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Nr. 70.
Verantwortlich für den redattionellen Teil: Karl Schütte. :: für die Anzeigen: 3- Parzelier-Fulda. ::
Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Femfprecher Nr. 9. Telegr.-Adrefle: Fuldaer Zeitung
MUtwoch, 24. Mär- 1920
47. Zahrg
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Die Nachwehen.
' Aus Berlin wird uns geschrieben:
Das Feuer ist gelöscht, aber einige Spritzen sind noch in Tätigkeit, und man fragt sich, ob der Wasserschaden nicht schlimmer wird wie der Brandschaden.
Kapp kam wie ein Dieb in der Nacht und verschwand wie ein Flüchtling in der Nacht. Der Generalstreik hatte in wenigen Tagen seinen Zweck der Abwehr erreicht. Nach dem Zusammenbruch der Schmetterlings-Herrlichkeit Kapps hatte der Streit sofort von selber aufhören müssen. Es gefiel aber den .Drahtziehern nicht, das gezogene Schwert ohne weiteres wieder in die Scheide zu stecken. Dis Radikalen wolltn von der Abmehr zum Angriff übergehen. Die alte Regierung sollte von ihren angeblichen Rettern gezwungen werden, die größten politischen Z u g e st ä n d n i s s e zu machen.
Ws der Streik anfing, traten die Unabhängigen gern an die Seite der Mehrheitssozialisten, und auch die Kommunisten taten mit; denn diese beiden rudika-- len Parteien hofften von vornherein, im Trüben fischen zu können. Das Zusammengehen der Arbeiter aller Richtungen schloß freilich die Gefahr in sich, daß die Radikalen weder einmal die Führung an sich reißen und die besonnenen Mehrheitssozialisten mit List und Gewalt übertölpeln würden. So kam es dann auch sofort nach dem Verschwinden Kapps.
Die Generalkommisston der sozialdemokratischen Gewerkschaften ließ sich verleiten, die Fortdauer des Streiks zu proklamieren bis zur Erfüllung von drei ungeheuer weittragenden Forderungen: 1) Sozialistische Arbeiterregierung (also Auflösung der Koalition). 2) Entwaffnung aller bisherigen Ordnungswehren und ausschließliche Bewaffnung der Arbeiterwehren (d. h. Ohnmacht der Negierung gegenüber den Arbeiterbatalllonien; 3) Entscheidende Mitwirkung der Gewerkschaften bei Neuordnung der politischen und wirtschaftlichen Vechält- msse). Das war im wesentlichen das Programm der Unabhängigen »nur in etwas höflicherer Fassung: tRjächlich wäre die Sache auf die Diktatur des Proletariats hinaus gelaufen.
Auf Grund dieser und ähnlicher Forderungen beteiligter Organisationen wurde nun mit Vertretern der Regierung und den Kealitionsparteien verhandelt. Dabei gelang es den letzteren, den mehrheitssozialistischen Mitgliedern den schwachen Rücken wieder etwas zu stärken. Es kam eine Vereinbarung zustande in acht langen Punkten, wobei des lieben Friedens halber von beiden Seiten nachgegeben wurde.
Den gWerkschaftlichen Organisationen wurde darin in Aussicht gestellt, daß die fßerfonenfragt bei Neubildung der Regierungen »nach Verständigung" mit. ihnen gelöst werde und daß ihnen ein „entscheidender Einfluß auf die Neuregelung der wirtschasts- und sozialpolitischen Gesetze" (also nicht der sonstigen politischen Gesetze) eingeräumt werden solle, jedoch mit dem wichtigen Zusatz: „unter Wahrung der Rechte der Volksvertretung". Bei der schnellsten Durchführung der Verwaltungsresorm auf demokratischer Grundlage sollen die wirtschaftlichen Organisationen „Mitbestimmung" haben. Für die weiteren Tozialgesetze wird den Arbeitern, Angestellten und Beamten „volle soziale und wirtschaftliche Gleichberechtigung" gowährleistet. Zur Bewafsnuugsfrage wird Echt die Auslösung aller Wehren versprochen, sondern nur die Auflösung „aller der Berfafiung nicht treugeblie- denen konterrevolutionären militärischen Formationen", und diese sollen nicht etwa durch eine ausschließliche Arbeiter, wehr ersetzt werden, sondern „durch Formationen aus den Kreisen der zuverlässigen republikanischen Bevölkerung, insbesondere der organisierten Arbeiter, Angestellten und Beamten, ohne Zurücksetzung irgend eines Standes".
