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47. Zahrg.

Donnerslag, 1. April 1910

Der Arbeit Lohn

23]

seit ihrer Ge­ben entlegene- klarer Winter, die Erde und

14. Kapitel.

Edelgard unternahm zum erstenmal nesung einen längeren Spcrziergeng in ren Teil de» Tiergartens. ES war rin

Entspannung der Lage im Ruhrgediet lieber die Lage im Ruhrgebiet liegen Nachrichten vor, die eine gewisse Entspannung - erkennen lassen. Verhandlungen auf Grund der weitgehenden Vollmachten, die der Staatskommissar Severing von Berlin aus mitgenommen hat, sind im Gange. Die Rote Armee ist zersplittert. Es mangelt ihr an Muni­tion und Nahrungsmitteln. Viele Haufen eilen von der Front zurück. Dabei kommt es teil­weise zu Zusammenstößen bei Beschaffung von Nah­rungsmitteln. Die Hauptgefahr scheint aber überwunden zu sein.

lieber die Streiklage ist kein klares Bild zu gewinnen. Nach einigen Meldungen ist für den Streik

Der Regierungsantritt.

Mit dec Aufnahme, die die neuen Männer und ihke Absichten in der Nationalversammlung gefunden haben, kann man zufrieden sein.

Neu ist ja nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Personen, und das Programm ist im Grunde gar nicht neu. Es bleibt bei der Koalition, die sich trotz aller inneren und äußeren Schwierigkeiten bewährt hat als Rettungsarche in der eingebrochenen Sintflut. Es bleibt bei dem demokratischen System trotz der Versuche, nach dem Scheitern der Militärdespotie eine Diktatur des Proletariats, eine Klassentyrannei herbeizuführen. Es bleibt bei dem Kampfe nach zwei Fronten, den die Wächter der Ord­nung und der Arbeit zu führen haben gegen die ra­dikalen Ruhestörer sowohl aus der Rechten wie auf der Linken.

Augenblicklich droht die größte Gefahr von links, da die KampshA>ne auf der rechten Seite durch den starken Fehlschlag des jüngsten Staats­streiches vorläufig gelähmt sind. Die Unabhängigen und ihre kommunistischen Hintermänner wurden da­gegen ermuntert und ermutigt durch den Erfolg des Generalstreiks, den sie gelegentlich zu wiederholen ge­denken, und durch die schlimmen Kämpfe im Industrie­gebiet, bei dem sie im Trüben zu fischen glaubten. Es war selbstverständlich, daß der Sprecher der Un­abhängigen auch der umgebildeten Koalitionsregierung das Vertrauen versagte. Aber er sprach in einem ge­mäßigteren Ton, als es früher bei geringen Anlässen der Fall war. Das tragt für den Augenblick zur Be­ruhigung bei; aber den gewerbsmäßigen Ruhestörern auf der Linken ist auch dann nicht zu trauen, wenn sie gelegentlich in Pantoffeln auftreten.

Zur Zeit wurzelt die Hauptsorge nicht in Berlin, sondern in der Nordwestecke des Reiches, wo eine Anarchie zu bekämpfen ist, die viel mehr Jammer und Gefahren herbeiführt, als der jüngste Putsch. Der Reichskanzler sagte, für die Niederwerfung dieser Anarchie seien die erforderlichen Maßnahmen getrof­fen, und. Männer aller Parteien hätten der Regierung mitgeteilt, daß die Sehnsucht nach der Rückkehr der verfassungsmäßigen Zustände in den betreffenden Ge­bieten von Tag zu Tag wachse. Möchte sich das nur schnell bewahrheiten und insbesondere auch in den aufgeputschten Arbeiterbataillonen die Erkenntnis durchdringen, daß die Fortsetzung des Abenteuers für niemand Nutzen bringen, aber alle schädigen würde.

Auch in den schweren Zeiten lasten wir die Hoff­nung nicht fahren. Das Echo im Lande muß lauten: Frisch an die Arbeit für gute Wahlen l

Das vergiftete politische Leben muß wieder ge­sunden. Nicht die Reaktion von rechts ist der heilende Arzt und der Bolschewismus ist nicht die Heilung brin­gende Medizin. Nur eine versöhnende Mittelpartei kann helfen.

