nr. 71.
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47. Zahrg.
Die Umbildung der Regierung.
Die Beratungen beim Reichskanzler Bauer über p Neubildung des Reichskabinetls sind gestem fortgeführt worden und bereits sehr weit gediehen. Die Berliner Blätter, die gestern wieder er« ohjenen sind, nennen eine Reihe von Namen, jedoch Msien diese Mitteilungen zunächst als Vermutungen Kjten. Ziemlich sicher scheint indes zu sein, daß zum achfolger Noskes als Reichswehrminister der bisherige Minister für den Wiederaufbau, der frühere Oberbürgermeister von Nürnberg, Dr. G e ß l e r, er« iromit werden wird. Reichskanzler Bauer dürfte bleiten, voraussichtlich wird er am Freitag in einer pro= -rammaüschen Rede in der Nationalversammlung wrechen. An die durch die Ereignisse gegebenen röck- «Menden Betrachtungen wird sich ein Programm Er die Zukunft und für die bevorstehenden Wahlen Mpsen müssen.
Auch in Preußen sicht eine Regierungsneubil- eung bevor. Gestern ist das preußische Staats- Ministerium zurückgetreten. Die Parteien der Landesversammlung sind noch am Nachmittag zusammengetreten, um Über die Neubildung zu beraten. Ran rechnet mit wesentlichen Veränderungen in der bisherigen Zusammensetzung der Regierung und die sozialdemokratische Fraktion selbst legt den allergrößten Wert darauf, daß ein Teil der von ihr bisher gestellten Minister nicht w i e de r auf ihren Posten zvrückkehren.
Die BoraeschLchte des PuLschcs.
Heber die Vorberoitungseschichte des Putsches bauchtet die die „B. Z. am Mittag", der Plan reiche bis in das Frühjahr des vergangenen Jahres zurück. Die eigentlichen Urheber seien von Anbeginn Oberst Bauer, der Intimus LudendorffS, und Major P a bst gewesen. Durch Oberst Bauer eingeweiht und gewonnen, sei später GenerallandschaftSdirektor Kapp als Dritter im Bunde hinzngekommen und als wichtigster Bundesgenosse General v. Lütt Witz.
Der Militärputsch sollte zuerst im Juni 1919 verwirklicht werden, als in Weimar die Nationalver. sammlung vor der Entscheidung stand, ob sie den Frie- bensvertiag annehmen solle oder nicht. Die Parole, unter der damals die Diktatur ausgerufen werden sollte, lautete: Der Friedensvertrag und besonders die 'Echmcnüparagraphen (Feststellung der alleinigen Schuld 'Deutschlands am Kriege, Auslieferung deutscher Staatsbürger an die Entente) seien unannehmbar. Damals hatte General v. Lüttwitz den größten Teil des Offt- zi^rkorps hinter sich. Alles war vorbereitet. Nur toar damals vcm den Verschwörern nicht Kapp, sondern um die Arbeiterschaft zu gewinnen und den Anschein einer monarchistischen Militärdiktatur zu vermeiden, Noske als Diktator in Aussicht genommen. Ms das Kabinett Sheidemann zurückgetreten und das Kabinett Bauer gebildet !var, das bereit war, den Friedensvertrag zu unterzeichnen, wlepbonierte General v. Lüttwitz an Noske nach Weimar, daß die Reichswehr sich 'weigere, eine Regierung zu unterstützen, die die beiden Schmachvaragraphen unterschreiben wolle, und er forderte Noske auf, aus dem Kabinett auszutreten uni' nach Berlin zu kommen. Tasächlich erklärte Noske damals seinen Rücktritt mis dem eben neu gebildeten Kabinett. Dieses Rücktrittsgesuch hat damals in der Oeffentlichkeit, die über die intimen Vorgänge nicht un. 1 terrichlet war, außerordenlicbes Aufsehen hervorgerufen. Nun kennt man die Gründe. Der Umsturz stand nahe vor der Tür. Noske eilte nach Berlin, versan> tnelte die Truvpenführer um sich, und seinen Borstel, langen über die unabsehbaren Folgen eines Umsturzes gelang es, General v. Lüttwitz und die hinter ihm sichenden Offiziere von ihrem Vorhaben abzirhalten. Die Revublik war an jenem Tage zum ersten Mal g e- te ttet.
