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Nr. 105.
Verantwortlich für den redaktionellen Teil: <£. Schütte, ~ für die Anzeigen: I. Parzel ler-Fuida. ~ Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei In Fulda. Fernsprecher Nr. S. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung
Donnerstag, b. HTai 1920»
Bezugspreis: Monatlich 2,l>0 Mk. ohne Zustellgebühr. Zn Fu da bet uiasabaeholt 2,10 Mk. Anzeigenpreis: Die Kleinzeile (Colonelmatz) 50 Psg„ u 10°« Zuschlag, die Reklame zelle (Textbrelte) 1.50 Mk., u. 10% Zuschlag. Bel Wiederhol. Rabatt.
47. Zahrg.
Frankreich als Störenfried.
Unsere Regierung schreibt unermüdlich Protestnoten und Vittnoten und das Ergebnis ist immer wieder die Ablehnung. Wenn die andern mit sich reden lassen wollcn, so bleibt doch Frankreich bei der unerbittlichen Fortführung des Krieges im sogenannten Frieden.
Unsere Vorstellung wegen der Räumung des §7 a i n g a u e s ist, wie das Pariser Regierungsblatt „Ternps" meldet, vom französischen Ministerrat am 1. Mai abgelehnt worden. „Es wurde", so heißt es, „nur die grundsätzliche Geneigtheit Frankreichs erklärt, die besetzten Städte der neutralen Zone zu räumen, sobald die rückständigen Vertragsoerpflichtungen durch Deutschland erfüllt seien." Das wäre ein Bruch des früher abgegebenen Versprechens, daß die Räumung erfolgen solle, sobald die Truppen im Ruhrgebiet auf das normale Maß zurückgeführt seien. Wenn Frankreich jetzt die vorherige Erfüllung aller streitigen. oder unmöglichen Dertragsverpflichtungen zur Vedingung macht, so kann es die Besetzung des Main- xaues noch auf Jahre und Jahrzehnte hinaus fort« setzen. Es scheint dazu ermutigt zu sein durch die Verhandlungen in San Remo, wo England und Stoßen sich zu Ehren der „Eintracht" mit dem kraftlosen Protest gegen „Eigenmächtigkeiten" begnügt und das deutsche Interesse geopfert haben als Kompensation für die Einladung nach Spaa.
Zu den großen Gewaltakten kommen auch noch kleine Schikanen, wie z. B. neuerdings die Einschränkung der Bewaffnung der Frankfurter P o l i z e i, die durch keinen Vorwand der „Sicherheit" erklärt werden kann, sondern nur durch die hinterlistige Erwägung, daß die Okkupation sich um so besser ausdehnen lasse, je schlechter es um die Ruhe und Ordnung in Franksurt bestellt sei.
Die Unversöhnlichkeit der französischen Machthaber ließ ohnehin nur schwache Aussichten für die Verhandlungen in Spaa. Zum Ueberfluß haben die fierten auch ihren Widerspruch gegen eine wirklich friedliche Vereinbarung deutlich angekündigt. Sogar P o i n c a r e, der bisherige Staatspräsident, hat einen eigenen Aufsatz zum Scharfmachen erlassen. Sein Organ, der einflußreiche „Matin", fährt fort, an Stelle der Versöhnungspolitik die einseitige fi a b g i e r Frankreichs zu predigen. Frankreich will uns nur insofern Kredit und fiilfeleistung zute.l werden lassen, als dadurch die Zahlungen an Frankreich möglich werden. Das übrige kümmert diese „ritterlichen" Nachbarn nicht.
Der entscheidende Punkt ist, daß die Franzosen der Begrenzung der deutschen Kriegsentschädigung auf eine bestimmte Summe widerstreben. Warum? Das spricht der „Matin" sehr deutlich aus. Die französischen Vertreter, sagt er, würden die bestimmte Summe ablehnen, aber einwilligen, daß man eine bestimmte Anzahl von Iahreszahlungen und deren Mindestbetrag festsetze; dabei soll genügend Spielraum gelassen werden, damit die deutschen Mehrwerte Deutschlands Gläubigern zugute komme und die Jahresleistung höher bemeflen werde, sofern es die wirtschaftliche Lage des Reiches gestatte. — Ein schönes Programm für die deutsche Fronarbeitl Zunächst sollen wir in Schweiß und Entbehrung einen jährlichen Tribut flüssig machen, ohne zu wissen, wann diese Lohnsklaverei ein Ende haben wird. Und wenn wir uns in Steuerleistung, Warenerzeugung und Spar- samkest besonders anslrengen, so sollen wir nicht selber die Früchte dieser Tugenden genießen, sondern die Sieger wollen dann den T r i b u t e r h ö h e n, um aus dem genesenen Deutschland weiter den letzten Tropfen herauszupressen.
