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Dienstag, 4. Iftai 1920,

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47. Zahrg.

Dre neue Partei der Zentrumsreformer, die sich in Köln gebildet hat, ist eine ebenso bedauerliche wie unverständliche Gründung. Niemals war für die durch dis Zentrum vertretenen Dolkskreise die E i n i g- k e i t notwendiger als im gegenwärtigen Augen­blick. Es ist die erste förmliche Absplitterung, und es entsteht nun die Gefahr, daß sie der Anfang und viel­leicht das Signal sein wird für weitere Absplitterungen.

Ein stichhaltiger Grund für die Schaffuung einer neuen Organisation liegt nicht vor. Der Streitpunkt ist die bisherige Koalttionspolitik des Zen- trums. Man kann ja wohl verstehen, daß an dieser Politik Kritik geübt wird, aber aus innerster Ueberzeu- gung müssen wir sagen, daß Laß wir sie für durch­aus ungerecht halten. Daß das Zentrum nicht Alles erreichen konnte bei seiner Arbeit in den Parla­menten, was wir vor allen Dingen als Christen und Katholiken zunächst gewünscht hätten, wird ohne weiteres zugegeben. Das ist aber nicht die Schuld des Zentrums, sondern der widrigen Umstände, unter denen das Zentruum seine Arbeit leisten mußte. Unsere Partei verfügt noch nicht einmal über ein Viertel der Parlamentssitze. Was es erreicht hat, konnte es nur durch Verhandlungen und Kompromisse erreichen. S)at es auch nicht alles erreicht, so kann es doch wahrlich stolz darauf sein, trotz der hartnäckigen Gegner, mit denen es zu ringen hatte, trotz der widrigsten Um­stände und trotz seiner zahlenmäßigen Schwäche für uns gerettet zu haben, was nur zu retten war.

Es soll jemand kommen und uns sagen, auf welche Weise denn unsere Fraktion mehr als das Erreichte hätte durchsetzen sollen. Hätte sich das Zentrum, wie es manche für richtig halten, nicht an der Koalition beteiligt, so hätten wir jetzt, — das steht fest, — entweder das vollständige Chaos im Reiche oder aber zum wenigsten eine Verfassung, die unsere christlichen For­derungen und Wünsche völlig unberücksichtigt gelassen hätte. Wie würde mancher Kritiker staunen und verstummen, wenn er einmal sehen törnite, wie die Ver­fassung aussähe, die ohne die Mitwirkung des Zen­trums als Koalitionspartei zu Stande gekommen wäre. Visher ist es den Gegnern der Koalitionspolitik noch nicht gelungen, einen Weg zu zeigen, auf dem praktisch mehr hätte erreicht werden können. Sie haben über­haupt keinen Weg gezeigt, es sei denn der Weg über den vollständigen Zusammenbruch, über ein Trümmer­feld und durch ein Chaos. Wir sind der Ansicht, daß ein christlicher Politiker, solange er noch den schwächsten Hoffnungsschimmer haben kann, das vollständige Chaos,^ den schrecklichsten der Schrecken, diesen Abgrund des^ Elendes und der wirtschaftlichen und völkischen Not zu vermeiden, durch seine Weltanschauung und sein ch r i st- liches Gewissen gezwungen ist, auch das letzte und äußer st e Mittel zu versuchen.

Den Gegnern der Koalitions- und Kompromiß-Poli­tik sei noch folgendes zur Erwägung vorgelegt:

Nicht nur das Zentrum der republikanischen Zeit hat Kompromisse geschlossen, sondern auch das Zentrum un­ter Führung von Wndthorst, Reichensperger, Lieber und Mallinckrodt. Auch in Kulturfragen. Wir erin­nern an den Abschluß des K u l t u r k a m p f e s. Die Paragraphen, die damals zwischen Bismarck und Windt- horst, zwischen dem Liberalismus und dem Zentrum zu Stande kamen, haben doch wahrhaftig keinem genügt und keinen von uns befriedigt. Sie waren eben auch das Produkt eines Kompromisses. Und wieviele Kom-

