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Montag, 29. lUTärz 1920
Verantwortlich für den redattionellen Teil: Karl Schütte, r. für die Anzeigen: I. Parze Iler-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
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Mitglieder der Zentrumspartei!
Schwere Tage sind über unser deutsches Vaterland hereingebrochen. Vis zur Neige muß unser Dolk den Leibenskelch leeren. Mit Recht erwartet Ihr in dieser Stunde von Eurer Partei ein Wort der Aufklärung und Wegweisung. Nur die Fraktion der Deutschen Nationalversammlung kann dieses Wort für die Gesamtpartei zur Stunde sprechen. Die Ungunst der Verhältnisse niachte leider jede Tagung des Vorstandes und des Ausschusses der Reichsparter unmöglich, trotzdem dazu bereits vor Wocken eingeladen war.
Die Milüärrevolte vom 13. März war _____
ei» unverzeihliches Verbrechen am deutschen Volke, war Hochverrat schlimmster Art. Jedes Verständnisses für Dolksnot und Volksempfinden bar, ohne Rücksicht aus die wirtschaftliche und soziale Lage unseres Volkes, wurde die Verfassung durchbrochen, die rechtmäßige Regierung gewaltsam verdrängt, die eben erst beginnende Gesundung unseres Wirtschaftslebens rücksichtslos wieder vernichtet.
Und die Revolution von rechts rief die von links. Das Reich droht zu zerfallen. Unser Volk sst mitten in den Bürgerkrieg und unmittelbar vor den Abgrund getrieben.
Solche Ergebnisse hätte jeder Verständige voraus- fehen müssen. Nur reaktionärer und militaristischer Ucbermut konnte diese Zusammenhänge verkennen.
Die Zentrumspartei hat keinerlei Teil an solchem verbrecherischen Tun. Ihre in Berlin am 13. März noch anwesenden Abgeordneten haben es darum pflicht - aemäß und ohne Zögern mit aller Klarheit und Festigkeit abgelehnt. Die ZentrumsftakUon hat in allen Entwicklungsstufen der letzten Ereignisse an dieser Auffassung festgehalten und sieht sich darin eins mit der Gesamtpartei des Reiches.
Nachdem die MÄitärreoolte einmal Tatsache geworden war, blieb die Gegenwirkung von links nicht aus. Eine Arbeiterregierung, also eine einseitige Klassenregierung, wurde zum Kampfruf. Eine solche lehnt das Zentrum grundsätzlich ab. Sie würde ohne Zweifel weiter nach links zu einer Rätediktatur und über den blutigsten Bürgerkrieg wahrscheinlich zum Bolschewismus führen.
Solange noch irgend ein eHoffnung auf einen anderen Ausweg besteht, sind wir im Gewissen verpflichtet, ihn zu gehen. Darum war
Jeflhallen an der Koalition
das zunächst Gegebene. Sie hatte auf der Grundlage der Weimarer Verfassung aufbauend schon Ordnung im Innern geschaffen. Dank dieser Drbnung konnte unser Wirtschaftsleben sich wieder erholen. Sogar das Ausland zeigte ein neues Gesicht. Jetzt sind wir wieder zurückgeworfen. Die neue Erkrankung unseres Staats- und Volkskörpers zu überwinden, wstd schwerer als die erste Gesundung. Trotzdem dürfen wir nicht verzweifeln, nicht zagen und tatenlos zu- ichauen, sondern müssen handln!
Parteifreunde im Lande!
An Euch ist es nunmehr, geschlossener als je zuvor hinter die Parteileitung und die Fraktion der Deutschen Nationalversammlung zu treten. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte für die Richttgkeit un
serer bisherigen Polittk: die letzten Ereignisse haben ihn vollends erbracht. Jetzt häßt es, in demselben Geiste wie bisher die Ordnung von neuem wieder Herstellen. . , .ij...
