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Nr. 117.
Berantworilich für den redailionellen Teil: Carl Schütte, - für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. " Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei In Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fulda er Zeitung
Sreitag, 21. Mai 1920.
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Bezugspreis: Monatlich 2,00 Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 2,10 Mk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmaß) 50 Pfg„ u. 10°). Zuschlag, die Reklame zelle (Textbreite) ILO Mk., u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol.Rabatt.
47. Zahrg.
Vorbesprechungen.
Millerand und Lloyd George wollen gor der Konferenz in Spaa noch mehrere Male m zondon und Ostende zusammenkommen.
Dir können diese Vorbesprechungen nicht hindern. Aber wenn die Herren einseitig endgültige Beschlüsse sesklegen sollten, so würden sie nicht bloß gegen die Erklärung von San Remo handeln, sondern auch gegen den gesunden Menschenverstand. Denn was jetzt er* strebt wird» nämlich die Sicherung und Beschleunigung der deutschen Geldzahlungen, läßt sich nicht auf dem üblichen Weg« des Diktats erzwingen, sondern nur unter williger Mitwirkung der deutschen Regierung und der deutschen Industrie.
Die deutsch-französischen Wirtschafts- Verhandlungen.
Der Meinungsaustausch, den die deutsche Regie- mng vorgeschlagen hat, um die Wiederaufnahme der deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen zu ermög- lichen, hat gestern in Paris begonnen. Den Vorsitz bei den Verhandlungen führt handelsminister Isaak, auf deutscher Seite führt den Vorsitz der deutsche Geschäftsträger Dr. Mayer. „Motin" bemerkt, die deutsch-französische Konferenz habe keinesfalls zum Ziele, über Friedensklauseln zu sprechen, oder sie gar abzulmdern, vielmehr ausschließlich praktischen Wert für den Handel zwischen Frankreich und Deutschland.
Die Anncxionswuk der Franzosen.
Die Regierung hat den deutschen Kommissar in ter Grenzfestsetzungskommission für das Saargebiet, Oberst von Inländer, angewiesen, seine Mitarbeit an den Arbeiten der Kommission bis auf weiteres e i n- zustellen, da die Kommission entgegen dem Frie» densoertrag auf Antrag eines französischen Mitgliedes beschließen sollte, über die Verwaltungsgrenzen hinausgehende weitere Gebiete in das Saar- gebiet einzubeziehen.
Asquith für Revision.
In einer vom Rat zur Bekämpfung der Hungers» not einberufenen Versammlung in London hat der liberale Führer Asquith ausgeführt, das einzige Mittel zur Besserung deS durch den Krieg geschaffenen Zustandes sei eine Milderung der Friedens- oestimmungen. Zweierlei sei erforderlich, Anwendung und Ausbau des Grundsatzes der wirtschaftlichen Einheit und möglichst weitgehende Abrüstung. In diesem Zusammenhang nannte Asquith die Ereignisse in Südwestrutzland und namentlich das angriffsweise Auftreten der Polen einen Skandal und forderte schließlich an Stelle des Obersten Rates einen wirklichen Völkerbund.
Eupen und Malmedy.
Die angesehene englische Zeitung „Manchester Guardian" veröffentlicht mehrere Artikel über die Lage im Gebiete von Eupen und Malmedy, die sie durch einen Sonderberichterstatter an Ort und Stelle studieren ließ. Das Ergebnis, zu dem der Berichterstatter kam, läßt sich in folgendem Satz zusammenfassen: Ich habe verschiedene Teile des Gebietes von Eupen und Malmedy bereift und mit vielen Leuten gesprochen, mit Armen und Reichen, Bauern, Arbeitern, Kaufleuten, Beamten, Schullehrern; aber es ist mir nicht gelungen, eine einzige Person ausfindig zu machen, die belgisch werden wollte.
Deutsche Nationalversammlung.
Die schwarze Schmach?