e'mrn engeren Zusammenschluß der Bayerischen Volks- Partei im Reiche und im Land« mit anderen Fraktionen die Genehmigung des Landesausschusses. Eine Verschmel­zung mit anderen Parteien, vor allem Aenderung des Namens, setzt die Genehmigung der Landesversammlung voraus. Dagegen soll der Fraktion bei Beteiligung an Koalitionen die freie Entscheidung überlasten bleiben. Da­mit sind jedenfalls der Wiedervereinigung mit der Zen­trumspartei im Reiche die Wege ge-bnet. In der Aus­sprache wurde wiederholt betont, daß die Bayerische Dolks- partei fest zum Reiche stehe und alle Abtrennungsbestre- bungen verwerfe. Der zweit« Fraktionsvorsitzende Stang betonte die Treu« Bayerns zum Reiche. Nur für den Fall, daß im Norden der Bolschewismus die Oberhand gewinne, müsse sich Bayern di« Entschließung frei halten. Ministerpräsident v. Kahr «bekannte sich zur Reichs- treue, die Bayern jetzt in schlimmen, wie früher in guten Tagen halten muffe. Geschäftsträger Dr. Meyer gab einen Ueberblick über die wirtschaftliche Lag« und bezeich- nete die Arbeitsleistungen schon bereits höher als vor dem Kapp-Putsch, besonders in den Kohlenrevieren. Es seien auch Anzeichen dafür vorhanden, daß die Preisbildung bereits ihren Höhepunkt überschritten habe. Boyern könne nur in einem starken Reich leben und müste an dessen Stärtung Mitarbeiten.

Aus dem besetzten Gebiet.

Die schwarzen Soldalen, der Schrecken von Saarbrücken. Wiederum haben in Saarbrücken am Freitag schwarze Soldaten zwei Frauen überfallen und sie in die Baracken geschleppt. Auf die Hilferufe trafen in der Nähe befind­liche Personen ein, die von den Marokkanern mit Er­schießen und Bajonetten bedroht wurden. Die Haupt- tätet ergriffen, als französische Gendarmen eintrafen, die Flucht. Es ist dies innerhalb einer Woche der vierte Fall, daß Negersoldaten innerhalb des Stadtkreises von Saarbrücken Einwohner überfallen.

Die beleidigten „Säfte“. Das französische Militärge­richt des besetzten Gebietes hat den Kommerzienrat Rau­penstrauch von Trier mit 3000 M Geldstrafe und 14 Ta­gen Gefängnis bestraft, weil er in der Stadtverordneten­versammlung geäußert hatte, di« Franzosen seien uner­wünschte Gäste. Der Reichskommistar bemüht sich um die vorläufige Freilassung des Verhafteten, bis di« Angelegen­heit geklärt ist.

Aufgehobener Belagerungszustand. Der Oberbefehls­haber der Rheinarme«, General Degoutt«, erläßt eine Be­kanntmachung, nach der der Belagerungszustand in den Bezirken Höchst, Königstein, Großgerau, Langenschwal- bach, Wiesbaden-Stadt und -Land auf gehoben wird und damit auch die auf Grund des Belagerungszustandes angedrohten Strafbestimmungen mit dem 2. Mai außer Kraft treten. Für die neu besetzten Gebiete des Brückenkopfes Mainz bleibt der Belagerungszustand noch *b «steh e n.

Streik in Eupen und Malmedy.

Ein Teil der belgischen Presse sucht es so darzu­stellen, als sei der Generalstreik in den Kreisen Eupen und Malmedy ein Machwerk politischer Agenten oder als würde er zur Erkämpfung wirtschaftlicher Forde­rungen geführt. Demgegenüber stellt die „Deutsche Allg. Zta." fest, daß mit dem Generalstreik der all­gemeine Protest der Bevölkerung gegen die belgische Vergewaltigung zum Klusdruck kommt. Die Einwohner lehnen sich auf gegen die Art, wie die Belgier die Volksabstimmung handhaben. Es wäre gut, wenn die Belgier erkennen würden, daß sie mit ihrer bisherigen Politik in ein« Sackgasse geraten sind. 1 .

promisse ist die kath. Kirche, hat Rom s e l b st im Laufe der Zeit in kirchlichen Fragen eingegangen? Die Konkordate, die zwischen dem päpstlichen Stuhle und den einzelnen weltlichen Regierungen abgeschlossen wor­den sind, waren doch auch nichts anderes als Kompro­misse, sie hatten mehr als einen Schönheitsfehler, was Kulturfragen angeht, an sich. Wir erinnern nur an das Zugeständnis der Anzeigepflicht bei Anstellung der Geistlichen. Daraus mag man ersehen, daß es Ver- hältnisie gibt, in denen sich auch m Kulturfragen, auch wenn christliche Prinzipien in Frage kommen, Kom­promisse nicht umgehen lassen; Verhält- niffe, in denen nichts anderes übrig bleibt, als zu ver­handeln, in diesem und jenem Punkte — wenn auch protestierend — nachzugeben, um nicht alles zu ver­lieren.

