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uldaer Zeitung

Nr. 56.

Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Karl Schütte» :: für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. ::

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckeret in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

Montag, L. Märr 1920,

Bezugspreis: Monatlich 1,30 IM. ohne Zustellungsgebühr. :: In Fulda bei uns abgeholt 1,40 2TCt. "

Anzeigenpreis: DieKleinzeile (nachColonelschrist) 50Pfg., dieReklamezeile (Textbreite) 1 Mk.. bei Wiederholung Rabatt.

47. Zahrg.

Kxzbergers Frie-ensresolutton

in neuer politischer Beleuchtung.

Aus Kreisen der Reichstagsfraktion der Zentrums- •dtiei wird der C. P. C. geschrieben:

™ Herr von Bethmann H o l l w e g hat in der

110 der „Allg. Deutsch. Ztg." einen außerordent- Mh bemerkenswerten Artikel über die Friedensmög- Weiten im Frühsommer 1917 veröffentlicht, der da- M geeignet ist, die Aktion Erzbergers — die schließ- gjj 'ja eine Aktion Ider Zentrumspartei und des gan-

Parlaments gewordei^ist — in ein neues Licht zu rücken.

Man hat Erzberger damals den Borwurf gemacht, « habe mit seiner Friedensresolution das Gegen- jr il von dem erreicht, was er bezweckte. Erzbcrger hat stets versichert, daß er mit der Resolution in der Hauptsache zwei Ziele verfolgte und zwar: 1. günstige Voraussetzungen für kommende Friedensverhandlun- «a zu schaffen und 2. eine Plattform zu bilden, von aus die Kriegskredite von der alten Mehrheit be­willigt werden und gleicherzeit das schwer leidende wüsche Volk die Ermunterung zum Durchhalten Hopfen könnte. Die bisherigen Friedensangebote garen von unfern Gegnern auch mit der Begründung abgelehnt worden, daß sie von einer selbstherrlichen Negierung stammten, die in erster Linie militaristische Netgeber hätte. Das deutsche Volk selbst habe zu wenig politische Rechte, um sein Friedensbedürfnis ter Regierung gegenüber durchzufetzen. Erzberger und mit ihm alle diejenigen, welche die Friedensreso­lution förderten, hofften davon, daß eine Kund­gebung der Volksvertretung anders gewertet werden würde. Ob diese Eedankengänge richtig wa­ren, darüber kann man streiten und ist viel gestritten »orten. Der Artikel Bethmann-Hollwegs in der Mg. Deutschen Zeitung bringt darum neues Material fiir'bic Beurteilung der damaligen Lage.

Bethmann-Hollweg hatte, wie er jetzt erklärt, im Frühsommer 1917 die Meinung, daß auch die Entente einem VerständiMngsfrieden, falls sich eine annehm­bare Verhandlungsgrundlage finden würde, nicht ab­geneigt sei. Er beurteilte die Lage vom deutschen Standpunkte aus so, daß er nicht nur die M ö g l i ch - feit sah, zu Verhandlungen zu kommen, sondern auch Jen Zwang für Deutschland erkannte, diese Mög- Lchkeit mtschlosien auszunutzen. Deshalb mußten un­sere Friedensbedingungen sich in Grenzen halten, deren Annahme vernünftigerweise von der Entente erwartet wten durften. Auf dieser Grundlage fand die Be- Wrechung mit dem Nuntius Pacelli statt, von der Bethmann-Hollweg den bestimmten Eindruck hatte, teß der Nuntius seine Erklärungen als ausreichend anfah, den Frieden wesentlich zu fördern.

Es ist also richtig, was schon damals im Frühsom­mer 1917, als die Friedensresolution durch Erzberger angeregt wurde, in politischen Kreisen gesagt wurde, baß auch die Entente einem Verständi- gungsfrieden nicht abgeneigt sei und daß die Möglichkeit vorlag, noch vor dem Winter zu Frie- bensverhandlungen zu kommen. Damals wurde das auf dos lebhafteste bestritten und es fragt sich nun, ist ter schwere Vorwurf, den man gegen Erzberger and die ganze Zentrumsfraktion erhoben und der bis heute noch in alldeutschen Kreisen erhoben wird, be­rechtigt, daß die Friedensresolution die Lage Deutschlands verschlechterte und den Frieden verhindert hat.

