Zreitag, |2. Märr 1920
Nr. 60
Der Arbeit Lohn
ftörung auf deutschem Gebiet erfolgen soll. Wenn also Deutschland schon seit dem Abschluß des Waffenstillstandes, also noch vor Inkrafttreten der betreffenden Vertragsbestimmungen, mit dem Zerschrotten' von Kriegsmaterial begonnen hat, so handelte es damit gerade durchaus im Sinne dieses Artikels und erfüllte gleichseitig ein dringendes wirtschaftliches Gebot, denn ohne das aus diesen Zerschrottungen gewonnene Rohmaterial wären zahlreiche deutsche Fabriken zu vorzeitigem Erliegen gebracht und Taufende von deutschen Arbeitern brotlos geworden.
um daraus den Schluß zu ziehen, daß die Frage einer sehr ernst haften Prüfung unterzogen werden mutz, ehe in dem einen oder anderen Sinne entschieden werden kann.
Die Präfidenlfchafisklmdidakur Hindenburgs kann angesichts der einmütigen Ablehnung, die sie in der Presse der Mehrhettsparteien gefunden hat, schon als erledigt gelten. Wenn das nicht wäre, würde die Mitteilung eines deutschnationalen Redners sie vollends unmöglich machen, wonach der Feldmarschall, als ihm die Kandidatur angeboten wurde, zuerst eine Bedenkzeit sich erbeten habe und „bei seinem Kaiser, dem er den Treueid geschworen habe, die Genehmigung zur Annahme eingeholt" habe. Eine „Kandidatur des Kaisers" würde nicht nur in linksgerichteten Parteikreisen heftigsten Widerstand finden, sondern rms auch gespannte Beziehungen zum Auslande einbringen.
FlaggeuparÄe in Flensburg.
Das Flaggverbot der Internationalen Kommission für die Zeit vom 12.—16. März hat eine für diese höchst überraschende Wirkung gezeigt. Es hat zu ganz spontanem, allgemeinem Bekenntnis zum Deutschtum geführt. Da am Freitag die Fahnen eingezogen wer- den müssen, hat die Bevölkerung die noch übrigen Tage zu einer überwältigenden Kundgebung benutzt. Das ganze Land prangt in einer unabsehbaren Flaggenparade, die schon beim ersten Haus beginnt, welches man bei der Einfahrt in die zweite Zone aus erblickt. Flensburg versinkt vollständig in deutschen und schleswigholsteinischen Farben. Jedes Haus, saft ohne Ausnahme, ist geschmückt, in vielen Straßen grü- ßen Fähnlein und Schleifen aus jedem Fenster. Die dänischen Farben verschwinden vollkommen. _ Nur in einigen Arbeiterstraßen haben die „Speck"dänen als Quittung für die empfangenen Nahrungsmittel, dre ihnen aus Kopenhagen zukamen, die Fahnen heraus- hängen müssen. Die Stimmung der sonst so ruhigen Bevölkemng ist erregt Das übermütige Auftreten der Franzosen hat viel dazu beigetragen, um den letz- ten Gleichgülligen aufzurütteln. Auch die sinnlosen Verbote und Unterdrückungsmaßnahmen, welche die Internationale Kommisiion auf Einflüsterung der Danen und ihrer französischen Freunde vorgenommea hat, haben böses Blut gemacht
Die interalliierte Kommission hat mmmehr das Fkaagenverbot dahin abgeändert, daß nur das Beflaggen von öfientlichen Gebäuden und SchEfen- »ern verboten ist. Don der Hohe des ersten Steck- werks an dürfen alle Privathäufer flaggen. Auf diesen Beschluß hm haben die datts-hen tonischen Berater der interalliierten Kvmnnssüm ihre Tuches kett W-Hlvc t auf genommen. ■■ ,■
DaS Wirtschaftsleben-
♦ Seine Linderung des Kleidungs-Elendes. Das Kriegsende hat unserer Bevölkerung keine Erleichterung im Kleiderelend gebracht, und die Entwicklung der Dinge scheint eine Bessenmg für absehbare Zeit geradezu auszuschließem In amerikanischen Fachkreisen ist man der Ansicht, daß Rohbaumwolle auf 75 Cents, melleich sogar aus 1 Dollar das Pfund (450 Gramm) steigen durfte. In der nächsten Zeit wird sttigache Baumwollknappheit erwartet Die von den Kleinhändlern in Amerika lange vertretene Ansicht, daß sich der Bedarf unter diesem Preisdruck ein- schranken werde, hat sich nicht bewahrheitet. Man stelle sich vor, wie tin derartig entsetzlicher Preis bet unserer BÄuta wirkt. Der Dollar gilt noch 75 Mark, rin Pfund bearbeitete Baumwolle muß danach glatt 100 Mark toftenü Und wenn es erst in der neuzeit- kichen Form durch allerlei Schieberhände gegangen sein wted. . .