Dann auf zur Wahlarbeit,
zum Kampfe für die Partei, die unsere Ideale io erfolgreich verteidigt, die auch in der stürmischen Gegenwart als bester und sicherster Hort gegen Klassencgois- mus und Revolution von rechts wie von links sich bewährt hat. Wir sind und bleiben die Partei der Mitte, der Ordnung, der Verfassungstreue. Wir sind und bleiben die Partei, die auch alle ihre politischen Entscheidungen trifft unter unausgesetzter Orientierung an ihren höchsten, religiös-sittlichen Idealen. In dieser christlichen Volks- pariei allein liegt unsere Rettung. Ohne sie wäre es geschehen um Deutschlands Einheit und Ordnung, geschehen auch um die Geltung unserer Weltanschauung im öffentlichen Leben.
Darum — komme, was da kommen mag ft e tj t treu zur Partei der Mitte, zum Zentrum!
Unsere Forderungen zur Lage
sind:
1. Grundsätzliche Aufrechterhaltung der Weimarer Verfassung mtt allen nur möglichen Mitteln.
2. Eine Regierung, die den Willen und die Mittel besitzt, auf dem vom Gebot der Stunde diktierten Wege verfassungsmäßige Zustände wieder herzustellen und zu sichern.
3. Die Organisation einer Wehrmacht, die verfassungstreu und verfassungssicher bis zum Opfer von Blut und Leben ist.
4. Schärfste Ahndung aller gewaltsamen Umsturz- bestrebunaen, ohne Ansehung der Person oder Partei.
5. Ablehnung und Bekämpfung jeder Klassenherrschaft.
6. Entschiedene Durchführung einer sozialen Demokratie unter Gleichberechtigung aller Stände.
Gleiches Recht für jeden Staatsbürger und jeden Dcrussftand. Demokratie in deutschem und christlichem Geiste ist das politische Ideal, für das wir leben und sterben!
Berlin, den 26. März 1920.
Die Zenlrumsfraktion der Deutschen Ralionok- verfammlung.
Der Vorstand.
Carl T r i m b o r n, Vorsitzender.
Ioh. Becker, Dr. Bell, Sitta, Dr. Brauns, Burl0!ge, Fran Dransfeld, Fehrenbach, G i e s b e r t s, Herold, Dr. Herschel, Dr. Hitze, Dr. Pet. Spahn, Stegerwald, Dr. Zehnter.
*
Das Generalsekretariat der Deutschen Zentnims- portei befindet sich Berlin W. 8, Französische Straße 6211. Zuschriften sind an diese Adresse, nicht an Personen zu richten. Geldsendungen, um welche die Parteifreunde angesichts der bevorstehenden Wahlen dringend gebeten werden, sind zu leiten an Postscheckkonto Nr. 52 320, Geh. Iustizrat Peter Itschert, Deutsche Zentrumspartei, Berlin W. 8, Französische Str. 62H.
Sie Neumnung fier Zenttmnsoarkei in Messen.
Die Parteileitung der Zentrumspartei in Kurhessen 'chreibt uns: „Die Neuwahlen finden voraussichtlich schon Ende Mai 1920 statt. Es bleibt nur eine kurze Seit der Vorbereitung. Dringend erforderlich ist es deshalb, daß alsbald, innerhalb der nächsten 11 Tage, ber Aufmarsch vorbereitet wird. Die Grundlage dafür ist der demokratische Neuaufbau der Partei, wie « in den Bestimmungen des Reichsparteitages feft- ^legt sst. Die Parteileitung für den Regierungsbezirk Kassel, die die Geschäfte bis zu den Wahlen der Partei-Ausschüsse weiterführt, hat nunmehr in Anlehnung an die Reichszentrums-Beschlüsse eine Satzung wr Zentrnmsparsei im Bezirk Kassel ausgestellt, die wir hier der Oesfentlichkeit übergeben:
Satzung
der Zentrumspartei im Bezirk Kassel.
■ -ilüitg|1iebfdba f ft. Mitfllieder können alle , *7 Jahre altem deutschen Reichsangehörigen werden, °ie sich zu den Grundsätzen der Zentrumspartei be. kennen.