Das muß nunmehr nach den Darlegungen von Leihmann-Hollweg entschieden verneint wer­den. Was schädlich gewirkt hat, ist nicht die Friedens­resolution und die in ihr liegende Idee des Verstän- diMngsfriedens, sondern der heftige Kaprps gegen diese Idee. Wäre diese Friedensresoluiian als

Der Arbeit Lohn.

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Das mußte auch Harald ihr Dank wissen und Rück­sicht auf sie nehmen. Nur berührte ihn diese kalte,

"tLksichtslose Energie sehr peinlich und schmerzlich. Seine Mutter war es gewesen, die vor einigen Mona, toi seine Aufmerksamkeit auf Edelgard Lynten gelenkt seine Werbung um Edelgard auf das tatkräftigste unterstützt hatte. Fetzt, wo sich die äußeren Verhält, ^fse geändert hatten, ließ sie das junge Mädchen ebenso rücksichtslos fallen, wie sie früher die Verbindung zwt- schen Harald und Edelgard angestrebt hatte.

Sein vornehmes Gefühl empörte sich dagegen, ten- y? wußte er im voraus, daß seine Mutter in diesem ^mpse der Pflicht und ter Interessen den Sieg davon, tosen würde. Er fühlte, daß er bereits schwankend Nworden war und seiner Mutter keine Gegengründe Mr entgegen zu sehen wußte. Aber er wollte seine Niederlage auch nicht eingestehen und sagte auswei­chend:

£ -v-dj werde an Edelgard schreiben, Mama. Don soll es abhäugen . • •“

-Gut," entgegneet die Baronin. „Ich bin überzeugt, Edelgard wird mit mir völlig übereinstimmen. Du Ms ihr nur die Verhältnisse klar und deutlich — so *le sie nun einmal liegen — auseinandersetzen. Veu- vor allem große Worte und romantische Ge. Mlsergüsse, die nur geeignet sind, die wirkliche Lage iu verwirren und zu verschleiern."

‘ Damit verließ sie festen Schrittes das Zimmer —

*le war sich ihres Sieges wohl bewußt.

1 Harald warf sich verzweifelt in einen Segel und Wwrre finster vor sich hin.

V. 3u einem festen Entschluß vermochte er sich auch noch nicht aufzurafsen — weder nach der einen nach der anderen Seite hin. Sein Herz, seine gM zu Edelgard, die Stimme der Pflicht und des dewlffens wurden unterdrückt durch die gewichtigen Ge. i grünte seiner Mutter; sie wurden eingeschläfert dw Hoffnung auf ein Wohlleben, welches er sich P®“) Eingehen auf die Pläne seiner Mutter verschaffen Er war noch nicht gereift in ter Schule ter und der strengen Pflichterfüllung; er schätzte Aeußerlichkeiten dieses Lebens höher ein, als das . treuer Arbeit und gewissenhafter Pflichterfüllung -Wie Leben fclbtz. . ' •

ruhige geschlossene große Kundgebung des deutschen Volkes herausgekommen und hätte sich nicht an sie eine verwüstende Gegenagitation an­geschlossen, so würde sie die F r i e d e n s rn ö g l i ch - leiten begünstigt haben. Aber gerade her scharfe Kampf gegen diese Friedensresolution, der das deutsche Volk inmitten dieser kritischen Zeit als uneinig erscheinen ließ, mußte bei unseren Gegnern der Eindruck erwecken, daß auf diesem Wege mit Deutschland zu einer Verständigung nicht zu kommen sei. Dazu hat die E n t s ch l u ß l o s i g k e! t D e t h- mann-Hollwegs mit beigetragen. Er hat zwar immer behauptet, daß der Inhalt der Fr-edensreso- lution durchaus in her Richtlinie seiner Pol t k lag, aber dann mußte er auch den Mut und die Entschlos­senheit finden, auf den Boden dieser Resolution zu treten, und sich stark machen, die unbedingt notwendige innerpolitische Reform rücksichtslos durchzuführen. Aber daran fehlte es leider.