So waren freilich den radikalen Forderungen die schlimmsten Giftzähne ausgebrochen worden, doch blieben noch genug Zugeständnisse übrig, die den Schwerpunkt weiter nach links zu verschieben und der Klassenherrschaft die Wege zu ebnen drohen.
Immerhin war so in jener Konferenz der Friede an- gebahnt, und die beteiligten Bünde erließen schon am Samstag die förmliche" Kundgebung, daß sie zwar „nicht restlos" besrndigt seien, aber doch zugestimmt hätten und hiermit den Generalstveik als beendet er» erklärten.
Kaum war diese Friedenstaube am Berliner Himmel aufgeftiegen, da setzte sofort die Gegenagitation der Unabhängigen und Kommunisten ein. In Plakaten, Flugzelleln und Straßenanfprachen wurde gegen den „Verrat" protestiert und der Streik- fampf bis zum äußersten verkündet. Das Recht zur Entscheidung sollten nur die „Vollversammlungen der reooliilionärci: Betriebsräte" haben. Auf diese Weise dachte man wenigstens die Wederauf- nahme der Arbeit zu Anfang der Woche zu, stören. Das ist auch insofern gelungen, als ein Teil der Betriebe am Montag noch ganz oder halb lahm lag.
Auch die R c et i c r u n g wird des Sieges über Kapp noch nicht froh, denn auf ihre Schullern häuft sich jetzt eine ungeheure Last von Schicksalsfragen^ Es handelt sich nicht bloß um Personenfragen wegen der Um- und Rerbeictzung der Ministerien, sondern be: der Durchführung der Berliner Vereinbarungen wird die ganze Koaiitionspolitik in Mitleidenschaft gezogen.
Die der Kabinetsbildrmg.
Ju Berlin sind. die Fraktionen der Nationalversammlung gestern morgen zu Sitzungen zusmnmenae- iteten. Bei den Mchrhcitsparteien tvird dabei die Um. bildung bc3 Kabinetts besprochen. Es steht fest, daß euch die neugebildete Regierung von den drei Kvali- tionsparteien: den Sozialdemokraten, den Demokraten und dem Zentrum, getragen sein wird. Daran tvird auch nichts geändert durch Besprechungen, die zwischen Unabhängigen und Mehrheitssoziielistten stattgefilnden haben und die die Bildung einer neuen Arbeiterregis- rung zum Gegenstand hatte. Die Sozialdenwkwten hfl. ben sich überzeugen muffen, daß die Zustimmung von Zentrunr und Demokraten dafür nicht zu haben ist. Sozialdemokraten und Unabhängige sind aber nicht stark genug, um allein eine Regierung parlamentarisch stir- tzen zu können, und so ergibt sich daraus die Not- tvendigkeit, die gegeilte artige Koalition spoli- tik fortzusetzen. Die Aemtervertcilung innerhalb der einzelnen Parteien wirb aierdings, tote die „Franks. Ztg." erfährt, eine getoiffe Verschiebung erfahren. .
Die flüchtigen Hochverräter.
Amtlich wird gemeldet: Die sofort nach den Rädelsführern d«S Hochverrats rmfgenom menen Er- mitte'üngen haben ergeben, daß die Täter anscheinend unmittelbar nach dem Fehlschlag des Unternehmens flüchtig geworden sind. Haftbefehle und Steckbriefe sind gegen folgende Perfonen veranlaßt worden: Generalland chaftsdirektor Kapp, Regierungspräsident a. D. b. Iagow, Major a. D. Papst, Oberst a. D. Bauer, Arzt und Volkswirt Martin Schiele-Naumburg, früheren Rechtsanwalt Bredereck.
