespondenz" unterzieht die Parteien und ihre Programme einer tritt« chen Würdigung. Die Ausgabe vom 20. Mai besaßt ich mit dem Zentrum. In den einleitenden Sätzen agt der Verfasser Adam Röder, der Umstand, daß les Zentrum in der Nationalversammlung mit der Sozialdemokratie praktisch arbeitete, habe viele verschnupft, die früher nichts dabei fanden, daß es Jahrzehnte hindurch mit der Sozialdemokratie — wir fügen hinzu: auch mit anderen Parteien, je nach Lage der Sache und der parlamentarischen Konstellation — praktische Politik getrieben hat. Röder fährt dann wörtlich fort:
Zentrum und Demokratie konnten gar nicht anders, als sich mit der Sozialdemokratie koalieren. Beide Parteien haben mit diesem Akt praktischer Politik dem konservativen Staats- und Gesellschaftsgedanken genau den gleich wichtigen Dienst geleistet, wie die Parteien und Männer, die dem „griebensoertrag" zustimmten. Ein „31 ein" hätte in beiden Fällen den Ruin des Da- teilandes herbeigeführt. Das kann man natürlich jetzt bestreiten, wo die schlimmste Gefahr beseitigt ist. Die Agitation kann alles; sie macht aus schwarz weih und trägt gemeine Lügen mit dem Brustton ehrlichster^ Ueber- zeugung so lange und breit vor, bis fie die Lüge als solche selbst gar nicht mehr erkennt.
Aber der ehrlich« Mann hat einen anderen Standpunkt einzunehmen. Er weiß, daß, wenn Demokraten und Zentrum nicht die Bildung der Koalition in die Hand genommen hätten, Deutschland bedingungslos der Revolution ausgeliefert gewesen wäre. Gewiß ist, daß diese Revolution lm Verlaufe ihrer geschichtlichen Auswirkung sich selbst ab absurdum geführt hätte; denn di« bürgerliche Gesellschaft verträgt, ihren Lebensbedingungen nach, weder die „reine* Demokratie, noch den „reinen Sozialismus*; beide sind widernatürlich. In dieser Zeit der Selbstauswirkung des Dernokratismus und des Sozialismus wäre das Vaterland wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturpolitisch vollständig ruiniert worden. Millionen von hohen und niederen Beamten, Lehrern, Pfarrern, Angestellten, Rentnern, Künstlern, (Seiftesarbei- tern wären dem Untergang geweiht; unsere wirtschaftliche Basis wäre vollständig zerstört worben; Bolschewismus auf der einen und die „Alliierten* auf der anderen Seite hätten sich auf deutschem Boden Entscheidungsschlachten geschlagen; die Alliierten und die Bourgeoisie hätte am Ende der Dinge zwar „gesiegt*, aber der Sieg wäre mit der endgültigen Zerstörung des Reichs bezahlt worden. Das sieht jeder ein, dem Parteidunst nicht die Sinne verwirrt, ober noch so viel anständige Gesmnmmg aufbringt, um zu erkennen, daß es unerlaubt ist, die Bedürfnisse der Agitation mit offenbaren Lügen zu bestreiten.
Zentrum und bürgerliche Demokratie haben einen Akt ! konservativer Staats» und Gesellschafts- Politik absolviert, indem sie die Fortsetzung der Revolution toupierten und so die Möglichkeit einer Retablie- rung des geschichtlichen Staates vorbereiteten.
Das Zentrum hat praktische Politik getrieben und positives geleistet; es kann in dieser Richtung mit gutem Gewissen vor seine Wähler treten.
So ein konservativer Politiker. Sollte es Zen- trumsleute geben, die ihrer Partei mit geringerer Wärme der Anerkennung ober gar mit weniger Gerechtigkeit gegenüberstehen wollten?
17 Parteien;
Der Reichsanzeiger veröffentlicht in einer Sondernummer die vom Reichswahlleiter für die Wahlen Mm Reichstag am 6. Juni zugelassenen Reichswahl
Gerüchte von neuen Putschplänen.