Rückblickend muß deshalb zur Vereitelung aller künftiger Verdunkelungsoersuche festgestellt werden, daß die Friedensresolution Erzbergers ter internatio­nalen Kriegslage insofern vollständig gerecht wurde, als die Möglichkeiten zu einer Verständigung unter den Krieg führenden zu kommen, dadurch nur gestärkt und gestützt wur­den. Wenn die Wirkung ausgeblieben ist, so liegt die Schuld in den Kreisen, die von Eroberungssucht erfüllt, die Friedensresolution bekämpften und damit das schwere Schicksal, unter dem unser Land und Volk heute leitet, verschuldet haben.

Die Wirtschaftsnote des Obersten Rates.

Londoner Blätter veröffentlichen einen Auszug aus dem wirtschaftlichen Manifest ter Londoner Konferenz.. Das Manifest beschäftigt sich zuerst mit dem Wechselkurs und fährt dann fort: Die Versuche, die von den Regierun­gen unternommen wurden, den Wechselkurs zu verbessern, können die vollständige Wiederherstellung der Lage nur verzögern. In der Zwischenzeit müßten Mittel gesunden werden, um den Zusammenbruch ter geschäftlichen Ope­rationen zu verhindern. Der Oberste Rat erkenne an, daß die Wiederaufrichtung ter verwüsteten Gebiete Frank­reichs für die emopäische Wiederaufrichtung unbedingt er­forderlich seien. Ferner habe er die besondere Lage Deutschlands ins Auge gefaßt, wo augenblicklich jedes Unternehmen gehemmt sei, und jeder Versuch, Han­delskredite zu erlangen, fehlschlage; und zwar aus dem Grunde, weil seine Verpflichtungen zur Wiedergutmachung noch vollkommen unbekannt seien. Der Oberst« Rat glaube deshalb, es wäre außerortentlich wünschenswert u. liege im Interesse ter all. Länder, wenn im Interesse Deutschlands die gesamte Summe der Wiedergutmachung, die Deutschland nach dem Friedensvertrag zu bezahlen habe, so bald wie möglich festgesetzt werde. Der Oberste Rat glaubt, daß Deutschland in die Lage versetzt werden müsse, die notwendigen Lebensmittel uni) Rohst ofse zu erhalten, und, wenn dies nach ter An­sicht der Wiedergutmachungskommission notwendig sei, müsse es berechtigt sein, eine Anleihe im Auslande aufzunehmen. Ferner müsse jede Regierung sofort die Mittel prüfen, um ihrem Volke die Notwendigkeit zu ver­stehen zu geben, jede übertriebene Ausgabe zu vermeiden und die notwendigen Ausgaben auf das äußerste zu be­schränken. Die Kapitalien für die Wiederauftichtung der verwüsteten GÄete müßten durch Anleihen gefunden werden, als deren Garantien die Wiedeirgutniachungs- fummen, die von Deutschland in Ausfiihrung des Frie­densvertrages zu verlangen seien, gelten müßten. Der Oberste Rat sei ferner entschlossen, im gemeinsamen In­teresse Deutschlands und seiner Gläubiger die Deusschland auferlegten Zahlungsfristen auszudehnen, und er habe beschlossen, von seinen Delegierten bei der Wieder- gutmachungskormnission zu verlangen, daß sie Deutschland von der Verlängerung dieser Fristen in Kenntnis setzen und es fragen, ob es damit einoerstanden sei, wie es dies in deren Briefe vom 16. Juni 1919 ausgesprochen habe, baß sobald wie möglich auf der Grundlage der Zahlungs-

Wenn sich in seinem Innern auch ein starkes Ge. fühl der Beschämung gegen die Zumutung der Untreue ausbäumte so überwucherte doch die Furcht vor der Not der Armut und der harten Arbeit dieses Gefühl und' erstickte die Stimme ter Pflicht und ter Liebe in feinem Herzen.

So wie er zu handeln im Begriff stand, würden tausende seiner Standesgenosfen handeln und die Welt würde das ganz korrekt und gerechtfertigt finden.

