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Ur. 119.

Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Carl Schütte, :: für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. "

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Acllenvruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung.

Dienstag, 25. Mai 1920.

Bezugspreis: Monatlich 2,00 Ulf. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 2,10 Alk. Anzeigenpreis: Die K l e i n z e i l e (Colonelmaß) 50 pfg., u. 10°j« Zuschlag, die Reklame,eile (Textbreite) 1.50 Ulf, u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

47. Zahrg.

Tas Zentrum in der

Nationalversammlung.

Eine gewaltige Arbeit wurde durch die deutsche Na- jianalversammlung geleistet. Kriegsende und Revo­lution ließen die rechtmützige Regierung verschwinden und die alte Verfassung zusammenbrechen. Der ver­lorene Krieg brachte die finanzielle Zerrüttung und ei­nen Wirrwarr in die Wirtschaft. Es bestand die Gefahr eines Bürgerkrieges und der drohenden Ge­waltherrschaft des Radikalismus; die christlichen Grund­lagen des öffentlichen Lebens schienen gefährdet. Die Zentrumsfraktion trat deshalb in die Regierung ein, nm eine großzügige Wiederaufbauarbeit zu leisten. Der Eintritt in das Koalitionskabinett war eine Tat und die Erfüllung einer moralischen Pflicht. Die rechtsstehenden Kreise wollten der Sozialdemokratie allein bie Verantwortung überlassen. Dadurch wäre die Mehrheitssozialdemukralie in völlige Abhängigkeit von der radikalen Linken gekommen. Eine Revolution hätte dann die andere gejagt.

Das Zentrum hat sodann den Friedensver- lcag zur Annahme gebracht. Damit hat es den Zerfall des Reiches und die Auferlegung noch schwere­rer Bedingungen verhütet. Die Ablehnung des Frie- -ensoertrages hätte.im Juli 1919 die Sofortige Wie­deraufnahme des Krieges im Gefolge ge­habt. Die Feinde wären noch Deutschland einmar­schiert, und sie hätten blühende Städte in Trümmer verwandelt und unsere wirtschaftliche Kraft ganz und gar vernichtet.

Das Zentrum hat bei der Schaffung der Reichs­verfassung hervorragend mitgewirkt. Durch die Schaffung der Reichsverfassung wurden wir vor der Rätediktatur und Räterepublik bewahrt. Die neue Neichsverfassung ist ein bedeutsames gesetzge­berisches Werk. Sie gibt dem notwendigen Wiederauf­bau des zusammengebrochemn Deutschland als Grund­lage die Rechtsordnung, die nach Lage der Dinge nötig ist.

Das Zentrum hat die Neuordnung der Finan­zen durchgesetzt und damit ein Werk von seltener Größe schaffen helfen. Deulfchland kann nur gerettet werden, wenn es vor dem finanziellen Zusammenbruch bewahrt bleibt. Das Steuerzahlen ist nicht ange­nehm, anders können aber die Mlliarden nicht abge­tragen werden.

Das Zentrum setzte sich für den Wiederauf­bau unserer Wirtschaft ein.- Sein Leitge­danke war: die Eütererzeugung muß mit allen nur möglichen Mitteln in Landwirtschaft, Kleingewerbe und Industrie gesteigert werden. Noch konnte die Fahne der vollen freien Wirtschaft auf allen Gebieten nicht entrollt werden. Der Warenmangel verhinderte das. Das Zentrum hat sich ganz besonders für die Politik der Produktionsförderung eingesetzt. Ein großer Erfolg des Zentrums ist vor allem auch die Er­richtung des Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Die Reichsverfassung an­erkennt grundsätzlich das Privateigentum. Sie fordert gleichmäßige soziale Fürsorge für alle Stände, auch für den Mittelstand in Stadt und Land.

