Verantwortlich für den redatrionellen Teil: Karl Schütte, n für die Anzeigen: J. Parze Iler-Fulda. ~ Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung
Freitag, 26. HTörz 1920.
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47. Zahrg
Nr. 72.
Der Arbeit Lohn.,
21j
13. Kapitel.
Der neue Handelsminister saß in feinem Arbeitszimmer in einen Stoß von Men vergraben. Die nickt aufzuschiebende Arbeit, die mannigfachen Pflichten fei. ues neuen, verantwortungsvollen Amtes hatten ihm geholfen, über den unglücklichen Vorfall an seinem Verf- htbnngsfeste Hinwegzukommen.
Am Tage nach diesem so tragisch zu Ende gegangenen Feste verließ er die Villa, itm in das Handelsministerium überzusiedeln. Dann hielt ihn eine dringende Amtsreese einige Tags von Berlin fern; nach feiner Rückkehr erwartete ihn eine solche Menge Geschäfte, daß er kaum Zeit fand, in der Billa vorzusprechen und sich nach dem Befinden Edelgards zu erkundigen.
Sie bedurfte noch immer der größten Schonung, Die Verletzung an sich war ja nicht lebensgefährlich, ober es war ein Nervenfieber hinnigrtretrn, welch s die durch den Blutverlust ohnehin Geschwächte an den Rand des Grabes brachte. Else pflegte die ErkranRe, ’-m Verein mit einer Diakonissin in aufopferndster Weise.
Der Minister mußte sich darauf beschränken, sich täglich mehrere Male über den Zustand der Kwnken Bericht erstaiten zu laßen. Am heutigen Morgen hatte er günstigere Nachrichten erhalten und so vertiefte er sich freier aufatmend in seine Arbeit.
Doch lange sollte er nicht ungestört bleiben.
Nach einer Weile trat der Diener ein und über- srichte ihm auf silberner Platte eine Karte.
Seine Schwester Amalie wünschte ihn zu sprechen.
„Ich lasse bitten," sagte der Minister und erhob sich rvn seinem Schreibtisch, während über seine Stirn ein Schatten des Unmutes mische. Er wuß!e, Amalie wüude ihm doch nur wieder mit Klagen und Varwürfen kommen."
Tante Amalie rauschte herein und reichte ihrem Bruder die Hand.
„Nimm Platz, - bitte," sagte dieser, auf einen der Sessel weisend, Helcke den großen, runden Sofatisch umstanden. „$*5 führt Dich zu mir? Hoffentlich ist keine VerschlimmMM in ton Befinden Edelgards eingetreten?" - — *
Versäumnisse.
Sn der STerfeifcifung der verfassungsmäßigen Ord- iöiig gegen den Umsturz von rechts und links darf man nicht die Augen verschließen vor der Tatsache, daß sich viel Unzusriedrnhnt angehäust hatte, weil die Regierung nicht vollauf verstanden hatte, den Bedürfnissen der Zeit gerecht zu werden. Wir denken da weniger an rein politische Brrsäumnisse, wir meinen aber, daß die Regierung in wirtschaftlichen Fragen nicht mit der nötigen Entschiedenheit vorgegangen ist. Die wirtschaftliche Rot ist es, die auch der politisch nicht interessierte Volksgenosse am eigenen Leibe spürt. Ob die Reichstagswahlen nn Ium oder im Oktober ftaft- finden, ob der Reichspräsident vorn gesamten Volke oder von der VolksmertremnZ gewählt wird, das regt den einfachen Mann gar nicht so auf, wie manche Po- siliker das glauben machen wollen, aber wenn er sich für den verschlissenen Rock keinen neuen anschasfen kann, wenn er kein Helles Hemd mehr am Leibe hat, wenn eine einzige Schuh reparetur ihn drei- und viermal so ofef kostet wie früher em Paar neue Schuhe, dann wird er wild. Mr wollen uns unter keinen Üm- ständen zu Eideshelfern des agitatorischen Geschwätzes machen und behaupten, irgend eine Regierung hätte lediglich mit „Maßnahmen", unsere Wirtschaft in normale Bahnen bringen können. Wir leben wirtschaftlich in der Weltrevolution und obendrein wird Deutschland von dm Feinden ausgesogen, daß ihm bald die völlige Blutteere droht. Die ganze Welt muß erst wieder arbeiten, Deutschland mehr als alle andern Völker, es muffen landwirtschaftliche und Rohprodukte erzeugt werden, bevor auch nur annähernd in bie alten Bahnen cmaelenkt werden kann. Keine Regierung, welcher Art sie auch sei, kann aus dem verödeten Deutschland e.n xaradisisches machen. Aber ein anderes hätte die Regierung tun müssen: rücksichtsloser gegen Schieber und Wucherer vorgehen. Ein Ausnahmegesetz gegen Wucherer und Schieber und Kapitalflüchtige hätte bin enthusiastischen Beifall des ganzen Volkes gefunden. Schieberei, Wucherei in allen Formen, Kapitalflucht hätte man als landesverräterische Handlungen brandmarken sollen; schon der Versuch zu solcher Gesetzgebung hätte beruhigend gewirkt und der Regierung Steine ins Brett verschafft.
