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slr. L2.

Verantwortlich für den redattionellen Teil i. 33.: Dr. Kramer, - für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. < Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Rr. 9. Tefegr.-Adrefse: Fuldaer Zeitung

Sreitag, 9. April 1920.

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47. Zahrg.

Schrittmacher der Anarchie.

Bon unserem Berliner Vertreter.

Bei dem Vorgehen der Franzosen gegen Frankfurt j. M , Darmstadt usw. gibt es mancherlei Beobachtun­gen, die im höchsten Grade auffällig sind. Vor allem überrascht — d. h. politisch Eingeweihte sind von diesen Zusammenhängen nicht weiter überrascht, — die enge geisteegemeinschaft in den Argumenten zur Begrün­ung der Gewaltaktion, wie sie einerseits bei den U n - abhängigen, andererseits in den offiziellen Kund­gebungen der französischen Regierung pie der französischen Generale zutage tritt.

Hier wie dort sind die Erörterungen auf den Ton gestimmt: Die Aktion im Ruhrrevier fei nichts an­deres, als ein verabredeter Schachzug der beut« jchen „M ilitaristen" und der deutschen Militör- pnrtei. Der oberkommandierende General der alliier-, ttn Besatzungstruppen Degoukte hat in seiner Proklama- jion an die Bevölkerung als Grund für das französiscl)e Dorgehen ja auch geltend gemacht, daß die Berliner -Regierung „unter dem Druck der Militär- partei" eine plötzliche Offensive der Reichswehr ge­gen die „Arbeiterschaft des R u h r r e o i e r s" ungeordnet habe. Eine Militärpartei gibt es in Deutsch- (anb nicht mehr. Als sie sich beim Kapp-Putsch her­vorwagte, ist sie in wenigen Tagen, ja in wenigen Stunden fast völlig überwältigt worden. Es ist im höchsten 'Stabe bezeichnend, daß General Degoutte die polizeiliche Reichswehr-Aktion im Ruhrrevier als eine .Offensive gegen die Arbeiterschaft* be­zeichnet. Es muß doch den französischen Behörden ganz genau bekannt sein, daß es sich um die Unschädlichma­chung gemeiner Räuber- und Erpresserbanden handelt, die sich unter lands- und ortsfremder kommunistischer imb boschewistischer Leitung und nach bolschewistischer Sri in rote Armeen zusammengeschlosfen haben. Ge- rabe die Arbeiterschaft jener Gebiete hat die dringend­sten Hilferufe an die Reichsregierung gerichtet. Kein wirklicher Arbeiter war mehr seines Lebens sicher, ganz zu schweigen von den räuberischen Eingriffen, oft genug noch unter Androhung von Waffengewalt, gegen das Eigentum. Alle sozialistischen Arbeiter- unb Par- tei-Organisationen haben ben Einmarsch der Reichswehr als eine „Erlösung" bezeichnet. Unb nun sagen die französischen Militaristen, es handelt sich um eine Ofsen- ime gegen die „Arbeiterschaft". Die wirkliche Arbeiter­schaft, die von den teroristischen Banden, die sich aus arbeitsscheuem Gesindel zusammensetzen, an der Arbeit gehindert wurden, wird sich für diese Fürsorge lebhaft bedanken.

Richt minder Anlaß' zum lebhaftesten Dank an die Franzosen aber haben die bolschewistischen und anarchistischen Horden, die nun geradezu eine Ermutigung für chre Ausschreitungen in dem sranzösischen Vorgehen erblicken muffen. Da eröffnen sich uns ja allerliebste Ausblicke, wenn kommunistische, bolschewistische und anarchistische Plünderer- unb Räu­berbanden nicht nur ungestraft nach Belieben hausen timten, sondern wenn sie sogar noch den besonderen .Schutz" Frankreichs dabei genießen! So züchten die sranzösischen Militaristen und Imperialisten ganz ■ be­wußt den Bolschewismus unb den ro'en Schrecken bei uns zu Lande. Sie züchten dabei aber auch die Ratter, die ihnen selbst das Gift entgegenspritzt, wenn die Ciunde gekommen ist.