Um die religiös-sittlichen Güter hat sich das Zentrum das allergrößte Verdienst erworben. Als die Revolution durch die deutschen Lande brauste, bangten wir um die Zukunft von Kirche und Schule. In heftigem Kampfe hat das Zentrum die Lebens­fähigkeit beider gerettet und Großes errei cht und fichergestellt. Die Freiheit der Kirche ist in wei­tem Maße gesichert. Die Rechte der Eltern auf die Schule find, falls sie sich selber entsprechend rühren, in der.Hauptsache gerettet. Am Felsen der Zentrums­partei müssen alle Wogen der Kulturkämpfe sich brechen.

Noch sieht es schlimm in unserem Vaterland« aus. Durch die radikale Opposition von rechts und links wer­den die Zustände nicht gebessert, sonbern nur noch wei­ter verschlimmert. Die Deutsche Nationalversamm­lung wird vor der Geschichte mit Ehren bestehen können. Selbst die Gegner hcwen anerkannt, daß die Zentrums­partei G r o ß e s für die Erhaltung Deutschlands gelei­stet hat. Allerdings konnten die Wähler im Lande Acht alle Zusammenhänge verfolgen und verstehen. Das lag aber an der unermeßlichen Fülle und fast un­unterbrochenen Fortsetzung der Arbeit der National- versammlung selbst. Das Zentrum tritt mit ruhigem ^wissen vor seine Wähler. Es hat seine Pflicht getan. ®ie Wahlen müssen seine Verdienste und Erfolge loh- nen. Darum an die Wahlurne für das Zentrum!

. Die Rechtsblätter wollen der Nationalversammlung „unwürdiges Ende" nachsagen, weil sich am letzten ^ltzungstage Beschlußunfähigkeit ergab.

Dem muß entgegengetreten werden, damit nicht die Ansicht Platz greift, die Mitglieder der Nationalver- lonrmlung hätten sich einer sträflichen Faulheit (finge» Leben und das verfassunggebende Parlament fei sozusa- an der Schwindsucht gestorben.

Nein, die Beschlußunfähigkeit am letzten Tage war chcht aus Mangel an Fleiß entsprungen, sondern durch «me rücksichtslose Obstruktion der Minderheit ^"stlich herbeigeführt worden.

Die von der Verfassung geforderte Hälfte der Mit- Sueder war tatsächlich vorhanden. Die Auszählung ttgob nur deshalb eine unzulängliche Ziffer, weil die Müglieder der beiden Rechtsparteien sich bis ouf drei Kontrolleure sämtlich aus dem Sitzungssaal Entfernten, als die Abstimmung vor sich ging, ^rotz dieser Obstruktion sohlte nur eine Person an Aaktenmäßigen Hälfte. D as war ein rühmlichcs Zeichen von Fleiß und Opferwilligkeit; denn die Ab- I^wung fand am zweitletzten Tage vor dem Pfingst- statt, 'm einer kurzen Tagung die für die außerhalb «erlins wohnenden Abgeordneten unter den gegenwär- "Len Reiseschwierigkeiten wenig Verlockendes hatte. >

lleber die Berechtigung einer solchen Obstruktion, wie Ne die Rechte hier getrieben hat, kann man verschiede-

Ansicht fein. Die Verantwortlichkeit fällt aus- ichueßlich auf diejenigen, die künstlich eine schein- orx Beschlußunfähigkeit berbeiführten. Die Mehr- witsparteim und das Parlament im ganzen kann, in Lesern Fall kein Vorwurf treffen, da tatsächlich eine iu m .8 erzielt worden war, wie sie zwei Tage vor

Wngstsest wohl niemals erhört worden ilt

Der Augenblickserfolg der Obstruktion darf das Ur­teil über die anderthalbjährige, reiche Tätigkeit der Na- tionaloerfammlmig nicht trüben. Es bleibt ein Ende in Ehren.

Der „Front-Bund".