• Vie yenemnWchneider 'n Berlin sind in den Streik getreten, der Tarif läuft 6t3 Aprtt. Nach dem Schiedsspruch eines SchlichtuugSauSschuffeS sollte für März 5 Mark Stunden lohn, boot April ab 5,50 Mark bezahlt werde«; das ist von beiden Teilen abgelehnt worden. Nach Angabe deS Arbeitsgeberverbandes stehen die meisten Schneider in Akkordlohn und erreichen einen JahreSverdtenst von 15000—20000 Mk. Eine Anzahl außerhalb des Verbandes stehende gwjnen haben die
Die Zwischenfälle.
Dem diplomatischen Gebrauche gemäß hat der deutsche" Geschäftsträger in Paris, Dr. Mayer, wie schon ge- meldel, dem französischen Ministerpräsidenten und Minister des Aeußeren, Mrllerand, das Bedauern der deutschen Regierung über die Dorsälle im fjotet Adlon übermittelt. 3m Verlaufe des Gesprächs wurden auch die Fälle besprochen, die sich neuerdings ereigneten. Den deutsche Geschäftsträger bemerkte hierbei, daß diese Fälle offenbar anders geartet seien. Die deutsche Bevölkerung sei infolge der Unterernährung leicht erregbar, sodaß es der Regierung bei politischer Hochspannung schwer falle, jede Ausschreitung von vorherein zu verhin- dein. Der deutsche Geschäftsträger verwies auf das frühere Ersuchen der deutschen Regierung, die Mitglieder der 'Kontrollkommissionen möchten zur Vermeidung solcher Vorkommnisse nicht in Uniform geben. Dieses Ersuchen wurde früher obgelehnt. Millerand kam im Anschluß hieran auf die Uebergriffe zu sprechen, die sich deutsche Soldaten gegenüber der in das Baltenland entsandtest Kommisiion des Generals Niesiel zuschulden kommen ließen. Dr. Mayer verwies hierbei auf die Verurteilung dieser Vorfälle durch die deutsche Presse und sprach hierbei die Hoffnung aus, daß es durch Bestrafung der Schuldigen und Aufklärung des Publikums gelingen werde, die Wiederkehr ähnlicher Creignisie künftig hintanzuhatten. Ministerpräsident Millerand erklärte hieraus, man wisie, daß das deutsche Volk leide. Das sei unbestreitbar, aber gerade, wenn man helfen und rasch helfen wolle, werde dies erschwert, wenn sich solche Vorkommnisse ereigneten.
Der Zwischenfall im Adlon hat im übrigen wettere dftllomattsche Schritte von französischer Seite nicht zur Folge gehabt. Die Untersuchung gegen Prinz Joachim Albrecht wird fortgesetzt. Er befindet sich noch in Schutz- Hast. „„
Bei den Vernehmungen in Wernitz wegen der Wilddieberei durch französische Soldaten suchte die französische Kommission vor allem den Schützen festzustellen, der den Franzosen getötet hatte. Die Mitglieder der Einwohner- wehr erklärten jedoch, der Desehl zum Schießen fei von ihrem Führer ausgegangen, und sie könnten nicht zugeben, daß em einzelnes Mitglied der Wehr für eine Tat etwa bestraft werde, die in Wahrung der öffentlichen Sicherheit oeschehen sei. Im Wiederholungsfälle werde man sich noch energischer zu Wehr, setzen. Die ftanzösische lieber- wachungskommission hat inzwischen die sieben beteiligte®- französischen Soldaten eingesperrt.