Mo Mitglieder haben gleiche Rechte imb Pflichten.
2. Rechte. Die Rechte der Mitglieder werden in «n Ortsgruppen, Kreisausschüssen und Landesausschüs- fai ausgeübt.
3. Pflichten. Die Mitglieder haben die Pflicht, ach bei Reichs- und Landtagswahlen, Kreis- und Ge-- ureindewahleu und deren Vorbereitung im Sinne der Äentrumsvortei zu betätigen. Sie haben einen Seit- frag den 2 Rüark jährlich zur Parteikaffe zu leisten, der Deitrag ermäßigt sich für weitere Angehörige desselben Hausstandes auf je 20 Pfg.
, 4 Gliederung. Die Mitglieder, welche sich in den Parteilistsn eingeschrieben haben, bilden die Ortsgruppe^, sie wählen erstmals auf je 100 bei der Wahl zur Nationalversammlimg abgegebene Zentrums, ftimmim einen Obmann, Bruchteile unter 50 werden nicht gerechnet. Spätere Wahlen sind nicht nach der abgegebenen Sttmmenzahl, sondern auf Grund der einye- tchriebenen Mitgliederzaihl vorzunehmen. Das Zusam. Ntenfaffen einzelner Orte mit weniger als 50 Mitgliedern (z. B. ganzer Pfarrgemeinden) ist zulässig.
Die Obmänner eines jeden Kreises bilden den Kreis. /Ausschuß. Tie Kreisausschüsse wählen auf je 10 ihrer 'Mitglieder ein Mitglied des L-rndesmisschuffes. Der ^rndesausschuß hat seinen Sitz in Fulda. Fede Orts.^ .hrirppe, jeder Kreisausschuß und auch der Lande saus-'' lhhuß wählen einen Vorstand, bestehend auD einem Vorsitzenden und mindestens 4 Beisitzern. Feder Kreis soll durch mindestens ein Mitglied im LandeSaiSschuß 'vertreten sein, auch wenn die Stimmen zahl unter 1000 .bleibt ' i
5. Wahlen. Die GemeindewckhlM werden von kn Ortsgruppen und ihren Obmännern, die Kreiswah- len von den Kreisäusschüssen, die Reichs, und Land
tagswahlen von den Landesausschüssen behandelt, diese stellen auch die Wahlvorschläge auf. Die ersten Wahlen finden sofort nach Gründung der Ortsgruppen statt. Sämtliche Wahlen sollen nach der Berhclltniswahl erfolgen. Neuwahlen haben später nach jeder Reichs. tagswähl zu erfolgen.
6. Probinzausschuß. In den Fällen, in denen der Bezirk Kassel und der Bezirk Wiesbaden einen gemeinsamen Wahlkreis bilden, treten deren Lau- desausschüffe zu einem Provin-m'sschuß zwecks Vorbereitung der Wahlen und Ausstellung der Vorschläge zusammen. Erfolgt eine andere Einteilung des Wahl, bezirks, so treten die für diesen Wahlbezirk zuständigen Ausschüsse zu gemeinsamen Beratungen zusammen.
Die Einladungen zu den Sitzungen des Provinzcms- schusses erläßt der älteste Landesvorsitzende.
7. Sitzungen. Die Sitzungen werden für die Orte mit Otägiger, für die Kreise mit Stägtger und für den Bezirk und die Provinz mit 8tägiger Frist berufen. Fede ordnungsmäßig berufene Sitzung gilt als beschlußfähig. Alle Ausschüsse sollen mindestens einmal im Fahre zusammentreten.
8. K o st e n. Aus den Mitgliederbeiträgen werden bestritten: 1- ein Beitrag von 10 Pfg. auf jedes eingeschriebene Mitglied zur Hauptkaffe der Zentrnmspar- tei in Berlin. 2. ein Beitrag von 50 Pfg. auf jedes eingeschriebene Mitglied (bezw. 10 Pfg. auf jeden Hausstandsangehörigen) zu den Kosten des Parter- sekretärs.
