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47. Zahrg.

Zreitag, 30. flptil 1920

fir. 100

• - Sie Aufruh cschSde« im Ruhrgebiet.

. Äuröy'tzie Aufstandsbewegung im Ruhrgebiet sind, foie aus den vorläufigen amtlichen Berichten her­vorgeht, Schäden in Höhe von fast einer Mil« liarde Mark verursacht worden.

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AmerttanlscheS Darlehen

für die deutsche Kriegsschuld!

Nach einer Meldung der Pressewarte des Aus- wärtigen Amts ist ein Syndikat amerikani­scher Großbonkiers bereit, Deutschland die Gesamtsumme seiner Kriegsschuld zu leihen, sobald die Alliierten die Gesamtsumme fest­gesetzt haben.

Diese Nachricht wird vom halbamtlichen Wolff- büro verbreitet. Obu ihl dieses die Nachricht als eine Meldung der „Pressewarte des Auswärtigen Amtes" bezeichnet, sind doch ernstliche Zweifel an der Nichtigkeit berechtigt. Die Meldungen aus Amerika in letzter Zeit bereiteten durchaus nicht auf eine der­artige überraschende Wendung vor. Sollte sich bit Nachricht aber bestätigen, dann würde sich das ganze Bild unserer wirtschaftlichen und politischen Lage von Grund aus verändern. Zum mindesten wäre das deutsche Finanzelend in absehbarer Zeit erheb­lich gebessert. Es würde sicher gelingen, viele drückende Bestimmungen des Friedensvertrages auch in voliti- scher Hinsicht dadurch, wenn nicht zu beseitigen, so doch zu mildern. Eine andere Frage allerdings wäre es, welche Bedingungen Amerika seinerseits an die Fi­nanzhilfe knüpfen würde. Denn Amerika wird uns sicher nicht aus bloßer Menschenfreundlichkeit auf die Beine helfen, es würde seinerseits wahrscheinlich große Vorteile und Zugeständnisie schwerwiegender Art ver­langen. Immerhin wäre die wirtschaftliche Ab­hängigkeit von Amerika wohl der Versklavung und wirfichaftlichen „Durchdringung" durch die feindselig gesonnenen Ententemächte vorzuziehen.

Der 1. Mai.

Nationalversammlung und Landesversammlung ha- ben'den Maifeiertag abgelchnt. "Sie Sozialdemokratie tnu& also ihren 1. Mai auf eigene Faust feiern, und sie fljirb es tun.

war gewiß ein sehr merkwürdiges „öemofrah* Verlangen von den Sozialisten, das sie an die Jürgerlichen stellen, einen ausgesprochenen sozialistischen ^cicrtag, der sich gerade gegen diese selben Mrger- Mn richtet, gesetzlich einzuführen. Früher galt der 1.

in allererster Linie dem Kamps für den Acht­stundentag. Diese „Errungenschaft" haben wir ja nun. Seinetwegen braucht man also nicht zu feiern, lvei andere Zweck des Maifeiertages ist die Domen- Nation für die f o z r a l i st i f ch e i n t e r n a t i o n a l e gerb rüder u n g. Hierfür sich einzusetzen, haben ibcr die Bürgerlichen doch wirklich keinen Anlaß. Die Sozialisten eigentlich ebensowenig. Außerhalb Deutsch­lands denken die Arbeiter nicht daran, ihre Internatio­nalität dann zu bekunden, wenn es dem keuschen Inter­nationalisten erwünscht sein könnte; siehe den Fnedens- oertrag und das, was ihm folgte! Der deutsche Wolken- kuckucksheimer aber feiert ruhig weiter für ein Ziel, dem außer ihm kein Mensch nachjagt, ja, das außer ihm nicht einmal ein Mensch will. Er macht sich international lächerlich mit fernem Köhlerglauben an die internatio- iulle Verbrüderung, aber er feiert, und er feiert, auch dann, wenn er sich solchen Luxus gar nicht mehr leisten kann.