Eine versöhnende Mittelpartei, die die Diktatur eines Standes wie den Klassenkampf der Stände untereinander bekämpft und den Geist der versöhnenden Liebe im Staate erneuern will.

| „SMne Äeigimg ju ihm ist ziemlich schnell erlo-

tofit. Ich Mill ihn nicht Wiedersehen. Ich kann diesen Rann nicht lieben, bei Dich um äußerer Verhülniffe willen aufgeben konnte."

»Urteile nicht zu schnell, liebes Kind, Wer weiß, tof wessen Seite die größte Schuld liegt. Vielleicht

«einer Seite — weil ich lein Vertrauen zu ihm Otb seiner Liebe besaß."

»An ihm war eS, sich Dein Vertrauen zu berdte. »en."

»War ich es wert? Wollte nicht auch ich um äußerer Vorteile willen eine Ehe eingehen?"

i In fassungslosem Erstaunen sah Else die greint- tiri an.

»Um äußerer Vorteile willen, Edelgard?"

»So urteilt wenigstens die Menge!" entgegnete tiefe mit bitterem Lächeln. »Was weiß die Welt von tat innerlichen Gründen, die mich bewogen, die Wer­bung Deines VatsrS anzunehmen!? Was weiß die ®elt davon, daß Dankbarkeit und wahrhaftige Hock>- ftfttung mich dazu veranlaßten? Es war mein höch­ster Wunsch, glücklich zu machen — nicht nur Deinen $ater. Else — sondern auch Dich und — ihn, den an- i taen! Ich wollte euch den Weg zum Glück ebnen' — ta Welt freilich sieht nur die Aeußerlichkeiten und — Herirrteilt mich."

Else warf sich stürmisch in ihre Arme.

8 -Edelgard, laß die Welt reden und bleibe bei uns! ®®nn werden wir alle noch gücklich werden!"

L" »Nein, meine liebe Else, es geht nicht- Ich &a6c zu f^twre Sckmld auf mich geladen — daS Urteil der Belt — die Verachtung tes Mannes, den ick liebte — Re hat mich zu dem unseligen Schritt getrieben, meu f16« Leben ein Ende machen zu wollen! Ich ioeiß lcht, daß ich wahnsinnig war, als ich jene Tat beging. Aber Ihr sollt nicht mit in meine Schuld verw.ckelt Werden. Beruhige Dich, mein liebes Kind. Wir wer- tat uns Wiedersehen, wenn wir alle gefestigt <ru9 diesem "»«bf hervor gegangen sind. Hier, lies den Brief «ei.

Vaters. Daraus wirst Du sehen, welchen Weg ich letzt einzuschlagen habe." i

K Nachdem Else das "Schreiben Lyndens gelesen, blickte

& chic Weile gedankenvoll in die Ferne,

Nr. 77

tel bedeckte, aus den Schatten einer Baumgruppe und kam rasch auf sie zu

Schon von weitem lüftete er den Hut zum höflichen Gruß. Als er näher gekommen war, reichte er ihr die Han» und sprach:

»Ich danke Ihnen, Edelgard, daß Sie gekommen sind."

ES war Harald.

STOit Unbefangenheit legte sie die Hand in di« sei. nige. Wenn sich ihre Wangen auch tiefer färbten unb ihr Herz rascher klopfte, so verlor sie doch ihre ruhige Sicherheit nicht. —

.Sie baten mich um eine letzte Unterredung," ent­gegnete sie. »Ich sagte sie Ihnen zu, denn auch ich hatte die Empfindung, als dürften wir fo nicht cu8ctt> ander gehen."

.Ich fühlte die Verpflichttmg, Sie um Verzeihung für die harten, ungerechten Worte zu bitten, die ich an jenem Ballabend zu Ihnen sprach. Und ich hoffe, Edelgard, Sie werden mir diese Verzeihung gewähren. Ich wußte ja nicht, was ich redete."