Ter Rest verbleibt der Ortsgruppenkasse imb der Kreisausschußkaffe je zur Hälfte.
Erste Obliegenheit der seitherigen Parteioorsitzen- deu ist es nun, ohne Verzug in allen Gemeinden, wo solche noch nicht bestehen, Ortsgruppen eingeschriebener Mitglieder zu bilden. Der einfachste und schnellste Weg ist der, wenn mehrer- ältere erfahrene Zenirumsfreunde Listen in der Gemeinde persönlich hemmreichen und alle Zentrumswähler zum Einzeichnen veranlassen. Demnächst ist dann nach 8 4 der Satzung zu verfahren, insbesondere sind auch die Kreisaus'chuflc zu wählen. Wir bitten alsbald nach der Dahl der Kreisausschüsse die Namen der Vorsitzenden an das Sekretariat der Zentrumspartei in Fulda mitzuteilen.
Vom 1. April ab wird zur Führung der Parteige- schäste ein eigenes Sekretariat errichtet. Näheres wirb rechtzeitig noch bekannt gegeben. Durch die Früherlegung der Wahl kann aber mit dem Neubau der Partei nicht länger gewartet werben, zumal es dann dem neuen Parteisekretär nickst mögsich sein wird, in der bis Mr Wahl verbleibenden Zeit überallhin zu kommen. An alle unsere Parteifreunde in Stadt und Land richten wir deshalb die herzliche und dringMde Bstte:
Nützet die Zettl
Die neue Nerchsregierung.
Die Bildung des Kabinetts ist nach großen Schwierigkeiten im Laufe des Samstag Nachmittag endlich zustande gekommen. Diese endgüllige Zusammcnfe- tzung weicht aber von der von uns mitgeteilten vorläufigen Besetzung etwas ab.
Reichskanzler wird Hermann Müller (Soz.), der bisherige Außenminister, unter vorläufiger Beibehaltung dieses Ministeriums.
Minister des Innern und Vizekanzler: Koch (Demokrat).
Justiz: Siu nd (Demokrat).
Wirtschafteminister bleibt Robert Schmidt (S.). Abgetrennt hiervon wird ein Produktionsministerium, bas" mit Ministerialdirektor Hermes (Zentrum) besetzt wird.
Wehrminister: Dr. G e ß l e r (Demokrat).
Schatzminister: Bauer (Soz.).
Arbeitsminister bleibt Schlicke (Soz.). Postminister: G i e s b e r t s (Zentrum). Verkehrsminister: Dr. Bell (Zentrum). Finanzmimster: Wirth (Zentrum).
Minister ohne Portefeuille: Dr .David (Soz.).
Das Wiederaufbauministerium soll von den Demokraten besetzt werden. Einen Kandidaten hierfür haben sie noch nicht genannt.
Von den nachträglichen Aendemngm betrifft die bemerkenswerteste ein sehr wichtiges Ressort, für das man einen besonders hoffnungsvollen Mann gefunden zu haben glaubte. Als Nachfolger des vorläufig aus- ruhenden Erzberger sollte Geheimrat Cuno, der Leiter der Hamburg-Amerika-Linie, das Finanzministe- rium übernehmen. Man erwartete von seiner Welt- und Sachkenntnis, daß et unsere Finanzpolitik, nachdem Erzberger die dringlichsten inländischen Steuern durchgesetzt hatte, nach ber außenpolitischen Seite hin, zur Pflege der deutschen Interessen gegenüber den Siegern und aus dem Weltmärkte wirksam ausbauen werde. Er hat angeblich in letzter Stunde sich zurückgezogen, weil seine Arbeitsgenoffen in der großen Schiffahrtsgesellschaft ihn bringend um Verbleiben auf seinem Direktorposten gebeten hatten. Ausschlaggebend war aber, daß die sozialdemokratischen Gewerkschaften Einspruch gegen Geheimrat Cuno erhoben, gegen, dessen Berufung sich auch das sozial- bemokratifche Hamburger „Echo" gewandt hatte. Cuno hatte sich zur llebemahme bes Postens aber nur unter ber Bedingung bereit erklärt, baß von keiner Seite in ber Koalition Widerspruch gegen seine Berufung erfolgen würbe.