Der Nationaloersammlimg lag am Donnerstag eine Interpellation über die Verwendung farbiger Truppen im besetzten Gebiet vor, der sich sämtliche Parteien mit Ausnahme der Unabhängigen angeschlossen haben.
Nachdem Abg. Frau Röhl (Soz.) die Interpellation begründet hat, nimmt zn ihrer Beantwortung das Wort der
Rüchsmlnister des Aentzeren, Dr. fiöfter. Er führt eus: Er liegen in Worms und Mainz noch zwei Sene- lolefenregimenter, in Ludwigshafen und Germersheim em Bataillon gemischter gelber Truppen und Madagassen, sm übrigen besetzten Gebiet noch 16 Regimenter brauner Truppen, Algerier, Marokkaner und Sudanesen. (Hört! h°rt!) Es ist ein seelischer Verbrechen, wenn man ein *>olt, das ökonomisch und national ausgeplündert worden JU, nun auch noch im Frieden unter die Herrschest von «0 000 Schwarzen setzt. (Lebh. Zustimmung.) Abgesehen ®CDon ist die dauernde Verwendung von 50000 Mann Wer fremden Rasse volkshygienisch eine große Gefahr brchi nur für Deutschland, sondern auch für Europa. Die tertgesetzten Gewalttätigkeiten, die Ermordung harmloser ~ärger, Vergewaltigung von Frauen, Mädchen und Kna» tem, dar wesenhafte Anwachsen der Prostitution, die Einrichtung zahlreicher Bordelle, auch in den kleinsten Eläbtcn, die rapide Verbreitung von Geschlechtskrankhei» schwerster Art (Hört! hört!), dies alles ist eine Fort- tefcung der Kriegführung im Frieden. (Sehr richtig!) Sie lot zur Folge, daß der deutsche Dolkskörper in feinem Köstlichen Rand dauerndem Siechtum entgegengeht. Die xronzofen sollten bedenken, daß man an einer wirtschaft- Wn Solidarität nicht arbeiten kann, wenn zu gleicher äert die politische Solidarität mit Füßen getreten wird, si^bh. Zustimmung.) Das gilt besonders jetzt, wo man
Paris zwischen französischen und deutschen Industriellen ?nd Kaufleuten verhandelt. Auf diese Verhandlung legt F die französische Regierung ebenso großen Wert wie die "futsche. Der Völkerbund muß mit feinem moralischen $rud auf die Zurückziehung der schwarzen Truppen wir- Ien- Jetzt, wo die Nationalversammlung zu Ende geht, "wen wir unseren Brüdern im Westen sagen, daß wir ihnen leiden, hoffen und mit ihnen arbeiten wollen, diese Zustände aufhören, daß wir möglichst bald einer 'Befamtbefreiunq des besetzten Gebietes entgegensetzen. 'Lebhafter Beifall.) . , ,
In der Aussprache über die Interpellation rief Ne unvermeidliche Frau Zieh (Unabh.) Lärmszenen hervor, als w unter Schreien, Kreischen und Pultschlagen eine Rede ?'ett, die wie eine Entschuldigung der U Übergriffe der böigen Truppen wirkte. Die sämtlichen bürgerlichen wrteien hatten während der Rede den Saal verlassen.
Es folgen Interpellationen über die Maßnahmen der Wcrnaiionalen Schleswig-Kommiffion, über ®*e Zustände in Eupen und Malmedy und über die ^echtsbeschränkung der deutschsprechenden Bevölkerung in ;cn an Polen abgetretenen Gebieten. 3n den Antwor- die der Reichsaußenminister Dr. Köster auf diese Sn- f™gen erteilte, kam immer wieder zum Ausdruck, daß Deutschland die Vertragsverletzungen als eine schwere Be- tntraiNigung feiner Rechts empfindet, und daß es bei den zuständigen Stellen immer und immer wieder gegen diese Vertragsverletzungen protestiert hat, daß aber dem Dem»
Fraktionsadschied in der
Nationalversammlung.