.Sie gaben nur das Urteil der Welt wieder, Ha­rald. Und ich danke Ihnen dafür, denn Sie haben mit damit den richtigen Weg gezeigt. Damals glaubte ich allerdings, unter der Wucht Ihrer Anklage zusammen­brechen zu müßen. Ich sah mich verspottet und ver­achtet — bitterste Verzweiflung ergriff mich — ich glaubte .nicht mehr leben zu können — und in einem Moment des Wahnsinns versuchte ich, meinem Leben ein Ende zu machen . . ."

»Ich habe erraten, was in Ihrer Seele vorging, Edelgard," entgegnete Harald mit leiser, scheuer Stirn, me, ohne zu wagen, ihr ins Auge zu sehen. »Und meine Schuld stieg ins Unendliche. Ich hatte nicht nur Ihr Glück zerstört, sondern auch dasjenige der Fa­milie, in welcher Sie Schutz und Schirm, Freundschaft und Siebe gefunden. Ich kam mir vor wie ein SBer» brcckwr, ein Räuber, ein Mörder . - •“

Sie lächelte.

.Sie sprechen von meinem Glück, Harald, — wuß. ten Sie nicht, daß mein Glück schon feit Jabren ge­storben ist?"

,O, Edelgard!"

(Fortsetzung folgt.)

tag; eine leichte Schneedecke verhüllte glitzerte unter den Strahlen der Sonne an den Zwei­gen der Bäume und Büsche in zarten Kristallformen. Ein lauer Südostwind strich durch daS Buschwerk und wiegte die Kronen der Bäume leicht hin unb. her, als bewegten fie sich träumend im Winterschlaf. Die strenge

ner. 3m Kreise Iserlohn hat der Aktionsausschuß Sprengmunition und Sprenggerät beschlagnahmt, e 3* Unna sind mehrere Reserveoffiziere als Geiseln ver- haftet worden. Die boischewistische Armee soll neuerdings auch Funkentelegraphenverbindung eingerichtet haben, ohre Truppenverschiebungen erleichtert besonders das gute elek­trische Bahnnetz im Industriegebiet. Der Essener Zen­tralrat hat gestern beschlossen, das Ultimatum abzulehnen und hat in Flugblättern als Protest dagegen zum ® e • neralftreitaufgeforbert. Fast in ollen Städten des Industriegebietes wurde der Streik durch Terror durch­geführt. An vielen Stellen wurden die Arbeiter bereit» mit der Waffe von der Arbeitsstelle ge­trieben und verschiedentlich zu Schanzarbeiten oder zum Eintritt in die bolschewistische Armee ge- z w u n g e n. Plünderungen, Brandschatzungen und Er­pressungen nehmen zu. Aus allen Teilen der Bevölke­rung wird dauernd Beschleunigung des Einmarsches ge­fordert, vor allem im Landkreis Recklinghausen, Lüding­hausen, Stadt Gelsenkirchen, Werne und Horst Emscher.

Das Entgegenkommen der Regierung.

Berlin, 31. März. Amtlich wird mitgeteilt: 3m Anschluß an die Besprechungen, die Dienstag nach­mittag zwischen Vertretern der gewerkschaft­lichen Organisationen und der sozialdemokratischen Partei einerseits und der Regierung anderseits statt- gesunden haben, hat die Reichsregierung auf die dort vorgetragenen Wünsche mit einem Schreiben erwidert, in dem es heißt:

Die Reichsregierung sieht nach wie vor in dem Bielefelder Abkommen eine geeignete Grund, tage für die Regelung der Verhältnisie im Ruhrgebiet. Sie hat auch ihrerseits sich an das Bielefelder Abkom- men gebunden und Truppen bisher nicht in das Fn, dustriegebiet eimnarschieren lasten. Dagegen ist von der anderen Seite, obwohl inzwischen sieben Tage ver- sloffen sind, nicht da» geringste geschehen, um bte au£ dem Bielefelder Abkommen sich erg-bendenVerpflichiut» gen zu erfüllen, im Gegenteil, Wesel ist unausgesetzt angegriffen worden. Plünderungen fyrben in zahlreichen Orten stattgefunden, erpress ertfeb e Angriffe und Bankdiktatur haben sich ereignet,. Lebens­mittel und Vieh ist toeggeiwrmen worden. Pflicht ber Regierung ist es, wie jeder Einsichtige anerkennen muß, diesen Nöten ein Ende zu machen. Dies soll auf der Grundlage des Bielefelder Abkommens geschehen. D« Durchführung ber notwendigen Maßnahmen wird, wie bereits vom Reichskanzler in der Nattonalversammlun.g mitgeteilt, unter Beteiligung von zivilen Vertrauen*. männern und in einer Form erfolgen, daß bte Bevor-