Frankreichs Rechnung mag jetzt freilich ohne den bolschewistischen Faktor nicht auszugleichen sein. Man kalkuliert, daß durch innere Unruhe unb Zerrüttung der allgemeine Wirrwarr bis zur allgemeinen Hilflosigkeit und damit zum allgemeinen Niederbruch gesteigert würde, worauf Frankreich, unter dem Vor­wand, sich die nötigen „Garantien" für die Erfüllung des Friedensvertrages sichern zu muffen, sich freie Hand in der beliebigen militärischen Besitzergreifung der le­benswichtigsten deu'schm Gebiete verschaffte. Für diese Zwecke erscheint Frankreich die Msthilse bet Wühlarbeit

der äußersten Linken als ein willkommener mithelsen- 1 der Faktor. Die Geistesgemeinschaft in der Agitation j und der Darstellung der Dinge durch die Unabhängigen wie der sranzösischen Regierungs- unb militärischen Stellen spricht ja Bände, lieber diese Dinge wird spä­terhin noch mancherlei zu sagen sein. Frankreich möge sich aber nicht darüber täuschen, daß sich seine „Helfer" nicht so leicht werden wieder abschütteln lassen, daß sie vielmehr alles daran setzen, um die Einlösung der jetzt ausgestell'en Sichtwechsel zu erzwingen. Dann mag sich Frankreich winden und drehen: es wird die Wahrheit des Wortes erfahren, daß es die Geister, die es tief, nicht wieder los wird!

Die französische Gewaltpolitik ist der Schrittmacher der Anarchie! Aber nicht nur der Anarchie in Deutsch­land, sondern auch der Anarchie in seinem eigenen Hause. Die Rache der Weltgeschichte wird dereinst auch Frankreich mit Ihrer ganzen Wucht zermalmend treffen.

DaS qeqiäte Ruhrzebiet.

wtb Berlin, 9. April. (Tel.) Ter ,Voff. Ztg.' zufolge sind im Ruhrgebiet bereits Abgesandte der Entente eingetroffe«, um die Räumung der neu traten Zon-, die nach dem Frieden-verttaa biS znm 10. April etfolat fein muß, zu übe» wachen. Wie das Blatt toeber hört, haben die Bürger­meister der größeren S-ädte mit Essen an der Spitze beschlossen, eine Ab ordn ii ng n achParis zu endenden, um dort die trostlose Lage zu schildern, die eintrelen würde, wenn das Ruhrgebiet geräumt würde, ehe eine aus>eichende Sicherheitswehr organi­siert sei.

(Sitte nette Note Frankreichs.

In Paris fand am Mittwoch eine Botschafter­konferenz statt, deren' Tagesordnung die deutschen No­ten vom 3. und 6. April bildeten. M i l l e r a n d teilte eine Note an den deutschen Geschäftsträger mit, in der es u. a. heißt:

Dor der Besetzung der Städte Frankfurt, Darmstabt, Homburg, .Hanau unb Dieburg habe die französische Re­gierung ihre Verbündeten benachrichtigt. Frank­reich sei gewillt, das enge Bündnis mit den Alliierten aufrecht zu erhalten und nur wenn es sich einer Verletzung des Friedensvertrages gegenüber sieht, aus eigener Kraft zu handeln. Am 29. März habe Göppert erklärt, daß feine Regierung keine Möglichkeit sehe, ohne Genehmi­gung der stanzösischen Regierung Truppen in das Ruhr­gebiet zu schicken. Am 28. März habe Millerand be­stätigt, daß die Ermächtigung nur gegeben werden könne, wenn gleichzeitig französische Truppen Frank­furt, Darmstadt, Hanau, Homburg unb Die­burg besetzen dürfen. Am 3. April habe Göppert zuge­geben, daß Truppen in größerer Stärke als erlaubt in das Ruhrgebiet einmarschiert feien unb habe formelle Ge­nehmigung erbeten. Gleichzeitig habe Unterstaatssekretär H a n i e l in Berlin mitgeteilt, baß Reichskommissar Se- vering volle Handlungsfreiheit über die Truppen des Ruhrgebiets habe. Die französische Regierung habe den Alliierten die Verletzung des Artikels 44 mitge­teilt. Alle Alliierten hätten die militärische Besetzung des Ruhrgebiets als gefährlich betrachtet. Die Initiative dazu müsse der deutschen Militärpartei zugeschoben werden. Die Militärregierung Kapp und die Militärpartei hätten sie ergriffen, trotz starker Einwendungen selbst im Schoße der deutschen Regierung. Frankreich hatte sich einer Maßnahme gegenüber gesehen, für die die deutsche 'Re­gierung die formelle Verpflichtung tingegangen mar, sie nicht ohne Ermächtigung auszusühren. Die französische Regierung sei eMschloffen, die Besetz­ung aufzuheben, sobald die deutschen Truppen die neutrale Zone verlassen hätten. Millerand ver­schließe sich dem Gedanken eines wirtschaftlichen Zusammenarbeitens nicht, aber die Krundbe- bingung sei, daß die deutsche Regierung zunächst den Be­weis ihres guten Willens erbringe, indem sie ihren Stier- pslichtungen nachkomme. Am 29. März hätte Millerand dem deutschen Geschäftsträger seine Absicht be­stätigt, eine Aera neuer Beziehungen mit Deutschland auf dem Wege wirtfchäftjicher Zusammenar­beit zu beginnen. Eine Anregung in tiefem Sinne würde bei ihr die beste Aufnahme finden ".Inter gewißen Um­ständen könne die Initiative von Frankreich aus kommen.

Hoffnungen?

Der „Corriere della Sera" meldet aus London, in dortigen offiziösen Kreisen erwarte man binnen we­niger Tage die Lösung des französisch-deutschen Kon­fliktes, d. h. den Abmarsch der deutschen Truppen aus der neutralen Zone und den der Franzosen aus dem von ihnen neuerdings besetzten Gebiet. Man setze fer­ner voraus, daß sich weder England und Ita­lien, noch die Vereinigten Staaten an dem stanzösischen Unternehmen beteiligen würden; in eini­gen Abendblättern sei vielmehr von einem in Paris eingetroffenen Protest eines dieser Staaten die Rede. Der „Secolo" nimmt an, daß sich England zwar mit Frankreich solidarisch fühle, aber doch eine ^ermittelnde Haltung einnehmen werde. Die „Epoca" meldet aus Paris, der italienische Botschafter habe im Auftrag seiner Regierung jede Verantwortung für den französischen Einmarsch a b g e l e h n t und der englische Botschafter habe eine gleichlautende Erklärung abgegeben.

Nach einer Mitteilung des amerikanischen Armee- blatie« hat der Vertreter der Ve r e i n i g t e n S t a a- ten in der interalliierten Rheinlandskommission, Mr. Noyes, der Kommission die formelle Erklärung ab­gegeben, daß er" sich keinerlei Schritten der Kommis­sion, die sich auf den französischen Vorstoß ins bisher unbesetzte Deutschland bezögen, anschließen könne. Er hat die Washingtoner Regierung von diesem Schritte benachrichtigt.

Friede zwischen Deutschland und Portugal.

Nach einer Havasmelduua au8 Lissabon erklärt ein Dekret den Kriegszustand zwischen Portu­gal und Teutichtaud für beendet.

Die Nationalversammlung hat das Wort.

Präsident Fehrenbach hat die Mitglieder der Na­tionalversammlung auf Montag, 12. April, zu einer Sitzung zusammenberufen.