Und noch eins. Dos deutsche Volk will m allen seinen Parteien und Richtungen — einschließlich der großen Mehrheit der jüdischen Mitbürger — nichts von den fast hunderttausend aus den russischen Rondlän- dern zu uns eingewanderten Ostjuden wisien, die Deutschland überschwemmt haben und bie deutsche Rot vermehren. Diese Ostjuden sind keine Arbeiter, die im Bergwerk, in der Landw'rtschaft, im Gewerbe, im per* sölllichen Dienst usw. verwendet werden könnten, fon- bern sie sind Vermehrer der ohnedies als Lost empfundenen Händlerkaste, sie hegen mit bei zu der allgemeinen 'Verteuerung der notwendigsten Nahrungsmittel und Gebrauchrßegerstär de und verschlimmern so die allgemeine wirtschaftliche Lage. Diese Feststellunz soll nicht anlisemittsch remünzt sein; denn die Kasttz der Wucherer, Ausbeuter, Schieber ist international und übersteigt alle Schrecken des religiösen Bekennt- nifles und völkischer Abgrenzung. Aber es ist klar, daß wenn eine solche Menge Ostjuden, die ihrem Be- tuf nach Händler sind, in Deutschland einfallen, sie eine natürliche Verstärkung jenes Händlergelstes bringen muffen, unter dem die ganze wirtschaftliche Welt zu leiden hat. Daß sie uns außerdem unsere kargen Vorräte aufzehren helfen, sei nur nebenher erwähnt. Der nicht Deutscher ist, soll in dieser Zeit der Rot Deutschland verloffen.
Es ist Tatsache, daß die Schwäche der Reichsregierung in der Bekämpfung des Wuchers, der Aussaugung des Volkes und der Unordnung jeder Art, wo Einigkeit bis in die äußerste Linke geherrscht hätte, viel Unmut erzeugt hat. Kapp und Genossen wollten sich diesen Unmut zu nutze machen, haben aber
selbst unser wirtschaft!. Elend erst bodenlos gemacht. Was ihr Streich in dieser Beziehung dem deutschen Reich geschadet hat, gebt in viele, viele Milliarden und ist noch gar nicht abzust hen. Allein die Schäden, die in finanzieller Hinsicht durch die Berliner Ereigniffe im Reich angerichtet sind, werden in den ersten Schätzungen auf etwa 20 Milliarden berechnet. Dazu kommen die Schäden politischer Natur, die auch wieder wirtschafttiche und finanzielle Rückwirkungen schwerster Art haben. Da gerade die Industriezentren von den Wirren ergriffen wurden, wird das Wirtschaftsleben wieder unsäglich niedergi morsen. Die Leute, die mit ihrem Maule das kranke und „korrupte" Deutschland „kurieren" wollten, kurierten es in einigen Tagen beinahe zu Tode. Warum das so kommen mußte, legt der Herausgeber der ,Südd. Konferv. Korr." Adam Röder dar, wenn er schreibt:
Die Herren Kapp unb Genossen wußten nichts von einem westlichen Deutschland, in dem Millionen von 9rbeitern e8 in der Hand haben, alles lahm zu legen, sie wußten nichts von einer Beamtenschaft, die es in der Hand hat, die Negierungsmafchine in Gang zu halten ober nicht, sie wußten nichts v»n einem Bürgertum, das Ruhe haben will unk Ordnung, sie waren noch nicht einmal der 10 000 Landsknechte sicher, die sie zur Revolution und zum Einbruch überredeten. In ihrer Auffassung spukte der Satz ost- elbischer Staatsweisheit vom „Leutnant mit den 10 Mann," der ken Reichstag zum Teufel sagt. Mit einem rohen Gewalt streich sollte Deutschland „geret'et" i Der beit. Mit Husarenritten und Handstreichen glaubte man Politik treiben zu können. Die Herren wissen nicht, daß es in Deutschland 13 Millionen sozialdemokratische (stimmen gibt, die man doch nicht aus der Welf schaffen kann, ohne die Millionen anberer Arbeiterstimmen, die sich jeder Gewaltpolitik widersetzen- Selbst wenn die neue Revolution gelungen wäre, b;e Herrschaft hätte doch nicht länger als ein paar Monate gedauert, kenn die Massen hätten sich allmählich zum bewaffneten Widerstand organisiert und dos Ende herbeigeführt. Wahrlich: selten ist so viel Dummheit und Geistlosigkeit beisammen gewesen.