I kerung mehr als 4 8 Stunden Zeit Ijerben wirb, vcm sich aus geordnete Zustände herzustellen, so daß bte etwa notwendig werdende Anwendung von Gewalt nur noch auf Aufruhr und Verbrechen beschrankt fei»

I würde. . _ - —

Ein Hilserus aus Duisburg.

Der Reichsregierung ist auS Duisburg nach­stehendes Telegramm rugegangen:

.Die Lage in Duisburg hat sich so zugespitzt, befe die Ordnung nur durch unverzügli-veS Ein- I «reifen der Reichswehr wiederhergestellt werden I kann. Rückflutende bewaffnete Masten haben die Au». I nänge der Stadt besetzt und zwingen mit Gewalt bte Werke zum Stillstand. In der Stadt herrscht nach wie vor die Willkür einiger linf 5f ontm unt fit«. I scher Elemente. Die Hoffnung, in der Stadt beim Zusammenbruch der Roten Front mit Polizei und Ortswehr die Ordnung selbst wiederherzustellen, mutz aufgegeven werden. _

Unterschriften: ,

I Oberbürgermeister, Zentrumspartei, Sozialdem.' Partei, Demokratische Partei.

Die chrlsklichen Gewerkschaften für Waller.

Berlin, 31. März. Die heute in Essen ver­sammelten Vertreter der Hauptverwaltung und der Bezirke des Gewerkoereins christlicher 'Bergarbeiter haben der Reichsregierung ein Telegramm übersandt, worin es heißt: Die Vertreter des Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter fordern namens ihrer 100 000 Mitglieder, daß die Regierung mit aller Entschieden­heft für die Brechung der Pöbelherr­schaft und die Schaffung von Ruhe und Ord»

Berantwortlich für den redaktionellen Teil: Karl Schütte, :: für die Anzeigen: 3- Parzeller-Fulda. ::

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckere: in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adrefse: Fuldaer Zeitung

Heilige Tage und traurige Taten.

In dieser Karwoche, die dem Mitleid mit dem iei- Mtben Erlöser und der Vorbereitung zur geistigen Milauferstehung gewidmet sein soll, zeigt sich in er­weckender Deutlichkeit, wie wenig christlicher Sinn in unserem öffentlichen Leben herrscht.

Das Verhängnis will es, daß gerat« in diese Tage die Krisis fällt, die noch schärfer wirkt und noch gesähr- s,cher aussieht, wie der jüngste Konflikt in Berlin.

Das arme Vaterland, das sich soeben zur Genesung ...Micken schien, wird von einem Rückfall nach dem anderen hetmgesucht. Es tobt eine Verwirrung der guftcr wie nach dem babylonischen Turmbau. Die- * 1 * * * * & -xniacn, die den Weg zum „Himmel auf Erden" ent- Lft zu haben glaubten, schieben sich und ihre Nach- lüuser auf einen Weg, der zur Hölle aus Erden führen muß. wenn nicht vor dem Abgrund noch Halt gemacht wird.

Das Unheil wurzelt in der Enifestelung der mensch- cchen Triebe unter Ausschaltung des veredelnden Ein- ffufles von Gottesfurcht und Pflichtgefühl. Das gilt nicht „ur nach einer Seite hin, sondern gegenüber allen Richtungen und Personen, die sich zu Maßlosigkeiten und Gewalttaten hinreißen lassen.