Statt bes Herrn Cuno wirb Herr Wirth, der bisherige badische Finanzminister, der ebenfalls zur Zentrumspartei gehört, das Finanzministerium überneh- men, wahrend er bisher für den weniger schwierigen Posten des Schatzministers vorgesehen war. Herr Wirth ist ein erprobter und glänzend bewährter Fi- mmzmann; bei feiner Tüchtigkeit wird er sich den weltpolitischen Weitblick gewiß zu erringen vermögen. Immerhin wäre es besser gewesen, wenn das Zentrum zwei hervorragende Finanzpolstiker in das Kabinett hätte entsenden können.
Der Sozialdemokrat Bauer, dem bisher als Trostpreis für die aufgagebene Kanzlerschaft das Ver- kehrsministermm zugedacht war, wird in das Schatzamt überfiedeln. Dadurch ist es wieder möglich geworden, daß unser Parteigenosse Dr. Bell das Verkehrsministerium bchält, was gewiß mit allgemeiner Befriedigung begrüßt wird.
Die Neubesetzung des Auswärtigen Amtes ist nicht gelungen. Man suchte einen Fachmann; aber der eine Kandidat wollte nicht und der andere sand Widerspruch. Der opferwillige Hermann Müller will nun neben der Reichskanzlerschaft auch die vorläufige Meiterführung der auswärtigen Angelegenheiten auf sich nehmen. Das Ansehen Müllers ist zweifellos sehr gestiegen durch den Beweis von Mut und Geschick bei ber Lösung ber verkackten Ministerfrage. Trotzdem bleibt ber lebhafte Wunsch, baß in das Auswärtige Amt baldigst ein Mann einziehe, ber seine ganze Kraft diesem Dienst widmet, ohne durch Präsidialgeschäste abgclenkt zu werden, imd der zugleich Erfahrung und Ansehen im diplomatischen Getriebe mitbringt.
Im übrigen bringt die Ministerliste keine besonderen Ucberraftfjungen. Sie „Gesamtdemission" des Kabinetts hatte im Grunde nur den taktischen Zweck, Herrn Schiffer den Rücktritt zu erleichtern, den die Berliner Arbeiterführer forderten. Man kann das Ergebnis Neubildung nennen oder auch Umbildung: denn es ist im Grunde die alte Regierung auf dem Boden der Koalition mit einigen Verschiebungen und Auffrischungen. Vermutlich wird auch bas Programm keine oerblüffenben Neuerungen btlben, beim bie „neue" Regierung ist ja mir dazu da, die allerdringlichsten Gesetzentwürfe noch schnell zur Erledigung zu bringen und bann bie Wahlen burchzu- führen. Die Hauptsache ist, daß die Koalition, auf ber die Ordnung und Stetigkeit beruht, nicht erschüttert worden ist weder durch den Handstreich von rechts noch durch bie Versuche der Linksrabikalen, die Lage zur Aufrichtung der Klassenherrschaft auszunutzen.
Die schwierige Verständigung mit den Gewerkschaftsführern ist vorläufig gelungen. Trotzdem ist es wohl möglich, daß die Unabhängigen in bet Nationalversammlung neuen Krach machen. Möchten wenigstens bie Rechtsparteien den Radikalen nicht weiteres Wasser auf ihre Agitationsmühlen liefern!
Wir haben jetzt schwerere Sorgen, als nur Ministerlisten und Parteireden. Die schrecklichen Wirren im Ruhrgebiet schreien nach Abhilfe. Es muß alle Kraft und Kunst eingesetzt werden, um endlich wieder im ganzen Lande Ordnung zu schaffen und die schlimmen Ansätze zur Uebcrrevolutton, die aus der Gegenrevolution entfprossen sind, wieder zu beseitigen.