Und die Folgen! Tausende sind tot, diele Tan- sende verwundet. Neues großes L id und Elend ist über die deutsche Welt gebracht woiden. Ein schrecklicher Bürgerkrieg ist entfesselt. Tas Ausland triumphiert; die Franzosen erheben aufs neue ihre Forderung der Zertrümmerung Deutschlands. Noch wissen wir nicht, wie die Entwicklung der nächsten Dinge 'ein wird. In Rußland stedt eine bolschewistische Armee von 600000 Mann, um einziffchreiten, wenn es dem Bolschewismus in Deutschland gelingt, Fuß zu fassen. An allen Ecken in Deutschland erhebt der Bol'chewismus sein Haupt; in Thüringen baute man Barrikaden; durch das Industriegebiet wälzt sich der blutige Aufruhr. Teu Her,en Kapp und Genossen ist eS glücklich gelungen, die bolschewistische Gefahr, die durch die Koalitionsregie'ung gebannt war, wieder zu neuem Leben zu erwecken.
Das sollte man aus dem Verbrechen der Kapp und Genössen doch allerwärts gelernt baden, daß mit der Gewalt-Poli tik nun endlich gebrochen werden muß. Wir bra"chen geistige und siifiiche Mächte, wie sie uns das Christentum zeigt. Diese ober können nur in die Herzen kommen durch Erziehung des ganzen Volkes zur Anerkennung der göttlichen Autorität, auf der die menschliche sich auibaut. Wir müssen wieder das Gehorchen „um des Gewisiens willen" lernen, das Weho chen „um der Gewalt willen" schafft, wie alle Revolutionen und Gegenrevolutionen gezeigt haben, das furchtbarste Elend. Die göttliche Welt- ordnung läßt sich nicht ungestraft verletzen.
Sie Umbildung der Neichsregierung.
Die Verhandlungen über die Umbildung des Kabinetts, die bereits vor dem Abschluß zu stehen schienen, haben eine Hemmung erfahren. Die am Gene
ralstreik beteiligt gewesenen Arbeiter- und Angestellten- Organisationen, denen durch die sog. 9 Punkte ein großer Einfluß auf die Neubildung der Regierung e'mge- räumt wurde, haben Einspruch gegen einzelne Mnister- kandidaten erhoben, vor allem gegen den Vizekanzler Schiffer, weil er, in den Tagen der Kapp-Rebellion in Verhandlungen mit den Aufrührern diesen zu sehr entgegengekommen sei.
Nicht ohne Mühe war es dem Reichskanzler Bauer gelungen, für den Posten eines Reichsfinonzministers den Ärektor der Hamburg-Amerika-Linie Cuno zu gewinnen, der ihm vom Zentrum vorgeschlagen worden war. Herr Cuno hat früher der Deutschen Voiks- partei angehört. Das Verhalten der Deutschen Volkspartei gegenüber Herrn Kapp hat zu feinem Austritt aus dieser Gruppe geführt; er, bekennt sich jetzt zum Zentrum. In der Gewerkschaftskonferem hat man an ihm deinen Anstoß genommen . Die Gewerkschaften sind auch damit einverstanden, daß Schlicke (Soz.» Arbei'smmister bleibt und daß Geßler (Dem.) die Nachfolge Noskes antrilt. Für das Reichsschatzministerium war der württembergische Iusfizminister Bolz (Ztr.) in Aussicht genommen. Er hat abgelehnt. Nun .soll fein Parteifreund, der badische Finanzmitnister Dr. Wirth an die Stelle treten, an der vorher der Abg. Dr. Dleyer-Kaufbeuren stand. Wer Wiederaufbauminister wird, ist immer noch unen'ftfffeben. Nach einer Wolffmeldung ■ ist der Mehrheitssozialist L ü d e m atm für diesen Posten ausersehen.
