M. 65.
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Donnerstag, |8» Hlärz 1920,
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47. Zahrg.
Der Ernst der Lage.
Umsturz gegen Umsturz.
Der Putsch der Berliner Militaristen hat mit rau« to Hand in die Entwicklung eingegriffen und die be= senden Ansätze einer Besserung unserer Lage oer« Stet. Es besteht ziemlich Klarheit darüber, daß die- MEtaatsstreich nicht von großen politischen Parteien ^gegangen ist, die Urheber waren ein kleines Häuf- tzj» höherer Offiziere, die sich mit dem Geiste der neuen opt nicht abzufinden vermochten, und einige politische ^natiter, denen ihre Parteimeinung und deren ßieg alles ist, die sich aber den Teufel darum füm« jjern, wie es dabei dem armen deutschen Volke ergeht.
Politisierende Generäle unterstützt von oerantwor« Wgslosen Annexionspolitikern haben das Unglück die- te Krieges mitverschuldet, unserem Ansehen im Aus- hpide durch zähes Festhalten an weitgefteckten Kriegs- «chn namenlos geschadet und sind auch jetzr wieder pmi Verhängnis Deutschlands geworden. Mit Hilfe einige: Tausend irregeleiteter Soldaten, deren Enttäuschung über den Ausgang des BÄtikums-Abenteuers ^schickt zur Verfolgung eigensüchliger Ziele benützt Mirde, wollte man dem Rade der politischen Entwick- fctg in die Speichen fallen. Auch bei uns hat ier Gang der politischen Ereignisse seit dem Zusammenbruchs Deutschlands gewiß keine reine Freude awgelöst. Die herrschende Stellung, welche die Sozial- tmafratic durch die Revolution im öffentlichen Leben «hielt, war gerade für den christlichen Volksteil nichts weniger als erfreulich. Die Angriffe auf die Rechte der Kirche im öffentlichen Leben und besonders auf dem gebiete der Schule haben lebhafteir Unwillen hervorgerufen, die Verschleuderung der Staatsgelder, die Mach eingeriflene Personaliemvirlfchast, die oft plan« und ziellose Wirtschaftspolitik vielseitige Kritik erfahren. Aber sind diese Verhältnisse nicht zum Teil wenigstens das Schlußergebnis einer verfehlten Politik des alten Obrigkeitsstaates, die in der Ueberfpannung machtpolitischer Ziele nach außen, in der Verweigerung nichtiger Bolksrechte und in kleinlichen Schikanen ge- pn eigene Volksgenossen (Iesuitengesetzl) nach innen, staue in der Unfähigkeit des alten Regimes, in dem Jeutfchland angegliederten fremdsprachigen Gebiete moralische Eroberungen zu machen, ihren Ausdruck jstnd, konnte jemand glauben, daß durch die Wiederherstellung dieser Verhältnisse die heutige Lage meistern sei und daß ausgerechnet der Generalland- Daftsdirektor a. D. K a p p, dem so ziemlich alle Eigen- Mften eines Staatsmannes mangeln und dessen po- Aischrr Horizont kaum über die pommerischen und ost- preußischen Grenzpfähle hinausreicht, imstande fein fflet&e, die „gute alte Zeit wieder zurückzuschaffen. Er kann es nicht, aber wenn er es könnte, hätte es uns hie christliche Auffassung, welche jede gewaltsame Aen- immg bestehender staatsrechtlicher Verhältnisse ab- lchnt. verboten, sich hinter ihn und ferne Helfershelfer M stellen.