Immer noch keine Ruhe! Die scheinbare Ruhe nach außen darf nicht darüber Hinwegtäuschen, daß immer noch Kräfte am Werke sind, die sich mit den bestehenden Verhältnissen nicht abzusinden vermögen und daraus hindrängen, mit Gewalt die Dinge zu stürzen. Große Sorge macht der Regierung ein so­eben in Paderborn gebildeter sog. „Front-Bund". Er stellt die Ansammlungen der Freikorps dar, die sich mit allen Mitteln einer Auslösung widersetzen und kei­nerlei Weisungen vom Reichswehrministerium anneh­men wollen. Wie dieser Frontbund vorzugehen beab­sichtigt, zeigt eine Aeußerung eines seiner Hauptsüh- rer, des Hauptmanns von Pfeffer, der sagte: „der Frontbund muß scharf vorgehen, er muß wie ein Ket­tenhund fein, zähnefletschend und schwefelspeiend, der, wenn die Regierung die Forderungen nicht bewilligt, darauf los gehetzt würde!" Es ist selbstverständlich, daß die radikale Presse diese Dinge zur Wahlagitation ausnutzt. Die Regierung wird natürlich an dieser Er­scheinung nicht vorübergehen können. Reichsminister Koch hat eine dahingehende Aeußerung in der letzten Sitzung der Nationalversammlung gemacht. Anderer­seits setzt bei den Radikalen eine starke Werbetätigkeit für ihre umstürzlerischen Pläne wieder ein. Sie den­ken nicht daran, Ruhe zu geben, sie setzen vielmehr alles daran, die Unruhe zu schüren, weil nur in einer solchen ihr Weizen gedeiht. Jedenfalls bedarf es der größten Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, um den hier sich entwickelnden Dingen rechtzeitig die Stirne zu bieten!

esM-emLrMcher Ah neuen öle christlichen Feierlnge.

Während die freien Gewerkschaften und die Sozialdemokratie die Arbeiterschaft zu zwingen suchten, den angeblichen Weltfeiertag, am 1. Mai zu feiern, hat man in jenem Lager vielfach kein Verständnis für die Gefühle der christlichen Arbeiterschaft. Es ist bekannt, wie sich mancherorts fett einiger Zeit unter der Anhängerschaft der sozialdemokratischen Gewerkschaften Bestrebungen geltend machen, die christlichen Feiertage durch demonstrative Arbeit zu entheiligen. Dafür bringt folgender Vorgang ein charakteristisches Beispiel. Am 8. Mai veranstalteten, wie der ,Badische Beobachteri berichtet, die Anführer der sozialdemokratischen Arbeiterschaft in der größten Fabrik Snddeutschlands, die badische Anilin» und Sodafabrik in Ludwigshafen während der Arbeitszeit in den Räumen der Fabrik eine sogenannte Vertrauensmänner-Konferenz. Zu dieser VertrauenZmänner-Konferenz hatten nur die Ver­treter der sozialdemokratischen freien Gewerkschaft Zutritt. Die Konferenz faßte den Beschluß, daß an dem Feste; Christi Himmelfahrt wie an den übrigen Werktagen gearbeitet werden müsse. Die "Betriebsleitung wird ersucht, an dem Feiertage den Betrieb aufrecht zu erhalten. Es soll dadurch die gesamte Arbeiterschaft zur Arbeit und damit zur Festtagentheiligung gezwungen werden. Täuschen wir uns nicht! Dian fängt zunächst mit einem christ­lichen Feiertag an und wird schließlich wie die Jakobiner in der französischen Revolutionszeit mit der Abschaf­fung der Sonn- und Feiertage endigen. Gegen solches Jakobinertum protestiert jeder christliche Arbeiter, der etwas auf Ehre hält, mit dem Stimmzettel.

Volksverrat deutscher „Unabhängiger*.

Das .Allensteiner Volksblatri erhebt von neuem gegen den bisherigen „Führer" der Allensteiner deutschen Unabhängigen, Kaczinski, und seine engeren Freunde den Vorwurf, den Polen für Geld ihre Dienste zur Verfügung gestellt zu haben, um verräterischerweise für die Losreißung des süd­lichen Ostpreußens vorn Reich zu wirken. Näherer Abmachungen wegen hatten sich Kaczinski und seine Freunde kürzlich' nach Warschau begeben. Das genannte Allensteiner Blatt stellt folgendes fest:

Die Kaczinski und Reisegenossen sind für ihre Fahrt nach Polen von der polnischen Propagandazen­trale bezahlt worden. Die Absicht der polnischen Zentrale war die, Abmachungen mit führenden Leuten der unabhängigen Sozialdemokratie im ostpreutzischen Abstimmungsgebiet zu treffen. Das mindeste, was die Polen verlangten, war die Stimmenthaltung der unabhängigen Sozialdemokraten bei der Volksab­stimmung im Allensteiner Bezirk. Und die Polen waren bereit, al? Gegenleistung den unabhängigen Führern ganz erhebliche Zusicherungen zu machen. Angeblich haben die Polen, um die Verräter zu gewinnen, bisher 160000 polnische Mark aufgewendet.

SapUanleulnant Paasche erschossen.

Kapitänleuwant a. D. Hans Paasche ist auf seinem Gute Waldfneden im posenschen Kreise Filehne erschossen worden, als man bei ihm nach Waffen suchte. Die Haus­suchung war erfolglos, trotzdem nahm man ihn fest und als er sich de» Inhaftnahme durch Flucht entziehen wollte, wurde er getötet.

Kapitänleutnant Paasche ist der Sohn des früheren nationalliberalen Abgeordneten und Vizepräsidenten des Reichstages Geheimrats Dr. Paasche. Während des Krie­ges wurde er wegen einer Broschüre, die für den Frieden eintrat, in Schutzhast genommen. Bei Ausbruch der Revo­lution spielte er im Berliner Soldatenrat eine Rolle. Neuerdings sollte er in kommunistische ^Umtriebe ver­wickelt sein. _______________

Ankunst der Tsingtau-Kämpfer.

Mit dem japanischen Dampfer „Ranket Maru" ist Samstag morgen der letzte Heimkehrtransporf aus Ost- asien im Hamburger Hafen eingetroffen. Unter dem etwa 750 Personen umfassenden Transport, der am 1. April von Tsingtau abgefahren ist, befinden sich der Verteidiger von Tsingtau, 2ldmiral Meyer-Wal­deck und seine tapferen Mitkämpfer. ' -

Gegen weitere Lohnerhöhungen.

Die Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände hat in ihrer Ausschußsitztmg am 26. Mai die Wirt- schaftslage erörtert. Sie richtet einen Mahnruf an sämtliche ihr angeschlossene Arbeitgeberverbande,, jede neue Erhöhung der Löhne und Gehälter abzulehnen, Hst KM der -MHÄ WSSlM

hatten die Weltmarktpreise ungefähr erreicht, zum Teil . bereits überschritten. Schon heute stocke überall der Absatz. Eine abermalige Steigerung der Gestehungs­kosten durch weiteres Anschwellen der Löhne und Ge- hälter und die daraus folgende Verteuerung der Preise müsse zur Katastrophe führen und bamti unabsehbares Elend über alle Streife des deutschen Volkes, nicht zuletzt der Arbeitnehmer bringen. Den Arbeitnehmern selbst fei auch mit der reinen Steigerung der Löhne und Ge­hälter zugegebenermaßen nicht gedient. Ihnen wie der ganzen deutschen Wirtschaft könne nur geholfen werden durch vermehrte und verbilligte Produktion, die allein und durch sich eine Senkung der Preise bewirken kann.

Es sei aber bemerkt, daß nicht nur die hohen Löhne Ursache der teuren Preise sind, sondern auch Spekulation und Preistreiberei. Mit ei­nem Lohnabbau müßte auch sofort ein Preisabbau ein­treten,

Die Tarifverträge für den Bergbau.

sind zum Abschluß gelangt. Die Bergleute erhalten eine weitere Schichtzulage von 6 Mark. Das Kinder­geld wird erhöht.

Die Not der Presse.