Auf der Tagesordnung steht die Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung über die A k t i o n im Ruhrgebiet und den französischen Einmarsch in den Maingau. Die Parteien wer­den nach dem „B. T." eine gemeinsame Entschließung annehmen, die den sranzösischen Vormarsch als Friedensbruch kennzeichnet und an den Völ­kerbund einen Appell richtet. Die Aussprache dürfte sehr lebhaft werden, da die Parteiführer auf dem Stand- punkt stehen, daß die französische Politik es Deutsch­land unmöglich mache, seinen Wiederaufbau zu vollziehen und feine Verpflichtungen aus dem Friedensvertrag zu erfüllen. Die Regierung wird dem Verband sofor­tige Abänderung des Friedensvertra­ges über die Behandlung der neutralen Zone Vor­schlägen. __________________ _ ____________

Aus dem neubesetzten Gebiet.

Bom Vormarsch der Grande Armee.

Beim „glorreichen" Vormarsch der französischen Ti nppen nach Frankfurt unb Hanau ereigneten sich einige schwere Unfälle. In Höchst explodierte ein französisches Panzerau o, wöbet die beiden Fahrer schwer verletzt wurden. In Darmstadt wurde ein Ausläufer von einem Tank angesahren und tetlrocije nicht unerheblich verletzt. Weiter wurde ein acht­jähriges Kind in der Rhetnstraße in Darmstadt von einem Milttäraulo überfahren und sofort getötet. In Frankfurt haben sich die Gemüter, die am Mittwoch durch allerlei Gerüchte erhitzt waren, durch das Wiedererjchetnen der Zeitunzen beruhigt. Die blutigen Vorgänge haben die Stadt sechs Tote ge­kostet, meist jüngere Leute, darunter ein Schüler, der an der Hand seiner Mur er erschossen wurde. 35 Perwnen fin> lests leichter, teils schwerer verletzt.

Nach einer Darstellung von französischer Seite hat sich der bedauerliche Vorfall an der Haupt­

wache folgendermaßen abgespielt: An eine an der Haupt­wache stationierte Abteilung arabischer Truppen neost einer Maschinengewehrabteilung mit französischer Be­dienungsmannschaft drängte sich die Menge heran. Der Aufforderung des die Wache befehligenden Offiziers, zurückzugehen, wurde nicht Folge geleistet und der Offizier im nächsten Augenblick von der Menschen- welle umringt. Da der Offizier sehr klein war, verschwand er in der Welle, und so wurde bei der Wache der Eindruck erweckt, daß er von der Menge zu Boden geschlagen worden sei. Als auf abermaligen Befehl die Menge nicht auseinanderging, wurden mehrere Salven aus den Maschinengewehren abgegeben, die die gemeldeten Opfer forderten. Der Stadtkommandant der französischen Mtli ärverwaltung hat sich beim Po­lizeipräsidenten über die Art und Weise, in der die deutsche Polizei von Frankfurt im Laufe des 7. April ihren Dienst verfehen hat, beschwert. Ein fah­render Jäger sei umgeworfen und verletzt worden: Ka­rabiner und Fahrrad wurden ihm entwendet. Der kommandierende General der Besatzungstruppen sieht iliefe Handlung als besonders schwere Beleidigung für ;ie Würde der französischen Truppen an und hat be- ohlen, das Fahrrad und den Karabiner so schnell wie möglich herbeizuschaffen.

Die Frankfurter protestieren.

Demokratische, Sozialdemokrat iche und Zentrumspartei haben einen Protest an General Degoutte gerichtet, worin sie Einspruch er­heben gegen die unberechtigte Besetzung der Siadt durch französische Truppen. Die zur Rechtfertigung der Be­setzung angeführten Gründe widersprächen durchaus den tatsächlichen Verhältnissen. Die Bevölkerung erhebe auch entschieden Einspruch gegen die Verhängung des Belagerungszustandes, die Aufhebung berz Preßfreiheit und die Verletzung ihrer verfasfungsmäßi- gen Rechte.

Die Verwahrung des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung gegen die Besetzung Frankfurts lautet: Der Magistrat und oie Stadtverordnetenversammlung als die berufenen Ver­treter der Frankfurter Bürgerschaft legen feierliche Ver­wahrung gegen die dem Friedenszustand widersprechende Besetzung der Stadt Frankfurt a. M. ein. Sie erwar­ten, einmütig mit der gesamten Bevölkerung, daß der völkerrechtliche und gesetzmäßige Za- stand alsbald wieder hergestellt wer­den wird.