Die Skafmfofgang der Lappleuke.
Reichsjustizminister Di. Schiffer hat dem Reichsrate einen Gesetzentwurf vorgelegt betr. bie Aburteilung der mit dem hochverräterischen Unternehmen vom März 1920 zusammenltangenden Straftaten. Nach § 1 des Gesetzes steht der Aburteilung dieser Straftaten auch, soweit es sich um der Militärgerichtsbarkeit unterstellte Personen handelt, ausschließlich den ordentlichen bürgerkichen Gerichten zu. Die Zuständigkeit der bürgerlichen Gerichte regelt sich nach dem Ge- richtsoerkassungsgesetz. Soweit sich aus diesem Gesetz wegen der besonderen Strafandrohungen des Militärstrafgesetzbuches die Zuständigkeit eines bürgerltchen Gerichts nicht ergibt, tollen die Strafkammern zuftünd'g sein.
Eine Erklärung /Amerikas.
Herr Dr essel, der G^eralbevollmacktiate der Vereinigten Staaten in Berlin, hat dem Reichsminister des Aeußern Müller eine Erklärung seiner Regierung übermittelt, in der es heißt:
Die Regieruni der Bereinigten Staaten hat mit Befriedigung feststellen können, daß da« deutsche Volk die deutsche Re ierunq in ihrem erfolare ichen Widerstand gegen die Ungesetzlichkeit unterstützt und hofft nunmehr, daß die Anstrengungen, die Demokratie aufrechtzuerhalten und.die Ruhe und Ordunug zu sichern, in gleicher Weise Erfol, haben werden. Die Re ierunr der Vereinigten Staaten vertraue auf eine von gesundem Sinne geleitete Wieder, aufnahme der Arbeit und des Handels in Deutschland. Einen Umsturz würde sie auf» tiefste bedauern. Die für den Rutbau notwendige Aufnahme der Handels» beziebun en würde dadurch sehr erschwert, wenn nicht vorläufig unmö lich gemacht.
Der Bielefelder Vertrag
wird von dem von der Hagener Veitrrtung einge- sitzten Aktionsausschutz der drei sozialistischen Parteien anerkannt. Die bewaffnete Arbeiter chatt aber kümmert sich nicht um ihn und die Ro>e Armee setzt unbekümmert den Kampf fort Tas ,Ru rechiss, das Organ de: Unabhängigen, schreibt unter der U-berschrift „Es gibt kein Zurück!"
„ES gibt kein Mittelding zwischen der Reaktion und der Alleinherrschaft der Arbeiterklasse. Nur wenn die Arbeiterklasse in ganz Deutschland in Waffen steht sind wir vor einer Wiederkehr der Neaktton gesichert. Wenn sich die Arbeiterschaft durch die Versprechungen einer rein sozialisiischen noch so links gerichteten Regierung verführen ließe, die Waffen aus der Hand zu legen, so
würde diese Regierung nach kurzer Zeit, um sich halten zu können, gegen die Arbeiterschaft Vorgehen müssen. Sie würde dabei keine andere Stütze als die Reaktion finden, das alte Spiel loürde von neuem beginnen."
Die «lauer dec Meyryettssoztaltilen in Essen und Dortmund, die sich für eine friedliche Lötung der Krise auSsprecheu, sind von den Gewalthaber» unterdrückt worden.
Die Kämpfe im Ruhrgebiet.