Fa, die Welt! Wenn die Welt nicht toärel Sie würde' kopfschüttelnd über ihn das Urteil sprechen und spöttisch lächeln über den Schwärmer, der die Pflicht und Ehre höher stellte, als das Ansehen der West, als den schönen äußeren Schein.

Eine ingrimmige Wut packte ihn, daß er mit den Zahnen knirschte wie ein gefesseltes Tier.

Sollte er nicht lieber diese ganze erbärmliche Welt hinter sich lassen und nur seiner Pflicht und Ehre,, sei­ner Liebe und seinem Glück, seiner Arbeit und seinem Streben leben? War dieser tote Steinhaufen, den man Schloß Fredersdorfs nannte, mit seinem verstaubten Plunder vergangener Jahrhunderte, mit seinem hohlen Glanz der modernen Zeit, an dem doch schon der Ver­fall nagte — waren diese Felder, über die jetzt ter Herbststurm dahinsauste — diese halbzerstörten Wal. ter — diese baufälligen Scheunen und Ställe — war all dieses es wert, daß das Glück zweier Menschen darum geopfert wurde?

Sollte er nicht vielmehr diesem gespenstischen Zau­berbann den das alte Gemäuer um fein Leben wob, entfliehen um gemeinsam mit ter Geliebten ein neues freies Leben ter Arbeit und des stillen Glücks irgend­wo in einem Winkel der WM zu beginnen?

Mochten doch dann seine Mutter und seine Schwe­stern das aste Gemäuer, die öden Felder und verwüste, ten Walder behalten und sich immer tiefer in den Zauberbann einer abgelebten Zeit hineinwühlen l Er war dann wenigstens ein freier Mann geworden, der sich sein Schicksal selbst zimmerte und aufbaute.

Erregt von diesem Gedanken sprang er empor und seine Augen blitzten, wie zur entschlossenen Tat, Da klopfte es an die Tür.

\ Der Diener trat ein imb -überreichte Harald einen Brief.

»Er ist soeben von einem Boten gebracht worden, Herr Rittmeister," meldete ter Diener und zog sich wie. der zurück.

Mrald crtaink .SAHtzügß Sbäs* *ä6»,

möglichkeit die Gesamtsumme festgesetzt werde, die Deusschstmd als Entschädigung zu beydjlen habe.

Frankreich hat es, wie sich schon aus den am Samstag mitgeteilten Meldungen ergab, durchgesetzt, daß die geplante internationale Finanzoperation unter die Kontrolle der Wiedergutrnachungskommisiion ge­stellt wird. Diese Kommission erhält den Auftrag, dafür zu sorgen, daß von dem Ertrag der Deutschland zu gewährenden Ausländsanleihe eine bestimmte Summe entsprechend der Deutschland im Friedensver­trag auferlegten Verpflichtung zum Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Gebiete vorbehalten wird. Andererseits ist jedoch Frankreich damit einverstanden, daß die Deutschland im Friedensvertrag auferlegten Zahlungsfristen verlängert werden und daß dem von der deutschen Regierung am 16. Juni 1919 gemachten Vorschlag die Festsetzung einer Pauschalsumme für diese Entschädigung entsprochen werden soll. Aus die­sen Mitteilungen muß man den Schluß ziehen, daß die Londoner Verhandlungen in den allernächsten Ta­gen zur Genehmigung einer deutschen Auslandsanleche führen werden, deren Bedingungen jedoch erst von der Wiedergutmachungskommission festzusetzen sind. Diese Kommission wird sich zunächst mit Deutschland über dessen Zahlungsfähigkeit verständigen.

Der Revisionsgedanke.