tarn denkend, den veränderten Verhältnissen Rechnung trug, so lebte insgeheim im tiefsten Innern ihres Hrr- zenS doch noch die Hoffnung auf das »Wunderbare", auf die große, freie Tat des McmneS, den Re geliebt, dem sie vertraut hatte — die Hoffnung, daß er trotz allem wieder vor sie hintreten würde, um sie zu. fragen, 06 sie mit ihm gemeinsam den Kampf ums Leben aufnehmen wollte
Wie freudig würde sie dann ihre 'Hand tn die feinige gelegt hüben l Mit welcher fiegeSfrohsn Hoffnung würde st- mit ihm in den Kampf gezcyen feint
Daß ein rechter Mann den Kampf nicht zu scherten brauchte, das bewies das Leben rhreS Vaters, der draußen in der weiten Welt sich wieder eine ehrenvolle Siel, hmg erworben hatte und, wenn er auch keine Reichtümer sammelte, doch sein gesichertes Auskommen besaß. Jetzt weilte er seit einem Jahr in Australien, wo er eine große Fabrik leitete. Er schrieb sehr selten; oft vergingen Monate, bis Edelgard einen kurzen Brief eg- hielt; feine Geschäfte nahmen ihn vollauf in Anspruch und führten ihn in entlegene, wilde Gegenden, die kaum in einem Zusammenhänge mit der zivilisierten Well standen.
H-tzi war em halbes Jahr vergangen, seit seinem letzten Brief.
An alles das dachte Edelgard in dieser stillen, ein. fermen Stunde der Nacht.
Nach und nach hatte sich ihr Herz beruhigt, die ge. Heimen Wünsche und Hoffnungen schwiegen und eine große, fast unnatürliche Ruhe legte sich auf ihr junges Herz, das so früh schon verzichten gelernt hatte Nur noch der Pflicht, nur noch der selbWbernommLnen Ar- bei lebte sie. Sie wollte an nichts mehr denken, tocS hinter ihr lag — nur vorwärts schauen wollte ste.-
DaS war nicht leicht, aber chr energischer WMe zwang die immer wieder austauchenden Wünsche wie- der, bis sich die gleiche, kühle Ruhe auf ihr Herz legte, wie die kalte, dichte, gleichmäßige Schneedecke auf die im Winterschlaf erstarrte Erde.
Da ertönte ein leises dumpfes Rollen durch die Stille der Nacht. Das eifetne Gittertor des Gart-ns klirrte leicht beim Oeffnen und der Wagen, welcher dte Bawzäste heimbrachte, fuhr vor das erleuchtete Portal dos Harrses.
6s teaj zwei Uhr nachts.
Lhnden saß in üßmn Zimmer und ivarteie 8? dse Rückkehr Elses von ihrem wrfinu großen Ball, üe in BxglB.tung ihve-Z Vatzexs imi>. ihrer Tagte
Verantwortlich für den rebaitioneCen Teil: Karl Schütte, :t für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. :: Rotattonsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda- Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
WSelgard erinnerte sich bei diesem Anblick der Hei. ** ihrer Kindheit. Auch in ihrer elterlichen Villa «tcn die Palmen gerauscht, die Rosen süßen Duft ^»geströmt und ein kristallklarer Springbrunnen ge* sichert. Unter einer Palmengruppe wie jene, welche öte lauschige Grotte umgab, hatte Harald ihr zu. R ton seiner Lieber gesprochen — vorüber war dies heiße Tränen traten ihr in die
Die kleine Margarete bemerkte dies und schmiegte ■P innig an Edelgard, indem sie ihre Hand ergriff sie in schüchterner Liebkosung küßte.
Ma aber, die älteste, pflückte schnell eine Rose und V°He sie Edelgard.
, »Sie dürfen nickst mehr traurig fein', fegte sie, ihr Kindlich bittend in die Augen schauend. »Sie müs. £n bei uns bleiben und wir wollen treue Freundschaft Wien."