. Das ist fo bekannt, daß nur politische Kindsköpfe .«hüben können, das Zentrum habe irgend etwas mit den Staatsstreichlern gemein. Tatsächlich aber fflttb in Fuldaer radikalen Arbeiterkreisen, wie man ®5 berichtet, gegen das Zentrum Stimnnmg zu mach« versucht mit allgemeinen Verdächtigungen, die es dem rechtsradikalen Verbrechen in Verbindung chüngen. Wir meinen, die Stellung des Zentrums zu öm neuen Ereignissen ist deutlich genug zum Ausdruck gekommen. Durch eine Kundgebung der beiden Zen- dumsftaktionen ist sofort volle Klarheit darüber geschaffen, daß das Zentrum es ablehnt, den «uen Machthabern zu folgen, daß es als christliche Wlkspartei vielmehr fest auf dem Boden der «rfaffung steht und daher auf das Schärfste den versuch v e r u r t e i l t, die versaffungsmäß. Regierung ZU stürzen. Mit vollem Recht erklärt das Zentrum s als ein Verbrechen am deutschen Volk,
den sichtlich beginnenden Wiederaufbau des Vaterlandes zu stören und über- Deutschland die Gefahr des Bürgerkrieges heraufzudefchwören.
Wir haben die Revolution vom November 1918 verurteilt, wir Haden die Bestrebungen der radikalen Parteien auf die Errichtung einer Diktatur des Proletariats bekämpft, wir lehnen aber mit ebenso großer Entschiedenheit jede Diktatur von rechts ab, deren Ziel der Berliner Putsch war. Macht und Gewalt sind in der äußeren Politik durchaus ungeeignete Mittel, aber noch mehr zu verwerfen in der inneren Politik, da sie zum Kampfe Aller gegen Alle, zur Anarchie führen müssen. Nicht die Diktatur einer einzelnen Klaffe, sondern mir die Zusammenfassung aller K rä f t e, die guten Willens sind, am Wiederaufbau Deutschlands mitzuwirken, vermag uns vor dem Untergang zu retten. Don diesem Standpunkt aus haben wir uns nach der Revolution auf den Boden der gegebenen Taffachen gDellt, hat das Zentrum die Koalition mit den Demokraten und Sozialdemokraten geschloffen, hat es um Schlimmeres zu verhüten, sich mit manchen Tatsachen abgefunden, die zu beklagen Anlaß gegeben war. Und da die Verhältnisse noch lange nicht so gefestigt sind, daß wir die Mitarbeit der weitaus größten Partei des Reiches, der Sozialdemokratie, entbehren können, es vielmehr ausgeschlossen 'ist, heute gegen die sozialistischen Waffen regieren zu können, müssen wir den Versuch der Errichtung einer Militärdiktatur als den Gipfelpunkt der Verblendung mit Entschiedenheit ablehnen.
Druck erzeugt Gegendruck. Es war deshalb leicht vorauszusehen, daß der Versuch der Gegenrevolution zu einer wesentlichen Stärkung t> e s Radikalismus führen würde. Durch den blödsinnigen Streich der Kapp und Genoffen wird den Unabhängigen nur Wasser auf ihre Mühle getrieben. Wie die Radikalisierung der Maffen, deren Aufpeitschung unter der Pa- role „die Reaktion marschiert!" von den Agitatoren betrieben wird, wirkt, zeigen die Nachrichten über schwereKämpfe zwischen Truppen der R e i ch s- wehr und spartkistischen Heerhaufen. So wird in der Nachwirkung des Berliner Staatsstreichs Deutschland im Innern aufgewühlt und die Gefahr heraufbeschworen, daß es der völligen Anarchie überantwortet wird. Die Soge erfordert ein energisches Handeln, wenn nicht Deutschland innerhalb weniger Tage in ein politisches und wirtschaftliches Trümmerfeld verwandelt werden soll.
Man karm nur mit schwerer Sorge dem Fortgang der Ereigniffe entgegenblicken. Der Kampf des Umsturzes gegen den Umsturz erzeugt nur wieder Umsturz. Das Ende sind Ruinen und Gräber.