Wir alle wiflen es, und wenn wirs nicht wissen soll­ten, so würde es uns täglich und stündlich von außen her ins Ohr gebrüllt, daß nur Arbeit und Arbeit a [ I e in uns retten kann. Trotzdem feiert der deutsche Mai-Ent­husiast, denn so steht es nun einmal in seinem sozialde­mokratischen Katechismus. 15 Millionen Handarbeiter »ordern, fo behaupten die Sozialdemokraten, die Arbeits- mhe. Bei einem Tagesverdienst von durchschnittlich 25 Mark bedeutet das einen Lohnausfall von rund oierhundert MillionenMark. Das ist eine etwas kostspielige Feier, selbst wenn ihre gänzliche Zwecklosigkeit nicht so offen zutage läge.

Wir lasen jüngst einen Vorschlag, die deutsche Ar- beiterschast möge, den Verhältnissen ihres Landes Rech­nung tragend, für ihre Ideen einmal durch Arbeit demonstrieren. Man könnte am Samstag, wo gemeinig­lich nur vier bis sechs Stunden gearbeitet werde, einmal ein paar Stunden mehr arbeiten, als Demonstration für Sozialisierung, die ja nur bann ihren Zweck erfülle, wenn sie bie Leistung der Wirtschaft erhöhe. Der IDtann, der das vor geschlagen hat, war ein Idealist, un­ter Sozialisten wird er niemanden finden, der ihn ernst nimmt. Aber man darf doch die sozialdemokratischen Arbeiter daran erinnern, daß damals,.als in den Sturz­wellen der Revolution alles unterzugehen drohte, in den Städten Plakate an den Straßenecken prangten mit den Borten: „Sozialismus ist Arbeit!" Der da­malige „Dolksbeauftragte" Ebert hat dieses Wort fle- kenllich dutzendemale wiederholt und mit ihm alle Par­teibonzen, die dem Versinken nahe waren. Es ist doch merkwürdig, daß nun der Sozialismus, der also an­geblich Arbeit i st, durch Arbeits »Einstellung -gefeiert werden soll.

Aber wer meint, das tun zu müssen, der mag es tun. nur darf er nicht andere zwingen wollen, mit« rufeiern, die gar nicht feiern mögen. Das war aber die Absicht der Sozialdemokraten, und daß das wenig­stens gesetzlich nicht gelungen ist, darüber ist die fo- ziolistische Presse jetzt mächtig in Aufregung geraten. Es verrät keine Achtung vor dem Selbstbestimmungs- ttcht des Volkes, daß die Sozialdemokratie ihren Feier­tag für das ganze Volk einführen will. Ihr Feier­ns soll von allen gefeiert werden, die christlichen Feiertage dagegen möchten sie am liebsten abschaffen. 3m Bitterfelder Braunkohlengebiet wurden z. B. im Vorjahre mehrere Tage gestreikt, weil die Werkslei­tangen am Buß- und Dettag nicht arbeiten lassen woll­ten. Bei bet A. E. G. in SBerlin wurde bekanntlich mit bem Streik gedroht, falls am Karfreitag der Betrieb Erschlossen werde. In der Maschinenfabrik Humboldt m Köln wurden auf Verlangen der sozialdemokratisch organisierten Arbeiter der Dreikönigstag und der Kar- steitag als Feiertag aufgehoben. Den christlichen Arbeitern, die sich dagegen wehrten, rief der Obmann °es Arbeiterausschusses, der sozialdemokratische Stadt- ^torbnete Laufenberg, in öffentlicher Stadtverord- »etensitzung am 23. April d. 3. zu: „Macht nur so ®riler, dann machen wir euch auch den Fron- t e i ch n a m s t a g k a p u t." Aus all dem ergibt W) das Bestreben der Sozialdemokraten, der nicht- lozialdemokratisch gesinnten Bevölkerung, und insbe- londere der christlichen Arbeiterschaft zu diktieren, Welche Tage als Feiertage gelten sollen. Bei einem tuchen Verhalten der Sozialdemokraten liegt nicht °er geringste Anlaß für die christliche Arbeiterschaft °or, dem Maifeierruf zu folgen.