Der „Vorwärts* will über neue Putschpläne berichten ßnnen. Die zur Zeit aufgelösten Freikorps würden von einer reaktionären Organisation systematisch auf die pommerfchen Landgüter verteilt. Waffen ufro. nehmen sie mit, für Verpflegung sorgten die Landwirte, wofür die Leute etwas Arbeit leisteten. Das Blatt bringt auch den neugegrünbeten „Frontbunb der Freikorps" mit den angeblichen Vorbereitungen für et- non kommenden Rechtsputfch in Zusammenhang. Cs will sogar den ganzen Plan dieser neuen Verschwörung genau kennen. Danach soll zunächst das Aus- brechrn kommunistischer Aufstände in Mitteldeutschland unmittelbar im Anschluß an bte Wahlen abgewartet werden. Inzwischen sollen, wie das Blatt weiter erzählt, Freikorpsofflziere das mitteldeutsche Industriegebiet verkleidet bereifen, um dem Lmksoutsch nachzuhelfm. Kommt es soweit, dann werden — immer nach dem „Vorworts" — Reichswehr und Freikorps sich möglichst passiv verhalten und eine Art Mili- tärftreif inszenieren, damit Bevölkerung und Regierung im roten Terror schmoren. Gleichzeitig wird dann von Wchfalen die Kohlenzufuhr und vom Osten die Lebens- Müelzufuhr unterbunden werden. Wenn so Hungersnot und Arbeitslosigkeit auf den Gipfel getrieben sind, fallen die Truppen als Retter in der Not erscheinen, um den Bolschewismus mederzufchlagen und als Sieger eine neue Regierung einzufetzen. Ungeheure Fonds ständen offenbar zur Verfügung. Emer der Geldgeber fei der Pommerfche Land bttnb, hinter dem der Bund der Landwirte stehe.
Wir wiffen nicht, aus welchen Quellen das fozial- demokratifche Zentralorgcm diese emgebllchen Pläne erfahren hat. Allen sensationell ausgemachten Gerüchten gegenüber sollte man ruhig Blut bewahren. Die Regierung weiß nach dem „Vorwärts" von diesen Absichten, ihre Maßnahmen würden aber, so behauptet das Blatt, dadurch ‘obotiert, daß die Verschwörer in allen maßgebenden Stellen ihre Helfershelfer und Führer sitzen haben. Sonderbar. Aus dem Reichswehrministerium wird mitgeteilt, daß die Meldungen über Putfchvorbe- restungen mtt größter Aufmerksamkeit verfolgt würden. Der Ches der Heeresleitung General v. Seekt werde heute die schon längere Zeit beabsichtigte Reise M den Truppenkommandos der Reichswehr antreten; besondere Ausmerkfamkest sollen dabei die Verhältniffe im Sennelager und im Paderborner und Münsterer Bezirk finden. Der Frentbund habe in der Reichswehr bis heute keinerlei Eingang gefunden. Die Freikorps feien schon zum allergrößten Teil aufgeßft
Don Regierungsseite wirb über die angeblichen Vorbereitungen in Pommern noch gemeldet:
„Die Vorbereitungen für einen reaktionären Putsch nehmen nachgerade unerhörte Formen an. Am Freitag tarn eine bewaffnet« Bande von 25 Mann mit Maschinengewehren, fellmiarfchmäßig ausgerüstet, mit der Bahn nach Stettin. Obgleich die Leute nicht mehr Soldat sind, ließ sie das Garnifonkommando nicht etwa dem Polizeipräsidenten überweisen, sondern weiterfahren. Erst bei der Ankunft eines zweiten Trupps, der wiederum schwer bewaffnet war, erhielt der Polizeipräsident Kunde von dem ersten Transport. Am Sonntag wurden dann nachmals Trupps von 32 und 28 Mann festgenommen. Die Leute waren versehen mit Ausweisen eines ober- bayerischen Freikorps und gehörten der Abteilung Epp an. Sie waren aber kein« Soldaten. Cs wurde herausge- -bracht, daß sie von Stettin aus als Arbeitsgemeinschaften aus Güter verteilt werden sollten. Es gelang, den Offizier, der sie führte, festzunehmen und aufs Polizeipräsidium zu bringen. Er erklärte, weiter nichts getan zu Haden, Äs für Unterkunft der vom Heere entlassenen Leute zu sorgen. Man verwies ihn auf die verschiedenen Wider- Sprüche in den Aussagen feiner Leute und auf deren schwere Bewaffnung. Don der Mannschaft wurde erklärt, daß sie nicht die Einzigen bayerischen Trupps feien, di« noch Preußen und Pommern unterwegs wären, sondern daß solche in einer Gesamtstärke von 7000 Mann dorthin ge- bracht werden sollten." ___________________
©le floffen bet Böschung des Rheinland».
Aus Aachen wird den „P. P- N." gemeldet: Pari« fcr Nachrichten zufolge überreichte der deutsche Geschäftsträger dem allnerten Rat eine Rote feiner Regierung, die gegen die fortgesetzte Erhöhung der Stärke der Eierten Befatzungstruppen im linksrheinischen Deutschland Einspruch erhebt, da Deutschland finanziell diese Belastung nicht ertragen könne. Dem „Temps" W9| erhebt Frankreich für die vierzig Tage der Be- letzung des Maingaues Ersatzanfprüche in Hohe ton 29% Millionen Francs gegen Deutschland.