Der Reichsausschuß der Zentrumspar­tei, der vom 17.—19. April zu einer aus allen Teilen des Reiches zahlreich besuchten Tagung in Berlin ver­sammelt war, hat denn auch einstimmig der Frak­tion der Nationalversammlung und ikjrer Tätigkeit seine volle Anerkennung für ihre wertvolle und ver­antwortungsreiche Arbeit am Wiederaufbau des Reiches ausgesprochen und ihr fein uneingeschränktes Vertrauen bekundet. Damit hat die Partei durch ihre berufenen Vertreter die Koalitionspolitik noch einmal ffeierlichft gebilligt. Da muß jede Kritik verstummen und Absplitterungsbestrebungen find eine Sünde gegen den Geist der Partei. Es gilt jetzt im Gegenteil, sich so eng wie möglich zusammenzuschließen, mit Opferwilligkeit pnd zäher Entschlossenheit an die Wühlarbeit heranzu- gehen, um der altbewährten Zentrumspartei und damit den christlichen Grundsätzen, die sie vertritt, d i e Stellung im neuen Reichstag zu erwerben, die ihnen im Interesse hes ganzen Volkes und vor allem unserer religiösen Güter zukommt. Richt in nutzloser Kritik rückwärts schauen! Vor uns steht der Feind, der uns alles, was uns heilig und teuer ist, zu rauben droht.

Wohlan denn, Ihr Zentrumsgetreuen, schließt die Rei­hen um die Fahne christlicher Ordnung und Zucht, die Jahne der Wahrheit und Freiheit und des Rechtes. 3e» Ser tue an seinem Posten, was nur immer in seinen Kräften steht, damit der 6. Juni ein neuer Tag des Sie- ze» werde für die wirklich« christliche Dolkspartei, das deutsche Zentrum!

Tagung der bayerischen Dolkspartei.

* München, 3. Mai. Die Bayrische Volks» Partei hielt Samstag und Sonntag in München einen Parteitag ab unter Teilnahme des Ministerprälidenten von Kahr, der Kultusministers Matt und des deutschen .vefchäftsträgerr in Paris Dr. Meyer. Den Hauptpunkt !er Beratungen bildete die Stellung zur Zen- t r u m s p a r t c i in) Reich. Nach langen Derhand- Egen einigten sich die verschiedenen Richtungen auf einen Komprvmißbeschluß, der in -verklausulierter Fassung die Möglichkeit eröffnet, den Trennungsschritt vom 9. Januar »«bei rückgängig zu machen. K« Beschluß Detltmfli für

Die Schraube ohne Ende.

Ser Tarifvertrag für den Ruhrkohlenberg­bau ist, wie die P. P. N. von zuständiger Stelle er­fahren, von den Bergarbeiterorganisationen zum 31. Mai gekündigt worben. Es werden Lohnforderungen gestellt, und zwar mit Wirkung vom 1. Mai, die für Ar­beiter unter Tage eine Erhöhung von 8 M. pro Schicht oorsehrn, außerdem eine Erhöhung des Kindergeldes.

In Düsseldorf haben dte städtischen Arbeiter in einem Ultimatum neue Lohnforderungen eingereicht, deren Bewilligung sie innerhalb 24 Stunden verlangen, widrigenfalls mit dem Generalstreik gedroht wird. Di« Bewilligung der Forderungen würde für di« Stadtver­waltung eine Mehrbelastung von 28 Millionen Mark be­deuten und das Jahreseinkommen für einen Handwerker auf 17 500 und für einen Straßenbahnschaffner auf 20500 Mark erhöhen.

Die Lage im Industriegebiet.