. Die christlichen Gewerkschaften haben in Fulda ws? anderwärts die Parole ausgegeben, am 1. Mai ®’c gewohnt der Arbeit nachzugehen. Wenn auf fo- 3tolicmofratif*er Seite das Verständnis für die miß- W Lage unseres Volkes und die zur Abhilfe not» wendigen Mittel fehlt, fo muß doch erwartet werden, doß man die Freiheit derjenigen respektieren wirb, die ®U3 Pflichtgefühl gegenüber der Dolksgesamtheit am 11 Dlai arbeiten.

Die christliche Arbeiterschaft steht an und für sich, ” wird uns von Seiten der christlichen ©croer’fcbaften geschrieben, der Schaffung eines allgemeinen Dolks- tE‘tes, „als Tages der Arbeit", nicht unsympathisch Segenüber. Das sie aber unser allen Umständen ab« J**mt, das ist die Diktatur der S o z i a l d e m o- ,r.®tie, die nichtsozialdemokratisch gesinnten Dolks- rreye zwingen will, sozialdemokratische Festtage mit- freiem. Die Frage eines alloemeinen Volksfeier- ‘«ges ist heute zur Lösung nicht spruchreif. Der -rotze, alles beherrschende Gedanke, auf den sich ge­genwärtig das ganze deutsche Volk einstellen muß, ist ?tr: Eie kommen mit aus dem Elend Deraus und wieder zu befriedigenden Derhältnis- r Es bedarf keiner Frage, daß uns da nicht EUt Feiertage helfen können.

völkerbundslaünng in Rom.

Nach einer Meldung des „Temps" ffl der 14. M a i endgültig als der Tag des Zusammentritts des Vhlkerbundrates in Rom festgesetzt worden. Acht Staa­ten werden an bei Sitzung teilnehmen: Frankreich, Großbritannien, Japan, Italien, Brasllien, Belgien, Griechenland und Spanien. Obwohl die Bereinigten Staaten tatsächlich zu dem Rat gehören, werden sie nicht vertreten fein, da sie den Friedensvertrag noch nicht ratifiziert haben.

Deutsche Nationalversammlung.

In der Nationalversammlung fand am Donnerstag rin förmliches Aufräumen statt. Die Tagesordnung um- faßte nicht weniger als 20 Punkte, alles noch Vorlagen und Ausschutzberichte, die vor dem Abschluss« der Arbei­ten der NotionÄoersammlung noch ihre Erledigung finden müssen. Wie es fast immer der Fall ist, so litt auch diese letzte Sitzung der Nationalversammlung unter der außer­ordentlich schwachen Besetzung des Hauses. Man schritt zur Beratung des Gesetzentwurfes zu Maßnahmen gegen den Wohnungsmangel. Diese Vorlage ist ein bedeutender Schritt vorwärts auf dem Wege zu gesunden Wohnungs- und Siedlungsverhältnissen. Diese Vorlage, zu der vom Zentrum der Abg. hagemanu sprach, der die Vorlage namens seiner Freunde begrüßte, sand nach den Beschlüssen des Ausschusses Annahme. Nach dem Gesetz findet eine viel weitergehende Erfassung des vorhandenen Wohnraumes und eine wesentliche Beschrän­kung der Freizügigkeit der Wohnungen statt. Da inzwi­schen sich der Berichterstatter und der Regierungsoertreter einaefimben hatten, wurde auch das Reichsheim­stättengesetz erledigt. Einen kurzen. Aufenthalt gab es dmm bei dem sog. Tumultschädengesetz, das die Entschädigungspslicht des Reiches für bei den Unruhen des letzten Jahres an Privateigentum hervorxerusen sind, sestlegt. Neben bem ^«4 teerten auch auf die Gemeinden beim Ersatz der Schaden heran gezogen. Der Zentrumsabg. Dr. Herschel, der an dem Zustandekommen des Tumultschädengesetzes in hervor- ravendem Maße mitgearbeitet hat, begrüßte die Vorlage und g^b ihr den Wunsch mit auf den Weg daß s» “um Segen und Gedeihen des Batertanbes beitragen möge.