I Auch Elfriede reichte der neuen Freundin die Hand. »Wir freuen uns ja fo sehr, daß wir Sie als un. ME Lchrerin erhalten sollen," sprach sie. „Tante ist swrs so mürrisch und wir möchten doch gern Wll und vergnügt sein. Nicht wahr. Sie spielen und auch mit ims?"
das rvill ich — wenn ich es vermag," entgeg« Edelgard bewegt. „Ihr dürft mir aber nicht böse Ws. wenn ich manchmal traurig bin — wenigstes im — Mr wißt ja wohl, was wir Schlimmes eu- Wtt haben."
-Ja, Papa hat davon erzählt," versetzte Elfi, bei uns sollen Sie all das Häßliche vergessen! S?* nun km innen Sie — wir zeigen Ihnen den Gau. und unsere Lieblingsvlätze Dann gehen wir in E ^iall W den Pferden. Papa hat mir schon em j7*Wtb geschenkt. Elfriede und Grete sind naSrlich zu klein zum Reuen."
| So schloffen die Mädchen dann rasch Freundschaft.
■_ Gefühl der Ruhe und des Friedens zog wieder Edelgards Herz; sie nahm sich vor, den Kiitdscn eUe
Die Wahl des Reichspräsidenten.
«ei der Beratung der Reichsverfassung 'm Weimar w<5rtc zu den strittigen Fragen die Wahl des Reichs- iBfibenten. Der Berfassungsentwrrrf des chemaligen "«Misters Preuß sah die Wahl durch Bolksent- fdeiö, d- h- durch die Abstimmung des ganzen Dol- h vor. Bei der Beratung der Verfassung hatten sich '■ätt diesen Punkt Meinungsverschiedenheiten ergeben. Zu allen drei Mehrheitsparteien waren die Ausfaf- »msen geteilt. ...
" Durch die von den Parteien der Rechten besur- Mirtetc Kandidatur des Generalfeldmarschalls von
ntzenbur g für die nächste Präsidentenwahl ist die Angelegenheit aufs treue in Fluh gebracht, zgie wir bereits mittelten, bereiten die Mehrheits- M^ldemokraten einen Antrag vor, der auf eine Bssungsänderung abzielt und zwar da- d, daß die Wohl des Reichspräsidenten nicht .olksentschcid, sondern durch das Parla- und den Reichsrat vorgenommen werden fc(L Die Demokraten sind geneigt, für diesen Antrag gmjnreten. Auch im Kabinett herrscht die Ansicht
daß es nicht zweckmäßig ist, die Wahl durch Mksentschcid vornehmen zu lasten. Indessen ist die Ezc Angelegenheit iimerhalb der drei Mehrheits- ^teten noch nicht näher besprochen worden.
Die Frage der Präsidentenwahl wird aber in der »scMchen Erörterung der nächsten Zeit zweifellos gne große Rolle spielen und es dürste daher angezeigt Ma, sich näher mit der Frage zu befassen, zumal der Kesetzentwurs betreffend die Wahl des Reichspräsiden- fen in absehbarer Zeit das Partament zu beschäftigen 'haben wird. Es ist nicht von der Hand zu weisen, tzaß die Wahl des Reichspräsidenten durch das Volk Schattenseiten hat. Es besteht zunächst die Gefahr, daß die einzelnen großen Parteien sich zur Aufstellung eigener Kandidaten entschließen. Die Rechte hat diesen Weg mit der Aufstellung des Generalfeld- warschalls von Hindenburg ja bereits beschritten. Die ßozialüemokraten würden zweifellos, wenn es innerhalb der Mehrheitsparteien zu einer Einigung nicht kämmen würde, ebenfalls einen eigenen KaMdaten swfftellen und es bliebe dann den übrigen großen Barteten nichts anderes übrig, als ein gleiches zu tun. 3uf diese Weise entstände die Gefahr, daß ein Mann oi die Spitze des Reiches berufen würde, der lediglich »ach Parteigesichtspunkten, nicht aber nach feiner allgemeinen Befähigung gewähü wäre. Daß das ein unerwünschter Zustand wäre, bedarf keines ;6etneifes. Es besteht weiterhin die Möglichkeit, daß teilt Volksentscheid ein Mann zum Reichspräsidenten gewähll werden würde, der nickst auf dem Boden der parlamentarischen Mehrheit steht. Schwere Son- trifte zwischen Parlament und dem Reichspräsiden, ten wären da unvermeidlich und innerpolitische Er- Wterungen würden kaum ausbleiben können.