Dieser krasie Eigennutz wird bemäntelt durch die schönklingende Versicherung, man wünsche herzlich, daß Deutschland sich wirtschaftlich wieder erhebe. So spricht
Fordernde Liebe.
Roman von Erich Ebenstein.
Die Generalin selbst öffnete ihr. Sie hatte verweinte Augen und ihr Gruß klang gedrückt.
„Sie kommen heute wie ein Engel der Erlösung, liebes Kind," sagte sie, „wir sind beide ganz nieberge. schlagen, mein Mann und ich . .
„Waz ist denn geschehen? Elfriede wird doch nicht krank sein?" frug Wera erschrocken.
„Nein. Don ihr gottlob kommt uns kein Kummer! Wer mein Sohn . . . Denken Sie nur, Wera, gestern abend kam er uns wie eine Bombe ins Haus geplatzt I Er hat den Dienst quittiert und Knall und Fall geheiratet — alles, ohne daß wir eine Ahnung davon hat. kni Mein Mann ist wütend, und ich . . . Gott, ich kränke mich so sehr . . .!"
„Den Dienst quittiert? Geheiratet ohne Ihr Wis. fen?" wiederholte Wera mechanisch „Aber wie ist das beim möglich? Warum schrieb er Ihnen nicht?"
«Er sagte, eS kam alles so schnell, daß er selbst kaum rur Besinnung kam. Aber wahrscheinlich hat er unseren Einspruch gefürchtet. Er erklärte, er habe nicht anders handeln können als fühlender Mensch, denn Lou — so heißt seine Frau — wäre sonst der schreck, kichsten Not preisgegeben gewesen. Und da sie nich S hat — gar nichts — nicht einmal eine ordentliche Aussteuer — konnte er sie nicht anders Ijeirn'en, alz indem er den bunten Rock auszog. Ach, er hat sich wohl wieder einmal von seinem guten Herzen hinrcißn lassen zu diesem unbedachten Streich. So teer Roland ja immer schon . . . leider!"
„Aber wovon will et denn nun leben, da seine Frau arm ist?"
„Gin Freund hat ihm hier in Wien bei einer Zei. iunq einen Redakteurposien verschafft. Taz übrige will er mit Schriftstellerei hinzuverdieuen. Ack, ich furchte, baz alles wird aber nicht reichen bei diesem Lupusge. fchöpfchen von Frau, das nicht mal eine Ahnung von Geld und GeldcStvert zu haben scheint! Na — Sie werden ja selbst sehen ..."
Gin Seufzet beschloß den Sah. Wera sah die alte Dame erschrocken an.
„Sie ist hier? Er brachte auch die Frau gleich mit?" »Ja. Und sie ist wie ein Kindl Allein hätte er sie
auch fierr Poincars In seinem „Matin"-Artikel, aber mit dem bezeichnenden Zusatz: „unter der einen Bedingung, daß Deutschland an Frankreich zahle, was es ihm schuldig ist". Ja, wir müßen doch erst wirt- schaftlich gesund werden, damit wir überhaupt fähig sind, das Geld zu bezahlen, das man von uns fordert. Diese Genesung würde wesentlich gefördert werden, wenn man uns volle Klarheit und Sicherheit gäbe, daß wir mit einer erträglichen Leistung nach so und so viel Jahren aus der Schuldenknechtschaft- herauskämen. Diese Festlegung würde eine zweckmäßige Finanzgebarung im Innern, einen billigen Kredit im Auslande und eine Auffrischung des deutschen Arbeite- fleißes herbeiführen. Aber gerade diese bestimmte Abgrenzung wollen uns die Franzosen versagen!