samt« Wirtschaftsleben Deutschlands eine neueFor-i derung des Ueberwachungsausschusses des Verban­des, ihm das E i g e n t um s r e ch t an ollem nicht mehr zu Zwecken des neuen Reichsheeres in Frage kommen­den Hecresgerät, dessen Halbfabrikation und den hieraus entstandenen Schrotmengen zu­zubilligen. Während des Krieges seren fast unsere ge­tarnten Rohstoffe für Heeres gerät nutzbar gemacht wor­den. Daraus ergebe sich, welche Schrotmengen der Vcr- band verlange. Es würde bas den Rn i n d e r g e s a m- tendeutschenStahl-und Ersen-2ndustrie sowie ber von ihr abhängigen Industriezweige bedeuten. Die deutsche Industrie könne nur mit diesen Schrotmen- gen ihre Betriebe einigermaßen ausrechierhallen. Es bestehe jedoch bie Hoffnung, daß der Verband auf seiner Forderung nicht beharren werde, besonders, ba nach dem Friedensvertrag dem Verband Cas Eigentums­recht cm dem Schrot n i ch t z u st e h e. Durch Aus­fuhrverbote und Gesetze wird die Ein- und Ausfuhr jeg- lichen Kriegsmaterials verhindert. Die ÜDHHeilung über die Beschaffenheit und Herstellungsart aller Spreng- und Giftstoffe ist in Vorbereitung.

General Reinhardt and die Brigade Löberitz

Mit ber Leitung der in Döberih aus Format!»- neu aller Wehrkreise zu bildenden Brigade ist Gene- ral Reinhardt beauftragt worden Wie erin. nerlich, hatte der Reichspräsident das beim Rücktritt des Reichswehrministiers NosL- von dem früheren Chef der Heeresleitung eingereichte Abschiedsgesuch nicht genehmigt und Gesieral Reinhardt gebeten, sich dem neuen Reichswehrminister zu besonderer Verwendung zur Verfügung zu stellen. In dieser Stellung hat Ge­neral Reinhardt während der letzten Wochen im Auf­trage des Mnisterz Geßler zahlreiche Truppen im Osten und Westen besichtigt, und wird sich nun in nächster Zeit vor allem der Ausbildung der Brigade Döberitz widmen. Sie soll zu einer vorbildlichen W ehr. truppe gestaltet werden, die im Rahmen der Reichs­wehr als Reserve der Heeresleitung eine wertvolle Verstärkung des Rückhalts der verfassungS- mäßigen Reichsregierung sein wird.. Als Inspekteur dieser Wehrbrigade wird General Reinhardt dem Chef der Heeresleitung unmittelbar unterstehen, im übrigen aber zur besonderen Verfügung des Reichswehrmini, sterz bleiben. ES entspricht dem Wunsche des Gene- rals, nach seiner Tätigkeit im Reichswehrministerium, sich der praktischen Arbeit bei der Ausbildung und Er- ziehung einer Lehrtruppe aller Waffen widmen zu Ion. nen, und dadurch weiter an der zeitgemäßen Vervoll­kommnung der ganzen Reichswehr mitzuarbeiten, deren Organisation er seinerzeit als preußischer KriegSmini- ster geschaffen hat.