*
Der Generalstreik der Eisenbahner ift aufgehoben, aber der Parole der Wiederaufnahme des Verkehrs ist noch nicht Folge geleistet worden. Vom Bahnhof Fulda verkehren nur die bekanntgegebenen Arbeiterzüge. Der Fernverkehr ruht noch. Wir sitzen infolge« dessen in Fulda fast wie auf einer Insel, abgeschlossen von der Umwelt, nur bruchstückweise, widerspruchsvoll imb unübersichtlich laufen die Meldungen ein. Ein Bericht über die Sitzung der Nationalversammlung, die gestern in Stuttgart stattfinden sollte, liegt dem Wolff-Büro in Frankfurt, und damit auch uns, noch nicht vor. Das nur als Beispiel für den lückenhaften Eingang der Nachrichten. Die Lage im Reiche ist infolgdeffen gar nicht zu übersehen, vom Lauf der Ereigniffe während der letzten Tage kennt man nicht mehr als hier und da einige Ausschnitte aus dem Zeitfilm. Zur vorläusigen Vervollständigung des Gefamtblldes fei heute nachgetragen, daß der Putsch in Mecklenburg, wo das Ministerium abdankte, sowie in Schleswig und in Kiel zunächst Erfolg hatte. Aus Ostpreußen, über das zuerst gemeldet
wurde, daß der sozialdemokratische Oberpräsident Winnig zu der neuen Regierung übergegangen sei, wird später gemeldet, daß sich eine Koalitionsverwaltung gebildet habe, die zwischen den beiden Regierungen habe vermilteln wollen.__
Aufruf der Reichsregieruug.
wtb StuHgorf, 17. März. (Tel.) Die Reichsregierung erläßt einen Aufruf an das deutsche Volk, worin sie mitcilt, daß Kapp und Lüttwitz bedingungslos zurückgetrkten sind. Vor der ganzen Welt scheine damit erwiesen, daß die Demokratie in der deutschen Republik keine Täuschung fei. Jetzt müsse der verbrecherisch unterbrochene Wiederaufbau an Volk und Wirtschaft wieder ausgenommen werden. Dazu sei es nötig, daß die Arbeiterschtst ihre starke Waffe des Generalstreiks niederlege. Jedermann solle an die Arbeit gehen. Die Regierung werde die Aufgabe des Wiederaufbaues fördern und die Hochverräter der strengsten Bestrafung zuführen, daß nicht wieder eine Soldateska in das Geschick des deuischen Volkes eingreifen kann.
wtb Berlin, 17. März. (Tel.) Der Stellvertreter des Reichskanzlers, Reichsjustizminister Schiffer, teilt mit, daß die Kapp-Regierung bedingungslos zurück- getreten ist. Die Reichsregierung drückt allen Schichten der Bevölkerung, die in der Verteidigung der Demokratie treu zusammenstanden und dadurch die rasche Wiederkehr des verfassungsmäßigen Zustandes ermöglichten, ihren Dank aus. Der dem deutschen Volke zugefügte Schaden sei unabschätz- bar. Um den vollkommenen Zusammenbruch zu verhüten, rufe auch die Reichsregierung das gesamte Volk zur Wiederaufnahme der Arbeit auf.
wtb Berlin, 17. Mörz. Die Sappsche Pulschislen- Dikfalur erläßt selbst eine Meldung, nach der Kapp feinen Rücktritt erklärt.
Ein Telegramm des Oberprasidenten
vom gestrigen Tage an die Behörden lautet:
Gewerkschaftsfunktionäre und Achlzehner-AuSfchuß in Kassel haben einmütig die Wiederaufnahme der Arbeit beschloffen. In Frankfurt ist gleiches schon gestern beschloffen worden. Den Eisenbahnverkehr regelt die zentrale Streikleitung besonders. Die Ernährungswirt- schaft wi?d selbstredend uneingeschränkt aufrechterhalten. Ich bitte, alle ihr dienstbaren Organisationen zu verständigen und anzuhalten, ihre Arbeit nachhaltig aufzunehmen, lieber künftige Regelung bleibt Verständigung mit Vertretungen der Landwirte Vorbehalten. Kapps baldigsten Zusammenbruch zweifellos. Heute teilt der Oberpräsident von Münster mit, daß die ganze Provinz Westfalen fest zur verfassungsmäßigen Regierung steht. Auch alle sonst vorliegenden Nachrichten lauten günstig. Die Reichsregierung verlangt bediugungslose'Kapitulation Kapps und verweigert Verhandlungen.