$ Die bittere Erfahrung lehrt, daß wir nicht durch Menschenwitz und Menschenkunst zur Rettung aus der gegenwärtigen Sintflut gelangen können, sondern nur in der Arche der Religion.

Deutschland muß christlich werden, oder es wird nicht am Leben bleiben.

Die Leidenschaften steigen über alles Maß und dro- yen alle Dämme zu durchbrechen. Mit äußerer Gewalt [affen sich die Gefühle und die Fäuste von Millionen nicht bändigen. Die Beruhigung der Geister muß von innen heraus erfolgen, indem sie wieder zum Glauben en Gott und zum Respekt vor dem göttlichen Sitten- gesetz bekehrt, werden.

Man will das liebel auf die Unzufrieden­heit zurückführen. Die läßt sich menschlich erklären aus den traurigen Zuständen. Letztere sofort zu än­dern, ist aber eine blanke Unmöglichkeit. Also heißt es, sch bescheiden und zu dulden, bis allmählich eine Besse­rung eintritt. Der Ruf zur Entsagung und Geduld dringt jedoch leider nicht in die Ohren, die sich dem Ge­heimnis der Welterlösung verschloflen haben.

Die Tage der Trauer In dieser Woche predigen eßen Gläubigen in der eindringlichsten Weise, daß das steil nur durch Opfer, die Glückseligkeit nur durch Leiden zu erlangen ist. Wer den christlichen Geist des Opfermutes in sich aufgenommen hat, der wird nicht verzagen, wenn auch schwere Geschicke ihn drücken: er wird nicht wild um sich schlagen und so das Uebel in seinem wirren Wahn noch verschlimmern; er wird auch en seinem Karfreitag nicht vergeffen, daß dem Aus­dauernden ein Ostermorgen ausgehen wird.

„Lerne leiden, ohne zu klagen," das war früher ein beliebter Spruch. Die Erde ist ein Jammertal, und also muß der Erdgeborene zu leiden lernen. Das ist eine schwere Kunst. Den Christen jedoch wird sie erleich­tert durch das erhabenste Vorbild und das heiligste Gebot.

Es gilt In diesen schweren Zeiten, den Eigennutz tmb den Eigensinn hintanzusetzen gegenüber dem a l l- gernennen Wohl. Der opferwillige Gemeinsinn, die Rücksicht auf die Brüder, die werktätige Liebe — fie gedeihen auf dem Boden der Religion.

Unserem gequälten Volk könnte kein besseres Heil widerfahren, als wenn alle Deutschen einmal eine rich­tige, ernste, stille Karfreitagsfeier begingen, um Kraft Mm Leiden und Hoffnung auf selige Ostern zu ge­winnen.

Dann gab sie den Brief zurück und sprach schwer atmend:

„Ich wollte, ich könnte mir Dir gehen, Edelgard!" Diese lächelte.

„Du liebe, kleine Törin," erwiderte fie, schmeichelnd die erblühende Wange Elses streichelnd. »Was woll­test Du schüchternes Vögelchen aus dem weichen, golbe. nen Nestchen Deines Lebens in der rauhen, freien Welt da draußen? Bleibe hier bei Deinem Water, er wird Dich jetzt sehr nötig haben. Du bist verständig und klug geworben tn diesen kurzen Wochen. Du wirst seine Vertraute, seine Freundin werden und Ihr werdet zusammen von mir sprechen können, wenn ich fern von Euch bin, F,ch werde oft an Euch denken, das weißt Du. Und jeden Monat sollst Du einen Brief von mir erhalten, der auch einen Gruß für Deinen Vater enthält . . .'

„O Edelgard, gibt es denn gar kein Mittel, Dich hier in der Heimat festzuhalten? Auch Tein Vater würbe doch hier wieder eine Tätigkeit finden,"

„Es gäbe wohl ein Mittel," antwortete Edelgard, und der Blick ihrer tiefen Augen verlor sich tote träu­mend in die Ferne.

Dann aber richtete sie sich straff empor und sagte: „Wozu der unnütze Traum ..."

„Soll ich Dir dieses Mittel nennen, Edelgard?" „Du?"

„Ja, — es ist die Liebe Haralds!"