Deutfchlauds Abrüstung.

lieber die Maßnahmen, bie bisher deutscherseits zur AblieserungvonWafsenundHeeresgut getroffen wurden, veröffentlicht die „Deutsche Allg. Ztg." einen Artikel. Darin wird festgestellt, daß Deutschland sich zurzeit im Stadium völliger A b rÜftung be­finde, die bis zum Ist. Juli 1920 beendet sein muß Die deutsche Regierung habe bisher in loyalster Erfüllung bcs Friedensoertrages alles zur Beschleunigung dieser Abrüstung getan, was in ihren Kräften stand. Die Ver­ringerung ber Waffen hielt mit der Herabsetzung ber Heeres starke Schritt. Die Angabe ber Bestückung ber Festungen ist vor mehreren Monaten erfolgt und durch Berbandsausfchüsse nachgeprüst worden. Die Liste von Waffenfabriken wurde vor Monaten überreicht. Die Kontrolle und Unbrauchbarmachung des Kriegsgeräts durch Verbandsausschüsse ist seit Monaten in vollem Gange. Alle Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, wurden infolge des festen aufrichtigen Willens, den Frie- bensuettrag zu erfüllen, überwunden. Die Orte u. Fabri­ken, wo die Unbrauchbarmachung ftaüfinbet, wurden den Verbandsausschüssen mitgeteiU. Gemäß dem Friedens- vertrag, und um ber großen Arbeitslosigkeit infolge mangelnder Rohstoffe zu steuern, sst mit der Unbrauch­barmachung des Kriegsgeräts alsbald nach dem Waf­fenstillstand begonnen worben. Auch bie große Gefahr ber Selbstentzündung von Munition und Sprengstoffen zwang zu einer alsbaldigen Vernichtung eines leiies die­ser Bestände. Don außerordentlich schwerwiegender De- bculuna lei, so sührt der Artikel weiter aus. jur das ge-

Eine große Anzahl von weiteren Punkten der Tages­ordnung wurden in rascher Reihenfolge erledigt, darunter auch der Einspruch des Reichsrats gegen die

Postgebührenordnung.

Infolge des Einspruchs des Reichsrats gegen den Beschlich der Nationalversammlung, der die Portofreiheü ,iir Dienst­sachen beseitigt hatte, mußte sich das Haus nach einmal mit dieser Angelegenheit befassen. Der Ausschuß war sich dahin schlüssig geworden, einstweilen der Forderung des Reichsrats stattzugeben und ihm schloß sich die Dollve^ sammlung an, nachdem der Reichsminister Giesberts sich damit einverstanden erklärt und die Einbringung einer neuen Vorlage, die diese Frage endgültig regeln soll, fir Oktober in Aussicht gestellt hatte. Die AusschußantraM wurden angenommen. Die Postgesetze, soweit sie die er» höhten Gebührengesetze enthalten, treten m* 6. Mai in Kraft. 1

Es folgt das Gesetz über Abänderung der Leistungen und der Beiträge in der Invalidenversicherung. Danach werden als WochenbeitrSge bis auf weiteres er» hoben in Lohnklasse I 90 Pf., II 1,- Mk., III 1,10 Mk., IV 1,20 Mk., V 1,40 Mk. Die Vorlage wrrd angenommen.