Die Zentrumsfraktion der deutschen Ratio naiver- smnmlung trat cm Donnerstag nochmals zu einer Sitzung zusammen. Nach Erledigung geschäftlicher Fragen nahm der Fraktionsvorsitzende Trimb 0 rn das Wort, um auszusprcchen, daß ein historischer Moment angebrochen fei. Die Zentrumsfraktion der Nationalversammlung gehe auseinander. Mancher liebe Freund werde nicht mehr wieder kommen. Vor Gott und der Welt könne und müsse et aussprechen und bezeugen: die Fraktion des Zentrums hat gewissenhaft und unermüdlich gearbeitet. Noch nie sind an eine Fraktion S gewaltige Anforderungen gestellt worden wie an
!. Aus einem Trümmerhaufen heraus mußten wir neues schaffen. Noch wissen wir nicht, ob da» Gebäude halt. Möge sich vor allem der Verfassungsbau als stammfest erweisen, möge die redlich und ernst geleistete Arbeit nicht umsonst geleistet worden sein. Mit nationaler und christlicher Gesinnung sind wir an die Arbeit herangeoangen Mit Dank gegen Gott, der unser geliebtes Vaterland erhalten und nicht in den Sturmen der Zeit untergehen laffen möge, scheiden wir. Abg. Herold wies auf die Harmonie hin, die in dieser 6tei angefochtenen Fraktion bestand. So stark war noch nie der Wille zur Arbeit und zur Einigkeit, tote in dieser Fraktion. Noch nie seien Angriffe gegen dieselbe weniger angebracht gewesen wie jetzt. Eine spätere Zeit werde der Arbeit des Zentrums in der Nationalver. sommlung mehr gerecht werden, wie die schnell dahin, flutende gegenwärtige Zeit Abg. Herold dankte sodann dem Abg. Trimborn für seine große Arbeit als FraktionSvorsitzender, der es verstanden Hoche, trotz aller Gegensätze die Partei zu einigen und der mit seinem goldenen Humor die kritischen Situationen gemeistert habe. Der in unserem Wahlkreis Hessen-Nassau ge- wählte Abg. Becker sprach für jene, die nicht mehr wiederkommen. Alle Fragen habe die Fraktion mit tiefem sittlichen Bewußtsein zu lösen versucht. Möge die neue Fraktion im Geiste der alten weiter arbeiten zum Segen von Volk und Vaterland.
Deutsches Reich.
Der Reichsrak für Derbehalkong der Zwangswirtschaft.
Der Reichsrat hat am Mittwoch die neue Reichs- getreideordnung für die Ernte 1920 angenommen. In dieser Ordnung wird bekanntlich an der Zwangsbewirtschaftung sämtlicher Getreidearten festgehalten, auch der Hafer unterliegt wiederum der Zwangswirtschaft. Die Regierung glaubte aber, der Landwirtschaft entgegenkommen zu können durch Festlegung einer angemessenen Selbstversorgerrate und durch Freigabe sämtlicher Hülsenfrüchte. Außerdem soll die Belieferung der Nährmittel-Industrie und der Brauereien mit Hafer und Gerste besser gesichert werden.
Die neue Verordnung über die Versorgung mit Herbstkartoffeln aus der Ernte 1920 sieht ebenfalls von der freien Wirtschaft ab. Auf Grund der Verhandlungen, die im Laufe des Winters zwischen dem Neichsausschuß der deutschen Landwirtschaft und dem Deutschen Städtetag geführt worden sind, soll das bisherige System derart geändert werden, daß die landwirtschaftlichen Genossenschafter; unb die £)(•
schrn Reich nicht die Machtmittel zur Verfügung stehen, um diese Proteste wirksam zu machen.