Wir müssen abwarten, ob die Engländer und Italiener versöhnlich oder besser gesagt: vernünftig genug sind, um der französischen Gier die Stange zu halten. _____________________
Deutschlands unentbehrlicher Schiffsraum.
Die deutsche Friedensdelegation in Paris hat der Wiedergutmachungskommission eine Denkschrift überreicht, in der unter anderem dargetan wird, daß Deutschland bei strikter Durchführung des Friedensvertrages 700 000-Sonnen Schiffsraum zum Transport derunbedingt notwendigen,lebenswichtigen Rohstoffe fehlen würden. In der Erwartung, daß die Hälfte hiervon irgendwie anderweitig beschafft werden kann, kommt die Denkschrift zudem Ergebnis, daß, wie schon in der eisten Denkschrift beantragt, Deutschland zur Vermeidung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs 350000 Tonnen seines eigenen zur Uebergabe an die Alliierten bestimmten Schiffs- raumes zunächst belassen werden muffen.
Gestützt auf diese Darlegungen der Denkschrift richtete die deutsche Negierung an die Wiedergut» machuniskommtssion das Ersuchen, Deutschland diesen Schiffsraum zu überlassen und schlägt hierfür die folgende Reaetung vor:
1. Die Ablieferung und Uebereignung der noch in deutschem Besitz befindlichen Frachtschiffe über 1600 Bruttoregistertons wird auf zwei Jahre hinauSge. schoben. Zum Ausgleich für die während dieser Zeit durcb die Benutzung entstehende Wertminderung wird die deutsche Regierung einen angemessenen Ab. fchreibungssatz zahlen. Die deutsche Regierung wird bestrebt fein, die Abliehermug und Uebereignung der Schiffe schon vor Ablauf der zweijährigen Frist zu be. wirken, soweit sie dies nach Lage der deutschen Wirt, schäft für durchführbar erachtet. Für die vor Ablauf der Frist abgclieferten Schisse wird der Abschreibiings. scch nur bis zum Tage der Ablieferung gewährt. Sollte wäbrend der Frist der zwei Jahre ein nach Absatz 1 überlassenes Schiff verloren gehen, so wird die deutsche Regierung hierfür einen gleichwertigen Neubau als Ersatz liefern.
2 Hinsichtlich der Schiffe zwischen 1000 und 1600 Tonnen erklärt sich der WiedergutmachunaSausschuß mit den Schiffen dieser Größe, die sich als Embargoschiffe oder als Schiffe, die in Ausführung des Waffenstill. standsabkommenS übergeben worden sind, bereits im Besitz der alliierten irnb assoziierten Regierungen befinden, als befriedigt im Sinne des § 1 Absatz 3, An. läge 3 zu Teil 8 t>eg Friedensvertrages.
3. Soweit infolge der Auslieferung von Schiffen die Deutschland nach 1 und 2 überlassenen Schiffe nicht den Schiffsraum von 350 000 Truttoregiftertonnen er. reichen, wird ihm der hieran fehlende Schiffsraum aus den von Süd- imb Mittelamerika heimkehren- den Frachtschiffen unter den Bedingungen zu 1 zur Verfügung gestellt.
4. Die W iedergutmachungskonnnission wird ersucht, den Maritime Service zu bevollmächtigen, über die Ausführung dieses Vorschlages mit der deutschen Schiff- fahrtsdelegation, die sich jetzt wieder nach London be- gibt, zu verhandeln.
Es muß nochmals, so schließt die deutsche Note, mit Nachdruck und Ernst hervorgehoben werden, daß, wenn Deutschland der geforderte Schiffsraum nicht belassen wird, da? deutsche Wirtschaftsleben
wohl nicht lassen können. Nun wohnen sie bei uns, bis eine paffende Wohnung gefunden ist. Ich mußte Ihnen dies alles sagen, liebe Wera, um Sie ein bißchen zu informieren, aber nun kommen Sic herein, ja?"
„Wäre es nicht besser, ich ginge wieder fort? Ich bin Ihrem Sohne und seiner Frau doch eine gänzlich Fremde . . ."