Die DLeldungen von der Einnahme Wesels durch rote Truppen bestätigen sich nicht; doch wird die Festung von schwerer Artillerie beschossen, so daß die Lage tav- sächlich gefährdet erschetttt. Adan glaubt sich in die Zetten der Stellungskämpfe an den Fronten versetzt, wenn man sich über Dinslaken hinaus der Umgebung von Wesel nähert. Heftiges Maschinen, gewehrgekiiatter dringt über das Gelände, ab und zu unterbrochen von den dumpfen Einschlägen schlvcrer Minen und dem scharfen, reißenden Krach explodierender Granaten. Gekämpft wird mit großer Erbitterung. Die Gegner liegen in Schützengräben gegenüber, und ab und zil schweben über ihnen die weißen Wölkchen von Schrapnells, die besonders die Reichswehr verwendet. Diese hat einen starken Rückhalt an . der Festung We. sel, die noch über einen großen. Vorrat an Munition verfügt. Tie Arbeiter HÄen die Bahnlinie, die bet Recklinghausen nach Münster abbiegt, bei Dorsten gesprengt. Gewonnen haben sie damit vorläufig aber noch nichts, denn es ist noch reichlich Munition in der Zitadelle vorhanden. Wesel liegt gut geschützt zwischen der Lippe und dem Rhein, und deshalb können die Arbeiter nur von zwei Seiten angreifen. Ihnen lag vor allem daran, über die Lippe zu kommen; dieses ist ihnen, wenn auch unter recht schweren Verlusten, bei ihrem rechten Flügel gelungen. Ohne weitere Verluste zogen fick die Reichswehrttuppen bis zum Truppenübungsplatz Friedrichsfelde zurück, der vortreffliches Verteidigungsgelände bietet und ebenso, wie aus der andern Seite des Glacis der Festung glatt wie eine Tafel ist. Wenn die Kommunisten versuchen wollen, hier weiter vorzudringen, so wird dieses viel, viel Blut kosten.
Die Führung der Roten Armee liegt, wie bereits gemeldet, in der Hand des Roten Soldaten- bundes, der von einer Beendigung der Kämpfe nichts wissen will und bereits offen der Hoffnung Ausdruck gibt, daß die Siege der Roten Armee im Industrie, gebiet das Signal "zu einer bewaffneten Erhebung der gesamten revolutionären Arbeiterschaft, im ganzen Reiche wenden wird. Die Bewegung ist damit ins rein kommunistische Fahrwasser g e- glitten unb es ist zu hoffen, daß, wenn diese Tar- sache erst der gesamten Arbeiterschaft mit voller Deutlichkeit zum Bewußtsein gebracht wird, dann das wahn, witzige Unternehmen rasch von innen heraus zusam- menbrechen wird. Tenn noch befindet sich ein Teil der Arbeiterschaft in dem Irrglauben, daß der Kmnvf lediglich der Reaktion gelte, während er sich in Wirklich, leit heute gegen die Regierung und Verfassung richtet und die Aufrichtung einer neuen Räteherrfchaft zum Ziel hat. Daß wirklich ordnungsliebende und aitf dem Boden der Demokratie stehende Elemente nicht allzu zahlreich unter der Roten Armee vertreten sind, dafür spricht die Tatsache, daß in den Bergwerken und Betrieben feit Anfang dieser Woche noch nicht einmal 2 Prozent der Belegschaft bei der Arbeit fehlen. Das Gros der Roten Armee bilden vor allem Jugendliche, Ten Rest bildet die Gefolgschaft der Kommunisten und Unabhängigen. Aber auch unter dsisen überwiesen die Altersklassen zwischen 18 und 22 Jahren. Reifere Männer sieht man nur vereinzelt herunter. Tie roten Truppen erhalten noch immer Z u g u g ans dem ganzen Rubrrevier. Ihre Bewaffnung iff, out. Sie verfügen über eine Unmenge GewehreMaschinengewehre, Minenwerfer und zahlreiche Geschähe der verschiedensten Kaliber von der Revolverkanone bis zum ISZenttmeter-Gelckütz Organisation und Führung d'-^ ser Armee sind überraschend gut. Ihre Artillerie^ ist geschickt postiert und schießt mit erstaunlicher Präzision So ivar es ihr bereits am Donnerstag gelungen, das Elektrizitätswerk in Wesel durch einige gntgezielte Schüsse außer Aktton zu setzen, so daß die Stadt seik- dem ohne Kraft und Licht ist. Auch die Infanterie der Roten Armee schießt vorzüglich.