Im Hinblick auf die ernsten Umstände in DüsseI. borf hat sich die Interessengemeinschaft des Düffel, dorfer Arbeitgeberverbandes dringend drahtlich an die Militärbehörde in Münster gewandt, um die Belegung Düsseldorfs mit Staatspolizei und Reichswehr Untier« züglich durchzusetzen. Diesem Wunsch . ist inzwischen entsprochen worden. In Düsseldorf ist das Reichswehr, regiment 61, das dort vor dem 20. März lag, wieder eingezogen. Außerdem sind 1000 Mann Sicherheit. Polizei nach Düsseldorf verlegt worden. Auch nach den Städten Kaiserivert und Ratingen ist die Reichswehr wieder zurückgekehrt.

Anfolge des Einrückens der Reichswehr sind in Düs. seldarf neue Schwierigkeiten entstanden. Die sozialisti. sehen Parteien berufen in Düsseldorf die Funktionäre zu einer Versammlung ein, um über die Frage dez ©e. neralstreiks zu beschließen.

Bei Barmen wurde am 1. Mai ein roter Trupp von 200 Mann, ber sich im Walde festgesetzt hatte, mit Hilfe der Sicherheitspolizei umzingelt. 30 Mann Wut. den verhaftet und 2 Maschinengewehre, sowie 200 Hand, granaten erbeutet. Im Ruhrgebiet herrscht sonst Ruhe.

Der Bürgerrat der Stadt Dortmund benachrich. tigte di« Regierung, daß er von größter Besorg' n i 8 für Ruhe und Ordnung und die Sicherheit für das Leben und Eigentum der Bürger erfüllt sei. Kommuni. stislbe Elemente seien am Werk, auf» neue die friedliche Bevölkerung durch Putsche ins Unglück zu stürzen. In der Stadl herrschen noch al» Nachwirkung der letz, ten Gewaltherrschaft schwere epidemische Krank. Heiken.

Ein Opfer der Rotgardisten.

Freiherr von W effter ho l t. Rh s e mb e rg auf Schloß Sythen, der gestern vor dem Kriegsgericht in Münster als Zeuge gegen den wegen Plünderung des Schlosse» Sythen angeflagten Rotgardisten Susan auf­treten sollte, wurde gestern morgen bei Sythen er - morbet aufgefunten. Bereits vor einiger Zeit war angekündigt worden, daß 20000 Mank seitens der Roten Armee auf seinen Kopf ausgesetzt worden seien.

Deutsches Reich.

* Berlin, 3. Mai. Der Reichswirtschafks - r a t wird wahrscheinlich im Juni zu feiner ersten Ta­gung zusammentreten. — Zur Durchreise durch den pol­nischen Korridor ist wie früher ein deutscher Paß mit polnischem Sichtvermerk nötig, und zwar auch nach Danzig. — Der Reichsverweser von F i n l a n d, Gust. Mannerheim, ist in Berlin eingetroffen. — Erzber- gers Ausschluß aus dem Reichszentrum soll nach einer Meldung des „Tag" mit 47 gegen 11 Stimmen beschlossen worden fein. Liefe Meldung, die fchleunigst durch die deutsch-nationale Presfe geht, be­ruht auf Erfindung.

* Die katholischen Arbeitervereine zu den Fragen der Gegenwart. In einer im Katholischen Ver- kinshause Effen-West abgehaltenen allgemeinen Vor- stände- und Vertrauensmännerkonferenz des Bezirks- verbandes Essen der ka'lmlischen Arbeitervereine, wurde nach einem Referat d^S Bezirkspräses Pfarrers Kahlen über „Politische TageSsragen und die Stellung der katholischen Arbeitervereine" folgende Entschließung angenommen:

„Der Dezirksverbcmd Essen ber katholischen Arbei­tervereine lehnt alle Sonderbestrebungen innerhalb ber Partei ab, mögen sie von rcch s oder links kommen; die katholische Arbeiterschaft hält in un. entwegter Treue fest an der alten Zentrums- Partei; er verurteilt aufs entschiedenste alles.Schie' ber. und Wucl;ertum und fordert von ber Regierung, daß sie mit größtem Nachdruck gegen diese Schmach im deutschen Volke einschreitet; sie verlangt, daß Wu­cherer und Schieber als gemeine Verbrecher behandelt und bestraft werden. Er hält die Koalition i p der Regierung für eine politische Not­wendigkeit. Die Arbeiterschaft fordert, daß daz Zentrum in der Koalition sich mehr als bisher durch­setzt, und nicht nachläßt, für eine wahrhaft christliche Politik einzutreten."