Neuen Lärm gab es, als die Interpellation der Rechten über die Feier des 1. M a i in den Reichs- und Staatsbetrieben zur Beratung tarn. Die Regierung ließ durch Arbeitsminister Schlicke die Erklärung abgeben, daß ste^ diese Interpellation innerhalb der gefchäftKordnungs- mäßigen Frist zu beantworten bereit ist. Da diese Antwort fachlich wegen des Schlusses der Nationalversammlung auf eine Steigerung, die Interpellation überhaupt zu bean.warten, hinauslief, richtete die Rechte heftige Angriffe gegen die Regierung. Die Wogen der Erregung gingen teilweise so hoch, daß der Präsident nur mit Mühe den Rednern Gehör verschaffen konnte.
Eine überraschende Abstimmung.
Samt wurde der Antrag der Unabhängigen auf fosor- tige Aufhebung der Belagerungszustandes im ganzen Reich beraten. Der unabhängige Führer Henk« begründete ihn in einer fürchterlichen Philippika. Die Sozialdemokraten erklärten durch £öbe ihre Zustimmung. Für die Regierung hob Rrichsminister fioch die Unmöglichkeit hervor, noch vor den Wahlen überall den Ausnahmezustand aufzuheben, zumal immer noch Bestrebungen im Gange seien, die Staatsordnung zu stürzen. Bei der Abstimmung wurde, da die Bänke der beiden sozialdemokratischen Parteien gut besucht waren, der Antrag der Unabhängigen angenommen. Zunächst gab es eine maßlose Verblüffung tm Hause, die Sozialdemokraten, insbesondere die Unabhängigen hatten ja selbst nicht mit der Annahme des Antrages gerechnet. Die sozialdemokratischen Mitglieder der Regierung sind ja auch keineswegs für diesen Antrag und Minister Koch hatte mit seiner Erklärung nur der Stimmung des Gesamtkabinetts AuÄuuck gegeben. Koch war seiner Sache so sicher, daß er auf die Abstimmung selbst gar nicht richtig achtete. Er mußte sich erst das Ergebnis von [einer Umgebung Mitteilen lassen, um dann starr wie Lots Weib zu werden! Er schritt blaß die Treppe zu feinen Parteifreunden hinunter, ratlos und hilflos und auch unten rang man die Hände. Der frenetische Jubel bei den Sozialisten, namentlich bei den Unabhängigenl Henke und Geyer wissen sich vor Freude kaum zu fassen und klatschen wie Kinder in die Hände. Was aber soll nun werden? Wenn die Regierung dem Beschluß des Parlaments nachkommen will, fo läuft sie Gefahr, daß die radikalen Clemente die Lage für ihre Zwecke ausnutzen. Ein groß angelegter Stoß, der ja in den Plänen der Radikalen liegt, würde nicht nur die Regierung zum Wanken bringen, sondern die Möglichkeit der Durchführung der Reichstagswahlen überhaupt in Frage stellen. So ernst liegen die Dinge. Würde andererseits die Regierung dem Antrag nicht Nachkommen wollen, dann könnte das leicht zu einer Regie- rungskrifis führen. Nur um ganz wenige Stimmen handelte es sich, das ergab sich bei der dann folgenden Abstimmung über den Antrag auf Strafverfolgung des Unabhängigen Abg. Braß, wobei zum zweiten Male Abstimmung durch Hammelsprung notwendig war, und die Beschlußunfähigkeit des Hauses sich ergab. Cs fehlten allerdings nur 3 Stimmen! Nun wird die Braß-Angelegen, beit in diesem Parlament wohl überhaupt nicht mehr erledigt werden. Man hätte ja fürwahr lieber gesehen, wenn diese unrühmliche Szene noch kurz vor dem Ende der National-Dersammlung erspart geblieben sein würde.