Oberpräsident.
Der Generalstrei; der
Eisenbahner aufgehoben.
wtb Berlin, 17. März. (Tel.) Der General- streik der Eisenbahner ist aufgehoben worden. Er hat volle Wirkung gehabt.
Straffenkämpse in Berlin.
wtb Magdeburg, 17. März. Die Nachrichten über einen Kommunistenputsch in
Der Arbeit Lohn.
13s -----------
8. Kapitel
Bitter auflachend warf Harald die feine, goldgcrän- •Jrte Karte auf den Tisch, die ihn für den kommenden «onntag zum Diner bei dem Geheimrat Hallerrnark «nlud.
-Der Liebe Müh' umsonst, mein Hans," wandte er an Leutnant v. Bebenroth. „Da finde ich, was ich ^bringend nötig habe: ein reizendes junges Mädchen, »nd gztt und klug, in das man sich wahrhaftig auf stirie alten Tage noch verlieben kann, ein Mädchen, da? ^«m mit der ganzen scheuen Zärtlichkeit erwachender ^°be entgegentritt — inan hofft endlich zum Ziele zu r*™ten, da steigen di« Schatten der Vergangenheit MPor zmd in ihrem Nebel verschwindet das frezmdliche
der Zukunft. Zum Henker, ich bin des Spiels Fttbrüffig! Morgen reise ich nach FrederSdorff zi»
— mag dann die Karre laufen, wie sie will!"
»So leicht würde ich das Spiel denn doch noch nicht •Hfgeben, Harald," entgegnete Hans v. Bebenroth ernst. -Denn Dir auch Deine frühere Verlobte in der Villa ^l'ersmark als Erzieherin wieder getroffen hast, so ^das noch lange kein Grund, Deine Bewerbung um ^äulein Else aufzuyeben. Jedenfalls weiß man in
Familie des Geheimrats nichts von dieser einstigen ^rautschaft der Erzieherin, sonst würde man Dich nicht IE freundlich empfangen haben. Oder man ignoriert §ffe Tatsache, die drei Jahre und länger zurückliegt
Edelgard Lpnden über ihr früheres Verhältnis Dir sprechen sollte, halt« ich für unwahrscheinlich, pNn sie würde dadurch Gefahr laufen, ihre Stellung £ verlieren. Alles das spricht dafür, daß Du unbe- der Einladung Folge leisten kannst am kommenden "^ntag."
. .Slber, Mensch, HanS, Freund und Vetter, begreifst denn nicht, wie peinlich diese Situatron für selbst ist? Bedenkst Du nicht, wie ich mir selbst
' dieser Angelegenheit vorkommen mutz?"
--Gewiß, könnte die Affäre für Dich peinlich se n — *er nur in dem einen Falle —'
»Welcher sollte das sew?"
»Wenn Tn Edelgard Lynden noch liebtest ..." «Harald, biß die Zähne knirschend zusammen und t°.vdte sich ab, eine Weilt finster zum Fenster hinaus ,
die Straße starrend
Dann lachte er kurz auf und sagte:
»Von der Liebe laß uns nicht sprechen, alter Junge. Diesen Luxus darf sich ein Mann in meiner Lage nicht erlauben. Höchstens so eine ehrliche warme Neigung, die für eine vernünftige Ehe ausreicht, eine anständige Gesinnung und den festen Vorsatz, seiner Frau das Loben so , angenehm als nützlich zu machen... das andere, die Liebe, die Leidenschaft — das ist nichts mehr für uns, wie die Dinge heute liegen."