Zur ersten Beratung steht ein Gesetzentwurf über weitere Ausdehnung der Versichern ngspslicht in der Angestelltenoersicherung. Danach soll dw Einkommensgrenze von 5000 Mk. auf 15 000 Mk. erhöht werden. Heber diese Frage entspinnt sich vor nahezu leerem Hause eine zweistündige Aussprache. Die Dorlage geht schließlich an einen Ausschuß. Zuguterletzt wurde durch die Haltung der Deutschnationalen noch die Mfahr heraufbeschworen, daß die Sitzung infolge der Beschluß- unsähigkeit des Hauses beinahe aufgeflogen wate. Dre Deutschnationalen erhoben Einspruch gegen dre Herab- schiedung des Gesetzentwurfs betr. die Aushebung der M i- litärgerichisbarkeit und begründen ihre Forde- rung mit der schwachen Besetzung des Hauses. Da zu­nächst im Hause keine Neigung bestand, dem Verlangen der Rechten stattzugeben, so drohten sie mit der Anzweif­lung der Beschluhunsähigkeit des Hauses. Unter dem Druck dieser Zwangsauflage gab die Mehrheit des Houses als der klügere Teil nach und verzichtete auf die Erledi­gung der Vorlage, die nunmehr in der bevorstehenden nrfr 3en Maisitzung erfolgen soll. So war es wenigstens mog- lich, den Rest der Tagesordnung zu erledigen, ber ein« Reihe zum Test wichtiger Berichte des volkswrrtschaft- lichen Ausschusses umfaßt, so u. a. einen Bericht betr. die Aushebung der Zwangswirtschaft für Zucker. Sang- und klanglos gingen bann bie Mitglieder des Hauses ausein­ander. Die nächste Sitzung ist am 19. Mai. Wenn dann die Abgeordneten wieder Zusammenkommen werden, wird der Wahlkampf bereits in vollem Umfange entfesselt fern.

Verantwortlich für den redaktionellen Teil: E. Schütte, r. für die Anzeigen: I. Parze!ler-Fulda. - Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

Preußische Landesversammlung.

Die Landesverslrmmlung überttrieS am Donnerstag ohne Aussprache die preußische B e s o l d u n g S v o r. läge dem Ausschuß und setzte bann die Besprechung über die Einwohnerwehren und dre damit ver. bundenen allgemein-pKitischen Fragen fort.

ES war von vornherein anzunehmen, daß bei dieser Aussprache die gegensätzlichen Anschauungen der ein. zelnen Parteien über die Kavpunternehmung, deren Folgen, deren Ursache und über den A u f ft a n d t m «Ruhrgebiet, sowie seiner Bekämpfung scharf zum Ausdruck kommen würden. Auf der einen ©eite ver­einigten sich die sozialistischen Parteien in der Forde, rung nach der Auflösung der Einwohnerwehren, deren Waffen von den kommunalen Behörden unter ston.roUe der Gewerkschaften, Angestellten und Beamtenverbanve aller Richtung gesammelt werden sollen, wahrend auf der anderen Seite die bürgerlichen Parteien für die bisherigen Einwohnerwehren die Einrichtung eines Orts, ober Flurschutzes und insbesondere in den Indu­striegebieten eine Verstärkung ber staatlichen Sicher­heitspolizei wünschten. Das Haus nahm die stellen, weise stark erregten Ausführungen verhältnismäßig ruhig auf; nur hier Und da gabs Zwischenrufe und lärmende Unterbrechungen.

Größere Auftnerksaüikeit rief die lange und aus­führliche Rede des Ministers des Innern Severing her. vor der als ehemaliger Reichskommissar an den Vor­gängen persönlichen Anteil halte und nunmehr dem Hanse eine eingehende Rechenschaft über sein Vethal. ten ablegte. Er tat die, — da» .kann man wohl sa­gen — in nicht ungeschickter Weise, konnte aber den Eindruck nicht verwischen, daß er allen Anlaß gehabt hätte, ruhig etwa- mehr Wert auf die Au-iagen der christlichen Arbeiterschaft zu legen und ihnen größere Beachtung zu schenken. Beachtenswert ist, daß der Minister offen auSsprach, el fei Me Befürchtung nicht von der Hand zu weisen, daß sowohl. d,e Radikalen von rechts als auch die von links n^ch einmal den Versuch machen könnten, sich m i t G etoa 11 b u r dj zu se 6 en. Wenn der Minister diese Ansicht hat, dann hoften. wir, daß er die weitere Entwicklung ber Dinge scharf be­obachtet und sich nicht etwa überraschen laßt Der Mi- nister erklärte, anstelle ber Einwohnerwehren sollten Orikwehren oder, wo es notig fei, ein Flurschutz einge­richtet werden und zwar so, baß in diesen Nvrperschaf- ten keine einftitine KlassenbegorzEM' ^lab rre en foile. In bet Sicherheitspolizei werde straffe D.szrplir, aufrecht erhalten werden, damit ans igr eine zuver­lässige demokratische Truppe .der Republik erwachse. Weiter teilte der Minister mit die Regierung werde wahrscheinlich von ihrem Vorhaben, südlich der Ruhr nicht einzügreisen. Abstand nehmen. Südlich der Wupper bilden die geflüchteten fremden Elemente eine starke Gefahr Tie Behörden wünschten den bal- diaen Vormarsch. Auch das Unternehmertum bezeichne jeden Tag Aufschub aiS große wirtschaftliche und polt-