Ernste Lage im Ruhrgebiet.
Nach Ansicht der zuständigen Stellen ist der Stand der Dinge im Ruhrgebiet noch als sehr ernst anzusehen. Private Stabungen sprechen von einer g e- fährltchen Zuspitzung der Sage. Sicher ist die Gefahr einer linksradikalen Diktatur noch nicht Überwunden. Die Linksparteien versichern zwar, sie dächten nicht an die Einführung der Rätediktatur und auch die Meldungen, die von den unter der Herrschaft der Radikalen stehenden Filialen des Wölfischen Telegraphenbüros im Industriegebiet ausgehen, ver
sichern, es sei nirgends zu einer formellen Ausrufung der Räterepublik gekömmen. Andere, unbeeinflußte Meldungen behaupten in verschiedenen Fällen das Gegenteil und tatsächlich ist doch die öffentliche Gewalt von den Vollzugsräten der Arbeiterräte übernommen und z. B. in Essen die Veröffentlichung von Artikeln, die bas Wesen ber Rätediktatur bekämpfen, verboten worden. Sicher fpult ber Gedanke ber Herrschaft des Proletariats in Millionen Kopien. Von einem Sonderberichterstatter wird der „Frkft. Ztg." aus Esten gemeldet: Kommunisten und Unabhängige find daran, die Sage für ihre politischen Sonderziele auszunutzen und aus dem Abwehrkampf gegen die Reaktion einen Kampf für die Diktatur von links zu machen. Die erbitterten Kämpfe an der nördlichen Grenze des Industriegebietes zwischen ber bewaffneten Arbeiterschaft und ber Reichswehr geführt werden, sind ber unumstößliche Beweis dafür. Denn hier geht es nicht mehr gegen die Reaktion von rechts, nicht gegen Truppen, die ber rechtmäßigen Regierung in ben Rücken gefallen sind, sondern ber Kampf gilt dem Militär und ber Polizei schlechthin; er geht letzten Endes g e - gen die Verfassung und die Regierung Eberl-Bauer.
Die Kommunisten und Unabhängigen, die die Führung der ganzen Bewegung an sich gerissen haben, hüten sich, ihre Ziele offen auszusprechen; sie versichern nach wie vor, die Verfassung anzuerkennen und nur gegen die Reaktion zu kämpfen. Durch diese raffinierte Taktik ist es ihnen gelungen, die mehrheits- sozialdemokratifche Arbeiterschaft bis zur Stunde bei ber Stange zu halten. Deren Führer sind sich nun heute zwar nicht im minbeften mehr im Zweifel, wohin ber Kurs geht; sie haben aber bereits die Führung ihrer eigenen Leute so völlig ausderHandoer- l o r e n, daß sie es nicht mehr wagen, burch eine klare und unzweideutige Parole dem Wirrwarr ein Ende zu machen. Einzig und allein in Dortmund haben die Mehrheitssozialisten die einzig mögliche Konsequenz aus ber Entwicklung, die die Sage neuerdings genommen hat, gezogen: Die Bezirkskommission ber sozialdemokratischen Partei für das westliche Westfalen veröffentlicht einen Aufruf, in dem klipp und klar ausgesprochen wird, daß der Kampf gegen die Reaktion zu einem Kampf für die Diktatur von links geworden fei. Die mehrheitssozialistischen Arbeiter werden auf- geforbert, sich nicht zu Werkzeugen ber Sintsbittatoren benutzen zu lasten und sich an keiner Aktion zu beteiligen, zu ber nicht die eigene Partei die Anweisung gebe. Was dringend not tut, ist, daß die mehrheits- sozialdemokratischen Organisationen in allen Stabten des Snbuftriegebiets diesem mutigen Beispiel folgen, wenn nicht unübersehbares Unheil angerichtet werden soll. Denn schon