. Der Plan zum Umsrurz war aber von v. Lü'ttwitz und Genossen nur aufge sch oben, nicht ausgehoben, im Gegenteil: Es setzte eine planmäßige Vorarbeit
für seine Verwirklichung ein. Oberst Dauer und Hauptmann Pabst richteten in Berlin ein Bureau ein, das die Verbindung mit allen Formationen der Reichswehr aufnahm imb sich als inoffizielles aber eigentlich maß. gebendes Reichswehrministerium herausbildete. Dieses Bureau erhielt von vielen Formationen regelmäßige und genaue Berichte über die Stimmung der Truppen. Es nahm auch Einfluß auf die Besetzung _ber OffizierS- üellen imb auf die Auswahl der Dkannschafien. Die durch den Friedensvertrag bedingte vovgeschriebene Herabsetzung der Stärke der Reichswehr wurde zum An. laß genommen, um unerwünscgte Elemente aus der Reichswehr zu entfernen und im Sinne der Verschwörer „zuberlässige" Truppenteile zu bilden.
Schon im August vor. Js. glaubte General v. Lutt- imtz denStreich !nagen zu dürfen. Er war überzeugt, die Reichswehr geschlossen hinter sich.zu haben, und ver. sicherte auch Kapp besten. Aber diesmal waren es „bie Offiziere feines eigenen Stabes, die General v. Lüttwitz an der Ausführung des Planes hinderten. Der Friedensvertrag war nun einmal unterschrieben. Einen Putsch Lediglich 3um Sturz der Koalitionsregierung, der nach Ansstbt aller politisch urteilsfähigen Menschen bas gesamte Ausland gegen Deutschland aufbringen, die Rheinlanbe in Gefahr bringen und die Einheit Deutschlands außerordentlich gefährden mutzte, wollten sie nicht mitmachen.
Aber wieder war der Umsturz nur vertagt und am 13. März wurde er mit Hilfe der Mannedioision Ehrhardt durch geführt. Nur der ganz enge Kreis um Lüttwitz und Bauer war eingeweiht. Es muß gerechterweise anerkannt werben, daß fast das gesamte Offizierskorps der oberen militärischen Behörden und Kommandos sich gegen den Putsch gewandt und alles an Ueberredung aufgeboten Hot, um General v. Lüttwitz und Hauptmann Pabst von ihrem Vorhaben abzubringen, wie sie sich auch später nach dem 18. März gegen die Diktatur Kapp-Lüttwitz ausgesprochen und zum erheblichen Teile jeden Dienst ablehnten.
Die Regierung aber erhielt von dem bevorstehenden Umsturz Kenntnis durch General 0. Lüttwitz selbst. Bis dahin Hot sie sich m voller Ahnungslosigkeit befunden. Am Abend des 10. Mörz erschien General v. Lüttwitz beim Reichspräsidenten Ebert und stellte im Nomen der Reichswehr die bekannten Forderungen, darunter auch Erhöhung statt Verminderung der Reichswehrstärke und Vorberei- tung zum Revanchekrieg. Reichspräsident Ebert, der die Gefahr der Situation erkannt«, versuchte die Angelegenheit zunächst hinhaltend zu behandeln. Aber Noske, der zu der Unterredung hinzugezogen wurde, machte ihr mit der Erklärung an Lüttwitz ein Ende, der General sei entlassen und rönne gehen. General o. Lüttwitz fuhr daraufhin nach Döberitz hinaus, um über die Ergebnislosigkeit seiner Unterhaltung mit Ebert zu berichten und die Ma- rmedivision für den Abend des 12. März bereit zu machen.
Lultrvitz und Trotha.
Auf Befehl des Generals 0. Seeckt find der Admiral v. Trotha und der General v. Lüttwitz in militärische Schutzhaft genommen war. den; Trotha ist in Berlin in seiner Wohnung, Sütt« witz in einem Forsthcms in der Umgebung von Berlin verhaftet worden. Die Nachricht von dem Selbstmord des Generals v. Lüttwitz bestätigt sich also nicht. Sobald die gesetzlichen Grundlagen geschaffen sind, werden die Meuterer vor das Reichsgericht gestellt.