„Schweig, Else . . . bas ist vorüber . . . auf im­mer vorüber Laß mich nicht daran denken . . . geh, geh und benachrichtige Deinen Vater, daß ich bereit bin, ihn zu empfangen . . . es mutz ein Ende gemacht werden. Geh nur und sprich mir nicht mehr von einem Traum."

Traurig entfernte sich Else.

keine Neigung, nach anberen herrscht im ganzen 3n- bustriegebiet Generalstreik, der vielfach durch den Druck bewaffneter Kommunisten erzwungen ist.

Münster, 31. März. Nach Meldungen aus dem In­dustriegebiet herrscht der Generalstreik nicht in der Ge­gend von Hamm und Hagen. Die Aktionsausschüsse ent­falten überall den größten Terror. 3n Buer erschien eine Barche aus Essen mit zwöls unterschriebenen T ob es - urteilen gegen Mehrheitssozialiften und Unabhängige. Die Unionwerfe bei Dortmund wurden zwangsweise von I roten Truppen stillgelegt und die Stadwerroaltung von I Dortmund genötigt, an rote Führer 50 Auslands- I pässe auszustellen und 50 000 Mk. zu zahlen. 3n Recklinghausen erpreßten Aufrührer 40 000 Mk. In Dorsten roinbe die Sprengung einer Eisenbahn- l brücke versucht. Die „Rhein.-Westf.-Ztg." ist ihrer gro- ßen Popierooriäte beraubt worden. Sn Oberhausen, I Remscheid und Mühlheim wurden die Oberbürgermeister abgeseht. In G e l s e n-k I r ch e n ist zwar der Attions- ousschuß aufgelöst, der Generalstreik indessen noch nicht ! abgebrochen. In Düsseldors ist alles ruhig, doch ist noch feine endgültige Entspannung der Lage zu erwarten. Nach Münster sind noch keine Waffen abgelirfert worden. Aus anderen Städten werden Wassenabliefe» I rungen gemeldet, so konnte z. B. in den Vororten von Essen bereits mit der Waffenablieferung begonnen werden. 2n Elberfeld wurden bislang 20 000 Gewehre abgegeben und von der sozialdemokratischen Parteileitung in Ver­wahrung genommen. In Gelsenkirchen ist die Waffen­ablieferung noch nicht eingeteitet; die Not nimmt dort bedenklich zu, für diese Woche konnten nur zwei Pfund Brot verteilt werden. Die Gefangenen, die die Rote Armee machte, sind zum Teil entlassen worden, doch be- ! Inden sich noch in Essen 200, im Bochumer und Rcm- cheider Bezirk noch viele Gefangene in den Händen der Roten Armee. Bei dem Staalskommissar laufen Not- chreie ein, die das Einrücken des Militärs sehnsüchtig ordern.

wtb Essen, 31. März. Der Dollzugsrat in Essen Hai die Massen nicht mehr fest in der Hand. In den nord- östlichen Vororten von Essen wurde mit der Waffenabgabe begonnen.

wtb Mülheim, 31. März. Der Generalstreik dauert an. Bisher erhielten die Roten Truppen, die sich nach in der Kasern« und in der Stadt befinden, 350 000 Mk. von der Stadt.

Duisburg, 31. März. Die bei Duisburg stehenden Roten Truppen verlieren nach und nach die Lust am Srontteben, da sie die versprochene Löhnung nicht er. halten können. Sie strömen daher in großen Scharen zurück, um, wie sie sagen, erst ihr Geld zu holen- Ta es aber an den nötigen Geldern hierzu fehlt, befindet sich die Kamvfleitung in einer argen Bedrängnis. Tie Truppen werden von einer Stunde auf die andere ver. tröstet Viele von den Mannschaften haben, weil sie fein Geld bekommen können, ihre Gewehre _ als Ab­schlagszahlung genommen und sind nach Hause gegan. gen.