Auf der anderen Seite ist aber auch nicht zu verfemten, daß die durch das Parlament und den Reichs- tof vorzmwhmende Wahl des Reichspräsidenten bedingte Verfassungsänderung mißlich ist. Es ist in der Derfasstmg dem deutschen Bowe 'm sei- «r Gesamtheit em Recht emgeröumt, das man chm P ohne weiteres nicht wieder nehmen kann. Man MM sich mich nicht der Tatsache verschließen, daß « in der Verfassung vorgefchene Wahl durch das Wlk von dem (Manien ausgegangen ist, durch die Schaffung emes vom Parlament unabhängigen Prä- Henten, der seine Macht direkt vom Volke ableitet, Men zweiten selbständigen Regierungsfaktor zu schaf- tet «nd so eine Art Gegengewicht gegen den Reichstes bildet.
Wir beben in diesem Zusammenhang die Ge- Wspunktc für und gegen die Wohl des Retchsprä- Mmen durch das Volk bezw. das Parlament nur kurz Werften können, aber wir glauben, daß dies genügt,
anroälten 3um Vorwurf macht, daß sie in parteipolitischem Eifer weit über das Ziel hinausgeschossen sind.
Soweit die Beurteilung der rein prozessualen Vorgänge. Es ist aber noch ein weiterer Umstand, der das Auftreten der beiden Staatsanwälte, namentlich aber des Staatsanwalts v. Krause, in einem sehr eigenartigen Licht erscheinen läßt. Dieser öffentliche Ankläger hat sich für berechtigt erachtet, von der „unheilvollen" Frie» densentschließung zu sprechen, und er hat sich für berufen gehalten, den Abgeordneten und Mitgliedern bei Regierung moralische Vorhaltungen und Ermahnungen zu geben. Es will uns dünken, als ob sich Staatsanwalt v. Krause Befugnisie angemaßt hat, die ihm nicht zu stehen. Wir muffen ben schärfsten Protest gegen biefe Ueberschreitung staarscmwattischer Befugnisse entlegen. Wohin würben wir kommen, wenn jeder öffentliche Ankläger Kritik üben wollte an Maßnahmen und Entschließungen der Parlamente und der Regierung? Wenn Staatsanwalt v. Krause mit der Aufmerksamkeit die Beweisaufnrchme verfolgt hätte, wie man sie von einem Staatsanwalt erwarten dürste, dann würbe er kaum von einer unheilvollen FriedensentMeßung habe sprechen können, denn auch die Beweisaufnahme im Prozeß hat ergeben, daß die Friedensentschließung als solche keineswegs eine unheilvolle war, sondern daß ihre Wirkungen mcheilvoll erst geworden sind durch den Kampf, ben die Rechte und die Alldeutschen gegen sie geführt haben.
In einer Erklärung im „Derk. Tgbl." hatte Ober- staatsanwatt Krause die ihm von Erzberger in seiner Schlußrede vorgeworfene Nichtbeachtung der Aussage eines wichtigen Zeugen, des Ministerialdirektors v. Schönebeck zu rechtfertigen versucht. Das Berl. Tgbl., das gewiß nicht der Voreingenommenheit für Erzberger verdächtig ist, bemerkt zu der Erklärung:
Ist es schon formell ungewöhnlich unb schwerlich zu billigen, wenn die Staatsanwaltschaft nach Schluß der Beweisaufnahme und vor Verkündung des Urteils öffentlich eine Aussage zu entkräften bemüht ist, die sie in der Hauptverhandlung ignoriert hat, so ist auch fachlich diese Erklärung unbefriedigend: Erzberger hatte sich nämlich darauf berufen, daß Ministerialdirektor v. Schönebeck als der für die in Rede stehende Frage zuständige Referent bekunden werba, Erzbergers Schritte zum Zwecke stärkerer Erzbelieferung ber Firma Thyssen unb zur Steigerung ber Erzförderung überhaupt hätten auch im öffentlichen Interesse gelegen. Das hat Herr 0. Schönebeck als feiner Anschauung entsprechend bestätigt, das hat Herr Oberstaatsanwalt Krause unberücksichtigt gelassen. Erzberger» Bocronrf war also begründet.