Hochverräter in Schutzhaft? Sie gehören ins Un» terfuchungsgefängnis. Eine so zaghafte Behandlung der Meuterer muß im Volke böses Blut machen.
Fortschritte der Roten Armee.
Die Kampfleitung der Roten Armee im Industriegebiet hat sich um das Bielefelder Waffen- stillstandsabkommen nicht gekümmert, sondern Weiterkämpfen lassen. Ob sie da das in Bielefeld getroffene Uebereüttommen zur Beilegung des Konfliktes anerkennen wird, erscheint noch fraglich. Die Rote Armee steht vollständig unter kommunisti-
Der Arbeit Lohn.
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„Sie dürfen nicht so sprechen, Harald," flüsterte sie weich. „Nicht so verzweiflungsvoll, so mutlos! Ein rechter Mann überwindet durch eigene Kraft und eigene Arbeit alle DLihseligkeiten des Lebens —"
»Ja, — wenn er weiß, wofür er kämpft und ar- 6«tett, (5tfei Wenn Deine Liebe mir in diesem Kamvf Hilst, dann tveitz ich, daß ich siegen werde!"
»Und Wenn ich Ihnen helfen will —"
»Else'."
Er wollte sie stürmisch umsangen, doch sie entzog sich feiner Umarmung und fuhr ernst fort:
„Werden Sie mir dann versprechen, sich als Mann «rnporzuringen aus dieser verzweiflungsvpllen Stirn), "umg — als Mann zu kämpfen und zu arbeiten? Wvl. l-n Sie es mir versprechen?"
„Elfe — Else — Du bist der gute Genius meines Lebens —"
Nun zog er sie doch in seine Arme und seine Lippen Preßten sich in heißem Kuß auf ihren Mund.
Mit gefchlossenen Augen ruhte sie an feiner Brust, rin Strom von Seligkeit und Muck ergoß sich in ihr Herz.
Plötzlich war es ihr, als ertöne in der Ferne ein Schmerzensschrei.
Erschreckt riß sie sich aus seinen Armen und blickte mit angsterfüllten Augen um sich.
Tiefe Stille herrschte ringsum. Die Ddustk, welche noch vor kurzem gedämvft herüberoeklunaeu, war vermummt. Ebenso das Stimmengewirr und Gläserkliv- *en im nebenan liegenden Düfettraum.
„Was ist geschehen?" flüsterte Else.
„Nichts, mein Lieb." wollte Harald sie beruhigen. Doch Else eilte, von banger Ahnung getrieben, in den Düfettraum — er war leer; nicht einmal die Diener baren mehr da. In dem Tanzsaal drängte sich die Menge der Festgäste mit ernsten, erschrockenen Gesich. tetn und erreg: miteinander flüsternd. Einige Damen und Herren begaben sich dem Ausgange zu. Diener eilten mit der Garderobe der sich Entfernenden hin und her. '
Alles machte den Eindruck, als sei ein plötzlicher Un« kstücksfall eingetreten, der das Fest jäh unterbräche:? hatte.
„Was ist geschehen? Weshalb brcchen d:e Gäste fchon auf?"
„Gnädiges Fräulein wisien noch nicht? Der gnädigen Fräulein Brach von Exzellenz ist ein Unfall zu. Ließen."
„Fräulein Lynden — ein Unfall?"
»Jawohl, gnädiges Fräulein."
„Wo in sie? Wo ist mein Water?"
»Exzellenz befinden sich bei Fräulein Lynden in dem kleinen Boudoir."
Else stürzte fort, gefolgt von Harald, dem eine namenlose Angst die Kehle zuzuschnüren drohte.
Die Menge machte der Tochtor des Ministers ehr, erbietig Platz und sah ihr mit bedauernden Menen nach.
In der Nähe des Boudoirs trafen Else und Harald auf Leutnant v. Bebenroch.
„Ihn Gottes willen, gnädiges Fräulein," bat er, „gehen Sie nicht hinein! Der Anblick ist nichts für Siel"
„Aber was ist denn geschehen? So anttvorten Sie mir doch!"