Aussehen erregt in politischen Kreisen Englands der Schritt, den die englische Arbeiterpartei behufs Abänderung des Bölkerb undsstatuts und der Friedensbedingungen unternommen hat. Unter der Führung des bekannten früheren englischen Arbeits­ministers Barnes, dessen Rücktritt s. Z. großes Auf- sehen erregte, begab sich vor einigen Tagen eine Ab­ordnung der Labour pariy zu dem Vorsitzenden des Völkerbundsrates Drummond, um ihm einige grund­sätzliche Forderungen der Partei zu unterbreiten. Barnes sprach sich dafür aus, daß alle Nationen dem Völkerbund angehören müßten und es ein ebenso törichtes wie gefährliches Unterfangen wäre, Deutschland auf längere Zeit den Beitritt zu verwehren, und den Friedensvertrag ohne Abänderung durchzusuh'. en. Eine weitere Forderung der Arbeiter sei auch die Ein- schränkung der Rüstungen Drummond betonte in feiner Erwiderung, daß er den Forderungen der Arbeiterpartei nicht ablehnend gegenüberstände. Er erblickt den einzigen Weg zur Erreichung der Revision des Friedensvertrages in einem parlamentarischen Druce auf die Regierung.

fionffanfincprf von den Engländern besetzt.

Laut »Daily Telegraph" hat hie englische Regierung angesichts der ernsten Lage beschlossen, Kon st a n t i - nopel durch britische Land- und Seestreitkraste be­setzen zu lassen und die französische und italienische Re­gierung aufgefordert, daran tellzunehmen. Streitkräfte feien hinreichend vorhanden.

Die Besetzung Konstantinopels durch englijche Streitkräste ist durch die Entsendung starker Flottenein­heiten von Malta aus schon vor mehreren Wochen vor­bereitet worden. Sie hängt zusammen mit der bevor­stehenden Bekanntgabe der der Türkei anszuerlegenden Friedensbedinggungen. Alles, was darü- ber in jüngster Zeit bekannt geworden ist, namentlich die Angabe, daß die Türkei aus einem Staat von zwanzig Millionen Einwohnern zu einem solchen von fünf Millionen herabgcdrückt werden soll, hat natürlich eine höchst erregte Stimmung geschaffen. Das Aufflammen des türkischen Rationalismus hat jetzt den Gipfel er­reicht. Die Regierung ist außerstande, dieser Macht ent­gegenzutreten, zurückgetreten, und man hat noch nichts davon gehört, daß eine neu eKabinettsbildung gelungen wäre. Es herrscht tatsächlik in Konstantinopel eine höchst kritische Lage. Aber es ist nicht abzusehen, wie das türkische Problem, das so lebhafte Gegensätze unter den Ententemächten erweckt hat, nun mit militärischer Hand einer befriedigenden Lösung nähergebracht werden könnte.

Hastig öffnete er ten Brief und las: ■

Mein Freund!

Seit drei Tagen habe ich Dich erwartet. Du bist nicht gekommen und ich weiß, was dieses Nichlkommeu zu bedeuten hat.

In diesen drei Tagen habe ich tes Lebens Wirk­lichkeit, des Lebens wahres Wesen kennen gelernt. Wir waren beite törichte Kinder, wenn wir von einem Glück und von einet Liebe schwärmten, die losgelöst von den wirklichen Verhältnissen dieses Lebens lein soll­ten. Ein derartiges Glück, eine derartige Liebe gibt es nicht. Glück und Liebe wollen erworben, erarbeitet fein.

Ich zürne Dir nicht, daß Du Dich zu dieser Arbel, nicht stark genug fühlst.' Ich sah es voraus, baß eS so kommen würde, deshalb meine ständige Angst, meine geheime Qual.' Nun ist alles vorüber — ich bin ruhig geworden, wie auch mein armer Vater, ter Schwereres zu tragen hat als ich Wir sehen dem Leben, dem Kamps, ter Arbeit mit klaren, festen Blicken entgegen.

Um Dich aber von dem Kampf, ten Deine Liebe zu mir mit der Macht ter Verhältnisse kämpfen wird, zu befreien, nm Dir den anderen Kampf mit dem Leben selbst zu erleichtern — gebe ich Dir hiermit Dein Wort zurück, wie ich das meine zurücknehme. Wir wollen ohne tränenreiche Sentimentalität voneinander scheiten, wir wollen uns auch nicht Wiedersehen — denn dadurch würden wir uns den Abschied nur erschweren.

Ich träumte Wohl einst davon, gemeinsam mit Dir den Kampf um Siebe und Glück zu kämpfen, — doch es war eben nur ein Traum, ter vor der Wirklichkeit zerstiebt. Wärest Du zu mir gekommen, hättest Du Dich an meine Seite gestellt: ich wäre mit Dir ge­gangen, wohin Du mich geführt. Aber Du bist nicht gekommen — ich weiß, Du konntest nicht anders han­deln. Deshalb zürne ich Dir nicht, deshalb laß Uns in Frieden scheiden.