*5eine Auihcbung der Todesstrafe in Bayern. Der Verfassungsausschuß des bayerischen Landtages hat die sozialdemokratischen Anträge auf Abschaffung der Todesstrafe, Amnestierung der politischen Ver- brechen und Aufhebung der Volksgerichte mit allen gegen die sozialdemokratischen Stimmen abgelehnt.

Kurland.

• Dis Sfreiftage in Frankreich. Im fratizosischen C i s e n b a h n e r st r e i k ist die Sage noch un­verändert. Mit Hilfe von Arbeitswilligen ist es bisher gelungen, den Verkehr aufrecht zu erhalten. Nach Meldungen aus Havre nahmen die eingeschriebenen See­leute der Handelsmarine am Montag die Arbeit nicht auf. Alle Feuer auf den Schiffen wurden gelöscht. Auch die Hafenarbeiter werden in den Ausstand treten. Die Bergarbeiter von Carmoux beschlossen den Aus­stand. -

♦♦ Kiew von den Polen genommen. Die Polen, die in der Offensive gegen Sowjetrußland an der ukrai­nischen Front begriffen sind, haben Kiew eingenommen. Für Deutschland hat das die Folge, daß die Bolschewi­sten von einem Angriff aus Deutschland mindestens für einige Zeit abgehalten werden. Ob die Polen und die hinter ihnen stehenden Franzosen große wirtschaftliche Vorteile, die sie von ihrem Erfolge erwarten, haben werden, steht noch sehr dahin. Daß die Stoßkraft des Bolschewismus noch nicht am Ende ist, zeigt der den Bolschewisten gelungene Sturz der bisherigen Regierung in Aserbeitjan und die Einnahme von Baku durch die Bolschewisten. Hier sollen sie große Oelvorräte erbeu­tet haben. Da in Rußland die Eisenbahnen vorwiegend mit Oel geheizt werben, ist diese Beute für die Bolsche­wisten sehr wichtig und dürfte ihnen bei der zu erwar­tenden Gegenoffensive gegen die Polen wertvolle Dienste tun. Nach den bisherigen Erfahrungen gestatten die russischen Verhältnisse eine große Offensive erst End« Mai oder Anfang Juni. Von ihrem Ausfall erst wird es abhängen, ob der jetzig,» Gewinn der Polen von Dauer fein wird.

* Der Kampf um den Alkohol in Amerika. Die Her­stellung und der Verkauf alkoholhaltiger Getränke wa- ren bekanntlich neuerdings m den Vereinigten Staaten verboten sehr zum Mißvergnügen weiter Streife der Be- völkerung. Die bisher vorgeschckagenen Mittel, das Ver­bot zu umgehen, erwiesen sich als unzulänglich. Schließ­lich verfiel ein findiger Kopf auf den Gedanken, die „Fachleute" aufzufordern, genau festzustellen, welcher Alkoholgehalt einem Getränk beigemischt sein müsse, um als „alkoholisch" angesehen zu werden. Im Staat New« york hat man nunmehr einen Prozentgehalt von 2,75 als unterhalb der gesetzlichen Grenze stehend festgesetzt. Diese weitherzige Auslegung wird den meisten Bier­wirtschaften des Staates die Wiederaufnahme ihres Be­triebes möglich machen. Die anderen Staaten werden zum Teil dem Beispiel des Staates Newyork folgen. Die Alkoholfrage wird Übrigens auch bei den bevor­stehenden Präsidentfchaftswahlen eine erhebliche Rolle spielen. An die Spitze der Bewegung, die die gänzliche Aufhbung des Verbots anftrebt, hat sich der Gouver­neur des Staates New-Jersey, der Demokrat Edwards gestellt, und es verlautet, daß diese von ihm sehr ener« betriebene Agitation ihn im gewissen Sinne die An­wartschaft auf die Präsidentschaftskandibatur gebe.

♦ Kein Achtstundentag in Amerika. Aus Was­hington wirb gemeldet: In der letzten Sitzung des Parlaments Hai die Regierung die in sozialistischen Blät­tern veröffentlichten Berichte bestätigt ,daß sie es für undurchführbar halte, den auf dem Washingtoner Ar» beiiskongreß geforderten Achtstrmdentag allgemein ein« zuführen.