Verstärkung der Hanauer Besatzungstruppen.

Q Hanau. (Tel.) Tie französische Besatz­ung in Hanau ist durch Artillerie-Abieilunaen er weitert worden. Nachdem die Frcinzo en auch die he siche S'o^t Babenhausen beietzt haben, ist die Besatzung Darmstadts, das Hanauer Reichs­wehr Regiment Nr. 35, nach Aschaffenburg ge­bracht worden, von wo au8 es nach Bad Orb kommen soll.

© Hrnarr. Donnerstag abend sand eine Sitzung der Stattverordneien flait Vor E ntritt in die Tagesordnung wurde ein mit dem Magistrat ge« mein'am zu erlassender Protest gegen die Be­setzung der Stadt Hanau an enommen und daraus beschloffen, die zur Beratung stehenden Punkte obzufetzen und die Sitzung zu schließen. Die kommunistische Fraktion eillärte, daß sie gleichfalls Gegnerin der Besatzung sei, aber auch Gegnerin der Politik, die eine folche Besetzung mög­lich gemacht habe. Sie enthielt sich ter Abstimmung.

Ein Patrouillenzusammenstoß.

Aus dem Reichswehrministerium wirb miweteilt: Auf die Kun.'e von dem Vormarsch der Franzosen nach Frankfurt unb ben übrigen (stabten find die dort liepenben Reichswed,rtrupp.n sofort an rewieren worben, ihre Quartie-e zuruckzuverlegen, um jeben Zusammen­stoß nut ben französischen Truppen zu vermerken. Um festzustellen, wre weit Die Franzosen bie Be^etzun, aus- dehnten, hat die Rerckswehrbrrgaee 11 Staoalleiie-

Der Arbeit Lohn.

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Unb mm entwickelte er seine Pläne und legre seiner butter dar. wie durch geeignete Einrichtungen in ttxn haushalt unb bet Wirtschaft große Ersparnisse erzielt derben könnten, tote man durch Ausnutzung des Stein­bruches, durch Wiederaufnahme ter Ziegelei, durch «erkauf der überflüfsigen Luxuspferbe, Ent'assung von unnötiger Dienerschaft unb dergleichen Maßnahmen ®ti?r ben Besitz nach einem Jahre schon wieder er. "agsfährg machen könnte.

/ -Nach einigen Jahren," so schloß er seine Ausfüh­rungen, „hoffe ich mich aus dem Gröbsten herausgeav- °uitet zu haben, wenn nicht betontere Unglücksfälle ein. ‘teten. Ich kann dann cn die Abtragung einzelner Hypotheken denken unb ich hoffe, Mama, baß Du mit keinem Plane einverstanden sein wirst."

„Ich kann nichts gegen denselben einwenden," ent« Sgnete die Baronin mit einer Miene, als sei sie schwer Zeitigt worden. „Du kannst ja hier schalten unb Wal.

wie du willst. Erlaube mir aber bie Bemerkung, ^8 ich Dich nicht für fähig halte, dieses Leben eines dauern unb Ziegelbrennerö zu führen,"

„Es kommt auf einen Versuch an," versetzte er küchelnd.

„Versuche es immerhin, aber fordere nicht, daß ich Uni Deine Schwestern dieses Leben mit Dir teilen sollen."

Die älteste der Schtvestern lachte in diesem Augen, “iide spöttisch auf.

„Ich errate, iveShalb Du Dir einen Korb geholt -uü," sagte sie in etwas boshaftem Tone. „Kürzlich schrieb mir eine Freundin, daß in dem Hause deS Mi­xers Fräulein Edelgard Lhnden als Erzieherin und vou^bame lebte —"

Tie Baronin richtete sich schnell empor.

, »Und davon hast Du mir nichts gesagt, Brunhilbe?" ^werkte sie in strengem Tone.

»Ich wollte Dich nicht beunruhigen, Mama."