„Fräulein Lynden hat sich durch einen unglücklichen Zufall die Pulsader der linken Hand durchschnitten — sie fiel in Ohnmacht und wäre verblutet, wenn ich nicht zufällig in das Zimmer gekommen wäre . . ."
Dkit einem Sckreckensschrei stürzte Elfe in das Boudoir und fanf auf schluchzend neben Edelgard nieder, die mit geschloffenen Augen, anscheinend leblos auf der Ebaiselongue ruhte, wäbrend zwei Aerzte und ihr Der. lobter um sie beschäftigt waren.
Steif und starr saß Amalie Haller smar? in einem Winkel und vor ihr kniete Elfriede, das Köpfchen in ihren Schoß verborgen.
Schaudernd gewahrte Else das Blut, welches daS perlgraue Seidenkleid Edelgards und die kostbaren Svitzen, ein Geschenk des Ministers an seine Braut, befleckt batte
„Wie konnte es nur geschehen, Papa?" fragte Else ihren Vater.
„Ich kann es mir auch nicht erklären," entgegnete der Minister schwer atmend. „Wir sanden Edelgard besinnimc^los in ihrem Mute liegen, neben ihr das scharre, dolchartige Messer, welches sonst seinen Platz auf dem Schreibtisch hat. Edelgard muß sich mit demselben aus Versehen verletzt haben oder sie ist ohnmäch. tig geworden und mit dem Arm in das Messer gefallen — eine Erklärung wird sie uns selbst geben können, wenn sie genesen ist. Für jetzt ist jedes Fragen zweck« los. Sie bedarf der äußersten Ruhe und Schonung, der große Blutverlust hat ihre Kräfte fast ganz erschöpft."
Der Arzt, ein berühmter Professor der Universität, war mit dem Verbinden des verwundeten Armes fertig und trat zu dem Minister, während der zweite Awt.
scher Führung. Die Oberste Kampfleitung wird I ausschließlich vom Roten Soldatenbund aus- geübt, einer rein kommunistischen Gründung, die schon bei den Märzunruhen in Berlin eine Rolle gespielt hat.
Im Kampfgebiet ist es wieder zn heftigen Kämpfen gekommen. Esgelang der Roten Armee, am Dienstag Friedrichsfeld bet Wesel zu nehmen und ihre Linie an die Lippe vorzutreiben. Nach einer gestern abend spät in Effen durch Straßen- reduer bekannt gegebenen Meldung der Kampfleitung ist inzwischen auch Wesel selbst gefallen. Die Rote Armee hat dort bereits ihren Einzug gehalten.
Zur Sage im Ruhrgebiet wird mitgeteilt, daß in allen Städten des Ruhrgebiets iüe Bürgerschaft entwaffnet ist. Beiderseits der Ruhr üben roteBan- den eins Schreckensherrschaft aus. Sie plündern und brandschatzen namentlich auf dem flachen Lende, wo sie die Bauerngehöfte mit Panzerautomobilm aufsuchen und ausrauben.
Unter den Papieren die beim Korps Lichtschlag, dessen Einmarsch in das Industriegebiet die Unruhen ausgelöst hatte, erbeutet worden sind, wurde u. a. folgender Tagesbefehl gefunden.
Osnabrück, ben 14. März. Für die neue Regierung haben sich zur Herbeiführung gesetzlicher Zustände und unbedingter Erhaltung der Ruhe und Ordnung erklärt, sämtliche Reichswehrtruppen, der ReichSausschuß der Einwohnerwehren, die Regierungen der Staaten, und Provinzen, das Bataillon Reichswehr- Schützenregtment 104 (Lichtschlag, Osnabrück).
Die Angaben des Tagesbefehls sind zwar nicht richtig, der Tagesbefehl felbft läßt aber keinen Zweifel mehr, daß das Korps Lichtschlag sich auf die Seite der Regierung Kapp geschlagen hatte. Die in Schutzhaft genommenen Unteroffiziere und Mannschaften des 2. Bataillons Lichtschlag bei öffentlichen eine Erklärung, in der sie mitteilen, daß sie von ihren Offizieren unter völlig salichen Angaben in gröblichster Weise hinters Licht geführt worden seien.