Die nächste Sitzung beraumte der Präsident auf 214 Uhr an. Diese Sitzung verlief ohne Zwischenfall und war nach kurzer Zeit beendet. Es wurden ohne Debatte eine Anzahl kleiner Vorlagen erledigt. Auf der Tagesordnung der Freitagssitzung steht u. a. die 3. Lesung über bas Gesetz betreffend Aushebung der Militärgerichtsbarkeit.
ganifofton des Kartoffelhandels mit den Landwirten Verträge auf Lieferung von Kartoffeln abschließen sollen. Für den Fall, daß diese Verträge bis zum 1. August 1920 über zusammen 120 Millionen Zentner lauten, sieht die Verordnung von einer weiteren öffentlichen Bewirtschaftung ab und überläßt den verbleibenden Rest der Ernte den Erzeugern zur beliebigen Verwendung, auch zur Fütterung.
** Berlin, 20. Mai. Die Nachricht, daß eine neue Sparprämienanleihe aufgelegt werden soll, wird von der ,Deutschen 2IIIg. Ztg/ als falsch erklärt. — Zum Nachfolger des Generals v. Watier in Münster ist General v. Lo ßberg ernannt worden. Er wird in Kassel durch den General v. Hammerstein ersetzt. — Der langjährige Vertreter des ,Münsterischen Anzeigers' in Berlin, Karl Egbring, ist unter Ernennung zum Ministerialrat in das ReichSministerium für Ernährung und Landwirtschaft berufen worden.
* Zur Hebung der Baufäfigteit. 5m Haushaltsaus- fchuß der Nationalversammlung stellte die Regierung einen Antrag: Die Nationalversammlung wolle sich damit einverstanden erklären, daß das Reichssinanzministerium außer den durch den Notetat bewilligten 200 Millionen Mark zur Ausbreitung der Bautätigkeit Reichsdar - le6en zur Schaffung neuer Wohnungen im Betrage von 450 Millionen Mark zur Verfügung stellt, und ferner beschließen, daß die insgesamt aus Reichsmitteln aufzutreibenden 650 Millionen Mark dem Reich durch eine Abgabe von dem bebauten Grundbesitz bis zum Jahre 1925 wieder zuzuführen find. Der Ausschuß erklärte sich mit diesem Antrag einverstanden.
: Die „kölnische Volkszciinng" ist, wie jetzt gemeldet wird, in den Besitz der Kölner Eisenfirma Otto Wolff in Köln übergegcngen, hinter der ein Bank- konsortium der Kölner Großbanken steht, die diese Zeitung in eine Aktiengesellschaft umwandeln wollen. Die bisherigen Verleger 3. P. Bachem führen lediglich die Buchdruckerei weiter. Dasselbe Konsortium mit der Firma Wolff hat auch das Kölner Tageblatt mit der Kölner Verlagsanstalt erworben und die alten Aktien, soweit greifbar, aufgekauft. Eine Kapitalserhöhung von 1,2 Millionen soll das Unternehmen auf eine breitere Grundlage stellen. — Der Verkauf der „Köln. Volksztg." läßt sich in seiner Tragweite noch nicht absehen. Ueber die Beweggründe des Verkaufes hört man. daß die endlose und wahnsinnige Lohn- und Materialteuerung, die ins Phantastische gesteigerten Herstellungskosten und die Steuerbelastung die Ursache waren.
----- Das Bielefelder Abkommen, das zwischen der Regierung und den Gewerkschaftsvertretern abgeschlossen wurde und die Grundlage für die Vereinbarung über den Abbruch des Generalstreiks war, ist s. Zt. in weiten Kreisen mit großem Mißvergnügen ausgenommen worden, da es eine bedenkliche Annäherung an die Diktatur des Proletariats brachte und sich nur schwer mit dem Wortlaut und dem Geiste der Verfassung vereinbaren ließ. Wie jetzt der „Köln. Vztg." miigeteilt wird, gab Reichspoftminister Giesberts auf der Versammlung des Augustinusvereins in Düsseldorf am 14. Mai u. a. folgende Erklärung ab:
„Es wird so viel vom Ruck nach rechts oder links gesprochen. Wir können einfach nicht weiter nach links gehen, wie jetzt, sonst kommt die Diktatur deS Proletariats. Gerade das Bielefelder Abkommen war nur ein Slotbebelf, um den Bürgerkrieg zu ver- meiden. Wir mutzten für den Augenblick zurecht- kommen. Soweit diese Abkommen gegen die Ve>faffung sind, sind sie null und nichtig. Das erkläre ich hier feierlich!"