Der Reichsrat beriet Freitag den Ausschuß­bericht über die Verordnung betr. Beschaffung von Papierholz für Zeitungsdruckpapier. Der sächsische Mi­nisterialdirektor Graf v. Holtzendorf führte dazu aus, daß die Ausschüsse vollkommen anerkennen, daß zu­gunsten einer Verbilligung des Druckpapiers eingegrif­fen werden muß, um besonders die kleine und mitt­lere Presse vor dem Untergang zu bewahren. Aus verfassungstechnischen Bedenken erklärte sich aber der Reichsrat gegen die Verordnung, weil die Einnahmen aus den Forsten die einzigen seien, die den Sänbern verblieben. Die Erträge der Forstverwaltung müßten jeder Verfügung durch das Reich entzogen bleiben. Doch seien die Länder bereit, auf dem Wege der freien Vereinbarung mit dem Reich billiges Papierholz für die kleine und mittlere Presse zur Verfügung zu stel­len. Staatssekretär Hirsch erklärte namens der Re­gierung: Die Reichsregierung hat die Vorlage erst ein­gebracht, nachdem in, monatelangen Verhandlungen, während deren die Lage der Preffe sich ständig ver­schlechterte, kein Ergebnis erzielt worden sei. Sie böte die Länder, nachdem dieser Weg abgelehnt sei, aber auf dem Wege der freien Vereinbarung jetzt ein größeres Entgegenkommen zu zeigen als bisher, da die Not der Presse stündlich größer werde. Der Reichs­rat blieb bei seiner Ablehnung.

Druckpapier wird noch teurer.

Jetzt sind die Preise für maschinenglattes, holz­haltiges Druckpapier auf einem Stand angelangt, der über dem 20fachen Preise des Jahres 1914 liegt. Die neueste Bekanntmachung des Reichswirtschaftsmini­sters bestimmt als jetzt gültigen Preis rund 410 Mark für 100 Kilo. Das unbedruckte Papier des einzelnen Zeitungsbogens vom Format der „Ful- daer Zeitung" kostet danach schon über 8 Pf. Die Verordnung des Reichswirtschaftsministers läßt Üb­rigens auch die Möglichkeit zu weiteren Aufschlägen schon innerhalb dieser zweimonatigen Preisfrist zu, indem folgendes befthnmt wird: „TM nach djem 1. Mai 1920 eine weitere Erhöhung des Kohlengruses ein, so wirb ber Aufschlag durch Bekanntmachung des Reichswirtschaftsministers entsprechend heraufgesetzt."

Die „Köln. Volkszeitung"

Nachdem es kürzlich von der „Köln. Dolkszeiftmg" geheißen hatte, daß sie vom Thyssen-Konzern erwor­ben worden sei, ein Gerücht, das vom Verlage als un­richtig bezeichnet worben war, meldeten die Blätter, daß das Unternehmen in den Besitz ber im Erzberger­prozeß vielgenannten Eisenfirma Wolff übergegangen beziehungsweise unter Beteiligung von Banken von einem Konsortium übernommen unb in eine Aktien­gesellschaft umgewandelt worben fei. Demgegenüber teilt bie „K. V." abermals mit, daß auch diese Ge­rüchte unzutreffend seien; es schwebten lediglich Verhandlungen, um das Unternehmen auf eine brei­tere Grundlage zu stellen.

„Breitere Grundlage" das heißt in diesem Falle: sanieren. Das ist kennzeichnend für die Lage im Zei­tungsgewerbe im allgemeinen. Die „K. D." hat mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen und muß Geldleute suchen, die sich an dem Unternehmen betei­ligen. Wenn derartige Schwierigkeiten bei einem so großen und von Hause aus so gesunden Unternehmen wie bei der „K. V." eingetreten sind, dann kann sich der Außenstehende, ber noch immer nicht an die ge­radezu katastrophale Sage des Zeitungsgewerbes glau­ben will, von der finanziellen Lage der mittleren imd kleineren Zeitungen unschwer ein Bild machen.

Carranza ermordet,

Aus Mexiko wird amtlich gemeldet, daß General Carranza am Donnerstag ermord et wurde.