.Du ixtefft Dich nicht fo niedrig einschätzen, Harald."
Ihr Gespräch wurde durch den Eintritt des Dieners unterbrochen, welcher Harald mehrere Briefe überreichte. ,
„Geschäftsbriefe — Rechnungen — Klagen meines Inspektors über die Arbeiter — Klagen meiner Mutter über die Einsamkeit imb Langeweile in FrederSdorff — Klagen, Sorgen und nichts weiter! Es ist zum Der- zweifeln!" rief Harald und warf die Briefe auf seinen Schreibtisch.
„Doch halt," fuhr er fort, „da ist ja noch ein Schreiiben — alle Wetter, was ist das? Entschuldige mich einen Augenblick."
„Bitte — bitte I" .
Havald öffnete den Brief und las ihn — las ibn noch einmal und sank dann in den Sessel vor dem Schreib» tisch nieder, die Stirn in die Hand stützend und finster vor sich hinstarrend. Das dauerte eine ganze Weile, bis sich Hans, der am Fenster gestanden hatte, erstaunt umwandte. Rasch schrttt er auf den stumm und niedergedrückt Dasitzenden zu und legte ihm die Hand auf die Schulter.
«Hast Du eine schlechte Nachricht erhalten, Harald?"
Dieser fuhr jäh empor. Ein schmerzlicher Ausdruck lag inn seine Lippen.
„(Eine schlechte Nachricht? Nun, wie man's nimmt! Du wirst jedenfalls sagen, eS ist eine gute Nachricht. Für mich bedeutet sie . . . doch das ist einerlei! Da Hans, ließ! Wir haben keine Geheimnisse vor einander — lies nur!"
Er reichte dem Freund« den Brief, der nur wenige Zeilen enthielt und lautet:
„Menn Sie der Einladung deS Geheimrats H. zum Diner Folge leisten wollen, so sollen Ahnen alte Erist. nerungen nicht im Wege stehen. Die Vergangenheit mit ihrem Inhalt ist für mich versunken und vergaffen. Wir können uns frei und harmlos wieder begegnen.
Wenn eine ehrliche Zuneigung zu Fräulein Else Sie leitet, so werden Sie mich stets als Freundin auf Ihrer Seit« finden. Ich wünsche Ihnen mit Else Glück und Frieden — aber denken Sie daran, daß diese Güter nur durch strenge Arbeit, durch Vertrauen und selbstlose Liebe zu erringen sind.
Ich bitte Sie, der Vergangenheit ebenso objektiv gegenüber zu stehen, wie ich, die ich mich freuen weide, Sie als alten Freund wieder begrüßen zu dürfen.
Alles andere fei vergessen.
Edelgard Lynden." Bebenroth legte den Brief auf den Tisch zurück. „Ich finde eS von Fräulein Lynden sehr verständig diesen einzig möglichen Standpunkt der Unbefangen, heit einzunehmen und dadurch Deine Bedenken gegen einen Verkehr in jenem Hause gzt zerstreuen," sagte er.
„Ja, es ist sehr verständig," lachte Harald bitter auf. „Der doch auch so verständig sein könnte l"
„Harald?!"
„Na ja — ich will ja auch vernünftig sein! Aber neugierig bin ich doch, wie weit diese Verständigkeit bei Fräulein Lynden geht!"
„Jedenfalls will sie ihre gute Stellung in jener Familie nicht verlieren."
„Jedenfalls," svottete Harald. „Und später kann sie ja vielleicht die Erzieherin meiner Kinder wen. den."
„Ich würde Dir raten, Harald, Dich dieser Bitterkeit, Dix Dein Wesen in letzter Zeit erfüllt, nicht zu sehr hinzugeben. Tu hast jetzt nicht den mindesten Grund, mit dem Lauf der Dinge unzufrieden zu sein!"
,O nein — nicht den mindesten Grund!"
„Also wir sehen uns Sonntag beim Diner wieder?"