Diese Mitteilung wird vielen bedenklich gewordenen Leuten zur Beruhigung dienen.
* Gewerkschaftlicher Terrorismus. In Kunzen» dorf, Kreis Reurode, hatten sich im Frühjahr vorigen Jahres die zum größten Teil bei der Firma Jordan beschäftigten Mitglieder des Vereins erwerbstätiger Frauen und Mädchen dem Zentraloerband christlicher Textilarbeiter Deutschlands angeschlossen. Am 29. Man wurde Dom Betriebsrat die Betriebsleitung vor die Wahl gestellt: entweder diese Arbeiterinnen treten zum sozialdemokratischen Verband über oder werden entlassen, andernfalls wird nicht weiter gearbeitet. Die betreffenden Arbeiterinnen gaben unter diesem Druck ihre Mitgliedsbücher ab, reichten jedoch eine Erklärung ein, wonach sie nur gezwungen übergetreten wären und auch ferner dem christlichen Verbände angehören wollten. In den daraus erfolgten Verhandlungen erklärte der Obmann des Betriebsrates, sie wollten den übergetretenen Mitgliedern freistellen, wieder 3um christlichen Verbände zurückzukehren. Diese im Beisein der Firmeninhaber abgegebene Erklärung wurde jedoch den anderen Tag frisch- weg als erlogen bezeichnet. Der Betriebsrat erklärte, sie hätten die Macht, und die Minderheit hätte sich zu fügen; auf das Gesetz gäben sie nichts. Das Reichsarbeitsministerium hat den Terror auf das schärfste mißbilligt und wird ebenso wie dir Gewerbeinspektion die Sache weiter verfolgen.
Ausland.
* Ter Völkerbundsrat hielt seine feierliche Schlußsitzung am Mittwoch in Nom auf dem Kapitol ab. Tittoni redete. Ec verbarg nicht die Unzufriedenheit in Italien.
* Die irische Gefahr. Im britischen Oberhause er- klärte der Lordkanzler in Besprechung der Lage in Irland, es sei die Politik der Regierung, alle Kräfte und Hilfsmittel Englands anzuwenden, um die gesetzliche Ordnung in Irland wieder herzustellen und die Kampagne, die zugunsten der Abtrennung geführt werde, vollständig unmögli ch zu machen. Wenn die verfügbaren militärischen Kräfte sich als unzureichend erweisen sollten, so würde nicht gezögert werden, an das britische Volk einen Appell zu richten, diese Streitkräfte zu vermehren.
• Ungarn. Die ungarische Friedensdelegation hat ihre Mandate medergelegt. Die Regierung hat sich für die Unterzeichnung deS Friedensvertrages ausgesprochen.
* Rußland. Die Bolschewist en haben an der Düna die Polen, bei Enseli am Kaspischen Meer die Engländer zum Rückzug gezwungen.