Lebe wohl, Harald! Sorge Dich nicht um mich —• ich finde meinen Weg. Lebe wohl!

Edelgard Lyndeu."

Der Brief zitierte in Haralds Hand' und eine heiße Blutwelle stieg ihm in Wangen und Stirn empor.

So durften sie nicht von einander gehen! So nicht — ohne ein Wort der Erklärung, ohne ein Wort der Liebe, ohne ein Wort der Treue, daß sie sich später wieder finden wollten, wenn die' Verhältnisse sich M-

.! sadLch -'s” Morts, folgte ;

Das Wirtschaftsleben.

* Tie Leipziger Messe ist am Freitag zu Ende gegangen. Die Messe war ein beispielloser Erfolg.

* Geplante Sozialisierung der Eisenindustrie, Der Wirtschaftsrat beim Reichswirtschaftsministerium steht auf dem Standpunkt, daß eine durchgreifende Regelung der eisenschaffenden Industrien auf gemein- wirtschaftlicher Grundlage nötig ist. Er beschloß einstimmig, vorzuschlagen, daß der vorliegende Ent­wurf zur Bildung eines Selbstverwaltungskörpers unter paritätischer Beteiligung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern unter Berücksichtigung der ^Ver­braucher des Handels an die gesetzgebenden Körper­schaften weiterzuleiten ist.

♦ Der Schiedsspruch im Bankgewerbe. Die Bank­angestellten in Berlin haben sich in einer Vertrauens- mänuerversammlung gegen den Schiedsspruch erklärt.

* In Königsberg wurden sämtliche 60 abge­schlossenen Lohntarife zum 1. April gekündigt. Die Arbeiter fordern eine hundertprozentige Lohnerhöhung, womit die Löhne teilweise das Achtfache der Friedens- löhne erreichen.

Milderung der Notlage

der Kriegshinterbliebenen.

Bei der anhaltenden Preissteigerung auf allen Ge­bieten sind die Renten der Kriegswitwen- und -Waisen vollkommen unzulänglich geworden, um der Not in zahllosen Familien zu steuern. Die Reichsregierung hat sich daher entschlossen, weitere Mittel zur Besserung der Lage der Kriegshinterbliebenen zur Verfügung zu stel­len. Für den "Nachtragshaushalt werden weitere 3 0 0 Millionen Mark angefordert zur Gewährung einmaliger Beihilfen an versorgungsberLchtigte MWärperfomn und deren Hinterbliebene. Die Beihil­fen sollen, da bei der zunehmeOen Teuerung Beschleu­nigung der Auszahlung dringend geboten ist, in, der Form allgemeiner Teuerungszuschläge ohne Prüfung her Behürftigkest gewährt werben. Sie sollen späte­stens am 1. April b. I. in Höhe des hoppelten Monats­betrages ausgezahlt werten. Die Hinterbliebenen wer­den auf diese Weise Beihilfen erhalten, die nach dem Dienstgrad her Gefallenen und den früheren Einkom­mensverhältnissen der Familie für die Witwe zwischen 115 Mark und 302 Mark betragen werben. Für Wai­sen wirb die Beihilfe durchschnittlich 50 Mark, für El­tern 50—60 Mark betragen. I mBeginn des Winters den bereits von der Reichsregierung 100 Millionen Mk. für laufende Beihilfen als Zuschüsse zu den Versor­gungsgebühren zur Verfügung gestellt. Diese Mittel haben nicht ausgereicht, um den Bedürfnissen zu genü­gen. Es sind deshalb i mRachtragshaushalt rüf 1919 weitere 50 Millionen für diesen Zweck angefordert. Das in Vorbereitung begriffene Militärversorgungsgesetz wird eine Erhöhung der Renten namentlich für die erwerbs­unfähigen Witwen und die Witwen mit Kindern in Vor­schlag bringen.

Die neuen Getreide- und Kartoffelpreise.