** Zu Mexiko haben die Rebellen eine Reihe von Städten besetzt und die Hauptstadt i oliert. In der zweitgrößten S.adt deS Landes, Purbla, brach ein Aufstand auS.

flus Nirch« und Schule.

* Au» dem Vatikan. Der deutsche Botschafter beim Heiligen Stuhl, v. Bergen, überreichte am Samstag dem Papste sein Beglaubigungsschreiben. Er dankt« dem Papst für seine Bemühungen um den Frieden und die Kinderhilfe. Der Papst sagte in seiner Erwiderung zu, daß er weiter für die Herbeiführuno dez wahren Lölkerfriedens wirken kverdtz.

Wahlbewegung in Hessen-Nassau.

* Die Deutsche Dolkspartei stellte in Hessen-Nassau Geheimrat Riesser, Landwirt Heppe und Loko- motivführer Seibert (Frankfurt a. M.) als Kandi­daten auf.

--- AmtSgrrichtSrat Snttmenn, der auch in Fulda als Redner bekannte dcutschnationale Politiker, ver­öffentlicht eine Erklärung, wonach er für Den Reichstag keine Kanditatur mehr übernimmt. Er begründet diesen Entschluß mit privaten Verhältnissen.

)-( Marborn (Rr. Schlüchterns. Die Einrichtung bei Ortsgruppe der Zentrumspartei gab am Sonntag den Antaß zu einem lebhaften politischen Unterrichts» nachmiitag. Herr Parteisekretär Müller-Marburg, der vorher bereits in Steinau referiert hatte, hielt in der ihm eigenen sachlich und rednerisch wirksamen Art einen überzeugenden Vortrag über die Zcntrumspolitrk feit den Tagen de» Umsturzes. Kaum hatte sich der laute Beifall der gut besuchten Versammlung gelegt, so meldete sich vtzr scheinbar unvermeidlich gewordens „auswärtige Genosse" zürn Wort. Zur Abwechselung stellte er sich diesmal als „Syndikalisten vom reinsten Wasser" vor. Mit viel . , uger Leidenschaft, aber mit bemitleidenswert geringer Ahnung vom Sinn der eigenen Worte, rief er in deutschen und fremdsprach­lichen Redensarten seine Meinung in den Saal. Aber seine mehrmaligen Versuch«, den unbewiesenen Be­hauptungen über Christentum, Zentrum, Sozialisierung u. s. w. durch immer neue unbegriffene Phrasen Nach­druck zu verleihen, erfuhren seitens des schlagfertigen Referenten eine derartige Abfuhr, daß der Herr Syndi­kalist es für gut fand, sich „französisch" zu empfehlen, ohne den Üblicq gewordenen deutschen Abschiedsgruß „Auf Wiedersehen!" — Nachdem noch Herr Kaufmann WeißSoden sich über den Stand der Parteiorgani­sation im Kreise Schlüchtern verbreitet und in ein­dringlichen Worten zum Beitritt aufgefordert hatte, wurde die Ortsgruppe gegrüuoet. In den Vorstand wurden gewählt Die Herren Lehrer Werner, Karl Eder, Bürgermeister Ellenbrand, Sebastian Klug und Frau Josephine Weber.

(:) Nitderktria (Kr. Kirchhain). Am Sonntag traten die Zentrumsanhänger in den Wahlkampf ein durch eine Wählerversammiungim Saal DeS Deutschen Hauses. Nachdem Herr Pfarrer Ht ld auf die Bedeu­tung der kommenden Wahl zum Reichstag für die Partei­anhänger hingewicjen, sprach er in IV, stündiger Rede über die Stellung des Zentrum? in dem demokratischen Staate. Von allen Parteien trennt uns das religiöse, das sittliche Ideal. Nicht Sozialismus, nein christlicher Solidarisrnus beherrscht die Tätigkeit DeS Zentrums. Der Kampfruf, unter dem wir sonst gesiegt: „Für Wahrheit, Freiheit und Recht", soll jetzt im schwersten Wahlkampf uns zum Siege führen, auf daß die Zen­trumspartei im neuen Reichstag wie bislang weiter arbeiten kann am Ausgleich Der Gegensätze und so bei­trägt zur Versöhnung der Stände. Er schloß die Ver­sammlung mit einem warmen Apell zur treuen eifrigen Mitarbeit.

aus dem Nachbargebiet.