Die Sitzung der Nationalversammlung findet am heutigen Montag um 10 Uhr statt. Das neue Kabinett wird sich der'Nationalversammlung vorstellen und in einer Erklärung zu den letzten Ereignissen Stellung nehmen. Nach ber Erklärung der Regierung wird eine zweistündige Pause eintreten, während welcher die Fraktionen zu der Regierungs
erklärung Stellung nehmen werben. Nach der Paus Werben dann eine Reihe kleinerer Vorlagen in erste! Lesung voraussttlich ohne Aussprache erledigt uni an bie Ausschüsse überwiesen. Zu diesen Vorlage! zählen in erster Linie die Besoldungsreform bie Vorlage betr. Alters- und Jnvalibenrenlen, bie Vorlage betr. bie Fürsorge für Kriegsbe schädigte und Kriegshinterbliebene und der Notetat. Nach Erledigung dieser Vorlagen wird dann bie Aussprache über die Regierungser llärung und über die allgemeine politische Lage beginnen. Vom Zentrum wird ber Abg. Bolz sprechen. Die Verhandlungen werden sich voraus- sichklick bis einschließlich Mittwoch hinziehen. Dann wird die Osterpausr eintreten und am 14. April wirb die Nationalversammlung ihr Arbeiten wieder aufnehmen.
Das neue preußische Kabinett.
Gleichzeitig mit ber Lösung ber Kabinettskrisis im Reich ist auch die Neubilbung ber Regierung in Preußen erfolgt. Die Mitglieber des Zentrums und ber Demokratischen Partei werben voraussichtlich in ihren Aemtern bleiben. Der sozialdemokratische Minister- präfibent Hirsch tritt zurück. An seiner Stelle übernimmt ber Führer der sozialdemokratischen Landtags- fraktion Graes das Ministerpräsidium. Die Sozialdemokraten haben auch den Minister des Innern Heine abberufen, für den der bisherige Reichskommissar in Rheinland-Westfalen Severing das Amt übernimmt. Endlich verschwindet der Finanzmimster Dr. Südekum, für den der Abg. Lüdemann einfpringt. Die übrigen Minister bleiben, also die beiden Zen- trumsver'treter Wohlfahrtsmimster Stegerwald und Iustizminister Dr. Am Zehnho f f, die Sozialdemokraten Kultusminister H ä n i f ch, Landwirt- fchaftsminister Braun, die Demokraten Handelsmini- fter Fischbeck und Eisenbahnminister O e f e r.
Massenversammlungen in Berlin.
Am «estrigen ersten Sonntag nach Abbruch des Generalstreiks fanden zahlreiche Versammlungen in Berlin statt, in denen man sich meist mit dem Kapp- Putsch und seinen Folgeerscheinungen beschäftigte. Die Unabhängigen hielten 29 große öffentlich eVersammlun gen ab, in denen Crispien, Brenscheid, Dr. Cohn, Säumig, Eichhorn, Adolf Hoffmann, Ledebour und viele andere sprachen. Alle lehnten jede Zusammenarbeit mit der neuen Koalittonsregierung ab. Die Unabhängigen könnten nur dann Vertreter in das Kabinett entsenden, wenn ihrer Partei in einer reinen Arbeiterregie, rung das Uebergewicht zugesichert werde. Die Zentralstelle für die Einigung der Sozialdemokratie veranstaltete im Zirkus Busch eine große Propaganda- Versammlung, die recht stürmisch verlief. Die Redner, von denen Eduard Bernstein, Ströbel und Kautsky genannt seien, wurden vielfach durch lärmende Zwischenrufe unterbrochen, und der Lärm artete zum Tumult aus, als sich das Gerücht verbreitete, daß die Sicher, heitspolizei mit 4 Maschinengewehren angerückt sei. Die Erregung legte sich erst wieder, nachdem die Polizei zurückgezogen war. Die Versammlung löste sich schließlich ergebnislos auf.
Eine Erklärung Ludendorffs.