droht dem ganzen Industriegebiet die furchtbare Gefahr des Hungers. Alle Lebensmittelzufuhren sowohl aus dem übrigen Deutschland wie aus dem Ausland haben seit dem Beginn ber Unruhen völlig ausgesetzt und die Bestände ber einzelnen Kommunen beginnen bereits auf die Neige zu gehen. In Dortmund sollen nach der Verteilung der letzten noch verfügbaren Broimenge von zwei Pfund auf den Kopf der Bevölkerung die Mehlbestände vollständig erschöpft fein und auch die übrigen Lebensmittel reichen nur noch für eine Woche hin. Die anderen Städte des Industriegebiets sind zwar etwas bester gestellt, doch dürste auch dort die Drotversorgung schon in wenigen Tagen zusammenbrechen. Nach einem 3taegramm, das ber Sebensmittelbeiernent der Stadt Bochum erhalten hat, hat der Regierungspräsident infolge ber Unterbindung der Zufuhren sich genötigt gesehen, zur Streckung ber noch verfügbaren geringen Mehlnorräte die wöchentliche ^Brotration allgemein auf jtrei Pfund herabrnfeken. Auch hie Host- mung der Kommunisten u. Unabhängigen, durch direkte Kohlenlieferunqen im Wege des Aus -
Der Arbeit Lohn.
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Wie eine Marmorftatue, mit totenblassen Wangen, mit tobesftorren Augen stand Edelgard da vor dem zürnenden Manne. Mit einemmal stürzte das ganze Gebäude ihres Lebens, ihres Geschickes, das sie fo künstlich aufge- tichtet, in sich zusammen und sie erkannte, daß sie sich selbst betrogen hatte, daß sie im Begriffe stand, auch die- ienipen, welche sie glücklich machen wollte, zu betrügen.
Da streckte sie in unwillkürlicher Begegnung die Hand <«ch ihm aus und ihre bleichen, zuckenden Lippen flüster- ten feinen Namen.
Er stieß ihre Hand zurück.
„Leben Sie wohl — Sie kluge — Rechnerin!" lachte *r spöttisch und verließ schnell das Gemach.
Wie leblos starrte Edelgard ihm nach und sah ihn in dem glänzenden Gewühl des Festes verschwinden.
Dann sank sie mit einem wimmernden Wehlaut in ben befiel zurück und verbarg krampfhaft schluchzend das Ge- sicht in die fjänbe..
Und um sie herum ertönte der laute Festessubel und Mnzten tausend Lichter — in ihr aber herrschte Totenstille und aus ihrem Herzen lastete finstere Nacht.
12. Kapitel.
Harald entfernte sich in der Absicht, dar Fest überhaupt verlassen und jede Verbindung mit der Familie des Ministers abzubrechen. Als er jedoch den Tanzsaal durchschritt, kam ihm Else entgegen. Ihr Gesicht glühte in reinster Festesfreude und mit lachenden Augen blickte sie zu >hm empor.
„Ich suchte Sie, Herr v. Fredersdorff ..."
„Sehr schmeichelhaft, gängiges Fräulein. Womit kann «h dienen?"
»Haben Sie denn ganz vergefien, daß Damenwahl ist?" schmollte sie.
„Und da wollten Sie mich mtfforbem?" ■' x „Nun ja —"
Sie sah allerliebst aus in ihrer mädchenhaften Schüchternheit und Verschämtheit und Harald fühlte es warm in feinem Herzen emporquellen. Hier fand er noch Liebe ^Kd Vertrauen — warum sollte er dem Phantom ber Vergangenheit nachjagen?
Er bot Else den Arm und trat mit ihr in die Reihe «r Tanzenden.
Eine nervöse Lustigkeit überkam Harald, er plauderte und lachte mit Else wie einer der • jüngsten Leutnants; dann geleitete er sie zum Büfett, trank mit ihr Champagner und wollte sie wieder in den Tanzsaal zurückführen.