Die Führung baben meist ehemalige Unteroffiziere, F^dwebel und Offizierstvllverw-ter. A^'ck einzelne Offiziere befinden sich in den höheren Stäben.
„Durchaus nicht, Fräulein Lynden befindet sich im Gegenteil auf dem Wege der SBefferung."
Tante Amalie vermied es absichtlich, die Verlobt? ihres Bruders beim Vornanren zu nennen.
Der Minister runzelte die Stirn.
"Also — was ist es?" fragte er mit leichter Unge.
bu$b. „Du siehst, ich stecke mitten in der Arbeit."
»Ja, ich sehe e3 und es tut mir leid, daß ich Dich stören mutz. Wer ich halte es für meine Pflicht, in einer Angelegenheit Klarheit zu fchassen, welche Dich und unsere ganze Familie betrifft"
„Was ist das für eine Angelegenheit?"
„Nun, Deine Verlobung mit Fräulein Lynden."
denke, daß da keinerlei Unklarheit herrscht."
„Da bin ich anderer Meinimg. So lange Fräulein Lynden noch in Lebensgefahr schwebte, mochte ich b:<fe Angelegenheit nicht zur Sprache bringen. Jetzt muß ich dies jedoch unbedingt tun. Die ganze S adi spracht ja davon und nur Deiner Stellung als Minister ist es zu danken, daß sich die Zeitungen derselben wxh nicht bemächtigt haben."
„Das glaube ich schon, daß die Dadt — oder wenigstens die Gesellschaft von meiner Verlobung spricht."
„Nicht davon — sondern von dem Selbstmordversuch Fräulein Lyndens!"
„Amalie l Ich muß Dich bringenb bitten, solchen törichten Gerüchten keinen Glauben zu schenken!"
„Und ich muß Dich dringend bitten, Arnold, mich einmal ruhig anzuhören. So lange keine gravierenden Umstände aus dem Leben Fräulein Lyndens bekannt waren, loimte ick zu Deiner Verlobung schweigen. Jetzt aber, wo ich erfahren hebe, daß Fräulein Lynden mit Herrn v. Fredersdorfs verlobt gewesen ist und daß fie an einem Abend mit diesem Herrn eine erregte Unterredung hatte, nach der fie den Selbstmordversuch unternahm — jetzt muß ich sprechen, Arnold!"
„Du siehst Gespenster, Amelie! Daß Edelgard mit FrederSdorsf verlobt gewesen ist, wußte ich schon feit Jahren. Auch daß FrederSdorsf zurücktrat, als Edel- gatbe Vater fein Vermögen verlor, wußte ich. Auf meine Braut selbst fällt hierbei nicht der leiseste Schein eine? Vorwurfes. Daß sie mit FrederSdorsf eine Aus. spräche suchte, als sie ihn in meinem Haufe und sogar als Bewerber um Else« Sand wieder txaff daS finde . ich m« natürlich - ' % -
Berliners:
16. März.
Tageduchblötter auS GeneralsireiksLage«.
Aus dem Tagebuch eines ab- und emge perrten
„Zugegeben. Aber wie erklärst Tn diesen SeDL Mordversuch?"
„Woher willst Tu wissen, daß der unglückliche Vorfall ein solcher war?"
»Ich schließe es aus allen begleitenden Umständen- Man fallt nicht durch Zufall mit der Pulsader in ein scharfes Messer, welches auf dem Schreibtisch lieg! Deo: Professor hat mir auch im Vertrauen versichert, daß er einen Zufall für gänzlich ausgeschlossen halte. Er sagt, der Schnitt im Handgelenk fei mit rascher, fester Hand zugeführt worden; wenn sie durch Zufall mit dem Arm auf das Messer gefallen wäre, könne der Schnitt nicht so glatt und regelmäßig fein. Alle Welt nimmt an, daß Fräulein Lynden versucht hat, sich zu täten —*
„Was kümmert Dich der K'atsch der Welt?"
„Arnold sei vernünftig. Bedenke, daß Du gerade in Deiner Stellung als Minister die größsi Rücksicht auf die Welt und die Gesellschaft zu nehmen hast. Deine Gattin muß vollkommen tadellos dastehen!"
„Was kannst Tu Edelgard vorwerfen?"