Ein trauriges Ende für einen Mann, dem es ge­lungen war, eine Reihe von Jahren hindurch nach einer Periode schwerer Wirren seinem Lande wieder verhältnismäßig geordnete Verhältnisse zu geben. Die Erbschaft, die Carranza 1915 nach der Periode ber Erschütterungen, bie durch die Namen Madero, Villa, Huerta gekennzeichnet ist, übernahm, war eine trau­rige. Er verstand es bann aber, in kurzer Zeit seine Herrschaft zu befestigen. Seine nationale Wirtschafts­politik, die bie Ausbeute an Mineralien, Erzen und Deien den mexikanischen Staatsangehörigen sicher stel­len sollte, richtete sich in erster Linie gegen die Ver­einigten Staaten. An Reibereien zwischen ber Union unb Mexiko hat es infolgedessen unter seiner Regie­rung fast nie gefehlt. Im Weltkrieg verfolgte der mexikanische Präsident eine dem Panamerikanismus durchaus abholde Politik. Er folgte nicht, wie bie mei­sten anberen amerikanischen Staaten, dem Beispiele ber Vereinigten Staaten bei der Kriegserklärung gegen Deutschland, sondern bewahrte eine wohlwollende Neu­tralität. Anfang Juli sollten die Präsibentschaftswah- len in Mexiko ftattfinben. Carranza kandidierte selbst nicht mehr, begünstigte aber die Kandidatur des frühe­ren mexikanischen Gesandten in Washington Bonillas. ZyW D.breaon pptz ®ßnaele& Nbe

-ichsalls Präsidentschaftskandidaten waren, aber ge- ringe Aussichten hatten, erregten Ausstände. Ein wei­terer Aufstand im Indianerstaat Sonc--> faltete die Lage Carranzas immer schwieriger.. Seine Truppen wurden geschlagen; er selbst mußte fliehen. Die Nach­richt von seiner Ermordung, die nicht zum ersten Mal auftaucht, erscheint dieses Mal bei seiner verzweifelten Situation glaubhaft.

Deutsches Reich.

** Berlin, 24. Mai. Durch eine Ententenote hat der Reichskanzler nunmehr amtlich die Mitteilung er­halten, daß die Verlegung des Termins der Konfe- renzvon Spa auf den 21. Juni vorgesehen sei und das Einverständnis der deutschen Regierung dazu erbeten wirb. Der Reichskanzler teilte bem großbri­tannischen Geschäftsträger mit, daß bie Retchsregie- rung die Einladung auf den 21. Juni angenommen hat. — Als Dberpräfibent von Niederschlesien ist ber Direktor der Krankenkasse in Breslau, der sozialbemo- kratische Abg. Zimmer, in Aussicht genommen. — Das Abkommen mit Sowjetrußland über den G e - fangenenaustausch ist von beiden Teilen rati­fiziert worden. Der zweite Transport mit deutschen Heimkehrern aus Sowjetrußland ist am 22. Mai im Durchgangslager Kreckow bei Stettin eingetroffen. — Auf der iKeler Reichs werft sind zwei Hochsee- fifchdampfer vom Stapel gelaufen. Damit sind im Laufe dieses Monats bereits sechs Neubauten dieser Werft zu Waffer gelaffen worben. .

* Noch 100% Fahrpreiserhöhung? Die Mann­heimer Volksstimme' will von bestumerrichteter Seite erfahren haben, daß für den 1. Oktober eine Weitere Erhöhung bet Eisenbahntarife um 100 Prozent ge­plant sei, um das riesige Defizit ber Reichseisenbahn wenigstens einigermaßen auszugleichen. Heutzutage muß man auß alles gefaßt sein, aber erwiesener­maßen ist bie fortgesetzte Erhöhung ber Fahrpreise bas denkbar schlechteste Mittel zur Verminderung bet Defizite. , i ,

** Die Portoerhöhung — eine verfehlte Speku­lation. Wie aus dem Reichspostministerium ver­lautet, läßt sich nicht leugnen, daß feit ber Erhöhung ber Posttarife ber Verkehr durchschnittlich um 25 Prozent nachgelassen hat. Um die Defizite ber Verwaltung nicht noch mehr zu vermehren, muß unbedingt in kürzester Zeit eine Vereinfachung in ber Verwaltung eintreten. Diese Vereinfachung bedeutet Personal-Entlassungen, Verein­fachung ber Bestellungen, Einschränkung im Schalter­dienst, Ersparnisse im Bahnpostverkehr durch Fort­fall gewisser Bahnposten. Alles in allem: Der Betriebe wird trotz hohen Portos an allen Ecken verschlechtert.