„Ich möchte lieber nicht mehr tanzen," sagte sie. „Ich bin erschöpft. Wollen wir ein wenig plaudern? Der Diener soll uns eine Schale Eis bringen."
„Äch ziehe den Champagner vor," lachte er ausgelassen. „Aber Sie gestatten wohl, daß ich Ihnen das Eis besorge. Sehen Sie jenen lauschigen Winkel dort drüben? Da läßt es sich bei einem Glase perlenden Champagners gewiß himmlisch plaudern."
lieber dem Büfettraum befand sich der Wintergarten, in deffen Mitte eine mit Palmen und breitblättrigen Blattpflanzen dekorierte Grotte lag. Hierher führte Harald Else, die sich ausatmend in einen der eleganten Korbsessel nie» verließ. Dann holte er eine Schale Eis und bestellte bet dem Diener für sich eine Flasche Sekt.
Nun nahm er an Elses Seite Platz und sah ihr schweigend in die Augen, die sich schüchtern unter seinen fragenden, heißen Blicken senkten.
„Erzählen Sie mir etwas von Ihrer Heimat, Herr v. Fredersdorfs," sagte sie leicht verlegen. „Ich denke es mir wunderschön, in einem atten Schloß, umringt von Wald und Feld, zu wohnen."
„Das ist Geschmackssache, gnädiges Fräulein," lachte er ein wenig spöttisch auf. „Wenn Sie diese alten Eulennester, welche Sie mit dem Namen Schloß belehren, kennen würden, dann dürsten Sie gewiß Ihre Villa mit all dem Komfort der modernen Zeit vorziehen. Die düstern Korridore und Treppen, die dunklen Winkel und staubigen Ecken erinnern nur zu leicht an ein Gefängnis."
„Aber das finde ich gerade recht romantisch! Da gibt es wohl mich Gespenster in Ihrem Schloß?"
Haralds Gesicht verdüsterte sich.
„Ja, Fräulein Else,' es gibt auch Gespenster in Schloß Fredersdorff," sagte er traurig. „Gespenster der Vergangenheit, die sich tote ein Alp auf unsere Brust legen und jede frohe Hoffnung, jede wahre unb echte Herzensfreude erdrückten!"
Sie sprechen auf einmal so ernst, daß mir ordent. lich bange wird. Und kann nichts die bösen Gcfxenj^r vertreibens" fetzte sie schelmisch hinzu.
„Ja," entgegnete er aufatmend und ihr voll in die Augen sehend, „ein Herz voll Liebe und Verstauen, lachende Livven und sonnige Augen — wie die Urigen, Fräulein Else. . ."
Errötend senkte sie die Lider. Sie verstand ihn fefrr wohl, aber gerade toeil sie ihn verstand, wagte sie nicht zu antworten.
lieber Harald kam es jedoch jetzt tote waghalsige Ausgelassenheit. Wie ein Spieler alles auf eine Karte setzt, um ein für allemal ein - Ende zu machen — so oder so — so wollte er jetzt ein Ende machest und sein Schicksal entscheiden. Hastig sprach er weiter — von seinem früheren Leben, von seinen verwüsteten Hoffnungen, von seinen verzweifelten Verlältn'ssen — er wußte selbst kaum noch, was er sprach. Er redete tote in einem Rausch, leidenschaftlich, schmerzl'ch, ein» mal sich selbst, dann wieder die Welt, die Mensch-n au- klagend — trat sich schließlich vor Else auf die Knie zu teerten imb ihre Hände mit leidenschaftlichen Küssen zu bedecken.
„Du allein kannst mich vor dem Itnfer’xmge retten, Else," flüsterte er mit zuckenden Lippen. „Deine Lstbe, Dein Vertrauen, Deine Reinheit können m'ch der Ver. zweiflimg entreißen und mich wieder Zu einem guten, reckst und ehrlich strebenden Menschen macken, O läge mir, daß Du mich lieb haben willst, lieb haben kannst— daß Du mir vertraust! Dann lverden die Gespenster der Vergangenheit fliehen tmd heiterer Frieden, goldener Sonnenschein wieder in das alte Schloß Freders. borff einzieheu."