„Aber uns dafür lieb wie ein Töchterchen Nein!, nein, fort dürfen Sie nicht. Es wird ja eine Erlö- jung fein, daß Sie da sind! Roland ist ausgegangen, und wir allein mit Lou. Mein Mann platzt förmlich vor innerer Gereiztheit . . . er kann sich noch gar nicht hineinfinden in die Sache Es wird ihn beruhigen, Sie zu sehen. Sie sind so ruhig und besonnen und klug — Meister und ich dachten schon gestern daran, welch ein Segen es wäre, wenn. Sie ein bißchen Einfluß auf Lou gewinnen könnten. Uns wird das schwerlich ge- lingen . . . aber wenn sich Gelegenheit böte" — sie drückte Weras Hand warm — „dann, bitte, tun Sie es uns zwei alten Leuten zuliebe!"
Sie öffnete die Tür des Wohnzimmers. Verwirrt folgte ihr Wera.
Bei ihrem Eintritt wandte sich der General, der am Fenster stand und stumm hinausstarrte, rasch um.
„Ah, Fräulein Wera! Gott segne Sie, Kind!" sagte er mit einem tiefen, erleichterten Ausatmen und streckte ihr beide Hände entgegen.
Wera legte die ihren mechanisch hinein. Ihr Blick glitt dabei nach der Sofaecke, wo zwei übergroße, dunkle Augen aus einem feinen, blaffen Gesichtchen und einer Wolke weißer Spitzen ihr neugierig entgegenstarrten.
„Meine Schwiegertochter", sagte der General kurz vor- stellend, „Fräulein Wera fialmenschlag."
Die weiße Spitzenwolke kam in Bewegung. Eine kleine, mädchenhafte Gestalt, zierlich und tadellos in den Linien, wie ein Tanagrasigürchen, erhob sich und streckte Wera eine Kinderhand.entgegen, während ein ungemein liebreizendes Lächeln das feine Gesichtchen verklärte.
Aber sie ist ja füß, wie eine kleine Märchenprinzessin! dachte Wera, und war sehr geneigt, Rolands Gewaltstreich nicht nur zu begreifen, sondern auch zu entschuldigen. Welcher Zauber in diesen dunklen, lannbewimperten Augen, deren Ausdruck fortwährend wechselte! Welcher Charme in ihrem ganzen Wesen! Und wie sie plaudern tonntet
und die innere Ordnung Deutschlands in einer Weise gestört werden, daß die Erfüllung der deutschen Wiedergutmachungsverpflichtungen in Frage gestellt, wenn nicht unmöglich gemacht wird.
Eine Schicksalsfrage für TeuschlanbS Industrie.
Tie Hamburger Handelskammer hcst in den Reichspräsidenten und die zuständigen Minister ein Siele» gramm gerichtet, in welchem sie darauf hinweist, daß bei den jetzt wieder aufqencmmenen Verhandlungen in London über die Ablieferung der deutschen Handelsflotte die Schicksalsfrage auch für Temsch andS Industrie entschieden werde. Gelingt es nicht, einen größeren Teil der deutschen Handelsflotte zurückzuerlangen, so wurden die Folgen namentlich für die w e rk. tätige Bevölkerung vernichtend sein.
Aordschleswig bleibl noch in deutscher Verwaltung.
Von zuständiger Seite wird mitgeteilt, daß Mittwoch zunächst die militärische Besetzung der ersten Zone durch Dänemark durchgesührt wurde. Die Besetzung der Verwaltungsbehörden, über die in Flensburg die Verhandlungen forigeführt werden, wird zwar ebenfalls beginnen, aber allmählich durchgesührt, und es ist dem deutschen Vertreter gegenüber die fioffnung ausgesprochen worden, daß sie im Geiste gegenseitigen Entgegenkommens zwischen Deutschland und Dänemark geregelt werden wird. Dem Vertreter der deutschen Regierung ist von dem dänischen Vertreter mitgeteilt worden, daß die dänische Regierung gewillt ist, die Verhandlungen mit der deutschen Regierung über Abschluß eines Beamtenabkommens weiterzuführen. Unter diesen Umständen erhallen die deutschen Berwattungsbeam- ten der ersten Zone Weisung, so lange auf ihren Posten zu bleiben, bis sie besondere Anweisung erhalten. ___________________________
Aus dem besetzten Gebiet.