** Zentrum und Thüringer Landlagswahl. Nach einer zuerst in der „Erfurter Allg. Ztg." mit bem Herkunstsvermerk „Jena" erschienenen Nachricht soll das Zentrum den früheren Landtagsabgeordneten Mühlenbesitzer Dr. Kiel in Geisa an erster Stelle als seinen Kandidaten für die am 20. Juni stattfindende Wahl zum Thüringer Landtag benannt haben. Diese Nachricht ist unzutreffend. Die zuständige In­stanz ,der Partei, der (Sautag des Gaues Erfurt hat zu der Kandidatenfrage noch keine Stellung genommen, geschweige denn, daß man sich bereits auf „eine be­stimmte Person geeinigt habe. Es steht überhaupt noch nicht fest, in welcher Weise das Zentrum zu der Wahl Stellung nehmen wird, da das Wahlgesetz von der Sozialdemokratie darauf zugeschnitten worden ist, das Zentrum im neuen Thüringer Landtag auszuschal­ten. Die Stellungnahme der Partei wird in einer auf Mittwoch den 26. ds. Mts. nach Salzungen einberufenen Gausitzung erfolgen.

* Akerges verhaftet. Auf Veranlassung der Staats- anwaltschast Hildesheim ist Der Kommunistenführer Schneider August Merges, der vormalige Präsident des Freistaats Braunschweig, verhasiet worden.

* Die bequeme Opposiion. Eine Aeußerung, die verdient, Weiteren Kreisen bekannt zu Werden, hat ber beutschnationale Abg. Dr. Düringer in einer Karlsruher Wählerversammlung getan. Er sagte nach bem Bericht ber gewiß unverdächtigen deutsch- nationalen „Süddeutschen Zeitung": „Wir find eine Oppositionspartei unb nützen die Vorteile der Opposition aus. Wir können es uns, leisten, daß wir ben Etat verweigern, weil Wir sagen, eS herrsche eine Mißwirtschaft; denn Wir wissen, daß ber Etat boch angenommen Wirb, und Wir können es uns auch leisten, die Steuergesetze abzu- lehnen, mit denen Wir nicht einverstanden sind; denn wir wiffen, sie Werben doch gemacht. — Wir vom Zentrum haben eine solche Oppositionspolitik von jeher für falsch, weil schädlich gehalten. Wir taten das sowohl zu ber Zeit, als bie Sozialdemokratie diese Politik trieb unb wir tun es beute, Wo die Deutschnationalen bieselbe Politik treiben. Das na­tionale Pflichtbewußtsein hat das in nationaler Be- ziehung stets viel verlästerte Zentrum selbst zur Zeit des schärfsten Kulturkampfes davon abgehalten, eine solche grundsätzliche Opposition zu treiben. Wenn heute bie Deutzchnationalen in ben schlimmsten Zeiten solche Opposition treiben, so wird man von ihnen dasselbe sagen müssen, was auch bie Konservativen früher von ben Sozialdemokraten sagten: sie stellen das Parteiinteresse über das Interesse des Vaterlandes.

fluslanb.

* Frankreichs Trotz des Deschlufles des franzo- fischen Allgemeinen Arbeiterverbandes, ben Streik für beendet zu erklären, erklärte der Verteter ber Eisen­bahnergewerkschaften, daß die Eisenbahner den Streit s o r t s e tz e n werden.

* Deschanel, der Präsident der französischen Repu- blik, erlitt auf der Reise nach Montbrison, wohin er sich zur Enthüllung des Denkmals für einen gefallenen Flieger begeben wollte, einen Unfall. Er fiel während ber Fahri auf ein Eisenbahngeleis. Die Verletzung ist nicht schwer.

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