„Run ja — der Henker hole alle Bedenken und Sorgen! Ich werde die Einladung annehmen und ebenso verständig sein, wie Fräulein Lynden."
„So ist eS recht, Harald. Man muß das Leben nehmen, wie es ist. Und Dein Leben scheint sich jetzt nach der Sonnensette wenden zu wollen."
„Meinst Du?"
„Na, natürlich!"
„Ja, und da soll man sich nicht mit zu viel Gepäck beladen, lvenn man frei und leicht marschieren will. Alte Erinnerungen, alte Gefühle und Neigimgen. De. denken und Sorgen — alles über Bord! Und wenn der Stolz, die Selbstachtung amh noch zu schwer sind und den Flug dcL der Sonne zujhvebendeu Luftschiffes
Berlin sind wie aus unbedingt zuverlässiger Seite verlautet, sehr wesentlich übertrieben. .*
wtb Berlin, 17. März. (Tel.) An verschiedenen Stellen der S!adt tarn es heute zu Zusammen- flößen zwischen Reichswehr und Menge, die mehrere Tote und Verwundete gekostet haben. An der Adalbertbrücke wurde ein Oberleutnant von der Menge ins Wasser geworfen. Er Ist ertrunken.
wtb Berlin, 18. März. (Tel.) lieber die Zusam- menstöße in der Stadt im Laufe des Tages erfahren wir noch folgende Einzelheiten: In der Veteranen» straße wurde ein Mädchen durch einen Schuß verletzt und ins Krankenhaus gebracht; in der Brunnenstraße wurden mehrere Personen bei Räumung der Straße verwundet. Am Hermannsplatz in Neu-Kölln griff eine große Menschenmenge zwei Sicherheitssoldaten an. Der erste wurde schwer mißhandelt und ins Krankenhaus geschafft, der zweite Soldat warf in der Angst die Waffen fort, wurde aber von der Menge ergriffen und verschleppt. Obgleich sofort die Reichswehr eingriff, gelang es nicht, den Soldaten aufzufinden. Eine große Menschenmenge rückte von Neu-Kölln den Kottbuser Damm entlang nach Berlin. An der Kottbuser Brücke griff der Pöbel einen Posten an und warf mehrere Soldaten ins Wasser. Das Kommando bei Reichswehr, das in der Schule in der Gräfestraße untergebracht ist, eilte zu Hilfe, rettete die Kameraden und löste die Menge auf. Aus verschiedenen Teilen der Stadt wird gemeldet, daß die Kommunisten Barrikaden bauen, so am Kottbuser Tor und an der Frankfurter Allee. Eine große Menschenmenge sammelte sich im Laufe des Vormittages vor der Kaserne in der Wrangelstraße an und versuchte die Sicherhsitsmehr, von der dort dne Abteilung untergebracht ist, zu entwaffnen. Zwei Autos mit Maschinengewehren eilten herbei und säuberten die Straße. In Pankow bildete sich ein großer Hauses Bewaffneter, der in das Stadtinnere zog.
Schwere Kampfe zwischen
Reichswehr und Spartakisten.
wtb Dortmund, 17. März. (Tel.) Heute morgen kam es zu s ch w e r e n K ä m p f e n der bei Nacht an- gekommenen Truppen der Reichswehr, Bürgerwehr und Sicherhcitswehr einerseits und bewaffneten Arbeitern andererseits. Nachdem die Arbeiter große Verstärkungen aus der Umgegend erhalten hatten, überwältigen sie gegen Mittag die Gegner und setzten sich in den Besitz der Stadt. Auf beiden Seiten gab es viele Tote und Verwundete. Es hat sich ein Aktionsausschuß gebildet, der bekannt gibt, daß die Arbeiterschaft die Polizeigewalt in der Stadt ausübt Auch der Ort Herne bei Dortmund befindet sich in Händen der Arbeiter.