Auslieferung der Waffen der Frankfurter Sicher- heikswebr. Tie frangöfifdben Mlitärbehördcn verlang, ten vom Frankfurter Polizeipräsidenten die Herausgabe der seit der Revolution für die Hilfspolizei aufbcwahr- ten Waffen. 2000 Gewehre mutzten ausgeliefert wer. den^ Die Franzosen wollen nur zugestehen, daß die Polizei mit Säbeln und Revolvern bewaffnet ist und daß nur für jeden dritten Polizisten ein Gewehr zur Verfügung steht. Im ganzen sind zur Bewaffnung der gesamten Polizei in Frankfurt noch 500 Gewehre vor- Händen. Der Polizeipräsident Ehrler hat erklärt, daß er unter diesen Umständen keine Garantie mehr für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung tragen könne, und hat das Ministerium in Berlin gebeten, ihn von seinem Posten zu entheben. Dieses Rücktrittsgesuch hat er auch dem französischen Kommandanten unterbreitet. In Berlin werden be- reits Verhandlungen gepflogen, um den französischen General zu veranlassen, seine Verfügung rückgängig zu machen
Die schwarzen Truppen im Saarland. Die Saar- Irrüder Stadtverwaltung hat den Präsidenten der Regierungskommission Rault ersucht, die französische Mili- tärbehörde zu veranlassen, daß die schwarzen Truppen aus dem Saargebiet zurückgezogen werden. Tas Er. suchen wurde abgelehnt mit der Begründung, die ma. rokkanischen Soldaten feien eine reguläre Truppe in- nerhalh des französischen HeereSverbandeS. Der Bund pfälzischer, faarländischer und rheinisch-westfälischer Frauenvereine hat einen neuen Protestruf an die beut« scheu und Verbündeten Regierungen und alle Frauen. Vereine der Welt gerichtet, in welchem um Schutz gegen die zunehmende Verwendung schwarzer Truppen in deutschen Landen nachgesucht wird.
Preußische Landesversammlung.
Die Landesversammluny ist am Mittwoch zu einer kurzen Tagung zusammengetreten, die in erster Linie der Erledigung der preußischen Besoldungsreform die. neu soll. Am Mittwoch tourten indessen nur eine Reihe kleinerer Vorlagen in 2. und 3. Beratung erledigt. Darunter bet Gesetzentwurf betreffend den Rührst e-dlungSverband. Im Ausschuß ist diese Vorlage seht gründlich durchberaten worden und sie hat dort wesentliche Verbesserungen erfahren. Ein
Wera, die Ernste, sonst immer Kritische, vergaß ganz zu kritisieren, obwohl dos Geplauder der jungen Frau oft sprunghaft und kindisch war, zuweilen sogar bis zu naiver Prahlerei * gesteigert.
Sie erzählte von ihrer Jugend auf Schloß Romans- kron, das seit drei Jahrhunderten den Grasen Poniwolski gehört hatte, deren letzter Nachkomme ihr Vater gewesen war. Von den Prunkzimmern, in beiten einst Könige zu Gast waren, von den Dörfern, die dazu gehörten, der Pracht, die man entfaltete, damals, den ungeheuren Wäldern, in denen man glänzende Jagden veranstaltete. . .
Freilich, das war schon lange her. Der Zerfall des Polenreiches hatte auch den Pontwalskis unheilbare Wun- den geschlagen. Romanskron lag hart an der russischen Grenze, und ein Teil der Güter ging bei der neuen Grenz- regulierung an Rußland verloren. Großpapa war ein Verschwender. Er hinterließ Romanskron mit einer ungeheuren Schuldenlast. Auch Papa lebte flott. — Goll, er war es eben so gewohnt! Und Mama lebte nur gerne in Paris, wo man schrecklich viel Geld verbrauchte. Sie war auch dort gestorben, und nachher übersiedelten Vater und Tochter nach Romanskron — um zu sparen.
Aber in Romanskron hatten die Verwalter inzwischen seit Jahren gestohlen. Alles war verlottert, kein Dach in Ordnung, kein Fenster und keine Tür, die nicht nach Reparatur schrie, was nicht niet- und nagelfest war, einfach verschwunden, und der schöne, alte Park eine Wüstenei. Man mußte Geld ausnehmen, um die Zimmer notdürftig zu möblieren, die ärgsten Schäden nur ein wenig auszubessern. Dann war es so langweilig dort! Und der arme Papa Halle so gar kein Talent zu sparen. . . Um sich 'und Lou ein wenig zu zerstreuen, lub er die ganze Nachbarschaft und alle Offiziere der nahen Garnison zu Gast, machte offenes fiaus für olle . . . zuletzt gab man mehr Geld aus als in Paris. . .