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Kurland.
* Die ungarische Friedensdelegation ist zurückgetreten. Der außerordentliche Gesandte Ivan Praznovsky ist provisorisch mit der Erledigung der Angelegenheiten der Friedensdelegation betraut worden. (Der Friedensvertrag sollte am 4. Juni unterzeichnet werden.)
** Die sinnlose Angst der Franzosen vor Deutschland kennzeichnet folgende Meldung aus, Paris: Senator Morandi reichte der Regierung eine Anfrage ein, um zu erfahren, was Wahres an der Nachricht der französischen Presse sei, wonach die Deutschen trotz der Kontrolle in wenigen Monaten 47 OOO Flugzeuge zur Verfügung haben würden, mit denen sie imstande wären, plötzlich Paris oder andere Ziele ihrer Rachsucht und Herrschsucht zu erreichen. — Der Franzose hält es eben in feinem innersten Herzen für ganz unmöglich, daß wir tatsächlich vollkommen besiegt sind. Diese geradezu sinnlose Angst vor einem schnellen Wiedererstarken Deutschlands ist ja auch eine der Triebfedern der Clemenceauschen Raubpolitih die uns auch das allerletzte nehmen will, um einen Wiederaufbau Deutschlands unmöglich zu machen.
* Ein blutiger Gedenktag. Aus Anlaß de? 5. Jahrestages des Eintritts Italiens in dcn Weltkrieg haben in einigen Orten Zusammenstöße zwischen Sozialisten und Nationalisten ftattgefuinixn. In Rom feierten Stul-enden den Jahrestag in der Universität. Ein Zug, der dem König huldigen wollte, wurde in der Via Nationale von der Polizeitruppe auseinandergetriieben, wobei von beiden Serien gefchossen wurde. 5 Polizisten sind tot, im Publikum gab es 1 Toten und eüva 40 Verwundete. Fast alle Blätter erklären, daß die Studenten unbewaftnet lvavsn. Die Polizeitruppe hätte sich, von Panik ergriffen, untereinmider beschossen. — In Apulien sind wegen Brotmangcls s ch w e r c Unruh e n auBgebrochen. Bei einem Sturm auf das Rathaus gab es 3 Tote und 20 Verwundete. . Infolge- dessen wurde in verschiedenen Orten Apuliens der Generalstreik erklärt.
** Russische Gegenoffensive gegen Polen. Don der mit großem Trara in die Welt hinausposaunten polnisch-ukrainischen Offensive gegen Sowjetrußlanb hört man fast gar nichts mehr. Umsomehr von umfangreichen Gegenvorbereitungen auf russischer Seite, wo Generell Brussilow nach den letzten Metdungen einen Vorstoß m der Gegend von Bünaburg angesetzt hat. Dieser scheint gelungen zu fein, ja, die polnische Front scheint durchbrochen und das wett hinter der Front liegende Wilna bedroht zu fein. Denn die Polen melden: General Szepticki hat das Oberkommando des polnischen Heeres an der ganzen russischen Front übernommen. (Bisher hatte es Pilsudski. D. Red.) In Wllnaer Blättern veröffentlicht er folgende Erklärung: „Alle Maßnahmen werden getroffen. Es liegen feine Gründe zu irgendwelchen Besorgniffen vor. Alles wirb halb in ßrbnung gebracht werben. Die Einwohnerschaft Wilnas kann ruhig fein." Dennoch scheint in Wilna bereits eine starke Unruhe unter her Bevölkerung zu herrschen. Unb wenn ein General so fang« unb klanglos von der Bildfläche verschwindet, fo hängt das gewöhnlich mtt einer Niederlage zusammen. Das Aus- Maben amtlicher polnischer Meldungen bestätigt diese Annahme nur. Ein russischer Funkspruch sagt, baß die Polen auf bet ganzen Front eine Rückzugsbe- wegung begonnen haben. Eine englische Melbung sagt, baß sich in Lemberg hartnäckig bas Gerücht erhält, daß Kiew von den Stuften wiebererobert fei. Nach einem Warschauer Telegramm wirb von polnischer Seite die Niederlage Polens zugegeben. Es wird ge- meldet, daß die Bolfchewiftev die B e r e f i n a bei Bo- risow auf einer Frontbreitc von 35 Kilometer über- schritten haben. Die Kämpfe bauern an. Die Bolschewisten greifen jetzt mit überlegenen Kräften an.
(Boriforv liegt östlich Mmfk cm ber Eisenbahnlinie Minsk-Smolensk-Moskau).