Die Kämpfe in Essen.
Effen, 23. März. Von anderer Seite verbreitete Berich« über di« Vorgänge in Effen entsprechen groß, tenteils den tatsächlichen Vorgängen nicht. Die Kämpfe haben sich nach den bis jetzt vorliegenden Meldungen folgendermaßen abgespielt: Am Montag und Diens- tag voriger Woche benützten die radikalen Elemente die Aufregung, die durch die Ausrufung der Regierung Kapp in die Massen getragen war unb veranstalteten große Streikdcmonstrationen. So sammelte sich vor dem Rathause eine größere Menge, die in das Rathaus einzudringen suchte, um die Steuerakten her- ausznholen. AIS die Menge das Rathaus zu stür. men versuchte, machte bte kleine Wache nach öfteren vergeblichen Aufforderungen, den Platz zu räumen, öon der Schußwaffe Gebrauch. Hier gab eS den ersten Toten. Am Dienstag gingen bte Kampfe weiter. Am Mittwoch waren durch die Sicherungstruppen die Ruhe und Ordnung so ziemlick» wieder hergestellt und die radikalen Elemente in Essen nieder geworfen. Inzwischen tvaren aber auch im übrigen Ruhrgebiet noch starke Kämpfe gewesen und die Spartakisten hatten hort teilweise die Herrschaft an sich gerissen. Sie suchten nun ihre Macht auszubreiten, und ihr erftes Ziel war Essen. Dahin ergoß sich ein zahlloser Strom, besorg dcrs aus Gelsenkirchen. Die Essener Sicherheitspolizei teert diesen zuerst in Stoppenberg entgegen. Es entwickelte sich ein schwerer Kampf. Die Spartaki- sten waren etwa 2000—3000 Mann stark. Während der Nacht zum Freitag rückten aus Gelsenkirchen und Bochum weitere Scharen gut ausgerüsteter Spartakisten gegen Effen. Im Innern der Stadt entspannen sich ebenfalls weitere neue Kämpfe. Die Ordnungstruppen wurden von allen Seiten eingeschlossen. Der üben- großen Uebermacht weichend, zog sich die Sicherheitspolizei in das Innere der Stadt zusammen. Der Kampf um den Schlacht, und Vichhof und um den Waffenturm am Ausgang nach Steele toar besonders heftig. Am
Freitag vormittag tourden Verhandlungen mit den Spartakisten eingeleitet. Mittags stellten die Spartakisten den Führern der Sicherheitspolizei das Ultimatum. Wenn in einer halben Stunde die Sicherheitspolizei sich nicht ergeben würde, so würde das Rathaus mit Artillerie beschösse n. Bald danach ging Befehl an alle Verbände: „Waffenstillstand, die grüne Polizei rückt mit allen Waffen in allenEhren cu§ Effen ab." Dies wurde von Führern der Spar, takisten genehmigt und der Sicherheitspolizei zugesagt. Während nun die Sicherheitsverbände sich an diesen Befehl hielten, wurden sie beim Abrücken aus dem von ihnen besetzten Hause in ben engen Straßen plötzlich umstellt und durch Feuer aus den Häusern zum Waf- senstrecken gezwungen und sodann von der wütenden Menge mit Kolbenstoßen als Gefangene in die Gefängnisse getrieben, und am Wasserturm, am Hauptpostamt und am Rathause ohne Erbarmen niederge. stochen und erschlagen, so daß nur einige, welche zufällig in Zivil waren, sich retten konnten.
Münster, 23. März. In Hamm wurden erbitterte Straßenkämpfe mit Minenwerfern und Arttllerie ge>- führt. Auch aufftänbige bewaffnete Frauen waren beteiligt. Gesamtverlust etwa 700 Sicherheitspolizeibeamte. Die Haltung und Tapferkeit der Polizei trirp- pen, die getreu ihrem Gelöbnis für die gesetzmäßige Regierung ein traten, war über jedes Lob erhaben.
Eine Grundlage für die Verständigung.