„Ick gebe zu, daß sie sich in unserem Hause durchaus korrekt und tadellos benommen hat. Außer tiefem un. überlegten Selbstmordversuch ist ihr etwas Tatsächliches wohl kaum vorzuwerfen. Aber, Arnckld. daß dieser Versuch unternommen wurde, nachdem sie eine erregte Unterredung mit ihrem früheren Verlobten gehabt, läßt doch darauf schließen, daß sie mit jenem früheren Ben. hältniS — ich will sagen innerlich — noch nicht abgeschlossen hat. Tie Welt sagt, sie habe eS auch äußerlich noch nicht getan; sie fei erzürnt darüber gewesen, daß Fredersdorff sich um unsere Else bemüht. . ."
.Welch elend-s Geschwätz!" "
„ES mag Geschwätz fein, lieber Arnold. Aber eS besteht nun einmal und Du hast lange genug in der Welt gelebt, inx die Macht eine» solchen Geschwätzes zu kennen."
„Man muß es verachten, dann verliert es leine Macht."
.Und wenn diese» Gesckwäh zu den Ohren «enter Majestät kommt? Wenn sich Deine Feinde dieses _®e. rüchteS bemächtigen — wenn man öffentlich mit bäms. scher, Worten darauf hinweist — wirst Du auch dann noch die Macht dieses Geschwätzes verachten?"
.Seine Majestät wird mir mehr glauben, als müßigen Schwätzern! Und gegen Beleidigungen jchiitzt «ich jjgr Staatsanwalts
Wo lieoi Berlin? Im Kapp-Land.
Wie groß fft dieses neue Kapp-Land? Das wissen wir nicht, wie ja überhaupt die Woche der Unwissenhett angebrochen ist. Einige sagen, ganz Deutschland fet verkappt; andere sagen, das Kapp-Land reiche von Ostpreußen bts nach Magdeburg; Spötter dagegen behaupten, die neue Regierung herrsche nur im Lappland von Döberitz bis Hoppegarten.
Mir kommt eS vor, als ob Berlin seit bortaen SamStaa eine Insel geworden sei. Eine Insel ohne Zu. und Abmng, auf der wir abgesperrt dasitzen tote einsten« Robinson Gr-'foe.
Bersin ist seit Jahrhunderten keine Festung mehr, sondern gilt als offene Stadt. Aber wo ist die Offenheit geblieben? Wir lernen jetzt allmählich, wie es in einer ein« geschlossenen Festung sich lebt. '
Eine große Mausefalle. Du möchieft heraus, aber du kannst nicht. Es fährt keine Eisenbahn. Nicht mal eine Straßenbahn nach den Vororten. Die alte Regierung konnte noch vor Toresschluß heraus, weil sie Automobile hatte. Der gewöhnliche Bürger ist auf Schusters Rappen angewiesen und damit kommt er nicht wett bei dem geges» wattigen Ersatzleder.
Das reicht kaum zu einem Spaziergang in den Straßen vom verkappten Bersin. Muß man denn spazieren gehen? Nun freilich- Erstens ist es zu Hause ungemütlich, zweitens wird gestreikt und brütens hasst man draußen etwas neues zu erfahren.
Ach, dieser Heißhunger nach Neuigkeit! 3um Wenigsten will der Mensch doch wissen, von wem er augenblicklich „regiert* wird. Wie lernt man die Zeitung schätzen, wenn sie morgens ausbleibt und abends nicht kommt! Früher regneten einem die Neuigkeiten ins Haus; sitzt sitzt man mit allen fünf Sinnen auf dem Trockenen. Der Briefkasten bleibt noch leerer wie die Reichskasse. Also hinaus auf die Neuigkeitsjagd. Die Straßen sind voller Menschen. Sie haben ja Zeit genug, um Summier ober Eckensteher zu werden. Aber fie sind ebenso unwissend roie du. Die in den Gruppen eine große Lippe riskieren, haben ihr Parteifprüchlein auswendig gelernt. Endlich treffe ich einen Abgeordneten a. D. Wir fassen uns gegenseitig an den Rockknöpsen. „Sie aufgelöster Volksvertreter müssen doch wissen, was in der Welt vorgeht! __ »Nein, ich dachte, von Ihnen als Pretzmenschrn könnte man Neuigkeiten herauspressen." Da die Wirklichkeit dun- krl Weiht, kannegießern wir Über alle Möglichkeiten wb