Lou erzählte dies Wera in offen kindlicher Weist, lachte dazwischen, als wäre es ungeheuer spaßhaft, und schilderte besonders das Gebaren der diebischen Verwalter, die sie köstlich nachahmte. „Roland sagt, mit deutschen Leuten wäre man besser daran gewesen", meinte sie dann achsel- zuckend, „aber Papa war doch Pole — natürlich wollte er nur polnische Verwalter!"
Das klang sehr stolz. Gleich darauf perlten Tränen aus den schonen, dunklen Augen. Lou schilderte, wie der leide Verwalt«r mit dem Geld für tue ganze Ernte davon
Weiterer nicht unwichtiger Gegenstand der TageSoH. nung war der Gesetzentwurf über Bildung von Boden, v erbesserungS - Genossenschaften. Ter Minister. Präsident und Landwirtschaftsminisber Braun ent. wickelte bei dieser Gelegenheit eine Art ErnährungS- Programm und kündigte vor allem eine durchgreifend« Kultivierung, der Oedländereien an, um mti bereu Hilfe bie Ernährung bes Volke? sicherzustellen. Auch diese Vorlage wurde schließlich in bei Fassung be# Ausschusses angenommen.
Deutscher Reich.
♦ Berlin, 5. Mai. Der franz. Ministerialdirektor fi e r b e t t e ist zum Botschafter in Berlin in Aussicht genommen. Auch England und Italien haben die Absicht, in kürzester Frist in Berlin Botschafter zu ernennen. — Die Neuwahl des Reichspräsidenten rotrb, rote in einer Eewerkschoftssitzung in Berlin bekannt gegeben wurde, in der ersten Augustwoche stattsinden. — Das politische Ausscheuern in Preußen dauert an. Nach Pommern, Ostpreußen und Schlesien sind jetzt alle unzuverlässigen Landräte in der Provinz Sachsen durch verfassungstreue Männer ersetzt worden. — Di» deutschen Vertreter Kreuter und Wallnichrath, die bereits im Januar die Unterhandlungen führen, trafen wieder im fiaag ein, um die hollä.tdiich-deut- f efi e n Vereinbarungen endgültig abzuschließen. Man erwartet, daß die Entscheidung innerhalb weniger Tage sollen wird. — Die staatliche Bildungsanstalt in Lichterfelde, die an Stelle der früheren fiauptkadet- t e n a n st a l t getreten ist, wurde heute vormittag eröffnet.
c. An den Reichsverkehrsminifter Dr. Bell hat anläßlich seines Ausscheidens aus dem ReichSver- kehrsministerium der Reicbspräsident Ebert ein Schreiben gerichtet, in welchem er mit warmen Worten der großen Verdienste gedenkt, die Minister Dr. Bell sich während feiner Tätigkeit als Mitglied der Neichsregierung erworben hat. In dem Schreiben heißt es unter anderem:
„Insbesondere ist eS in erster Linie Ihr persSn- licheS Werk, baß eS trotz der großen Echwierigkerten gelungen ist, in verhältnismäßig kurzer Zeit bie Eisenbahnen Deutschlands auf daS Reich zu überführen und so die deutsche Verkebrseinhert zur Tat zu machen; nut der für die Zukunft Deutschlands so bedeutsamen Schaffung der Rerchseisenbahnen wird Ihr Name stets verbunden bleiben. Auch nach Ihrem Ausscheiden au» der NeichSregierung werden Sre — tote ich hoffe — Ihre oielieitiaen Kenntnisse und Ihre reichen Erfahrungen in politischer und parlamentarischer Tätigkeit in den Dienst dec Allgemeinhctt stellen; meine besten Wünsche für Ihre toeitere Arbeit und für Ihr persön- ttcheS Wohlergehen begleiten Sie herbei.
Auch der Reichskanzler Müller hat an den scheidenden Minister Bell ein Dankschreiben gerichtet.