wtb Ohrdruf, 17. März. (Tel.) Auf dem hiesigen Truppenübungsplatz ift zurzstt ein schwerer Kampf zwischen Reichswehr und Spartakisten entbrannt. Beide Teile verwendeten Geschütze. Verstärkungen kommen dauernd auf beiden Seiten an. Die Lage ist noch unübersehbar.
wtb Leipzig, 18. März. (Tel.) Die Straßenkämpfe dauerten mit geringen Unterbrechungen bis in die späten Nachtstunden an. Die Arbeiter sind in das Stadt innere oorgedrungen. Der Schlesische Bahnhof ist in ihrer Hand. Seit Mitternacht herrscht verhältnismäßige Ruhe. Es finden zurzeit Verhandlungen unter Teilnahme der sächsischen Minister statt, über deren Ergebnis noch nichts bekannt ist.
wtb Berlin, 18. März. (Tel.) In Plauen haben die Unruhen 7 Tote und 15 Verwundete gefordert. Der Generalstreik ist dort beendet. Aus verschiedenen Orten des Voigtlandes werden Unruhen gemeldet. lieber die Vorgänge in Halle ist bisher nichts bekannt. Die Leipziger Morgenblätter sind heut» nicht erschienen.
zurückhalten wollen — über Bord mit diesen lästigen Sandsäcken — über Bord damit! Adieu, HanS, ich komme Sonntag zum Diner — verlaß Dich darauf' Meine Sandsäcke sind alle über Bord geworfen ..."
Kopfschüttelnd entfernte sich Bebenroth, er konnte sich in den Gedankengang seines Vetters nicht hinein!- versetzen. Aber, so tröstete er sich, diese sonderbaren Bedanken würden schon verschwinden, wenn Harald erst der Schuiegersohn des Millionärs und allen drückenden Sorgen imb Röten enthoben war.
Harald blieb in Sinnen versunken an feinet» Schreibtisch sitzen.
„Es ist leicht gesagt," murmelte er düster vor sich hin, „all diesen Ballast über Bord werfen, an dem man mit ganzem Herzen gehangen hat. Das ist gerade fo, als wenn man feine Heimat verläßt, und Hunderte ton lieben alten Erinnerungen zurücklassen muß — auf Nimmerwiedersehen! Doch was hilstS," fetzte et auf» seufzend hinzu, imb mit der Hand über die Augen streichend, „eS muß geschehen, sie hat sich ja auch b-ak mit abgefunden — und so mag es denn darum sein."
Er ergriff einen Briefbogen und schrieb an den Geheimrat. daß er sich Sonntag die Ehre geben würde.
In seinem Zimmer vermochte er eS jedoch nicht mehr auszuhalten. Er kleidete sich an und ging fort, sich von dem Strome der Menge Unter den Linden treibe» lassend.
Heute bemerkte er unter der hin. und herflutenden Menge eine lebhaftere Bewegung als gewöhnlich. Mehrere .Herren, die er als Reichstagsabgeordnete kannte, und die vor ihm herschritten, unterhielten sich in scheinbar großer Erregung. Als er an den Herren vorüber, ging, hörte er einen von ihnen sagen:
„Mich soll'S wundern, wie diele Ministerkrisis en>- digt. Heule nachmittag bat der Kaiser mehrere poli- ttsche Persönlichkeiten zu sich befohlen."
Harald erinnerte sich, daß er am Morgen in der Zeitung von einem unmittelbar bevorstehenden Mini, sterwechsel gelesen batte. Der Finanzminifter und der Handelsminister sollten ihre Demission eingereicht hat- ben. Er hatte sich nicht weiter dalür interessiert. Was ging ibn die Politik an? Mochte Minister werden, wer da wollte, ihm konnte doch kein Minister helfen.
Bor fittffee Dauer traf er mit dem LegationSsekre- tär v. Uechtritz zusammen, der ihn anredete.
„Sieh da, Herr Rittmeister, wohin des 28pa3?N fcSabe kein bestimmtes Ziel-*