Die „deutschen Warenlager".
Nach Presiemeldungen behauptete der französische Ministerpräsident Mi Iler and, daß Deutschland die militärischen Bestimmungen des Versailler Friedens- verttages verletzte, indem es Waffen und Munition verborgen halte, die Zerstörut^ von Kriegsmaterial selbst vornehme u. a. m. Im Anschluß hieran stieß er wieder Drohungen aus, die bereits aus seiner Kohlennvte bekannt sind und stellte die U n t e r- brechung der Räumungsfristen und die Wiederbesetzung bereits geräumter Gebiete in Aussicht.
Hierzu wird dem Wolffbüro von zuverlässiger Seite u. a. geschrieben: Deutschland denktnichtdaran, irgendwelche geheimen Wasfenlager zu unterhalten. Alle Vorgänge spielen sich vor den Augen der Entente- misiionen ab, die mit zahlreichen Unterkommissionen das ganze Reich überschwemmen. Wenn der französische Ministerpräsident glaubt, Beschwerde auch dar- über führen zu müssen, daß Deutschland eigenmächtig Kriegsmaterial zerstört habe, so ist ihm entgegenzuhalten: Der Sinn des in Frage kommenden Artikels 169 des Vertrages kam? für jeden billig Denkenden nur darin gesucht werden, daß das überzählige Kriegsmaterial DMtschlands so schnell und so gründlich wie mög- sich zerstört wird und zwar auf deutschem Gebiet, denn es wird darin ausdrücklich festgesetzt, daß die Auslieferung dieses Geräts an die Ententemächte zur Zer-
Di« Staatsanivattfchaft im Erzverger-Prozetz.
• lieber die Haltung der Staatsanwaltschaft im Prozeß Erzberger-Helfierich wurde hier schon einiges gesagt. Man hat aus dem Munde der Staatsanwälte kein Wort der Anklage gegen Helfferich gchört. Kein Wort des Tadels über die bedenkliche Kampfesweise Helfferichs und seines alldeutschen Anhanges; kein Wort des Tadels über die Materialbeschaffung durch Helfferich. Dagegen schwere Anklagen und Dorwürfe gegen Erzberger, dm Nebenkläger und Beleidigten. I Es kann nicht unsere Aufgabe sein, an dieser Stelle auf die Einzelheiten der ganzm Prozeßführung einzugehen. Wir möchtm es uns aber doch nicht verfügen, zur Kennzeichnung der Gerichtsreden des öffentlichen Anklägers nach nachträglich folgende Zuschrift eines Teilnehmers der Verhandlungm wiederzugeben:
Wir bennmbeat ben Mut des Staatsanwalts 0. Krouse, mit dem er sich über die Vorgänge, die mit ber Frie - beusentfchließung vorn Jahre 1917 im Zusammenhänge stehen, em Urteil gebildet hat. Jedem, ber die ProzeßverHandlungen sorgfältig verfolgt hat, wirb es klar geworden fein, daß selbst die Beteiligten über alle Em- zekheiten ber damaligen Ereignisse sich durchaus nicht im klaren waren. Das ist auch ganz natürlich. Die Ereig» rnffe haben sich in ben 3ufitagen 1917 mit außerordentlicher Schnelligkeit im bunten Wechsel abgespielt. Selbst in ben parlamentarischen Kreisen, die jene Tage miterlebt haben, ist man heule gar nicht mehr in ber Sage, sich noch eine fcharftnnrissene Vorstellung jener Ereignisse zu machen. Staatsanwalt Krause aber fft mit seinem Urteil schnell fertig unb das merkwürdige dabei ist, daß er sich auf-töt Aussage ehrt einzigen Zeugen stützt, eine« Zeugen, der die Ereignisse in den Iulitagen 1917 nur zum Teil persönlich miterlebt hat, dagegen die Aussagen mehrerer Zeugen, die in dem Werden ber Iulientschlteßung tätig mitgeroirft haben, mit einer kurzen Handbewegung einfach von steh weist. Die eidliche Erhärtung^ der Stus- sagen Erzbergers scheint ben beiden Staatsanwälten überhaupt einer Beachtung gar nicht wert zu fein.