♦ Die Neuregelung der Ruhegehälter. Ein Gesetzentwurf betr. bie anbertoeite Regelung der Bersor- gungSbezüge usw. der preußischen Staatsbeamten b«zw. beten Hinterbliebenen ist der Landesversammlung zu» gegangen. Danach soll bie Versorgung der n ach 1. April 1919 in den endgültigen ober einsllneilrgen Ruhestand versetzten Beamten und beten Hintetbliebe. neu, ebenso bet Hinterbliebenen der fett 1. April 1919 verstorbenen aktiven Beamten nach den Einkünften bemessen werden, bie dem bett Beamten nach der neuen Besolbungsotdnung zugestanden Balten. Die vor dem 1. April 1919 pensionierten Beamten und deren Hin. terbliebenen sowie bie Hinterbliebenen der vor dem 1. April 1919 verstorbenen Beamten (AltruhegehaltS- empfängcr und Althinterblicbene) erhalten einen Zu. schuß in Höhe her Hälfte des Unterschiedes zwischen dem den Beteiligten bisher gesetzlich zustehenden Ruhegehalt, Wartegeld ober Witwen- und Waisengelb und demjenigen Ruhegehalt usw. anschlietzlich Ausgleichs, zuschlag (§ 19 des Beamtendiensteinkommengesetzes), bas sich ergeben hätte, wenn ber Beamte in der zuletzt von ihm bekleideten Stelle nach den am 1. April 1920 geltenden ober mit Wirkung von diesem Zeitpunkt an in Kraft tretenden Vorschriften besoldet und in den Ruhe, slmd versetzt worden wäre. Zu den so neu festgesetzten Ruhegehältern iffto. kcmmt ein A u S g l e i chS.
gegangen war und ihr Papa sich daraufhin in einem Anfall von Niedergeschlagenheit erschoß. Zwei Stunden da. nach war Romanskron leer. Die gesamte Dienerschaft halte sich gleichfalls davon gemacht, mitnehmend, was irgend noch von Wert war. Sogar das Vieh — viel war zwar nicht mehr da — trieben sie ungeniert aus de» Ställen.
„Auch meine Jungfer, die ich aus Paris mitgebracht — denken Sie nur — verschwand mit meiner silberne» Toilettegarnitur, allem Parsüm und einem Teil be» Schmuckes spurlos auf Nimmerwiedersehen! Ist das nicht abscheulich?"
Ehe Wera, die sich im stillen über das weitgehende Vertrauen der jungen Frau wunderte, antworten konnte sprang Lou plötzlich wie elektrisiert auf.
Es hatte draußen geläutet.
„Roland! Da ist er endlich wieder!" rief sie und flatterte hastig hinaus, um ihn zu begrüßen.
Meisters und Wera sahen einander stumm an. Der General grimmig, als wollte er sagen: Na, was sagen Sie dazu? Die Generalin seufzend: Begreifen Sie nun meine Sorge? Wera selbst noch ganz verwirrt über diesen neuen Typus, idem sie bisher im Leben noch nicht begegnet war.
Aus dem Vorzimmer klang jetzt nicht endenwollendes Helles Gelächter herein.
Gleich daraus zerrte Lou ihren Mann über di« Schwelle, immer noch lachend.
„Nein, es ist zu komisch! Roland, Du bist rührend — zum Todlachen naiv bist Du! Denkt Euch nur: Er kommt ohne Ueberrock heim, weil er diesen verschenkt hat! Einfach verschenkt an einen wildfremden Menschen!"
Roland Meister wurde rot und machte eine unwillig« Gebärde. Er hatte gleich beim Eintritt gestutzt, als er eine fremde junge Dame erblickte, von der, ihm feine Frau offenbar noch kein Wort gesagt und die sie auch jetzt völlig vergessen zu haben schien.
Auch Wera war errötet. Sie hatte in dem Eintreten- den sofort den „unpraktifchen Wohltäter" vom Gürtel erkannt.
Das also war Roland v. Meister, Glfriebens Brude, und der Mann dieser kleinen, liebreizenden Frau!
Der General stellte feinen Sohn nun vor. Man wechselte ein paar Phrasen, schüttelte sich die fiänbe und nahm wieder um den runden Tisch am Sofa Platz. (S- f.)
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