Er blickte zu ihr auf mit heißen Augen, vor denen sie zurückbebte. Diese wilden, leidenschastlich-dunflen Andeutungen einer auf ihm lastenden Schuldigkeit, diese verzweiflunflkvollen Selbstanflagen, diese erschreckten sie. Noch niemals batte sie einen Blick in die düsteren Tiefen de? Von leidenschaftlichem Begehren, von Un» grücf. Sünde und Schuld, von Ver-Weiflung und Reue erfüllten menschlichen Lebens geworfen — mit einem, mal enthüllte sich ihr ein solches Dasein, da? von all diesen Leidenschaften durchwühlt und zerrissen war.
CH, schauderte insgeheim zurück vor diesem Abgrund, dessen Tiefe ihre reine Kindesseele nicht geahnt; zugleich aber erwachte in ihr daS Mitleid des WeibeS, das 1 mit sanfter Hand die Wagen der Leidenschaft zu glätten vermag, welche die Seele des Mannes durchstür. men
(Fortsetzung folgt!
tauf dies aus dem Ausland, insbesondere aus Holland, Lebensrnittel zu erhalten, erweist sich als trüge- risch: Das holländische Einkaufssyndikat hatesabge- ge lehnt, dem Ruhr geb', et Lebensmittel zu liefern und die holländische Eisenbahn weigert sich, leere Güterwagen durch das Kampfgebiet zu schicken; die holländischen Milchzüge, die seit Wochen Tausende von Litern Milch für die unterernährten Kinder des Industriegebiets gebracht hatten, find feit einigen Tagen völlig ausgeblieben.
Nur die sofortige Beilegung der sinnlosen Kämpfe und die Wiederherstellung geordneter Zustände kann das Industriegebiet mit seiner dichtgedrängten Millionenbevölkerung vor einer Katastrophe bewahren! Wenn erst die ganze Größe dieser Gefahr den Arbeitern zum Bewußtsein gekommen sein rot*, wird der gemäßigte Teil der Arbeiterschaft, der in der überwiegenden Mehrheit ist, wohl rasch wieder zur Besinnung kommen. Dann kamt es nur noch eine Frage weniger Tage oder Stunden sein, bis die in ein unsinniges Abenteuer aus- geartete Bewegung der linksradikalen Heißsporne sich von innen heraus ausgelaufen haben wird.
An der Nordgrenze des Industriegebiets sind außerordentlich schwere Kämpfe im Gange. Die von Kommunisten und Unabhängigen gebildete rote Armee ist zum Angriff auf die in der Richtung Wesel und Münster zurückgegangenen Reichswehr» und Polizeitruppen übergegangen.. Die Reichswehr hält sich vollkommen in der Defensive. Die rote Armee, die in der vergangenen Nacht ans etwa 10 Kilometer an Wefel betangefommen ist, scheint dort im Laufe des Tages nicht weiter vor- toärtsgelommen zu sein: dagegen scheint der Angriff auf M ii ii ster sich im Fortschreiten zu befinden.
In Bielefeld haben Dienstag nachmittag zwischen den von der Regierung entsandten Ministern Giesberts und Braun und den Arbeitervertretern des Industriegebietes Besprechungen über eine gütliche Beilegung des Konflikts stattgefunden. Reichskommissar Severing gab einen lieberblid über die Lage und eiflärte, daß sich im Industriegebiet eine kommunistische Kampfzentrale gebildet habe. Reichsminister G t e s b e r t s erklärte, daß das Kabinett einmütig darin sei, Verhandlungen mit dieser Kampfzentrale ebenso wie vorher mit der Kapp-Regierung a b z u l e h n e n. Es wurde schließlich eine Kommission gebildet mit der Aufgabe, eine Grundlage zu finden, damit dem Kamps der beiden Parteien ein Ende gemacht werde und das Blntvrrgießen anfhöre. Sie Vertreter der bewaffneten Arbeiter erklärten, bei einem Stege der Regierungstruppen würden die hinter ihnen stehenden Bergarbeiter sämtliche Bergwerke in die Lust sprengen. Die Kommission kämm ach mehrstündigen erregtenVerbandlungen zudem Ergebnis, daß ein zweitägiger Waffenstillstand mit vterundzwanzigstündigec Kündigungsfrist sofort in Straft treten solle, lieber die weiteren Forderungen (u. a. llebergabe der Militärgewalt an einen Ziv'ilbeamten) soll weiterverhandelt werden, nachdem Minister Braun, der noch in der Nacht nach Berlin zurückkehrt, der Reichsregierung mündlich Bericht erstattet hat. Reichsminister Giesberts wird an den weiteren Verhandlungen der Kommission teilnehmen.