Die Kommission, bte von der in Bielefeld zusammengetretenen Konferenz zur Verständigung über die Sage im Industriegebiet eingesetzt war, um nach Abschluß des Waffenstillstandes eine Grundlage für ein Uebereintommen zur Beilegung des Konflikts zu finden, hat nach zehnstündigen Verhandlungen, an denen Reichsminister Giesberts und Reichskommissar Severing teilnahmen, folgende Vereinbarungen festgelegt:
Die Vertreter der beteiligten Parteien und Erwerbs- gruppen erklären, daß sie ihre Forderungen zur Sntwir- rang der aus dem Kapp-Putsch entstandenen Lage mit der Verfassung und der Regiemng auf Grund folgender Vereinbarung in Einklang bringen wollen: Punkt 1 bis 8 entsprechen den bereits bekannten Berliner Abmachungen zwischen Regiemng u. Gewerkschaften mit folg. Zusätzen: Es wird Straffreiheit denen gewährt, die in der Abwehr des gegenrevolutionären Anschlags gegen Gesetze verstoßen haben. Aus gemein« Verbrechen finden diese Bestimmungen keine Anwendung. Unter die aufzulösenden Tmppen fallen nach Ansicht der Kommission die Korps Lützow, Lichtschlag und Schulz. Die oerfaf- sungsmäßigen Behörden walten ihres Amtes nach den gesetzlichen Vorschriften. An die Stelle der Vollzugs- und Attionsausschüffe soll ein aus der Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenschaft und den Mehrheits- patteien gebildeter Ordnungsausschuß, der im Einvernehmen mit den zuständigen Gemeindeorganen bei der Durchführung des Sicherheitsdienstes mitwirkt. Soweit erforderlich wirb eine Ortswehr in Stärke bis zu 3 auf 1000 Einwohner aus ben Kreisen insbesondere der organisierten Arbeiter, Angestellten und Beamten gebildet. Die sämtlichen Betelligten verpflichten sich, ihren ganzen Einfluß dahin auszuüben, daß die Arbeiterschaft zur gewohnten Arbeit sofort zurückkehrt. Es erfolgt sofortige Abgabe der Waffen imb Munition. Alle Gefangenen sind sofort zu entlassen. Bei loyaler Einhaltung dieser Vereinbarungen wirb ein Einmarsch der Reichswehr in das Industriegebiet nicht erfolgen. Das Wehrkreiskommando wirb in politisch-militärischen Angelegenheiten nur auf schriftliche Anweisung des gesamten Reichsministrriums handeln. Der Reichskommissar wird einen Vertrauensmann der Arbeiterschaft berufen, der bei allen militärisch-politischen Handlungen, über die der Reichskommissar mitzubefinden hat, gehört werden soll. Reichsminister Giesbetts wird die Frage der Versorgung der Hinterbliebenen und Verletzten dem Reichskabinett vottrogen mit dem Bestreben, daß die Kosten vorn Reiche übernommen werben. Die Kommission spricht die Erwartung aus, bah das Reich die Kommunaloer- bänbe für alle ihnen aus den Unruhen erwachsenden Kasten und Schäden schadlos hält.
welcher dem Professor assistiert hatte, dem Kammermädchen einige Verhaltungsmaßregeln gab.
„Das beste ist," sagte der Professor, „Fräulein Lynden bleibt vorerst hier auf dem Ruhebett liegen. Man soll dann ein Bett hier aufschlagen, in das sie morgen gebracht werden kann. Ich denke, sie wird in einigen Tagen bann so weit sein, baß sie in ihr Zimmer überführt werben kann!"
Während dieser Vorgänge stand Harald regungslos an dem Eingang, die Augen erschrocken und starr auf die leblose Gestalt Edelgards gerichtet. Er hörte die Worte des Mnifters und Professors tote aus weiter Ferne; er sah den blutbefleckten Verband und den marmorweißen Arm Edelgards, das blutige Messer auf dem Teppich liegen — und er wußte, daß sich hier in der Stille und Einscmckeit des abgelegenen Gemaches eine Tragödie abgespielt hatte, in welcher er selbst her schuldige Teil, während Edelgard seiner Schuld 3um Opfer gefallen war.