Der Zentralverband der chrlstl-Holzarbelter hielt bom v.—11. Mai d. 3. in Würzburg einen außer, ordentlicher; Perbandst« g ab, dessen Beschlüsse
zeigen, auf welch gesunder Grundlage die christliche Ar. beiterbelcegunfl ruht. Den General st reik lehnte die außerordentliche Generalversammlung entschie. den ab als eine verwerfliche und ungeeignete Waffe, um die Arbeiter einer bessern Zukunft entgegengufüljrcn und billigte die ablehnende Haltung des Zentralvor. stondes gegenüber dem Generalstreik ctu5 Anlatz deS Kapp-PutscheS. Der Verband hält nach wie vor streng, ar» seiner parteipolitischen Neutralität fest. Jedoch wird allen Mitgliedern bringend empfohlen sich nach Möglichkeit am parteipolitischen Leben zu beteiligen und dichin zu wirken, dass in den politischen Parteien sozialer, christlicher Geist führend toirb. Deshalb müsse man nur solchen Kandidaten die Stimme geben, die auf christlichem Boden stehen, soziales Verständnis bekunden und die gewillt sind, den Lohnarbeiterstand in der Volksgemeinschaft als gleichberechtigtes Glied anzuerkennen. Als gute Vorschule der christlichen Gewerkschaften betrachtet der Verband die konfessionellen Arbeiter-, Gesellen» und Jung» lingSvereine und fordert auf, in treuer Waffenbrüderschaft mit diesen Vereinen Hand in Hand zu arbeiten. Ueber jegliche Standesbetoegung aber müsse die Idee der Volksgemeinschaft in den Vor. bergrund gerückt und der Idee des Klassenkampfes und der Klassenherrschaft von rechts und links entgegengestellt werden. Eine Diktatur von links würde den Arbeitern selbst und ihren Interessen den allergrössten Schaden zufügen. Angesichts der Scheußlichkeiten in München und im rheinisch-westfälischen Industriegebiet unter der Diktatorenherrschaft müsse die christliche Arbeiterschaft es insbesondere weit von sich weisen, einer solchen Herrschaft irgendwie Vorschub zu leisten. Nur eine auf dem Boden christlicher Weltanschauung stehende Volksgemeinschaft, in der alle Stände gleichberechtigt eingeordnet sind, eine solche Arbeitsgemeinschaft sei auf die Dauer imstande, das Wohl deS Gesamteolkes und das deS Arbeiterstandes zu begründen. Schliesslich em« pfähl der VerbandStag die Einführung und AuSbrei- hing von Konsum vereinen des NeichsverbandeK deutscher Konsumvereine (Sitz Köln-Mülheim).
Aus Kirche und Schule.
-ch Rom, 14. Mai. Am Feste Christi Himmelfahrt sah Rom wieder eine Feierlichkeit, toie sie selten statt- finien. Schon seit einigen Tagen prangte die Peters» kirche in ihrem Festschmucke für die feierlichen Selig- und Heiligsprechungen, die in diesem Monate ftatlfirv- ben. Am Feste Christi Himmelfahrt fand die Heilig» sprechung der seligen Maria Alacoque und i.c5 seligen Paffionisten-Fraters Gabriel bell' adolor a t a statt. Schon am frühen Morgen um 6 Uhr halte italienisches Militär vor der Weltkirche Auf» fteHimg genommen und von allen Seiten strömten Andächtige über den PeterSplatz. Es war ein prächtiges Bild, all die Menschemnassen und Droschken zu beobachten, die zur Peterskirche strömten. Um 8 Uhr toar_ die Basilika von ungezählten Tausenden gefüllt, es mögen über 60 000 gewesen sein. Unter der Kuppel teuren an den Pfeilern grosse Doppeltribünen errichtet und die mächtige Basilika war durch Schranken in eine Unmenge von Abteilungen eingeteilt. Um 8 Uhr ging ein Aus. druck der Verwunderung durch die Riesenmenge, als die Kirche plötzlich durch eine tausendfache elektrische Beleuchtung in herrlichstem Lichte erstrahlte. Um 8)4 Uhr begann der Einzug der väpstl. Prozession