Auch sonst haben beide Staatsanwälte sich rMich Mühe gegeben, die Handlungen Erzbergers schwarz in schwarz zu malen, wozu die Beweisaufnahme eine Handhabe nicht gegeben hat. Wir sind der Meinung, daß es nicht Aufgabe ber Staatsanwälte war, den Kläger imb Beleidigten zum Gegenstand ihrer klägerifchen Krttik zu machen, sondern die Beleidigung durch Helfferich. Die 6eiben Staatsanwälte dürfen sich nicht wundern, wenn in weiten Volkskreisen sich ber Eindruck festigt, als ob beide Herren unter dem Druck einer starken Voreingenommenheit gesprochen haben. Das überschwengliche Lob der alldeutschen Presse an die Adresse ber beiden Staatsanwälte sollte diese Herren noch nachträgüch recht bedenklich machen. Cs ist nicht zu verwundern, wenn unter dem Eindruck der Gerichtsreben der Staatsanwälte unter anderm der „Vorwärts" von einer „deutschnationalen Justiz" spricht, unb ben Staats-
In dem Nebenzimmer schliefen Elfriede und Gerte ben tiefen gesunden Schlaf der Jugend, ihre leisen Wemgüge tönten zuweilen durch die Stille der Nachb welche auf bei Villa ruhte. Sonst kein Laut, als das leise Ticken einer kleinen Standuhr auf dem Kamin und db imb zu das Sausen des Windes in den Bäumen dqs Parkes.
Edelgard schrieb an ihrem Tagebuch. Nachdem sie die Tagesereignifse eingetragen, lehnte sie sich in den Segel zurück und blätterte in dem Heft hin und her, Ihre Lebensgeschichte der letzten zwei Jahre war darin «mfgezeichnet, vom ersten Tage ihres Eintritts in dieses Haus — eine äußerlich wenig bemerkenswerte Geschichte, 'um fo reicher jedoch an innerlichen Erleb. Nissen. 1
Schwer genug war es Edelgard immerhin geworden, sich in die dienenbe Stellung hineinzufinden. Der Geheimrat war zwar von großer Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme gegen sie, Fräulein Amalie Hallersmark jedoch kehrte nur allzuhäufig die Herrin heraus, und ihre spitzen Bemerkungen trieben Edelgard oft das Düü in die Wangen.
Entschädigt wurde sie für die Unlr^enstvürdi^eiten Fräulein Amaliens allerdings reichlich durch die Liebe und Anhänglichkeit ihrer Zöglinge. Mi Else, die ja nur einige Jahre jünger war, als sie selber, verband sie bald eine innige Freundschaft; Elfriede und Grete hingen mit geradezu schwärmerifcher Begeisterung an ihrer neuen Lehrerin und Erziehern,, die fo ganz anders war, als die früheren ©oubeewonien; die steife, englische Miß oder bre schwatzhafte Mademoiselle, die mit aller Welt, sogar mit dem Geheimrat, kokettierte.
Das ernste, stille vornehme Wesen Edelgards übte auf die jungen Mädchen einen sehr wohltätigen Ein. flnß ans, und der tzteheimrcrt bewies Edelgard ferne Anerkennung durch volles Stertrauen.
Wlterdings erlebte ©bclgarb febc scteuerzliche Sinn, ben, ehe sie sich in dir neuen Verhältnisse hineinge- funden halte — schmerzliche Stunden der Erinnerung, wenn sie daran dachte, weich große Enttäuschung ihr Herz erfahre« hatte.
Sie hatte nichts wehr von Harald gehört. Nicht einmal eine Antwort auf ihren letzten Brief belam sie. Schweigend hatte er sich von ch? getrennt, nicht den gs, ringiten Versuch gemocht, die Derhällniffe zu besiegen — schweigend hatte er sich gefügt. Wenn fte damals den Bruch auch selbst vollzogen und bat Abschiedsbrief on ihn gMriedso, tog» jte a-H jgftfi, SS «afe !
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