»Ist bas wahr, Harald?" wandte bie "Bsronin stch ttl ihren Sohn.

L „Allerdings, Mama! Und in der Tat hielt mich Siebe, welche ich. noch immer für Edelgard em­pfinde, davon ab, ernstlich um bie Hand und die Liebe hnet anderen Dame zu toerbenj."

„Unb nun willst Du Wohl gar Fräulein Lhnden heiraten?" fragte die Baronin in spöttischem Tone.

„Wenn ich freier aufahnen kann und Edelgard mich bann nicht zurückweist — ja!"

„Fräulein Lynben wird sich hüten. Dich zurückzu. weisen)" lachte die Baronin höhnisch auf.

„Mama, ich bitte, Dich, von Edelgard nicht schlecht zu denken."

Die Baronin erhob sich. Zhre Miene zeigte einen eisigen Ausdruck.

„Tu hast meiner und Deiner Schwestern Hoffnung schwer enttäuscht," sprach sie kalt. „Ich habe Dir keinen Rat mehr zu geben. Tue. was Du willst! Aber be­denke, daß Du auch Verpflichtungen uns gegenüber hast

„Tie ich gewissenhaft erfüllen werde, Mama."

„Nun gut, ich will hoffen, daß eS Dir möglich ist. Don uns darfst Du aber nicht verlangen, daß wir noch länger in dieser Cebe und Einsamkeit bleiben. Ich bin es Deinen Schwestern schuldig, sie der Gesellschaft nicht allzusehr zu entfremden hatte auch schon heran gedacht, nach Deiner Rück'ehr nach Berl n zu ziehen — jetzt ist dieser Gedanke Zum festen Entschluß geworden. Wir werden in einigen Wochen nach Berlin übersiedeln. Du magst dann hier schalten und walten tote es Dir beliebt Wir werden Dich nicht mehr stören!"

„Mama, ich bitte Dich . . ."

„Kein Wort mehr! Ich sehe, daß alle meine Ermah­nungen und Ratschläge, die ich Dir gegeben, in ben Wind gesprochen sind. Ich erspare mir jetzt jedes wei­tere Wort, lieber das Geschäftliche können wir uns ja brieflich auseinandersetzen. Für heute — gute Nackt."

Sie neigte stolz das Haupt unb schritt in steifer, unnahbarer Haltung au3 dem Zimmer, gefolgt von Brnnhilde, die in diesem* Augenblick ihr verjüngtes Ebenbild war.

Ebrengard, die jüngste Schwester, zögerte ein wenig „Ich bliebe gern bei Dir, Hara d", fegte sie stockend. „Geh nur, Sckwester", entgegnete Harald mit Bit. terlcit in her Stimme. „Das Leben, das mch jetzt hier erwartet, ist ja auch wirklich nichts für Euch. Bleibe bei der Mutter unb suche sie versöhnlich g^gen mich zu stimmen — damit erweist Du mir den größten Dienst." 1

„Du kannst Dich auf mich verlassen, Hara d, Mama wirb nach einiger Zett gewiß einsehen, daß Tu recht hattest."

„Ich will e§ hoffen — nein, ich glaube bestimmt, es beroeifen zu können."

Die Geschwister reichten sich die Hände und Harald strich leise über das blonde Haar Ehrengards, bie ihn in vieler Beziehung an Else erinnerte. Er sah ihre Augen in feuchtem Glanze schimmern unb sagte liebe­voll:

„Weine nicht, Schwesterchen, wir werben uns in glücklicheren Zeiten Wiedersehen und bann wollen wir wieder vergnügt unb fröhlich sein."

Ebrengard warf sich in seine Arme und küßte ihn zärtlich.

„Ich wünsche Dir alles, alles Glück mein Bruder!"

Tann eilte sie davon.

Harald aber reckte sich empor und sagte mit lauter Stimme:

„Und nun an die Arbeit!"