in die Basilika. Alle männlichen Orden waren vertreten, dann folgten die einzelnen römischen Kollegien, die Kapitel der großen Basiliken, die Ritenkongregation, welche den Prozess der Heiligsprechung geführt halte, dann kamen alle Ordensgeneräle und hunderte von Siebten, Bischöfen und Kardinälen mit Mitren und Chormantel. Zum Schluß wurde der hl. Vater auf der Sedia gesta- toria getragen. Als der Papstsessel hoch über der Menge im Portal erschien, begann ein Trompeterkorps den Papstmarsch. Uebertoältigenb toar der Eindruck, den die Majestät deS Papstkönigs machte, als er nach allen Seiten segnend durch die tausendköpfige Menge getragen wurde. Es folgte nun der feierliche Akt der Heiligsprechung, tie Verlesung der beiden Dullen und ein brausendes Te Deum laudamuS. Darauf begann die feierliche Papstmesse. Vor der Opferung wurden die üblicken Gaben dem Papste dargebrockt und besonderen Eindruck machte ein Greis von 85 Jahren in schneeweissem Barte, der tn der Prozession der Kardinale zum Papstthron hinschritt, um auch seine Opfergabe oarzubringen, e1 toar der ältere Bruder beg soeben heilig gesprochenen PassionistenklerikerS, beS hl. 6 abriet mi? Assisi, der im Alter von 23 Jahren geftorbeb war. Während der Wandlung tourbe von der Kuppel herab auf silbernen Trompeten ein Chor geblasen, der ''n t;m ungeheuren Dom einen außerordentlichen Eindri ck hervorrief. Um 1% Uhr toar die Feier beendet und nun begann der feierliche Auszug aus der Kirche. Etwa 50 Kardinale bildeten den Schluß der Prozession, bann faitt die hehre Gestalt des Stellvertreters Christi. 'n Pont,» fikalgewändern, auf dem Haupte die goldgestickte Papst- kröne, wiederum toie beim Einzug hoch über der Mengq schwebend auf dem Thronsessel. Helle Begeistere ng fach man auf allen Gesichtern, nur viele bedauerte.,, daft sie in der ungeheuren Kirche nicht naher zum Papste herantreten konnten. Zugleich stimmte der Chcr an; Tu es Petrus, d. h. «Du bist Petrus «nb auf 'liefen Felsen will ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen." Bei einer si'lckeN Feierlichkeit, zu der alle Völker und Sprachen er'chci- nen alle Orden und eine Unmenge von Bischöfen und Kardinalen sowie das ganze diplomatische KorpS, er. greift die wunderbare Majestät be$ Prie'tergreiseS doch auf dem Thron, der segnend durch die Menge getragen wird, an den kein Monarch der Welt heranreichen karm.
Die Rutschbahn.
Es ist eine alte politische Erfahrung, daß, wenn einmal die abschüssige Dahn der Radikalisierung der Massen betreten ist, es auf dem Wege zum Abgrund kein. Halten mehr gibt. Den Verführten werden die Augen erst dann wieder ausgehen, wenn sie sich im Sumpfe wieder finden.
Der politische Radikalismus findet überhaupt nicht eine Grenze. Im selben Augenblick, in dem eine radi- kale Partei zu praktischer Mitarbeit und insbesondere zur Uebernahme von Verantwortlichkeiten gezwungen wird, In dem gleichen Augenblick hört sie auf, radikal zu sein. In demselben Moment aber auch wird es viele geben, die mit ihrer demagogischen Agitation kein Glück mehr haben, infolgedessen sich nach einem ande- ren „Arbeitsfeld" umsehen. So erwachst neben einer radikalen Partei immer wieder eine noch radikalere. Als dir Mehrheitssozialtsten praktisch zu arbeiten und ihre Wechsel auf den „Zukunftsstaaf einzulösen gezwungen waren, erwuchs neben ihnen und. mitten aus ihren Reihen heraus die Partei der Un» abhängigen. Als auch diese an einer gewissen praktischen Mitarbeit nicht rorübergehen konnte, in der