Er erbebte bei dem Gedanken, daß Edelgard um feiner harten Worte willen, Hand an sich gelegt, und hoffte bann toicber, es möchte sich eit ne andere Losung des rätselhaften Vorfalles herausskellM. Wer er glaubte selbst nicht an den letzeren Fall.
Da tönte plötzlich Amaliens scharfe Stimme durch die Stille des Zimmers:
„Vielleicht kann ims Herr v. Fredersdorsf Auffchluß über ben Unfall geben. Ich sah ihn wenigstens kurz vvr Entbeckung der Katastrophe aus diesem Zimmer kommen, wo er sich mit Fräulein Lynden unterhalten hatte."
Aller Augen wandten sich auf Harald imb dieser sühlte, daß er jäh erbleichte. Seine Augen begegneten ben angiwoll flehenden Blicken Elsens, aus denen eine bange, qualbolle Frage leuchtete.
„Sie haben mit meiner Braut hier gesprochen, Herr Bmon?" fragte der Mnister mit leichtem Erstaunen.
„Ich traf das gnädige Fräulein hier zufällig," ent. qtqneta Harald, gewaltsam nach Fassung ringend. ],Slber eine Aufklärung des bedauernswerten Vorfalles vermag ich nicht zu geben! Ich ließ das gnädige Fräulein hier allein zurück."
Der Minister wandte sich mit leichtem Achselzucken ab; fein Gesicht zeigte jedoch einen ernsten, nachdenk. lichen Ausdruck.
„Ich muß die Herrschaften jetzt bitten, das Zimmer zu verlassen," rief der Professor. „Nur die zur Pflege bestimmten Personen dürfen zur ücN leiben, a$o die HamMcrfrau irnd —>* ° -
Er blickte sich fragend im Kreise um.
„Ich bleibe ebenfalls hier," erklärte Else in bestimmtem Tone.
„Gut, gnädiges Fräulein. Ich werde sofort eine erfahrene Pflegerin schicken, welche Ihnen zur Seite stehen kann- Bitte, meine Herrschaften, folgen Sie mir."
Der Professor wandte sich dem Ausgange zu, die übrigen Personen folgten. Nur Harald zögerte. Er hätte gern noch ein Abschiedswort mit Elfe gewechselt. Aber er versuchte vergeblich, ihrem Blicke nochmals zu begegnen; sie schien es geflissentlich zu vermeiden, ihn anzusehen.
Da saßte er sich ein Herz und trat entschlossen auf' sie zu.
„Else, willst Du mir nicht ein Wort des Abschieds sagen?" *-
„Ich wüßte nicht, was ich noch zu sagen hätte —‘
„Else!" : !
„Ich bitte, Herr von Fredersdorsf!"
Abwehrend, fast feindlich stand sie ihm gegenüber.
„Sie werden doch nicht etwa glauben, Effe, daß ich — ich die Schuld an diesem Unglück trage?"
„Nicht Sie — aber die Gespenster der Vergangen, heft!"
„Die Sie verscheuchen wollten!"
Da senkte sie das Haupt und über ihre bleichen Wangen rannen schwere Tränen.
„Else," flüsterte er erschüttert, „soll das der Abschied sein? Ist das Ihr Vertrauen?"
Verwirrt blickte sie zu ihm auf.
Dann reichte sie ihm in plötzlicher Aufwallung die
Hand.
„Leben Sie wohl, Harald! Ich weiß ja nicht, was ich denken, was ich tun soll! Lassen Sie mich erst zur Klarheit kommen. Jetzt vermag ich Ihnen keine Ant
wort zu geben. Leben Sie wohl. ..."
Er beugte sich über tie kleine Hand, die unter seinem Kuß erzitterte
Dann entfernte er sich schweigend. Er wußte, sein Schicksal war entfett eben, aber er empfand keinen Schmerz herüber, nur eine unsagbare Traurigkeit erfüllte sein Herz imb er wünschte, er läge an Edelgards
Stelle zum Tobe tounb da.
Er ging fort, ohne sich von tem Minister und den Damen zu verabschieden.
Bebenroth wollte sich ihm anschließen, Harald bat jedoch, ihn allein zu lassen, und schritt einsam in die Nacht, in ben verschneiten Tiergarten hinaus. — —
(Fortsetzung folgt.) ‘-'"'1