46. Kapitel-

Die Welt ist groß — unb doch so unendlich klein in Bezug auf das Schicksal der Menschen! Ter ewige Dille, der deS Menschen Wege lenkt, kennt eben keine Zeit und keinen Raum; er schwingt sich über Tausende von Meilen, über Weltmeere unb Erdteile hinweg und weder die Wüste Sahara noch bie Schnee, unb eisbe- deckten Gipfel des Himalaya-Gebirges halten feine Wirkung auf des Menschen Schicksal auf. Und näh­mest Tu die Flügel der Morgenröte, und flögest zum äußersten Osten — siehe, er ist auch da! Und birgst du dich in die Tiefen des Meeres — auch da herrscht der ewige Wille, — das ewige Gesetz!

„Ich würde" Ihnen raten, lieber Freund, Ihre Stel­lung aufzugeben, Ihr Vermögen und sonstige Wertsachen iN Sicherheiten bringen — sie vielleicht einem sicheren Bankhause Londons ober Berlins zu überweisen — und Transvaal sobald alz möglich zu verlassen. Sie können sich denken, daß, ich in meiner jetzigen Stellung die politische Lage besser beurteilen kann, als manch anderer, und wir hier, in Berlin täuschen uns n cht darüber, daß binnen kurzer Zeit in Südafrika bie Kriegsfackel hell auflodern wird. Transvaal rechnet vielleicht auf die Hilfe fremder Mächte, namentlich auf bie des Deutschen Reiches, aber jo viel Sympathie wir

auch für das Volk der Buren empfinden, die Staat!» Vernunft zwingt uns, eS nicht mit Großbritannien zu verderben. Wir werden also in diesem Kampfe neutral bleibtn. ebenso Frankreich und Ruh.and — von Oester­reich und Italien ganz abgesehen.

Als Ihr Freund unb der Scheer Tochter rate ich Ihnen, sich dem Kriege und seinen verderb! chen Fol­gen beizeiten zu entziehen, llebermittetn Sie Edel, garb meine und der meinigen herzliche Grüße und em­pfangen Sie selbst meinen herzlichen Händedruck Ihr« alten Freundes A. HallerSmark,"

So lautete der Brief, den Theodor Frederie Lyn» ben, Direktor der Elektrizitätswerke von Johannesburg in Transvaal empfing, als bereits die ersten F nmmen des Krieges über die Drachenberge an der Grenze Transvaals unb des Lranje.Freistaales hinüberzuckten unb ihren blutigroten Schein auf die friedlichen Step, pen der beiden Durenrepubliken warfen.

Lhnden stützte die Stirn in die Hand unb blickte nachdenklich zu dem geöffneten Fenster hinaus auf die Berge unb Hügel, welche die Stadt in anmutigem Kranze umgaben. Aber wenn bis vor kurzem in diesen Bergen nur friedliche Arbeit geherrscht, so machte sich jetzt eine fieberhafte, kriegerische Tätigkeit dort geltend.

Tausende von schwarzen und braunen Arbeitern schaufelten und fchür'ten und karrten unb türmten die gewonnene Erde zu hohen Wällen auf. Auf allen Seiten Johannesburgs wurden Forts errichtet, die mit Kanonen schwersten Kalibers ausgerüstet werden soll, len.

Die Minen, tr denen man Gold und Diamanten gewonnen, standen still; bie schwarzen Minenarbeiter wurden zu militärischen Arbeiten tiertoeubet unb die Mehrzahl der Beamten — Buren, Deutsche, Franzosen, Amerikaner und Rusien —• batten die Waffen ergrif­fen, um das gute Reckt Transvaals gegen die britische Uebermackt zu verteidigen.

Das Sausen, Stampfen, Rollen urid Dröhnen der Maschinen war verstummt, dafür erfüllte Daffenlärm die aufblühende Stadt; Geschütze rasselten durch die Straßen; .die berittenen Burenkommandos sammelten sich unter ihren Feldkornets auf den freien Plätzen, und auf den breiten, sckattigen Promenaden reihten sich die schwerfälligen Ockfen- oder Maultierwazen der Buren aneinander in schier endloser Zahl.

(Fortsetzung folgt)