l Gcfobt.

Nach dem Minister sprach der ZentrumSabg St'e- I ter Er bebt noch einmal hervor, ber Kapp-Puftch iet nicb* di« alleinige Ursache an den Verhäftn.ssen im Ruhrgebiet gewesen, sondern er habe nur bie gewaltige Massenbewegung auSgelöst. Izn. übrigen ha.ten b.e I Linksradikaler längst einen Aufstand im Industriege« I biet geplant, um von dort aus den Bolschewismus und I fote Räterepublik allmählich über ganz Deutschland aus- aubreiten. Der Redner schildert die furchtbaren Zeiten, die die Bewohner des RuhrgebieteS ertragen mutzen, indem sie der Willkür zügelloser, roter Horden au-ge. I liefert waren. Tie Regierung und be,onberS oct I Reichskommissar Severing habe zu lange mit energi­schen Maßnahmen gezögert. Für die Zukunft ioll en die Behörden ber in Frage kommenden Gebiete die Verantwortung in ihrem Aufgabenkreis tragen und es sollte, wenn zur Lösung von Spezialaufgaben die Ein- setzung besonderer Kommissare erforberbeb fei, be Zu­sammensetzung auf paritätischer ®rum%Iage erfolgen Tie Anstifter und di: Führer de- verbrecheris^n roten Unheils müßten bie ganze Strenge de- Gesetzes zu spüren bekommen. Er fordert unbedingt wei t e r e n militärischen Schutz und -war wunicht. et ne­ben ber kommunalen Polizei eine starke staatliche Polizei für bie öffentliche Crbnung^ Z'vste Wehren lehnt er und seine Freunde für die Großstädte und da» Industriegebiet ab.

Die Wirtschaftsbesprechungen in Paris.

Zu den beborftebenben wirtschaftspolitischen Ver­handlungen wird rffsz'öS m-tgeteilt:

Die Reichsregierung regte in Paris anläßlich der bem« nächstigen Besprechungen über Ein- und Aussuhrverbore an, noch eine allgemeine Aussprach eüberdie deutsch-französischeu wirtschaftlichen Be- Ziehungen zwischen hervorragenden beiderseitigen Sachverständigen stattfinden zu lassen. Der französische MinisterprässLent ging bereitwillig auf den Dorschiag em, indem er betonte, baß auch er auf die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Lan­dern großen Wert lege. Der Zeitpunkt der Befprechuf",en wird mschestens festgelegt, ebenso sollen die Sachversrän- bigen bald bestimmt werden, die Deutschland zu vertreten haben werden. Damit ist em alter Vorschlag der deut­schen Regierung in bie Tat umgesetzt und bas P r i n z i p der freien Aussprache, wie es jetzt auch für d>e Zusammenkunft in Span gesiegt hat, für die schwierigen deutsch-französischen Wirtschaftsprobleine verwirklicht. Es ist zu hosten, daß die Besetzung des Maingaues rückgängig gemacht fein wirt, ehe sich die beiderseitigen führenden Wirtschaftler an einen Tisch setzen.