Die Zusammensetzung der nach Duisburg verlegten zentralen Geschäftsleitung de? Vollzu g 3. auSschusses weist jede Stunde ein anderes Blld auf! „Es ist schrecklichI", fo berichtet einer der ihr bisher angehörigen kommunistisch gesinnten Gewerk- schaftler, „jeder rafft auf eigene Faust zu. lammen, was et bekommen kann. Einer neidet dem andern den einträglicheren Posten. Sitzun. gen über Sitzungen werden abgebalten. Es werben die ttMühnsten Entschlüsse gefaßt und keiner weiß wirklich, wie die Sage ist und was geschehen soll. Damit wol­len wir nichts zu tun haben!" Tatsächlich Haven auch die meisten Kommunisten dem VollzugSrat bereits den Rücken gekehrt. Dabei stehen die Rathäuser voll von jammernden Frauen und ungeduldig wartenden Man. nern, denn die so verheißungsvoll eingerichteten Le. benSmittet-, Verkehrs-, Finanz, und Personalabteilum. gen des Vollzugsrates versagen vollständig.

rotb Münster, 31. März. Einer Verlautbarung aus militärifcher Quelle ist folgendes zu entnehmen: Bei W e- fel geringe Gefechtstätigkeit. In Gahlen und Dorsten werden Brückenköpfe gehalten. Die Linie Haltern- Lüdinghaufen-Herborn wurde kampflos erreicht. Wider­stand soll von Sen Bolschewisten erst in Herne beabsichtigt sein. Ueberall, wo die Truppen bisher durchmarschiorten, war dos Derhältnis zu allen Bevölkerungsfreisen Vorzug- sich. In Werl wurde das Gefängnis gestern rmchmittag von den Spartakisten gestürmt und 50 (Befangene in Frei­heit gesetzt. Heute ist die Stadt wieder frei vom Ceg-

Kälke der letzten Wochen war vor diesem lauen Winde entflohen; das Thermometer zeigte im Schatten kaum ein Grad unter dem Gefrierpunkt, während eS in der Sonne bereits stark taute.

Wie eine Ahnung des kommenden Frühlings ging es durch die Natur und auch Edelgard atmete auf, wie aus einem j-arr krampfartigen Schlaf mit schweren Träumen erwachend.

„Laß mich allein gehen, Else", bat sie, als diese sich ihr zur Begleitung anbot. „Ich muß allein mit mir in Gotte» freier Natur noch einmal alle meine Pläne überdenken, die Du ja kennst."

„So nimm wenigstens den Wagen," bat Else: „er kann Dir ja auf Deinem Spaziergang folgen."

„Gut, ich werde den Wagen nehmen, er mag bann zurückbleiben, wenn ich ein Stück gehen will. E» ist doch das letztemal . . ."

„Edelgard —"

„Ja, ja, Else, bas letztemal. Dein Water war trotz alledem so gütig, mir bis zu meiner vollen Wie derber, stellung ein Asyl zu gewähren; jetzt fühle ich mich ;räftig genug, meine eigenen Wege zu gehen."

„Mein armer Vater — wir sehen ihn kaum noch hier."

„Ich werde bald den Platz geräumt haben. Dann werdet Ihr zu Eurem Vater in das Ministerhotel über, siedeln und ich — ich werde bald vergessen fein."

„Niemals, Edelgard!"

Diese küßte Else sanft auf bte Stirn; bann hüllte sie sich in den toarmen Pelzmantel und ging hinunter zu dem bereits harrenden Wagen — einem bequemen, eleganten Kupee, in dem sie früher mit Else oft Besor­gungen und Besuche gemacht hatte.

Nachdem sie den weniger belebten Teil des Tier­gartens erreicht, flieg sie auS und schlug einen Fußweg ein, während der Wagen die breite Fahrstraße ver. folgte. Am „Stern" sollte der Wagen Edelgard er­warten.

Sie atmete tief auf. Den Mantel, der ihr M schwer gewordene hatte si« int Wagen zurückgelassen und nun schritt sie schnell dahin; ra'cher klopite. ibt Herz und ttire noch blassen Wangen röteten sich sanft unter dem frischen Lufthauch.

Ihre Augen blickten suchend umher. Da löst« sich fctq Gestalt eines Herrn, dessen Schultern ein Pelzman-