Der Ausschuß der Nationalversammlung für Volks­wirtschaft beschäftigte sich in feinen letzten Sitzungen mit der neuen Preisordnung für landwirtschaftliche Erzeug­nisse aus der Ernte 1920.

Der Preis für hie Tonne Weizen (Mindestpreis) soll bekanntlich nach der Regierungsvorlage auf 1100 <M. pro Tonne gebracht werden, Roggen auf 1000 <M. und Kartoffeln auf 500 M pro Tonne. Dom Zentrum tag her Antrag vor, zunächst hie Sätze her Regierungsvor­lage zu belassen, hie endgültige Preisfestsetzung bei Be­ginn der Ernte vorzunehmen und habet tue bis dahin entstehenden Produktionskosten zu berücksichtigen. Der Reichswirtschaftsminister erklärte, die Preisberechnung her Regierung fei im Benehmen mit Sachverständigen der Landwirtschaft erfolgt. Konjunkturpreise würden auch für die Landwirtschaft ruinös wirken, indem sie eine Bobenpreissteigerung bewirkten, burch die dann bei Wiedereintritt normaler Verhältnisse die Landwirte in eine üble Lage kämen. Ohne bis Zwangswirtschaft sei nicht auszukommen unb ihre Beseitigung könnte unab­sehbare Folgen haben. Die Regierung müsse die Ver­antwortung für die Aufhebung der Zwangswirtschaft ablehnen. Mit Hilfe sehr teurer ausländischer Lebens­rnittel werde es möglich sein, die jetzige Brotration bis zur neuen Ernte aufrecht zu erhalten. In der Abstimmung wurde der Zentrumsantrag mit gro­ßer Mehrheit angenommen. Die dadurch etwas geän­derte Borlage wurde in der Gesamtabstimmung gegen die 4 Stimmen her Deutschnationalen und bes Unab­hängigen angenommen.

Zusammenstoß ml tsranzösischen Offizieren.

Zu einem schweren Zusammenstoß kam es in Berlin in ter Nacht zum Sonntag im Hotel Adlon zwischen dem Prinzen Joachim Albrecht von Preu, ßeu. einem Sohne tes verstorbenen Prinzen Albrecht, und anderen deutschen Gästen mit drei Mitgliedern der französischen Militärrnifsion^ Als die Kapelle „Deutschland, Deutschland über alles" spielte, erhoben sich die deutschen Gäste, wahrend die Franzosen sitzen blieben. Ter Prinz, der' bereits einige Flaschen Wein getrunken hatte, forderte die frcmzösi- schen Herren zum Aufstehen auf. Als dieser Airff ar. terung keine Folge geleistet tourte, warfen der Prinz und andere Gäste Blumenvasen, Gläser und andere Gegenstände nach den Franzosen. Es entstaub eine allgemeine Prügelei, in deren Verlauf ein Graf Metternich den Deiüschen zurief: „Meine Her. ren, beruhigen Sie sich, die französischen Offiziere bür. fen nach ihrem Reglement nicht cuffteten!" Als aber der Prinz von ten Franzoien nicht ablietz, rief Graf Metternich erneut: „Schämen Sie sich. Sie wollen ein Prinz fein? Sie und Ihre Familie waren das Unglück für Deutschland I" Ms Prinz Joachim Albrecht mit einem Kerzenhalter auf die Franzosen einbringen- wollte wurde er von Kellnern umringt und aus dem' Saale geführt Die sranzösischen Offiziere die Zivil trugen, haben Quetschungen und leichte Schnittwun­den davongetragen. In ter Hotelhalle suchte bann ter Prinz noch eine Ansprache an die deutschen Gäste zu halten, wobei er ter Hoffnung Ausdruck gab daß man die Franzosen bald aus dem Hetzel herans haben werte.

Vriuz Joachim Albrecht bestreitet tem WTD. ge. genüber, daß er in der gemeldeten Weise an dem ge­schilderten Vorfall beteiligt gewesen sei. Er habe in Gesellschaft anderer Persönlichkeiten in einer Ecke ge. festen und den Verlauf des Zwischenfalle? nicht einmal verfolg« können, weil Mschen fgincsi TM und bte;