3m französischen Senat teilte Ministerpräsident M i l l e r a n d gestern mit:

Heute vormittag hat mich der Vorsitzende der deutschen Delegation bei der Friedenskonferenz, Ministerialdirektor Göppert, ausgesucht, um mir zu erklären, daß die deutsche Regierung der französischen Regierung einen ^Mei­nungsaustausch unter einigen deutschen und französischen Delegierten, die Sachverständige des wirtschaftlichen ßebens fein sollen, vorschlägt, di« alle Fragen bespre­chen sollen, die den Handelsverkehr zw'fchen beiden Ländern betreffen. Ich habe den Vorschlag der deutschen Regierung angenommen und erklärt, daß der Handelsminister in kürzester Frist die französischen Delegierten für die vorgeschlagbne Konferenz ernennen werde. Ich habe hinzugesügt, daß es nicht von uns ob- hängen werde, daß diese Konferenz raschesten, zu guten Res uiaten führen werde.

Die Auslieferung unserer Handelsflotte.

Die WiedergulmachungSkornmission hat auf die am 14. 4. an sie gerichtete Not« der deutschen Re­gierung zur Frage der SchiffSabgabe eine Ant­wort erteilt, in der eS heißt:

Wir müssen betonen, daß, obwohl setzt über 3 Mo­nate seit Inkrafttreten deS Friedensvertrages verflossen sind, noch nicht ein Fahrzeug während dieser Zeit von der deutschen Regierung abgeliefert worden ist, und Ihnen mitteilen, daß eS der WiedergutmachungSkommis- sion nicht möglich ist, irgendeinen weiteren Antrag in Erwägung zu ziehen, bis eine ziifriedenstellende Menge Tonnage tatsächlich abgeliefert worden ist. Wir müssen ebenso daran erinnern, daß von bem Zeitpunkt an, wo die Schiffe nach dem Friedensvertrag hätten abge­liefert werden müssen, bis zum Tage der tatsächlichen Ablieferung von der deutschen Regierung Mietx zu zahlen sein wird.

Hieraus hat dir deutsche Regierung solgendrS erwidert:

Die deutsche Regierung legt Wert darauf, noch einmal darauf hlnzuweisen, daß deutscherseits sofort alle Vorbereitungen mit größtem Nachdruck getroffen wurden, um die Ablieferung der Schisse ent­sprechend den in London übernommenen Verpflichtungen zu bewirken, daß aber die U e b e r s ü h r u n g der abzu­liefernden Schisse nach dem Firth os Forth auf die aller­größten Schwierigkeiten stößt. Die deutsche Schifsahrts- delegation betonte bereits dem Maritime Service gegen­über, daß ihr, die Erfüllung der Verpflichtung, welche sie übernehmen mußte, praktisch nahezu undurch­führbar erscheine, da die Frage der Bebunkerung und Bemannung der Schiffe schwer lösbar sei. Auch der deutsche Ablieferungskommissar in Hamburg mußte den Vertreter ber Alliierten, der mit der Uebernahme ber Schiffe betraut ist, auf die Schwierigkeiten täglich Hinweisen. Es ist gleich- wohl gelungen, den Dampfer „Bielefeld" vor zwei Tagen nach bem Firlh os Forth abgeben zu lassen. Außerdem ist eine größere Anzahl Schiffe {eefertig gemacht. Die deutsche Regierung hofft, bereu Uebersührung in den nach- sten Tagen bewirken zu können.

Die Reparationskommission wird hieraus entnehmen, daß es deutscherseits nicht am guten Willen fehlt, den Verpflichtungen des Friedensvertrages nachzukommen, daß aber das deutsche Volk mit Bestimmtheit erwartet, nicht durch die Wegnahme des letzten Schisses durch die Kommission wirtschaftlich völlig zerrüttet zu werden. _____________