□ Michel»ro»bach. Groß war die Freude in der Pfarrei, als Die Kunde sich verbreitete, daß unser« neue G locke am Bahnhof in Hünfeld angekommen sei. Groß war auch der Jubel, als unsere Erstkom­munikanten sie abholen durften. Am Sonntag nahm unser Herr Pfarrer Wieder unter Assistenz der hoch­würdigen Herren Pastor Faulstich von Langenschwarz und Kaplan Nüchter aus Dipperz die kirchliche Ein­weihung derselben vor. Ersterer hatte vorher in del Festpredigt in eindringlichen Worten auf die hohe Be­deutung der Glocke hingewiesen und die zahlreich ver- sammelten Gläubigen ermahnt, stets ihrem Stufe, ihrer Einladung zum Gottesdienst zu folgen. Bei der Weihe füngierten 8 Paten und 1 Patin. Die Glocke erhielt zu Ehren unseres hl. Kirchenpatrons den Namen „Michael!" „Michael! Wer ist wie Gott? 1920", so lautet die Inschrift auf der Glocke. Allen soll die Glocke rod möglich bi» zum Ende der Zeiten die Mahnung in»' Herz hineinläuten, nach dem Beispiel deS hl. Erzengel» Michael Gott die Ehre zu geben, ihn zu lieben, ihm zu dienen immerdar! Mögen an uns und unseren Nach­kommen die Geleitworte in Erfüllung gehen, die bett, Herr Pfarrer am Schluß der Weihe aussprach, daß di« Glocke an der Freude der Pfarrei stet» tcilnehrne undj himmlische Freude in Die Herzen senke und, wenn die­selben von Trauer erfüllt sind, mit lieblichem Klang si» tröste. Darnach fand eine weltliche Feier zu Ehren der Glockenpaten statt. Da» Patengeschenk derselben betrug 500 Mark, ein Betrag, der ihnen gewiß alle Ehre macht und wofür ihnen der Dank der Pfarrei; sicher ist. Mögen ihnen bald weitere Wohltäter folgen, damit dann recht bald mit der dringend nötigen Ne» staurierung der Kirche begonnen werden kann und die Schönheit des Gotteshauses mit der Lieblichkeit befl Geläutes harmoniert.

— Weyhers. Eine alte, schöne Sitte Hatz der 1. Mai in unserem lieblichen Rböndörfcheitz toieber aufleben lassen. Ein imposanter Festzug mitj Reitern an ber Spitze, den Planburschen mit ihren Mädchen und den Kranzjungfrauen, in ihrer Mitte! vollzählig der (Semeinberat und die Gemeindever^ tretimg, bewegte sich unter den Klängen der Musik bei schönstem Wetter durch unser Dörfchen, um dem! neu gewählten Bürgermeister einen „Mai bäum" $u stecken. Mit Eifer und Geschick hatte die Dorf- lugend einen wohl 30 Meter langen Maibaum her« gerichtet und mit Kränzen, Bändern und Fähnchen auf'- Schönste geschmückt. Das Ausrichten verlief glatt und ohne Unfall. In einer Ansprache gedachte ein Mitglied ber Gemeinbevertretung der langjäh­rigen, treuen Dienste bei im vergangenen Herbste wegen Alters aus seinem Amte geschiedenen Bürger­meisters Alsheimer und sprach dem neugewählten Bürgermeister Paul baS Vertrauen der Gemeinde aus, verbunden mit dem Wunsche, daß er lange Jahre sein Amt zum Wohle der Gemeinde versehen möge. Ein Hoch auf den neuen Bürgermeister wurde begeistert ausgenommen. Ein Rundtanz der Planburschen und ihrer Mädchen auf dem Torfplatz auf dem durch die Kranzjungfrauen mit einer Gir­lande ab gesperrten „Plan" beendete die schöne Feier. Möchten derartige alte, gute Sitten sich weiterhin im Rhönlande halten.

A Schwarzbach (Kr. Hünfeld.) Die Wieder­sehensfeier für unsere Gefangenen, bie vergangenen Sonntag unter Leitung des Herrn Pfr. G n a u ftattfanb, war überaus gut besucht. Nach eini­gen Willkommengebichten begrüßte der hochw. Herr Pfarrer in längerer Ansprache bie glücklich Heimgekehr­ten und gedachte auch ber Gefallenen, für bie am Palm- fonniaa Denkmal in unserer Kirche Mgewtzcht