Ein Telegramm des Reichskanzlers.
Der Reichskanzler hat an den Vors, des Aktionsaus- schuffcs in Hagen ein Telegramm gerichtet, in dem zum Ausdruck kommt, daß die Reichsregierung mit Dank davon Kenntnis nimmt, daß die drei sozialistischen Parteien alle Kräfte zur Niederringung der Reaktion eingesetzt haben und weiter gesagt wird, daß die Entwaffnung der Kappschen Truppen auch _im Muhrgcbiet durchgeführt werde. Indessen gehöre General Waller n i ch i zu den reaktionären Offizieren, da er sich nachweisbar in loyaler Weife hinter die Reichsregjerung gestellt habe. Die Truppenbewegungen nach dem Ruhrgebiet würden eingeftettt werden unter der Voraussetzung, daß die Ablehnung der Rätediktatur nich' nur versprochen, sondern auch in die Tat um gesetzt werde und daß insbesondere die vcrsassungsmäßigen Organe unb Behörde wieder in ihre Rechte eingesetzt würden, die Arbeiter die Waffen niederlegen und zur Arbeit zurückkehren. Sofortige Durchführung dieser Maßnahme sei unerläßlich, andernfalls feien weder von der Entente noch von Holland Nahrungsmittel zu erlangen.
Berlin.
Nunmehr hat auch der Zentralvorstand bei Unabhängigen beschlossen, den in Berlin noch anhaltenden Generalstreik sofort a b gabt e eben. Tie Streiklellung wirdnoch einmal di« Arbeiter auff Ottern, in die Betriebe fofoit zurück, zukebren. Tie Führer der Arbeiterschaft nehmen an, daß die Arbeiterschaft dieser erneuten Paro!« sofort Folge leisten wird, sodaß damit auch bet Generalstreik für Berlin als beendet angesehen werden kann. Die Unabhängigen haben dadurch, daß ihr Zentralvorfiano gegen die Beschlüsse der unabhängigen GewerkschaftsführerSiellung genommer hatte, die sich vorher für den Abbruch des Streik- ausgesprochen hallen, Schwierigkeiten in ihren Rethen bekommen. Auch ihre Anhänger sind arbeitswillig.
Bereits ist die Arbeit zum großen Teil wieder aufgenommen worden. Warenhäuser und Geschäfte sind geöffnet, mittlere und kleinere Fabriken arbeiten ebenfalls, soweit sie Strom haben, lieber die Zahlung der Löhne für die Streiktage wurde eine Einigung erzielt, doch verlangen die Angestellten, z. B. der Straßenbahn, die Maßregelung bestimmter Beamten. Die Zeitungen erscheinen wegen Lohnstreitigkeiten immer noch nicht. Die Drucker verquickten neuerdings ihre Lohnforderungen mit politischen Wünschen. Sie verlangen in den Zeitungsbetrieben maßgebenden politischen Einfluß.
Miktelbeutscklanb.
Heber die Lage im Bereich der ReichStvehrbrigadc 11 wird mitgeteilt:
Eisenach: Seit gestern ist eine Planmäßige
Durchsuchung nach Waffen im Gange. Vordringende
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