General Ludendorff Hut durch Rechtsanwalt Dr. Alsberg eine Erklärung an den beim Reichsgericht bestellten Untersuchungsrichter, Reichsgerichnsrat Oehl- schläger, richten lassen, in der er sein Verhältnis zu der Regierung Kapp und den Vorgängen im einzel- neu darlegt. ' In dieser Erklärung werden die gegen ihn in der Oeffentlichkeit erhobenen Borwürfe als un- richtig zurückgewiesen. General Ludendorff bat sich dem vom ‘ Reichgssricht bestellten Nrf.ersuchunWrichter zu jeder von ihm gewünschten Aufklärung zur Verfügung gestellt und zugleich erklärt, daß er in die Klarstellung der Angelegenheit durch Erwiderungen auf Preffe-Aw griffe seinerseits nicht eingreifen werde.
Die Wirkung in England und Frankreich.
Fm Unterhau.se kam zuerst Asquith daraus zu in der französischen Kammer von der neu geschaffenen Sage in Deutschland die Rede,
Um Unterhause kam zuerst ASquith baraitf zu sprechen, der im attgenwinen auf die Not in Mitteleuropa hiiiwies und seine Rede in der Erkenntnis gip-' feln ließ, das; es notwendig sei, den vormaligen Feinden, Deutschland inbegriffen, wirtschaftlich auf die Beine zu helfen, damit sie in der Sage seien, den Kriegsschaden zu vergüten. Der Arbeiterführer C l h- ne s stimmte Asquith bei. Die reaktionäre Bewegung in Deutschland habe, sagte er, beit Beweis geliefert, wie gefährlich es sei, ein ganges Volk ohne die notwendigen Lebensbedürfnisse zu lassen. Lloyd Ge. o r g e ging auf diese Reden ein und bezeichnete es zunächst als ein Glück, und zwar nicht allein für Deutschland!, daß der monarchirsrische Puffch mißglückt fei. Keine Hilfe der Entente werde indessen eine Wirkung haben, solange nicht Ruhe und Ordnung in Deutschland herrschen. Er schloß sich der Meimmg Asquiths cm, daß es im Interesse der ganzen Welt liege, der deutschen Industrie wieder, anizrOelfenl und Deutschüamd solle nur angeben, wieviel Kredite es nötig habe Alle gerechten Vorschläge Deuffchlcmds würden erwogen werden.
In der französischen Karnnver haitie hwuvtsärbilich Bart Hou Anklagen erhoben, die darauf hinauslio- sen, daß England durch die Zerstörung der deutschen Flotte seine Sicherheit erlangt habe, während von einer Entwaffmmg der deutschen Armee keine Rede sei. Eine Revision des Friedens, wie sie vielfach in England verlangt werde, würde nur auf Kosten von Frankreich und mir zum Nutzen von Deutschland erfolgen. Wäh. rend eines ganzen Jahres habe Älovd George den Nutzen für seine Polittk und für die Wahlen gezogen, und jetzt ziehe er aus den Zugeständnissen, die er zugunsten Deutschlands machen wolle, ebenfalls Nutzen, und Frankreich sei es, das allen Verwünschungen und der Revanche ausgesetzt sei. Frankreich müsse mit seinem Alliierten handeln, aber wenn diese nicht mitgehen wollten, auch ohne sie. Ministerpräsident Mille- r an b antwortete auf die Hetzrede Barthous mA einer Klampsrede, die ums eine schonungslose Zivangsvollst stveckung aller Friedensbedingnngen amkündigt und erkennen läßt, daß die unversöhnlichen Franzosen glcm- ben, sie könnten nach der Berliner Milttärrevolte wiel- benrm Llohd George in die Geleise ihrer Haß- und VernickstungSpolitik zurückbringen. Millerand sagte: Die Alliierten seien weit davon entfernt, auf irgend eines ihrer Rechte zu verzichten, die ihnen nach dem Friedensvertrag zisstehen. Die Kohlenlieferungen feien nicht erfolgt, weiter habe Deutschland sich den Der. pflichttrngen bezüglich seiner Entwaffnung entzogen- Deutschland Ijabe nichts unternommen, um seine be-